Stolperstein für Anarchisten

»Berthold Cahn – geboren im Mai 1871 in Lan­gen­lohnsheim bei Bad Kreuznach, ermordet 1942 im Kon­zen­tra­ti­ons­lager Sach­sen­hausen«. Diese dürren Angaben stehen auf einem kürzlich in der Wald­zeck­straße 3 in der Nähe vom Ber­liner Alex­an­der­platz ver­legten Stol­per­stein. Er gedenkt eines Mannes, der zu den bekann­testen Ber­liner Anar­chisten gehörte und von den Nazis ermordet wurde. Die Ber­liner Gustav-Landauer-Initiative will ihn dem Ver­gessen ent­reißen.

»Beim Studium zeit­ge­nös­si­scher Doku­mente sind wir immer wieder auf Berthold Cahn gestoßen«, erklärt der Poli­tologe Erik Natter, der in der Initiative mit­ar­beitet. In der »Bibliothek der Freien in Berlin« gewährte er einem inter­es­sierten Publikum Ein­blicke in Cahns Leben. Dieser gehörte seit 1907 zu den bekann­testen Rednern in der Haupt­stadt. Er refe­rierte zu gewerk­schaft­lichen Fragen ebenso wie über poli­tische Repression in Deutschland, Japan und in den USA. »Obwohl Cahn Deutschland nie ver­lassen hatte, konnte er sich gut in die Materie ein­ar­beiten und das Publikum in seinem Bann ziehen«, sagt Natter. Dabei war Cahn Auto­didakt, der seinen Lebens­un­terhalt mit unge­lernten Arbeiten bestreiten musste und oft am Rande des Exis­tenz­mi­nimums lebte. Das hielt ihn nicht von sozialem und poli­ti­schem Enga­gement ab. So war er im Verband der »Haus­diener, Packer, Packe­rinnen und Geschäfts­kut­scher Berlin« aktiv und ver­suchte, die besonders schlecht bezahlten Beschäf­tigten dieser Branche zu orga­ni­sieren.
In Zei­tungs­ar­tikeln wandte sich Cahn gegen in dieser Zeit (teils gar unter Linken) ver­breitete Eutha­na­sie­kon­zepte und ver­ur­teilte anti­se­mi­tische Töne selbst bei einigen Anar­chisten scharf. Früh wandte er sich gegen den auf­kom­menden Faschismus, von dem er als Linker und Jude doppelt bedroht war. Schon zwi­schen 1911 und 1915 mehrfach im Gefängnis, wurde er am 2. Dezember 1933 von den Nazis ver­haftet. Lange Zeit wurde behauptet, er sei während der Reichs­po­grom­nacht am 9. November 1938 ermordet worden. Wie Natter recher­chierte, gehörte Cahn zu den 250 Jüdinnen und Juden, die nach dem Anschlag der jüdisch-kom­mu­nis­ti­schen Gruppe um Herbert und Marianne Baum auf eine NS-Hetz­aus­stellung gegen die Sowjet­union auf Befehl Himmlers im KZ Sach­sen­hausen erschossen wurden. Die Initiative hat eine 50-seitige Bro­schüre über Cahn her­aus­geben und hofft, dass zum 80. Jah­restag seiner Ermordung eine Straße in Berlin nach ihm benannt wird.

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Peter Nowak

Stimme gegen Unterdrückung


Bertold Cahn war Anar­chist und Syn­di­kalist. Nun wird er mit einem Stol­per­stein geehrt

Ich bin „Berthold Cahn – geboren im Mai 1871 in Lan­gen­lonsheim bei Bad Kreuznach, ermordet 1942 im Kon­zen­tra­ti­ons­lager Sach­sen­hausen“. Diese Angaben stehen auf einem kürzlich vor Wad­zeck­straße 4 in der Nähe vom Ber­liner Alex­an­der­platz ver­legten Stol­per­stein für einen Mann, der lange Zeit dort wohnte und zwi­schen 1910 und 1933 zu den bekann­testen Ber­liner Anar­chisten gehörte. „Wie wenige andere hat er in dieser Zeit seine Stimme gegen Unter­drü­ckung und für soziale Gerech­tigkeit erhoben“, erklärte der Poli­tologe Erik Natter bei der Ver­legung des Stol­per­steins.
Cahn trat als Redner auf anar­chis­ti­schen und syn­di­ka­lis­ti­schen Ver­an­stal­tungen mit teil­weise Tau­senden Besu­che­rInnen auf. Am 1. Mai 1924 stand er bei der Pro­test­ver­an­staltung gegen die Ver­folgung der Anar­chisten in der Sowjet­union mit den bekannten Anar­chis­tInnen Rudolf Rocker und Emma Goldman auf der Bühne des Ber­liner Leh­rer­ver­eins­hauses. Der Auto­didakt, der nie eine Uni­ver­sität besucht hatte, publi­zierte in zahl­reichen liber­tären und syn­di­ka­lis­ti­schen Publi­ka­tionen. So war er Her­aus­geber und Redakteur der Freien Generation und des Freien Arbeiters sowie Ver­fasser zahl­reicher Artikel im Syn­di­kalist. Dort kri­ti­sierte er die damals auch in großen Teilen der Arbei­ter­be­wegung popu­lären Eutha­nasie-Kon­zepte. Früh enga­gierte er sich auch gegen den Natio­nal­so­zia­lismus, von dem er als Anar­chist und Jude doppelt bedroht war. Schon 1933 wurde Berthold Cahn nach einer Razzia in seiner Wohnung, bei der man staats­feind­liche Flug­blätter fand, ver­haftet und zu ein­einhalb Jahren Gefängnis ver­ur­teilt. Anschließend wurde er in ein Kon­zen­tra­ti­ons­lager ein­gelie- fert, wo er 1942 ermordet wurde.

Kein Intel­lek­tueller
Jah­relang wurde fälsch­li­cher­weise behauptet, er sei bereits 1938 umge­kommen. Fast hätten die Nazis es geschafft, Cahn aus der Geschichte zu streichen. Es ist der Ber­liner Gustav-Landauer Initiative zu ver­danken, Cahn dem Ver- gessen ent­rissen zu haben. Sie setzt sich für ei- nen Gedenkort für den nach der Nie­der­schlagung der Münchner Räte­re­publik von Sol­daten ermor­deten Anar­chisten Landauer in Berlin ein. „Wir sind bei dem Studium liber­tärer Publi­ka­tionen immer wieder auf Cahn gestoßen“, erklärt Erik Natter, der in dieser Initiative mit­ar­beitet. Bisher sei es nicht gelungen, Ver­wandte von Cahn aus­findig zu machen.
Cahn war kein Intel­lek­tu­eller. Wegen seines anar­chis­ti­schen Enga­ge­ments verlor er oft die Arbeit, lebte zeit­weise am Rande des Exis­tenz­mi­nimums. Das hielt ihn nicht von seinem gewerk­schaft­lichen Enga­gement ab. So ver­suchte er im Verband der „Haus­diener, Packer, Packe­rinnen und Geschäfts­kut­scher Berlin“ die besonders schlecht bezahlten Beschäf­tigten zu orga­ni­sieren. Seine poli­ti­schen Akti­vi­täten trugen ihm schon vor 1933 diverse Haft­strafen ein.

Die Bro­schüre von Erik Natter über das Leben von Berthold Cahn wird am 7. Sep­tember in der Bibliothek der Freien im Haus der Demo­kratie in der Greifs­walder Straße vor­ge­stellt.

aus Taz vom 7.9.2018
Peter Nowak