Die Möglichkeit des radikal Anderen

100 Jahre nach der bru­talen Nie­der­schlagung: Autor Simon Schaupp über die Bedeutung und Erfor­schung der Baye­ri­schen Räte­re­publik

Zur Person

Simon Schaupp ist Soziologe und in der Tech­ni­schen Uni­ver­sität München als wis­sen­schaft­licher Mit­ar­beiter tätig. Er hat kürzlich im Unrast-Verlag »Der kurze Frühling der Räte­re­publik – ein Tagebuch der baye­ri­schen Revo­lution« her­aus­geben. Am 26.1. stellt Schaupp das Buch im Ber­liner FAU-Lokal in der Grün­taler Straße 24 vor.

Mit dem Wis­sen­schaftler sprach Peter Nowak.

„Die Mög­lichkeit des radikal Anderen“ wei­ter­lesen

Landauer ist wieder da

»Die Zeit Gustav Land­auers ist noch nicht da«, schrieb der anar­chis­tische Publizist und poli­tische Aktivist Erich Mühsam zum 10. Jah­restag der Ermordung seines Freundes, der am 2. Mai 1919 nach der Zer­schlagung der Münchner Räte­re­publik von Frei­korps­sol­daten schwer miss­handelt und dann erschossen worden war. Bestraft wurden seine Mörder nicht. Lediglich einige Sol­daten erhielten Geld­strafen, weil sie den Leichnam noch aus­ge­raubt hatten.

Die Täter sym­pa­thi­sierten später mit den Nazis, die bereits 1933 den Gedenk­stein zer­stören ließen, den Land­auers Freunde 1925 an seinem Grab auf dem Münchner Wald­friedhof errichtet hatten. Seit Mitte Juli dieses Jahres erinnert dort ein Denkmal an den »Schrift­steller, Poli­tiker, Theo­re­tiker und Akti­visten des anar­chis­ti­schen Sozia­lismus, Gegner des Mili­ta­rismus und Mit­glied der Münchner Räte­re­gierung«, wie die Inschrift auf dem schwarzen Obelisk infor­miert. Doch nicht nur in München soll an ihn erinnert werden.

»Anfang Mai 2019 soll in Berlin zum hun­dertsten Todestag Gustav Land­auers ein mög­lichst zentral gele­genes und gut sicht­bares Landauer-Denkmal ein­ge­weiht und so eine dau­er­hafte Mar­kierung in der Erin­ne­rungs­to­po­graphie dieser Stadt rea­li­siert werden«, erklärt der Kul­tur­wis­sen­schaftler Jan Rol­let­schek. Er pro­mo­viert nicht nur über die Spinoza-Rezeption von Landauer, sondern hält auch dessen poli­ti­sches Erbe noch immer für aktuell. »Land­auers phi­lo­so­phi­sches Denken geht von der Frage aus, wie die per­sön­liche Freiheit mit der gesell­schaft­lichen Inte­gration in Ein­klang gebracht werden kann«, betont Rol­let­schek. Eine Frage, die sich für die For­mu­lierung linker Politik immer wieder stelle.

Des­wegen ver­steht die Initiative ein Gustav-Landauer-Denkmal in der deut­schen Haupt­stadt kei­neswegs nur als ein Erin­ne­rungsmal. Sie gibt Bro­schüren heraus, in denen Texte und Flug­blätter von Landauer nach­ge­druckt werden, die sich mit linker Stra­tegie und Taktik befassen. Eine kri­tische Aus­ein­an­der­setzung mit dem theo­re­ti­schen und prak­ti­schen Wirken von Landauer ist Ziel der Initiative.

Darüber hinaus will sie die weit­gehend ver­gessene Geschichte der anar­chis­ti­schen und anar­cho­syn­di­ka­lis­ti­schen Arbei­ter­be­wegung in Berlin wieder neu ent­decken. Auf Stadt­teil­spa­zier­gängen in Kreuzberg und Wedding wird an his­to­ri­schen Orten, wo sich bei­spiels­weise Zei­tungs­dru­cke­reien oder auch Ver­samm­lungs­lokale befanden und Demons­tra­tionen statt­fanden, daran gemahnt, wofür diese Bewegung stand und noch stehen könnte.

Auch His­to­riker und Poli­to­logen wandten sich in den ver­gan­genen Jahren ver­stärkt Landauer zu. Es erschienen mehrere Bücher, Brief- und Tage­buch­edi­tionen sowie aus­ge­wählte Schriften. Ist Gustav Land­auers Zeit viel­leicht doch endlich gekommen? Es scheint so.

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1066789.landauer-ist-wieder-da.html?sstr=peter|nowak

Peter Nowak

Was hätte wohl Mühsam dazu gesagt…

Zwei Rückblicke auf Ausstellungseröffnung und Tagung

Vor über 81 Jahren ist Erich Mühsam gestorben. Die wirk­liche Aner­kennung ist ihm erst posthum zuteil geworden. Doch so sehr er geschätzt wird – Mühsam bleibt mühsam. An ihm scheiden sich die Geister und auch seine „Anhän­ge­rInnen“ sind nicht immer einer Meinung, wenn es um sein Wirken und seine Rezeption geht. Aus diesem Grund sind zur aktu­ellen Mühsam-Aus­stellung in Mei­ningen zwei Autoren ver­treten.

„Mei­ningen und seine Anar­chisten“ lautet der Titel der Aus­stellung, die bis zum 27. Sep­tember im Mei­ninger Schloss Eli­sa­be­thenburg zu sehen ist. Bei der Eröffnung am 17. Mai betonte der anar­chis­tische Lie­der­macher Christoph Holz­höfer, dass Mühsam auch heute ein Feind aller Auto­ri­tären und ein großer Klas­sen­kämpfer sein würde. Er lie­ferte damit das Kon­trast­pro­gramm zu seinen Vor­rednern von der Lübecker Erich Mühsam-Gesell­schaft, die aus dem Namens­geber eine Art freund­lichen Quer­denker machen wollen, der sich heute viel­leicht über die Über­wa­chung durch die USA sorgen würde. Natürlich können die sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Mühsam-Ver­wal­te­rInnen keine Gedenkrede ohne ein Zitat von Willy Brandt und Heide Simonis halten. Nun sind die Reden bei Aus­stel­lungs­er­öff­nungen – meist zu Recht – schnell ver­gessen. Doch auch in der Aus­stel­lungs­an­kün­digung wird Mühsam zu einer Art Life­sty­lean­ar­chisten ent­po­li­ti­siert. „Er lebte seine Vor­stellung von Anar­chismus und somit gehört seine Per­sön­lichkeit in einem weit grö­ßeren Ausmaß, als dies bei anderen Schrift­stellern der Fall ist, zu seiner Wirkung dazu“, heißt es da. Kon­se­quen­ter­weise wird Mühsam als Bohème und jüdi­scher Intel­lek­tu­eller erwähnt. Doch der Revo­lu­tionär und Klas­sen­kämpfer Mühsam, der sich für sein Enga­gement den Hass der herr­schenden Klasse zuge­zogen hat, kommt hier ebenso wenig vor, wie der Rote Hilfe-Aktivist, der für die Frei­lassung aller Gefan­genen eintrat. So wird davon schwa­dro­niert, dass für Mühsam die Münchner Räte­re­publik „das kon­se­quente Gegen­modell zur Bür­gerwelt der Väter“ gewesen sei. Dass für Mühsam die Räte­re­publik das Werk der arbei­tenden Men­schen sein sollte, wird dort nicht erwähnt. Doch so sehr sie es auch ver­suchen, Erich Mühsam, der Zeit seines Lebens die Sozi­al­de­mo­kra­tInnen aller Par­teien mit Hohn und Spott bedacht hatte, lässt sich auch im Museum nicht noch posthum in deren Reihen ein­ge­meinden.

Direkte Aktion 231 – Sept/​Okt 2015

https://​www​.direkteaktion​.org/​2​3​1​/​W​a​s​-​h​a​e​t​t​e​-​w​o​h​l​-​M​u​h​s​a​m​-​d​a​z​u​-​g​esagt

Peter Nowak

Im Schatten der Bretterbude

Die Bakun­in­hütte in Thü­ringen war einst Treff­punkt der liber­tären Bewegung. Nun wird der wech­sel­vollen Geschichte des Gebäudes eine Aus­stellung gewidmet.

Wer rastet, der rostet«, lautet das Motto von Rudolf Dressel, der noch mit 95 Jahren in seiner Old­timer-Werk­statt in Berlin-Zehlendorf arbeitet. Dem Senior des Fami­li­en­be­triebes würde auf den ersten Blick wohl niemand Sym­pa­thien mit anar­cho­syn­di­ka­lis­ti­schem Gedan­kengut unter­stellen. Und doch ließ es sich Dressel nicht nehmen, am 17. Mai zu einer beson­deren Wan­der­hütte zu fahren, die knapp fünf Kilo­meter ent­fernt von Mei­nigen liegt, einem kleinen Städtchen in Thü­ringen: die Bakun­in­hütte.

Dressel war ein­ge­laden worden, bei der Eröffnung der Dop­pel­aus­stellung »Mei­ningen und seine Anar­chisten« zu sprechen, die bis zum 27. Sep­tember im Mei­ninger Schloss Eli­sa­be­thenburg zu sehen sein wird. Während im ersten Raum Exponate zum Leben Erich Mühsams zu finden sind, die bereits in meh­reren deut­schen und israe­li­schen Städten zu sehen waren, ist die zweite Aus­stellung der kurzen Geschichte der Bakun­in­hütte gewidmet. Für Dressel beginnt hier eine Reise zurück in seine Kindheit.

Zusammen mit seiner Familie ver­brachte Dressel in den zwan­ziger Jahren viel Zeit in dieser Gegend. »Hier stand das Karussell«, sagt Dressel und zeigt auf eine leere Stelle vor der Hütte. Das Karussell lockte damals viele Jun­gend­liche aus Süd­thü­ringen zur Bakun­in­hütte, die seit Mitte der zwan­ziger Jahre nicht nur ein Treff­punkt der syn­di­ka­lis­ti­schen und anar­chis­ti­schen Bewegung Thü­ringens und Hessens war. Sie war auch ein Ort, um sich über die Theorie und Praxis von Anar­chismus, Syn­di­ka­lismus und Räte­kom­mu­nismus zu infor­mieren. Zu den Refe­renten, die aus Deutschland und den Nach­bar­ländern ange­reist kamen, gehörten auch Augustin Souchy und Erich Mühsam. Am 9. Februar 1930 schrieb Mühsam an seine Frau Zenzl: »Diese Hütte haben die Genossen gebaut, 600 Meter hoch, mitten in den schönsten Wald.«

Obwohl das anar­chis­tische Hüt­ten­leben nach der ersten Razzia im März 1933 für beendet erklärt wurde, scheint sich die libertäre Szene dort wei­terhin getroffen zu haben. »Ist Ihnen bekannt, dass die Kom­mu­nisten und Syn­di­ka­listen wieder ihr Unwesen auf der soge­nannten Siedlung treiben? Wenn nicht, möchten wir Sie als Natio­nal­ge­sinnte darauf hin­weisen, denn wir fühlen es als unsere Pflicht, sie nicht wieder hoch kommen zu lassen.« Der Denun­zi­an­ten­brief an die NSDAP war mit dem Satz »Einer, der die Sache genau beob­achtet« unter­schrieben. Der Autor lamen­tierte, dass »nationale Gast­wirte aufs schwerste geschädigt würden«, wenn man den Linken gestatte, auf der Hütte Getränke zu ver­kaufen. Im Mai 1933 wurde das Verbot end­gültig durch­ge­setzt, die Nazis nahmen die Hütte in Beschlag und Anar­chisten, die weiter aktiv für ihre Über­zeu­gungen ein­traten, mussten um ihr Leben fürchten.

Die Geschichte der Bakun­in­hütte geriet über die Jahre in Ver­ges­senheit. Wer sich über­haupt noch erinnern konnte, dachte an die »Paga­ni­ni­hütte«, wie sie in den sech­ziger und sieb­ziger Jahren von den älteren Bewohnern der Region genannt wurde, die selbst noch dort oben an Frei­zeit­ver­gnü­gungen teil­ge­nommen hatten. Ob die Namens­än­derung auf einem Hör­fehler beruhte oder der ita­lie­nische Kom­ponist poli­tisch einfach weniger belastet war als der rus­sische Anar­chist, lässt sich heute nicht mehr klären.

Die wech­sel­hafte Geschichte der Hütte riss auch mit Gründung der DDR nicht ab. In den ersten Jahren wurde die Hütte als Freizeit- und Erho­lungsheim von der FDJ und ihr nahe­ste­henden Orga­ni­sa­tionen genutzt. Unter den Besu­chern befanden sich auch einige der Mit­be­gründer der Hütte aus den zwan­ziger Jahren, die mitt­ler­weile der SED bei­getreten waren. Später wurde das Gebäude zu einem Natur­schutzheim umfunk­tio­niert, in dem sich enga­gierte Öko­logen bereits in den späten sech­ziger Jahren mit den Gefahren des Kali­bergbaus aus­ein­an­der­setzten. Im letzten Jahr­zehnt vor der Wende wurde die gesamte Region um die Hütte zum Übungs­ge­lände der Polizei erklärt und für die Bewohner gesperrt.

Nach 1989 ent­deckten junge Leute in Mei­ningen und Umgebung, die sich gegen Nazis und Ras­sisten enga­gierten, den Anar­chismus neu. Sie grün­deten die Freie Union Revo­lu­tio­närer Anar­chisten (Fura), die für Kon­ser­vative in Süd­thüringen bald zum Inbe­griff des lokalen Links­ex­tre­mismus wurde. 2006 wurden einem Mei­ninger Kul­tur­zentrum die öffent­lichen Mittel gestrichen, weil dort auch die Fura eine Post­adresse hatte.

Als sich die jungen Anar­chisten für die Geschichte der Bakun­in­hütte zu inter­es­sieren begannen, sahen sich Ver­waltung und Politik unter Zug­zwang. 2009 erließ die Gemeinde ein abso­lutes Nut­zungs­verbot für das Gebäude. CDU-Poli­tiker wollten die Hütte sogar abreißen lassen. Die Hütte habe sich nicht zu einer Wall­fahrts­stelle ent­wi­ckeln sollen, erklärte Uwe Kirchner, der damalige Sprecher des Mei­ninger Land­ratsamts.

Dass sechs Jahre später vor dem Mei­ninger Schloss Eli­sa­be­thenburg eine Fahne mit der Auf­schrift »Mei­ningen und seine Anar­chisten« weht, wertet Kai Richarz auch als einen poli­ti­schen Erfolg. Er gehörte zu den Jugend­lichen aus Süd­thü­ringen, die sich im Kampf gegen Nazis poli­ti­siert hatten und sich in der Fura orga­ni­sierten. Seit Jahren setzt sich Richarz für den Erhalt der Bakun­in­hütte ein. Mitt­ler­weile stu­diert er in Berlin Geschichte und Phi­lo­sophie, doch das Thema treibt ihn immer noch um. Er forscht über die Geschichte des Anar­chismus und Syn­di­ka­lismus in Thü­ringen und wurde als Referent der Tagung »Erich Mühsam in Mei­ningen. Ein his­to­ri­scher Über­blick zum Anar­cho­syn­di­ka­lismus in Thü­ringen« ein­ge­laden, die vom 11. bis 13. Juni in Mei­ningen statt­finden soll.

Die Aus­stellung, deren Exponate aus dem Archiv der Mei­ninger Anar­cho­syn­di­ka­listen stammen, the­ma­ti­siert eine Fülle his­to­ri­scher Gege­ben­heiten. Einige Tafeln führen in die Geschichte der Jugend­be­wegung ein, die bald nach ihrer Ent­stehung in unter­schied­liche Flügel auf­split­terte. Manche wurden nach dem Ersten Welt­krieg Herolde der völ­ki­schen Bewegung, andere enga­gierten sich bei den Kom­mu­nisten oder Anar­chisten. Wie fließend die Über­gänge auch innerhalb der linken Strö­mungen waren, zeigt das Schicksal der damals in Mei­ningen lebenden, jüdi­schen Familie Aul, die in den zwan­ziger Jahren auch zu den regel­mä­ßigen Nutzern der Hütte zählte. In der Aus­stellung ist das Mit­gliedsbuch zu sehen, das Martin und Herbert Aul als Kämpfer der anar­cho­syn­di­ka­lis­ti­schen Kolonne Durutti aus­weist. Während Herbert Aul 1944 von der SS in Paris erschossen wurde, kehrte sein Bruder 1946 nach Mei­ningen zurück und machte in der SED Kar­riere. Ihre Mutter Bella Aul, die in den zwan­ziger Jahren von der SPD in die KPD gewechselt war und in der Wei­marer Republik als aktive und eman­zi­pierte Frau in Mei­ningen bekannt war, wurde in Auschwitz ermordet. Bis 1989 erin­nerte ein Stra­ßenname an sie. Und heute gibt es eine Initiative, die sich dafür ein­setzt, dass in Mei­ningen wieder eine Straße an die ver­folgten und ermor­deten jüdi­schen Linken der Stadt erinnert.

Die Dop­pel­aus­stellung »Sich fügen heißt lügen: Erich Mühsam, Anar­chisten in Mei­ningen und die Bakun­in­hütte« läuft noch bis 27. Sep­tember im Schloss Eli­sa­be­thenburg in Mei­ningen.

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​5​/​2​2​/​5​2​0​4​9​.html

Peter Nowak

Gedenken an Erich Mühsam

Demo zieht zum 80. Todestag des Nazigegners durch Oranienburg. Ein Fest erinnerte in Berlin an den Schriftsteller

Zum 80. Todestag des Anti­fa­schisten Erich Mühsam zogen rund 260 Teil­nehmer einer Gedenk­de­mons­tration durch Ora­ni­enburg.

Der bekannte Nazi­gegner Erich Mühsam war nach mona­te­langen schweren Miss­hand­lungen durch die SS am 10. Juli 1924 im Kon­zen­tra­ti­ons­lager Ora­ni­enburg ermordet worden. Zum 80. Todestag ver­an­stal­teten Anti­fa­schisten am ver­gan­genen Samstag in Ora­ni­enburg eine Demons­tration und in Berlin ein gut besuchtes Erich-Mühsam-Fest. Beide Aktionen standen unter dem Motto »Sich fügen heißt lügen«. Die Demons­tration begann mit ca. 260 Teil­nehmern am Bahnhof Ora­ni­enburg. Orga­ni­siert wurde sie von ver­schie­denen anti­fa­schis­ti­schen Gruppen aus Bran­denburg und dem Nord­osten Berlins. »Wir gedenken nicht nur Mühsam, sondern allen Men­schen, die bis heute von Nazis ermordet worden sind«, erklärte ein Demo­sprecher. Auszüge aus der Bio­grafie eines jüdi­schen NS-Ver­folgten wurden ver­lesen, der berichtete, wie er mit anderen Lei­dens­ge­nossen vom Bahnhof Ora­ni­enburg nach Sach­sen­hausen depor­tiert und bei der Ankunft von einer Men­schen­menge beschimpft, bespuckt und geschlagen worden war.

Der Aufzug führte zum Kon­zen­tra­ti­ons­lager Ora­ni­enburg, wo Mühsam ermordet wurde. Im Gegensatz zum Kon­zen­tra­ti­ons­lager Sach­sen­hausen ist das KZ Ora­ni­enburg, wo viele Anti­fa­schisten in den ersten Monaten der NS-Herr­schaft gequält wurden, in der Öffent­lichkeit weniger bekannt. Auf dem Platz mitten in Ora­ni­enburg wurden Gedichte und Lieder von Mühsam vor­ge­tragen. Die Demo­route wurde wegen wol­ken­bruch­ar­tiger Regen­fälle vor­zeitig abge­brochen.

Viele Teil­nehmer machten sich im Anschluss auf dem Weg zum Erich Mühsam Fest auf dem Gelände des Kinos Zukunft hinter dem Ost­kreuz. Schon am Nach­mittag war das Areal gut gefüllt. Es gab zunächst poli­tische Dis­kus­si­ons­runden. So infor­mierten Frieder Böhne und Kamil Majchrzak über das NS-Kon­zen­tra­ti­ons­lager Son­nenburg. Ähnlich wie das KZ Ora­ni­enburg war es in den ersten Monaten des NS-Regimes ein Fol­ter­lager und danach weit­gehend ver­gessen. Imke Müller-Hellmann stellte unter dem Titel »Ver­schwunden in Deutschland« Lebens­ge­schichten von KZ-Opfern vor.

Auch die lite­ra­rische Aus­ein­an­der­setzung mit Mühsam kam auf dem Fes­tival nicht zu kurz. So lasen die Autoren Chris Hirte und Conrad Piens Auszüge aus den kürzlich erschie­nenen Tage­bü­chern von Erich Mühsam. Einer der künst­le­ri­schen und poli­ti­schen Höhe­punkte des Festes war die Prä­sen­tation von Texten aus dem im Ver­brecher Verlag ver­öf­fent­lichten Buch von Erich Mühsam »Das seid ihr Hunde wert«, die mit der Record-Release-Party der im gleichen Verlag erschie­nenen CD »Müh­sam­blues« ver­bunden wurde. Die Texte und Lieder gaben einen guten Ein­blick in das Denken und Handeln von Erich Mühsam. Der Doku­men­tarfilm »Die Münchner Räte­re­publik und ihre Dichter« beschäf­tigte sich mit einem Teil revo­lu­tio­närer Geschichte, an der Mühsam aktiv beteiligt war. Es wird in dem Film auch deutlich, wie mit der bru­talen Nie­der­schlagung der Münchner Räte­re­publik jenen völ­ki­schen und anti­se­mi­ti­schen Kräften der Weg geebnet wurde, die sich schon bald in Bayern in der NSDAP orga­ni­sierten und 1923 den ersten noch geschei­terten Versuch einer Macht­über­nahme probten.

Die Orga­ni­sa­toren des Festes zeigten sich über den großen Zuspruch sehr erfreut. »Es ging uns nicht darum, Mühsam zum Mär­tyrer zu machen«, hieß es aus dem Vor­be­rei­tungsteam. »Wir wollten viel mehr Mühsams eigenes Motto Ernst nehmen, dass er in einem Gedicht so aus­ge­drückt hat: Men­schen, lasst die Toten ruhn und erfüllt ihr Hoffen!«

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​9​3​9​0​7​0​.​g​e​d​e​n​k​e​n​-​a​n​-​e​r​i​c​h​-​m​u​e​h​s​a​m​.html

Peter Nowak