Die Spur führt zur Bakuninhütte

In Meiningen wird in einer Ausstellung an Erich Mühsam und den Anarchosyndikalismus in Thüringen erinnert

Fast stünde sie heute nicht mehr, die Bakun­in­hütte bei Mei­nigen in Thü­ringen. Doch jetzt gibt es sogar eine Aus­stellung, welche die Geschichte des frü­heren Anar­chisten-Treff­punkts beleuchtet.

»Mei­ningen und seine Anar­chisten«, so lautet die Auf­schrift auf einer Fahne, die bis zum 27.September vor dem Schloss Eli­sa­be­thenburg des thü­rin­gi­schen Städt­chens Mei­ningen hängt. Sie ver­weist auf eine Dop­pel­aus­stellung, die Mitte Mai in dem reprä­sen­ta­tiven Gebäude der Stadt eröffnet wurde. Ein Teil widmet sich dem Leben und Tod des anar­chis­ti­schen Schrift­stellers Erich Mühsam.

Die Schau wurde bereits in ver­schie­denen Städten Deutsch­lands sowie in Tel Aviv gezeigt. Sie gibt einen guten Über­blick über die Bio­grafie eines Mannes, der im Lübeck der Bud­den­brooks geboren wurde und 1901 aus der ihm von den Eltern zuge­dachten Rolle als ange­passter Bürger aus­brach. Mühsam wurde Publizist und kämpfte uner­müdlich gegen die mili­ta­ris­ti­schen, deutsch­na­tio­nalen Kreise in Deutschland. Über Mühsams Ermordung in natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Haft ist viel geschrieben wurde. Manche kennen auch noch sein Enga­gement in der baye­ri­schen Räte­re­publik, das ihm eine lange Haft­strafe und den Hass der deutsch­na­tio­nalen und kon­ser­va­tiven Kräfte ein­brachte. Nur wenige jedoch wissen, dass Mühsam in der Wei­marer Republik sehr viel gereist ist, um Initia­tiven von syn­di­ka­lis­ti­schen Gewerk­schaften und Frei­denkern zu unter­stützen.

Vie­lerorts hielt er Reden und ermu­tigte seine Zuhörer, sich für ihre eigenen Inter­essen zu orga­ni­sieren. Im Rahmen seiner vielen Reisen kam Mühsam auch ins thü­rin­gische Mei­nigen und besuchte die rund fünf Kilo­meter ent­fernte Bakun­in­hütte. Auf einer Post­karte an seine Frau Zenzl schrieb Mühsam am 9. Februar 1930: »Diese Hütte haben die Genossen gebaut« – 600 Meter hoch, mitten im schönsten Wald.

85 Jahre später steht die kleine Hütte, benannt nach dem rus­si­schen Anar­chisten Michail Bakunin (1814–1876), als Kul­tur­denkmal wieder im Mit­tel­punkt des Inter­esses in Süd­thü­ringen. Die Lokal­zeitung brachte kürzlich eine ganze Seite darüber, weitere Bei­träge sollen folgen. Dieses neue Interesse an der Hütte mit ihrer bewegten Geschichte ist ein beson­derer Erfolg für den Wan­der­verein Bakun­in­hütte. Seit 2006 hat der Verein dafür gekämpft, dass das ein­malige Zeugnis der syn­di­ka­lis­ti­schen und anar­chis­ti­schen Geschichte in Süd­thü­ringen über­haupt wieder der Öffent­lichkeit zugänglich wird. Dabei wurden den Ver­eins­mit­gliedern anfangs von Poli­tikern und Behörden viele Steine in den Weg gelegt. Noch 2009 erließ man ein abso­lutes Nut­zungs­verbot, CDU-Poli­tiker wollten das his­to­rische Gebäude sogar abreißen lassen. »Die Hütte habe sich nicht zu einer Wall­fahrts­stelle ent­wi­ckeln sollen«, erklärte der damalige Sprecher des Mei­ninger Land­ratsamts Uwe Kirchner im Jahr 2009.

Die Treffen von Liber­tären, Kom­mu­nisten, Gewerk­schaftern hoch über Mei­ningen waren schon Mitte der 1920er Jahre den Behörden suspekt. Das wird in der vom Wan­der­verein Bakun­in­hütte kon­zi­pierten Schau doku­men­tiert, die mit ihren zahl­reichen Tafeln eine wichtige Fund­grube ist.

Kai Richarz hat sich bereits als Jugend­licher für den Erhalt der Bakun­in­hütte ein­ge­setzt. Mitt­ler­weile stu­diert er in Berlin Geschichte und Phi­lo­sophie, doch das Thema hat ihn nicht los­ge­lassen. Er hat bereits Artikel zum Thema ver­öf­fent­licht. Richarz ist auch einer der Refe­renten der Fach­tagung »Erich Mühsam in Mei­ningen. Ein his­to­ri­scher Über­blick zum Anar­cho­syn­di­ka­lismus in Thü­ringen«, die vom 11. bis 13. Juni in Mei­ningen statt­finden wird. Es gibt also in der nächsten Zeit einige Gele­genheit, Mei­ningen und seine Anar­chisten in Ver­gan­genheit und Gegenwart ken­nen­zu­lernen.

Termine und weitere Infor­ma­tionen unter: www​.muehsam​-in​-mei​ningen​.de

Peter Nowak