Mit ‘Ernest Mandel Der Spätkapitalismus’ getaggte Artikel

Schweigen und Verschleppung

Sonntag, 21. Januar 2018

Ein neues Buch über das Leben von Roman Rosdolsky und dessen Frau Emmy, die Trotzki nahestanden, gibt die Möglichkeit, das Werk eines wenig bekannten marxistischen Ökonomen kennenzulernen.

«Mit permanenten Grüssen» ist eine merkwürdige Form, sich zu verabschieden. Manche dürften sich dabei an Trotzkis Theorie von der permanenten Revolution erinnert fühlen. Und damit liegen sie richtig. Emmy und Roman Rosdolsky, deren Leben das im Mandelbaumverlag veröffentlichte Buch gewidmet ist, hätten sich wohl selber nie als TrotzkistInnen bezeichnet. Doch sie standen dem russischen Revolutionär nahe, wenn sie auch durchaus kritisch manche politische Wendung von Trotzki und noch mehr seinen EpigonInnen gegenüberstanden. Das optisch ansprechend gestaltete Buch macht die LeserInnen mit zwei MarxistInnen bekannt, die von früher Jugend bis an ihr Lebensende ihren Idealen treu geblieben sind.

Hohe Ansprüche
Roman Rosdolsky dürfte manchen als Pionier der Marx’schen Werttheorie ein Begriff sein. Seine Schrift «Entstehungsgeschichte des Marx’schen ‹Kapital›» erfuhr in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren mehrere Auflagen und gilt als «Standardwerk der Marxforschung». Doch Rosdolsky starb, bevor das Buch veröffentlicht wurde. Auch einen geplanten Vortrag auf einer internationalen Marx-Konferenz zum 100. Jubiläum der Fertigstellung der ersten Ausgabe des Kapitals in Frankfurt/Main konnte er nicht mehr halten. Wegen seiner Erkrankung musste er seine Teilnahme absagen und wenige Wochen später starb er. So konnte er auch nicht mehr erleben, wie die ausserparlamentarische Bewegung in den USA und Europa Rosdolsky die Anerkennung verschafft hat, die er Zeit seines Lebens oft vermisste. In dem Buch werden verschiedene Briefe zitiert, in denen Rosdolsky bezweifelte, ob sein Manuskript je veröffentlicht werden wird. Gelegentlich fragte er sich, ob er einen Text zu Marx schaffen kann, der seinen hohen Ansprüchen gerecht wird. FreundInnen und GenossInnen sprachen ihm immer wieder Mut zu. Tatsächlich hatte Rosdolsky keinen Grund, an seinen Fähigkeiten zu zweifeln, das ökonomische und philosophische Werk von Karl Marx zu analysieren und einzuordnen. Der Marxist Ernest Mandel schrieb in der Einleitung seines viel gelesenen Hauptwerks «Der Spätkapitalismus»: «Die grösste Schwierigkeit beim Verfassen des Buches war die Tatsache, dass Roman Rosdolsky, jener politische Ökonom, der mir in unseren Tagen theoretisch und politisch am meisten nahestand, starb, bevor ich mit der Arbeit daran beginnen konnte.» Mandel widmete Rosdolsky sein Buch.

Über beide Rosdolskys
In den letzten Jahren war er weitgehend vergessen und nur noch einen kleinen Kreis von WertkritikerInnen bekannt. Mit diesem Buch zu seinem 50. Todestag verschafft ihm und seiner Frau und Genossin der Rosdolsky-Kreis wieder die verdiente Aufmerksamkeit und regt zur Beschäftigung mit seinen Schriften an. Im Rosdolsky-Kreis hat sich eine Runde von unabhängigen Linken in Österreich zusammengefunden, die über die Lektüre der «Entstehungsgeschichte des Marx’schen ‹Kapital›» auf die beiden MarxistInnen aufmerksam geworden sind. Sehr erfreulich ist, dass sie Emmy Rosdolsky gleichberechtigt in dem Buch behandelt haben. Sie war schliesslich selber von frühester Jugend an in der sozialistischen Bewegung engagiert und in den USA und in Österreich jahrelang in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit aktiv. Sie hat mit ihrem Gehalt mit dafür gesorgt, dass Roman Rosdolsky seine langjährigen Forschungen betreiben konnte.

Die Bewegung der frühen Ukraine
Von frühester Jugend in der sozialistischen Bewegung seines Herkunftslandes Ukraine aktiv, nahm er sich nicht die Zeit für Studium und Ausbildung. Er beteiligte sich an den Auseinandersetzungen innerhalb der zersplitterten sozialistischen Bewegung am Vorabend der Russischen Revolution. Die politischen und gesellschaftlichen Konflikte im zerfallenden Habsburger Imperium der Jahre 1915/1918 werden in dem Buch gut vermittelt. Es ist so auch ein Buch über eine weitgehend unbekannte Geschichte der sozialistischen und kommunistischen Bewegung der frühen Ukraine. Es vermittelt die leidenschaftlichen Diskussionen der damaligen ukrainischen Linken über die Frage der nationalen Selbstbestimmung. Die Schriften des österreichischen Sozialdemokraten Otto Bauer wurden ebenso rezipiert wie die von Lenin und Rosa Luxemburg. Hier vermitteln die AutorInnen einen lebendigen Überblick über eine linke Debatte, die einerseits zeitlich weit entfernt, aber doch sehr aktuell scheint. Schliesslich wiederholte sie sich nach 1989, als die Nationalstaaten erneut entstanden, die Debatte über die Sinnhaftigkeit dieser Entwicklung. Rosdolsky befasste sich auch früh mit der Geschichte der ukrainischen Bauern- und Landarbeitergewerkschaft. Diese Schriften wurden in den späten 1950er Jahren in Polen veröffentlicht, obwohl die Rosdolskys zu den KritikerInnen der Entwicklung der Sowjetunion seit Ende der 1920er Jahre gehörten. In der heutigen Ukraine hingegen wurde eine geplante Herausgabe von Schriften von und über Roman Rosdolsky gestoppt. In einem Staat, in dem ein Pro-Faschist wie Bandera wieder als Nationalheld gefeiert wird, ist kein Platz für entschiedene SozialistInnen und AntifaschistInnen.


Das Schweigen über Auschwitz

Über die persönlichen Angelegenheiten der Rosdolskys liest man in dem Buch wenig. Das Gerüst sind die Schriften und Diskussionsveranstaltungen. Ein eigens Kapitel nimmt die Verfolgungsgeschichte der Rosdolskys ein. Er war ein Jahr in Auschwitz inhaftiert und wurde von dort nach Ravensbrück, dann nach Sachsenhausen deportiert. Er gehörte zu denen Überlebenden eines Todesmarsches. «Immer derselbe Traum. Ich komme irgendwie wieder ins KZ, obwohl der Krieg schon aus ist, und ich muss die ganze Suppe noch mal auslöffeln», vertraute er viele Jahre später seinem Freund an, dem Psychoanalytiker Ernst Federn. Seine Enkelin Diana Rosdolsky schreibt in einem Kapitel über das Schweigen, über die Verfolgung und vor allem seine Verschleppung nach Auschwitz in seiner Familie. Er war als Kommunist und nicht als Jude inhaftiert, sah aber tagtäglich, wie in der Todesfabrik Menschen vernichtet wurden. «In Auschwitz arbeitet Roman in einer Tischlerei, in welcher ständig darüber gestritten wird, ob die Fenster offen oder geschlossen gehalten werden sollen. Dies wird verständlich, angesichts des fürchterlichen Gestanks, brennender Leichen, die bei offenen Fenster umso ungehinderter in die Räume dringt», schreibt Diana Rosdolsky.
Es ist erfreulich, dass jetzt die Gelegenheit besteht, sich mit den Leben und den Werken dieser zwei MarxistInnen vertraut zu machen. In der Einleitung schreiben die HerausgeberInnen, dass der Optimist Rosdolsky Zeiten der Krise für die theoretische und praktische Weiterentwicklung nutzte. Wenn die LeserInnen das Buch ebenfalls in diesem Sinne verstehen würden, wäre viel gewonnen. Dass der Rosdolsky-Kreis ihr Buch «Den Verdammten der Erde» gewidmet hat, dürfte ganz im Sinne der beiden NamensgeberInnen sein.

Rosdolsky-Kreis (Hrsg.): Mit permanenten Grüssen. Mandelbaum-Verlag, Wien 2017. 22 Euro.

http://www.vorwaerts.ch/kultur/schweigen-und-verschleppung/#more-11581

Peter Nowak