Ein Ort des Schreckens

NS-GESCHICHTE Aus­stellung in der Charité zeigt die Arbeit im Kran­ken­revier des KZ Ravens­brück

Jeder Mensch denkt bei dem Wort ‚Kran­ken­revier‘ an lange, stille Gänge, weiße Betten, tüchtige Schwestern. Für die Häft­linge des KZ Ravens­brück war das Revier wie jeder Winkel des Lagers ein Ort der Angst und des Schre­ckens“, schrieb die lang­jährige poli­tische Gefangene Erika Buchmann in dem Stan­dardwerk „Die Frauen von Ravens­brück“. 120.000 Frauen aus 30 Ländern waren zur Zeit des Natio­nal­so­zia­lismus von der SS in das 80 Kilo­meter nördlich von Berlin gelegene Kon­zen­tra­ti­ons­lager gepfercht worden. Einer kleinen Aus­stellung über die Arbeit im Kran­ken­revier des KZ Ravens­brück, die im Campus der Charité gezeigt wird, gelingt es, etwas von dem Schrecken zu vermitteln.,Zahlreiche Fotos, Zeich­nungen und Schrift­zeug­nisse ehe­ma­liger Revier­ar­bei­te­rinnen und ihrer Pati­en­tinnen geben einen Ein­druck von den Ängsten der Häft­linge, aber auch der Soli­da­rität unter ihnen. „Zunächst wurden im Kran­ken­revier haupt­sächlich die Folgen von Arbeits­un­fällen und iss­hand­lungen not­dürftig behandelt. Mit der zuneh­menden Über­füllung nach Kriegs­beginn breiten sich Seuchen und andere Krank­heiten aus, für deren Behandlung die SS nie aus­rei­chend Medi­ka­mente zur Ver­fügung stellte“, schreibt die His­to­ri­kerin Christl Wickert, die die Aus­stellung zusammen mit Ramona Saa­vedra Santis kura­tierte. Auf einem Foto ist der ent­stellte Fuß einer Frau zu sehen, der von SS-Ärz­tInnen Krank­heits­keime inji­ziert wurden. Viele Gefangene über­leb­ten­solche Ver­suche nicht oder trugen lebens­lange gesund­heit­liche Schäden davon­Mehrere Tafeln widmen sich der juris­ti­schen Auf­ar­beitung dieser medi­zi­ni­schen Ver­brechen nach dem Krieg. Auch medi­zi­nische Hel­fe­rinnen unter den Häft­lingen wurden beschuldigt, der SS geholfen zu haben. „Es waren alles Spritzen zu Heil­zwecken“, recht­fer­tigte sich die Schwei­zerin Anne Spoerry 1949, als man ihr vorwarf, sie sei durch ihre Tätigkeit für den Tod von Häft­lingen mit­ver­ant­wortlich. Die Aus­stellung ist Teil des

Pro­jekts „Wis­sen­schaft in Ver­ant­wortung – GeDenkOrt Charité“ und leistet damit auch ei-nen Beitrag zur eschichts­auf­ar­beitung. „Auch Ärzte der Ber­liner Uni­ver­si­täts­me­dizin waren in der Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­musan Medi­zin­ver­brechen im Kon­zen­tra­ti­ons­lager Ravens­brück beteiligt“, heißt es seitens der Charité. Die Schau ist als Wan­der­aus­stellung kon­zi­piert und kann ver­liehen werden.

Peter Nowak

Taz vom 3.8.2016
■■Die Aus­stellung „… unmöglich, diesen Schrecken auf­zu­halten“ ist bis 31. August im Charité-CrossOver, Campus Charité Mitte, Cha­rité­platz 1 zu sehen. Mo.–Fr. 7–20 Uhr, Ein­tritt frei


Den Opfern ein Gesicht

Die Pla­nungen für einen Gedenkort an die Eutha­na­sie­morde in der NS-Zeit treten in eine neue Etappe

Am Sonntag konnten Besucher das letzte Mal die Ent­würfe für ein Denkmal für die soge­nannten T 4‑Morde in der Ber­liner Topo­graphie des Terrors besich­tigen. Nächstes Jahr sollen die Bau­ar­beiten beginnen. Betrof­fe­nen­or­ga­ni­sa­tionen kri­ti­sieren das Vor­haben als »Pro-Forma-Gedenken zum Bil­lig­tarif«.

»Ich vergehe vor Not, muss ich Euch schreiben. Jetzt, wo meine Männer fort sind, muss ich hier sitzen und kann nichts tun«. Diese Zeilen schrieb ein Schuh­ma­cher­meister am 3. Sep­tember 1939 aus der PsyP­sych­ia­trie­an­stalt Gra­feneck an seine Ange­hö­rigen. Er war von den natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Behörden als geis­tes­krank ver­haftet worden und hat die Anstalt nicht mehr lebend ver­lassen. Wie er sind viele Pati­enten im Natio­nal­so­zia­lismus ermordet worden. Für sie soll nach einem Beschluss des Deut­schen Bun­des­tages vom November 2011 ein Gedenk- und Erin­ne­rungsort geschaffen werden. Noch bis zum 16. Dezember können die Ent­würfe für den geplanten Gedenk- und Infor­ma­ti­onsort Tier­gar­ten­straße 4 in einer Son­der­aus­stellung in Ber­liner Topo­graphie des Terrors begut­achtet werden.
Ein großer Teil der Ent­würfe befasst sich mit der im Krieg zer­störten Villa in der Tier­gar­ten­straße 4, in der die Mord­aktion geplant wurde. Sie wird auchT4-Morde genannt. Dass sich der Begriff durch­setzte, ist auch ein Erfolg von Betrof­fe­nen­gruppen, die sich seit langem gegen den ver­harm­lo­senden Begriff Eutha­na­sie­morde wehrten. Denn Eutha­nasie heißt wörtlich über­setzt „schöner Tod“. Dabei wurden die als geis­tes­krank stig­ma­ti­sierten Men­schen grausam ermordet, vergast, ver­giftet oder erhängt. In ver­schie­denen aus­ge­stellten Erin­ne­rungs­mo­dellen sollen neben dem Täterort, die Opfer ein Gesicht bekommen. So steht beim als Sie­ger­entwurf prä­mierten Modell eine blaue, halb­durch­sichtige Spie­gelwand im Mit­tel­punkt. Damit greifen die Preis­träger Ele­mente des Ander­nacher Spie­gel­con­tainers auf, der von dem Künstler Paul Patze gemeinsam mit Schülern 1996 ent­worfen wurde und an Opfer der T4-Morde erinnern, die nach einem Zwi­schen­auf­enthalt in Andernach in Hadamar vergast wurden. Eine Gedenk­platte, die bereits am Täterort ein­ge­lassen ist, soll in das mit dem ersten Preis prä­mierten Modell inte­griert werden. Dort heißt es schlicht aber aus­sa­ge­kräftig: „Die Zahl der Opfer ist groß, gering die Zahl der ver­ur­teilten Täter“. Tat­sächlich sind in beiden Teilen Deutsch­lands nicht nur die meisten an den T4-Morden betei­ligten Ärzte sowie das Kli­nik­per­sonal nicht bestraft worden. Viele haben ihre Kar­riere oft bruchlos fort­ge­setzt.
Ent­würfe, die solche Zusam­men­hänge deut­licher the­ma­ti­sierten und auch an die Dis­kri­mi­nierung von Psych­ia­trie­pa­ti­enten bis in die Gegenwart ansprechen, kamen nicht in die engere Auswahl. So sollen in einem Modell 6 Stelen aus dem Holo­caust-Denkmal ver­wendet werden, um an die 6 Orte zu erinnern, an denen die T4-Morde in Deutschland durch­ge­führt werden. Damit würde auch der von His­to­rikern nach­ge­wiesene Zusam­menhang zwi­schen der Ver­nichtung der als geis­tes­krank erklärten Men­schen und der Shoah her­ge­stellt. Auch Rene Talbot von der Gruppe Irren­of­fensive erinnert daran, dass viele der in die T4-Mord­ak­tionen invol­vierten Täter auch an der Ver­nichtung der euro­päi­schen Juden beteiligt waren. Ver­bände der Psych­ia­trie­er­fah­renen kri­ti­sieren die aktuelle Denk­mal­aus­lobung als „Pro­forma-Gedenken zum Bil­lig­tarif“. Damit monierten sie die begrenzten finan­zi­ellen Mittel und den engen vor­ge­ge­benen Rahmen für den Erin­ne­rungsort, der auch von einigen an der Aus­stellung betei­ligten Künstler in den Begleit­texten kri­tisch ange­sprochen wird. 500000 Euro stellte der Beauf­tragte der Bun­des­re­gierung für Kultur und Medien für den Gedenkort zur Ver­fügung. Mit dem Bau soll im nächsten Jahr begonnen werden.
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Peter Nowak

Bedroht in Hoyerswerda

Antifa-Gruppen fordern Gedenkort und Ent­schä­digung für Nazi­opfer von 1991
Am Wochenende wollen Antifa-Gruppen in Hoyers­werda an die ras­sis­ti­schen Aus­schrei­tungen von 1991 erinnern. Diese bil­deten den Auftakt einer Serie von Angriffen auf Aus­länder in Deutschland nach der Ver­ei­nigung.

Der Jah­restag der ras­sis­ti­schen Aus­schrei­tungen in Rostock hat vor einigen Wochen für große Akti­vi­täten gesorgt, nicht nur seitens der anti­fa­schis­ti­schen Bewegung, sondern auch der offi­zi­ellen Politik. Wenn für Sonn­abend zwei linke Bünd­nisse zu einer Demons­tration nach Hoyers­werda mobi­li­sieren, wird die Teil­neh­merzahl hin­gegen wohl im drei­stel­ligen Bereich bleiben. Dabei war die säch­sische Stadt der erste Ort in Deutschland, wo nach der Ver­ei­nigung Gewalt gegen Aus­länder eska­lierte. Unter dem Beifall Hun­derter Schau­lus­tiger griffen Neo­nazis im Sep­tember 1991 ein Wohnheim von Ver­trags­ar­beitern aus Vietnam und Mosam­bique an. Die Opfer wurden schließlich unter Poli­zei­be­gleitung in Bussen aus der Stadt gebracht.

Aller­dings nicht in Sicherheit. »Viele mussten die Nacht in den Bussen ver­bringen und sind sofort abge­schoben worden«, erinnert sich Mathias Buchner an die unwürdige Behandlung der Opfer rechter Gewalt. Er ist Sprecher des Bünd­nisses »Pogrom 91«, in dem sich linke Akti­visten aus der Region zusam­men­ge­schlossen haben. Den Begriff ras­sis­ti­sches Pogrom haben sie bewusst gewählt, weil bei den Angriffen Tote bewusst in Kauf genommen worden seien, begründet Buchner die Wortwahl, die in Hoyers­werda nicht nur beim CDU-Bür­ger­meister, sondern auch bei Stadt­räten der LINKEN auf Ablehnung stieß. Die Demons­tration am Sonn­abend wird aller­dings von LINKE-Poli­tikern unter­stützt, dar­unter die anti­fa­schis­tische Spre­cherin der Land­tags­fraktion, Kerstin Köditz und die Bun­des­tags­ab­ge­ordnete Ulla Jelpke.

Auch die Links­jugend Solid mobi­li­siert zur Demo und ver­suchte Unter­stützung in Hoyers­werda zu finden. Dabei wurden Solid-Akti­visten an ihrem Info­stand auf dem Markt­platz von Neo­nazis bedroht. Anschließend ver­sam­melten sich die Rechten vor dem Büro der Partei, wo die Jugend­or­ga­ni­sation eine Ver­an­staltung geplant hatte. Auf Anraten der Polizei musste sie vor­zeitig abge­brochen werden, was nach Augen­zeu­gen­be­richten von der mit Reichs­kriegs­flagge auf­mar­schierten Neo­na­zi­gruppe mit Applaus und den Rufen »Hoyers­werda bleibt braun« quit­tiert wurde. Bereits im ver­gan­genen Jahr waren Opfer der Aus­schrei­tungen von 1991, die zum 20. Jah­restag nach Hoyers­werda gekommen waren, von Neo­nazis erneut ange­griffen worden. Dies sei auch ein Grund gewesen, in diesem Jahr wieder bun­desweit nach Hoyers­werda zu mobi­li­sieren, erklärt Martin Peters vom Bündnis »Ras­sismus tötet« gegenüber »nd«.

Die Initia­tiven fordern einen ange­mes­senen Gedenkort und eine Ent­schä­digung der Opfer. Die Stele, die im ver­gan­genen Jahr auf­ge­stellt wurde, erfüllt diesen Anspruch nicht. Sie spricht ganz all­gemein von »extre­mis­ti­schen Aus­schrei­tungen«. »Von Ras­sismus ist dort ebenso wenig die Rede, wie von der Unter­stützung durch große Teile der Bevöl­kerung«, kri­ti­sieren die Anti­fa­gruppen. Eine Woche nach der Demons­tration wird es im Rahmen der Inter­kul­tu­rellen Woche in der Kul­tur­fabrik Hoyers­werda eine Ver­an­staltung mit den Her­aus­gebern der Antho­logie »Kaltland« geben, die das ras­sis­tische Pogrom the­ma­ti­siert.

Demo, 22. Sep­tember, 14 Uhr, Bahnhof Hoyers­werda

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Peter Nowak

Missbraucht, schwanger – und als »asozial« stigmatisiert

ERIN­NERUNG Bündnis fordert Gedenken an Nazi­opfer, die in Rum­melsburg inhaf­tiert waren

Viel ist über das Leben von Erna K. nicht bekannt. Die aus armen Ver­hält­nissen stam­mende Frau arbeitete als Haus­halts­hilfe und wurde während der Nazi­herr­schaft im Alter von 17 Jahren von ihrem Arbeit­geber miss­braucht. Sie wurde schwanger und war als »asozial« stig­ma­ti­siert zwi­schen 1941 und 1944 im Arbeitshaus Rum­melsburg inhaf­tiert. 1944 wurde sie zwangs­ste­ri­li­siert.

Aktion der Gestapo

Die His­to­ri­kerin Susanne Doetz stieß bei ihren For­schungen zur Geschichte der Zwangs­ste­ri­li­sierung auf die Daten von Erna K. Die junge Frau war eine von Tau­senden, die im Arbeitshaus Rum­melsburg litten, weil sie als »asozial« galten. Am 13. Juni 1938 ver­haftete die Gestapo im Rahmen der »Aktion Arbeits­scheu« tau­sende Men­schen, die sich nicht in die NS-Volks­ge­mein­schaft ein­fügen konnten oder wollten.

Am ver­gan­genen Samstag orga­ni­sierte der »AK Mar­gi­na­li­sierte gestern und heute« vor dem ehe­ma­ligen Rum­mels­burger Arbeitshaus eine Geden­kaktion, auf der auch die His­to­ri­kerin Susanne Doetz sprach. Auf Trans­pa­renten, die an dem Gebäude befestigt waren, wurden außerdem aktuelle For­de­rungen for­mu­liert: »Arbeits­häuser Rum­melsburg – für einen wür­digen Gedenkort«, hieß es dort.

Dieses Anliegen ist dem Bündnis sehr dringlich – denn das Rum­mels­burger Areal ist zum Filet­stück der Immo­bi­li­en­branche geworden. Zudem fürchtet die Initiative, dass sich die vom Bezirk Lich­tenberg ernannte Exper­ten­kom­mission, die ein Konzept für einen Gedenkort erar­beiten sollen, vor allem auf die DDR-Zeit kon­zen­triert, in der das ehe­malige Arbeitshaus als Gefängnis diente. Der His­to­riker Thomas Irmer, der sich seit Jahren mit der Geschichte der Ber­liner Arbeits­häuser befasst, bekräf­tigte vor Ort die For­derung der Initiative. »Hier ist der authen­tische Gedenkort für die Erin­nerung der als ‚asozial‘ ver­folgten Men­schen«, sagte Irmer. »Sie dürfen nicht wieder an den Rand gedrängt werden.«

Georgel Cal­dararu von der Roma­selbst­hil­fe­or­ga­ni­sation Amaro Drom wies in seiner Ansprache darauf hin, dass in vielen Ländern Europas Roma und Sinti noch immer als »asozial« stig­ma­ti­siert werden.

Töd­liche Folgen

Für Dieter Eich hatte die Stig­ma­ti­sierung als »asozial« erst vor wenigen Jahren töd­liche Folgen. Er war im Mai 2000 in Buch von Neo­nazis ermordet worden, die hin­terher damit prahlten »einen Assi geklatscht« zu haben. Die Initiative »Niemand ist ver­gessen« sammelt Spenden für einen Gedenk­stein für dieses Opfer der Stig­ma­ti­sierung soge­nannter Aso­zialer.

http://​www​.taz​.de/​1​/​a​r​c​h​i​v​/​d​i​g​i​t​a​z​/​a​r​t​ikel/
?ressort=bl&dig=2012%2F06%2F12%2Fa0154&cHash=2dfe73ff50
Peter Nowak

Kein Mensch ist asozial

Ein Bündnis kämpft für einen Gedenkort auf dem Gelände des ehe­ma­ligen Ber­liner Arbeits­hauses in Rum­melsburg.
An der Rum­mels­burger Bucht im Ber­liner Stadtteil Lich­tenberg hat in den ver­gan­genen Jahren ein Bauboom ein­ge­setzt. Man muss schon lange suchen, um in der Gegend noch Hin­weise auf Berlins größtes ehe­ma­liges Arbeitshaus zu ent­decken, das dort 1879 in der Haupt­straße 8 ein­ge­weiht wurde. Auf einer Tafel des ehe­ma­ligen Expo-Pro­jekts Rum­melsburg ist lediglich zu lesen: »Das Arbeitshaus und das Wai­senhaus waren Sozi­al­bauten, die vor dem Hin­ter­grund der sich ent­wi­ckelnden Haupt­stadt und ihrer sozialen Pro­bleme ent­standen.« Die vielen Men­schen, die dort, als asozial und arbeits­scheu stig­ma­ti­siert, zwangs­ein­ge­wiesen wurden, werden nicht erwähnt. Dabei war für sie das Arbeitshaus oft ein Ort des Schre­ckens, wie der Ber­liner His­to­riker Thomas Irmer betont. Die sechs drei­stö­ckige Gebäude umfas­sende Anlage war für mehr als 1 000 Insassen bei­derlei Geschlechts vor­ge­sehen. Dazu gehörten Per­sonen, die nach einer Straf­ver­büßung ein­ge­wiesen wurden, aber auch Obdachlose, Bettler, Pro­sti­tu­ierte und Pfle­ge­be­dürftige, die kein Hos­pital aufnahm.
 
1933 sorgten Razzien und Ver­haf­tungs­wellen dafür, dass das Arbeitshaus bald über­belegt war. Arrest­zellen für Homo­se­xuelle und »psy­chisch Abwegige«, ein »Bewah­rungshaus« für »Aso­ziale« und eine »Son­der­ab­teilung« für Juden wurden ein­ge­richtet. Nach einem Erlass des Reichs­in­nen­mi­nis­te­riums von 1937 wurden die Insassen aus Rum­melsburg, soweit sie für den »Zwangs­arbeitsein­satz« unge­eignet waren, in Kon­zen­tra­ti­ons­lager über­führt. Wie viele Men­schen davon betroffen waren, ist ebenso wenig bekannt wie deren Namen und ihr wei­teres Schicksal. Der Arbeits­kreis »Mar­gi­na­li­sierte gestern und heute«, in dem Erwerbs­losen- und Anti­fa­gruppen sowie soziale Initia­tiven zusam­men­ar­beiten, hat in den ver­gan­genen Jahren mit zahl­reichen Ver­an­stal­tungen sowie einem Buch und einem Film an die Geschichte des Arbeits­hauses erinnert.
 
Der AK fordert eine inten­sivere For­schung und einen eigenen Gedenkort für die als asozial Stig­ma­ti­sierten auf dem Gelände. Am 24. Juni konnte er nun einen ersten Erfolg ver­buchen. Die Bezirks­ver­ord­ne­ten­ver­sammlung von Lich­tenberg ver­fügte einen vor­läu­figen Bau­stopp für ein Grund­stück, auf dem der Friedhof des Arbeits­hauses lag, um dort Aus­gra­bungen durch­führen zu können.

In den ver­gan­genen Wochen hatte der AK mit einer sym­bo­li­schen Besetzung und einer Open-Air-Film­nacht gegen die Pri­va­ti­sierung des Grund­stücks pro­tes­tiert. »Es ist der letzte freie Ort, an dem ein wür­diger Erin­ne­rungsort für die Opfer der Stig­ma­ti­sierung als Aso­ziale und Arbeits­scheue errichtet werden kann«, erklärte Lothar Eber­hardt von der Geden­kinitiative. Doch um das zu erreichen, werden die Akti­visten wohl noch mehr Druck ausüben müssen als bisher. Denn die Par­teien in der Bezirks­ver­ord­ne­ten­ver­sammlung Lich­tenberg haben dem Bau­stopp aus teils frag­wür­digen Gründen zuge­stimmt.
 
Die CDU inter­es­siert sich vor allem für die Zeit von 1950 bis 1990, als das Gebäude in der DDR als Unter­su­chungs­ge­fängnis genutzt wurde. »Die Sin­gu­la­rität der Nazi­ver­brechen darf nicht auf­ge­weicht werden«, bekräftigt dem­ge­genüber Dirk Ste­gemann vom AK. Die Initiative fordert einen Gedenkort für die als asozial Stig­ma­ti­sierten sowie die sowje­ti­schen Zwangs­ar­beiter und Zwangs­ar­bei­te­rinnen, die tagsüber in Fabriken in Lich­tenberg und Ober­schö­ne­weide schuften mussten und nachts auf dem Gelände unter erbärm­lichen Bedin­gungen unter­ge­bracht waren. Die Existenz dieses Zwangs­ar­bei­ter­lagers ist erst vor kurzem bekannt geworden. Lothar Eber­hardt erinnert überdies daran, dass die Geschichte der Ver­folgung soge­nannter Aso­zialer lange vor 1933 begann und 1945 nicht beendet war. Sie erhielten im Nach­kriegs­deutschland keine Ent­schä­digung. Unter den Opfern der Neo­na­zi­an­griffe der ver­gan­genen Jahre waren auch Erwerbslose wie der im Jahr 2000 in Berlin-Buch ermordete Dieter Eich. An sie soll nach dem Willen des Arbeits­kreises am Ort des ehe­ma­ligen Arbeits­hauses eben­falls erinnert werden.

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​1​/​2​6​/​4​3​4​9​1​.html

Peter Nowak

Erinnern an die Tempelhofer Unfreiheit

GESCHICHTE Auf dem Tem­pel­hofer Feld soll ein Gedenkort für Nazi-Opfer ein­ge­richtet werden – irgendwann. Initiative begrüßt Beschluss des Abge­ord­ne­ten­hauses und kri­ti­siert unklare Finan­zierung
Auf dem Tem­pel­hofer Feld soll ein Infor­ma­tions- und Gedenkort für die Opfer des NS-Terrors ein­ge­richtet werden. Das hat das Abge­ord­ne­tenhaus in der ver­gan­genen Woche auf Antrag von SPD- und Links­fraktion beschlossen. Während der Flug­hafen mit den Rosi­nen­bombern während der Berlin-Blo­ckade ver­bunden wird, wurde lange ver­drängt, wie eng das Areal mit der Ter­ror­po­litik der Nazis ver­bunden war.

Die SS hatte im Juni 1933 auf dem Tem­pel­hofer Feld Berlins erstes Kon­zen­tra­ti­ons­lager errichtet, das als »Hölle am Colum­biadamm« berüchtigt war. Ab 1938 schuf­teten Tau­sende Zwangs­ar­beiter auf dem Flug­ha­fen­ge­lände für die Rüstung, dar­unter auch 500 Juden, die 1941 in Auschwitz ermordet wurden.

Als am 8. Mai 2010 das Areal für die Bevöl­kerung geöffnet wurde, musste eine Initiative gegen Behin­de­rungen durch die Anmel­dungs­be­hörde und das Des­in­teresse vieler Besu­che­rInnen kämpfen, als sie an die KZ-Insas­sInnen und Zwangs­ar­bei­te­rInnen erinnern wollten. Gegenüber der taz bezeichnet Beate Winzer, die Vor­sit­zende des »För­der­vereins für ein Gedenken an die Nazi­ver­brechen in und um das Tem­pel­hofer Feld e. V.«, den Beschluss des Abge­ord­ne­ten­hauses als einen »ersten Schritt«, der Kon­se­quenzen haben müsse. So müsse der Senat die Bebau­ungs­pläne für das Gelände ändern und Grün­flächen für einen Gedenkort aus­weisen. Zudem sei die finan­zielle Aus­stattung noch nicht geklärt. Auch in der Benennung des Areals erkennt Winzer man­gelnde Sen­si­bi­lität für den his­to­ri­schen Ort. »Es ist eine Frechheit gegenüber den Men­schen, die hier gelitten haben, wenn noch immer von der ‚Tem­pel­hofer Freiheit‘ gesprochen wird.«

In der Aus­zeichnung des Flug­hafens Tem­pelhof als »Wahr­zeichen der Inge­nieur­bau­kunst« durch die Bun­des­in­ge­nieur­kammer sieht Winzer eine Ent­po­li­ti­sierung der Geschichte. Damit werde unter­schlagen, dass die Inge­nieure für die Rüstung geforscht haben. Über die Zwangs­arbeit in der Rüs­tungs­for­schung wird der His­to­riker Thomas Irmer am 29. Juni um 18 Uhr in der Medi­en­ga­lerie in der Duden­straße 10 refe­rieren. Dort ist noch bis zum 1. Juli die Aus­stellung »Das KZ Colum­biahaus und Zwangs­arbeit am Flug­hafen Tem­pelhof« zu sehen.

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=bl&dig=2011%2F06%2F29%2Fa0173&cHash=c88ac2719c

Peter Nowak

Townhouses bedrohen Erinnerungsort

LICH­TENBERG Am eins­tigen »Arbeitshaus« Rum­melsburg wird der Opfer einer NS-Aktion gedacht. Der Erhalt des Ortes ist gefährdet

»Arbeits­scheu Reich« – so hieß eine Maß­nahme, mit der am 13. Juni 1938 in Deutschland tau­sende als »asozial« stig­ma­ti­sierte Men­schen in soge­nannte Arbeits­häuser und KZs ver­schleppt wurden. In Berlin führte ihr Weg unter anderem ins »Arbeitshaus« Rum­melsburg. Dort erinnert am Sonntag der »AK Mar­gi­na­li­sierte – gestern und heute« mit einer Gedenk­ver­an­staltung an die Opfer der NS-Aktion.

Die Ver­an­staltung, auf der unter anderem die His­to­riker Thomas Irmer und Jens Dobler sowie die Zeit­zeugin Ilse Heinrich sprechen werden, hat einen ganz aktu­ellen Anlass: Es geht um den Erhalt des his­to­ri­schen Gedenkorts. Der »AK Mar­gi­na­li­sierte« hatte am Dienstag den Friedhof des eins­tigen »Arbeits­hauses« an der Rum­mels­burger Bucht mit Trans­pa­renten mar­kiert, auf denen »Pri­va­ti­sierung stoppen – Ge-denk-mal-schutz« stand. »Es ist der letzte freie Ort, an dem ein wür­diger Erin­ne­rungsort für die Opfer der Stig­ma­ti­sierung als Aso­ziale und Arbeits­scheue errichtet werden kann«, so Lothar Eber­hardt von der Initiative. Die Akti­vis­tInnen fürchten, dass das Areal bald den Besitzer wechselt. Ein Bie­ter­ver­fahren hat bereits statt­ge­funden. Im Bezirksamt Lich­tenberg wird über eine Änderung des Bebau­ungs­plans dis­ku­tiert, in dem das Gelände für Gewer­be­be­triebe aus­ge­schrieben ist. Inter­es­sen­tInnen wollen hier »Town­houses« bauen.

»Es gibt einen Ziel­kon­flikt zwi­schen einem his­to­ri­schen Gedenken und einer Ver­wertung des Areals für die Stadt­ent­wicklung«, meint Katrin Framke, Lich­ten­berger Bezirks­stadt­rätin für Kultur. Die als Par­teilose für die Linke in das Amt gewählte Gesell­schafts­wis­sen­schaft­lerin begrüßt die For­derung des AK Mar­gi­na­li­sierte nach einem Erin­ne­rungsort für die Insassen des »Arbeits­hauses« aus­drücklich. Der Senat habe es ver­säumt, poten­zi­ellen Inves­toren klare Auf­lagen zum his­to­ri­schen Gedenken zu machen, kri­ti­siert sie. Theo Stegmann vom AK Mar­gi­na­li­sierte ist sich mit Framke einig, dass die his­to­rische For­schung über die Geschichte des Friedhofs vor­an­ge­trieben werden muss. Eine Bebauung würde der his­to­ri­schen For­schung den Ort rauben, befürchtet er.

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=bl&dig=2011%2F06%2F03%2Fa0173&cHash=e36b154f6e

PETER NOWAK