Ein Blick auf mögliche Zukünfte

Ein Sammelband diskutiert Kybernetik und emanzipatorische Perspektiven

Roboter ver­nichten Arbeits­plätze, Smart­phones sorgen dafür, dass die Men­schen sich nicht mehr zum Plausch treffen und Drohnen sind eine neue, besonders heim­tü­ckische Form der Kriegs­führung. Tat­sächlich hat der tech­nische Fort­schritt auch unter außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken keine guten Ruf mehr.

Die drei Sozi­al­wis­sen­schaftler Anne Kop­pen­burger, Paul Buckerkmann und Simon Schaupp wählen einen anderen Ansatz, der schon im Titel deutlich wird. Sie ver­binden Kyber­netik mit eman­zi­pa­to­ri­schen Per­spek­tiven. Dabei kri­ti­siert das Her­aus­ge­bertrio zwei Posi­tionen, die in der Linken zur Tech­nik­frage zu finden sind: »Die einen treibt es zurück in den Garten, in ihren Augen hält ein tech­no­lo­gi­scher Wandel grund­sätzlich nur Schlechtes bereit und kann nicht mehr auf­ge­halten oder nach­jus­tiert werden. Für die anderen erstrahlt ein voll­au­to­ma­ti­scher Luxus-Kom­mu­nismus am Horizont des Silicon-Valley, eine Welt ohne schlechte Arbeit durch Kyber­netik, Roboter und künst­liche Intel­ligenz scheint möglich.«

In den elf Auf­sätzen setzen sich ver­schiedene Autorinnen und Autoren mit den Ver­hei­ßungen und Ver­spre­chungen, die mit bestimmten Tech­no­logien ver­bunden sind, kri­tisch aus­ein­ander. So dekon­struiert Matteo Pas­qui­nelli den Mythos von den den­kenden Maschinen und der künst­le­ri­schen Intel­ligenz als eine neue Form von Klas­sen­kampf. Simon Schaupp zeigt anhand his­to­ri­scher Bei­spiele auf, dass es falsch wäre, Kyber­netik nur mit dem Kapi­ta­lismus in Ver­bindung zu bringen. So hat der Begründer der modernen Kyber­netik, Norbert Wiener, US-ame­ri­ka­ni­schen Indus­trie­ge­werk­schaften Beratung in Auto­ma­ti­sie­rungs­fragen ange­boten. Dass es dazu nicht kam, lag daran, dass die Gewerk­schafts­führung in den 1960er Jahren die Not­wen­digkeit dafür nicht erkannte. Weiter vor­an­ge­schritten waren die Pla­nungen für das Projekt Cybersyn im sozia­lis­ti­schen Chile während der kurzen Zeit der Unidad-Popular-Regierung unter Sal­vador Allende. »Gerade der Blick in die Ver­gan­genheit – also die his­to­rische Rekon­struktion kyber­ne­ti­scher Utopien – kann den Blick für mög­liche Zukünfte schärfen«, betont Schaupp.

Mit Nick Srnicek kommt ein Ver­treter des Akze­le­ra­tio­nismus zu Wort, die sich besonders tech­nik­freundlich gebären. Auch er bezieht sich positiv auf das Projekt Cybersyn in Chile. Philipp Frei wie­derum erklärt, wie im Kapi­ta­lismus der Traum von einer Auto­ma­ti­sierung der Arbeitswelt, die die Men­schen von schmut­zigen, gesund­heits­schäd­lichen Tätig­keiten ent­lasten könnte, zum Alp­traum wird. Zu seinen radi­kal­po­li­ti­schen Vor­schlägen zählt eine radikale Arbeits­zeit­ver­kürzung und ein bedin­gungs­loses Grund­ein­kommen. Auch femi­nis­tische Debatten werden im Band reflek­tiert. Es bleibt zu hoffen, dass dieses Buch eine leb­hafte Dis­kussion unter Linken auslöst.

Paul Buckermann/​Anne Koppenburger/​Simon Schaupp (Hg.): Kyber­netik, Kapi­ta­lismus, Revo­lu­tionen, eman­zi­pa­to­rische Per­spek­tiven im tech­no­lo­gi­schen Wandel
Unrast. 300 S., br., 20 €.

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Peter Nowak

»Eine Verlagerung der Verantwortung vom Staat zum Individuum«

Simon Schaupp ist Soziologe und arbeitet als wis­sen­schaft­licher Mit­ar­beiter am Munich Center for Tech­nology in Society der Tech­ni­schen Uni­ver­sität München. Derzeit forscht er zu den Macht­wir­kungen digi­taler Pro­zess­steue­rungs­tech­no­logien in der »Industrie 4.0«. Im Oktober 2016 erschien sein Buch »Digitale Selbst­über­wa­chung. Self-Tracking im kyber­ne­ti­schen Kapi­ta­lismus« im Verlag Gras­wur­zel­re­vo­lution. Am Freitag, 13. Januar 2017, stellt er in Berlin ab 19 Uhr das Buch im FAU-Gewerk­schafts­lokal in der Grünthaler Straße 23 vor.


Warum sind immer mehr Men­schen bereit, mit trag­baren digi­talen Geräten ihren Lebens­wandel zu über­wachen und die Ergeb­nisse dann ins Internet zu stellen?

Die Gründe für dieses soge­nannte Self-Tracking sind viel­fältig. Was ich ver­suche zu zeigen, ist, dass es einen Zusam­menhang gibt zwi­schen den per­ma­nenten Anfor­de­rungen der Selb­st­op­ti­mierung im Neo­li­be­ra­lismus und den Self-Tracking-Prak­tiken. Wenn das Auf­po­lieren des Selbst durch Sport, Wellness, Diäten etc. in vielen Bereichen zur Vor­aus­setzung dafür wird, die eigene Arbeits­kraft erfolg­reich ver­kaufen zu können, dann ist es nahe­liegend, dass über kurz oder lang Hilfs­mittel dafür ange­boten werden. Als solche Hilfs­mittel zur Ratio­na­li­sierung der Arbeit am Selbst können die Self-Tracking-Tech­no­logien ver­standen werden. Ihre Funktion ist in dieser Hin­sicht wesentlich eine buch­hal­te­rische. Die ver­schie­denen Anwen­dungen über­wachen mittels Sen­sor­technik bestimmte Akti­vi­täten und bereiten diese anschließend in Zahlen auf. Oft wird dann »Input« und »Output« gegen­über­ge­stellt, also zum Bei­spiel gelaufene Schritte und ver­brannte Kalorien. Dadurch soll im Gegensatz zur sub­jektiv ver­zerrten Selbst­wahr­nehmung eine »objektive« Dar­stellung geboten werden. So weiß ich immer genau, was ich »inves­tieren« muss, um meine Werte zu steigern. Diese öko­no­mi­schen Begriffe sind übrigens nicht meine Meta­phern, sondern die werden wirklich so in der Self-Tracking-Werbung, die ich ana­ly­siert habe, benutzt. Die Use­rinnen und User werden klar als Unter­nehmer ihrer selbst ange­sprochen. Das sind die wesent­lichen struk­tu­rellen Gründe für das Self-Tracking. Die indi­vi­du­ellen Gründe können aber natürlich auch ganz andere sein, zum Bei­spiel das ­Expe­ri­men­tieren mit dem eigenen Körper. Die Dar­stellung der Self-T

Ihr kürzlich im Verlag Gras­wur­zel­re­vo­lution erschie­nenes Buch heißt »Digitale Selbst­über­wa­chung. Self-Tracking im kyber­ne­ti­schen Kapi­ta­lismus«. Was ver­stehen Sie unter »kyber­ne­ti­schem Kapi­ta­lismus«?

Ich ver­stehe dar­unter ein Pro­duk­ti­ons­regime, das wesentlich auf der Erhebung und Ver­ar­beitung von Daten beruht. Durch die All­ge­gen­wär­tigkeit teils minia­tu­ri­sierter ver­netzter Com­puter werden in fast allen Lebens­si­tua­tionen, vor allem aber da, wo Mehrwert pro­du­ziert werden soll, Daten erhoben. Diese Daten erfüllen eine Dop­pel­funktion. Einer­seits dienen sie der Kon­trolle und Opti­mierung des über­wachten Pro­zesses. Das kann die indus­trielle Pro­duktion von Papp­kartons sein, aber eben auch der indi­vi­duelle Kalo­ri­en­haushalt. Ande­rer­seits werden diese Daten selbst zur Ware. Die Daten aus der Über­wa­chung der Pappe-Pro­duk­ti­ons­ma­schinen können bei­spiels­weise zu abs­trakten Pro­zess­op­ti­mie­rungs­mo­dellen aggre­giert werden, oder die Self-Tracking-Daten werden zu detail­lierten per­sön­lichen Pro­filen zusam­men­ge­fasst, die dann als Grundlage für indi­vi­dua­li­sierte Werbung dienen können. Ich benutze den Begriff des kyber­ne­ti­schen Kapi­ta­lismus, um den Kon­trollaspekt zu betonen, der in der Debatte um Über­wa­chung und die Kom­mo­di­fi­zierung von Daten oft in den Hin­ter­grund gerät. Norbert Wiener, der Begründer der Kyber­netik, hat sie als »Wis­sen­schaft von Kom­mu­ni­kation und Kon­trolle« defi­niert. In ihrem Zentrum steht die Idee der Kon­trolle durch per­ma­nentes Feedback. Self-Tracking ist ein Para­de­bei­spiel für so eine Art von Kon­trolle.

Wie stehen Politik, Wirt­schaft und Kran­ken­kassen zum Self-Tracking?

Der Trend wird dort zu großen Teilen geradezu eupho­risch auf­ge­nommen. Es gibt ein Posi­ti­ons­papier der Euro­päi­schen Kom­mission zu Self-Tracking im Gesund­heits­be­reich. Dort wird im Self-Tracking vor allem das Potential der Kos­ten­ein­sparung in den jewei­ligen Gesund­heits­sys­temen gesehen. Die Idee ist, dass mit dem Self-Tracking eine Ver­la­gerung der Ver­ant­wortung vom Staat zum Indi­viduum statt­finden soll. Die Nut­ze­rinnen und Nutzer sollen zu einem gesün­deren Lebens­wandel und sogar zu Selbst­dia­gnosen »ermächtigt« werden. Ent­spre­chend dieser Vision hat bei­spiels­weise das bri­tische Gesund­heits­mi­nis­terium Ärzten emp­fohlen, ihren Pati­enten Self-Tracking-Tech­no­logien zu ver­schreiben. Das Interesse der Kran­ken­kassen am Self-Tracking ist natürlich nahe­liegend. Ver­schiedene Ver­si­che­rungen, auch in Deutschland, expe­ri­men­tieren mit Bonus­pro­grammen auf der Grundlage von Self-Tracking-Daten. Das ist eine Ent­wicklung, die schnell zum Selbst­läufer werden kann, so dass das Ver­weigern des Tra­ckens indirekt finan­ziell bestraft wird. Noch ist dieser Punkt aber zum Glück nicht erreicht.

Bei einer Analyse der Werbung für Self-Tracking-Tech­no­logien kommen Sie zu dem Fazit, dass Sol­daten und Berg­steiger immer wie­der­keh­rende Bilder sind. Warum gerade diese beiden Gruppen?

Der Berg­steiger ist das zen­trale Bild in der Illus­tration von Werbung für Self-Tracking. Meist wird der Berg­steiger dabei in sehr unwirt­licher Umgebung gezeigt. Er ist gerade ange­seilt auf einem schnee­be­deckten Gipfel ange­kommen und schaut nun in den Son­nen­un­tergang. Damit werden dann Tech­no­logien beworben, die der Über­wa­chung von Pro­duk­ti­vität bei der Schreib­tisch­arbeit dienen. Diese Figur des Berg­steigers ist die ide­al­ty­pische Ver­kör­perung von Leistung und Erfolg, nach dem Motto: »Wenn du nur hart genug an dir arbeitest, wirst du alles meistern.« Hier knüpft auch der mili­ta­ris­tische Aspekt der Werbung an: Fast in jeder Self-Tracking, App gibt es vir­tuelle »Orden«, die bei Rekorden und Höchst­leis­tungen frei­ge­schaltet werden. Die Diät­firma Weight Wat­chers hat sogar eine eigene Wer­be­kam­pagne unter dem Slogan »lose like a man« (abnehmen wie ein Mann), in der ein Soldat dem Publikum erklärt, wie er mittels Self-Tracking zum »Vorbild für seine Männer« geworden ist. Das Bild des Sol­daten steht dabei haupt­sächlich für die Dis­ziplin, die die jewei­ligen Pro­gramme fördern sollen. Gleich­zeitig lässt es sich auch als Aus­druck eines auf Leistung fixierten Männ­lich­keits­kults inter­pre­tieren.

Werden solche Methoden von Unter­nehmen auch zur Über­wa­chung von Beschäf­tigten ein­ge­setzt, wie es bei Fahr­diensten und Call­centern schon geschieht?

Ja. Viele Self-Tracking-Pro­gramme, wie zum Bei­spiel die Zeit­ma­nagement-Anwendung Rescue Time haben soge­nannte Team-Funk­tionen. Damit kann man nicht nur die eigene »Pro­duk­ti­vität« steigern, sondern Vor­ge­setzte können auch minutiös über­wachen, was ihre Unter­ge­benen tun und sich bei­spiels­weise Screen­shots von deren Bild­schirmen anzeigen lassen. Wenn ihnen nicht gefällt, was sie sehen, gibt es »Nudge«-Funktionen, mit denen den Unter­ge­benen ange­zeigt werden kann, dass sie effi­zi­enter arbeiten sollen. Viele setzen sich aber auch scheinbar frei­willig der Über­wa­chung aus, um so ihre Selbst­dis­ziplin zu steigern. So gibt es Pro­gramme, die bei jedem Fehl­tritt oder auch bei man­gelnder Daten­eingabe eine vorher bestimmte Auf­sichts­person infor­mieren. Besonders auf­schluss­reich sind aber die­je­nigen Fälle, in denen Selbst- und Fremd­über­wa­chung ver­schmelzen. Das ist zum Bei­spiel dann der Fall, wenn Unter­nehmen ihren Ange­stellten nahe­legen, sich in ihrer Freizeit zu tracken. Nicht, um dann die Daten abzu­greifen, sondern in der Hoffnung, dass sie dadurch pro­duk­tiver arbeiten.

Im Buch stellen Sie unter anderem die Frage, ob unter nicht­ka­pi­ta­lis­ti­schen Ver­hält­nissen Self-Tracking und andere Formen kyber­ne­ti­scher Kon­trolle auch zu eman­zi­pa­to­ri­schen Zwecken nutzbar wären. Gibt Ihr nächstes Buch*, das sich unter anderem mit einem solchen Projekt in Chile unter Sal­vador Allende befasst, darauf eine Antwort?

Self-Tracking ist nicht die Ursache des Neo­li­be­ra­lismus, sondern die Kon­se­quenz seiner Anfor­de­rungen. Gleich­zeitig befördert es aber auch eine ­neo­li­berale Lebens­führung und trägt damit zu dessen Sta­bi­li­sierung bei. Ins­gesamt scheint mir die Kyber­netik weder poli­tisch neutral zu sein, noch pro­du­ziert sie not­wen­di­ger­weise eine bestimmte Form von Politik. Sie legt ­jedoch eine tech­nik­un­ter­stützte Selbst­or­ga­ni­sation nahe, die durchaus auch eman­zi­pa­to­risch ange­wandt werden kann. Das von mir mit­her­aus­ge­gebene Buch dreht sich um die Frage, welche eman­zi­pa­to­ri­schen Per­spek­tiven der tech­no­lo­gische Wandel eröffnen könnte. Das ange­spro­chene chi­le­nische Projekt Cybersyn sollte so zum Bei­spiel die tech­nische Infra­struktur für eine Art selbst­or­ga­ni­sierte Plan­wirt­schaft liefern. Allende ließ dafür den bri­ti­schen Manage­ment­ky­ber­ne­tiker Stafford Beer nach Chile ein­fliegen, der ein Com­pu­ter­system kon­zi­pieren sollte, das es ermög­licht, Pro­duk­ti­ons­ent­schei­dungen in die jewei­ligen von Arbeitern ver­wal­teten Fabriken zu dele­gieren und trotzdem die Volks­wirt­schaft als Ganze nicht aus dem Blick zu ver­lieren. Für die Koor­di­nation dezen­traler Orga­ni­sation sind kyber­ne­tische Tech­no­logien also durchaus nützlich. Dass wir für eine eman­zi­pa­to­rische Lebens­führung aller­dings Self-Tracking-Tech­no­logien brauchen, scheint mir eher zwei­felhaft.

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​7​/​0​2​/​5​5​5​3​5​.html

Interview: Peter Nowak

  • Paul Buckermann, Anne Kop­pen­burger und Simon Schaupp (Hg.): »Kyber­netik, Kapi­ta­lismus, Revo­lu­tionen. Eman­zi­pa­to­rische Per­spek­tiven im tech­no­lo­gi­schen Wandel«, Unrast-Verlag, ab März 2017 erhältlich