Care Revolution – oder Wege in eine solidarische Welt

»Warum wird der Streik der Lok­führer in der Öffent­lichkeit als viel dra­ma­ti­scher wahr­ge­nommen als die gleich­zeitig statt­fin­denden Warn­streiks des Kita-Per­sonals?« Diese Frage stellte die Jour­na­listin Ulrike Bau­reithel am 23. April d.J. in der Wochen­zeitung Freitag und ver­suchte sich gleich selbst an einer Antwort: „Die Mobi­lität ist für den kapi­ta­lis­ti­schen Kreislauf unab­dingbar. „Piloten und Lok­führer im Aus­stand signa­li­sieren: Hier kommt der Ver­wer­tungs­prozess des Kapital ins Stocken. Während aus der Kita keine Rendite zu ziehen ist und man sich beim höchsten Gut, den Kindern, immer sicher sein kann: Irgend­jemand wird sich schon um sie kümmern, wenn nicht die bezahlten Care-Arbeiter, dann eben Eltern, Groß­eltern oder andere“. Die geringere Beachtung des Kita­st­reiks ist also noch immer eine Folge der gerin­geren Achtung der oft von Frauen geleis­teten Care-Arbeit. Dies zu ändern ist das Ziel einer Care-Bewegung, die in den letzten Jahren gewachsen ist und im März 2014 in Berlin einen großen bun­des­weiten Kon­gress orga­ni­siert hatte. Er war aber nicht der End‑, sondern der Aus­gangs­punkt vieler wei­terer Akti­vi­täten. Die femi­nis­tische Sozi­al­wis­sen­schaft­lerin Gabriele Winker hatte großen Anteil an der Ent­stehung des Kon­gresses. Nun hat sie im tran­script-Verlag unter dem Titel “Care Revo­lution. Schritte in eine soli­da­rische Gesell­schaft“ ein Buch ver­öf­fent­licht, dass einen guten Ein­blick in die theo­re­ti­schen Prä­missen und die prak­ti­schen Schritte dieser neuen Care-Bewegung gibt. Winkers Prä­misse lautet: Die kapi­ta­lis­tische Gesell­schaft ist nicht in der Lage, Sor­ge­arbeit für alle Men­schen zu garan­tieren. Dazu gehören die Kin­der­er­ziehung, die Bildung, aber auch die immer wich­tiger wer­dende Pfle­ge­arbeit für ältere Men­schen. Winker zeigt, dass diese Ver­nach­läs­sigung nicht auf mora­lische Defizite, die Schlech­tigkeit von Men­schen oder Insti­tu­tionen zurück­zu­führen ist, sondern mit Ver­wer­tungs­in­teresse des Kapitals zusam­men­hängt. „Ent­scheidend ist, dass die ent­ste­henden Repro­duk­ti­ons­kosten die Pro­fi­trate nicht allzu sehr belasten und gleich­zeitig zur Repro­duktion einer Arbeits­kraft führen, die hin­sichtlich ihrer Qua­li­fi­kation und ihrer phy­si­schen und psy­chi­schen Gesundheit in der Waren­pro­duktion ren­tabel ein­setzbar ist.“ (S. 21)
Winker zeigt auch, dass die Ablösung des Fami­lien­er­nährer­mo­dells in erster Linie dem Interesse des Kapitals und weniger femi­nis­ti­schen Kämpfen geschuldet ist. „Das Ernährer­modell wird für die Kapi­tal­ver­wertung wegen der zuneh­menden inter­na­tio­nalen Kon­kurrenz unat­traktiv“ (S. 28). Dieser Aspekt spielt eine große Rolle, wenn heute im poli­ti­schen Main­stream die Kitaer­ziehung eine so große poli­tische Unter­stützung erfährt. Das Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­terium setzt daher neben der Erhöhung der Gebur­tenrate als zen­trale Aufgabe, die Frau­en­er­werbs­tä­tigkeit zu steigern… Diese Ent­wicklung führt dazu, dass Teile der Sor­ge­arbeit aus dem Haushalt aus­ge­lagert und auf kom­mer­zi­eller und sozi­al­staat­licher Grundlage neu orga­ni­siert werden. Daraus erklärt sich bei­spiels­weise der schritt­weise Ausbau der Kita-Betreuung auch für kleinere Kinder“(S. 29).

Streiks der Kita-Beschäftigten
In dem Buch stellt sie die unter­schied­lichen Facetten einer Care-Bewegung vor, die sich eben nicht mit den Sach­zwängen zufrieden geben will. Dazu gehören auch gewerk­schaft­liche Kämpfe. So streiken Mit­ar­bei­te­rInnen an der Ber­liner Charité für einen Per­so­nal­schlüssel, der eine gute Pflege für alle über­haupt erst möglich macht. Ein anderes Bei­spiel ist der Arbeits­kreis Erziehung und Bildung der Gewerk­schaft ver.di in der Gemeinde Tamm bei Stuttgart. „Hier orga­ni­sieren sich Erzieher_​innen, die in kom­mu­nalen Kitas tätig sind. Zen­trales Thema ihres poli­ti­schen Enga­ge­ments ist die unzu­rei­chende Per­so­nal­be­messung in den Kin­der­ta­ges­stätten und Gemeinden“ (S. 120). Auch die Gruppe „Armut durch Pflege“, in der sich Ange­hörige und Freun­dInnen von Pfle­ge­be­dürf­tigen zusam­men­ge­schlossen haben, die Assis­tenz­ge­nos­sen­schaft Bremen, die von Per­sonen gegründet wurde, die Pflege brauchen, und die Orga­ni­sation geflüch­teter Frauen (Women in Exile) werden von Winker als Teil der Care-Bewegung vor­ge­stellt. Sie macht damit deutlich, wie viel­fältig diese Bewegung ist. Dabei betont Winker, dass es bei der aktu­ellen Care-Revo­lution-Bewegung nicht um ein Neben­ein­ander von Initia­tiven in völlig unter­schied­lichen Lebens­lagen, sondern um eine soli­da­rische Bezug­nahme gehen soll. Dabei sollen Initia­tiven und Ein­zel­per­sonen in einer schwachen Position von Gruppen in einer stär­keren Position unter­stützt werden.
Wege jen­seits des Kapi­ta­lismus
Auch Gruppen aus der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken wie die AG Queer­fe­mi­nismus bei der »Inter­ven­tio­nis­ti­schen Linken« (IL) werden von Winker gewürdigt. Dieser ist es mit zu ver­danken, dass die Care-Revo­lution mitt­ler­weile Teil von großen poli­ti­schen Demons­tra­tionen geworden ist. So gab es bei den Blockupy-Pro­testen am 18. März 2015 in Frankfurt/​Main eine deutlich sichtbare Teil­nahme und bei der Revo­lu­tio­nären 1. Mai-Demons­tration in Berlin eigene Blöcke, die unter Motto „Tag der unsicht­baren Arbeit“ die Care-Revo­lution aus­riefen.
Besonders über­zeugend ist Winkers Plä­doyer da, wo sie deutlich macht, dass der Kampf um Ver­än­de­rungen hier und heute beginnen, aber über die kapi­ta­lis­tische Gesell­schaft hin­aus­weisen muss. „Ursächlich für die Unter­ver­sorgung (im Care­be­reich; P.N.) auch in rei­cheren Ländern ist der Druck auf Löhne und Trans­ferein­kommen, der im Kapi­ta­lismus unver­meidlich ist. Denn diese Pro­duk­ti­ons­weise ist zwar auf Men­schen als Arbeits­kräfte ange­wiesen, da ohne sie keine Kapi­tal­ver­wertung möglich ist. Gleich­zeitig finden jedoch der Ausbau des Bil­dungs- und Gesund­heits­systems und die Stei­gerung der Real­löhne (….) dort ihre Grenzen, wo die Stand­ort­vor­teile in der glo­balen Kon­kurrenz in Gefahr sind“ (S. 140).
Winker ent­wi­ckelt dann am Bei­spiel der Care Revo­lution ein Konzept von radi­kalen Reformen und einer anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Trans­for­mation. Dabei soll der Kampf um Reformen neben kon­kreten Ver­bes­se­rungen im Care-Bereich auch dazu bei­tragen, dass sich die Men­schen gemeinsam orga­ni­sieren und soli­da­risch für die Ver­bes­se­rungen ihrer Lebens- und Arbeits­si­tuation kämpfen. Dabei ist eben die Nennung der ver­schie­denen Initia­tiven, von gewerk­schaft­lichen Arbeits­gruppen bis zu den Women in Exile, besonders wichtig. Es geht um einen Kampf ohne Ein- und Aus­grenzung. Indem Teile des Care-Bereichs der Pro­fit­logik ent­zogen werden, wird für viele Betei­ligte die Frage auf­kommen, ob nicht die kapi­ta­lis­tische Ver­wer­tungs­logik über­haupt der Ver­gan­genheit ange­hören sollte. Dabei benennt sie als Schritte zur radi­kalen Reform auch For­de­rungen wie die nach einer mas­siven Ver­kürzung der Lohn­ar­beitszeit. So hätten die Men­schen mehr Zeit für Sor­ge­arbeit für sich und ihre Freun­dInnen. Daneben betont Winker die Bedeutung der Ausbau der sozialen Infra­struktur und der Demo­kra­tiserung und Selbst­ver­waltung im Care­breich als Kern­punkte dieser radialen Reform.“Bei der Demo­kra­ti­sierung der vor­han­denen Care-Infra­struktur gilt einer­seits darum zu kämpfen, dass Pri­va­ti­sie­rungen aber auch die Über­tragung staat­licher Auf­gaben an Wohl­fahrts­ver­bände, zurück­ge­nommen werden. Gleich­zeitig geht es darum, demo­kra­tische Struk­turen auf­zu­bauen, die auf allen Ebenen die Bedürf­nisse, Interesse und Wünsche der Betei­ligten zusam­men­führen“ (S. 166).
Winker geht in einem Absatz auf die Ent­wicklung im Bereich der 3‑D-Drucker ein, mit denen Güter in dezen­tralen Nach­bar­schafts­zentren her­ge­stellt und viele stupide Lohn­ar­beits­plätze ein­ge­spart werden könnten. Es ist eine Stärke von Winkers Buch, dass sie hierin keine Drohung, sondern eine Chance sieht, wenn man kapi­ta­lis­tische Ver­wer­tungs­in­ter­essen nicht als unhin­ter­gehbare Tat­sache, sondern als his­to­risch über­windbar betrachtet. Mit dem – his­to­risch aller­dings nicht neuen – Verweis auf die Chance, dass Maschinen Men­schen die stupide Lohn­arbeit abnehmen, bringt Winker einen Akzent in die Debatte ein, der das Terrain der bloßen Abwehr­haltung und der Ver­tei­digung des Status Quo, aber auch die Sehn­sucht nach einer ima­gi­nierten heilen keyne­sia­ni­schen Arbeitswelt ver­lässt und Raum für Utopien lässt. Am Bei­spiel Care Revo­lution eine Ver­bindung von All­tags­kämpfen mit der Ziel­vor­stellung einer nicht­ka­pi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft zu dis­ku­tieren, macht das Buch zu einer Rarität in linken Debatten.

aus: express – Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit,

8/2015

Peter Nowak
Gabriele Winker: »Care Revo­lution. Schritte in eine soli­da­rische Gesell­schaft«, Bie­lefeld 2015, 11,99 Euro, 208 Seiten, ISBN 978–3‑8376–3040‑4

Soziale Reproduktion in der Krise

Interview mit Gabriele Winker von Peter Nowak

Die So­zi­al­wis­sen­schaft­le­rin Ga­brie­le Win­ker lehrt und forscht an der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Ham­burg-Har­burg und ist Mit­be­grün­de­rin des Fe­mi­nis­ti­schen In­sti­tuts sowie des bun­des­wei­ten »Netz­werks Care Re­vo­lu­ti­on«. Die­sen März ist im Tran­­script-Ver­lag ihr Buch »Care Re­vo­lu­ti­on. Schrit­te in eine so­li­da­ri­sche Ge­sell­schaft« er­schie­nen. Peter Nowak sprach für den Vor­wärts mit Win­ker über die Krise so­zia­ler Re­pro­duk­ti­on und die ent­ste­hen­de Ca­re-Be­we­gung.

vor­wärts: Im März 2014 fand in Ber­lin eine Ak­ti­ons­kon­fe­renz zur »Care Re­vo­lu­ti­on« statt. Was ist seit­her ge­sche­hen?

Ga­brie­le Win­ker: Die »Care Re­vo­lu­ti­on« nimmt einen grund­le­gen­den Per­spek­tiv­wech­sel vor. Das öko­no­mi­sche und po­li­ti­sche Han­deln darf nicht wei­ter an Pro­fit­ma­xi­mie­rung, son­dern an mensch­li­chen Be­dürf­nis­sen, pri­mär der Sorge um­ein­an­der aus­ge­rich­tet sein. Eine Ge­sell­schaft muss sich also daran mes­sen las­sen, inwie­weit sie grund­le­gen­de Be­dürf­nis­se gut und für alle Men­schen rea­li­sie­ren kann. Nach der Ak­ti­ons­kon­fe­renz, an der sich etwa 500 im Ca­re-Be­­reich tä­ti­ge Men­schen in viel­fäl­ti­gen Work­shops be­tei­lig­ten, haben wir im Mai 2014 das »Netz­werk Care Re­vo­lu­ti­on« ge­grün­det. Das ist eine Art Platt­form, über die sich die ver­schie­dens­ten Ca­re-In­i­tia­­ti­ven ver­net­zen, aus­tau­schen und ge­gen­sei­tig un­ter­stüt­zen kön­nen. Wir haben uns fer­ner dar­auf ge­ei­nigt, uns in die­sem Jahr als Netz­werk an Ak­tio­nen zum In­ter­na­tio­na­len Frau­en­kampf­tag am 8. März, zu Block­u­py und zum 1. Mai zu be­tei­li­gen. An die­sen drei Tagen war das »Netz­werk Care Re­vo­lu­ti­on« durch klei­ne De­mons­tra­ti­ons­blö­cke oder In­fo­ti­sche in meh­re­ren Städ­ten deut­lich sicht­bar. Auch gibt es in­zwi­schen re­gio­na­le Netz­wer­ke in Ber­lin, Bran­den­burg, Han­no­ver, Ham­burg, Frank­furt und Frei­burg. An­de­re be­fin­den sich im Auf­bau. Für April 2016 pla­nen wir die zwei­te bun­des­wei­te Ak­ti­ons­kon­fe­renz Care Re­vo­lu­ti­on, wie­der in Ber­lin.

vor­wärts: Warum kommt die De­bat­te um die Care Re­vo­lu­ti­on ge­ra­de in die­ser Zeit auf?

Ga­brie­le Win­ker: Der Wan­del vom Er­nährer­mo­dell zu ver­schie­de­nen neo­li­be­ra­len Re­pro­duk­ti­ons­mo­del­len, die alle kein gutes Leben er­mög­li­chen, ist in der BRD sehr lang­sam er­folgt, nicht zu­letzt wegen der jahr­zehn­te­lan­gen Kon­kur­renz mit der DDR. Die neo­li­be­ra­le Fa­mi­li­en­po­li­tik, die mit dem Ziel der Er­hö­hung der Frau­en­er­werbs­tä­tig­keit und der Ge­bur­ten­ra­te Wirt­schafts­po­li­tik be­treibt und sehr stark zwi­schen Leis­tungs­trä­ge­rin­nen und ‑trä­gernund Aus­ge­grenz­ten un­ter­schei­det, bei­spiels­wei­se durch gros­se Un­ter­schie­de in der Höhe des El­tern­gelds, nahm erst nach der Jahr­tau­send­wen­de Fahrt auf. So wird erst der­zeit deut­lich spür­bar, dass Men­schen damit über­for­dert sind, sich – un­ab­hän­gig von Ge­schlecht, Fa­mi­li­en­sta­tus, Um­fang der Sor­ge­auf­ga­ben – je ein­zeln durch den Ver­kauf ihrer Ar­beits­kraft exis­ten­zi­ell ab­zu­si­chern und gleich­zei­tig die wegen der staat­li­chen Kos­ten­sen­kungs­po­li­tik zu­neh­men­de Re­pro­duk­ti­ons­ar­beit in Fa­mi­li­en zu leis­ten. Ar­beit ohne Ende wird für immer mehr Men­schen zur Rea­li­tät. Die Selbst­sor­ge kommt zu kurz. Musse ist zum Fremd­wort ge­wor­den. Und auch die­je­ni­gen, die auf die Un­ter­stüt­zung an­de­rer an­ge­wie­sen sind, wie Kin­der oder pfle­ge­be­dürf­ti­ge Er­wach­se­ne, kön­nen ihre Be­dürf­nis­se nicht rea­li­sie­ren. Es nimmt nicht nur der Stress zu, son­dern auch die Er­schöp­fung, da Er­ho­lungs­pha­sen feh­len. Dies führt nicht zu­letzt zu mehr Fäl­len psy­chi­scher Er­kran­kun­gen.

vor­wärts: Sie haben den Be­griff der »Care Re­vo­lu­ti­on« we­sent­lich ge­prägt. Auf wel­che theo­re­ti­schen und prak­ti­schen Vor­ar­bei­ten haben Sie sich ge­stützt?

Ga­brie­le Win­ker: Ei­ner­seits bin ich be­ein­flusst von der Zwei­ten Frau­en­be­we­gung. Be­reits in den 70er Jah­ren wurde in die­sem Rah­men auch in der BRD dafür ge­kämpft, die nich­tent­lohn­te Haus­ar­beit als ge­sell­schaft­lich not­wen­di­ge Ar­beit an­zu­er­ken­nen. Dies füh­ren bei­spiels­wei­se Gi­se­la Bock und Bar­ba­ra Duden in ihrem Bei­trag zur Ber­li­ner Som­mer­uni­ver­si­tät für Frau­en 1977 aus. In den 90er Jah­ren be­gan­nen dann in den USA De­bat­ten um die Ca­re-Ar­beit. Mit die­sem Be­griff wies bei­spiels­wei­se Joan Tron­to sehr früh dar­auf hin, dass Men­schen ihr gan­zes Leben lang Sorge von an­de­ren be­nö­ti­gen und somit nicht völ­lig au­to­nom leben kön­nen, son­dern ihr Leben viel­mehr in in­ter­de­pen­den­ten Be­zie­hun­gen ge­stal­ten. Meine Vor­stel­lung von einer so­li­da­ri­schen Ge­sell­schaft, die ich als Ziel einer Ca­re-Re­­vo­lu­­ti­on ent­wi­ckel­te, baut des­we­gen auf mensch­li­che So­li­da­ri­tät und Zu­sam­men­ar­beit.

vor­wärts: Wor­auf stützt sich die neue Ca­re-Re­­vo­lu­­ti­on-Be­we­gung?

Ga­brie­le Win­ker: Auf­fal­lend ist, dass es im ent­lohn­ten Ca­re-Be­­reich, in Bil­dung und Er­zie­hung sowie Ge­sund­heit und Pfle­ge, aber auch im un­ent­lohn­ten Be­reich, aus­ge­hend von der Sor­ge­ar­beit in Fa­mi­li­en, viele klei­ne In­itia­ti­ven gibt, zum Bei­spiel El­tern­in­itia­ti­ven, Or­ga­ni­sa­tio­nen von pfle­gen­den An­ge­hö­ri­gen, Grup­pen von Men­schen mit und ohne Be­hin­de­run­gen, In­itia­ti­ven von und für Flücht­lin­ge, aber auch Ver­di-Grup­pen sowie queer­fe­mi­nis­ti­sche und links­ra­di­ka­le Grup­pen, die das Thema Care auf­neh­men. Viele en­ga­gie­ren sich für bes­se­re po­­li­­tisch-öko­­­no­­mi­sche Rah­men­be­din­gun­gen, damit sie für sich und an­de­re bes­ser sor­gen kön­nen. Al­lei­ne und ver­ein­zelt sind sie al­ler­dings bis­her zu schwach, um po­li­tisch wahr­ge­nom­men zu wer­den und eine grund­le­gen­de Ver­bes­se­rung der Ar­beits- und Le­bens­be­din­gun­gen zu er­rei­chen. Hin­ter der Care Re­vo­lu­ti­on steht die Idee, diese Grup­pen nicht nur über die­sen Be­griff zu ver­bin­den, son­dern damit auch auf­ein­an­der zu ver­wei­sen und eine sicht­ba­re Ca­re-Be­we­gung zu ent­wi­ckeln. Wich­tig ist dafür al­ler­dings auch eine klare Ana­ly­se, die deut­lich macht, dass der ge­sam­te Ca­re-Be­­reich unter den Fol­gen staat­li­cher Kos­ten­sen­kungs­po­li­tik lei­det, die mit der po­­li­­tisch-öko­­­no­­mi­­schen Krise so­zia­ler Re­pro­duk­ti­on ver­bun­den ist. Davon aus­ge­hend kön­nen wir mit der Ca­re-Re­­vo­lu­­ti­on als Trans­for­ma­ti­ons­stra­te­gie ge­mein­sam erste Re­form­schrit­te in Rich­tung be­din­gungs­lo­se exis­ten­zi­el­le Grund­si­che­rung, deut­li­che Ver­kür­zung der Er­werbs­ar­beits­zeit sowie Aus­bau der so­zia­len In­fra­struk­tur gehen.

vor­wärts: Sie fas­sen in Ihrem Buch Ak­ti­vi­tä­ten der »In­ter­ven­tio­nis­ti­schen Lin­ken« über Ver­di-Grup­pen bis zu Pfle­ge­initia­ti­ven unter den Be­griff »Care Re­vo­lu­ti­on«. Wird da nicht über ganz un­ter­schied­li­che Ak­ti­vi­tä­ten ein Label ge­stülpt?

Ga­brie­le Win­ker: Wich­tig ist zu­nächst fest­zu­stel­len, dass die im Buch ge­nann­ten Grup­pen und viele mehr, die zur Ak­ti­ons­kon­fe­renz Care Re­vo­lu­ti­on im März 2014 auf­ge­ru­fen haben, sich selbst die­sem Be­griff und der Vor­stel­lung zu­ord­nen, dass die Be­din­gun­gen für Sor­ge­ar­beit in un­se­rer Ge­sell­schaft grund­le­gend re­vo­lu­tio­niert wer­den müs­sen. Dabei sind das keine gros­sen Ver­bän­de, son­dern Grup­pen vor Ort, wie die IL Tü­bin­gen, die Ver­di-Be­­triebs­­­grup­pe Cha­rité, die El­tern­in­itia­ti­ve »Nicos Farm« für be­hin­der­te Kin­der in Ham­burg oder klei­ne­re Or­ga­ni­sa­tio­nen wie die In­itia­ti­ve »Armut durch Pfle­ge«, die be­reits viele Er­fah­run­gen in so­zia­len Aus­ein­an­der­set­zun­gen im Ca­re-Be­­reich haben. Die Zu­sam­men­ar­beit die­ser Grup­pen wird eben nicht durch eine Or­ga­ni­sa­ti­on ge­stal­tet, die über ein Label Be­deu­tung er­rin­gen will. Viel­mehr sehe ich die be­son­de­re Stär­ke der im Wer­den be­grif­fe­nen Ca­re-Be­we­gung darin, dass sich Men­schen in un­ter­schied­li­chen Po­si­tio­nen in­ner­halb der Ca­re-Ver­­häl­t­­nis­se aus­tau­schen und ihre Kämp­fe auf­ein­an­der be­zie­hen.

vor­wärts: Kön­nen Sie Bei­spie­le nen­nen?

Ga­brie­le Win­ker: Bei Tref­fen und Ak­tio­nen kom­men bei­spiels­wei­se Be­schäf­tig­te in Kran­ken­häu­sern und Al­ten­pfle­ge­hei­men mit pfle­gen­den An­ge­hö­ri­gen und Men­schen zu­sam­men, die auf­grund von kör­per­li­chen Ein­schrän­kun­gen oder Krank­hei­ten zeit­lich auf­wän­dig für sich sor­gen müs­sen. Wir alle kön­nen mor­gen von Krank­heit be­trof­fen sein und sind dann auf gute Pfle­ge an­ge­wie­sen. Und die staat­li­che Kos­ten­sen­kungs­po­li­tik trifft nicht nur die Be­schäf­tig­ten in allen Ca­re-Be­­rei­chen glei­cher­mas­sen, son­dern in der Folge auch Fa­mi­li­en, Wohn­ge­mein­schaf­ten und an­de­re Le­bens­for­men, wenn Pa­ti­en­ten »blu­tig« ent­las­sen wer­den oder not­wen­di­ge Ge­sund­heits­leis­tun­gen für Kas­sen­pa­ti­en­tin­nen ge­stri­chen wer­den. Diese Ver­bin­dun­gen sind noch viel zu wenig prä­sent, auch in lin­ken po­li­ti­schen Zu­sam­men­hän­gen. Nur wenn sich etwa Er­zie­he­rin­nen und El­tern oder be­ruf­lich und fa­mi­li­är Pfle­gen­de als ge­sell­schaft­lich Ar­bei­ten­de be­grei­fen, kön­nen sie sich auf Au­gen­hö­he in ihren Kämp­fen um aus­rei­chen­de Res­sour­cen und gute Ar­beits­be­din­gun­gen un­ter­stüt­zen. Dies gilt unter dem As­pekt der Selbst­sor­ge auch für As­sis­tenz­ge­ben­de und As­sis­tenz­neh­men­de.

vor­wärts: Warum kann im Ka­pi­ta­lis­mus das Pro­blem der Sor­ge­ar­beit nicht ge­löst wer­den?

Ga­brie­le Win­ker: Das Ziel ka­pi­ta­lis­ti­schen Wirt­schaf­tens ist Pro­fit­ma­xi­mie­rung. Die ist nur durch den Ein­satz von Ar­beits­kraft zu er­rei­chen, die al­ler­dings tag­täg­lich und auch über Ge­ne­ra­tio­nen hin­weg immer wie­der neu re­pro­du­ziert wer­den muss. Der sich dar­aus er­ge­ben­de Wi­der­spruch, dass ei­ner­seits die Re­pro­duk­ti­ons­kos­ten der Ar­beits­kraft mög­lichst ge­ring ge­hal­ten wer­den sol­len, um die Ren­di­te nicht allzu sehr ein­zu­schrän­ken, gleich­zei­tig aber diese Ar­beits­kraft be­nö­tigt wird, ist dem Ka­pi­ta­lis­mus im­ma­nent. Grund­vor­aus­set­zung für die Auf­recht­er­hal­tung die­ses wi­der­sprüch­li­chen Sys­tems ist, dass ein gros­ser Teil der Re­pro­duk­ti­on un­ent­lohnt ab­ge­wi­ckelt wird. Mit der tech­no­lo­gi­schen Ent­wick­lung las­sen sich nun zwar Güter und pro­duk­ti­ons­na­he Dienst­leis­tun­gen schnel­ler her­stel­len, nicht aber Ca­re-Ar­beit be­schleu­ni­gen, zu­min­dest nicht, ohne dass es zu einer mas­si­ven Ver­schlech­te­rung der Qua­li­tät kommt. Denn Ca­re-Ar­beit ist kom­mu­ni­ka­ti­ons­ori­en­tiert und auf kon­kre­te ein­zel­ne Men­schen be­zo­gen und damit sehr zeit­in­ten­siv. Die Folge ist, dass Pro­duk­ti­vi­täts­stei­ge­run­gen in die­sem Be­reich nur be­grenzt mög­lich sind. Es kommt zu einer Krise so­zia­ler Re­pro­duk­ti­on, die ich als Teil der Über­ak­ku­mu­la­ti­ons­kri­se sehe.

Für mehr Infos siehe:
www​.care​-revo​lution​.org

VORWÄRTS/1120: Interview mit Gabriele Winker – Soziale Repro­duktion in der Krise

vor­wärts – die sozia­lis­tische zeitung, Nr. 25/26 vom 3. Juli 2015
http://​www​.schat​ten​blick​.de/​i​n​f​o​p​o​o​l​/​m​e​d​i​e​n​/​a​l​t​e​r​n​/​v​o​r​w​1​1​2​0​.html

Streiks im Erziehungs- und Pflegebereich

Aus der Per­spektive der Krise der sozialen Repro­duktion betrachten!
Interview mit Gabriele Winker*

Die jah­re­lange Ver­nach­läs­sigung von Inves­ti­tionen in die öffent­liche Daseins­vor­sorge zugunsten der Pro­fit­stei­gerung mündet in einen nicht mehr trag­baren Raubbau an den Kräften der dort Beschäf­tigten. Die meisten Streiks drehen sich derzeit um Pro­bleme der Arbeits­über­lastung und die auch finan­ziell zu geringe Aner­kennung der Berufe im «Dienst am Men­schen». Die Sozi­al­wis­sen­schaft­lerin Gabriele Winker sieht darin eine Krise der sozialen Repro­duktion über­haupt und ordnet sie ein in die umfas­sende, aktuelle Krise des Kapi­ta­lismus.

Was ver­stehen Sie unter Care Revo­lution?
Das Konzept Care Revo­lution nimmt einen grund­le­genden Per­spek­tiv­wechsel vor. Das öko­no­mische und poli­tische Handeln darf nicht weiter an Pro­fit­ma­xi­mierung, sondern es muss an mensch­lichen Bedürf­nissen, primär der Sorge umein­ander, aus­ge­richtet sein. Eine Gesell­schaft muss sich also daran messen lassen, inwieweit sie grund­le­gende Bedürf­nisse gut und für alle Men­schen rea­li­sieren kann. Dazu gehört eine her­vor­ra­gende soziale Infra­struktur. Nicht zuletzt um dieses hohe Gut für alle streiken die Erzie­he­rinnen und Sozi­al­ar­bei­te­rinnen und Sozi­al­ar­beiter derzeit.

Was hat der aktuelle Kita-Streik mit Care Revo­lution zu tun?
Die Strei­kenden in Kitas und wei­teren sozialen Ein­rich­tungen haben nicht nur unsere grund­le­gende Soli­da­rität ver­dient, sondern wir sollten sie auch in unserem urei­gensten Interesse tat­kräftig unter­stützen. Erzie­he­rinnen gehören zu den Care-Beschäf­tigten: Sie kümmern sich um unsere Kinder. Dies beinhaltet viel­fältige anspruchs­volle Tätig­keiten, die ste­reotyp Frauen zuge­ordnet werden. Da in Familien vor allem Frauen unent­lohnt für die Kin­der­er­ziehung zuständig sind, wird in der Kon­se­quenz auch der Beruf der Erzie­herin schlecht ent­lohnt. Dies ändert sich auch derzeit nicht, obwohl es einen zuneh­menden Fach­kräf­te­mangel gibt.
Nach wie vor ist der Umgang mit Technik, der männlich kon­no­tiert ist, deutlich höher ent­lohnt als der mit Men­schen. Das hat auch viel damit zu tun, dass Technik in der Güter­pro­duktion und der pro­duk­ti­ons­nahen Dienst­leistung pro­fi­tabel ein­ge­setzt werden kann, während aus kapi­ta­lis­ti­scher Per­spektive Erzie­hungs­arbeit nur mit Kosten ver­bunden ist. Dabei sind die Löhne der Beschäf­tigten ein wich­tiger Kos­ten­faktor ebenso wie die Per­so­nal­aus­stattung, die es des­wegen zu redu­zieren gilt.

Auf welche theo­re­ti­schen Prä­missen stützen Sie sich beim Konzept «Care Revo­lution»?
Einer­seits bin ich beein­flusst von der zweiten Frau­en­be­wegung [die der 70er und 80er Jahre]. Bereits in den 70er Jahren wurde in diesem Rahmen auch in der BRD dafür gekämpft, die nicht ent­lohnte Haus­arbeit als gesell­schaftlich not­wendige Arbeit anzu­er­kennen. Dies führten bspw. Gisela Bock und Barbara Duden in ihrem Beitrag zur Ber­liner Som­mer­uni­ver­sität für Frauen 1977 aus. In den 90er Jahren begannen dann im US-ame­ri­ka­ni­schen Kontext Debatten um die Care-Arbeit.
Mit diesem Begriff ver­weist bspw. Joan Tronto sehr früh darauf, dass Men­schen in ihrem ganzen Leben immer Sorge von anderen benö­tigen und somit nicht völlig autonom leben können, sondern ihr Leben vielmehr in inter­de­pen­denten Bezie­hungen gestalten. Davon habe ich gelernt, dass Men­schen als grund­legend auf­ein­ander Ange­wiesene zu begreifen sind. Meine Vor­stellung von einer soli­da­ri­schen Gesell­schaft, die ich als Ziel einer Care Revo­lution ent­wi­ckele, baut des­wegen auf mensch­liche Soli­da­rität und Zusam­men­arbeit.

Wer ist Träger der neuen Care-Revo­lution-Bewegung?
Auf­fallend ist, dass es im ent­lohnten Care-Bereich in Bildung und Erziehung sowie Gesundheit und Pflege, aber auch im unent­lohnten Care-Bereich aus­gehend von Sor­ge­arbeit in Familien viele kleine Initia­tiven gibt, bspw. Eltern­in­itia­tiven, Orga­ni­sa­tionen von pfle­genden Ange­hö­rigen, Gruppen von Men­schen mit und ohne Behin­de­rungen, Initia­tiven von und für Flücht­linge, aber auch aktive Ver.di- und GEW-Gruppen sowie queer-femi­nis­tische und links­ra­dikale Gruppen, die das Thema Care auf­nehmen.
Viele enga­gieren sich für bessere poli­tisch-öko­no­mische Rah­men­be­din­gungen, damit sie für sich und andere besser sorgen können. Alleine und ver­einzelt sind sie aller­dings bisher zu schwach, um im poli­ti­schen Raum wahr­ge­nommen zu werden und eine grund­le­gende Ver­bes­serung der Arbeits- und Lebens­be­din­gungen zu erreichen. Des­wegen steht hinter dem Begriff Care Revo­lution die Idee, diese Gruppen nicht nur über den Begriff zu ver­binden, sondern dar­über­hinaus auch gegen­seitig auf­ein­ander zu ver­weisen und darüber eine sichtbare Care-Bewegung zu ent­wi­ckeln.

Können Sie Bei­spiele nennen?
In Treffen und Aktionen kommen bspw. Care-Beschäf­tigte in Kran­ken­häusern und Alten­pfle­ge­heimen mit pfle­genden Ange­hö­rigen und Men­schen zusammen, die auf­grund von kör­per­lichen Ein­schrän­kungen oder Krank­heiten zeitlich auf­wändig für sich sorgen müssen. Wir alle können morgen von Krankheit betroffen sein und sind dann auf gute Pflege ange­wiesen. Und die staat­liche Kos­ten­sen­kungs­po­litik trifft nicht nur die Care-Beschäf­tigten in allen Bereichen glei­cher­maßen, sondern in der Folge auch Familien, Wohn­ge­mein­schaften und andere Lebens­formen – etwa wenn Pati­enten «blutig» ent­lassen werden oder not­wendige Gesund­heits­leis­tungen für Kas­sen­pa­ti­enten gestrichen werden.
Diese Zusam­men­hänge sind auch in linken poli­ti­schen Zusam­men­hängen noch viel zu wenig präsent. Nur wenn sich etwa Erzie­he­rinnen und Eltern oder beruflich und familiär Pfle­gende als gesell­schaftlich Arbei­tende begreifen, können sie sich auf Augenhöhe in ihren Kämpfen um aus­rei­chende Res­sourcen und gute Arbeits­be­din­gungen unter­stützen. Dies gilt unter dem Aspekt der Selbst­sorge auch für Assis­tenz­ge­bende und Assis­tenz­neh­mende.

Warum sind Sie der Meinung, dass das Problem der Sor­ge­arbeit im Kapi­ta­lismus nicht gelöst werden kann?
Das Ziel kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schaftens ist Pro­fit­ma­xi­mierung. Dies ist nur durch den Einsatz von Arbeits­kraft zu erreichen, die aller­dings tag­täglich und auch über Genera­tionen hinweg immer wieder neu repro­du­ziert werden muss. Der sich daraus erge­bende Wider­spruch, dass einer­seits die Repro­duk­ti­ons­kosten der Arbeits­kraft mög­lichst gering gehalten werden sollen, um die Rendite nicht allzu sehr ein­zu­schränken, gleich­zeitig aber diese Arbeits­kraft benötigt wird, ist dem Kapi­ta­lismus immanent. Grund­vor­aus­setzung für die Auf­recht­erhaltung dieses wider­spruchs­vollen Systems ist, dass ein großer Teil der Repro­duktion unent­lohnt abge­wi­ckelt wird.
Mit der tech­no­lo­gi­schen Ent­wicklung lassen sich nun zwar Güter und pro­duk­ti­onsnahe Dienst­leis­tungen schneller her­stellen, nicht aber Care-Arbeit, zumindest nicht, ohne dass es zu einer mas­siven Ver­schlech­terung der Qua­lität kommt. Denn Care-Arbeit ist kom­mu­ni­ka­ti­ons­ori­en­tiert und auf kon­krete, ein­zelne Men­schen bezogen und damit sehr zeit­in­tensiv. Dies hat die Aus­wirkung, dass in diesem Bereich Pro­duk­ti­vi­täts­stei­ge­rungen, die nicht gleich­zeitig die Qua­lität der Care-Arbeit ver­schlechtern, nur begrenzt möglich sind. Es kommt zu einer Krise der sozialen Repro­duktion, die ich als Teil der Über­ak­ku­mu­la­ti­ons­krise sehe.

Wie kann ver­hindert werden, dass viele sich doch wieder nur mit kleinen Ver­bes­se­rungen begnügen?
Die sozialen Aus­ein­an­der­set­zungen um all die kleinen Reform­schritte gilt es per­manent zu ver­binden mit dem Ein­treten für eine Gesell­schaft, in der alle – soli­da­risch und gemein­schaftlich orga­ni­siert – die jeweils eigenen Fähig­keiten ent­wi­ckeln können.
Dies bedeutet bspw., dass bei Aus­ein­an­der­set­zungen um ver­bes­serte Bil­dungs­fi­nan­zierung gleich­zeitig die kol­lektive Selbst­or­ga­ni­sation des Bil­dungs­systems ohne Zugangs­be­schrän­kungen ein­ge­fordert wird. Bei Aktionen von strei­kenden Ärzten und Pfle­ge­kräften muss darauf hin­ge­wiesen werden, dass es auch bei einer bes­seren Per­so­nal­aus­stattung noch viele Men­schen gibt, die grund­sätzlich von der Kran­ken­ver­sorgung aus­ge­schlossen sind. Auch lassen sich all diesen poli­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zungen im Care-Bereich mit For­de­rungen nach gesell­schaft­licher Teilhabe ver­binden.
Wird diese Ver­knüpfung bei allen poli­ti­schen Aktionen kon­se­quent durch­ge­führt, ist Care Revo­lution eine Stra­tegie, die Reformen nutzt, damit mög­lichst viele Men­schen bereits heute sinn­voller arbeiten und besser leben können, gleich­zeitig aber in diesen Aus­ein­an­der­set­zungen erkennen, dass letztlich darüber hin­aus­ge­hende, gesell­schaft­liche Ver­än­de­rungen erfor­derlich sind.
Wichtig ist also, in sozialen Aus­ein­an­der­set­zungen um Reformen die Per­spektive anderer in den Blick zu nehmen, für die Inklusion aller Men­schen ein­zu­treten sowie eine grund­le­gende gesell­schaft­liche Teilhabe durch demo­kra­tische Struk­turen ein­zu­fordern.
Diese Ziele sind ohne Rück­sicht auf die Frage zu ver­folgen, ob sie im Rahmen des der­zei­tigen poli­tisch-öko­no­mi­schen Systems rea­li­sierbar sind. Eine solche Stra­tegie nannte Rosa Luxemburg 1903 «revo­lu­tionäre Real­po­litik».

* Gabriele Winker lehrt und forscht an der TU Hamburg-Harburg und ist Mit­be­grün­derin des Femi­nis­ti­schen Instituts Hamburg sowie des bun­des­weiten «Netz­werks Care Revo­lution». Im ver­gan­genen Jahr war sie Mit­or­ga­ni­sa­torin der Akti­ons­kon­ferenz «Care Revo­lution» in Berlin, bei der ver­schiedene im Bereich sozialer Repro­duktion tätige Gruppen und Per­sonen zusam­men­kamen (siehe SoZ 5/2014). Im März 2015 erschien im Tran­script-Verlag ihr Buch Care Revo­lution. Schritte in eine soli­da­rische Gesell­schaft.

http://​www​.sozonline​.de/​2​0​1​5​/​0​7​/​s​t​r​e​i​k​s​-​i​m​-​e​r​z​i​e​h​u​n​g​s​-​u​n​d​-​p​f​l​e​g​e​b​e​r​eich/

Interview: Peter Nowak


»Wir haben es mit einer Krise der sozialen Reproduktion zu tun«

Gabriele Winker über die »Care Revo­lution« und warum die Sorge-Arbeit im Kapi­ta­lismus zunehmend ein Problem dar­stellt

Die Sozi­al­wis­sen­schaft­lerin Gabriele Winker[1] lehrt und forscht an der TU Hamburg-Harburg und ist Mit­be­grün­derin des Femi­nis­ti­schen Instituts Hamburg[2] sowie des bun­des­weiten »Netz­werks Care Revo­lution«. Im ver­gan­genen Jahr war sie Mit­or­ga­ni­sa­torin der Akti­ons­kon­ferenz Care Revolution[3] in Berlin, bei dem ver­schiedene im Bereich sozialer Repro­duktion tätige Gruppen und Per­sonen zusam­men­kamen. Im März ist im Tran­script-Verlag ihr Buch »Care Revo­lution. Schritte in eine soli­da­rische Gesellschaft«[4] erschienen.

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