Krankheitsbilder des Systems

Gerd Kroskes Doku­men­tation »SPK-Komplex« ver­sucht eine Auf­ar­beitung der Geschichte der Anti­psych­iatrie in Deutschland.

»Der Stein, den jemand in die Kom­man­do­zen­trale des Kapitals wirft, und der Nie­ren­stein sind aus­tauschbar. Nehmt Euch vor Nie­ren­steinen in Acht.« So lautete eine der Thesen des Phi­lo­sophen und appro­bierten Medi­ziners Wolfgang Huber, der im Februar 1970 in Hei­delberg gemeinsam mit 53 Psych­ia­trie­pa­ti­enten das Sozia­lis­tische Pati­en­ten­kol­lektiv (SPK) gründete. »Die Krankheit zur Waffe machen« war das Motto der Gruppe. In der vom SPK her­aus­ge­ge­benen Publi­kation Pati­en­teninfo hieß es im Juni 1970: »Das System hat uns krank­ge­macht. Geben wir dem kranken System den Todesstoß.« Das SPK ver­stand sich als Ver­tretung von Men­schen, die oft jah­relang in der Psych­iatrie erniedrigt und ent­rechtet worden waren, und sah im Zuge des gesell­schaft­lichen Auf­bruchs von 1968 die Chance, dagegen auf­zu­be­gehren.

Das anti­psych­ia­trische Sozia­lis­tische Pati­en­ten­kol­lektiv führte das indi­vi­duelle Krank­heitsbild auf das Krank­heitsbild des Kapi­ta­lismus zurück und sah das Leiden des Ein­zelnen in den Struk­turen der Gesell­schaft begründet. Die selbst­or­ga­ni­sierte The­ra­pie­gruppe las Hegel und Fou­cault, wollte das Macht­ge­fälle zwi­schen Arzt und Patient abschaffen, agi­tierte gegen die Ver­wahr­an­stalten und deckte die Kon­ti­nui­täten zur natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Psych­iatrie auf.

Die Geschichte des SPK und seiner Prot­ago­nisten lässt sich nicht bruchlos in die Erfolgs­ge­schichte der Acht­und­sech­zi­ger­be­wegung ein­fügen, wie sie vor allem von jenen ver­breitet wird, deren Bio­gra­phien über die Arbeit in den radi­kalen Gruppen schließlich zur Ver­söhnung mit der deut­schen Gesell­schaft führten. Bewe­gungen und Per­sonen, die nicht in dieses Bild passen, werden inzwi­schen ent­weder igno­riert oder als unbe­deu­tende Rand­fi­guren abgetan, die mit der eigent­lichen Intention von 1968 nichts zu tun gehabt hätten. So wird der mili­tante Teil der Bewegung abge­spalten und dele­gi­ti­miert. Das SPK wird gemeinhin als eine Gruppe von Irren in Hei­delberg betrachtet, die von einem wahn­sin­nigen Pro­fessor poli­ti­siert wurden. Zu diesem Bild des SPK als einer Ansammlung von Sek­tierern trägt wohl auch jener Verein bei, der heute unter dem Namen Patientenfront/​Sozialistisches Pati­en­ten­kol­lektiv (SPK/PF) fir­miert und wie eine Kari­katur der kom­mu­nis­ti­schen Grüppchen der sieb­ziger Jahre wirkt.

Umso erfreu­licher ist es, dass jetzt ein Film in die Kinos kommt, der sich um die Auf­ar­beitung der Geschichte des Sozia­lis­tische Pati­en­ten­kol­lektivs bemüht. Der Autor und Regisseur Gerd Kroske lässt dazu in seinem Film »SPK-Komplex« Prot­ago­nisten, Sym­pa­thi­santen und Kri­tiker des the­ra­peu­ti­schen Expe­ri­ments auf­treten. Besonders Carmen Roll, die im Film häufig zu Wort kommt, ver­teidigt die ursprüng­liche Intention des SPK, die Ver­hält­nisse in der Psych­iatrie anzu­greifen. Roll ging wie einige andere SPK-Mit­glieder später zur RAF. Bei ihrer Fest­nahme in Augsburg 1972 wurde Thomas Weis­becker erschossen. Nach ihrer Haft­ent­lassung 1976 enga­gierte sich Roll in Italien für eine Psych­ia­trie­reform, die wesentlich von Franco Basaglia ein­ge­leitet wurde. Bereits im Herbst 1971 waren einige SPK-Mit­glieder zu dem inter­na­tional bekannten Psych­ia­trie­kri­tiker gereist.

Zu diesem Zeit­punkt war das SPK bereits zu einer kri­mi­nellen Ver­ei­nigung erklärt worden und ein Großteil seiner Mit­glieder inhaf­tiert oder unter­ge­taucht. Aller­dings gab es sowohl im In- als auch im Ausland noch pro­mi­nente Unter­stützer. Jean-Paul Sartre setzte sich für die Psy­chiatriekritiker ebenso ein wie Peter Brückner oder Horst-Eberhard Richter. Anfang der sieb­ziger Jahre erschienen mehrere Bücher, die sich mit der Theorie und Praxis des SPK sowie den staat­lichen Reak­tionen befassten. Einige an der Ver­folgung betei­ligte Poli­zei­beamte und Juristen kommen im Film eben­falls zu Wort.

Dass die Abwertung von als Irre stig­ma­ti­sierten Men­schen bei den staat­lichen Ermitt­lungs­be­hörden all­täglich war, erfährt man aus den Akten­no­tizen zum SPK, die im Film ver­lesen werden. Dabei handelt es sich um Auszüge aus der Kor­re­spondenz zwi­schen der Polizei, der Leitung der medi­zi­ni­schen Fakultät der Uni­ver­sität Hei­delberg und dem Innen­mi­nis­terium von Baden-Würt­temberg sowie um Obser­va­ti­ons­pro­to­kolle. Ziel war es, das SPK zu ille­ga­li­sieren. So schrieb ein Mit­ar­beiter des Innen­mi­nis­te­riums, dass dies gar nicht so einfach sei, weil Wolfgang Huber appro­bierter Medi­ziner sei. Dar­aufhin dis­ku­tierten die Behörden, ob es möglich sei, den Arzt selber für ver­rückt erklären zu lassen. Carmen Roll und die Rechts­an­wältin Marie­luise Becker-Busche sind noch heute der Meinung, dass es juris­tisch unzu­lässig war, das Pati­en­ten­kol­lektiv zu einer kri­mi­nellen Ver­ei­nigung zu erklären. Damit gerieten auch Men­schen aus dem Umfeld des SPK ins Visier der Justiz.

So musste Ewald Goerlich zehn Monate in Unter­su­chungshaft ver­bringen, weil er sich als The­rapeut beim SPK betä­tigte. Später floh er nach Algerien. Im Film blickt er kri­tisch auf die Geschichte der Orga­ni­sation zurück. Wenn er aller­dings die Reden von Wolfgang Huber auf einem Teach-in 1970 hört, die an meh­reren Stellen ein­ge­spielt werden, merkt man ihm deutlich an, wie stark ihn die dama­ligen Gescheh­nisse noch heute bewegen. Mit Hans Bachus kommt auch der Mann zu Wort, der sich nach kurzem Enga­gement im SPK der Justiz als Kron­zeuge zur Ver­fügung stellte. Viele Ver­ur­tei­lungen beruhten auf seinen Aus­sagen. Lutz Taufer und Karl-Heinz Dellwo waren beim SPK und gehören zu den ehe­ma­ligen RAF-Mit­gliedern, die heute eher kri­tisch mit ihrer eigenen Geschichte umgehen. Wenn Dellwo aller­dings vor dem Grab von Holger Meins steht, betont er, dass er auch nach mehr 40 Jahren den Ver­ant­wort­lichen nicht ver­geben könne. Taufer berichtet, wie er sich nach einer ­Phase der totalen Iso­la­ti­onshaft freute, dass er in der JVA Schwalbach Zel­len­nachbarn hatte – bis er fest­stellen musste, dass es sich dabei um ver­ur­teilte NS-Täter han­delte, dar­unter einen in Auschwitz tätigen Sani­täter.

»Ich wollte anstelle eines Por­träts die Ereig­nisse um das SPK erzählen, weil sie bislang weit­gehend unbe­kannt sind«, sagt Gerd Kroske, der diesem Anspruch mit »SPK-Komplex« gerecht werden kann. Dass Wolfgang Huber für eine Mit­arbeit an der ­Doku­men­tation nicht zur Ver­fügung stand – seit seiner Haft­ent­lassung 1976 hat er sich aus der Öffent­lichkeit zurück­ge­zogen –, erweist sich als Stärke des Films. Man hört lediglich seine Stimme vom Tonband; so entgeht der Film der Gefahr einer ein­sei­tigen Per­so­nen­fi­xierung.

»Es gibt einige Psych­iater in Deutschland«, so Kroske, »die die SPK-Schriften kennen und den Ansatz des SPK noch heute für wertvoll halten. Man wünschte sich in den poli­ti­schen Dis­kus­sionen um eine Bür­ger­ver­si­cherung und die medi­zinische Ver­sorgung der Bevöl­kerung lautere Stimmen gerade von Psych­iatern, The­ra­peuten und Medi­zinern. Die sind leider im öffent­lichen Diskurs nicht mehr wirklich wahr­nehmbar.«


SPK-Komplex (D 2018). Buch und Regie: Gerd Kroske. Kino­start: 19. April

https://​jungle​.world/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​8​/​1​5​/​k​r​a​n​k​h​e​i​t​s​b​i​l​d​e​r​-​d​e​s​-​s​y​stems

Peter Nowak