Mit ‘Francis Seeck’ getaggte Artikel

„Die Anonymität brechen“

Montag, 11. Dezember 2017

Verstorbene ohne Angehörige werden häu g anonym bestattet. Kulturanthropolog*in Francis Seeck fordert in einem Buch auch für diese Menschen ein „Recht auf Trauer“

Francis Seeck ist Kulturanthropolog*in und Antidiskriminierungstrainer*in in Berlin. Das Buch: „Recht auf Trauer – Bestattungen aus machtkritischer Perspektive“, Edition Assemblage, 9,80 Euro.

taz: Francis Seeck, Sie fordern in Ihrem Buch ein „Recht auf Trauer“. Wem wird das verweigert?
Francis Seeck: Viele alleinlebende und obdachlose Men- schen werden ordnungsbehördlich bestattet, wenn innerhalb von sieben Tagen keine bestat- tungspflichtigen Angehörigen zu finden sind. Diese ordnungs- behördlichen Bestattungen werden teilweise als Gruppenbestat- tungen durchgeführt.

Was heißt das?
Das bedeutet, dass bis zu fünf Urnen unter die Erde gebracht werden. Die Toten ha-ben kein namentliches Grab. Freund*innen und Verwandten wird so das Recht auf Trauer genommen. Ich habe für das Buch Betroffene interviewt, die regel- recht unter Schock standen, weil sie nicht die Möglichkeit hatten, sich mit einer Beerdigung zu verabschieden.

Haben Sie selbst solche Erfahrungen gemacht?
Ja, als mein Vater starb, war ich im Ausland und nicht erreichbar. Ich wurde erst Monate später informiert, dass mein Vater ordnungsbehördlich anonym beerdigt und alle seine persönlichen Gegenstände entsorgt worden waren. Ich fühlte mich um mein Recht auf Trauer betrogen. Da ich beim Berliner Kälteschutz aktiv war, weiß ich, dass das kein Einzelfall ist.

Sind also im Tod nicht alle gleich?
Das hat nie gestimmt. Das zeigt sich schon daran, dass die Lebenserwartung von armen Männern elf Jahre niedriger als die von wohlhabenden Männern ist. Bei Frauen liegt dieser Unterschied laut dem Armutsbericht 2017 des Paritätischen Wohlfahrtsverbands bei acht Jahren. Wohnungslose Männer haben sogar nur eine Lebenser- wartung von 46 Jahren.

Sie sprechen von der Ökonomisierung des Todes. Was meinen Sie damit?
Das Lebensende wird zunehmend als individuelles Projekt verstanden, um das sich die Einzelnen selbst kümmern sollten. Für Menschen, die es sich leisten können, gibt es viele Möglichkeiten individueller und selbstbestimmter Bestattungen. Wer wenig Geld und keine Angehörigen oder Vorsorge hat, wird ordnungsbehördlich bestattet. Da ist der Zeit- und Kostendruck groß. Um Kühlkosten zu sparen, muss schnell beerdigt werden.


Sie beschreiben auch Interventionen für ein Recht auf Trauer. Können Sie Beispiele nennen?

In Berlin gibt es etwa das Grab mit vielen Namen. Die Kreuzberger Gemeinde Heilig-Kreuz- Passion hat im August 2002 eine historische Grabstätte auf den Friedhöfen vor dem Halleschen Tor erworben. Dort werden vor allem verstorbene wohnungs- und obdachlose Männer aus dem Wohnheim Nostizstraße namentlich und mit Trauerfeier beerdigt.


Gibt es mehr Strategien gegen anonyme Beerdigungen?

Mir ist mir bei meinen Be suchen von ordnungsbehörd- lichen Beerdigungen aufgefallen, dass Trauernde die Anonymität brechen, in dem sie Fotos der Toten auslegen oder ihre Namen auf Steine schreiben. Oder sie ergreifen das Wort, unterbrechen die Pfarrer_innen, sprechen über den Toten und tau- schen Erinnerungen aus.

Wie könnten würdige Beerdigungen für alle Menschen erreicht werden?
2004 wurde das Sterbegeld abgeschafft, das die Krankenkassen gezahlt haben. Es sollte wieder eingeführt werden. Zudem sollte es eine freie Wahl der Orte der Bestattung und des Bestattungsunternehmens geben. Das ist aktuell bei ordnungsbehördlichen Bestattungen nicht möglich. Da bekommen die Bestattungsunternehmen und Friedhöfe den Zuschlag, die am billigsten sind.

aus. Taz vom 12.12.2017
http://www.taz.de/!5464982/
interview: Peter Nowak

Trauer

Donnerstag, 19. Oktober 2017

Über die gesellschaftliche Ungleichheit in Deutschland ist schon viel geschrieben worden. Doch das Buch, das die Berliner Sozialwissenschaftlerin Francis Seeck herausgegeben hat, ist eine Pionierarbeit. Auf gut 100 Seiten beschäftigt sie sich damit, wie einkommensarme Menschen oft in einem namenlosen Grab bestattet werden. Dadurch werde ihren Freund_innen und Angehörigen das Recht auf Trauer genommen. Recht auf Trauer, das ist auch der Titel des Buches. Darin beschreibt Seeck ihren subjektiven Zugang zum Thema: Vom Tod ihres Vaters erfuhr sie, als ihr das Bezirksamt Berlin-Neukölln die Rechnung für seine Bestattung schickte, über die sie nicht informiert worden war. Ausgehend von der eigenen Erfahrung schrieb sie ein sehr persönliches Buch, in dem sie den anonym Bestatteten ihre Namen zurückgibt. Auch Kurzbiografien und Gedichte finden sich darin. Die Autorin berichtet über Widerstandsstrategien, mit denen Freund_innen und Bekannte gegen die namenlose Beerdigung ihr Recht auf Trauer oft gegen den Willen des Friedhofpersonals durchsetzen. Seeck zeigt, wie auch bei Beerdigungen sexistische und rassistische Unterdrückungsmechanismen greifen. Theoretisch rekurriert die Autorin auf eine Rede Judith Butlers. Als ihr der Adorno-Preis verliehen wurde, sagte die Philosophin: »Die Unbetrauerbaren versammeln sich gelegentlich zum öffentlichen Aufstand der Trauer, und deshalb lassen sich in vielen Ländern Beerdigungen und Demonstrationen nur schwer unterscheiden«.

https://www.akweb.de/ak_s/ak631/20.htm
aus: analyse und kritik

Peter Nowak

Francis Seeck: Recht auf Trauer. Bestattungen aus machtkritischer Perspektive. edition assemblage, Münster 2017. 112 Seiten, 9,80 EUR.