Es war auch Traumabewältigung


Henning Fischer würdigt den Kampf und das Leid der Frauen von Ravens­brück

Diese Arbeit ist von einer großen Empathie für die Frauen der Lager­ge­mein­schaft Ravens­brück geprägt«, erklärte der His­to­riker Mario Keßler zur Buch­pre­miere im Salon der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Jenen Anti­fa­schis­tinnen ist die Kol­lek­tiv­bio­grafie des His­to­rikers Henning Fischer gewidmet. Die Frauen, die in der Öffent­lichkeit als poli­ti­sches Kol­lektiv han­delten, beschreibt der Autor als Indi­viduen mit Ängsten und Sehn­süchten, Hoff­nungen und Ent­täu­schungen. 

Seit meh­reren Jahren forscht Fischer zur Geschichte des Frau­en­kon­zen­tra­ti­ons­lagers Ravens­brück. Er ver­folgte die Wege der ehe­ma­ligen deut­schen Häft­linge von ihrer Poli­ti­sierung in der Wei­marer Republik bis hin zu ihrem spä­teren Leben in der Bun­des­re­publik oder der DDR. Sehr anschaulich schildert er, wie diese Frauen nach 1933 eine soli­da­rische Gemein­schaft bil­deten, die sich aller­dings auf die eigene poli­tische Gruppe beschränken musste. Wer nicht auf der Par­tei­linie lag, hatte es schwer. Bei­spiels­weise Mar­ga­rethe Buber-Neumann, die im sowje­ti­schen Exil unter Stalin mit ihrem Mann als »Abweich­lerin« verfemt, ver­folgt und schließlich, nach dem deutsch-sowje­ti­schen Nicht­an­griffspakt 1939, an Nazi­deutschland aus­ge­liefert wurde. Bis zur Befreiung vom Faschismus war Buber-Neumann in Ravens­brück inhaf­tiert. Obwohl sie noch bis 1946 KPD-Mit­glied blieb, wurde sie von ihren Genos­sinnen und Genossen auch nach dem Krieg als Dis­si­dentin mit Argwohn beob­achtet. Nach ihrem Par­tei­aus­tritt schrieb sie ihre Erin­ne­rungen nieder, nicht nur an die Zeit unter Stalin, auch an ihre Haft im faschis­ti­schen KZ

Die meisten Ravens­brü­ck­e­rinnen stürzten sich in Ost- wie in West­deutschland sofort wieder in die poli­tische Arbeit, was der Autor auch als eine Form der Trauma­be­wäl­tigung deutet. Der Kalte Krieg führte dazu, dass die Ravens­brü­ck­e­rinnen in der BRD bald erneut gesell­schaftlich mar­gi­na­li­siert und oft kri­mi­na­li­siert wurden. Erst ab Mitte der 1980er Jahre konnten sie ihre Erfah­rungen als Zeit­zeu­g­innen an eine jüngere Generation ver­mitteln. Am Bei­spiel der Ärztin Doris Maase zeigt Fischer, wie ehe­malige NSDAP-Mit­glieder nun als Richter in der Bun­des­re­publik die Ver­folgung der Kom­mu­nis­tinnen fort­setzten. Doris Maase wurde die Rente gestrichen, die sie als NS-Ver­folgte erhielt. Schon erhaltene Gelder sollte sie zurück­zahlen, weil sie wei­terhin poli­tisch aktiv blieb.

Sen­sibel schildert Fischer auch den Prozess gegen die Kom­mu­nistin und Ravens­brück-Gefangene Ger­trude Müller, die 1947 ange­klagt war, jüdische Zwangs­ar­bei­te­rinnen geschlagen zu haben. Zunächst schuldig gesprochen und zu einer mehr­jäh­rigen Haft­strafe ver­ur­teilt, musste Müller ihre Zelle mit ehe­ma­ligen Auf­se­he­rinnen von Ravens­brück teilen. Welch eine Zumutung. In einem zweiten Prozess wurde sie schließlich frei­ge­sprochen. Fischer stellt fest, dass letztlich nicht mehr geklärt werden kann, was damals tat­sächlich geschah und wie es zu dem Vorwurf kam. Dass in ihrem ersten Prozess ein kom­mu­nis­ti­sches und zwei jüdische Opfer des NS-Systems gegen­ein­ander klagten, ist dessen unge­achtet tra­gisch. Gertrud Müller war noch bis ins hohe Alter in der Orga­ni­sation der NS-Ver­folgten tätig. In den 1980er Jahren lud sie ehe­malige Zwangs­ar­bei­te­rinnen zu einer Podi­ums­dis­kussion über die von der Bun­des­re­publik bis dato ver­wei­gerten Ent­schä­di­gungs­zah­lungen ein. 

In der DDR waren die Ravens­brü­ck­e­rinnen Teil der offi­zi­ellen Erzählung vom anti­fa­schis­ti­schen Staat, den viele von ihnen bedin­gungslos ver­tei­digten. Zwei der Frauen sahen auch ihre Arbeit für das MfS als eine Fort­setzung ihres kom­mu­nis­ti­schen Kampfes. Fischer weiß aber auch vom Eigensinn einer Frau zu berichten, der es gelungen ist, trotz par­tei­of­fi­zi­eller und staat­licher Vor­gaben in der Gedenk­arbeit eigene Akzente zu setzen. Es war Erika Buchmann, die sich hierbei selbst bei eins­tigen Lei­dens­ge­nos­sinnen nicht nur Freunde machte. Der Kampf um die Erin­nerung wurde unter den über­zeugten Kom­mu­nis­tinnen hart aus­ge­fochten. Schwer hatte es in der DDR zum Bei­spiel auch Johanna Krause, die unterm Haken­kreuz als Jüdin und Kom­mu­nistin ver­folgt wurde und später als »reni­tente Quer­trei­berin« aus der SED aus­ge­schlossen wurde. 

Fischer beschreibt die Frauen in all ihrer Wider­sprüch­lichkeit als selbst­ständig und selbst­be­wusst han­delnde Indi­viduen. Dieses Ein­füh­lungs­ver­mögen ließ die Lei­terin der Mahn- und Gedenk­stätte Ravens­brück, Insa Eschebach, bei der Buch­vor­stellung leider ver­missen. Sie sprach von einer tota­li­tären Ein­stellung ehe­ma­liger Ravens­brü­ck­e­rinnen in der DDR und warf jenen gar vor, ihre Ver­fol­gungs­bio­grafien retu­schiert zu haben. Anwe­sende Ange­hörige pro­tes­tierten – zu Recht.


Henning Fischer: Über­le­bende als Akteu­rinnen. Die Frauen der Lager­ge­mein­schaften Ravens­brück: Bio­gra­fische Erfahrung und poli­ti­sches Handeln, 1945 bis 1989. Uni­ver­si­täts­verlag Kon­stanz, 542 S., br. 29 €.

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Peter Nowak

Antifaschismus aus der Gegenwart herleiten

Geschichte: Henning Fischer hat eine poli­tische Kol­lek­tiv­bio­grafie von kom­mu­nis­ti­schen »Ravens­brü­ck­e­rinnnen« geschrieben

Der Ber­liner His­to­riker Henning Fischer hat die Lebenswege von Frauen vor­gelegt, die die Lager­ge­mein­schaft Ravens­brück grün­deten. Er ver­folgt ihren Lebensweg von ihrer Poli­ti­sierung in der Wei­marer Republik und beschreibt ihr Enga­gement für den poli­ti­schen Umbruch, der in der völ­ligen Ent­rechtung des KZ-Systems endet. Sehr detail­liert beschreibt er die Hoff­nungen der Frauen nach der Befreiung sowie ihre dia­mental unter­schied­liche Geschichte in West- und Ost­deutschland. Während sie in der BRD bald an den Rand gedrängt und als Kom­mu­nis­tinnen wieder kri­mi­na­li­siert werden, werden sie in der DDR zur Teil der offi­zi­ellen Erzählung vom anti­fa­schis­ti­schen Staat.

*1.) Du hast über einen Zeitraum von meh­reren Jahren über die Geschichte der­Frauen der Lager­ge­mein­schaft Ravens­brück geforscht. Woher kommt Dein Interesse für das Thema? Und planst Du weitere his­to­rische Arbeiten zum NS-Wider­stand?**
Fischer: .Abge­sehen von den üblichen Zufäl­lig­keiten bei der The­menwahl rührte mein Interesse an der Geschichte der Lager­ge­mein­schaften von zwei Dingen. Erstens umfasst sie die Zeit vor und nach 1945 und damit den angeb­lichen Bruch der „Stunde Null“ zwi­schen Natio­nal­so­zia­lismus und Bun­des­re­publik. Zweitens ging es auch darum, etwas zur immer noch im Schatten ‚großer Männer‘ ste­henden Frau­en­geschichte bei­zu­tragen.


*2.) Welchen Stel­lenwert spielt Deine poli­tische Posi­tio­nierung bei Deiner Arbeit? *

Fischer: Weil sie unter anderem eine anti­fa­schis­tische Posi­tio­nierung ist, hat sie sicher zur The­menwahl bei­getragen. Außerdem hat sie das Span­nungsfeld der his­to­ri­schen Unter­su­chung bestimmt: Einer­seits in Form von geschicht­licher Empathie für die Prot­ago­nis­tinnen, ande­rer­seits als Kor­rektiv aus der Gegenwart, das eine Iden­ti­fi­zierung mit ihnen ver­meiden soll.


*3.) Wie war der Kontakt zu den noch lebenden Widerstandskämpfer_​innen und ihren Ange­hö­rigen?*

Sehr offen und hilf­reich. Mehrere Töchter und Söhne von Über­le­benden haben mir durch Gespräche und auch die Wei­tergabe von Unter­lagen sehr geholfen. Für Gespräche mit Über­le­benden selbst, die zum Buch viel hätten bei­tragen können, kam ich leider viel zu spät.

*4.) In dem Buch wird an meh­reren Stellen Deine Distanz zu tra­di­ti­ons­kom­mu­nis­ti­schen Poli­tik­vor­stel­lungen deutlich. Wie ist Dir trotzdem eine Beschreibung gelungen, die den Frauen als han­delnden Sub­jekten gerecht wird, obwohl sie zum großen Teil Kommunist_​innen waren?*
Fischer: Wenn mir diese Beschreibung gelungen ist, dann genau des­wegen: Als Teil linker Geschichte steht meine Arbeit den Lebens­ge­schichten der Frauen der Lager­ge­mein­schaften nahe. Meine his­to­rische und poli­tische Kritik
gegenüber tra­di­tio­nellen, zum Bei­spiel zen­tra­lis­ti­schen Poli­tik­formen hat dabei dann zur not­wen­digen Distanz bei­getragen, die eine his­to­rische Beschäf­tigung braucht.

*5.) Du bringst in Deiner Arbeit eine Gen­der­per­spektive ein, die die Frauen selber oft nicht hatten. Siehst Du darin nicht auch ein Problem, zumal die sozia­lis­ti­schen und kom­mu­nis­ti­schen Gleich­be­rech­ti­gungs­vor­stel­lungen nicht weiter aus­ge­führt werden? *
Fischer: Meine Arbeit nimmt keine explizite, aus­dif­fe­ren­zierte geschlech­ter­po­li­tische Position ein, in die die Lebens­ge­schichten der Über­le­benden ein­ge­zwängt würden. Geschlecht als Thema muss in der Geschichte der Lager­ge­mein­schaften aber präsent sein, da die Frauen in einer männlich domi­nierten (poli­ti­schen) Welt agieren mussten. Zudem waren die his­to­ri­schen Lager­ge­mein­schaften Ravens­brück ja Ver­bände von Frauen. Es braucht da also ein ‚Voka­bular‘ in der his­to­ri­schen Dar­stellung und eine ent­spre­chende Linse zum Ver­ständnis des Gesche­henen. Zudem gibt es in einigen Lebens­er­in­ne­rungen von Über­le­benden aus Ravens­brück deut­liche
Äuße­rungen, wie sie die Abwertung weib­licher poli­ti­scher Akti­vität selbst erfuhren, z.B. in der KPD und der SED. Es ist dann die Aufgabe der his­to­ri­schen Dar­stellung, diese Aspekte damit zusammen zu bringen, dass sich die meisten der beschrie­benen Prot­ago­nis­tinnen tat­sächlich eher als ‚Kom­mu­nis­tinnen‘, weniger als ‚Frau­en­kämp­fe­rinnen‘ sahen. Das ist sicher sehr inter­essant, weiter zu unter­suchen, auch im Hin­blick auf die
Vor­stel­lungen von Gleich­be­rech­tigung. Die Geschichte der Lager­ge­mein­schaften, die ich geschrieben habe, war aber zunächst eine ‚Gesamt­dar­stellung‘ und Längs­schnitt­studie, und dieser Aspekt ist einer von vielen innerhalb dieser Geschichte, der noch genauer beschrieben werden könnte.

*6.) An meh­reren Stellen schreibst Du, dass sich die Frauen nach ihrer Befreiung gleich wieder in die poli­tische Arbeit stürzten, wäre eine Form von Trauma­be­wäl­tigung gewesen. Gibt es dafür Belege bei den Frauen selber oder ist es DeineIn­ter­pre­tation?*
Fischer: Da Trauma­be­wäl­tigung ja von einem Schock­erlebnis und seiner Ver­drängung ausgeht, gibt es hier wenig Gesagtes und wenig kon­krete Belege. Auch des­wegen, weil sich die Lebens­er­zählung der Über­le­benden in der Regel auf das Poli­tische und die Betonung der eigenen gesell­schaft­lichen Akti­vität kon­zen­trierte. Die Phase nach 1945, wie ich sie im Buch rekon­struiere, und ihre his­to­rische Deutung ist also eine Inter­pre­tation. Aller­dings sind die Doku­mente, z.B. Briefe, und Erin­ne­rungs­be­richte der Über­le­benden in diesem Punkt unter­ein­ander so ähnlich und als Inter­pre­tament so deutlich, dass es mir sicher scheint, dass eine solche „Rum­ra­serei“ der poli­ti­schen
Akti­vität eine mög­liche Art des Umgangs mit dem erlebten Schrecken gewesen ist: Sie war gleich­zeitig Ver­drängung durch Neues und Ver­ar­beitung durch poli­tische wie per­sön­liche Sinn­gebung und Trau­er­arbeit.

*7.) Du sparst auch kri­tische Punkte nicht aus, wie den Umgang der Lager­ge­mein­schaft mit Frauen, die bei der Partei in Ungnade gefallen sind. Wares schwer, mit den Über­le­benden und ihren Ange­hö­rigen solche Punkte
anzu­sprechen?*

Fischer: Die Arbeit beruht ganz haupt­sächlich auf schrift­lichen Quellen, insofern gab es solche Situa­tionen kaum. In einem ersten Gespräch ging es aber zum Bei­spiel um die These einer „Mili­ta­ri­sierung“ des Gedenkens in der DDR.
Es war aber auch klar, dass es ein gemein­sames Interesse an der Geschichte der Lager­ge­mein­schaften gibt und unter­schied­liche Inter­pre­ta­tionen oder ‚kri­tische Punkte‘ Teil dieser Geschichte sein können. Über­le­bende wie
Rita Sprengel hatten zudem bereits in den 1990ern in Lebens­er­in­ne­rungen von Par­tei­aus­schluss und per­sön­lichen Ent­täu­schungen berichtet.


*8.) Eine dieser bei der Partei in Ungnade gefal­lenen Gefan­genen ist Mar­ga­re­t­he­Buber Neumann, die später poli­tisch in ultra­rechten Kreisen aktiv war. Hat es einen Grund, dass Du das nicht erwähnst?*

Das hat keinen anderen Grund als dass sich das Buch im Kern mit den Frauen der Lager­ge­mein­schaften beschäftigt – und Buber-Neumann gehörte eben nicht dazu. Es gibt viele Aspekte quer durch diese Jahr­hun­dert­ge­schichte, die nicht ange­messen präsent sein können. Zum Bei­spiel leider auch das ganze Thema der Frauen, die bei den
Inter­na­tio­nalen Bri­gaden oder als Anar­chis­tinnen im Spa­ni­schen Bür­ger­krieg gekämpft haben.

*9.) Es gibt kaum noch Zeitzeug_​innen aus dem Wider­stand gegen den NS. Welche Rolle kann die Geschichts­wis­sen­schaft dabei spielen, damit diese Erfah­rungen nicht ver­gessen werden? *
Solange die For­de­rungen des rus­si­schen Kos­mismus (Unsterb­lichkeit und Wie­der­auf­er­stehung für Alle!) nicht erfüllt sind, kann auch die Geschichts­wis­sen­schaft die Zeit nicht anhalten. Was sie kann, ist, durch kri­tische Rekon­struktion der Men­schen aus dem anti­fa­schis­ti­schen Wider­stand – ihres Han­delns, ihrer Umgebung, ihrer Mög­lich­keiten und Grenzen – sie selbst und ihre Erfah­rungen sozu­sagen anschaubar zu machen. Ob Geschichts­wis­sen­schaft viel mehr kann, weiß ich nicht – die „Lehren aus der Geschichte“ zum Bei­spiel sind oft eine ten­den­ziöse Ange­le­genheit, die sich aus der Ver­gan­genheit mora­lisch-rau­nende Legi­ti­mation holt. Anti­fa­schismus sollte sich ohne Wei­teres aus der Gegenwart her­leiten lassen.

Interview: Peter Nowak


Henning Fischer: Über­le­bende als Akteu­rinnen. Die Frauen der Lager­ge­mein­schaften Ravens­brück: Bio­gra­fische Erfahrung und poli­ti­sches Handeln, 1945 bis 1989. 542 Seiten, zahlr. Foto­grafien, 29 Euro, Uni­ver­si­täts­verlag Kon­stanz.


Am 21. und 22. April finden in der Gedenk­stätte Ravens­brück die Fest­lich­keiten zum 73. Jah­restag der Befreiung statt.

aus: ak 636, März 2018

Frauen im Widerstand

Der His­to­riker Henning Fischer hat eine Geschichte der Frauen der Lager­ge­mein­schaft Ravens­brück ver­öf­fent­licht. Er ver­folgt den Lebensweg der Frauen ab der Zeit ihrer Poli­ti­sierung in der Jugend, beschreibt ihr Enga­gement für die KPD in der Wei­marer Republik und ihre Ent­rechtung im KZ-System des Natio­nal­so­zia­lismus. Anschaulich zeigt er, wie die inhaf­tierten Kom­mu­nis­tinnen eine soli­da­rische Gemein­schaft bil­deten, die zugleich alle anderen Gefan­genen aus­schloss. Die meisten Über­le­benden stürzten sich nach 1945 in Ost- und West­deutschland wieder in die poli­tische Arbeit, was Fischer als eine Form der Trauma­bewältigung deutet. Der Kalte Krieg führte dazu, dass die »Ravens­brü­ck­e­rinnen« in der BRD an den Rand gedrängt und nach dem KPD-Verbot kri­mi­na­li­siert wurden. Am Bei­spiel der Ärztin Doris Maase skiz­ziert Fischer die Geschichte der ­Repression in der Bun­des­re­publik bis in die sech­ziger Jahre. In den acht­ziger Jahren konnten einige Frauen als Zeit­zeu­g­innen ihre Erfah­rungen einer jün­geren Generation ver­mitteln.

Die DDR nahm die Ravens­brü­ck­e­rinnen in den Dienst der offi­zi­ellen Doktrin vom anti­fa­schis­ti­schen Staat, den viele von ihnen bedin­gungslos ver­tei­digten. Zwei ehe­malige Häft­linge sahen ihre Arbeit für die Staats­si­cherheit als Fort­setzung des kom­mu­nis­ti­schen Kampfes. Der Streit um die Erin­nerung wurde auch unter den lini­en­treuen Kom­mu­nis­tinnen geführt. Schwer hatten es Frauen wie Johanna Krause, die als Jüdin und Kom­mu­nistin im »Dritten Reich« ver­folgt wurde und der SED später als nicht lini­entreu genug galt. Fischer zeigt die Frauen in all ihrer Wider­sprüch­lichkeit als han­delnde Indi­viduen. Damit setzt er Maß­stäbe für eine Geschichts­schreibung des Wider­stands gegen den Natio­nal­so­zia­lismus.

Henning Fischer: Über­le­bende als Akteu­rinnen. Die Frauen der Lager­ge­mein­schaften Ravens­brück: Bio­gra­fische Erfahrung und poli­ti­sches Handeln, 1945 bis 1989. Univer­sitätsverlag Kon­stanz 2017, 542 Seiten, 29 Euro

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Peter Nowak