Mit ‘Die Frauen der Lagergemeinschaften Ravensbrück’ getaggte Artikel

Es war auch Traumabewältigung

Donnerstag, 10. Mai 2018


Henning Fischer würdigt den Kampf und das Leid der Frauen von Ravensbrück

Diese Arbeit ist von einer großen Empathie für die Frauen der Lagergemeinschaft Ravensbrück geprägt«, erklärte der Historiker Mario Keßler zur Buchpremiere im Salon der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Jenen Antifaschistinnen ist die Kollektivbiografie des Historikers Henning Fischer gewidmet. Die Frauen, die in der Öffentlichkeit als politisches Kollektiv handelten, beschreibt der Autor als Individuen mit Ängsten und Sehnsüchten, Hoffnungen und Enttäuschungen. 

Seit mehreren Jahren forscht Fischer zur Geschichte des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück. Er verfolgte die Wege der ehemaligen deutschen Häftlinge von ihrer Politisierung in der Weimarer Republik bis hin zu ihrem späteren Leben in der Bundesrepublik oder der DDR. Sehr anschaulich schildert er, wie diese Frauen nach 1933 eine solidarische Gemeinschaft bildeten, die sich allerdings auf die eigene politische Gruppe beschränken musste. Wer nicht auf der Parteilinie lag, hatte es schwer. Beispielsweise Margarethe Buber-Neumann, die im sowjetischen Exil unter Stalin mit ihrem Mann als »Abweichlerin« verfemt, verfolgt und schließlich, nach dem deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt 1939, an Nazideutschland ausgeliefert wurde. Bis zur Befreiung vom Faschismus war Buber-Neumann in Ravensbrück inhaftiert. Obwohl sie noch bis 1946 KPD-Mitglied blieb, wurde sie von ihren Genossinnen und Genossen auch nach dem Krieg als Dissidentin mit Argwohn beobachtet. Nach ihrem Parteiaustritt schrieb sie ihre Erinnerungen nieder, nicht nur an die Zeit unter Stalin, auch an ihre Haft im faschistischen KZ. 

Die meisten Ravensbrückerinnen stürzten sich in Ost- wie in Westdeutschland sofort wieder in die politische Arbeit, was der Autor auch als eine Form der Traumabewältigung deutet. Der Kalte Krieg führte dazu, dass die Ravensbrückerinnen in der BRD bald erneut gesellschaftlich marginalisiert und oft kriminalisiert wurden. Erst ab Mitte der 1980er Jahre konnten sie ihre Erfahrungen als Zeitzeuginnen an eine jüngere Generation vermitteln. Am Beispiel der Ärztin Doris Maase zeigt Fischer, wie ehemalige NSDAP-Mitglieder nun als Richter in der Bundesrepublik die Verfolgung der Kommunistinnen fortsetzten. Doris Maase wurde die Rente gestrichen, die sie als NS-Verfolgte erhielt. Schon erhaltene Gelder sollte sie zurückzahlen, weil sie weiterhin politisch aktiv blieb.

Sensibel schildert Fischer auch den Prozess gegen die Kommunistin und Ravensbrück-Gefangene Gertrude Müller, die 1947 angeklagt war, jüdische Zwangsarbeiterinnen geschlagen zu haben. Zunächst schuldig gesprochen und zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt, musste Müller ihre Zelle mit ehemaligen Aufseherinnen von Ravensbrück teilen. Welch eine Zumutung. In einem zweiten Prozess wurde sie schließlich freigesprochen. Fischer stellt fest, dass letztlich nicht mehr geklärt werden kann, was damals tatsächlich geschah und wie es zu dem Vorwurf kam. Dass in ihrem ersten Prozess ein kommunistisches und zwei jüdische Opfer des NS-Systems gegeneinander klagten, ist dessen ungeachtet tragisch. Gertrud Müller war noch bis ins hohe Alter in der Organisation der NS-Verfolgten tätig. In den 1980er Jahren lud sie ehemalige Zwangsarbeiterinnen zu einer Podiumsdiskussion über die von der Bundesrepublik bis dato verweigerten Entschädigungszahlungen ein. 

In der DDR waren die Ravensbrückerinnen Teil der offiziellen Erzählung vom antifaschistischen Staat, den viele von ihnen bedingungslos verteidigten. Zwei der Frauen sahen auch ihre Arbeit für das MfS als eine Fortsetzung ihres kommunistischen Kampfes. Fischer weiß aber auch vom Eigensinn einer Frau zu berichten, der es gelungen ist, trotz parteioffizieller und staatlicher Vorgaben in der Gedenkarbeit eigene Akzente zu setzen. Es war Erika Buchmann, die sich hierbei selbst bei einstigen Leidensgenossinnen nicht nur Freunde machte. Der Kampf um die Erinnerung wurde unter den überzeugten Kommunistinnen hart ausgefochten. Schwer hatte es in der DDR zum Beispiel auch Johanna Krause, die unterm Hakenkreuz als Jüdin und Kommunistin verfolgt wurde und später als »renitente Quertreiberin« aus der SED ausgeschlossen wurde. 

Fischer beschreibt die Frauen in all ihrer Widersprüchlichkeit als selbstständig und selbstbewusst handelnde Individuen. Dieses Einfühlungsvermögen ließ die Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Insa Eschebach, bei der Buchvorstellung leider vermissen. Sie sprach von einer totalitären Einstellung ehemaliger Ravensbrückerinnen in der DDR und warf jenen gar vor, ihre Verfolgungsbiografien retuschiert zu haben. Anwesende Angehörige protestierten – zu Recht.


Henning Fischer: Überlebende als Akteurinnen. Die Frauen der Lagergemeinschaften Ravensbrück: Biografische Erfahrung und politisches Handeln, 1945 bis 1989. Universitätsverlag Konstanz, 542 S., br. 29 €.

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1087751.es-war-auch-traumabewaeltigung.html

Peter Nowak

Antifaschismus aus der Gegenwart herleiten

Montag, 09. April 2018

Geschichte: Henning Fischer hat eine politische Kollektivbiografie von kommunistischen “Ravensbrückerinnnen” geschrieben

Der Berliner Historiker Henning Fischer hat die Lebenswege von Frauen vorgelegt, die die Lagergemeinschaft Ravensbrück gründeten. Er verfolgt ihren Lebensweg von ihrer Politisierung in der Weimarer Republik und beschreibt ihr Engagement für den politischen Umbruch, der in der völligen Entrechtung des KZ-Systems endet. Sehr detailliert beschreibt er die Hoffnungen der Frauen nach der Befreiung sowie ihre diamental unterschiedliche Geschichte in West- und Ostdeutschland. Während sie in der BRD bald an den Rand gedrängt und als Kommunistinnen wieder kriminalisiert werden, werden sie in der DDR zur Teil der offiziellen Erzählung vom antifaschistischen Staat.

*1.) Du hast über einen Zeitraum von mehreren Jahren über die Geschichte derFrauen der Lagergemeinschaft Ravensbrück geforscht. Woher kommt Dein Interesse für das Thema? Und planst Du weitere historische Arbeiten zum NS-Widerstand?**
Fischer: .Abgesehen von den üblichen Zufälligkeiten bei der Themenwahl rührte mein Interesse an der Geschichte der Lagergemeinschaften von zwei Dingen. Erstens umfasst sie die Zeit vor und nach 1945 und damit den angeblichen Bruch der „Stunde Null“ zwischen Nationalsozialismus und Bundesrepublik. Zweitens ging es auch darum, etwas zur immer noch im Schatten ‚großer Männer‘ stehenden Frauengeschichte beizutragen.


*2.) Welchen Stellenwert spielt Deine politische Positionierung bei Deiner Arbeit? *

Fischer: Weil sie unter anderem eine antifaschistische Positionierung ist, hat sie sicher zur Themenwahl beigetragen. Außerdem hat sie das Spannungsfeld der historischen Untersuchung bestimmt: Einerseits in Form von geschichtlicher Empathie für die Protagonistinnen, andererseits als Korrektiv aus der Gegenwart, das eine Identifizierung mit ihnen vermeiden soll.


*3.) Wie war der Kontakt zu den noch lebenden Widerstandskämpfer_innen und ihren Angehörigen?*

Sehr offen und hilfreich. Mehrere Töchter und Söhne von Überlebenden haben mir durch Gespräche und auch die Weitergabe von Unterlagen sehr geholfen. Für Gespräche mit Überlebenden selbst, die zum Buch viel hätten beitragen können, kam ich leider viel zu spät.

*4.) In dem Buch wird an mehreren Stellen Deine Distanz zu traditionskommunistischen Politikvorstellungen deutlich. Wie ist Dir trotzdem eine Beschreibung gelungen, die den Frauen als handelnden Subjekten gerecht wird, obwohl sie zum großen Teil Kommunist_innen waren?*
Fischer: Wenn mir diese Beschreibung gelungen ist, dann genau deswegen: Als Teil linker Geschichte steht meine Arbeit den Lebensgeschichten der Frauen der Lagergemeinschaften nahe. Meine historische und politische Kritik
gegenüber traditionellen, zum Beispiel zentralistischen Politikformen hat dabei dann zur notwendigen Distanz beigetragen, die eine historische Beschäftigung braucht.

*5.) Du bringst in Deiner Arbeit eine Genderperspektive ein, die die Frauen selber oft nicht hatten. Siehst Du darin nicht auch ein Problem, zumal die sozialistischen und kommunistischen Gleichberechtigungsvorstellungen nicht weiter ausgeführt werden? *
Fischer: Meine Arbeit nimmt keine explizite, ausdifferenzierte geschlechterpolitische Position ein, in die die Lebensgeschichten der Überlebenden eingezwängt würden. Geschlecht als Thema muss in der Geschichte der Lagergemeinschaften aber präsent sein, da die Frauen in einer männlich dominierten (politischen) Welt agieren mussten. Zudem waren die historischen Lagergemeinschaften Ravensbrück ja Verbände von Frauen. Es braucht da also ein ‚Vokabular‘ in der historischen Darstellung und eine entsprechende Linse zum Verständnis des Geschehenen. Zudem gibt es in einigen Lebenserinnerungen von Überlebenden aus Ravensbrück deutliche
Äußerungen, wie sie die Abwertung weiblicher politischer Aktivität selbst erfuhren, z.B. in der KPD und der SED. Es ist dann die Aufgabe der historischen Darstellung, diese Aspekte damit zusammen zu bringen, dass sich die meisten der beschriebenen Protagonistinnen tatsächlich eher als ‚Kommunistinnen‘, weniger als ‚Frauenkämpferinnen‘ sahen. Das ist sicher sehr interessant, weiter zu untersuchen, auch im Hinblick auf die
Vorstellungen von Gleichberechtigung. Die Geschichte der Lagergemeinschaften, die ich geschrieben habe, war aber zunächst eine ‚Gesamtdarstellung‘ und Längsschnittstudie, und dieser Aspekt ist einer von vielen innerhalb dieser Geschichte, der noch genauer beschrieben werden könnte.

*6.) An mehreren Stellen schreibst Du, dass sich die Frauen nach ihrer Befreiung gleich wieder in die politische Arbeit stürzten, wäre eine Form von Traumabewältigung gewesen. Gibt es dafür Belege bei den Frauen selber oder ist es DeineInterpretation?*
Fischer: Da Traumabewältigung ja von einem Schockerlebnis und seiner Verdrängung ausgeht, gibt es hier wenig Gesagtes und wenig konkrete Belege. Auch deswegen, weil sich die Lebenserzählung der Überlebenden in der Regel auf das Politische und die Betonung der eigenen gesellschaftlichen Aktivität konzentrierte. Die Phase nach 1945, wie ich sie im Buch rekonstruiere, und ihre historische Deutung ist also eine Interpretation. Allerdings sind die Dokumente, z.B. Briefe, und Erinnerungsberichte der Überlebenden in diesem Punkt untereinander so ähnlich und als Interpretament so deutlich, dass es mir sicher scheint, dass eine solche „Rumraserei“ der politischen
Aktivität eine mögliche Art des Umgangs mit dem erlebten Schrecken gewesen ist: Sie war gleichzeitig Verdrängung durch Neues und Verarbeitung durch politische wie persönliche Sinngebung und Trauerarbeit.

*7.) Du sparst auch kritische Punkte nicht aus, wie den Umgang der Lagergemeinschaft mit Frauen, die bei der Partei in Ungnade gefallen sind. Wares schwer, mit den Überlebenden und ihren Angehörigen solche Punkte
anzusprechen?*

Fischer: Die Arbeit beruht ganz hauptsächlich auf schriftlichen Quellen, insofern gab es solche Situationen kaum. In einem ersten Gespräch ging es aber zum Beispiel um die These einer „Militarisierung“ des Gedenkens in der DDR.
Es war aber auch klar, dass es ein gemeinsames Interesse an der Geschichte der Lagergemeinschaften gibt und unterschiedliche Interpretationen oder ‘kritische Punkte‘ Teil dieser Geschichte sein können. Überlebende wie
Rita Sprengel hatten zudem bereits in den 1990ern in Lebenserinnerungen von Parteiausschluss und persönlichen Enttäuschungen berichtet.


*8.) Eine dieser bei der Partei in Ungnade gefallenen Gefangenen ist MargaretheBuber Neumann, die später politisch in ultrarechten Kreisen aktiv war. Hat es einen Grund, dass Du das nicht erwähnst?*

Das hat keinen anderen Grund als dass sich das Buch im Kern mit den Frauen der Lagergemeinschaften beschäftigt – und Buber-Neumann gehörte eben nicht dazu. Es gibt viele Aspekte quer durch diese Jahrhundertgeschichte, die nicht angemessen präsent sein können. Zum Beispiel leider auch das ganze Thema der Frauen, die bei den
Internationalen Brigaden oder als Anarchistinnen im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft haben.

*9.) Es gibt kaum noch Zeitzeug_innen aus dem Widerstand gegen den NS. Welche Rolle kann die Geschichtswissenschaft dabei spielen, damit diese Erfahrungen nicht vergessen werden? *
Solange die Forderungen des russischen Kosmismus (Unsterblichkeit und Wiederauferstehung für Alle!) nicht erfüllt sind, kann auch die Geschichtswissenschaft die Zeit nicht anhalten. Was sie kann, ist, durch kritische Rekonstruktion der Menschen aus dem antifaschistischen Widerstand – ihres Handelns, ihrer Umgebung, ihrer Möglichkeiten und Grenzen – sie selbst und ihre Erfahrungen sozusagen anschaubar zu machen. Ob Geschichtswissenschaft viel mehr kann, weiß ich nicht – die „Lehren aus der Geschichte“ zum Beispiel sind oft eine tendenziöse Angelegenheit, die sich aus der Vergangenheit moralisch-raunende Legitimation holt. Antifaschismus sollte sich ohne Weiteres aus der Gegenwart herleiten lassen.

Interview: Peter Nowak


Henning Fischer: Überlebende als Akteurinnen. Die Frauen der Lagergemeinschaften Ravensbrück: Biografische Erfahrung und politisches Handeln, 1945 bis 1989. 542 Seiten, zahlr. Fotografien, 29 Euro, Universitätsverlag Konstanz.


Am 21. und 22. April finden in der Gedenkstätte Ravensbrück die Festlichkeiten zum 73. Jahrestag der Befreiung statt.

aus: ak 636, März 2018

Frauen im Widerstand

Donnerstag, 25. Januar 2018

Der Historiker Henning Fischer hat eine Geschichte der Frauen der Lagergemeinschaft Ravensbrück veröffentlicht. Er verfolgt den Lebensweg der Frauen ab der Zeit ihrer Politisierung in der Jugend, beschreibt ihr Engagement für die KPD in der Weimarer Republik und ihre Entrechtung im KZ-System des Nationalsozialismus. Anschaulich zeigt er, wie die inhaftierten Kommunistinnen eine solidarische Gemeinschaft bildeten, die zugleich alle anderen Gefangenen ausschloss. Die meisten Überlebenden stürzten sich nach 1945 in Ost- und Westdeutschland wieder in die politische Arbeit, was Fischer als eine Form der Trauma­bewältigung deutet. Der Kalte Krieg führte dazu, dass die »Ravensbrückerinnen« in der BRD an den Rand gedrängt und nach dem KPD-Verbot kriminalisiert wurden. Am Beispiel der Ärztin Doris Maase skizziert Fischer die Geschichte der ­Repression in der Bundesrepublik bis in die sechziger Jahre. In den achtziger Jahren konnten einige Frauen als Zeitzeuginnen ihre Erfahrungen einer jüngeren Generation vermitteln.

Die DDR nahm die Ravensbrückerinnen in den Dienst der offiziellen Doktrin vom antifaschistischen Staat, den viele von ihnen bedingungslos verteidigten. Zwei ehemalige Häftlinge sahen ihre Arbeit für die Staatssicherheit als Fortsetzung des kommunistischen Kampfes. Der Streit um die Erinnerung wurde auch unter den linientreuen Kommunistinnen geführt. Schwer hatten es Frauen wie Johanna Krause, die als Jüdin und Kommunistin im »Dritten Reich« verfolgt wurde und der SED später als nicht linientreu genug galt. Fischer zeigt die Frauen in all ihrer Widersprüchlichkeit als handelnde Individuen. Damit setzt er Maßstäbe für eine Geschichtsschreibung des Widerstands gegen den Nationalsozialismus.

Henning Fischer: Überlebende als Akteurinnen. Die Frauen der Lagergemeinschaften Ravensbrück: Biografische Erfahrung und politisches Handeln, 1945 bis 1989. Univer­sitätsverlag Konstanz 2017, 542 Seiten, 29 Euro

https://jungle.world/artikel/2018/04/frauen-im-widerstand

Peter Nowak