9. November 1918: Es ging um Räte als Alternative zur bürgerlichen Demokratie

Bei den Ver­an­stal­tungen zum Jubiläum der Novem­ber­re­vo­lution wird teil­weise Geschichts­klit­terung betrieben

In einer Zeit, wo sich alles um Jah­restage dreht, hat es die Novem­ber­re­vo­lution besonders schwer, wahr­ge­nommen zu werden. Schließlich jährt sich am 9. November in Deutschland zum 80ten Mal die Reichs­po­grom­nacht [1], die von NS-Staat und wil­ligen deut­schen Voll­stre­ckern insze­nierte Ouvertüre zur Shoah. Am 9. November 1923, also vor 95 Jahren, griff die offen anti­se­mi­tische Rechte um Hitler und Luden­dorff schon mal nach der ganzen Macht und schei­terte in München vor­der­gründig.

Aus einer his­to­ri­schen Per­spektive betrachtet haben die drei Daten durchaus eine innere Logik. Denn die Revo­lution in Deutschland war bereits nach wenigen Wochen von einer Gegen­of­fensive in die Defensive gedrängt worden. Am Anfang standen an der Spitze dieser Kon­ter­re­vo­lution, um den alt­mo­di­schen, aber tref­fenden Begriff zu gebrauchen, die füh­renden Männer der Sozi­al­de­mo­kratie, Friedrich Ebert und Gustav Noske.

Hinter ihnen hatten sich die Feu­dal­kräfte, die gerade von der Novem­ber­re­vo­lution abge­setzten Mili­ta­risten und Feu­dal­herren ver­steckt. Im November und Dezember 1918 konnten nur Sozi­al­de­mo­kraten die alten Herr­schafts­ver­hält­nisse retten, wie es die Wiener Gruppe Schmet­ter­linge in ihrer Rockoper Pro­le­ten­passion [2] in den 1980er Jahren gut auf den Punkt brachte.

Doch schon im Frühjahr 1919 hatte sich das Blatt gewendet, die SPD-Führung hatte mit den Frei­korps die Rechte wie­der­be­waffnet und gegen die revo­lu­tio­nären Arbeiter in Stellung gebracht. Sie waren für die Blut­bäder ver­ant­wortlich, die im Dezember 1918 mit dem Angriff auf die Volks­ma­ri­ne­di­vision begannen. Das waren weder Radikale noch Kom­mu­nisten, wie es in der zeit­ge­nös­si­schen Geschichts­schreibung immer behauptet wurde, um die Blut­bäder zu recht­fer­tigen.

Das waren Matrosen, die sich in der Revo­lution poli­ti­siert hatten und die in Berlin die neue, nach der Revo­lution gebildete repu­bli­ka­nische Regierung, ver­tei­digen wollte. Doch bald merkten die Sol­daten, dass diese neue Regierung alles andere als revo­lu­tionär war. Als die Matrosen dann vor Weih­nachten 1918 ihren Sold ein­for­derten, und dafür kurz­zeitig einen ver­ant­wort­lichen Sozi­al­de­mo­kraten als Geißel nahmen, wurden sie die ersten Opfer der sich for­mie­renden Gegen­re­vo­lution.

Doch erst als genügend Frei­korps bewaffnet waren, konnte auf alle, die für grund­sätz­liche Ver­än­de­rungen kämpften, geschossen werden. Kom­mu­nisten waren sie damals kaum. Schließlich wurde die KPD in Deutschland erst zum Jah­res­wechsel 1918/19 gegründet. Es war der kon­ter­re­vo­lu­tionäre Terror und die Betei­ligung der SPD daran, der die Massen nach links trieb.

Von den Morden im Januar 1919 führt eine direkte Linie zum NS

Von den Blut­bädern im Januar und März 1919, bei denen neben Rosa Luxemburg und Karl Lieb­knecht Tau­sende Arbeiter starben, meist bis heute namenlos, führt eine direkte Linie zu den Mas­sen­morden des NS. Es war der links­li­berale His­to­riker Sebastian Haffner, der in seiner Geschichte der Novem­ber­re­vo­lution [3] darauf auf­merksam gemacht hat.

Der Ber­liner His­to­riker Dietmar Lange hatte bereits 2012 im Verlag Edition Assem­blage [4] ein Buch ver­öf­fent­licht, das bereits im Titel zutreffend die Situation im Frühjahr 1919 zusam­men­fasst: Mas­sen­streik und Schieß­befehl [5]. Die Arbeiter wollten mit einem Gene­ral­streik ver­hindern, dass nach der Wahl eines Par­la­ments nun end­gültig die alten Ver­hält­nisse wie­der­her­stellt werden. Die Sozi­al­de­mo­kratie an der Macht ließ ihre Blut­hunde, die Frei­korps los und ver­übten in ganz Berlin Blut­bäder an Arbeitern.

Wie viele Men­schen sind in Berlin umge­kommen?
Dietmar Lange: Die genaue Zahl der Toten und Ver­letzten wurde nie ermittelt. Der ver­ant­wort­liche SPD-Minister Gustav Noske sprach von 1.200 Toten in Berlin. Die meisten sind nicht in den Kämpfen gestorben, sondern nach der Ver­haftung stand­rechtlich erschossen worden. Andere starben bei der Bom­bar­dierung von Arbei­ter­quar­tieren durch schwere Artil­lerie und Flie­ger­bomben.
Sind die Orte der Mas­saker bekannt?
Dietmar Lange: An der dama­ligen Zahl­stelle der Volks­ma­ri­ne­di­vision in der Fran­zö­si­schen Straße 32 wurden 30 revo­lu­tionäre Sol­daten erschossen, die ihren Sold abholen wollten. 11 Auf­stän­dische wurden an der Mauer des Lich­ten­berger Friedhofs hin­ge­richtet. Die meisten wurden in den Stand­ge­richten erschossen, die überall in Berlin errichtet worden waren und bis Mitte März im Schnell­ver­fahren Todes­ur­teile voll­streckten.

Aus einem Interview mit dem His­to­riker Dietmar Lange, Autor des Buches »Mas­sen­streik und Schieß­befehl«

Bereits damals hatten einige der hier los­ge­las­senen Frei­korps, Haken­kreuze an ihren Helmen und sie wurden für ihr blu­tiges Geschäft noch gebraucht. Im April und Mai 1919 ertränkten sie in Bayern den kurzen Frühling der Räte­re­publik [6] im Blut. Hier wurde das Mas­saker vom März 1919 fort­ge­setzt.

Viele wurden, wie Gustav Landauer nach ihrer Fest­nahme erschlagen [7]. Erich Mühsam über­lebte damals, weil er schon vor der end­gül­tigen Zer­schlagung der Räte­re­publik ver­haftet wurde. Er musste aber jah­relang in Fes­tungshaft ver­bringen und wurde dann 1934 doch noch Opfer jener Kon­ter­re­vo­lution, der er 15 Jahre vorher noch knapp ent­kommen konnte.

Ermordet wurde er von den Nazis im KZ-Ora­ni­enburg [8]. Wer also heute über die Novem­ber­re­vo­lution redet, muss sich fragen, warum konnten 15 Jahre später die Nazis das Ter­ror­system auf­bauen und mit den von ihnen so dif­fa­mierten »Novem­ber­ver­bre­chern« blutig abrechnen?

Dabei muss man kon­sta­tieren, dass bereits 1920 die alten Gewalten ihr kurz­fris­tiges Zweck­bündnis mit der Sozi­al­de­mo­kratie auf­kün­digten, als sie mit dem soge­nannten Kapp-Putsch die alte Macht voll­ständig restau­rieren wollten. Noch einmal fand die Arbei­ter­be­wegung in der Abwehr dieser rechten Gefahr zusammen.

Doch kaum saßen die Eberts und Noske wieder in ihren Sesseln, setzten sie erneut die Frei­korps gegen die rebel­li­schen Arbeiter ein, die nicht gleich wieder nach Hause gehen wollten, als die Put­schisten besiegt waren. Bald brauchten die Rechten die SPD dann tat­sächlich nicht mehr und nachdem sich die NSDAP als stärkste Kraft innerhalb der völ­ki­schen Bewegung her­aus­ge­bildet hatte, dauerte es nicht lange, bis sie nun zum Sturm­an­griff auch auf die Republik über­gingen.

Im Januar 1933 waren sie am Ziel und jetzt saßen auch viele der Sozi­al­de­mo­kraten, die in den Jahren 1919 – 1923 das blutige Treiben der Frei­korps teil­weise offen unter­stützten oder zumindest als not­wen­diges Übel tole­rierten, selber im KZ oder mussten emi­grieren. Nur Noske ließen die Nazis unbe­helligt. Sie erkannten, wie wichtig er für ihren Auf­stieg war.

Ebert und Noske noch immer nicht posthum aus der SPD aus­ge­schlossen

Trotzdem wird es wohl auch zum 100 Jubiläum der Novem­ber­re­vo­lution keinen post­humen Aus­schluss von Ebert und Noske aus der SPD geben. Dabei hat der Autor Klaus Grie­tinger noch einmal auch mit his­to­ri­schen Belegen nach­ge­wiesen, dass Noske nicht nur die nomi­nelle, sondern auch die tat­säch­liche Ver­ant­wortung [9] für die Mas­saker und auch den Mord an Luxemburg und Lieb­knecht hatte.

Da erscheint es schon mehr als zynisch, wenn der SPD-Ober­bür­ger­meister Ulf Kämpfer zum Jubiläum des Kieler Matro­sen­auf­stands erklärte [10]:

Die Kieler Matrosen beschritten den Weg in eine frei­heit­liche, demo­kra­tische und ent­mi­li­ta­ri­sierte Gesell­schaft, auch wenn der Einsatz nicht in Gänze erfolg­reich war. Ihr Auf­stehen für Frieden und Freiheit dürfen wir nie ver­gessen.

Ulf Kämpfer, SPD-Ober­bür­ger­meister, Kiel

Da hätte Kämpfer die Rolle seiner Partei erwähnen müssen, deren Führung alles tat, um den Auf­stand zu unter­binden und den Teil der Matrosen, die später als Volks­ma­ri­ne­di­vision die Regierung schützen sollte, direkt angriffen. Dass also der Weg der Kieler Matrosen »nicht in Gänze erfolg­reich war«, liegt an der SPD und an Noske, Ebert und Co.

Dass einige Demons­tranten auf der Fest­ver­an­staltung gegen die Nato pro­tes­tierten, aber zur Rolle der SPD bei der Zer­schlagung der Novem­ber­re­vo­lution wohl nichts zu sagen hatten, ist auch Folge einer gesell­schaft­lichen Amnesie. Die findet sich auch gleich auf der Titel­seite der Taz-Son­der­ausgabe zur Novem­ber­re­vo­lution.

Dort wird ein Feu­erwerk gezeigt und davor steht die Schlag­zeile »Danke, 1918«. Dann werden vor­geb­liche Errun­gen­schaften der Novem­ber­re­vo­lution genannt und da wird doch tat­sächlich die Friedrich-Ebert-Stiftung und die Rosa-Luxemburg-Stiftung genannt. Also die Stiftung, die dem Mann gewidmet ist, der mit Noske das Blutbad gegen die revo­lu­tio­nären Arbeiter und auch den Mord an Luxemburg und Lieb­knecht zu ver­ant­worten hat, wird in einem Atemzug mit einer Stiftung, die den Namen der Ermor­deten trägt genannt. Gegen eine solche Geschichts­klit­terung gab es aber zum Revo­lu­ti­ons­ju­biläum auch Protest.

Im Anschluss sind auch noch linke Gruppen zum Revo­lu­ti­ons­ju­biläum in Kiel mit roten Fahnen auf die Straße gegangen [11].

9. November 1918: Auf­stand für Demo­kratie?

Dort wurde auch die Rolle der SPD ange­sprochen wie auch die Lesart von Ulf Kämpfer und anderer und es wurde hin­ter­fragt, dass die Arbeiter am 9. November 1918 wegen der Demo­kratie auf die Straße gegangen sind. Dazu heißt es in dem Aufruf richtig:

Die Novem­ber­re­vo­lution wird in dieser offi­ziösen Geschichts­schreibung um ent­schei­dende Fak­toren ver­kürzt, in den Grün­dungs­mythos der heu­tigen BRD inte­griert und der bür­ger­liche Staat als das Höchste des Erreich­baren fest­ge­schrieben. Die damals wie heute grund­le­genden Fragen danach, wie wir unser Zusam­men­leben orga­ni­sieren wollen, wie eine demo­kra­tische Selbst­ver­waltung von Gesell­schaft funk­tio­nieren könnte, die über den Par­la­men­ta­rismus hin­ausgeht, wie wir eine ver­nünftige Pro­duktion und gerechte Güter­ver­teilung ver­wirk­lichen können, warum der Kapi­ta­lismus weltweit immer wieder Kriege – auch heute noch mit deut­scher Betei­ligung – ent­facht, wie wir sie beenden können und wer hier eigentlich die Macht hat und wer nicht, werden nicht gestellt.

Zitat aus dem Aufruf: Revo­lution next Level [12]
.

Man müsste noch hin­zu­fügen, dass die SPD, die ja wei­terhin im Wesent­lichen die Blut­bäder ihrer dama­ligen Poli­tiker ver­teidigt bzw. zumindest nicht nach­träglich ver­ur­teilt, diese Morde dann auch als Ver­tei­digung der Demo­kratie gegen ihre Feinde bezeichnet.

Räte versus bür­ger­licher Par­la­men­ta­rismus

Wichtig ist aber, dass in dem kri­ti­schen Aufruf die gesell­schaft­liche Alter­native benannt wird, die sich 1918 stellte: Es ging um Räte versus bür­ger­liche Demo­kratie. Hinter der Fahne letz­terer sam­melten sich zu dieser Zeit all die alten Mächte, selbst die Frei­korps betonten bei ihrem blu­tigen Geschäft in Bayern, dass es tak­tisch klug sei, zu bekräf­tigen, dass man die bür­ger­liche Demo­kratie ver­teidige.

Später, wenn man wieder stärker sei, könnte man ja immer noch deutlich machen, dass man damit gar nichts zu tun hat. Gut nach­zu­lesen ist das in dem leider nur noch anti­qua­risch zu bezie­henden Buch »Auf­stand der Räte« [13] von Michael Seligmann. Es ist noch immer ein Stan­dardwerk, wenn es darum geht, auch die Ent­wicklung der Räte außerhalb von München ken­nen­zu­lernen.

Seligmann liefert eine Chro­no­logie der Ereig­nisse auch in kleinen baye­ri­schen Städten. Leider kommt es wohl nicht zur sinn­vollen Neu­auflage zum Revo­lu­ti­ons­ju­biläum. Ein kleiner Verlag, der sich eine Neu­auflage über­legte, befürchtet, auf den Büchern sitzen zu bleiben.

Dabei wäre es wichtig, noch einmal ganz klar zu machen, dass die par­la­men­ta­rische Demo­kratie nicht das Ziel der Revo­lu­tionäre des 9. November 1918 war. Sie for­derten statt­dessen eine Übergabe der Macht an die Räte, weil sie in der par­la­men­ta­ri­schen Demo­kratie eine Herr­schaft der kapi­ta­lis­ti­schen Klasse sahen.

In der Pariser Kommune bil­deten sich im revo­lu­tio­nären Prozess erstmals Räte heraus, Marx sprach danach von der endlich gefun­denen Form, mit dem das Pro­le­tariat ihre Inter­essen durch­setzen können. In der rus­si­schen Revo­lution 1905 und 1917 bil­deten sich erneut Räte heraus und mit der Okto­ber­re­vo­lution, die nach dem dama­ligen rus­si­schen Kalender im November 1917 stattfand, über­nahmen die Räte erstmals voll­ständig die Macht.

Dass es dann bald Kon­flikte mit dem Macht­an­spruch der Bol­schewiki und auch anderer linker Par­teien gab, wäre ein anderes Thema. Doch die Macht­über­nahme der Räte traf weit über die Bol­schewiki hinaus auf große Zustimmung. Auch viele anar­chis­ti­schen Grup­pie­rungen waren begeistert davon, dass in einem Land die Räte die Macht über­nahmen [14].

Diese Ereig­nisse mobi­li­sierten linke Par­teien und Arbeiter in allen Ländern, die eben­falls für die Macht der Räte kämpften. In Deutschland sind da an erster Stelle die Revo­lu­tio­nären Obleute [15] zu nennen, die die eigent­lichen Akteure der Novem­ber­re­vo­lution waren und die sich für ein aus­ge­klü­geltes Räte­system aus­sprachen.

Vor allem der Ver­ant­wort­liche der Revo­lu­tio­nären Obleute, Richard Müller [16], war selber Ver­fasser meh­rerer Kon­zepte zum Räte­system. Wenn in der schon erwähnten Titel­seite der Taz-Son­der­ausgabe zur Novem­ber­re­vo­lution auch die par­la­men­ta­rische Demo­kratie als Errun­gen­schaft der Novem­ber­re­vo­lution auf­ge­führt wurde, ist das doppelt falsch.

Hinter der For­derung nach bür­ger­licher Demo­kratie ver­bargen sich die alten Gewalten. Sie gingen blutig gegen alle vor, die die eigent­liche For­derung der Novem­ber­re­vo­lution, die Räte­herr­schaft, for­derten.

Noch im Februar 1920 gab es über 40 Tote, als die Revo­lu­tio­nären Obleute gemeinsam mit linken Par­teien und Gewerk­schaften zur letzten großen Demons­tration für die Räte­herr­schaft vor dem Reichstag auf­ge­rufen hatten. Das Militär schoss in die Menge.

Nachdem die Linken besiegt waren, zeigte sich, dass ein Großteil derer, die für die par­la­men­ta­rische Demo­kratie Blut fließen ließen, eigentlich auf den Faschismus setzten. Die Frei­korps mit den Haken­kreuzen auf den Helmen nahmen mit ihrem Wüten gegen die linken Arbeiter schon den Terror des NS vorweg. So war die Novem­ber­re­vo­lution nicht einfach nur unvoll­endete Revo­lution, wie einige Linke es in einem kri­ti­schen Aufruf [17] for­mu­lierten.

Dis­kussion über Räte wei­terhin aktuell

Der mar­xis­tische Theo­re­tiker Leo Trotzki hat in seinen Theorien über den Faschismus [18] den Zusam­menhang für den Auf­stieg des Faschismus und der Nie­derlage der revo­lu­tio­nären Bewegung in den Jahren 1918–1923 gut her­aus­ge­ar­beitet. Die bür­ger­liche Demo­kratie war eben nicht das Ziel der Novem­ber­re­vo­lution, sondern die kurz­zeitige Folge nach der Nie­derlage der Revo­lution.

Hundert Jahre später hat sich viel geändert – vor allem die revo­lu­tio­nären Arbeiter, die ja in den Räten ihre Herr­schaft ausüben wollten, sind heute zer­streut und ver­einzelt. Auch die Vor­stellung, dass die Räte von den großen Fabriken aus­gehen sollten, würde den heu­tigen gesell­schaft­lichen Ver­än­de­rungen nicht mehr gerecht.

Doch das bedeutet nicht, dass die Räte­kon­zepte heute kom­plett obsolet sind. Nur müssten sie eben vielmehr aus­ge­weitet werden. Sie wären als Räte des schönen Lebens, eben nicht nur für die Arbeiter, sondern auch für eine gesunde Umwelt zuständig.

Heute hätten wir auch mit den Com­putern und dem Internet die tech­ni­schen Mög­lich­keiten, dass die Räte sich ständig an allen Ent­schei­dungen betei­ligen können, so dass der Schritt über die großen Fabriken, in denen vor 100 Jahren die Men­schen zusam­men­kamen, ent­behrlich wäre.

Es ist fatal, dass heute Alter­na­tiven zur par­la­men­ta­ri­schen Demo­kratie so weit weg scheinen und Links­li­berale noch nach­träglich eine Revo­lution für eine Räte­herr­schaft umde­fi­nieren.

Peter Nowak

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[12] https://revolutionsstadt.blackblogs.org/03–11-2018/
[13] https://​www​.thalia​.de/​s​h​o​p​/​h​o​m​e​/​a​r​t​i​k​e​l​d​e​t​a​i​l​s​/​I​D​3​0​8​1​0​2​8​.html
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[15] http://​www​.novem​ber​re​vo​lu​ti​on1918​.de/​e​r​l​e​b​n​i​s​s​e​/​d​e​r​-​k​a​m​p​f​-​g​e​h​t​-​w​e​i​t​e​r​/​d​i​e​-​r​e​v​o​l​u​t​i​o​n​a​e​r​e​n​-​o​b​leute
[16] https://​dietz​berlin​.de/​K​e​l​l​e​r​m​a​n​n​-​P​h​i​l​i​p​p​e​-​H​r​s​g​-​A​n​a​r​c​h​i​s​m​u​s​-​u​n​d​-​R​u​s​s​i​s​c​h​e​-​R​e​v​o​lutio
[17] http://​1918un​voll​endet​.blog​sport​.eu
[18] https://​www​.ernest​mandel​.org/​d​e​/​t​e​x​t​e​s​/​t​x​t​/​t​h​e​o​r​i​e​n​_​u​b​e​r​_​d​e​n​_​f​a​s​c​h​i​s​m​u​s.htm

Protestmarsch für bessere Pflege


Beim „Walk of Care“ am Samstag demons­trieren rund acht­hundert Men­schen für mehr Per­sonal und Geld in der Pfle­ge­branche

Mit Musik und Luft­ballons demons­trierten am Sams­tagnach- mittag Aus­zu­bil­dende und Pfle­ge­rInnen für bessere Bedin­gungen in ihrer Branche. Rund 800 Men­schen kamen beim „Walk of Care“ zusammen und zogen von Berlin-Mitte vorbei am Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terium hin zur Senats­ver­waltung für Gesundheit in Kreuzberg. Die Stimmung war fröhlich, bei einem Zwi­schen­stopp am Check­point Charlie wippten auch einige der zahl­reichen Pas­san­tInnen im Takt der Musik mit. Doch es ging nicht nur um Spaß beim zweiten Ber­liner Walk of Care.

Immer wieder skan­dierten die Demons­tran­tInnen „Die Pflege steht auf“. Der Ber­liner Pfle­ge­stamm­tisch nutzte den Inter­na­tio­nalen Tag der Pflege am 12. Mai, um die For­derung nach einer gesetz­lichen Per­so­nal­be­messung, mehr Raum für Pra­xis­an­leitung und guter Aus­bildung auf die Straße zu tragen. „Mehr Zeit für Pflege“ hatte eine Frau auf einen Karton geschrieben. Eine andere Demons­trantin for­derte „Respect Nurses.“

Mehr Zeit für Pflege“, hatte eine Frau auf einen Karton geschrieben

Der Walk of Care startete in unmit­tel­barer Nähe der Charité, wo es in den letzten Monaten Arbeits­kämpfe gab, die andere inspi­rierten. Markus Mai von der Pfle­ge­kammer Rheinland- Pfalz berichtete von ähn­lichen Demons­tra­tionen in ver­schie­denen Städten in Deutschland, aber auch in anderen euro­päi­schen Ländern am 12. Mai.

Für die Ber­liner Vor­be­rei­tungs­gruppe macht die große Resonanz des Walk of Care deutlich, dass sich in den letzten Jahren die unter­schied­lichen Pfle­ge­be­schäf­tigten gegen ihre schlechten Arbeits­be­din­gungen zu wehren begonnen haben. „Ältere Kol­le­gInnen haben oft noch die Vor­stel­lungen vom Ehrenamt im Kopf. Jüngere Beschäftige im Care-Bereich begreifen ihren Beruf als Arbeits­platz, der auch gut bezahlt werden muss“, benennt Valentin Her­furth vom Ber­liner Pfle­ge­stamm­tisch die Unter­schiede zwi­schen den Genera­tionen.

Dabei bekommen sie Unter­stützung aus der Bevöl­kerung, wie der aus­sichts­reiche „Volks­ent­scheid für gesunde Kran­ken­häuser“ zeigt, in dem mehr Per­sonal und höhere Inves­ti­tionen in Ber­liner Kran­ken­häusern gefordert werden. „Wir haben das nötige Quorum der Unter­schriften bereits erreicht, sammeln aber noch bis 11. Juni weiter“, sagte Dietmar Lange, der auf der Demons­tration für das Volks­be­gehren warb.

Soli­da­rität bekamen die Care- Beschäf­tigten auch von Feu­er­wehr­leuten, die kürzlich eine fünf­wö­chige Mahn­wache gegen schlechte Bezahlung, zu wenig Per­sonal und ver­altete Aus­rüstung vor dem Roten Rathaus be- endet haben. Dort ent­stand auch der Protest-Rap „Berlin brennt“, den der Feu­er­wehrmann Christian Köller am Samstag unter großem Applaus auf­führte.

Die Bran­den­burger Linke startete unter­dessen am Tag der Pflege eine Kam­pagne für mehr Per­sonal und eine bessere Bezahlung in den Pfle­ge­be­rufen. „Wir fordern einen Pfle­ge­min­destlohn von 14,50 Euro und einen flä­chen­de­ckenden Tarif­vertrag“, sagte Lan­des­ge­schäfts­führer Stefan Wol­lenberg zum Auftakt in Potsdam.

montag, 14. mai 2018 taz

Peter Nowak

»Wir sind auch nur Menschen«


In Berlin demons­trierten Hun­derte für bessere Bedin­gungen in der Pflege

Rund 800 Men­schen zogen am Sams­tag­nach­mittag von Berlin-Mitte nach Kreuzberg, um gegen die schlechte Arbeits­si­tuation im Pfle­ge­be­reich zu pro­tes­tieren. Es war eine Mischung aus Feier, guter Laune und Protest. Auf einem weißen Trans­parent waren zehn aus­drucks­starke Gesichter zu sehen – mehr als zwei Drittel davon Frauen. Es sind die Kon­terfeis von Beschäf­tigten aus dem Pfle­ge­be­reich. Auf jedem Gesicht war ein Buch­stabe gemalt. »Walk of Care« war dort zu lesen. Der Ber­liner Pfle­ge­stamm­tisch nutzte den Inter­na­tio­nalen Tag der Pflege am 12. Mai, um die For­de­rungen nach einer gesetz­lichen Per­so­nal­be­messung, mehr Raum für Pra­xis­an­leitung und guter Aus­bildung auf die Straße zu tragen. 

Viele Teil­nehmer trugen ihre Anliegen auf selbst­ge­malten Schildern mit sich. »Mehr Zeit für Pflege«, »Wir sind auch nur Men­schen«, »Keine Profite mit der Pflege« lau­teten drei von vielen Parolen. Auch die Redner an den ver­schie­denen Kund­ge­bungs­orten gaben sich kämp­fe­risch. Der »Walk of Care« startete in unmit­tel­barer Nähe der Charité, wo es in den letzten Monaten viel­be­achtete Arbeits­kämpfe im Pfle­ge­be­reich gab, auf die sich mehrere Red­ne­rinnen bezogen. Ein Ver­treter der stu­den­ti­schen Orga­ni­sation »Kri­tische Medi­zi­ne­rinnen« über­brachte Soli­da­ri­täts­grüße und erklärte, dass für sie als zukünftige Ärzte Gesundheit keine Waren sondern ein Recht sei, dass allen Men­schen unab­hängig von ihrer Her­kunft zustehe. 

Markus Mai von der Pfle­ge­kammer Rheinland-Pfalz berichtete, dass in Berlin der größte, aber nicht der einzige »Walk of Care« statt­ge­funden habe. Kleinere Aktionen gab es auch in Stuttgart und Dresden. In anderen euro­päi­schen Ländern hat es schon in den ver­gan­genen Jahren ähn­liche Pfle­ge­märsche gegeben. In Berlin waren im ver­gan­genen Jahr erstmals knapp 200 Men­schen zu einem deut­schen »Walk of Care« auf die Straße gegangen. Dass sich die Zahl jetzt ver­vier­facht hat, ist für Tim von der Ber­liner Vor­be­rei­tungs­gruppe ein klares Indiz, dass sich die unter­schied­lichen Pfle­ge­be­schäf­tigten gegen ihre schlechten Arbeits­be­din­gungen zu wehren begonnen haben. »Die Pflege steht auf«, lautete denn auch eine häufig skan­dierte Parole.

Auf die Unter­stützung auch außerhalb der Pfle­ge­berufe wies Dietmar Lange hin. Er trug auf der Demons­tration ein Trans­parent der Initiative für den »Volks­ent­scheid für gesunde Kran­ken­häuser«, der mehr Per­sonal und höhere Inves­ti­tionen in Ber­liner Kran­ken­häusern fordert. »Wir haben das nötige Quorum der Unter­schriften bereits erreicht, sammeln aber noch bis zum 11. Juni weiter«, betonte Lange. 

Valentin Her­furth vom Ber­liner Stamm­tisch erklärt gegenüber »nd«, dass vor allem die jungen Pfle­ge­kräfte bereit seien, für bessere Arbeits­be­din­gungen zu kämpfen. »Ältere Kol­legen haben oft noch die Vor­stel­lungen von Pflege als Ehrenamt im Kopf, die Kämpfe erschweren.« 

Soli­da­rität bekamen die Pfle­ge­kräften von Ber­liner Feu­er­wehr­leuten, die kürzlich eine fünf­mo­natige Mahn­wache gegen schlechte Bezahlung, zu wenig Per­sonal und ver­altete Aus­rüstung vor dem Roten Rathaus beendet hatten. Dort ist auch »Berlin brennt« ent­standen, der Protest-Rap des Feu­er­wehr­manns Christian Köller, den er am Samstag auf der Care-Demons­tration unter großen Applaus auf­führte. 

Im März 2014 trafen sich in Berlin über 500 Men­schen zur Kon­ferenz Care-Revo­lution. Er war der Beginn eines bun­des­weiten Netz­werkes, das die Bedürf­nisse der Men­schen statt die Profite in den Mit­tel­punkt stellen will. 

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​8​8​0​1​8​.​w​i​r​-​s​i​n​d​-​a​u​c​h​-​n​u​r​-​m​e​n​s​c​h​e​n​.html

Peter Nowak

Den Streik als Kampfmittel wiederentdecken

Dietmar Lange über die transnationale Streikkonferenz in Paris und was man von Frankreich lernen kann

Das Motto der Kon­ferenz »Von Frank­reich nach Europa« spielte auf die Streik- und Pro­test­be­wegung der letzten Monate an. Was ist davon zu spüren gewesen?

Orga­ni­siert wurde die Kon­ferenz von der fran­zö­si­schen Basis­ge­werk­schaft SUD-Soli­daire und Teilen der »nuit debout«-Bewegung sowie der »Koor­di­nation der Pre­kären und der Inter­mittens«, die sowohl in der Streik- als auch der Platz­be­set­zungs­be­wegung sehr aktiv waren. Sie berich­teten aber durchaus kri­tisch über die Bewegung und hoben neben den Beson­der­heiten, die zu der ein­drucks­vollen Kon­vergenz ver­schie­dener Akteure in den Pro­testen geführt haben, auch ihre Grenzen hervor. Die Kon­ferenz sollte dazu bei­tragen, die Erfah­rungen über Frank­reich hinaus zu ver­all­ge­meinern.

Ist das gelungen?

Das ist insofern gelungen als man mit den Akti­visten vor Ort in Kontakt treten konnte. Dabei wurde aber auch deutlich, dass die Bewegung in Frank­reich vorerst vorbei ist. Dennoch sind orga­ni­sierte Kerne und Zusam­men­hänge in den Kämpfen ent­standen, die nun die trans­na­tionale Ver­netzung suchen.

Spielte die aktuelle Debatte um das Frei­han­dels­ab­kommen CETA auf der Kon­ferenz eine Rolle?

Es waren Ver­treter der bel­gi­schen Basis­ge­werk­schaft CNE anwesend, die deutlich machten, dass es die Bewegung gegen die dortige Arbeits­markt­reform ist, die auch erfolg­reich Druck auf die Regio­nal­re­gierung der Wal­lonie ausübt, das Han­dels­ab­kommen abzu­lehnen. Dabei zeigten sie sich über­zeugt, dass diese an ihrer Ablehnung fest­halten wird, obwohl sie unter mas­sivem poli­ti­schen Druck von Seiten der EU-Kom­mission steht. Teil­weise erhalten deren Ver­treter sogar per­sön­liche Dro­hungen.

Gab es einen roten Faden auf der Kon­ferenz?

Das war zum einen die Unter­stützung von Migran­ten­kämpfen als wich­tiger Teil der sozialen Kämpfe. So ist Anfang Februar 2017 in Groß­bri­tannien ein 24-stün­diger Migran­ten­streik geplant. Schon Ende Januar soll es in London eine größere Ver­sammlung mit inter­na­tio­naler Betei­ligung geben. Ein wei­terer Schwer­punkt ist der Kampf gegen die neo­li­be­ralen Arbeits­markt- und Sozi­al­staats­re­formen, die auf Initiative der Euro­päi­schen Kom­mission nicht nur in Frank­reich, sondern auch in vielen anderen Ländern wie Belgien, Italien und Litauen vor­an­ge­trieben werden. Diese Reformen gehen sogar noch über die Agenda 2010 hinaus und bedeuten für die Lohn­ab­hän­gigen massive Ver­schlech­te­rungen. So bieten sie die Mög­lichkeit zur 60-Stunden-Woche und Null-Stunden-Ver­trägen, also völlig unsi­cherer Arbeit auf Abruf.

Die erste trans­na­tionale Streik­kon­ferenz fand 2015 im pol­ni­schen Poznan statt. Waren ost­eu­ro­päische Dele­gierte auch in Paris anwesend?

Die ost­eu­ro­päische Präsenz in der Plattform unter­scheidet sich positiv von vielen anderen euro­päi­schen Zusam­men­hängen. Es waren auf der Kon­ferenz vor allem Ver­treter aus Polen und Slo­wenien anwesend, die das große Lohn­ge­fälle in der EU the­ma­ti­sierten, aber auch zeigten, dass in diesen Ländern wichtige Kämpfe statt­finden.

Waren Teil­nehmer anwesend, die in der letzten Zeit Streiks geführt haben?

Es waren vor allem Beschäf­tigte aus dem Logistik- und Care­sektor anwesend, die an Arbeits­kämpfen in ihren Ländern beteiligt sind. So hatten sich bereits im Vorfeld Amazon-Beschäf­tigte in Deutschland, Frank­reich und Polen getroffen. Aus Groß­bri­tannien waren Teil­nehmer des Streiks der Juniordoctors gegen Kür­zungen im Gesund­heits­system und des Streiks bei dem Essens­aus­lie­ferer Deli­veroo dabei. Aus Slo­wenien waren Unter­stützer der erfolg­reichen Arbeits­kämpfe in der Logistik.

Was bedeutet der Begriff »social strike«, auf den sich die transnationale Konferenz bezieht?

Es geht darum, wie Arbeits­kämpfe außerhalb der klas­si­schen Bereiche und der klas­si­schen gewerk­schaft­lichen Formen geführt werden können. Und es geht darum, den Streik als poli­ti­sches Kampf­mittel für unter­schied­liche Akteure wie­der­zu­ent­decken. Dafür ist Frank­reich, wo die Streiks durch Blo­ckaden von Pre­kären, Stu­die­renden, Arbeits­losen unter­stützt wurden, ein gutes Bei­spiel. In Zukunft soll die Plattform stärker zur trans­na­tio­nalen Ver­netzung von Arbeits­kämpfen, ins­be­sondere im Logis­tik­sektor, wie bei Amazon, genutzt werden.

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Interview Peter Nowak

Arbeit – Bewegung – Geschichte

Die Schweiz spielte keine unwichtige Rolle in der Geschichte der linken Arbei­te­rIn­nen­be­wegung. Die Zim­mer­walder-Kon­ferenz von 1915, zu der die sozia­lis­ti­schen Geg­ne­rInnen des 1. Welt­kriegs zusammen kamen, ist ein bekanntes Bei­spiel. Kaum bekannt ist hin­gegen, dass die Schweiz vor über 40 Jahren auch eine wichtige Rolle in der euro­päi­schen Ver­netzung der linken Betriebs­in­ter­vention gespielt hat.

Anfang der 1970er Jahre wurde in Zürich ein inter­na­tio­nales Koor­di­na­ti­onsbüro für die län­der­über­grei­fende Unter­stützung von Streiks und Arbeits­kämpfe auf­gebaut. Getragen wurde es von Gruppen der radi­kalen Linken, die durch den Auf­bruch nach 1968 ent­standen sind und sich weder der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen noch der tra­di­ti­ons­kom­mu­nis­ti­schen Richtung zuord­neten. Neben dem Pariser Mai 1968 war auch der ita­lie­nische Herbst 1969 für diese Linke ein wich­tiger Bezugs­punkt. Denn in Italien betei­ligten sich viele Arbei­te­rInnen im ganzen Land an Betriebs­be­set­zungen, Streiks und mili­tanten Demons­tra­tionen. Dort war der Funke des revo­lu­tio­nären Auf­bruchs tat­sächlich über­ge­sprungen, von den Hoch­schulen auf die Fabriken. Linke Akti­vis­tInnen sowie kämp­fe­rische Arbei­te­rInnen aus vielen euro­päi­schen Ländern ver­folgten die Ent­wicklung mit grossem Interesse. «In der his­to­ri­schen For­schung zu den Streik­be­we­gungen und Arbeits­kämpfen der 1960er und 1970er ist die inter­na­tionale Zusam­men­arbeit von Strö­mungen und Gruppen, die sich an diesen Aus­ein­an­der­set­zungen in der Fabrik ori­en­tieren, noch wenig beachtet worden», schreibt der Ber­liner His­to­riker Dietmar Lange in der aktu­ellen Ausgabe von Arbeit – Bewegung – Geschichte, Zeit­schrift für his­to­rische Studien.

Die Pro­phe­zeiung des her­auf­ziehen den Post­for­dismus

Das Schwer­punkt­thema lautet «Linke Betriebs­in­ter­vention, wilde Streiks und ope­rais­tische Politik 1968 bis 1988». Dietmar Lange, der gemeinsam mit Fabian Ben­newitz, Ralf Hoff­rogge und Axel Weipert die Zeit­schrift her­ausgibt, forscht seit län­gerem zur Geschichte der linken Betriebs­in­ter­ven­tionen der 1960er und 1970er Jahre. Dabei hat er auch einen Bericht über eine Inter­na­tionale Arbei­te­rIn­nen­kon­ferenz im April 1973 aus­ge­graben, die in Paris statt­ge­funden hat. Sie wurde wesentlich von dem Zürcher Koor­di­na­ti­onsbüro vor­be­reitet und widmete sich den Klas­sen­aus­ein­an­der­set­zungen in der Auto­mo­bil­in­dustrie. Anwesend Arbei­te­rInnen aus den wich­tigsten Auto­mo­bil­kon­zernen wie BMW, VW, Fiat, Opel, Alfa Romeo, Renault und Citroen. Aus der Schweiz waren Beschäf­tigte von Saurier ver­treten. Auch ver­schiedene Linke aus Deutschland, Frank­reich, Italien und Gross­bri­tannien nahmen an der Kon­ferenz teil. Aus der Schweiz waren Akti­vis­tInnen der Gruppe Klas­sen­kampf nach Paris gekommen, die sich aus einer mao­is­tisch ori­en­tierten Jugend­be­wegung in der ita­lie­ni­schen Schweiz ent­wi­ckelt hatte und Anfang der 70er Jahre ihren Ein­fluss auf die deutsch­spra­chige Schweiz aus­dehnte. Mitte der 70er Jahre löste sich die Gruppe auf. In dieser Zeit war die linke Betriebs­in­ter­vention in eine Krise geraten geraten
und auch das Zürcher Koor­di­nie­rungsbüro stellte die Arbeit ein. Die Vor­be­reitung der Pariser Kon­ferenz war ihre wich­tigste Arbeit. «Nur kurze Zeit nach der Kon­ferenz in Paris vollzog ein Grossteil der betei­ligten Gruppen einen Rich­tungs­wechsel oder löste sich auf», schreibt Dietmar Lange. In einem Interview mit dem Arzt und His­to­riker Karl Heinz Roth, der damals an der linken Betriebs­in­ter­vention beteiligt war, spürt Lange den Gründen für den schnellen Zusam­men­bruch der trans­na­tio­nalen Soli­da­ri­täts­arbeit nach, der zu einem langen Abschied der linken Bewegung vom Pro­le­tariat führen sollte. Roth erinnert sich an war­nende Stimmen auf der Kon­ferenz, die berich­teten, wie durch Kon­zern­stra­tegien das Konzept des kämp­fe­ri­schen Mas­sen­ar­beiters unter­graben wurde. «Diese Pro­phe­zeiung des her­auf­zie­henden Post­for­dismus stand als Mene­tekel an der Wand des Kon­gresses», so Roth. Er begründet auch, warum das Koor­di­nie­rungsbüro, dass neben der Gruppe Klas­sen­kampf auch von der Berner und St. Gal­lener Orts­gruppen der Pro­le­ta­ri­schen
Front getragen wurden, in der Schweiz errichtet wurde: «Die Stand­ortwahl lag nicht nur aus geo­gra­phi­schen Gründen nahe, sondern hatte mit der damals leider noch sehr sel­tenen Mehr­spra­chigkeit der schwei­ze­ri­schen Genos­sinnen und Genossen zu tun».
Par­al­lelen zu heu­tigen Aus­ein­an­der­set­zungen
Das Koor­di­nie­rungsbüro habe sich zum Ziel gesetzt, die Selbst­or­ga­ni­sation der am meisten mar­gi­na­li­sierten Sek­toren der euro­päi­schen Arbei­te­rIn­nen­klasse zu fördern. Das ist eine sehr aktuelle Ziel­setzung. Schliesslich gibt es zurzeit eine linke Betriebs­in­ter­vention bei Amazon. Es gab bereits mehrere Treffen von Beschäf­tigten von Amazon-Werken in Deutschland und Polen. Deshalb weckt das Schwer­punkt­thema der Zeit­schrift Arbeit – Bewegung – Geschichte nicht nur his­to­ri­sches Interesse. Die Her­aus­ge­be­rInnen weisen darauf hin, dass sich «in den hier publi­zierten Texten zahl­reiche Aspekte finden, die Par­al­lelen zu heu­tigen Aus­ein­an­der­set­zungen auf­weisen». Nelly Tügel unter­sucht in ihren Beitrag, wie der Bun­des­vor­stand des Deut­schen Gewerk­schafts­bundes (DGB) auf gewerk­schaft­liche
Akti­vi­täten von Arbeits­mi­gran­tInnen in West­deutschland reagierte, die oft noch Klas­sen­kampf­tra­di­tionen ein­brachten, die in Deutschland durch den Natio­nal­so­zia­lismus aus­ge­löscht worden waren. «Zum einen erging die Auf­for­derung an die Ein­zel­ge­werk­schaften, jeweils einen Kol­legen zu benennen, der in einen der Abteilung Orga­ni­sation unter­stellten Unter­aus­schuss für die Betreuung aus­län­di­scher Kol­legen ent­sandt werden sollte. Zum anderen wurde beschlossen, Mate­rialen über die kom­mu­nis­tische und faschis­tische Unter­wan­derung durch aus­län­dische Arbeit­nehmer zusam­men­zu­stellen und allen Bun­des­tags­ab­ge­ord­neten zuzu­stellen». Sehr emp­feh­lenswert sind auch die Bei­träge in der Zeit­schrift, die sich nicht mit dem Schwer­punkt­thema befassen. Auch dabei wird deutlich,
dass die Schweiz in der Geschichte der Arbei­te­rIn­nen­be­wegung eine wichtige Rolle spielte. So berichtet die His­to­ri­kerin Miriam Sachse von einem Sym­posium, das sich mit der inter­na­tio­nalen sozia­lis­ti­schen Frau­en­kon­ferenz 1915 in Bern befasste. Dabei betonte die Prä­si­dentin der Schweizer Robert Grimm Gesell­schaft, Monika Wick aus Zürich, dass die Kon­ferenz, die in klarer Oppo­sition zum sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Kurs des Burg­friedens stand, auch männ­liche Unter­stützer hatte. Dazu gehörte in der Schweiz Robert Grimm.

Arbeit – Bewegung – Geschichte.
Zeit­schrift für his­to­rische Studien, Heft
1/2016, 230 Seiten, Bezug: www​.metro​pol​verlag​.de

aus: vor­wärts – 26. April 2016

http://​www​.schat​ten​blick​.de/​i​n​f​o​p​o​o​l​/​m​e​d​i​e​n​/​a​l​t​e​r​n​/​v​o​r​w​1​1​8​5​.html

Peter Nowak

Das Proletariat wird transnational

Neue Publi­ka­tionen beschäf­tigen sich mit linken Betriebs­in­ter­ven­tionen in Europa infolge des Auf­bruchs von 1968. Die län­der­über­grei­fende Soli­da­rität in Arbeits­kämpfen war damals pro­gram­ma­tisch.

»Mit seinem Ket­zerbuch ›Abschied vom Pro­le­tariat‹ ist er nun über­ra­schend aus der St.-Marx-Kirche aus­ge­treten«, spottete der Spiegel 1981 über den linken fran­zö­si­schen Sozio­logen André Gorz. Das Buch wurde damals vor allem bei der vom Auf­bruch von 1968 geprägten Linken zum Best­seller und sein Titel zum Pro­gramm. Denn nun konnte manch alt­ge­dienter Maoist auch theo­re­tisch begründen, warum sein Bemühen, die Fabrik­ar­beiter für die Revo­lution zu gewinnen, keinen Erfolg gehabt hatte. Von Gorz ist vielen heute nur »Abschied vom Pro­le­tariat« bekannt. Die Bücher, in denen er Brücken zwi­schen der alten Arbei­ter­be­wegung und dem Auf­bruch der Neuen Linken nach 1968 schlagen wollte, sind hin­gegen fast ver­gessen. Sie trugen ebenso pro­gram­ma­tische Titel wie »Die Aktua­lität der Revo­lution« und »Zur Stra­tegie der Arbei­ter­be­wegung im Neo­ka­pi­ta­lismus«.

Klassenkampf überall. Eine Demonstration der Gruppe »Lotta Continua« in Mailand, Anfang der siebziger Jahre
Klas­sen­kampf überall. Eine Demons­tration der Gruppe »Lotta Con­tinua« in Mailand, Anfang der sieb­ziger Jahre (Foto: www​.lalotta​con​tinua​.it)

Es könnte sein, dass die heute nur noch anti­qua­risch erhält­lichen Bücher bald wieder stärkere Beachtung finden. In den ver­gan­genen Jahren haben jüngere His­to­riker den lange ver­ges­senen dis­si­denten Strö­mungen der Arbei­ter­be­wegung Auf­merk­samkeit gewidmet. Diese hatten in der For­schung zuvor höchstens in den Fuß­noten Erwähnung gefunden. Kon­zen­trierte sich die For­schung auf die großen Arbei­ter­par­teien und Gewerk­schaften, widmet man sich jetzt der Räte­be­wegung und unter­sucht die zahl­reichen Gruppen, die sich weder der Sozi­al­de­mo­kratie noch dem Par­tei­kom­mu­nismus zurech­neten.

Kürzlich ist die erste Ausgabe der Zeit­schrift für his­to­rische Studien »Arbeit Bewegung Geschichte« mit dem Schwer­punkt­thema »Linke Betriebs­in­ter­vention, wilde Streiks und ope­rais­tische Politik 1968 bis 1988« im Metropol-Verlag erschienen. Die Zeit­schrift ist aus dem »Jahrbuch für For­schung zur Geschichte der Arbei­ter­be­wegung«, das seine Wurzeln in der DDR hatte, her­vor­ge­gangen. Vor allem der trans­na­tionale Cha­rakter der Betriebs­in­ter­ven­tionen sei in der his­to­ri­schen For­schung bisher kaum beachtet worden, schreibt der Ber­liner His­to­riker Dietmar Lange von der Redaktion von »Arbeit Bewegung Geschichte«. Dabei habe es vor allem nach 1969 einen regen Aus­tausch unter den linken Gruppen diverser euro­päi­scher Länder gegeben.

Neben dem Pariser Mai sei der heiße Herbst 1969 in Italien ein wich­tiges Schlüs­sel­datum gewesen.Damit ist ein Zyklus von Kämpfen und Streiks gemeint, die ganz Italien erfasst hatten. Diese Aus­ein­an­der­setzung wurde von Linken in Europa mit beson­derem Interesse wahr­ge­nommen, weil in Italien für einige Monate Rea­lität wurde, was sich viele von ihnen in anderen Ländern ver­geblich erhofften: Ein rele­vanter Teil der Lohn­ab­hän­gigen betei­ligte sich mit mili­tanten Demons­tra­tionen, Streiks und Fabrik­be­set­zungen an den gesell­schaft­lichen Kämpfen. Bereits 1969 kam es zu ersten Ver­net­zungs­treffen linker Gruppen, Gewerk­schaften und Soli­da­ri­täts­in­itia­tiven aus ver­schie­denen Ländern. Dabei wurden Fragen dis­ku­tiert, die erstaunlich aktuell scheinen. »For­ciert wurde die Kon­takt­auf­nahme nicht nur durch die geo­gra­phische Nähe, sondern durch die zu dieser Zeit wach­senden Her­aus­for­de­rungen, wie die wach­sende Kapi­tal­ver­flechtung, die zuneh­mende Migration von Arbeits­kräften und die zuneh­mende Inte­gration im Rahmen des gemein­samen euro­päi­schen Marktes«, schreibt Dietmar Lange. Er hat bei seinen For­schungen in ita­lie­ni­schen Archiven einige bisher weit­gehend unbe­kannte Quellen über diese trans­na­tionale Ver­netzung erschlossen.

Das erste Treffen fand in Rom statt. Daran betei­ligten sich Ver­treter links­so­zia­lis­ti­scher Gruppen und Par­teien, die seit 1968 ent­standen waren und sich weder dem Tra­di­ti­ons­kom­mu­nismus noch der Sozi­al­de­mo­kratie zuordnen wollten. Auch die beiden in Italien zeit­weise ein­fluss­reichen linken Gruppen Lotta Con­tinua und Auto­nomia Operaia, die sich auf unter­schied­liche Frak­tionen der dis­si­denten Linken bezogen, suchten und fes­tigten ihre inter­na­tio­nalen Kon­takte. 1971 war in Zürich ein Koor­di­na­ti­onsbüro eröffnet worden, das sich dem Aufbau einer län­der­über­grei­fenden Soli­da­rität mit strei­kenden Betrieben widmen sollte. Zu der wich­tigsten Akti­vität dieses Büros gehörte eine im April 1973 in Paris ver­an­staltete Kon­ferenz zur Situation in der euro­päi­schen Auto­mo­bil­in­dustrie. Dort war es zu spon­tanen Streiks gekommen. Als Prot­agonist der Kämpfe wurde auf der Kon­ferenz der »mul­ti­na­tionale Mas­sen­ar­beiter« aus­ge­macht. Damit waren vor allem an- und unge­lernte Beschäf­tigte an den großen Mon­ta­ge­bändern gemeint, die oft aus andere Lan­des­teilen oder Ländern zuge­wandert waren. So spielten in den ita­lie­ni­schen Fabrik­kämpfen unge­lernte Beschäftige aus Süd­italien eine zen­trale Rolle.

Über die Pariser Kon­ferenz sind viele Details bekannt, weil Lange in den Archiven einen ver­schollen geglaubten Bericht gefunden und über­setzt hat. Demnach haben sich Auto­mo­bil­ar­beiter aus Frank­reich, Groß­bri­tannien, Italien und der Schweiz an der Kon­ferenz beteiligt. Aus Deutschland waren Beschäf­tigte der Kölner Ford-Werke, von VW aus Rüs­selsheim, Volks­wagen aus Han­nover und BMW aus München beteiligt. Die Teil­nehmer wider­legten die in den bür­ger­lichen Medien ver­breitete These, dass die »ita­lie­nische Krankheit«, wie die Zunahme der Kämpfe in Italien von Politik und Wirt­schaft genannt wurde, nicht auch für andere Länder Bedeutung erlangen könnte. So hätten sich Sabotage und Absen­tismus, wie das Ver­lassen des Arbeits­platzes genannt wurde, auch bei VW-Han­nover und bei BMW-München ver­breitet.

Doch es wurde auch offen über die Schwie­rig­keiten und Pro­bleme gesprochen, die einer schnellen Aus­breitung der Arbeits­kämpfe in ganz Europa im Wege standen. »Es gibt zu viele Schutz­vor­rich­tungen, poli­tische Stau­räume, Ventile zum Dampf­ab­lassen, die das Gesamt­ka­pital mit allen seinen pro­duk­tiven und insti­tu­tio­nellen Glie­de­rungen in Bewegung setzen kann«, lautete die Ein­schätzung in dem Pro­tokoll. »Unter diesen Vor­aus­set­zungen kann eine inter­na­tionale Ver­ein­heit­li­chung des Arbei­ter­ver­haltens nur in dem Tempo und nach dem Interesse der Bosse von­statten gehen«, so das wenig opti­mis­tische Fazit. Das war für die Kon­fe­renz­teil­nehmer gleich­zeitig ein Plä­doyer für den Aufbau einer ein­heit­lichen kom­mu­nis­ti­schen Orga­ni­sation, die sie Gesamt­projekt nannten.

Doch die Phase der linken Fabrik­in­ter­ven­tionen fand ein rasches Ende. »Nur kurze Zeit nach der Kon­ferenz in Paris vollzog ein Großteil der betei­ligten Gruppen einen Rich­tungs­wechsel und löst sich auf«, schreibt Lange. Auch sein Inter­view­partner Karl-Heinz Roth, der damals in diesen Kämpfen eine wichtige Rolle spielte, konnte im Gespräch wichtige Hin­weise auf die Hin­ter­gründe geben, die nicht nur zur Auf­lösung des Zürcher Büros, sondern auch zum Zusam­men­bruch der trans­na­tio­nalen Betriebs­so­li­da­rität führten. Er erin­nerte an Berichte von Teil­nehmern der Pariser Kon­ferenz, die sich damals neuen Kon­zern­stra­tegien wid­meten, mit denen das Konzept des kämp­fe­ri­schen Mas­sen­ar­beiters unter­graben wurde. »Diese Pro­phe­zeiung des her­auf­zie­henden Post­for­dismus stand als Mene­tekel an der Wand des Kon­gresses«, so Roth. Der lange Abschied der Linken vom Pro­le­tariat nahm hier seinen Anfang.

In den ver­gan­genen Jahren gab es neue Ver­suche, eine trans­na­tionale Streik­so­li­da­rität auf­zu­bauen. Dafür stehen die Streiks bei Amazon ebenso wie die Migrant Strikers oder die Oficina Pre­caria Berlin, zwei Initia­tiven, in denen sich spa­nische und ita­lie­nische Arbeits­mi­granten in Berlin orga­ni­sieren. So dürfte das Schwer­punkt­thema von Arbeit Geschichte Bewegung nicht nur his­to­ri­sches Interesse wecken. Im Vorwort weisen die Her­aus­geber auf Par­al­lelen zwi­schen ihrem For­schungs­thema und heu­tigen Aus­ein­an­der­set­zungen hin: »Dazu gehören die bedeu­tende Rolle von Migranten und Migran­tinnen, die The­ma­ti­sierung der Gesundheit der Arbeiter und Arbei­te­rinnen sowie der Wohn- und Lebens­ver­hält­nisse im Stadtteil.«

Am 30. Mai um 19 Uhr dis­ku­tieren in Berlin im Buch­laden Schwarze Risse (Mehringhof) Dietmar Lange, Redakteur von »Arbeit Bewegung Geschichte«, und Mit­glieder der Basis­ge­werk­schaft IWW über Betriebs­so­li­da­rität damals und heute.

Peter Nowak

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​6​/​1​5​/​5​3​8​3​6​.html
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Berlin:

Diskussionsveranstaltung:

30.Mai 2016, 19 Uhr, Buchladen Schwarze Risse, Gneisenaustr. 2a.

Ist der lange Abschied vom Proletariat zu Ende?

Gespräch über die Geschichte und Aktua­lität linker Betriebs­in­ter­ven­tionen
Mit Dietmar Lange, His­to­riker und Mit­her­aus­geber der Zeit­schrift Arbeit
Bewegung Geschichte und Mark Richter Mit­glied der IWW*

Mode­ration Peter Nowak, Jour­nalist und Her­aus­geber des Buches „Ein Streikt seht, wenn mensch ihn selber macht“

In der aktu­ellen Ausgabe der Zeit­schrift Arbeit Bewegung Geschichte

(http://​www​.arbei​ter​be​wegung​-jahrbuch​.de/​?​p=536) werden heute weit­gehend
unbe­kannt Details über eine län­der­über­grei­fende Koor­di­nierung der linken
betrieb­lichen Inter­ven­tionen vor­ge­stellt. Dar­unter ist ein Bericht über eine Pariser Kon­ferenz von Beschäf­tigten aus dem Auto­mo­bil­sektor aus meh­reren euro­päi­schen Ländern im April 1973. Dietmar Lange wird einen Über­blick über den Versuch einer trans­na­tio­nalen linken
Betriebs­in­ter­vention geben und auchdie Pro­bleme benennen. Waren sie der Grund für den langen Abschied vom Pro­le­tariat vieler linker Gruppen? In den letzten Jahren sind Soli­da­rität mit Streiks und anderen betrieb­lichen Kämpfen wieder Gegen­stand linker Initia­tiven geworden.
Unter dem Titel „Direct Unionism“- Stra­tegie für erfolg­reiche Basis­ge­werk­schaften auf der Höhe der Zeit“ ver­öf­fent­lichte die IWW kürzlich ein Dis­kus­si­ons­papier

(https://​de​.scribd​.com/​d​o​c​/​2​8​3​8​7​6​8​7​9​/​D​i​r​e​c​t​-​U​n​i​o​n​i​s​m​-​S​t​r​a​t​e​g​i​e​-​f​u​r​-​e​r​f​o​l​g​r​e​i​c​h​e​-​B​a​s​i​s​g​e​w​e​r​k​s​c​h​a​f​t​e​n​-​a​u​f​-​d​e​r​-​H​o​h​e​-​d​e​r​-Zeit),
in das Erfah­rungen mit Arbeits­kämpfen in pre­kären Sek­toren ein­flossen. Mark Richter aus Frankfurt am Main wird die dort ver­tre­tenen Thesen zur Dis­kussion stellen.

»Das größte Massaker der Berliner Revolutionsgeschichte«

WIS­SEN­SCHAFT Der His­to­riker Dietmar Lange hat einen Gene­ral­streik erforscht, der im März 1919 blutig nie­der­ge­schlagen wurde

taz: Herr Lange, was inter­es­siert Sie an einem Gene­ral­streik, der vor fast einem Jahr­hundert statt­ge­funden hat?

Dietmar Lange: Zum einen wollte ich die Streik­be­wegung vom Frühjahr 1919 erfor­schen, die For­de­rungen nach sozi­al­öko­no­mi­schen Umwäl­zungen mit­hilfe der Räte aus­drückte. Außerdem inter­es­sierte mich die blutige Nie­der­schlagung der Bewegung durch das Bündnis von rechter SPD-Führung und Frei­korps. Beides erreichte im Gene­ral­streik und den März­kämpfen in Berlin einen Höhe­punkt, ist heute aber weit­gehend in Ver­ges­senheit geraten. Ins­be­sondere die sehr bru­talen mili­tä­ri­schen Ein­sätze, die in Berlin zum größten Mas­saker der gesamten Ber­liner Revo­lu­ti­ons­ge­schichte führten, bedürfen einer gründ­lichen Auf­ar­beitung.

Warum war das Interesse bisher so gering?

Die Aus­ein­an­der­setzung um eine gesell­schaft­liche Umwälzung nach der Novem­ber­re­vo­lution gilt auf poli­ti­scher Ebene als ent­schieden – mit den Wahlen zur Natio­nal­ver­sammlung am 19. Januar 1919 zugunsten der par­la­men­ta­ri­schen Republik. Die Ereig­nisse im Frühjahr 1919 wurden deshalb weniger erforscht.

Was haben die Strei­kenden gefordert?

Die Sozia­li­sierung der Schlüs­sel­in­dus­trien, eine Hee­res­reform sowie die recht­liche Ver­an­kerung der Räte in der Ver­fassung. Das waren unein­ge­löste For­de­rungen, die bereits der 1. Reichs­rä­te­kon­gress 1918 auf­ge­stellt hatte.

Wurde nur in Berlin gestreikt?

Die Streik­be­wegung blieb nicht auf Berlin beschränkt, sie war aber regional zer­splittert und setzte zeitlich ungleich­mäßig ein. Der Grund war vor allem eine nur lose Koor­di­nation zwi­schen den ein­zelnen Streik­zentren im Ruhr­gebiet, Mit­tel­deutschland und Berlin. Im Ruhr­gebiet setzte der Streik nach dem Ein­marsch von Frei­korps­ver­bänden zu früh ein und war bereits zusam­men­ge­brochen, als er in Berlin begann. Dort wie­derum hat er wegen der Ver­zö­ge­rungs­taktik der SPD-Frak­ti­ons­führung in den Räten zu spät ein­ge­setzt.

Wieso kam es mit Streik­beginn zu großen Unruhen, obwohl sich die Streik­leitung von allen Auf­stands­kon­zepten distan­ziert hat?

Viele Indizien deuten auf eine gezielte Pro­vo­kation der Militärs beim Beginn der Aus­schrei­tungen hin – und vor allem bei der Eska­lation der Kämpfe mit den Sol­da­ten­wehren. Falsch­mel­dungen von getö­teten Poli­zisten wurden ver­breitet. So wurde ein Klima erzeugt, das erstens die Aus­rufung des Bela­ge­rungs­zu­stands über Berlin ermög­lichte, zweitens die Aus­schaltung der in der Novem­ber­re­vo­lution geschaf­fenen Sol­da­ten­wehren zugunsten der rechten Frei­korps und drittens das Blutbad unter den revo­lu­tio­nären Arbeitern und Sol­daten.

Wie viele Men­schen sind in Berlin umge­kommen?

Die genaue Zahl der Toten und Ver­letzten wurde nie ermittelt. Der ver­ant­wort­liche SPD-Minister Gustav Noske sprach von 1.200 Toten in Berlin. Die meisten sind nicht in den Kämpfen gestorben, sondern nach der Ver­haftung stand­rechtlich erschossen worden. Andere starben bei der Bom­bar­dierung von Arbei­ter­quar­tieren durch schwere Artil­lerie und Flie­ger­bomben.

Sind die Orte der Mas­saker bekannt?

An der dama­ligen Zahl­stelle der Volks­ma­ri­ne­di­vision in der Fran­zö­si­schen Straße 32 wurden 30 revo­lu­tionäre Sol­daten erschossen, die ihren Sold abholen wollten. 11 Auf­stän­dische wurden an der Mauer des Lich­ten­berger Friedhofs hin­ge­richtet. Die meisten wurden in den Stand­ge­richten erschossen, die überall in Berlin errichtet worden waren und bis Mitte März im Schnell­ver­fahren Todes­ur­teile voll­streckten.

Wäre es nicht an der Zeit für einen Gedenkort für die Opfer?

Ich würde mich freuen, wenn die Dis­kussion darüber beginnen würde. An der Karl-Marx-Allee erinnern 40 Gedenk­stelen an his­to­rische Ereig­nisse der 1848er Revo­lution bis zur Gegenwart. Obwohl bei der Zer­schlagung des Gene­ral­streiks im März 1919 die Gegend um die heutige Karl-Marx-Alle eine große Rolle spielte, fehlt bisher jeder Hinweis darauf. INTERVIEW: PETER NOWAK

Dietmar Lange

32, hat an der Freien Uni­ver­sität Geschichte und Phi­lo­sophie stu­diert und pro­mo­viert zur Streik­ge­schichte in Deutschland und Italien. Er ist außerdem Mit­glied im Vor­stand des För­der­vereins für For­schungen zur Geschichte der Arbei­ter­be­wegung.

Der Gene­ral­streik

Anfang März 1919 endete ein Gene­ral­streik in Berlin in einem Blutbad. Der Ber­liner His­to­riker Dietmar Lange hat darüber das Buch »Mas­sen­streiks und Schieß­befehl – Gene­ral­streik und März­kämpfe in Berlin 1919« im Verlag edition assem­blage ver­öf­fent­licht. Am Don­nerstag um 19 Uhr berichtet Lange über seine For­schungen zu dem in Ver­ges­senheit gera­tenen Mas­saker in der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Franz-Mehring-Platz 1. Am 17. März ver­an­stalten linke Gruppen gemeinsam mit Lange einen his­to­ri­schen Spa­ziergang zu den Schau­plätzen von Wider­stand und Terror im März 1919. Treff­punkt ist 15 Uhr am U-Bahnhof Weber­wiese. (pn)

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=ba&dig=2013%2F03%2F12%2Fa0143&cHash=bcfa301e6f623c5863245fdd729cb36a
Interview: Peter Nowak:

Der vergessene Terror

Im März 1919 wurde in Berlin ein Gene­ral­streik von Militär und Frei­korps blutig nie­der­ge­schlagen. Der His­to­riker Dietmar Lange liefert einen tiefen Ein­blick in ein weit­gehend unbe­kanntes Kapitel der deut­schen Geschichte.

Unter dem Motto »Zer­störte Vielfalt« erinnern staat­liche Stellen 2013 an mehrere Jah­restage des NS-Terrors, von der Macht­über­nahme bis zur Reichs­po­grom­nacht. Mit dem Titel wird sug­ge­riert, dass es in Deutschland bis 1933 eine weit­gehend heile Welt gegeben habe, die von den Nazis zer­stört wurde. Der Publizist Sebastian Haffner, der während der NS-Zeit im Exil lebte, eröffnete in seinem 1969 erschie­nenen Buch »Die ver­ratene Revo­lution 1918÷19« eine ganz andere Per­spektive auf die Geschichte vor 1933. Dort bezeichnet er die von rechten Frei­korps mit Unter­stützung der SPD-Führung ver­übten Morde an Rosa Luxemburg und Karl Lieb­knecht als »Auftakt zu den tau­send­fachen Morden in den fol­genden Monaten der Noske-Zeit und den mil­lio­nen­fachen Morden in den fol­genden Jahr­zehnten der Hit­lerzeit«.

Der Ber­liner His­to­riker Dietmar Lange widmet sich in seinem bei Edition Assem­blage ver­öf­fent­lichten Buch »Mas­sen­streik und Schieß­befehl« einem weniger bekannten Kapitel der deut­schen Zwi­schen­kriegs­ge­schichte und setzt sich intensiv mit dem Gene­ral­streik und den Kämpfen in Berlin im März 1919 aus­ein­ander. Der Streik war einer­seits ein letzter Versuch, die Ziele der Revo­lution wie die »Sozia­li­sierung der Schlüs­sel­in­dus­trien« und die Eta­blierung von Räten durch­zu­setzen. Ande­rer­seits ging es aber auch schlicht um die Ver­bes­serung der mise­rablen Lebens­be­din­gungen der Arbei­ter­schaft. Lange führt in diesem Zusam­menhang Aus­sagen von Sozial- und Gesund­heits­ex­perten an, denen zufolge mehr als die Hälfte der Todes­fälle in den Ber­liner Kran­ken­häusern in den ersten Wochen des Jahres 1919 auf Unter­ernährung zurück­zu­führen sind.

Das Bür­gertum wappnete sich auf seine Weise für die Kon­fron­tation. Am 10. Januar 1919 trafen sich »40 bis 50 Ver­treter von Banken, Industrie und Gewerbe (…), wo nach einem Vortrag des füh­renden anti­kom­mu­nis­ti­schen Agi­tators und Vor­sit­zenden der anti­bol­sche­wis­ti­schen Liga, Edward Stadler, ein Fonds zur Nie­der­schlagung der Revo­lution mit meh­reren Mil­lionen Mark aus­ge­stattet wurde«, zitiert Lange ein his­to­ri­sches Dokument. Dieses Geld wurde vor allem zum wei­teren Aufbau der Frei­korps­ver­bände und Bür­ger­wehren genutzt, die an der blu­tigen Nie­der­schlagung der Auf­stände im März 1919 beteiligt waren.

Lange geht detail­liert auf die Stra­ßen­gewalt ein, die sich par­allel zum Gene­ral­streik in einigen Ber­liner Stadt­teilen ent­wi­ckelte und von der sich sämt­liche poli­tische Gruppen – auch die junge KPD – distan­zierten. Der His­to­riker ver­weist auf ver­breitete Thesen, dass diese Aktionen von der Kon­ter­re­vo­lution bezahlt wurden, um die Streik­be­wegung zu dis­kre­di­tieren und schließlich zu zer­schlagen. Er beschreibt aber auch die soziale und poli­tische Anspannung auf den Straßen Berlins, die durch die schlechte wirt­schaft­liche Situation ver­schärft wurde. Tat­sächlich traten mit Verweis auf die Unruhen Son­der­ge­setze in Kraft, die den Arbeits­kampf von Anfang an erheblich behin­derten. Selbst die Her­ausgabe einer Streik­zeitung wurde ver­boten.

Auch nachdem der Aus­stand in Berlin nach sechs Tagen abge­brochen wurde, wütete der Terror der Frei­korps und Bür­ger­wehren noch wochenlang weiter. Zu den Opfern gehörte neben vielen anderen Leo Jogiches, ein lang­jäh­riger Weg­ge­fährte Rosa Luxem­burgs und Mit­be­gründer des Spar­ta­kus­bundes. Nach der Ermordung Luxem­burgs und Lieb­knechts war Jogiches Par­tei­vor­sit­zender der KPD geworden, doch hatte er diesen Posten eben­falls nur kurze Zeit inne. Im März 1919 wurde er aus seiner Neu­köllner Wohnung ver­schleppt und kurz darauf, am 10. März, im Unter­su­chungs­ge­fängnis Moabit durch einen Kopf­schuss getötet. Vor allem seine Recherchen zur Ermordung Luxem­burgs und Lieb­knechts waren Militär und Frei­korps ein Dorn im Auge gewesen. In den Akten heißt es, er sei auf der Flucht erschossen worden.

Jogiches war nicht der einzige Oppo­si­tio­nelle, der ermordet oder Repres­salien aus­ge­setzt wurde. Die Frei­korps durch­kämmten die Ber­liner Arbei­ter­viertel mit Listen, auf denen Per­sonen ver­zeichnet waren, die sich gegen den Krieg aus­ge­sprochen hatten oder die in den Tagen der Novem­ber­re­vo­lution in Räten aktiv geworden waren. Auch miss­liebige Intel­lek­tuelle und dada­is­tische Künstler gehörten zu den Opfern des »Weißen Terrors«. Einer von ihnen war der Schrift­steller Wieland Herz­felde, der Bruder des Künstlers John Heart­field, der wegen der Her­ausgabe einer sati­rischen Zeit­schrift inhaf­tiert wurde. »Diese Lyn­chungen«, zitiert Lange den Publi­zisten, beruhten »nicht auf Erregung, sondern auf System und Instruktion.«

In den Arbei­ter­vierteln Berlins wurden Stand­ge­richte ein­ge­setzt, um unliebsame Oppo­si­tio­nelle ad hoc ver­ur­teilen zu können. Lange refe­riert in seinem Buch auf die dama­ligen Akten und führt erschre­ckende Bei­spiele an. So wurde etwa der Ziga­ret­ten­händler Johannes Müller denun­ziert und vor ein Stand­ge­richt gestellt, weil er als revo­lu­tionär gel­tende Bücher besaß. In der And­reasstraße in Fried­richshain wurden ein Vater und sein 19jähriger Sohn erschossen, weil sie zwei Hand­gra­na­ten­stiele von ihrer Arbeits­stelle mit­ge­bracht hatten.

Der Schieß­be­feh­lerlass wurde erst am 16. März auf­ge­hoben. Nach einem offi­zi­ellen Bericht des Reichs­wehr­mi­nisters Gustav Noske (SPD) sind in Berlin ins­gesamt 1 200 Men­schen ums Leben gekommen. Der über­wie­gende Teil von ihnen ist jedoch nicht bei den Kämpfen gestorben, sondern von Stand­ge­richten erschossen worden. Lange schätzt die Zahlen Noskes aller­dings als zu niedrig ein, da ein Teil der Opfer in Mas­sen­gräbern ver­scharrt oder in die Spree geworfen wurde. Noch im Sommer 1919 wurden Berichten zufolge ver­einzelt auf­ge­dunsene Leichen ans Ufer geschwemmt.

Als sich die Natio­nal­ver­sammlung am 27. März 1919 mit dem Geschehen befasste, erklärte Noske unter dem Beifall sämt­licher Par­teien von der SPD bis hin zur äußersten Rechten: »Da gelten Para­graphen nichts, da gilt lediglich der Erfolg, und der war auf meiner Seite.« Schon der His­to­riker Sebastian Haffner hat 1969 in seinem Buch einen Zusam­menhang zwi­schen dem Terror der Frei­korps gegen die Novem­ber­re­vo­lution und den Mas­sen­morden des NS-Regimes her­ge­stellt. Langes Erkennt­nisse stützen diese Ein­schätzung anhand zahl­reicher Bei­spiele und unter­mauern auch die Worte, die der Rechts­his­to­riker Otmar Jung in einer Ausgabe der Mili­tär­his­to­ri­schen Mit­tei­lungen von 1989 für die Gescheh­nisse des März 1919 fand: »Noskes Erschie­ßungs­befehl reiht sich so als unwür­diges Glied in eine Kette (prä)faschistischer deut­scher Gewalt­po­litik ein, welche die Welt nicht zu Unrecht ›hun­nisch‹ nannte.«

Lange widerlegt mit seinem Buch die These von der 1933 durch die Nazis zer­störten Vielfalt und zeigt am Bei­spiel des März 1919 auf, was sich bei der Nie­der­schlagung der Baye­ri­schen Räte­re­publik im April 1919, des Ruhr­auf­stands 1920 und auch des Ham­burger Auf­stands 1923 in ähn­licher Form wie­der­holte. Für den 14. März dieses Jahres planen linke Gruppen eine Ver­an­staltung mit dem Autoren des Buchs, bei der auch die Frage dis­ku­tiert werden soll, weshalb es bis heute keinen ein­zigen Gedenkort für die Opfer dieses Terrors gibt.
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Peter Nowak