«Lobbygruppen verbieten!»

Die Abgas­tests an Men­schen haben Schlag­zeilen gemacht, Poli­ti­ke­rInnen aller Par­teien äus­serten sich empört und der ver­ant­wort­liche Konzern sagt, dass soll nicht mehr vor­kommen. WarumIn Deutschland empörten sich Medien und Politik über Abgas­tests an Men­schen. Der wirk­liche Skandal liegt woanders. Ein Gespräch mit dem Arbeits­wis­sen­schaftler und Medi­zin­so­zio­logen Wolgang Hien.
diese Auf­regung?

Ich befasse mich als Arbeits- und Gesund­heits­wis­sen­schaftler seit Jahr­zehnten mit Gefahr­stoffen und Belas­tungen am Arbeits­platz. Auf mich wirkt dieser ganze Hype oder diese ganze Auf­regung sehr seltsam. Natürlich machen die Chemie- und die Phar­ma­in­dustrie seit mehr als 100 Jahren ent­weder selbst Expe­ri­mente, auch mit Men­schen, oder sie ver­geben solche Expe­ri­men­tal­auf­träge an Uni­ver­si­täten und andere Institute. Das ist über­haupt nichts Neues. Ich selbst habe auf diese Dinge in Publi­ka­tionen und in Vor­trägen seit den 1980er Jahren des letzten Jahr­hun­derts immer wieder hin­ge­wiesen. Und natürlich ist das Interesse der Industrie grund­sätzlich immer, her­aus­zu­be­kommen, wie viel Gifte der Mensch gerade noch ver­trägt, wie viel er ver­kraften kann. Und immer wieder hat die Industrie ver­sucht, der Frage aus­zu­weichen, was denn gesund­heitlich pas­siert, wenn die Expo­sition – also das Aus­ge­setztsein gegenüber schäd­lichen Stoffen oder Ein­flüssen – sich über Jahre und Jahr­zehnte hin­zieht.

Können Sie dafür ein Bei­spiel nennen?
Das Problem haben wir auch beim NO2, dem Stick­stoff­dioxid. Die Ver­suche, die mit total gesunden Per­sonen und nur mit jeweils wenigen Stunden in Aachen gemacht wurden, sind ziemlich harmlos. Da kann gar nichts Schlimmes her­aus­kommen. Die Expo­sition lag weit unterhalb der maxi­malen Arbeits­platz­kon­zen­tration, die bis 2008 jahr­zehn­te­lange Geltung hatte. Das waren über lange Zeiten hinweg 5 ppm, das sind 5 Kubik­zen­ti­meter Gas auf einen Kubik­meter Atemluft. Das waren umge­rechnet 9,5 mg/​m3. In Aachen wurde junge gesunde Leute maximal 1,5 ppm aus­ge­setzt. 2009 gab es eine Ent­scheidung der MAK-Kom­mission, das ist eine Wis­sen­schaft­le­rIn­nen­kom­mission, auch solche aus der Industrie, die die Maximale Arbeits­platz-Kon­zen­tration (MAK) fest­stellen bzw. Vor­schlage für deren amt­liche Fest­legung machen. Die MAK-Kom­mission hat 2009 den Grenzwert auf ein Zehntel des bis­he­rigen Grenz­wertes her­un­ter­ge­setzt, auf 0,5 ppm, weil eben doch nicht aus­zu­schliessen ist, dass eine lang­fristige Expo­sition, die darüber liegt, Lun­gen­schäden ver­ur­sacht. Das weiss man längst und in Aachen wurde das nochmal bestätigt.

Wo müsste die eigent­liche Kritik ansetzen?
Der eigent­liche Skandal liegt erstens darin, dass Hun­dert­tau­sende von Men­schen am Arbeits­platz über Jahr­zehnte einer tat­sächlich schä­di­genden Kon­zen­tration aus­ge­setzt waren, obwohl es seit Jahr­zehnten eine klare Kritik an der alten Grenz­wert­setzung gegeben hat. Zweitens ist es ein Skandal, dass viele Mil­lionen Men­schen, vor allem Kinder, chro­nisch Kranke und Alte, an stark befah­renen Strassen nicht nur acht Stunden am Tag und vierzig Stunden in der Woche, sondern rund um die Uhr mit erheb­lichen Kon­zen­tra­tionen belastet sind, die mit Sicherheit sta­tis­tisch gesehen Schäden ver­ur­sachen. Der eigent­liche Skandal ist, dass hier seit Jahr­zehnten ein Mas­sen­ex­pe­riment am Men­schen vor­ge­nommen wird. All das haben wir kri­ti­schen Wis­sen­schaft­le­rInnen seit langem the­ma­ti­siert.

Wie wurde auf diese Kritik reagiert?
Die Reaktion war immer eher ver­halten. Man ent­gegnete uns: Wir leben halt nun mal in einem Indus­trieland, ein Zurück zur Natur kann es nicht geben, Kol­la­te­ral­schäden gibt es immer. Dass man sich jetzt plötzlich aufregt, ist in vielen Fällen Heu­chelei, manchmal viel­leicht aber auch eine erste Erkenntnis, nach welcher Logik die Dinge bei uns laufen.

Sind die 25 Pro­ban­dInnen, die sich den Abgas­tests unter­zogen haben, über­haupt reprä­sen­tativ?
Es geht ja hier um toxi­ko­lo­gische For­schungen, um erste Anzeichen einer schä­di­genden Wirkung beim Men­schen zu ermitteln. Man kann der­artige Tests durchaus mit so wenigen Leuten machen, je nach Ver­suchs­aufbau kann das schon Erkennt­nisse bringen. Wichtig wäre eine sehr genaue Wahr­nehmung von Befind­lich­keits­stö­rungen

Die Lob­by­ver­ei­nigung «Euro­päische For­schungs­ver­ei­nigung für Umwelt und Gesundheit», die Tests ver­an­lasste, wurde bereits im letzten Jahr auf­gelöst. Kommt die Kritik nicht zu spät?
Es gibt Hun­derte von aggres­siven Lob­by­gruppen, und wenn es nach mir ginge, müssten die ver­boten werden. Zumindest aber müsste aus Steu­er­mitteln den unab­hän­gigen Ver­bänden und kri­ti­schen Wis­sen­schaft­le­rInnen das Hun­dert­fache an Zuwen­dungen gegeben werden, damit auch sie Lob­by­arbeit im Sinne der Men­schen und des Schutzes ihrer Gesundheit machen können.

Ist also die Regel, dass kon­zernnahe Lob­by­or­ga­ni­sa­tionen solche Tests machen?
Das kommt häufig vor und am Schlimmsten sind die Geheim­hal­tungs­rechte der Kon­zerne. Gerade bei Pes­ti­ziden wissen wir seit Jahr­zehnten, dass sehr besorg­nis­er­re­gende Daten geheim gehalten werden. Bas­agran, ein früher ver­wen­detes Pes­tizid des Che­mie­kon­zerns BASF, hat in höheren Dosie­rungen im Tier­versuch Krebs erzeugt. Das kam erst heraus, nachdem eine US-ame­ri­ka­nische Bür­ge­rIn­nen­in­itiative eine Klage auf ihr «Right to know» gewonnen hat. Von Gly­phosat ist das Gleiche durch­ge­si­ckert – auch dieser Stoff erzeugt Krebs. Die zustän­digen Behörden, hier das Bun­des­in­stitut für Risi­ko­be­wertung, ein Teil des frü­heren Bun­des­ge­sund­heits­amtes, schwimmt im Strom der indus­trie­hö­rigen Toxi­ko­logie mit und gibt sich mit angeb­lichen Ergeb­nissen geheim gehal­tener Daten zufrieden.

Sie haben in Ihren Buch «Kranke Arbeitswelt» viele Bei­spiele solcher kon­zern­naher Wis­sen­schaft auf­ge­listet. Können Sie eins nennen?
Ein ekla­tantes Bei­spiel ist das Asbest. Hier ver­sucht eine starke Lobby, unter­stützt von einigen wenigen weltweit füh­renden Wis­sen­schaft­le­rInnen, Weis­sasbest als harmlos dar­zu­stellen oder zumindest weniger schädlich, nicht oder nur gering krebs­er­zeugend. Diese Lobby ver­sucht also, das Rad der Geschichte zurück­zu­drehen und die momentan gül­tigen Bestim­mungen und nun doch relativ nied­rigen Grenz­werte aus­zu­hebeln. Zum Glück haben sich ver­ant­wor­tungs­volle Wis­sen­schaft­le­rInnen offen gegen diese Lobby gestellt und auf­ge­zeigt, dass deren Argu­men­tation und angeb­lichen Daten keine Grundlage besitzen. Es gibt nach­weisbare Fälle, bei denen zuweilen viel Geld im Spiel ist. Ich habe dazu mal eine tie­fer­ge­hende Unter­su­chung über die Ver­stri­ckung füh­render Arbeits­me­di­zi­ne­rInnen mit der Tabak­in­dustrie gemacht. Es ging um Pas­siv­rauchen, auch die Belas­tungen etwa in Woh­nungen, wo ja Kinder besonders expo­niert sind.

Welche Rolle spielen gesund­heits­schäd­liche Stoffe in der Arbeitswelt?
Expo­si­tionen in der Arbeitswelt sind natürlich viel höher als die in der Umwelt. Diese Aussage gilt freilich nur hier­zu­lande, nicht für die Schwel­len­länder und Dritt-Welt-Länder. Dort spielen Kinder auf regel­rechten Gift­müll­de­ponien. Doch zurück zur Arbeitswelt hier­zu­lande: Da wird mit vielen neuen Stoff­sys­temen han­tiert, Epo­xid­harzen, Iso­cyanate, Nano­par­tikel, die nur unzu­rei­chend auf Lang­zeit­wir­kungen unter­sucht sind. Auch hier findet ein Men­schen­versuch in grös­seren Massstab statt, der nicht nach drei Stunden endet, sondern der ein Arbeits­leben lang läuft, das schon mit 45 oder 55 zu Ende sein kann wegen vor­zei­tiger arbeits­be­dingter Krankheit oder arbeits­be­dingtem Tod.

Wolfgang Hien ist Arbeits­wis­sen­schaftler und Medi­zin­so­ziologe und Leiter der For­schungs­stelle Arbeit, Gesundheit und Bio­graphie in Bremen. Er beschäftigt sich mit krank­ma­chenden Stoffen im Wohn- und Arbeitswelt.

aus: Vorwärts/​Schweiz 16.3.2018

«Lob­by­gruppen ver­bieten!»

Interview: Peter Nowak

»Oftmals heuchlerisch«

Der Bremer Medi­zin­so­ziologe Wolfgang Hien warnt seit langem davor, die gesund­heit­liche Belastung durch Schad­stoff­emis­sionen der Industrie zu unter­schätzen. Die Auf­regung über die Abgas­tests der deut­schen Auto­bauer ver­kenne die eigent­liche Dimension der Pro­bleme.

Wolfgang Hien ist Arbeits­wis­sen­schaftler und Medi­zin­so­ziologe. Er leitet die For­schungs­stelle Arbeit, Gesundheit und Bio­graphie in Bremen und beschäftigt sich mit Gesund­heits­be­las­tungen innerhalb der Wohn- und Arbeitswelt. Im VSA-Verlag ist sein Buch »Kranke Arbeitswelt« erschienen.
Am 9. Februar hält er im FAU-Lokal in Berlin einen Vortrag zum selben Thema

Die von deut­schen Auto­mo­bil­kon­zernen in Auftrag gege­benen Stick­stoff­di­oxid­ver­suche haben Schlag­zeilen gemacht. Poli­tiker aller Par­teien äußerten sich ­empört. Die Kon­zern­lei­tungen haben sich inzwi­schen davon ­distan­ziert. Wie glaubhaft sind solche Distan­zie­rungen?
Als Arbeits- und Gesund­heits­wis­sen­schaftler befasse ich mich seit Jahr­zehnten mit Gefah­ren­stoffen und Belas­tungen am Arbeits­platz. Auf mich wirkt die Auf­regung über diesen Fall sehr merk­würdig. Natürlich machen die Chemie- und die Phar­ma­in­dustrie seit mehr als 100 Jahren ent­weder selbst Expe­ri­mente, auch mit Men­schen, oder sie ver­geben ent­spre­chende Auf­träge an Uni­ver­si­täten und andere For­schungs­in­stitute. Das ist erst mal über­haupt nichts Neues. Grund­sätzlich ist es das Interesse der Industrie, her­aus­zu­be­kommen, wie viele Gifte der Mensch ver­kraften kann. Dabei haben die Unter­nehmen stets ver­sucht, der viel wich­ti­geren Frage aus­zu­weichen, was es für die Gesundheit bedeutet, wenn Men­schen schäd­lichen Stoffen oder Giften über Jahre und Jahr­zehnte aus­gesetzt sind.

Können Sie dafür ein Bei­spiel nennen?
Das Problem haben wir auch beim NO², dem Stick­stoff­dioxid. Die Ver­suche der RWTH Aachen, die mit völlig gesunden Per­sonen über wenige Stunden gemacht wurden, sind ziemlich harmlos. Da konnte also gar nichts Schlimmes her­aus­kommen. Die Expo­sition lag weit unterhalb der­je­nigen Werte, die jahr­zehn­telang als maximale Kon­zen­tration am Arbeits­platz Geltung hatte. Dieser Wert lag bis zum Jahr 2008 bei fünf ppm (parts per million), das sind fünf Kubik­zen­ti­meter Gas in einem Kubik­meter Atemluft. In Gewicht umge­rechnet wären das 9,5 Mil­li­gramm pro Kubik­meter. In Aachen wurden junge gesunde Leute maximal 1,5 ppm aus­ge­setzt.

»Die Ver­suche der RWTH Aachen, die mit völlig gesunden Per­sonen während weniger Stunden gemacht wurden, sind ziemlich harmlos. Da konnte also gar nichts Schlimmes her­aus­kommen. Die Expo­sition lag weit unterhalb der­je­nigen, die jahr­zehn­telang als maximale Kon­zen­tration am Arbeits­platz Geltung hatte.«

Der soge­nannte MAK-Wert gibt die maximal zulässige Kon­zen­tration eines Stoffes als Gas, Dampf oder Schweb­stoff in der Luft am Arbeits­platz an, bei der kein Gesund­heits­schaden zu erwarten ist, auch wenn man der Kon­zen­tration in der Regel acht Stunden aus­ge­setzt wird. Der MAK-Richtwert wurde schon vor Jahren ­her­ab­ge­setzt.
Die MAK-Kom­mission hat den Grenzwert 2009 auf ein Zehntel her­un­ter­ge­setzt, von fünf ppm auf 0,5 ppm, weil eben doch nicht aus­zu­schließen ist, dass eine lang­fristige Expo­sition, die darüber liegt, Lun­gen­schäden ver­ur­sacht. Das weiß man längst und in Aachen wurde das erneut bestätigt.

Wo müsste die Kritik ansetzen?
Der eigent­liche Skandal liegt erstens darin, dass Hun­der­tau­sende Men­schen am Arbeits­platz über Jahr­zehnte einer tat­sächlich schä­di­genden Kon­zen­tration aus­ge­setzt waren, obwohl es seit Jahr­zehnten Kritik an der alten Grenz­wert­setzung gab. Zweitens ist es ein Skandal, dass Mil­lionen Men­schen, vor allem Kinder, chro­nisch Kranke und Alte, an stark befah­renen Straßen nicht nur acht Stunden am Tag und 40 Stunden in der Woche, sondern rund um die Uhr mit erheb­lichen Kon­zen­tra­tionen belastet sind, was sta­tis­tisch gesehen mit Sicherheit Schäden ver­ur­sacht. Der eigent­liche Skandal ist, dass hier seit Jahr­zenten ein Mas­sen­ex­pe­riment an Men­schen vor­ge­nommen wird. All das haben kri­tische Wis­sen­schaftler seit langem the­ma­ti­siert.

Wie haben Politik und Unter­nehmen auf diese Kritik reagiert?
Die Reaktion war immer ver­halten. Man ent­gegnete uns: Wir leben halt nun mal in einem Indus­trieland, ein Zurück zur Natur kann es nicht geben, Kol­la­te­ral­schäden gibt es immer. Dass man sich jetzt plötzlich aufregt, ist oftmals heuch­le­risch, manchmal viel­leicht aber auch eine erste Erkenntnis, nach welcher Logik die Dinge bei uns laufen.

Sind die 25 Pro­banden, die sich den Abgas­tests unter­zogen haben, über­haupt reprä­sen­tativ?
Es geht hier um toxi­ko­lo­gische For­schungen, es ist der Versuch, erste Anzeichen einer schä­di­genden Wirkung beim Men­schen zu ermitteln. Man kann der­artige Tests durchaus mit wenigen Leuten machen, je nach Ver­suchs­aufbau kann das schon ­Erkennt­nisse bringen. Wichtig wäre, Befind­lich­keits­stö­rungen genau wahr­zu­nehmen.

Es gibt Hun­derte von aggres­siven Lob­by­gruppen«

Die Lob­by­ver­ei­nigung »Euro­päische For­schungs­ver­ei­nigung für Umwelt und Gesundheit im Trans­port­sektor« (EUGT), die die Tests ver­an­lasst hatte, wurde im ver­gan­genen Jahr auf­gelöst. Kommt die Maß­nahme zu spät?
Es gibt Hun­derte von aggres­siven Lob­by­gruppen, die man alle gerne auf­lösen kann. Zumindest aber müsste aus Steu­er­mitteln den unab­hän­gigen Ver­bänden und kri­ti­schen Wis­sen­schaftlern das Hun­dert­fache an Zuwen­dungen gegeben werden, damit auch sie Lob­by­arbeit im Sinne der Men­schen und des Schutzes ­ihrer Gesundheit leisten können.

Ist es die Regel, dass kon­zernnahe Lob­by­or­ga­ni­sa­tionen solche Tests machen?
Das kommt leider häufig vor und wird von den Kon­zernen geheim­ge­halten. Gerade bei Pes­ti­ziden weiß man seit Jahr­zehnten, dass besorg­nis­er­re­gende Daten geheim gehalten werden. Bas­agran, ein früher ver­wen­detes Pes­tizid der BASF, hat in höheren Dosie­rungen im Tier­versuch Krebs erzeugt. Das kam erst heraus, nachdem eine US-ame­ri­ka­nische Bür­ger­initiative eine Klage auf ihr right to know gewonnen hat. Von Gly­phosat ist das Gleiche durch­ge­si­ckert, auch dieser Stoff erzeugt Krebs. Die zustän­digen Behörden, in diesem Fall das Bun­des­in­stitut für ­Risi­ko­be­wertung, ein Teil des frü­heren Bun­des­ge­sund­heitsamts, be­wegen sich im Strom einer indus­trie­hö­rigen Toxi­ko­logie und geben sich mit For­schungs­er­geb­nissen auf Basis geheim­ge­hal­tener Daten zu­frieden.

Sie haben in Ihrem Buch »Kranke Arbeitswelt« viele Bei­spiele kon­zern­naher Wis­sen­schaft auf­ge­listet. Können Sie ein besonders Auf­fäl­liges nennen?
Ein ekla­tantes Bei­spiel ist das Asbest. Hier ver­sucht eine starke Lobby, unter­stützt von einigen wenigen weltweit füh­renden Wis­sen­schaftlern, Weiß­asbest als harmlos dar­zu­stellen oder zumindest als weniger schädlich, als nicht oder nur in geringem Maß krebs­er­zeugend. Diese Lobby ver­sucht, das Rad der Geschichte ­zurück­zu­drehen und die momentan gül­tigen Grenz­werte auf­zu­heben. Zum Glück haben sich ver­ant­wor­tungs­volle Wis­sen­schaftler offen gegen diese Lobby gestellt und auf­ge­zeigt, dass deren Argu­men­tation und angeb­liche Daten keine Basis be­sitzen. Es gibt nach­weisbare Fälle, bei denen zuweilen viel Geld im Spiel ist. Ich habe dazu eine tie­fer­ge­hende Unter­su­chung über die Ver­stri­ckung füh­render Arbeits­me­di­ziner mit der Tabak­in­dustrie gemacht. Es ging um das Pas­siv­rauchen, auch um die Belas­tungen etwa in Woh­nungen, wo Kinder besonders expo­niert sind.

Ist die Wis­sen­schaft von der Wirt­schaft kor­rum­piert?
Nein, es geht aber um ein Denken, in dem viele Wis­sen­schaftler, Arbeits- und Umwelt­me­di­ziner ver­fangen sind, was dazu führt, dass sie auch ohne Bestechung sehr industrie­nah ein­ge­stellt sind. Dazu gibt es ein aktu­elles Bei­spiel: Geschäfts­führer der EUGT war Michael Spallek, der zuvor Leiter des Gesund­heits­schutzes der VW-Abteilung Nutz­fahr­zeuge war. Er hat zur Jah­res­tagung der Deut­schen Gesell­schaft für Arbeits- und Umwelt­me­dizin einen Vortrag ange­meldet, der akzep­tiert wurde und den er zusammen mit einem Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaftler an recht pro­mi­nenter Stelle halten wird. Der Titel: »N0x-Risi­ko­kom­mu­ni­kation. Klärung eines Vexier­bildes«. Dazu heißt es im Abs­tract: »›Vor­zeitige Todes­fälle‹ durch N0x-Emis­sionen sind nur ein theo­retisches Kon­strukt und ohne prak­tische oder reale Bedeutung für das Indi­viduum.«

Welche Rolle spielen gesund­heits­schäd­liche Stoffe in der Arbeitswelt?
Expo­si­tionen in der Arbeitswelt sind höher als die in der sons­tigen Umwelt. Diese Aussage gilt freilich nur hier­zu­lande, nicht für die Schwel­len­länder und Länder der Dritten Welt, wo Kinder auf regel­rechten Gift­müll­de­ponien spielen. In den Indus­trie­na­tionen wird mit vielen neuen Stoff­sys­temen han­tiert, Epo­xid­harzen, Iso­cya­naten, Nano­par­tikeln, die nur unzu­rei­chend auf Lang­zeit­wir­kungen unter­sucht sind. Auch hier findet ein Men­schen­versuch in grö­ßerem Maßstab statt, der nicht nach drei Stunden endet, sondern der ein Arbeits­leben lang läuft, das schon mit 45 oder 55 zu Ende sein kann wegen arbeits­be­dingter Krankheit oder vor­zei­tigem arbeits­be­dingtem Tod.

https://​jungle​.world/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​8​/​0​6​/​o​f​t​m​a​l​s​-​h​e​u​c​h​l​e​risch

Interview von Peter Nowak

Wer von Glyphosat redet, darf von Kapitalismus nicht schweigen

Ein CSU-Minister als Ver­treter der Land­wirt­schafts­in­dustrie gegen eine Öko­ka­pi­ta­listin mit SPD-Par­teibuch. So stellte sich Ende November die Aus­ein­an­der­setzung zur Ver­län­gerung der Gly­phosat-Zulassung in der EU da. Doch diese Per­so­ni­fi­zierung ver­stellt den Blick darauf, dass in einer Gesell­schaft, in der der Profit das Maß aller Dinge ist, eben nicht die Frage der Gesundheit an erster Stelle steht. Davon berichtet sehr kennt­nis­reich der Leiter der For­schungs­stelle Arbeit, Gesundheit und Bio­graphie in Bremen Wolfgang Hien in seinen im VSA-Verlag erschie­nenen Buch „Kranke Arbeitswelt“.
Hien erinnert noch einmal an die Asbest-Kata­strophe, die eigent­lichen besser als Kri­mi­nalfall bezeichnet wird. Motiv: Pro­fit­stei­gerung, Täter: Ver­treter aus Wirt­schaft, Politik und Arbeits­me­dizin, gedeckt wurden sie von DGB-Vor­ständen und jenen Teil der Lohn­ab­hän­gigen, die für einen Arbeits­platz über Leichen gehen.
„Leider muss zugleich fest­ge­halten werden, dass auch füh­rende Gewerk­schaftler und viele Betriebsräte sich damals der Meinung anschlossen, ganz einfach auch deshalb, weil sie um ihre Arbeits­plätze fürch­teten“, schreibt Hien. Er zeigt auch, mit welch harten Ban­dagen im wahrsten Sinne des Wortes auch unter Lohn­ab­hän­gigen für die Arbeit mit gesund­heits­schäd­lichen Mate­rialen gekämpft wurde. Da wurde schon mal einen oppo­si­tio­neller Betriebsrat nicht nur verbal sondern auch kör­perlich atta­ckiert. Hien erinnert aber auch daran, wie in Italien Lohn­ab­hängige gemeinsam mit Akti­vis­tInnen der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken gegen gesund­heits­ge­fähr­dende Arbeits­be­din­gungen aktiv geworden sind. Und er erinnert an oppo­si­tio­nelle Gewerk­schaf­te­rInnen wie die Echolot-Gruppe in der deut­schen Che­mie­in­dustrie, die auch von den DGB-Gewerk­schaften nicht unter­stützt wurde.

Dabei geht es nicht um mora­lische Kritik. Das Klein­bür­gertum in ihren Öko­stadt­teilen hat nun wahrlich keine Ver­an­lassung, sich über Lohn­ab­hängige zu mokieren, die angeblich zu dumm seien, um sich vor gesund­heits­schäd­lichen Arbeits­be­din­gungen. Nein, es ist die kapi­ta­lis­tische Pro­fit­ge­sell­schaft, die Men­schen so zurichtet, dass sie für einen Arbeits­platz ihre Gesundheit zu rui­nieren bereit sind. Hien jeden­falls stellt das in seinem Buch ganz klar.
Er macht nicht die Opfer dafür ver­ant­wortlich. Seine Kritik richtet sich an die Wis­sen­schaft­le­rInnen, dar­unter viele Arbeits­me­di­zi­ne­rInnen, und die Wirt­schafts­ver­bände, die jah­relang gegen alle wis­sen­schaft­liche Evidenz bestritten, dass Asbest gesund­heits­schädlich ist. Hien spricht sogar davon, dass sich füh­rende Wis­sen­schaft­le­rInnen des Bun­des­ge­sund­heits­amtes von der Asbest­in­dustrie haben kaufen lassen. Eternit und andere Unter­nehmen und eben auch viele gekaufte Wis­sen­schaftler behaup­teten bis zuletzt, Asbest sei nicht oder nur gele­gentlich gesund­heits­schädlich.
Wenn man das Kapitel über den Kri­mi­nalfall Asbest und den langen Kampf liest, bis
auch die Wirt­schafts­ver­bände nicht mehr ver­hindern konnten, dass Asbest als gesund­heits­ge­fähr­dendes Material aner­kannt wurde, erinnert man sich an das Diktum von Karl Marx Für 100 Prozent Profit geht das Kapital über Leichen. Während der Kri­mi­nalfall Asbest doch noch in Erin­nerung geblieben ist, ist es Hien zu ver­danken, noch einmal auf die Arsen­ka­ta­strophe an der Mosel erinnert zu haben. Dass von BASF pro­du­ziert Insek­ten­ver­nich­tungs­mittel Arsen­trioxid ver­ur­sachte viele töd­liche Erkran­kungen. Hien zeigt auf, wie Arbeits­me­di­zi­ne­rInnen noch ver­suchten, den Opfern nach­träglich die Ent­schä­di­gungs­zah­lungen zu ver­weigern.

Heute werden die Gesund­heits­ge­fahren expor­tiert

Hien ist auch weit davon ent­fernt, diese Pro­bleme als nicht mehr aktuell dar­zu­stellen. Im Gegenteil wird heute das Gesund­heits­problem aus­ge­lagert. Leih­ar­bei­te­rInnen aus Ost­europa oder dem glo­balen Süden sterben in ihren Hei­mat­ländern an den Krank­heiten, die sie sich bei gesund­heits­ge­fähr­denden Arbeiten im glo­balen Norden zuge­zogen haben. Oder das Gift­ma­terial wird gleich in den glo­balen Süden expor­tiert, was Hien am Bei­spiel der Demontage von Schiffen in Asien zeigt. Wenn aber in Indien oder Afrika Men­schen an den Wohl­standsmüll aus dem glo­balen Norden sterben, erregt das längst nicht so sehr, als wenn nun das viel­leicht gele­gentlich gesund­heits­schäd­liche Gly­phosat im EU-Raum zum Einsatz kommt. Gerade das öko­ka­pi­ta­lis­tische Klein­bür­gertum empört sich nur gele­gentlich, wenn im glo­balen Süden Men­schen krank werden für den Wohl­stand im Norden. In der Debatte um das mög­li­cher­weise „gele­gentlich gesund­heits­schäd­liche“ Gly­phosat ist aber nur glaub­würdig, wer die hohe Mess­latte für mög­liche Gesund­heits­ge­fähr­dungen global anlegt. Und wer das Problem beim Namen nennt, das Kapi­ta­lismus heißt.

aus Gras­wur­zel­re­vo­lution Januar 2018

http://​www​.gras​wurzel​.net/425/
Peter Nowak

Hien Wolfgang, Kranke Arbeitswelt, VSA-Verlag, 200 Seiten, EUR 16.80 , ISBN 978−3−89965−703−6