Schwarzer Freitag für Deliveroo

Das Medi­en­in­teresse an der gewerk­schaft­lichen Orga­ni­sierung der Kurier­dienste ist groß. Denn die galten lange Zeit als Vorbild eines Wirt­schafts­li­be­ra­lismus, der von Gewerk­schaften nichts wissen wollte

Am 13. April gibt es Ärger. Dafür sorgt die Initiative aktion./.arbeitsunrecht[1] mit Sitz in Köln gemeinsam mit einem Netzwerk enga­gierter Gewerk­schaften. Sie besuchen immer dann, wenn der 13. eines Monats auf einen Freitag fällt, Unter­nehmen, die durch Behin­derung von Betriebs­räten bekannt geworden sind.

Von Uni­on­busting sprechen Gewerk­schafter in den USA. Der Name hat sich für den orga­ni­sierten Kampf gegen Betriebsräte mitt­ler­weile auch in Deutschland ein­ge­bürgert. Der Kreis der Firmen, in denen Betriebsräte gemobbt werden, ist groß. Daher fällt die Auswahl nicht leicht. Sie ist nur möglich, weil enga­gierte Kol­legen vor Ort die Infor­ma­tionen zusam­men­tragen. Für den 13. April standen drei Unter­nehmen zur Auswahl, die für ihre Gewerk­schafts­feind­lichkeit bekannt und berüchtigt waren.

Vom Deli­veroo-Hero zur Deli­ver­union

Dass gerade Deli­veroo als Sieger aus dieser Negativwahl[2] her­vorging, liegt an einer erstaun­lichen Ent­wicklung. Während aller­orten über den Bedeu­tungs­verlust der Gewerk­schaften gesprochen wird, haben sich in den letzten Jahren Kurier­fahrer orga­ni­siert. Mitt­ler­weile gibt es gleich mehrere Initia­tiven.

Vor über einem Jahr begannen sich in Berlin Kurier­fahrer mit Unter­stützung der Basis­ge­werk­schaft FAU in der Deliverunion[3] zu orga­ni­sieren. Mitt­ler­weile gibt es eine Sektion auch in Leipzig[4]. Weitere könnten folgen. Schließlich ist die Deli­ver­union trans­na­tional aus­ge­richtet.

An der Gründung waren auch Basis­ge­werk­schaften aus Spanien, Groß­bri­tannien, Italien und anderen Ländern beteiligt. Ein Teil der Kurier­fahrer ist jung, fle­xibel und rei­se­freudig. Dieses Image wird von den Kurier­firmen natürlich genutzt. So werden Praktika in andere Länder unter­stützt. Auch damit kann sich, so das Kalkül der Unter­nehmer, eine gewerk­schaft­liche Akti­vität gar nicht erst ver­fes­tigen.

Daher ist es nur prak­tisch, wenn dann vor Ort gleich die pas­sende Gewerk­schaft ist. So muss der Wunsch vieler Kurier­fahrer nach häu­figen Orts­wechseln kein Wider­spruch zu gewerk­schaft­licher Orga­ni­sierung sein. Damit wird auch der Ideo­logie der angeblich so modernen und hippen Unter­nehmen wie Foodora und Deli­veroo des­avouiert, die mit Begriffen wie Deliver-Hero das Rol­lenbild der immer fle­xibel und rund um die Uhr aus­beut­baren Kurier­fahrer kreiert.

Doch im Auf­sichtsrat sollen sie nichts zu suchen haben. Delivery Hero[5] wehrt sich gegen einen Gerichtsbeschluss[6], der besagt, dass auch Kurier­fahrer im Auf­sichtsrat ver­treten sein müssen. »Warum findet aus­ge­rechnet eine anar­chis­tische, kapi­ta­lis­mus­kri­tische Klein­ge­werk­schaft in der neuen, hippen Platt­form­wirt­schaft so viel Anklang?« Diese Frage[7] stellt sich die Wochen­zeitung Zeit. Eine FAU-Akti­vistin gibt eine Antwort: »Unsere Art, die Leute zu orga­ni­sieren, ist für diese Form der Arbeit ange­mes­sener. Die Mit­glied­schafts­struk­turen sind loser, über alles ent­scheidet die Fah­rer­basis.«

Tat­sächlich ist der Ein­stieg bei einer Basis­ge­werk­schaft wie der FAU für Men­schen, die sich zu orga­ni­sieren beginnen, ein­facher als bei einer DGB-Gewerk­schaft. Aller­dings betont auch die Deli­ver­union, dass sie auch mit Kol­legen aus den DGB-Gewerk­schaften koope­riert.

Liefern am Limit

Mitt­ler­weile haben auch die DGB-Gewerk­schaften die Fahr­rad­ku­riere ent­deckt. Im Januar 2018 vermeldete[8] der DGB stolz, dass man in den Bereich einen ersten Betriebsrat gegründet hat. Doch wesentlich sind auch die Basis­ak­ti­vi­täten der Kurier­fahrer, die die Initiative Liefern am Limit[9] gegründet haben. Auch bei Liefern am Limit wird die neo­li­berale Ideo­logie, die über diese Beschäf­tigung ver­breitet wird, mit der Rea­lität kon­fron­tiert:

Sie sind jung und sie flitzen quer durch Köln, um Pizza und Burger aus­zu­liefern. Doch die Rea­lität bei den Lie­fer­diensten Deli­veroo und Foodora sieht ganz anders aus: Die Jobs sind befristet und unsicher, nur 9 Euro Stun­denlohn, die Kosten für Win­ter­kleidung, Fahr­rad­ver­schleiß und Repa­ra­turen über­nimmt der Chef nicht. Kurz: Liefern am Limit!

Liefern am Limit

Die NGG machte Anfang Februar mit einem Flashmob auf diese Ver­hält­nisse auf­merksam und erhielt eben­soviel Pres­se­auf­merk­samkeit wie zwei Jahre vorher die FAU und die Deli­ver­union. Hier zeigte sich auch, dass eine Basis­ge­werk­schaft in dieser Branche eine Avant­gar­de­funktion ein­ge­nommen hat, die nun auch die DGB-Gewerk­schaften zum Nach­ziehen ver­an­lasste.
Die Beschäf­tigten sind so in der ange­nehmen Situation, auch ein Druck­mittel gegen ihre eigene Gewerk­schaft zu haben. Sie können immer noch zur Deli­ver­union wechseln, wenn die NGG zu büro­kra­tisch agieren sollte. Aktuell klagen die Beschäf­tigten mit Unter­stützung der NGG gegen den Versuch von Deli­veroo, nach der Betriebs­ratswahl alle Fest­an­ge­stellten zu ent­lassen und nur noch Free­lancer zu beschäf­tigen. Dieses Gebaren, das die Initiative aktion./.arbeitsunrecht als klas­sische Methode des Uni­on­busting bezeichnet, hat auch dazu geführt, dass der Lie­fer­dienst nun im Fokus der Pro­teste am 13. April steht. Sowohl die in der FAU als auch die in der NGG orga­ni­sierten Beschäf­tigten orga­ni­sieren in zahl­reichen Städten Pro­teste.

Dieser Schwarzer Freitag für Deli­veroo ist aber nur das Ergebnis eines länger andau­ernden Orga­ni­sie­rungs­pro­zesses in einer Branche, die lange Zeit als schwer orga­ni­sierbar galt. Hier können andere Prekäre aus eben­falls schwer orga­ni­sier­baren Branchen Erfah­rungen sammeln, wie kol­lektive Pro­zesse möglich sind. Die Taxi-AG bei verdi[10] hat das begriffen. Sie hat sich mit den Kurier­fahrern soli­da­ri­siert und in ihrer Erklärung betont, dass in ihrer Branche die gleichen Pro­bleme des Nied­rig­lohns und der tech­no­lo­gi­schen Über­wa­chung durch Apps bestehen, aber auch bei vielen Mit­ar­beitern die Vor­stellung herrschte, dass sie Gewerk­schaften nicht brauchen.

Peter Nowak

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[3] http://​deli​ver​union​.fau​.org/
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[5] http://​www​.deli​ver​yhero​.com/
[6] https://​ngin​-food​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​d​e​l​i​v​e​r​y​-​h​e​r​o​-​a​r​b​e​i​t​n​e​h​m​e​r​-​a​u​f​s​i​c​h​t​s​r​a​t-se/
[7] http://www.zeit.de/arbeit/2017–10/kurierfahrer-foodora-arbeitsbedingungen-gewerkschaft-protest
[8] http://​www​.dgb​.de/​t​h​e​m​e​n​/​+​+​c​o​+​+​c​4​8​3​2​8​8​6​-​0​4​e​3​-​1​1​e​8​-​a​6​2​b​-​5​2​5​4​0​0​8​8cada
[9] http://​www​.ngg​-koeln​.de/​b​r​a​n​c​h​e​n​_​_​b​e​t​r​i​e​b​e​/​b​r​a​n​c​h​e​n​/​h​o​t​e​l​_​u​n​d​_​g​a​s​t​s​t​a​e​t​t​e​n​g​e​w​e​r​b​e​/​d​e​l​i​v​e​r​o​o​/​l​i​e​f​e​r​n​-​a​m​-​l​imit/
[10] https://​ber​li​ner​ak​ti​onge​gen​ar​beit​ge​ber​un​recht​.word​press​.com/​c​a​t​e​g​o​r​y​/​t​a​x​i​g​e​w​erbe/

Viel Verschleiß, wenig Lohn

Die Beschäf­tigten von Essens­lie­fer­diensten pro­tes­tierten in Berlin wegen zu nied­riger Bezahlung und schlechter Arbeits­be­din­gungen. Soli­da­rität für die Berufs­radler kommt auch von Taxi­fahrern

Die Trans­port­kiste des Lie­fer­dienstes Foodora, die an diesem Tag gut sichtbar am Tresen des Lokals der Basis­ge­werk­schaft Freie Arbei­te­rinnen- und Arbei­ter­union (FAU) in Berlin steht, bleibt ­geschlossen. Dafür erklärt Georgia P.*, warum sie sich mit Kol­le­ginnen und Kol­legen in der Kam­pagne »Deli­ver­union« zusam­men­ge­schlossen hat, um die Arbeits­be­din­gungen zu ver­bessern. Häufig habe sie erst am Freitag den Schichtplan für die Woche darauf erhalten. Weil sie oft leer aus­ge­gangen sei, habe ihr Monats­ver­dienst bei lediglich etwa 300 Euro gelegen.

Man­gelnde Trans­parenz bei der Schicht­vergabe, zu niedrige Löhne und die Abwälzung der Kosten für Fahr­räder, Repa­ra­turen, Ersatz­teile und das unent­behr­liche Smart­phone auf die Beschäf­tigten störten die Kol­le­ginnen und Kol­legen bei den Lie­fer­diensten besonders, sagte der Pres­se­se­kretär der FAU Berlin, Clemens Melzer, im ­Gespräch mit der Jungle World. »Eigentlich könnten die Beschäf­tigten für Auf­träge bei schlechtem Wetter oder an Wochen­enden Lohn­zu­schläge ein­fordern«, so Melzer. In der Lie­fer­branche seien aber viele froh, wenn sie über­haupt Auf­träge bekämen.

Auch in anderen EU-Ländern ver­suchen Basis­ge­werk­schaften, die Beschäf­tigten von Essens­lie­fer­diensten zu orga­ni­sieren.

Doch es regt sich Wider­stand. Ende April hatte die FAU einen von den Fah­re­rinnen und Fahrern von Deli­veroo und Foodora erar­bei­teten For­de­rungs­ka­talog den beiden Unter­nehmen über­geben. Der umfasst vor allem die Erhöhung der Löhne um einen Euro pro Lie­ferung, die voll­ständige Über­nahme der Kosten für Arbeits­mittel und eine garan­tierte Min­destzahl an Arbeits­stunden. Die Deli­veroo-Beschäf­tigten fordern Trans­parenz über geleistete Stunden. Trotz zwei­ma­liger Frist­ver­län­gerung habe das Unter­nehmen nicht reagiert. Beim Kon­kur­renten Foodora steht eine bezahlte Stunde pro Woche für die Schicht­planung im For­de­rungs­ka­talog.

Am Mittwoch voriger Woche beim Pro­testtag von »Deli­ver­union« luden Georgia P. und mehrere Dutzend Kol­legen vor der Deli­veroo-Zen­trale in Kreuzberg alte Fahr­rad­teile ab, um auf den hohen Ver­schleiß ihres Arbeits­geräts hin­zu­weisen, für dessen Kosten sie bislang selbst auf­kommen müssen. Die anschlie­ßende Fahr­rad­de­mons­tration führte zur Foodora-Zen­trale in Berlin-Mitte, wo die Abschluss­kund­gebung stattfand. Das Unter­nehmen signa­li­sierte Gesprächs­be­reit­schaft und stellte die Ein­führung einer Pau­schale für die Kosten von Smart­phone und Fahr­rä­der­ver­schleiß in Aus­sicht.

Die meisten Bei­träge auf der Kund­gebung wurden auf Eng­lisch gehalten, schließlich kommen die Beschäf­tigten der Lie­fer­dienste aus den unter­schied­lichsten Ländern. »Bei Deli­veroo in Berlin arbeiten etwas über 500 Fahrer, gut 100 von ihnen sind Free­lancer. Bei Foodora in Berlin sind alle Fahrer fest­an­ge­stellt, das sind 503«, berichtet Melzer. »Wir schätzen, dass die Hälfte der knapp 1 000 Fahrer in Berlin aus dem Ausland kommt, viele sprechen kaum Deutsch.« Die meisten kämen aus süd­eu­ro­päi­schen Kri­sen­ländern wie Spa­nien, Italien oder Por­tugal.

Die FAU ist die Anlauf­stelle für Fahrer, die für die Ver­bes­serung ihrer Arbeits­be­din­gungen kämpfen, sich juris­tisch beraten lassen und Pro­test­ak­tionen wie die in der ver­gan­genen Woche planen wollen. Auch in vielen anderen euro­päi­schen Ländern ver­suchen Basis­ge­werk­schaften, die Beschäf­tigten von Essens­lie­fer­diensten zu orga­ni­sieren. In den ver­gan­genen Monaten pro­tes­tierten in Groß­bri­tannien, Spanien und Italien Beschäf­tigte gegen ihre schlechten Arbeits­be­din­gungen. »Wir beziehen uns in den unter­schied­lichen Ländern auf­ein­ander. So wird von den Kol­legen in Spanien und Italien genau beob­achtet, was in Berlin pas­siert, und wir ­unter­stützen die Kämpfe in den anderen euro­päi­schen Ländern«, so Melzer.

Doch auch Pro­bleme wurden ver­gangene Woche deutlich. Nur wenige ­Medien berich­teten über die basis­ge­werk­schaft­liche Pro­test­aktion vom Mittwoch, der erfolg­reiche Bör­sengang des Foodora-Mut­ter­un­ter­nehmens Delivery Hero in Frankfurt am Main am Freitag bestimmte die Schlag­zeilen. Dass die schlechten Arbeits­be­din­gungen und die nied­rigen Löhne die Vor­aus­setzung für die Gewinne an der Börse sind, wird kaum erwähnt.

Andreas Kom­rowski von der Taxi-AG bei der Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft Verdi berichtete in seiner Soli­da­ri­täts­er­klärung, dass auch die Taxi­fahrer mit Über­wa­chung und geringen Ein­kommen zu kämpfen hätten. Kom­rowski schil­derte, wie sich Taxi­un­ter­nehmen um die Zahlung des gesetzlich vor­ge­schrie­benen Min­dest­lohns zu drücken ver­suchten. So würden War­te­zeiten an den Stand­plätzen zu Pau­sen­zeiten umde­kla­riert, wodurch rech­ne­risch der Stun­denlohn steigt. Mitt­ler­weile ist auch die Ber­liner Senats­ver­waltung für Inte­gration, Arbeit und Soziales auf diese Praxis auf­merksam geworden. In einem Schreiben an den Ber­liner Taxibund stellte die Behörde klar: »Reguläre Stand­zeiten, während derer auf Kunden gewartet wird, gehören zur Arbeitszeit.« Dass die gewerk­schaftlich orga­ni­sierten Taxi­fahrer mit der Kam­pagne »Deli­ver­union« koope­rieren, ist für FAU-Sprecher Melzer ein Hoff­nungs­zeichen. Prekäre Arbeits­be­din­gungen sind die Regel in der wach­senden soge­nannten Gig-Öko­nomie, in der Beschäf­tigte sich über Inter­net­platt­formen von einem Auftrag – eng­lisch: gig – zum nächsten hangeln. Kol­lek­tiver Wider­stand dagegen ist bislang die Aus­nahme.

* Voll­stän­diger Name der Redaktion bekannt.

https://​jungle​.world/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​7​/​2​7​/​v​i​e​l​-​v​e​r​s​c​h​l​e​i​s​s​-​w​e​n​i​g​-lohn

Peter Nowak