Schweigen und Verschleppung

Ein neues Buch über das Leben von Roman Ros­dolsky und dessen Frau Emmy, die Trotzki nahe­standen, gibt die Mög­lichkeit, das Werk eines wenig bekannten mar­xis­ti­schen Öko­nomen ken­nen­zu­lernen.

«Mit per­ma­nenten Grüssen» ist eine merk­würdige Form, sich zu ver­ab­schieden. Manche dürften sich dabei an Trotzkis Theorie von der per­ma­nenten Revo­lution erinnert fühlen. Und damit liegen sie richtig. Emmy und Roman Ros­dolsky, deren Leben das im Man­del­baum­verlag ver­öf­fent­lichte Buch gewidmet ist, hätten sich wohl selber nie als Trotz­kis­tInnen bezeichnet. Doch sie standen dem rus­si­schen Revo­lu­tionär nahe, wenn sie auch durchaus kri­tisch manche poli­tische Wendung von Trotzki und noch mehr seinen Epi­go­nInnen gegen­über­standen. Das optisch anspre­chend gestaltete Buch macht die Lese­rInnen mit zwei Mar­xis­tInnen bekannt, die von früher Jugend bis an ihr Lebensende ihren Idealen treu geblieben sind.

Hohe Ansprüche
Roman Ros­dolsky dürfte manchen als Pionier der Marx’schen Wert­theorie ein Begriff sein. Seine Schrift «Ent­ste­hungs­ge­schichte des Marx’schen ‹Kapital›» erfuhr in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren mehrere Auf­lagen und gilt als «Stan­dardwerk der Marx­for­schung». Doch Ros­dolsky starb, bevor das Buch ver­öf­fent­licht wurde. Auch einen geplanten Vortrag auf einer inter­na­tio­nalen Marx-Kon­ferenz zum 100. Jubiläum der Fer­tig­stellung der ersten Ausgabe des Kapitals in Frankfurt/​Main konnte er nicht mehr halten. Wegen seiner Erkrankung musste er seine Teil­nahme absagen und wenige Wochen später starb er. So konnte er auch nicht mehr erleben, wie die aus­ser­par­la­men­ta­rische Bewegung in den USA und Europa Ros­dolsky die Aner­kennung ver­schafft hat, die er Zeit seines Lebens oft ver­misste. In dem Buch werden ver­schiedene Briefe zitiert, in denen Ros­dolsky bezwei­felte, ob sein Manu­skript je ver­öf­fent­licht werden wird. Gele­gentlich fragte er sich, ob er einen Text zu Marx schaffen kann, der seinen hohen Ansprüchen gerecht wird. Freun­dInnen und Genos­sInnen sprachen ihm immer wieder Mut zu. Tat­sächlich hatte Ros­dolsky keinen Grund, an seinen Fähig­keiten zu zweifeln, das öko­no­mische und phi­lo­so­phische Werk von Karl Marx zu ana­ly­sieren und ein­zu­ordnen. Der Marxist Ernest Mandel schrieb in der Ein­leitung seines viel gele­senen Haupt­werks «Der Spät­ka­pi­ta­lismus»: «Die grösste Schwie­rigkeit beim Ver­fassen des Buches war die Tat­sache, dass Roman Ros­dolsky, jener poli­tische Ökonom, der mir in unseren Tagen theo­re­tisch und poli­tisch am meisten nahe­stand, starb, bevor ich mit der Arbeit daran beginnen konnte.» Mandel widmete Ros­dolsky sein Buch.

Über beide Ros­dolskys
In den letzten Jahren war er weit­gehend ver­gessen und nur noch einen kleinen Kreis von Wert­kri­ti­ke­rInnen bekannt. Mit diesem Buch zu seinem 50. Todestag ver­schafft ihm und seiner Frau und Genossin der Ros­dolsky-Kreis wieder die ver­diente Auf­merk­samkeit und regt zur Beschäf­tigung mit seinen Schriften an. Im Ros­dolsky-Kreis hat sich eine Runde von unab­hän­gigen Linken in Öster­reich zusam­men­ge­funden, die über die Lektüre der «Ent­ste­hungs­ge­schichte des Marx’schen ‹Kapital›» auf die beiden Mar­xis­tInnen auf­merksam geworden sind. Sehr erfreulich ist, dass sie Emmy Ros­dolsky gleich­be­rechtigt in dem Buch behandelt haben. Sie war schliesslich selber von frü­hester Jugend an in der sozia­lis­ti­schen Bewegung enga­giert und in den USA und in Öster­reich jah­relang in der gewerk­schaft­lichen Bil­dungs­arbeit aktiv. Sie hat mit ihrem Gehalt mit dafür gesorgt, dass Roman Ros­dolsky seine lang­jäh­rigen For­schungen betreiben konnte.

Die Bewegung der frühen Ukraine
Von frü­hester Jugend in der sozia­lis­ti­schen Bewegung seines Her­kunfts­landes Ukraine aktiv, nahm er sich nicht die Zeit für Studium und Aus­bildung. Er betei­ligte sich an den Aus­ein­an­der­set­zungen innerhalb der zer­split­terten sozia­lis­ti­schen Bewegung am Vor­abend der Rus­si­schen Revo­lution. Die poli­ti­schen und gesell­schaft­lichen Kon­flikte im zer­fal­lenden Habs­burger Imperium der Jahre 1915/1918 werden in dem Buch gut ver­mittelt. Es ist so auch ein Buch über eine weit­gehend unbe­kannte Geschichte der sozia­lis­ti­schen und kom­mu­nis­ti­schen Bewegung der frühen Ukraine. Es ver­mittelt die lei­den­schaft­lichen Dis­kus­sionen der dama­ligen ukrai­ni­schen Linken über die Frage der natio­nalen Selbst­be­stimmung. Die Schriften des öster­rei­chi­schen Sozi­al­de­mo­kraten Otto Bauer wurden ebenso rezi­piert wie die von Lenin und Rosa Luxemburg. Hier ver­mitteln die AutorInnen einen leben­digen Über­blick über eine linke Debatte, die einer­seits zeitlich weit ent­fernt, aber doch sehr aktuell scheint. Schliesslich wie­der­holte sie sich nach 1989, als die Natio­nal­staaten erneut ent­standen, die Debatte über die Sinn­haf­tigkeit dieser Ent­wicklung. Ros­dolsky befasste sich auch früh mit der Geschichte der ukrai­ni­schen Bauern- und Land­ar­bei­ter­ge­werk­schaft. Diese Schriften wurden in den späten 1950er Jahren in Polen ver­öf­fent­licht, obwohl die Ros­dolskys zu den Kri­ti­ke­rInnen der Ent­wicklung der Sowjet­union seit Ende der 1920er Jahre gehörten. In der heu­tigen Ukraine hin­gegen wurde eine geplante Her­ausgabe von Schriften von und über Roman Ros­dolsky gestoppt. In einem Staat, in dem ein Pro-Faschist wie Bandera wieder als Natio­nalheld gefeiert wird, ist kein Platz für ent­schiedene Sozia­lis­tInnen und Anti­fa­schis­tInnen.


Das Schweigen über Auschwitz

Über die per­sön­lichen Ange­le­gen­heiten der Ros­dolskys liest man in dem Buch wenig. Das Gerüst sind die Schriften und Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tungen. Ein eigens Kapitel nimmt die Ver­fol­gungs­ge­schichte der Ros­dolskys ein. Er war ein Jahr in Auschwitz inhaf­tiert und wurde von dort nach Ravens­brück, dann nach Sach­sen­hausen depor­tiert. Er gehörte zu denen Über­le­benden eines Todes­mar­sches. «Immer der­selbe Traum. Ich komme irgendwie wieder ins KZ, obwohl der Krieg schon aus ist, und ich muss die ganze Suppe noch mal aus­löffeln», ver­traute er viele Jahre später seinem Freund an, dem Psy­cho­ana­ly­tiker Ernst Federn. Seine Enkelin Diana Ros­dolsky schreibt in einem Kapitel über das Schweigen, über die Ver­folgung und vor allem seine Ver­schleppung nach Auschwitz in seiner Familie. Er war als Kom­munist und nicht als Jude inhaf­tiert, sah aber tag­täglich, wie in der Todes­fabrik Men­schen ver­nichtet wurden. «In Auschwitz arbeitet Roman in einer Tisch­lerei, in welcher ständig darüber gestritten wird, ob die Fenster offen oder geschlossen gehalten werden sollen. Dies wird ver­ständlich, ange­sichts des fürch­ter­lichen Gestanks, bren­nender Leichen, die bei offenen Fenster umso unge­hin­derter in die Räume dringt», schreibt Diana Ros­dolsky.
Es ist erfreulich, dass jetzt die Gele­genheit besteht, sich mit den Leben und den Werken dieser zwei Mar­xis­tInnen ver­traut zu machen. In der Ein­leitung schreiben die Her­aus­ge­be­rInnen, dass der Optimist Ros­dolsky Zeiten der Krise für die theo­re­tische und prak­tische Wei­ter­ent­wicklung nutzte. Wenn die Lese­rInnen das Buch eben­falls in diesem Sinne ver­stehen würden, wäre viel gewonnen. Dass der Ros­dolsky-Kreis ihr Buch «Den Ver­dammten der Erde» gewidmet hat, dürfte ganz im Sinne der beiden Namens­ge­be­rInnen sein.

Ros­dolsky-Kreis (Hrsg.): Mit per­ma­nenten Grüssen. Man­delbaum-Verlag, Wien 2017. 22 Euro.

Schweigen und Ver­schleppung

Peter Nowak

Die Rosdolskys

Ein Sam­melband über das sozia­lis­tische Ehepaar Ros­dolsky

Emmy und Roman Ros­dolsky waren seit frü­hester Jugend in der sozia­lis­ti­schen Linken des zer­fal­lenden Habs­bur­ger­reichs enga­giert und sahen wie viele Genossen in der Okto­ber­re­vo­lution den Vor­boten einer welt­weiten Umwälzung. Früh erkannten sie aber auch die Fehl­ent­wick­lungen in der sozia­lis­ti­schen Theorie und Praxis und nahmen dabei weder Marx noch Engels noch Trotzki von ihrer Kritik aus. Von den Anhängern der soge­nannten Bol­sche­wi­sierung der KPen wurden sie als Trotz­kisten bekämpft. Da sie befürch­teten, während des Kalten Krieges vom sowje­ti­schen Geheim­dienst ver­schleppt zu werden, emi­grierten die Ros­dolskys in die USA, wo Roman 1967 starb. Emmy Ros­dolsky ver­brachte ihre letzten Lebens­jahre in ihrem Geburtsort Wien und betei­ligte sich an den Debatten der Linken und der Gewerk­schaften.

Die Autoren und Autorinnen des Buches »Mit per­ma­nenten Grüßen« erzählen die weit­gehend ver­gessene Geschichte sozialis­tischer Orga­ni­sa­tionen in Ost­europa und des Befrei­ungs­kampfs in der Ukraine. Außerdem gewähren sie Ein­blicke in die revo­lu­tionäre Szene im Wien der Zwi­schen­kriegszeit. Behandelt werden zudem wichtige Bei­träge zur mar­xis­ti­schen Theo­rie­bildung von Emmy und Roman Ros­dolsky.

In einem wei­teren Kapitel beschäftigt sich Diana Ros­dolsky, die Enkelin der beiden Anti­fa­schisten, mit dem Schweigen der Familie über die Haft von Roman Ros­dolsky, der in Au­schwitz, Ravens­brück und Ora­ni­enburg im KZ war. »Immer der­selbe Traum. Ich komme irgendwie wieder ins KZ, obwohl der Krieg schon aus ist, und ich muss die ganze Suppe noch mal aus­löffeln«, ver­traute er Jahre später seinem Freund, dem Psy­cho­ana­ly­tiker Ernst Federn, an. Das im Man­delbaum-Verlag erschienene Buch ist allen zu emp­fehlen, die sich mit den Debatten jener linken Strö­mungen ver­traut machen wollen, die in Oppo­sition zu Sta­li­nismus und Sozi­al­de­mo­kratie gestanden haben.


Mit per­ma­nenten Grüßen. Leben und Werk von Emmy und Roman Ros­dolsky.
Ros­dolsky-Kreis (Hg.): Man­delbaum-­Verlag, Wien 2017, 440 Seiten, 22 Euro

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