Die deutsche Brille ist getrübt

Peter Ullrich untersuchte akribisch den angeblichen Antisemitismus unter Linken

Wann bekommt Kritik an Israel eine anti­se­mi­tische Schlag­seite? Ist der Aufruf zum Boykott von Waren aus Israel seitens eines Landes gestattet, in dem vor 80 Jahren mit dem Boykott jüdi­scher Geschäfte die sys­te­ma­tische Aus­grenzung von Juden begonnen hatte, die im indus­tri­ellen Judenmord mündete? Warum fanden Akti­visten der Soli­da­rität mit Palästina, dar­unter Bun­des­tag­ab­ge­ordnete der LINKEN, nichts dabei, auf der Gaza-Flotte mit erklärten Isla­misten zu koope­rieren?

Das sind nur drei von vielen Fragen, denen sich Linke stellen müssen. Die Debatten darüber führten in der Ver­gan­genheit zu Spal­tungen und gele­gentlich sogar zu Schlä­ge­reien. Die Zeit der schlimmsten Eska­la­tionen scheint vorbei, kon­sta­tiert der Soziologe und Kul­tur­wis­sen­schaftler Peter Ullrich. Statt mora­li­scher Empörung bietet er Argu­mente. Sach­kundig und sachlich befasst er sich mit der nach wie vor aktu­ellen Pro­ble­matik.

Im Vorwort würdigt der Erzie­hungs­wis­sen­schaftler Micha Brumlik, dass Ullrich den Wahn »radi­kaler Iden­ti­fi­kation und geborgter Iden­ti­täten« – sei es bezüglich des Staates Israels wie auch der Paläs­ti­nenser – zugunsten eines »poli­ti­schen Rea­li­täts­prinzips« beende. In der Tat gelingt dem Buch­autor, sämt­liche Stol­per­fallen zu ver­meiden, die dieser Kon­flikt bietet. Weder leugnet oder baga­tel­li­siert Ullrich Anti­se­mi­tismus auch in linken Zusam­men­hängen noch zieht er daraus den Schluss, dass es heute eine rot­braune Quer­front gäbe.

Das Buch ist Ergebnis einer fast 15-jäh­rigen Beschäf­tigung mit dem Thema. Der Autor hat sich tief in die Materie gekniet und die diversen Quellen stu­diert. Ullrich ana­ly­siert auch anti­mus­li­mische Ele­mente respektive Ten­denzen in der mit Israel bedin­gungslos soli­da­ri­schen Strömung innerhalb der Linken. Auch hier ver­meidet er jeg­liche Ver­all­ge­mei­nerung und stellt klar, dass mus­lim­feind­liche oder anti­ara­bische Töne nur bei einem kleinen Teil der Israel pau­schal ver­tei­di­genden Szene zu hören sind.

Ullrich erinnert aber auch daran, dass in einigen isra­el­so­li­da­ri­schen Publi­ka­tionen die erste Intifada der Paläs­ti­nenser Ende der 1980er Jahre »als hoch­ag­gres­sives, anti­se­mi­ti­sches Werk« qua­li­fi­ziert wurde. Dabei sei igno­riert worden, dass die Intifada sich gegen die israe­lische Besatzung und nicht gegen die Juden als solche wandte und sie gerade auch maß­geblich von paläs­ti­nen­si­schen Frauen getragen worden ist, während isla­mis­tische Ein­flüsse damals gering waren. Der Autor kri­ti­siert zu recht, dass die Geschichte des Nah­ost­kon­flikts aus­schließlich durch die deutsche Brille gesehen werde. Diese sei getrübt, erfasse nicht die wahren Ursachen des Kon­flikts, ver­fälsche das Urteil und werde nicht sämt­lichen Bewohnern der Region gerecht. Und Brumlik erinnert im Vorwort daran, dass selbst in Israel bis in die 1960er kei­nes­falls alle Shoah-Über­le­benden glei­cher­maßen geehrt und respek­tiert wurden, ja teil­weise sogar – wie der renom­mierte His­to­riker Tom Segev nach­ge­wiesen hat – ver­höhnt worden sind.

Ein spe­zi­elles Kapitel bilan­ziert den Umgang der DDR mit Jüdinnen und Juden. Nach anti­zio­nis­tisch ver­brämtem, von Moskau initi­iertem Anti­se­mi­tismus Anfang der 1950er, der mit Stalins Tod ein Ende fand, seien anders als in anderen sozia­lis­ti­schen Ländern Ost­eu­ropas die jüdi­schen Gemeinden in der DDR keinen Restrik­tionen aus­ge­setzt gewesen. Im letzten Kapitel, das sich der Links­partei widmet, wirft Ullrich einer Studie der Poli­tik­wis­sen­schaftler Samuel Salzborn und Sebastian Voigt aus dem Jahr 2011 metho­dische Mängel vor. Von der Links­partei wie­derum fordert er, sie solle For­schungen unter­stützen, die qua­li­tative und quan­ti­tative Aus­sagen über even­tu­ellen Anti­se­mi­tismus in ihrer Mit­glied­schaft ermög­lichen.

Peter Ullrich:

Deutsche, Linke und der Nah­ost­kon­flikt. Politik im Anti­se­mi­tismus- und Erin­ne­rungs­diskurs.
Wall­stein. 207 S., geb.,
19,90 €

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Peter Nowak