»Eine Verlagerung der Verantwortung vom Staat zum Individuum«

Simon Schaupp ist Soziologe und arbeitet als wis­sen­schaft­licher Mit­ar­beiter am Munich Center for Tech­nology in Society der Tech­ni­schen Uni­ver­sität München. Derzeit forscht er zu den Macht­wir­kungen digi­taler Pro­zess­steue­rungs­tech­no­logien in der »Industrie 4.0«. Im Oktober 2016 erschien sein Buch »Digitale Selbst­über­wa­chung. Self-Tracking im kyber­ne­ti­schen Kapi­ta­lismus« im Verlag Gras­wur­zel­re­vo­lution. Am Freitag, 13. Januar 2017, stellt er in Berlin ab 19 Uhr das Buch im FAU-Gewerk­schafts­lokal in der Grünthaler Straße 23 vor.


Warum sind immer mehr Men­schen bereit, mit trag­baren digi­talen Geräten ihren Lebens­wandel zu über­wachen und die Ergeb­nisse dann ins Internet zu stellen?

Die Gründe für dieses soge­nannte Self-Tracking sind viel­fältig. Was ich ver­suche zu zeigen, ist, dass es einen Zusam­menhang gibt zwi­schen den per­ma­nenten Anfor­de­rungen der Selb­st­op­ti­mierung im Neo­li­be­ra­lismus und den Self-Tracking-Prak­tiken. Wenn das Auf­po­lieren des Selbst durch Sport, Wellness, Diäten etc. in vielen Bereichen zur Vor­aus­setzung dafür wird, die eigene Arbeits­kraft erfolg­reich ver­kaufen zu können, dann ist es nahe­liegend, dass über kurz oder lang Hilfs­mittel dafür ange­boten werden. Als solche Hilfs­mittel zur Ratio­na­li­sierung der Arbeit am Selbst können die Self-Tracking-Tech­no­logien ver­standen werden. Ihre Funktion ist in dieser Hin­sicht wesentlich eine buch­hal­te­rische. Die ver­schie­denen Anwen­dungen über­wachen mittels Sen­sor­technik bestimmte Akti­vi­täten und bereiten diese anschließend in Zahlen auf. Oft wird dann »Input« und »Output« gegen­über­ge­stellt, also zum Bei­spiel gelaufene Schritte und ver­brannte Kalorien. Dadurch soll im Gegensatz zur sub­jektiv ver­zerrten Selbst­wahr­nehmung eine »objektive« Dar­stellung geboten werden. So weiß ich immer genau, was ich »inves­tieren« muss, um meine Werte zu steigern. Diese öko­no­mi­schen Begriffe sind übrigens nicht meine Meta­phern, sondern die werden wirklich so in der Self-Tracking-Werbung, die ich ana­ly­siert habe, benutzt. Die Use­rinnen und User werden klar als Unter­nehmer ihrer selbst ange­sprochen. Das sind die wesent­lichen struk­tu­rellen Gründe für das Self-Tracking. Die indi­vi­du­ellen Gründe können aber natürlich auch ganz andere sein, zum Bei­spiel das ­Expe­ri­men­tieren mit dem eigenen Körper. Die Dar­stellung der Self‑T

Ihr kürzlich im Verlag Gras­wur­zel­re­vo­lution erschie­nenes Buch heißt »Digitale Selbst­über­wa­chung. Self-Tracking im kyber­ne­ti­schen Kapi­ta­lismus«. Was ver­stehen Sie unter »kyber­ne­ti­schem Kapi­ta­lismus«?

Ich ver­stehe dar­unter ein Pro­duk­ti­ons­regime, das wesentlich auf der Erhebung und Ver­ar­beitung von Daten beruht. Durch die All­ge­gen­wär­tigkeit teils minia­tu­ri­sierter ver­netzter Com­puter werden in fast allen Lebens­si­tua­tionen, vor allem aber da, wo Mehrwert pro­du­ziert werden soll, Daten erhoben. Diese Daten erfüllen eine Dop­pel­funktion. Einer­seits dienen sie der Kon­trolle und Opti­mierung des über­wachten Pro­zesses. Das kann die indus­trielle Pro­duktion von Papp­kartons sein, aber eben auch der indi­vi­duelle Kalo­ri­en­haushalt. Ande­rer­seits werden diese Daten selbst zur Ware. Die Daten aus der Über­wa­chung der Pappe-Pro­duk­ti­ons­ma­schinen können bei­spiels­weise zu abs­trakten Pro­zess­op­ti­mie­rungs­mo­dellen aggre­giert werden, oder die Self-Tracking-Daten werden zu detail­lierten per­sön­lichen Pro­filen zusam­men­ge­fasst, die dann als Grundlage für indi­vi­dua­li­sierte Werbung dienen können. Ich benutze den Begriff des kyber­ne­ti­schen Kapi­ta­lismus, um den Kon­trollaspekt zu betonen, der in der Debatte um Über­wa­chung und die Kom­mo­di­fi­zierung von Daten oft in den Hin­ter­grund gerät. Norbert Wiener, der Begründer der Kyber­netik, hat sie als »Wis­sen­schaft von Kom­mu­ni­kation und Kon­trolle« defi­niert. In ihrem Zentrum steht die Idee der Kon­trolle durch per­ma­nentes Feedback. Self-Tracking ist ein Para­de­bei­spiel für so eine Art von Kon­trolle.

Wie stehen Politik, Wirt­schaft und Kran­ken­kassen zum Self-Tracking?

Der Trend wird dort zu großen Teilen geradezu eupho­risch auf­ge­nommen. Es gibt ein Posi­ti­ons­papier der Euro­päi­schen Kom­mission zu Self-Tracking im Gesund­heits­be­reich. Dort wird im Self-Tracking vor allem das Potential der Kos­ten­ein­sparung in den jewei­ligen Gesund­heits­sys­temen gesehen. Die Idee ist, dass mit dem Self-Tracking eine Ver­la­gerung der Ver­ant­wortung vom Staat zum Indi­viduum statt­finden soll. Die Nut­ze­rinnen und Nutzer sollen zu einem gesün­deren Lebens­wandel und sogar zu Selbst­dia­gnosen »ermächtigt« werden. Ent­spre­chend dieser Vision hat bei­spiels­weise das bri­tische Gesund­heits­mi­nis­terium Ärzten emp­fohlen, ihren Pati­enten Self-Tracking-Tech­no­logien zu ver­schreiben. Das Interesse der Kran­ken­kassen am Self-Tracking ist natürlich nahe­liegend. Ver­schiedene Ver­si­che­rungen, auch in Deutschland, expe­ri­men­tieren mit Bonus­pro­grammen auf der Grundlage von Self-Tracking-Daten. Das ist eine Ent­wicklung, die schnell zum Selbst­läufer werden kann, so dass das Ver­weigern des Tra­ckens indirekt finan­ziell bestraft wird. Noch ist dieser Punkt aber zum Glück nicht erreicht.

Bei einer Analyse der Werbung für Self-Tracking-Tech­no­logien kommen Sie zu dem Fazit, dass Sol­daten und Berg­steiger immer wie­der­keh­rende Bilder sind. Warum gerade diese beiden Gruppen?

Der Berg­steiger ist das zen­trale Bild in der Illus­tration von Werbung für Self-Tracking. Meist wird der Berg­steiger dabei in sehr unwirt­licher Umgebung gezeigt. Er ist gerade ange­seilt auf einem schnee­be­deckten Gipfel ange­kommen und schaut nun in den Son­nen­un­tergang. Damit werden dann Tech­no­logien beworben, die der Über­wa­chung von Pro­duk­ti­vität bei der Schreib­tisch­arbeit dienen. Diese Figur des Berg­steigers ist die ide­al­ty­pische Ver­kör­perung von Leistung und Erfolg, nach dem Motto: »Wenn du nur hart genug an dir arbeitest, wirst du alles meistern.« Hier knüpft auch der mili­ta­ris­tische Aspekt der Werbung an: Fast in jeder Self-Tracking, App gibt es vir­tuelle »Orden«, die bei Rekorden und Höchst­leis­tungen frei­ge­schaltet werden. Die Diät­firma Weight Wat­chers hat sogar eine eigene Wer­be­kam­pagne unter dem Slogan »lose like a man« (abnehmen wie ein Mann), in der ein Soldat dem Publikum erklärt, wie er mittels Self-Tracking zum »Vorbild für seine Männer« geworden ist. Das Bild des Sol­daten steht dabei haupt­sächlich für die Dis­ziplin, die die jewei­ligen Pro­gramme fördern sollen. Gleich­zeitig lässt es sich auch als Aus­druck eines auf Leistung fixierten Männ­lich­keits­kults inter­pre­tieren.

Werden solche Methoden von Unter­nehmen auch zur Über­wa­chung von Beschäf­tigten ein­ge­setzt, wie es bei Fahr­diensten und Call­centern schon geschieht?

Ja. Viele Self-Tracking-Pro­gramme, wie zum Bei­spiel die Zeit­ma­nagement-Anwendung Rescue Time haben soge­nannte Team-Funk­tionen. Damit kann man nicht nur die eigene »Pro­duk­ti­vität« steigern, sondern Vor­ge­setzte können auch minutiös über­wachen, was ihre Unter­ge­benen tun und sich bei­spiels­weise Screen­shots von deren Bild­schirmen anzeigen lassen. Wenn ihnen nicht gefällt, was sie sehen, gibt es »Nudge«-Funktionen, mit denen den Unter­ge­benen ange­zeigt werden kann, dass sie effi­zi­enter arbeiten sollen. Viele setzen sich aber auch scheinbar frei­willig der Über­wa­chung aus, um so ihre Selbst­dis­ziplin zu steigern. So gibt es Pro­gramme, die bei jedem Fehl­tritt oder auch bei man­gelnder Daten­eingabe eine vorher bestimmte Auf­sichts­person infor­mieren. Besonders auf­schluss­reich sind aber die­je­nigen Fälle, in denen Selbst- und Fremd­über­wa­chung ver­schmelzen. Das ist zum Bei­spiel dann der Fall, wenn Unter­nehmen ihren Ange­stellten nahe­legen, sich in ihrer Freizeit zu tracken. Nicht, um dann die Daten abzu­greifen, sondern in der Hoffnung, dass sie dadurch pro­duk­tiver arbeiten.

Im Buch stellen Sie unter anderem die Frage, ob unter nicht­ka­pi­ta­lis­ti­schen Ver­hält­nissen Self-Tracking und andere Formen kyber­ne­ti­scher Kon­trolle auch zu eman­zi­pa­to­ri­schen Zwecken nutzbar wären. Gibt Ihr nächstes Buch*, das sich unter anderem mit einem solchen Projekt in Chile unter Sal­vador Allende befasst, darauf eine Antwort?

Self-Tracking ist nicht die Ursache des Neo­li­be­ra­lismus, sondern die Kon­se­quenz seiner Anfor­de­rungen. Gleich­zeitig befördert es aber auch eine ­neo­li­berale Lebens­führung und trägt damit zu dessen Sta­bi­li­sierung bei. Ins­gesamt scheint mir die Kyber­netik weder poli­tisch neutral zu sein, noch pro­du­ziert sie not­wen­di­ger­weise eine bestimmte Form von Politik. Sie legt ­jedoch eine tech­nik­un­ter­stützte Selbst­or­ga­ni­sation nahe, die durchaus auch eman­zi­pa­to­risch ange­wandt werden kann. Das von mir mit­her­aus­ge­gebene Buch dreht sich um die Frage, welche eman­zi­pa­to­ri­schen Per­spek­tiven der tech­no­lo­gische Wandel eröffnen könnte. Das ange­spro­chene chi­le­nische Projekt Cybersyn sollte so zum Bei­spiel die tech­nische Infra­struktur für eine Art selbst­or­ga­ni­sierte Plan­wirt­schaft liefern. Allende ließ dafür den bri­ti­schen Manage­ment­ky­ber­ne­tiker Stafford Beer nach Chile ein­fliegen, der ein Com­pu­ter­system kon­zi­pieren sollte, das es ermög­licht, Pro­duk­ti­ons­ent­schei­dungen in die jewei­ligen von Arbeitern ver­wal­teten Fabriken zu dele­gieren und trotzdem die Volks­wirt­schaft als Ganze nicht aus dem Blick zu ver­lieren. Für die Koor­di­nation dezen­traler Orga­ni­sation sind kyber­ne­tische Tech­no­logien also durchaus nützlich. Dass wir für eine eman­zi­pa­to­rische Lebens­führung aller­dings Self-Tracking-Tech­no­logien brauchen, scheint mir eher zwei­felhaft.

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​7​/​0​2​/​5​5​5​3​5​.html

Interview: Peter Nowak

  • Paul Buckermann, Anne Kop­pen­burger und Simon Schaupp (Hg.): »Kyber­netik, Kapi­ta­lismus, Revo­lu­tionen. Eman­zi­pa­to­rische Per­spek­tiven im tech­no­lo­gi­schen Wandel«, Unrast-Verlag, ab März 2017 erhältlich

Self-Tracking und kybernetischer Kapitalismus

Gleich im ersten Kapitel beschreibt der Soziologe Simon Schaupp[1] eine bezeich­nende Episode, wie er gegen seinen Willen zum Self-Tracker wurde. Er hatte mit seinem neuen Smart­phone an einer Demons­tration teil­ge­nommen und das neue Gerät ver­kündete am Bild­schirm: »Glück­wünsch Simon, Sie haben heute mehr als 1.000 Schritte gemacht. Ver­suchen Sie doch morgen 1.500.« Die vor­in­stal­lierte App hatte nicht nur die Demons­tra­ti­ons­schritte und die Route genau auf­ge­zeichnet, auch konnte man die Lauf­ge­schwin­digkeit fest­stellen, und oben­drein erfuhr Schaupp noch, wie viele Kalorien er für die Demons­tration ver­braucht hatte. Solch ein per­fektes Demons­tra­ti­ons­pro­tokoll dürfte der Polizei und den unter­schied­lichen Ver­fas­sungs­ämtern unge­ahnte Über­wa­chungs­mög­lich­keiten bieten.

Trotzdem erfreut sich Self-Tracking unge­bro­chener Beliebtheit. Nicht Daten­schutz und Daten­mi­ni­mierung, sondern die unge­bremste Offen­legung ganz pri­vater Daten sind Kenn­zeichen einer Bewegung, die ihr Leben von der Arbeit über das Joggen bis zum Schlaf von digi­talen Geräten minutiös auf­zeichnen und über­wachen lässt und die Daten dann noch via Facebook wei­ter­ver­breitet.

Simon Schaupp hat in seinem kürzlich im Verlag Gras­wur­zel­re­vo­lution erschie­nenem Buch »Digitale Selbst­über­wa­chung. Self Tracking im kyber­ne­ti­schen Kapitalismus«[2] dieses Phä­nomen ein­ge­ordnet: in die Bemü­hungen nämlich, den Kampf gegen alles, was die rei­bungslose Anpassung an die kapi­ta­lis­ti­schen Erfor­der­nisse und Zumu­tungen behindert, ins eigene Indi­viduum zu ver­lagern.

»Denn im Self-Tracking ver­schmelzen Polizei und Ver­däch­tiger zu einer Person zusammen, die sich selbst mit allen zur Ver­fügung ste­henden tech­ni­schen Mitteln aus­spio­niert. Jeder ver­säumte Jog­ging­grund, jede über­zählige Kalorie, jede ver­träumte Minute Arbeitszeit wird regis­triert und ange­mahnt, um nicht vor sich selbst in den Ver­dacht zu geraten, das Kapi­tal­ver­brechen der Leis­tungs­ge­sell­schaft zu begehen: Nicht das Maximum aus sich her­aus­zu­holen.«

Schaupp zeigt in dem Buch anhand der Werbung für die unter­schied­lichen Self-Tracking-Methoden, wie diese Selbst­kon­di­tio­nierung funk­tio­niert. So findet man auf der Homepage des Self-Tracking-Anbieters Runtastic[3] solche Selbst­be­zich­ti­gungen:

Gegen mich selbst anzu­treten und mein Bestes zu geben macht Spaß und ist dank der Rekorde-Funktion auch ganz easy! Es fühlt sich toll an, meine eigenen Best­leis­tungen immer wieder zu unter­bieten und meine neu­esten Rekorde auf Run​tastic​.com zu bewundern.

Run­tastic-User

Jede Woche warte ich gespannt auf meinen Fit­ness­be­richt. Grüne Zahlen & Pfeile moti­vieren mich immer wieder aufs Neue! Ich will mich ja schließlich jede Woche ver­bessern!

Run­tastic-User

»Ent­decke die Geheim­nisse des Super­helden«, fordert eine andere Werbeseite[4] für poten­tielle Selb­st­op­ti­mierer, die immer und überall die Gewinner sein wollen. Auch Diätprogramme[5] arbeiten nach dem Prinzip, wonach mit Dis­ziplin und mit eisernen Willen alles zu schaffen sei. Da ist es nur kon­se­quent, dass ein Zeit­soldat das Abnehmen zu einer Frage der Dis­ziplin erklärt. Auf anderen Self-Tracking Wer­be­an­zeigen finden sich Berg­steiger, die mit Erfolg und vielen Stra­pazen einen Gipfel erklommen haben.

Es ist bezeichnend, das mit Berg­steigern und Sol­daten zwei Gruppen Role-Models für das Self-Tracking sind, die immer wieder auch Tote und Schwer­ver­letzte zu ver­zeichnen haben. Die Bot­schaft ist klar: Beim Rat­ten­retten im kapi­ta­lis­ti­schen Alltag ist Schonung von Gesundheit und Leben etwas für Loser und Ver­sager. Und sie sind in der Wer­bewelt der Self-Tracker wohl auch das Schlimmste, was man sich denken kann.

Sehr über­zeugend hat Schaupp den Begriff des kyber­ne­ti­schen Kapi­ta­lismus als Bezeichnung der aktu­ellen Regu­la­ti­ons­phase ein­ge­führt, der, anders als bekannte Begriffe wie Post­for­dismus, deutlich macht, dass wei­terhin die kapi­ta­lis­tische Ver­wertung domi­niert. Die These von Schaupp lautet, dass das Self-Tracking »Teil einer kapi­ta­lis­ti­schen Land­nahme ist, im Zuge derer sich Unter­nehmen die Pro­dukte unbe­zahlter Arbeit in Form von Daten aneignen und als Waren ver­kaufen“.

Der Soziologe inter­pre­tiert den kyber­ne­ti­schen Kapi­ta­lismus als Reaktion auf die sys­te­mi­schen Not­stände des Post­for­dismus, wie den Zwang zur stän­digen Ratio­na­li­sierung und der Aus­weitung der Waren­pro­duktion. Hier liefert Schaupp einen mate­ria­lis­ti­schen Erklä­rungs­ansatz für den Tracking-Boom. Wenn der kapi­ta­lis­tische Impe­rativ »Du bist nichts, Deine Arbeits­kraft ist alles« ver­in­ner­licht ist, können die ideo­lo­gi­schen Staats­ap­parate, die seit Beginn des Kapi­ta­lismus mit Ideo­logie und Repression dafür gesorgt haben, dass sich die Sub­jekte der Kapi­tal­logik beugen, etwas in den Hin­ter­grund treten. Ver­schwinden werden sie aber nicht.

Die Situation ist ver­gleichbar mit einer Groß­de­mons­tration, bei der die eigenen Ordner für Ruhe und Ordnung sorgen. Dann bleibt die Polizei manchmal in den Sei­ten­straßen und ist im ersten Augen­blick nicht sichtbar präsent. Da aber auch da immer die Mög­lichkeit besteht, dass die stör­ri­schen Ele­mente die Oberhand gewinnen, ist sie jederzeit ein­satz­bereit. Nicht anders ist der Umgang mit der indi­vi­du­ellen Polizei. Wenn es jemand nicht mehr so angenehm emp­findet, immer und überall kapi­tal­ge­recht zu agieren, gibt es viel­fältige Druck­mittel von außen.

Viele Self-Tracking-Tech­no­logien werden schon längst von diversen Firmen zur Total­über­wa­chung der Beschäf­tigten ein­ge­setzt. »Res­cueTime ist eine Auf­klä­rungs­an­wendung für Firmen, die Manager infor­miert hält über ihre wert­vollste Res­source«, heißt auf der Web­seite der Zeitmanagement-Software[6].

Die Über­wa­chung wird dann als Kultur der Arbeits­platz­trans­parenz schön­ge­redet. Tat­sächlich handelt es sich um eine ein­seitige Form der Trans­parenz. Der Kapi­tal­be­sitzer bekommt den Zugriff auch auf die letzten Geheim­nisse der Lohn­ab­hän­gigen. In den for­dis­ti­schen Arbeits­ver­hält­nissen gab es immer noch einige Nischen, wo sich die Beschäf­tigten zumindest für kurze Zeit dem Diktat der Maschinen ent­ziehen konnten. Das fällt im Zeit­alter der neuen Tech­no­logien immer schwerer.


Längst haben Politik und Wirt­schaft Druck­mittel in Stellung gebracht, falls die Frei­wil­ligkeit nicht mehr gewähr­leistet ist. Schon hat das Gesund­heits­mi­nis­terium in Groß­bri­tannien Ärzte auf­ge­fordert, sie sollten ihren Pati­enten Self-Tracking-Anwen­dungen ver­schreiben, »damit diese in die Lage ver­setzt werden, ihre Gesundheit effek­tiver zu über­wachen und so mehr Ver­ant­wortung für ihre Gesundheit zu über­nehmen«.

Schon längst haben die Kran­ken­kassen begonnen, besonders eifrige Self-Tracker mit Prämien zu belohnen. Wer nicht mit­macht, zahlt mehr. Auch die Euro­päische Kom­mission setzt ange­sichts von pro­gnos­ti­zierten 3,4 Mil­li­arden Men­schen, die 2017 ein Smart­phone benutzen, große Hoff­nungen darauf, dass mit Self-Tracking immense Ein­spa­rungen im euro­päi­schen Gesund­heits­budget erzielt werden können.

Hier wird schon deutlich, dass in der nächsten Zeit Self-Tracking-Methoden Teil der Politik werden können. Wer sich dem ver­weigert, muss zumindest mit höheren Kran­ken­kas­sen­prämien rechnen. Es könnte aller­dings durchaus auch staat­liche Sank­tionen für Tracking-Ver­wei­gerer geben.

In der Öffent­lichkeit werden sie schon jetzt als Men­schen klas­si­fi­ziert, die mit ihrer Lebens­weise unver­ant­wortlich umgehen und die sozialen Systeme unver­hält­nis­mäßig belasten. Unter dem Begriff Quan­tified Self hat der Publizist Sebastian Friedrich[7] die unter­schied­lichen Tracking-Methoden in sein kürzlich erschie­nenes Lexikon der Leistungsgesellschaft[8] auf­ge­nommen.

Es steht dort neben Ein­trägen wie »Rennrad« oder »Mara­thonlauf«, die in kurzen Kapiteln als Teil der neo­li­be­ralen All­tags­praxis vor­ge­stellt werden. Die Stärke des Büch­leins besteht darin, All­tags­be­schäf­ti­gungen auf­zu­nehmen, die sich auch im kri­ti­schen Milieu reger Zustimmung erfreuen und die oft gar nicht mit dem Neo­li­be­ra­lismus in Ver­bindung gebracht werden.

Dabei zeigt Friedrich über­zeugend, wie der erste Mara­thonlauf in New York wenige Hundert Inter­es­sierte anlockte, bevor er zu jenen Mas­sen­auf­läufen wurde, die heute welt­weite ganze Stadt­be­reiche lahm­legen. Mitt­ler­weile betei­ligen sich daran ganze Fir­men­be­leg­schaften daran, die so ihre Leis­tungs- und Lei­dens­fä­higkeit unter Beweis stellen. Eine Ver­wei­gerung würde sich wohl äußerst negativ für die Kar­riere aus­wirken. Das ist auch ein zen­traler Begriff im Lexikon der Leis­tungs­ge­sell­schaft.

Im letzten Kapitel seines Buches stellt Schaupp die Frage, ob in einer Gesell­schaft, die nicht von der Kapi­tal­ver­wertung bestimmt ist, Self-Tracking-Methoden in eman­zi­pa­to­ri­schem Sinne ver­wendet werden könnte. Doch eine Antwort gibt er darauf nicht.

Dabei hätte er viel­leicht einen Hinweis darauf geben können. Der von ihm mehrfach zitierte Stafford Beer, ein wich­tiger Theo­re­tiker der Kyber­netik, war auch in Chile unter der Regierung der sozia­lis­ti­schen Regierung Allende an einem Projekt[9] beteiligt, das eine wirt­schaft­liche Planung mit Hilfe kyber­ne­ti­scher Methoden erproben sollte.

Dadurch sollte eine Planung mit den Beleg­schaften und großer Teile der Bevöl­kerung gewähr­leistet werden. Der rechte Putsch gegen die Unidad-Popular-Regierung beendete diesen Versuch, Kyber­netik in eman­zi­pa­to­ri­schem Sinne zu nutzen. Das durch den Roman von Sascha Rehs Roman »Gegen die Zeit“[10], in dem dieses Projekt im Mit­tel­punkt steht, wurde es auch hier­zu­lande wieder bekannt[11].

Es ist schade, dass Schaupp darauf nicht zumindest kurz hin­weist, weil in seinem theo­re­ti­schen Teil Stafford Beer schließlich eine wichtige Rolle spielt.

Er stellt nur klar, dass Self-Tracking in den aktu­ellen Macht­ver­hält­nissen eine wichtige Rolle bei der Selbst­zu­richtung und Kon­di­tio­nierung des Sub­jekts für die Zumu­tungen des Kapi­ta­lismus spielt. Gerade diese All­tags­praxen der Leis­tungs­ge­sell­schaft sind eine Antwort auf die Frage, warum der Neo­li­be­ra­lismus so stark ist und selbst die Krisen der letzten Jahre scheinbar schadlos über­standen hat.

Schon lange wird die Phrase vom Neo­li­be­ra­lismus in den Köpfen stra­pa­ziert. Der Self-Tracking-Boom ebenso wie die Mara­thon­welle zeigt deutlich, was damit gemeint ist. Dann stellt sich auch die Frage, ob es nicht Zeit für eine Bewegung ist, die sich diesen Self-Tracking-Methoden bewusst ver­weigert.

Wenn Men­schen offen erklären, sich nicht ständig opti­mieren zu wollen, nicht den Anspruch zu haben, immer mehr Rekorde und Höchst­werde aus sich her­aus­holen zu wollen, dann würde sicher nicht gleich der kyber­ne­tische Kapi­ta­lismus in eine Krise geraten.

Aber man darf auch nicht ver­gessen, dass kon­ser­vative Theo­re­tiker die wach­sende Alter­na­tiv­be­wegung der 1970er Jahre für die Krise des For­dismus mit­ver­ant­wortlich machten. So könnte auch eine No-Tracking-Bewegung zumindest das Image ankratzen, das sich heute alle ganz frei­willig und mit großer Freude für den Sport, das Unter­nehmen und die Nation Opfer bringen.

Peter Nowak

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[2] http://​www​.gras​wurzel​.net/​v​e​r​l​a​g​/​d​i​g​i​t​a​l.php
[3] https://​www​.run​tastic​.com/​d​e​/​p​r​e​m​i​u​m​-​m​i​t​g​l​i​e​d​s​c​h​a​f​t​/info
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[6] https://​www​.res​cuetime​.com/
[7] http://​www​.sebastian​-friedrich​.net/
[8] https://​www​.edition​-assem​blage​.de/​l​e​x​i​k​o​n​-​d​e​r​-​l​e​i​s​t​u​n​g​s​g​e​s​e​l​l​s​chaft
[9] http://www.cybersyn.cl/imagenes/documentos/textos/Eden%20Medina%20JLAS%202006.pdf
[10] https://​www​.schoeffling​.de/​b​u​e​c​h​e​r​/​s​a​s​c​h​a​-​r​e​h​/​g​e​g​e​n​-​d​i​e​-zeit
[11] http://​www​.deutsch​land​ra​dio​kultur​.de/​s​a​s​c​h​a​-​r​e​h​-​g​e​g​e​n​-​d​i​e​-​z​e​i​t​-​e​i​n​-​h​i​s​t​o​r​i​s​c​h​e​s​-​e​x​p​e​r​i​m​e​n​t​.​9​5​0​.​d​e​.​h​t​m​l​?​d​r​a​m​:​a​r​t​i​c​l​e​_​i​d​=​3​28089