Umgekehrter 68er

Den gesell­schaft­lichen Auf­bruch vor 50 Jahren erlebte Wolfgang Hien als junger Arbeiter.

»Ich hatte das Gym­nasium nach der siebten Klasse abge­brochen. „Umge­kehrter 68er“ wei­ter­lesen

«Lobbygruppen verbieten!»

Die Abgas­tests an Men­schen haben Schlag­zeilen gemacht, Poli­ti­ke­rInnen aller Par­teien äus­serten sich empört und der ver­ant­wort­liche Konzern sagt, dass soll nicht mehr vor­kommen. WarumIn Deutschland empörten sich Medien und Politik über Abgas­tests an Men­schen. Der wirk­liche Skandal liegt woanders. Ein Gespräch mit dem Arbeits­wis­sen­schaftler und Medi­zin­so­zio­logen Wolgang Hien.

Die Abgas­tests an Men­schen haben Schlag­zeilen gemacht, Poli­ti­ke­rInnen aller Par­teien äus­serten sich empört und der ver­ant­wort­liche Konzern sagt, dass soll nicht mehr vor­kommen. Warum diese Auf­regung?

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»Oftmals heuchlerisch«

Der Bremer Medi­zin­so­ziologe Wolfgang Hien warnt seit langem davor, die gesund­heit­liche Belastung durch Schad­stoff­emis­sionen der Industrie zu unter­schätzen. Die Auf­regung über die Abgas­tests der deut­schen Auto­bauer ver­kenne die eigent­liche Dimension der Pro­bleme.

Wolfgang Hien ist Arbeits­wis­sen­schaftler und Medi­zin­so­ziologe. Er leitet die For­schungs­stelle Arbeit, Gesundheit und Bio­graphie in Bremen und beschäftigt sich mit Gesund­heits­be­las­tungen innerhalb der Wohn- und Arbeitswelt. Im VSA-Verlag ist sein Buch »Kranke Arbeitswelt« erschienen.
Am 9. Februar hält er im FAU-Lokal in Berlin einen Vortrag zum selben Thema.

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Wer von Glyphosat redet, darf von Kapitalismus nicht schweigen

Ein CSU-Minister als Ver­treter der Land­wirt­schafts­in­dustrie gegen eine Öko­ka­pi­ta­listin mit SPD-Par­teibuch. So stellte sich Ende November die Aus­ein­an­der­setzung zur Ver­län­gerung der Gly­phosat-Zulassung in der EU da. Doch diese Per­so­ni­fi­zierung ver­stellt den Blick darauf, dass in einer Gesell­schaft, in der der Profit das Maß aller Dinge ist, eben nicht die Frage der Gesundheit an erster Stelle steht. Davon berichtet sehr kennt­nis­reich der Leiter der For­schungs­stelle Arbeit, Gesundheit und Bio­graphie in Bremen Wolfgang Hien in seinen im VSA-Verlag erschie­nenen Buch „Kranke Arbeitswelt“.
Hien erinnert noch einmal an die Asbest-Kata­strophe, die eigent­lichen besser als Kri­mi­nalfall bezeichnet wird. Motiv: Pro­fit­stei­gerung, Täter: Ver­treter aus Wirt­schaft, Politik und Arbeits­me­dizin, gedeckt wurden sie von DGB-Vor­ständen und jenen Teil der Lohn­ab­hän­gigen, die für einen Arbeits­platz über Leichen gehen.
„Leider muss zugleich fest­ge­halten werden, dass auch füh­rende Gewerk­schaftler und viele Betriebsräte sich damals der Meinung anschlossen, ganz einfach auch deshalb, weil sie um ihre Arbeits­plätze fürch­teten“, schreibt Hien. Er zeigt auch, mit welch harten Ban­dagen im wahrsten Sinne des Wortes auch unter Lohn­ab­hän­gigen für die Arbeit mit gesund­heits­schäd­lichen Mate­rialen gekämpft wurde. Da wurde schon mal einen oppo­si­tio­neller Betriebsrat nicht nur verbal sondern auch kör­perlich atta­ckiert. Hien erinnert aber auch daran, wie in Italien Lohn­ab­hängige gemeinsam mit Akti­vis­tInnen der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken gegen gesund­heits­ge­fähr­dende Arbeits­be­din­gungen aktiv geworden sind. Und er erinnert an oppo­si­tio­nelle Gewerk­schaf­te­rInnen wie die Echolot-Gruppe in der deut­schen Che­mie­in­dustrie, die auch von den DGB-Gewerk­schaften nicht unter­stützt wurde.

Dabei geht es nicht um mora­lische Kritik. Das Klein­bür­gertum in ihren Öko­stadt­teilen hat nun wahrlich keine Ver­an­lassung, sich über Lohn­ab­hängige zu mokieren, die angeblich zu dumm seien, um sich vor gesund­heits­schäd­lichen Arbeits­be­din­gungen. Nein, es ist die kapi­ta­lis­tische Pro­fit­ge­sell­schaft, die Men­schen so zurichtet, dass sie für einen Arbeits­platz ihre Gesundheit zu rui­nieren bereit sind. Hien jeden­falls stellt das in seinem Buch ganz klar.
Er macht nicht die Opfer dafür ver­ant­wortlich. Seine Kritik richtet sich an die Wis­sen­schaft­le­rInnen, dar­unter viele Arbeits­me­di­zi­ne­rInnen, und die Wirt­schafts­ver­bände, die jah­relang gegen alle wis­sen­schaft­liche Evidenz bestritten, dass Asbest gesund­heits­schädlich ist. Hien spricht sogar davon, dass sich füh­rende Wis­sen­schaft­le­rInnen des Bun­des­ge­sund­heits­amtes von der Asbest­in­dustrie haben kaufen lassen. Eternit und andere Unter­nehmen und eben auch viele gekaufte Wis­sen­schaftler behaup­teten bis zuletzt, Asbest sei nicht oder nur gele­gentlich gesund­heits­schädlich.
Wenn man das Kapitel über den Kri­mi­nalfall Asbest und den langen Kampf liest, bis
auch die Wirt­schafts­ver­bände nicht mehr ver­hindern konnten, dass Asbest als gesund­heits­ge­fähr­dendes Material aner­kannt wurde, erinnert man sich an das Diktum von Karl Marx Für 100 Prozent Profit geht das Kapital über Leichen. Während der Kri­mi­nalfall Asbest doch noch in Erin­nerung geblieben ist, ist es Hien zu ver­danken, noch einmal auf die Arsen­ka­ta­strophe an der Mosel erinnert zu haben. Dass von BASF pro­du­ziert Insek­ten­ver­nich­tungs­mittel Arsen­trioxid ver­ur­sachte viele töd­liche Erkran­kungen. Hien zeigt auf, wie Arbeits­me­di­zi­ne­rInnen noch ver­suchten, den Opfern nach­träglich die Ent­schä­di­gungs­zah­lungen zu ver­weigern.

Heute werden die Gesund­heits­ge­fahren expor­tiert

Hien ist auch weit davon ent­fernt, diese Pro­bleme als nicht mehr aktuell dar­zu­stellen. Im Gegenteil wird heute das Gesund­heits­problem aus­ge­lagert. Leih­ar­bei­te­rInnen aus Ost­europa oder dem glo­balen Süden sterben in ihren Hei­mat­ländern an den Krank­heiten, die sie sich bei gesund­heits­ge­fähr­denden Arbeiten im glo­balen Norden zuge­zogen haben. Oder das Gift­ma­terial wird gleich in den glo­balen Süden expor­tiert, was Hien am Bei­spiel der Demontage von Schiffen in Asien zeigt. Wenn aber in Indien oder Afrika Men­schen an den Wohl­standsmüll aus dem glo­balen Norden sterben, erregt das längst nicht so sehr, als wenn nun das viel­leicht gele­gentlich gesund­heits­schäd­liche Gly­phosat im EU-Raum zum Einsatz kommt. Gerade das öko­ka­pi­ta­lis­tische Klein­bür­gertum empört sich nur gele­gentlich, wenn im glo­balen Süden Men­schen krank werden für den Wohl­stand im Norden. In der Debatte um das mög­li­cher­weise „gele­gentlich gesund­heits­schäd­liche“ Gly­phosat ist aber nur glaub­würdig, wer die hohe Mess­latte für mög­liche Gesund­heits­ge­fähr­dungen global anlegt. Und wer das Problem beim Namen nennt, das Kapi­ta­lismus heißt.

aus Gras­wur­zel­re­vo­lution Januar 2018

http://​www​.gras​wurzel​.net/425/
Peter Nowak

Hien Wolfgang, Kranke Arbeitswelt, VSA-Verlag, 200 Seiten, EUR 16.80 , ISBN 978–3-89965–703-6