Die Scham eines Berliner Rätemanns

Mit Willy Huhn ver­lieren seine per­sön­lichen und poli­ti­schen Freunde einen guten Genossen, der als sozia­lis­ti­scher Theo­re­tiker, Päd­agoge und Publizist eine wert­volle poli­tische Arbeit geleistet hat … Am meisten erstaunte sein enzy­klo­pä­di­sches Wissen, das er sich auto­di­dak­tisch ange­eignet hat.« Mit diesen Worten wür­digten West­ber­liner Jung­so­zia­listen am 24. Februar 1970 Willy Huhn an dessen Grab. Ver­ab­schiedet wurde ein Mann, der in seinen letzten Jahren eng mit der jungen Generation der sich gerade ent­wi­ckelnden außer­par­la­men­ta­ri­schen Bewegung ver­bunden war und ihr die Ideen des Räte­kom­mu­nismus zu ver­mitteln suchte. Huhn gehörte zudem zu den frühen Kri­tiker der Atom­kraft, nicht nur für mili­tä­rische Zwecke, sondern auch zur soge­nannten fried­lichen Nutzung. Bereits Ende der 1950er Jahre hatte er in West­berlin eine Anti-AKW-Initiative ins Leben rufen wollen.

Es ist Jochen Gester, Gründer des Verlags Die Buch­ma­cherei zudanken, dass nach Jahr­zehnten des Ver­gessens an Willy Huhn erinnert wird. Das vor­züglich lek­to­rierte Buch gibt einen Über­blick über dessen Leben und Kampf links von SPD und KPD, gegen sta­li­nis­tische und sozi­al­de­mo­kra­tische Kon­ter­re­vo­lution, was ihn nicht vor fatalen poli­ti­schen Fehl­schlüssen bewahrte.

In seiner Kindheit und Jugend litt Huhn unter einem tyran­ni­schen Vater, der ihn mehrmals kran­ken­hausreif schlug. »Ich habe Prügel bekommen … viel Prügel, Prügel über Prügel und noch mal Prügel«, schrieb er, als er die sozia­lis­tische Jugend­be­wegung ent­deckte und ent­schied: »Der Sozia­lismus – ich gehöre ihm.« Er wurde dann jedoch Mit­glied der »Roten Kämpfer«, einer räte­kom­mu­nis­ti­schen Grup­pierung, die sich dem Erbe von Rosa Luxemburg ver­pflichtet fühlte. Nach Hitlers Macht­an­tritt 1933 gingen einige seiner Freunde in den Wider­stand, andere ver­suchten im NS-Staat zu über­wintern. Huhn selbst wurde 1941 zum Prot­ago­nisten des deut­schen »End­siegs«. Diese erschre­ckende Äußerung fand Gester in Huhns Nachlass.

Es ist gut, dass der Biograf diese Epoche in Huhns Leben nicht unter­schlug. Der Leser lernt keinen Helden kennen, sondern eine wider­sprüch­liche Person, die neben scharf­sin­niger Kritik am Nomi­nal­so­zia­lismus und sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Eta­tismus in einer Zeit, da das NS-Régime Europa mit Terror überzog, Sätze wie diese notierte: »Wir können uns jeden­falls keine Par­la­men­ta­ri­sierung Deutsch­lands noch die Bal­ka­ni­sierung Mit­tel­eu­ropas wün­schen, solange die übrige Welt impe­ria­lis­tisch ist. Deshalb muss Deutschland siegen.«

Nach 1945 äußerte Huhn Scham über seine NS-Apo­logie und erklärte sie mit Ver­ein­samung und man­gelndem Kontakt zu Genossen. Nach einem kurzen Inter­mezzo in der Sowje­ti­schen Besat­zungszone, wo er der KPD und später der SED beitrat, aller­dings alsbald in Kon­flikt mit der auto­ri­tären Partei geriet, über­sie­delte er nach West­berlin und gehörte der SPD an, die ihn aus­schloss, als er deren Rolle in der Novem­ber­re­vo­lution kri­ti­sierte.

Huhn hin­terließ zahl­reiche Texte, die in dem Buch teils erst­malig ver­öf­fent­licht sind, aller­dings nur in einer Auswahl.

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Jochen Gester: Auf der Suche nach Rosas Erbe. Der deutsche Marxist Willy Huhn (1909 – 1970). Die Buch­ma­cherei, 627 S., br., 22 €.

Charles Bettelheim: Klassenkämpfe in der UdSSR, Die Buchmacherei, Berlin 2016, 666 S.

Charles Bet­telheim ist in Deutschland bisher wenig bekannt. Das könnte sich jetzt ändern. Der kleine Ber­liner Verlag „Die Buch­ma­cherei“ hat erstmals in deut­scher Sprache die Bände 3 und 4 seines Mo-numen­tal­werkes „Klas­sen­kämpfe in der UdSSR“ her­aus­ge­geben. In Frank­reich waren sie in den Jahren 1982/83 erschienen und sorgten für große Auf­merk­samkeit. Darin liefert der mar­xis­tische Ökonom eine pro­funde Kritik der sowje­ti­schen Ent­wicklung. Die besondere Stärke des 1913 in Paris gebo­renen und 2006 dort ver-stor­benen Bet­telheim ist seine umfas­sende Kenntnis der öko­no­mi­schen Ver­hält­nisse in der Sowjet­union und den nomi­nalsozi-alis­ti­schen Staaten. Er argu­men­tiert nicht mora­lisch, sondern zeigt auf­grund seiner soliden Marx-Kenntnis den Wider­spruch zwi­schen Anspruch und Rea­lität in der no-minal­so­zia­lis­ti­schen Öko­nomie auf.Die Gesell­schafts­for­mation in der Sowjet­union bezeichnet er als Staats­ka­pi­ta­lismus, der wei­terhin auf Aus­beutung von Arbeits­kraft basiert. Dabei kann sich Bet­telheim nicht nur auf Marx, sondern auch auf Lenin berufen. Dieser habe mehrmals erklärt, dass die Bol­schewiki in der Sowjet­union nicht den Sozia­lismus auf bauen, son-dern den Kapi­ta­lismus ent­wi­ckeln müssen. So zitiert Bet­telheim eine Rede Lenins von 1919, wonach im Oktober 1917 in Russland nicht eine Dik­tatur des Pro­le­ta­riats, sondern eine Dik­tatur im Namen des Pro­le­ta­riats eta­bliert wurde (S. 31). Diese Ent­wicklung, so Bet­telheim, war von den Bol­schewiki nicht geplant, sondern ihrer tra­gi­schen Ein-samkeit geschuldet. Nachdem alle anderen Räte­re­pu­bliken blutig zer­schlagen worden seien, sollte aus­ge­rechnet das kapi­ta­lis­tisch noch kaum ent­wi­ckelte Russland das Mo-dell für den Auf bau des Sozia­lismus werden. Während Lenin diese Wider­sprüche noch klar benannte, haben seine Nach­folger sie aus­ge­blendet und dann im Sta­li­nismus blutig unter­drückt. Die ersten Opfer wurden Arbei­te­rInnen und Mit­glieder der bol­sche­wis­ti­schen Partei. Bet­telheim weist über­zeugend nach, wie mit der Eta­blierung eines beson­deren Typs von Staats­ka­pi­ta­lismus in der UdSSR die Arbei­te­rInnen mehr und mehr ent­machtet wurden. Dabei macht er aber deutlich, dass dieser Prozess kei­neswegs rei­bungslos verlief und sich große Teile der bol­sche­wis­ti­schen Akti­vis­tInnen wider­setzten. Darin sieht Bet­telheim auch einen Grund für die Schau­pro­zesse und den Terror gegen Kom­mu­nis­tInnen der ersten Stunde. Er zeigt zudem auf, dass infolge der Revo­lution die Macht der Arbei­te­rInnen enorm aus­ge­weitet worden war und der Sta­li­nismus der große Rollback war, bei dem ih-nen die Macht wieder genommen wurde. Die pro­funden Kennt­nisse der sowje­ti­schen Ver­hält­nisse und besonders der Öko­nomie sorgen dafür, dass Bet­tel­heims Analyse Pio­nier­cha­rakter hat, wenn es um die Ein­schätzung der sowje­ti­schen Wirt­schafts- und Arbeits­po­litik geht​.So zeichnet er die Rolle der Betriebs­lei­te­rInnen sehr genau nach. Diese hatten nach der Revo­lution massiv an Auto­rität ein­gebüßt. Statt­dessen erhielten die Arbei­ter­ko­mitees viel Einuss, der aber immer mehr beschnitten wurde. Bet­telheim schildert detail­liert die Maß­nahmen, die die pro­letari-sche Macht in den Betrieben immer mehr ein­schränkten. Er zitiert aus Ver­ord­nungen, in denen oen die „Aus­kämmung überflüssiger Arbeiter“ (S. 132) und ihre Dis­zi­pli­nierung und Ein­ordnung in die Fabrik­despo-tie (S. 135) als Ziele benannt wurden. Sehr deutlich und bezeichnend ist eine Erklärung der für Wirt­schafts­fragen zustän­digen Abteilung der bol­sche­wis­ti­schen Partei, wer der err im Betrieb im sowje­ti­schen Fabrik­des­po­tismus ist: „Alles, muss dem Direktor unter­ge­ordnet sein. Der Boden muss zittern, wenn der Direktor in der Fabrik umgeht.“ (S. 141)Dabei macht Bet­telheim immer wieder deutlich, dass dieser Prozess kei­neswegs linear verlief. Wenn die Arbei­te­rIn­nenrech-te zu stark ein­ge­schränkt wurden, initi­ierte die Partei wieder eine Kam­pagne gegen die Macht der Tech­niker. Zudem wurden die Gewerk­schaften auf­ge­fordert, die Interes-sen der Arbei­te­rInnen besser zu ver­treten. Ob solche Kam­pagnen reiner Popu­lismus oder auch ein Aus­druck der Macht­kämpfe innerhalb der bol­sche­wis­ti­schen Partei waren, lässt der Autor oen. Sehr dierenziert betrachtet Bet­telheim auch die Stachanow-Bewegung. Dabei habe es sich zunächst um eine Initiative gehandelt, die unter Fach­ar­bei­te­rInnen ent­stand, die die Mög­lich­keiten der Arbei­ter­In­nen­macht nutzten, die es nach der Okto­berrevo-lution gab. „Aus diesem Blick­winkel nimmt die Stachanow-Bewegung einen revo­lutio-nären Cha­rakter an, gleichwohl er auch ein­hergeht mit einer Arbeits­in­ten­si­vierung und einer Akzen­tu­ierung des kapi­ta­lis­ti­schen Cha­rakters der Pro­duktion“ (S. 183), fasst Bet­telheim den wider­sprüch­lichen Charak-ter zusammen.Bald wurde diese Initiative von der Staats­partei ver­ein­nahmt und ver­fälscht. Auf einmal wurden überall Stachanow-Wett­be­werbe aus­ge­rufen, die meist keiner-lei Erfolge brachten. So wurde eine Initiative von unten abge­würgt. Teile des Pro­le­ta­riats reagierten darauf all­er­gisch, weil damit die Arbeits­normen erhöht wurden. Bet­telheim kommt zu dem Schluss, dass Fach­ar­bei­te­rInnen durchaus einen Teil der bol­sche­wis­ti­schen Basis aus­machten und es erfolg­reiche Kam­pagnen gab, um mehr Arbei­te­rInnen in die Partei auf­zu­nehmen. Aller­dings seien einige der Neu­mit­glieder gleich in Funk-tio­närs­posten auf­ge­rückt und hätten sich so von ihrer pro­le­ta­ri­schen Her­kunft ent­fernt. Bet­telheim zeigt auch auf, dass das Nomen-kla­tura­system hier­ar­chisch gegliedert war und es unter­schied­liche Zugänge zu Ver-güns­ti­gungen aller Art gab. So bildete sich eine Klas­sen­ge­sell­schaft neuen Typs heraus. Nicht wenige der alten Fach­ar­bei­te­rInnen gehörten nun der Nomen­klatura an und beu­teten Arbei­te­rInnen anderer Seg­mente aus, die oft erst aus der Land­wirt­schaft mehr oder weniger frei­willig abge­wandert waren. Die rigide Politik gegen die Bäue­rinnen und Bauern erinnert an die ursprüng­liche Akku­mu­lation des Kapitals, bei der das Bauern-legen ein wich­tiger Bestandteil war. Diese Aspekte werden von Bet­telheim in klarer Diktion benannt und für eine hoffentlich kon­tro­verse Debatte sorgen.Doch leider bleibt das Buch nicht bei einer räte­kom­mu­nis­ti­schen Kritik an der So-wjet­union stehen. An meh­reren Stellen vor allem im hin­teren Teil wird der Westen gelobt und gerade im zweiten Teil schreibt der Autor in ein­deutig tota­li­ta­ris­mus­theo­re­ti­scher Art und Weise über die Sowjet­union (S. 338). Bet­telheim sym­pa­thi­sierte wie viele andere in den 1960er-Jahren mit der mao­is­ti­schen Kul­tur­re­vo­lution, bevor er wie diese in den 1970er-Jahren unter dem Ein­druck der Lektüre von Schriften chi­ne­si­scher und sowje­ti­scher Dis­si­denten zum Vor­kämpfer des freien Westens gegen den „öst­lichen Des­po­tismus“ wurde. So ist das Buch zumindest im zweiten Teil zunehmend von der soge­nannten Neuen Phi­lo­sophie kon­ter­mi­niert. An diesen Stellen hat Bet­telheim sein Fach­gebiet, die Öko­nomie, ver­lassen und allerlei eoriefrag­mente der neuen Phi­lo­sophen ver­wendet. Einige der in dem Buch häufig zitierten Wis­sen­schaft­le­rInnen wie Nicolas Werth haben später das berüch­tigte „Schwarz-buch des Kom­mu­nismus“ her­aus­ge­geben. So zeigt sich ein zwei­facher Bet­telheim: der präzise argu­men­tie­rende, mit pro­funder Marx-Kenntnis ope­rie­rende Ökonom, der über die Klas­sen­ver­hält­nisse und Klassen-kämpfe in der Sowjet­union auf klärt, und der von den Neuen Phi­lo­sophen beeinus-ste Tota­li­ta­ris­mus­theo­re­tiker.

aus:

Arbeit – Bewegung Geschichte
ZEIT­SCHRIFT FÜR HIS­TO­RISCHE STUDIEN 2017/III

Peter Nowak