Stimme gegen Unterdrückung


Bertold Cahn war Anar­chist und Syn­di­kalist. Nun wird er mit einem Stol­per­stein geehrt

Ich bin „Berthold Cahn – geboren im Mai 1871 in Lan­gen­lonsheim bei Bad Kreuznach, ermordet 1942 im Kon­zen­tra­ti­ons­lager Sach­sen­hausen“. Diese Angaben stehen auf einem kürzlich vor Wad­zeck­straße 4 in der Nähe vom Ber­liner Alex­an­der­platz ver­legten Stol­per­stein für einen Mann, der lange Zeit dort wohnte und zwi­schen 1910 und 1933 zu den bekann­testen Ber­liner Anar­chisten gehörte. „Wie wenige andere hat er in dieser Zeit seine Stimme gegen Unter­drü­ckung und für soziale Gerech­tigkeit erhoben“, erklärte der Poli­tologe Erik Natter bei der Ver­legung des Stol­per­steins.
Cahn trat als Redner auf anar­chis­ti­schen und syn­di­ka­lis­ti­schen Ver­an­stal­tungen mit teil­weise Tau­senden Besu­che­rInnen auf. Am 1. Mai 1924 stand er bei der Pro­test­ver­an­staltung gegen die Ver­folgung der Anar­chisten in der Sowjet­union mit den bekannten Anar­chis­tInnen Rudolf Rocker und Emma Goldman auf der Bühne des Ber­liner Leh­rer­ver­eins­hauses. Der Auto­didakt, der nie eine Uni­ver­sität besucht hatte, publi­zierte in zahl­reichen liber­tären und syn­di­ka­lis­ti­schen Publi­ka­tionen. So war er Her­aus­geber und Redakteur der Freien Generation und des Freien Arbeiters sowie Ver­fasser zahl­reicher Artikel im Syn­di­kalist. Dort kri­ti­sierte er die damals auch in großen Teilen der Arbei­ter­be­wegung popu­lären Eutha­nasie-Kon­zepte. Früh enga­gierte er sich auch gegen den Natio­nal­so­zia­lismus, von dem er als Anar­chist und Jude doppelt bedroht war. Schon 1933 wurde Berthold Cahn nach einer Razzia in seiner Wohnung, bei der man staats­feind­liche Flug­blätter fand, ver­haftet und zu ein­einhalb Jahren Gefängnis ver­ur­teilt. Anschließend wurde er in ein Kon­zen­tra­ti­ons­lager ein­gelie- fert, wo er 1942 ermordet wurde.

Kein Intel­lek­tueller
Jah­relang wurde fälsch­li­cher­weise behauptet, er sei bereits 1938 umge­kommen. Fast hätten die Nazis es geschafft, Cahn aus der Geschichte zu streichen. Es ist der Ber­liner Gustav-Landauer Initiative zu ver­danken, Cahn dem Ver- gessen ent­rissen zu haben. Sie setzt sich für ei- nen Gedenkort für den nach der Nie­der­schlagung der Münchner Räte­re­publik von Sol­daten ermor­deten Anar­chisten Landauer in Berlin ein. „Wir sind bei dem Studium liber­tärer Publi­ka­tionen immer wieder auf Cahn gestoßen“, erklärt Erik Natter, der in dieser Initiative mit­ar­beitet. Bisher sei es nicht gelungen, Ver­wandte von Cahn aus­findig zu machen.
Cahn war kein Intel­lek­tu­eller. Wegen seines anar­chis­ti­schen Enga­ge­ments verlor er oft die Arbeit, lebte zeit­weise am Rande des Exis­tenz­mi­nimums. Das hielt ihn nicht von seinem gewerk­schaft­lichen Enga­gement ab. So ver­suchte er im Verband der „Haus­diener, Packer, Packe­rinnen und Geschäfts­kut­scher Berlin“ die besonders schlecht bezahlten Beschäf­tigten zu orga­ni­sieren. Seine poli­ti­schen Akti­vi­täten trugen ihm schon vor 1933 diverse Haft­strafen ein.

Die Bro­schüre von Erik Natter über das Leben von Berthold Cahn wird am 7. Sep­tember in der Bibliothek der Freien im Haus der Demo­kratie in der Greifs­walder Straße vor­ge­stellt.

aus Taz vom 7.9.2018
Peter Nowak

Oktoberrevolution und Stalinismus

»Sie haben in der langen Nacht der Sta­lin­schen Des­potie die Sprache des revo­lu­tio­nären Mar­xismus restlos und hoff­nungslos ver­lernt.“

In nicht wenigen Ländern sind sich selbst als Kom­mu­nis­tInnen ver­ste­hende Men­schen mit Sta­lin­por­träts zum Gedenken an die Okto­ber­re­vo­lution auf die Straße gegangen.
Dabei feiern…

„Okto­ber­re­vo­lution und Sta­li­nismus“ wei­ter­lesen

»Für einen libertären Marxismus«

Linke wollen mit einem Buch über das Ver­hältnis von Anar­chisten und Mar­xisten eine Brücke zwi­schen den Strö­mungen schlagen

Der ehe­malige fran­zö­sische Prä­si­dent­schafts­kan­didat Oliver Besan­cenot und Phi­losoph Michael Löwy bieten die ana­ly­tische Basis für Koope­ra­ti­ons­mög­lich­keiten.

»Die Schwarze Front und die Rote Front sind wir«. Dieser Refrain eines Liedes der Band »Ton-Steine-Scherben« wird noch immer auf linken Demons­tra­tionen ange­stimmt. Daher dürfte das kürzlich im Verlag »Die Buch­ma­cherei« erschienene Buch mit dem Titel »Revo­lu­tionäre Annä­herung – unsere roten und schwarzen Sterne« zumindest vom Titel her auf Zustimmung stoßen. Schließlich ver­wenden auch anar­cho­syn­di­ka­lis­tische Orga­ni­sa­tionen und die Basis­ge­werk­schaft FAU diese Farben.

Den beiden Buch­au­toren geht es jedoch um einen Dialog zwi­schen den Mar­xisten und Anar­chisten. Auf dem Cover wird das etwas miss­ver­ständlich mit einer Soli­da­rität zwi­schen den beiden linken Strö­mungen beschrieben. Doch Soli­da­rität ange­sichts von Repression oder rechten Angriffe kann auch linken Strö­mungen gelten, mit denen man ansonsten poli­tisch nicht viel zu tun hat.

Den Autoren Oliver Besan­cenot und Michal Löwy ging es im Kern darum, »eine Brücke zwi­schen den beiden großen revo­lu­tio­nären Tra­di­tionen zu schlagen«. Das unter­streichen sie besonders im letzten Teil des Buches, der die Über­schrift »Für einen liber­tären Mar­xismus« trägt. Beide kommen aus der antis­ta­li­nis­ti­schen fran­zö­si­schen Linken, die stark von Trotzki beein­flusst war. Michael Löwy befasste sich zudem früh mit öko­so­zia­lis­ti­schen Themen. Besan­cenot ist Brief­träger und war als Prä­si­dent­schafts­kan­didat der Neuen Anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Linken (NPA) bei den vor­letzten Prä­si­dent­schafts­wahlen lan­desweit bekannt geworden. Ihm ist es zu ver­danken, dass Thesen der radi­kalen Linken in grö­ßeren Kreisen der Gesell­schaft dis­ku­tiert wurden. Doch die Hoffnung, dass die NPA, die von einem Teil der trotz­kis­ti­schen Linken gegründet wurde, zu einem Bünd­nis­projekt einer neuen Linken werden könnte, die sich sowohl von der Sozi­al­de­mo­kratie als auch den Erben des Sta­li­nismus abhebt, erfüllte sich nicht. Oliver Besan­cenot lehnte bei den letzten Prä­si­den­ten­wahlen trotz Bitten seiner Partei eine erneute Kan­di­datur ab. Er arbeitet statt­dessen wieder an der Basis. Mit dem Buch, das in Frank­reich bereits 2014 erschienen ist, knüpfen beide Autoren an den Grün­dungs­vor­stel­lungen der NPA an.

Der größte Teil des Buches befasst sich mit his­to­rische Ereig­nissen wie der Pariser Commune und den Mär­tyrern von Chicago, sieben Arbeiter, die 1886 wegen eines Anschlags, mit dem sie nichts zu tun hatten, hin­ge­richtet wurden. Die II. Inter­na­tionale rief ihnen zum Gedenken den 1. Mai als Inter­na­tio­nalen Kampftag aus.

Auch die his­to­ri­schen Bege­ben­heiten, die zum Zer­würfnis zwi­schen Anar­chisten und Mar­xisten führten, werden aus­führlich behandelt. So gibt es etwa eine Analyse zu dem Auf­stand der Kron­städter Matrosen gegen die Sowjet­re­gierung im März 1921. Trotzki gehörte sei­nerzeit zu den Befür­wortern der Nie­der­schlagung des Auf­stands. Ver­mitt­lungs­ver­suche von Anar­chisten wie Emma Goldmann wurden igno­riert. Damals zerriss das Band zwi­schen Anar­chisten und Anar­cho­syn­di­ka­listen auf der einen Seite und der kom­mu­nis­ti­schen Mehr­heits­strömung, die sich mit der SU iden­ti­fi­zierte, auf der anderen.

Die Autoren ent­werfen ein dif­fe­ren­ziertes Bild dieser Gescheh­nissen und kri­ti­sieren auch die Rolle Trotzkis. Der hatte noch 1937 im Exil die Nie­der­schlagung des Auf­stands ver­teidigt. Kurz vor seiner Ermordung ver­fasste er gemeinsam mit Andre Breton ein »Manifest für eine freie revo­lu­tionäre Kultur«, in dem es heißt: »Die Revo­lution muss von Anfang an für das künst­le­rische Schaffen ein anar­chis­ti­sches Régime per­sön­licher Freiheit schaffen und garan­tieren«.

In Kurz­bio­grafien werden von Emma Goldmann über den spa­ni­schen Anar­chisten Dur­rutti bis zu Walter Ben­jamin linke Per­sön­lich­keiten vor­ge­stellt, die eine Koope­ration zwi­schen Anar­chismus und Kom­mu­nismus befür­wor­teten. Etwas zu knapp werden dagegen die der­zei­tigen Kämpfe the­ma­ti­siert. Dabei sollte sich die rot-schwarze Koope­ration gerade in den aktu­ellen poli­ti­schen Fragen bewähren. Nichts­des­to­trotz bietet das die Basis für eine fun­dierte Debatte über Koope­ra­ti­ons­mög­lich­keiten. Der Verlag »Die Buch­ma­cherei« hat in der Ver­gan­genheit schon Bücher her­aus­ge­geben, die Gemein­sam­keiten zwi­schen Mar­xisten und Anar­chisten aus­loten. Bei den beiden Über­setzern des Buches ist die Koope­ration auch prak­tisch gelungen. Andreas Förster ist in der FAU aktiv und Elfriede Müller gehört zu den Unter­stützern der NPA.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​3​6​0​5​5​.​f​u​e​r​-​e​i​n​e​n​-​l​i​b​e​r​t​a​e​r​e​n​-​m​a​r​x​i​s​m​u​s​.html

Peter Nowak

Löwy Michael/​Besan­cenot Oliver, Revo­lu­tionäre Annä­herung: Unsere roten und schwarzen Sterne, Die Buch­ma­cherei, Berlin 2016, 167 Seiten, 12 Euro, ISBN: 978–300-053364–8