Pakete von der Volksgemeinschaft

In Erfurt domi­nieren Neo­nazis ganze Stadt­teile. Ein Sozi­al­ar­beiter, der das nicht hinnahm, wurde schi­ka­niert, bis er psy­chisch erkrankte, und schließlich ent­lassen

Schul­so­zi­al­ar­beiter und dem freien Träger der Jugend­hilfe »Per­spektiv e. V.«. Der Sozi­al­ar­beiter, dessen Name der Redaktion bekannt ist, war nach einer län­geren Krank­schreibung ent­lassen worden. Zuvor hatte er sich dezi­diert für Jugend­liche ein­ge­setzt, die von Rechts­ex­tremen gemobbt wurden. Ihn selbst haben Neo­nazis mit einem Gas­spray ange­griffen. Kunst­in­stal­la­tionen, die er gemeinsam mit Jugend­lichen erstellt hatte, haben die Rechts­ex­tremen zer­stört.

Über diese Vor­fälle infor­mierte der Sozi­al­ar­beiter regel­mäßig seinen Arbeit­geber, den Verein »Per­spektiv«. Doch von dem fühlte er sich nicht unter­stützt. Ihm sei zu ver­stehen gegeben worden, dass er selbst schuld sei, wenn er von Nazis ange­griffen werde. Nun will er gemeinsam mit der Basis­ge­werk­schaft »Freie Arbei­te­rinnen- und Arbei­ter­union« (FAU) erreichen, dass seine längere Erkrankung als Berufs­krankheit aner­kannt wird. Er reichte Klage gegen seine Kran­ken­kasse ein, nachdem diese seine For­derung abge­lehnt hatte. Für Kon­stantin Behrens von der FAU in Jena ist der Ausgang der Klage nicht nur für den Ein­zelfall von Bedeutung. »In sozialen Berufen ist die Belastung zumeist nicht kör­per­licher, sondern psy­chi­scher und emo­tio­naler Natur. Diese Belastung führt zu psy­chi­schen Krank­heiten, die als solche aber oft nicht aner­kannt, sondern belä­chelt werden«, sagte Behrens der Jungle World. Mit den Folgen würden die Sozi­al­ar­beiter allein gelassen. »Per­spektiv e. V.« äußerte sich trotz mehr­ma­liger Nach­frage bis zum Redak­ti­ons­schluss dieser Ausgabe zu den Vor­würfen nicht.

Die zivil­ge­sell­schaft­lichen Initia­tiven »Mobile Beratung in Thü­ringen« (Mobit) und »Mobile Beratung für Opfer rechter, ras­sis­ti­scher und anti­se­mi­ti­scher Gewalt« (Ezra) haben sich mit den zahl­reichen rechts­ex­tremen Angriffen an der Erfurter »Gemein­schafts­schule am Großen Her­renberg« (GEM4) aus­ein­an­der­ge­setzt, an der der gekün­digte Sozi­al­ar­beiter tätig war. »Die Betrof­fenen beschreiben den Alltag an der GEM4 als einen ras­sis­ti­schen ›Nor­mal­zu­stand‹: Beschimp­fungen, neo­na­zis­tische Parolen und Schmie­re­reien oder tät­liche Angriffe (zum Bei­spiel Her­un­ter­reißen des Kopf­tuchs oder Tritte und Schläge)«, heißt es in einem von Ezra und Mobit ver­fassten Dossier, das der Jungle World vor­liegt. Darin wird die neo­na­zis­tische »Volks­ge­mein­schaft Erfurt e. V.«, die im Stadtteil Her­renberg ansässig ist, als ein Urheber der Angriffe benannt. Ihre Gründer stammen aus Kame­rad­schaften und hatten teil­weise Funk­tionen in der NPD und der Partei »Die Rechte« inne.

Auf der Website des im August 2015 gegrün­deten Vereins werden »Frei­zeit­ak­ti­vi­täten für Jung und Alt« ange­boten. Das Angebot reicht vom Dart­au­to­maten über den Fit­nessraum bis zum Paketshop. »Sollte Ihr GLS-Bote Sie nicht zu Hause antreffen, können Sie Ihr Paket in unserem Objekt der Volks­ge­mein­schaft abholen«, heißt es auf der Website. Das erklärte Ziel, eine rechte Dominanz im Stadtteil durch­zu­setzen, scheint erreicht. Jugend­liche werden in ihrer ras­sis­ti­schen Ein­stellung bestätigt und mit Auf­klebern ver­sorgt, die sie an Schulen und in Jugend­ein­rich­tungen anbringen. Men­schen, die nicht in ihr Weltbild passen, werden gemobbt, gede­mütigt und kör­perlich ange­griffen. »Einige der Rädels­führer der rechten Gewalt haben bestätigt, dass sie regel­mäßig zu den Treffen der ›Volks­ge­mein­schaft‹ gehen«, berichtete der gekün­digte Sozi­al­ar­beiter gegenüber der Jungle World. Zudem hat die »Volks­ge­mein­schaft« ihn in einem Brief heftig ange­griffen. Er sieht in der man­gelnden Unter­stützung durch seinen ehe­ma­ligen Arbeit­geber ein Signal gegen Beschäf­tigte, die sich in ihrer Arbeit ent­schieden gegen Rechts­ex­tre­mismus wenden. Nach dem Ende seines arbeits­recht­lichen Kon­flikts will er sich in der FAU enga­gieren. Dem­nächst ist dort ein Ver­net­zungs­treffen kri­ti­scher Sozi­al­ar­bei­te­rinnen und Sozi­al­ar­beiter geplant. »Wenn sich mehr Kol­legen ähnlich äußern, könnte das zu einer Änderung der Arbeits­be­din­gungen und Arbeits­in­halte der sozialen Arbeit führen«, hofft der FAU-Sprecher Behrens.

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Peter Nowak