NRW-Wahl ist Ausdruck des gesellschaftlichen Rechtsrucks in Deutschland

Selbst die Reste der Oppo­sition sehen vor allem in Trump, Putin und Erdogan die Gegner – Ein Kom­mentar

So schnell und häufig hat wohl selten eine Minis­ter­prä­si­dentin beteuert, dass sie allein für die Wahl­nie­derlage ver­ant­wortlich ist, wie es Han­nelore Kraft seit der NRW-Wahl immer wie­der­holte. Auch SPD-Poli­tiker und Wahl­helfer wie der Gra­fiker Klaus Staeck[1] wurden nicht müde zu betonen, dass die Wahl­nie­derlage in NRW durch die Lan­des­po­litik ver­ur­sacht wurde. Auch die Grünen wollten in dem schlechten Wahl­er­gebnis in NRW nur Lan­des­ur­sachen sehen.

Es ist klar, dass die beiden Par­teien, die so schlecht abge­schnitten haben, fürchten, dass sich dadurch die Stimmung für die Bun­des­tags­wahlen ver­schlechtert. Unter­schätzten sie damit nicht das Publikum, das noch den Reden der Poli­tiker in Wahl­kämpfen folgt? Hat man in der SPD nicht Schulz als Merkels chan­cen­reichen Kon­kur­renten aus­ge­geben? Hat man nicht vor allem die NRW-Wahl als Start­schuss für die Bun­des­tagswahl aus­ge­geben? Und jetzt soll das alles nicht mehr wahr sein? Handelt es sich viel­leicht auch hier um die viel­zi­tierten alter­na­tiven Wahr­heiten, dass die Ursachen von SPD und Grüne haupt­sächlich im Land NRW liegen? Das Ziel ist klar: Die SPD will Martin Schulz aus der Schuss­linie nehmen und die Grünen wollen sich noch eine Debatte über ihre beiden Vor­sit­zenden ersparen.

Rückkehr nach Emmerich

Eine NRW-Reportage[2] in der Wochen­zeitung Freitag, in der die soge­nannten Abge­hängten aus ver­schie­denen Teilen von NRW unter dem alar­mis­ti­schen Titel »Failed State NRW«[3] zu Wort kamen, zeigte, dass bei allen regio­nalen Pro­blemen die Bun­des­po­litik mit rein­spielt. Da setzt ein Mann, der sich »Keule« nennt, zum Rund­um­schlag auf die große Politik an und es wird deutlich, dass die Trennung in Landes- und Bun­des­po­litik so gar nicht exis­tiert.

»Das haben wir alles schön der SPD zu ver­danken«, sagt er. Dem Schröder das mit Hartz IV, seitdem sei hier Ram­bazamba. Dem Bür­ger­meister, »der nichts taugt«, der sich um die Armen einen Dreck schere. Und dem nord­rhein-west­fä­li­schen Innen­mi­nister Ralf Jäger, der laut Keule schuld daran sei, dass er sich nicht mehr allein vor die Tür traue. »Wenn die alle richtig malochen würden, die da kommen, dann könnten von mir aus noch ein paar Tausend her­ziehen. Aber statt­dessen nur Ver­brecher!«, sagt er.

Man könnte denken, da spricht ein AfD-Wähler, aber diese Keule wird als CDU-Wähler vor­ge­stellt. »Siehste, die Merkel, die macht das. Der ist das ganz gleich, was die alle reden. Die macht das einfach«, sagt Keule tri­um­phierend, dem die AfD »zu Nazi« ist und die SPD »zu unfähig.«

Inter­essant ist in der Reportage, dass hier ein Bild vom Ruhr­gebiet gezeichnet wird, in dem Abge­hängte der unter­schied­lichen Branchen über ihre Situation und die da oben schimpfen. Dabei hatte erst kürzlich mit »Das Gegenteil von Grau«[4] ein Film von Mat­thias Coers und Grischa Dallmer Pre­mière, der die viel­fäl­tigen sozialen Initia­tiven im Ruhr­gebiet vor­stellt. Senioren sind ebenso ver­treten wie prekäre Wis­sen­schaftler und Stu­die­rende.

Das Bild, das der Film vom Ruhr­gebiet zeichnet, ist fast in allen Punkten konträr zu Repor­tagen vom abge­hängten Ruhr­gebiet, wie sie in den letzten Tagen nicht nur in der Wochen­zeitung Freitag, sondern auch in vielen anderen Medien zu lesen waren. Sogar der Nie­der­rhein wird als eine abge­hängte Region vor­ge­stellt. Mit dem Titel »Rückkehr nach Emmerich[5] wird auf Didier Eribons Best­seller »Rückkehr nach Reims« rekur­riert, einer Stadt, in dem mit dem Rückzug der Industrie die Tris­tesse Einzug hielt und die Rechten Erfolge zeigten.

Nur eine Schnitt­stelle gibt es zwi­schen dem Film der sozialen Selbst­er­mäch­tigung und der Reportage des Freitag. Ein Redak­ti­ons­mit­glied des Bochumer Stra­ßen­ma­gazins Bodo[6] kommt zu Wort. Obwohl er sinn­gemäß nichts Unter­schied­liches über die Dort­munder Nord­stadt sagt, ist der Kontext doch ver­schieden. »Was wir hier in der Nord­stadt in den letzten Jahren erleben, ist eine Gen­tri­fi­zierung von unten: Alle, die etwas geschafft haben, gehen weg. Noch ärmere Men­schen kommen nach«, wird Bodo-Redak­ti­ons­leiter Bastian Pütter in der Freitag-Reportage zitiert.

Das klingt so, als würde hier ein Kampf der Ärmsten gegen die Armen statt­finden. Im Film »Gegenteil von Grau« hin­gegen betont ein Bodo-Mit­ar­beiter, dass die Dort­munder Nord­stadt immer ein Ort war, in dem sich Arbeits­mi­granten vieler Länder ange­siedelt haben. Das werde auch in Zukunft so bleiben. Das klingt weniger nach abge­hängter Gegend, sondern auch nach Selbst­er­mäch­tigung.

Wenn die Abge­hängten ein starkes Deutschland wählen

Doch gerade hier ist der ent­schei­dende Unter­schied. Die sehr unter­schied­lichen Men­schen, die in »Gegenteil von Grau« vor­ge­stellt werden, erwarten wenig von der Par­la­ments­po­litik, sind daher auch nicht ent­täuscht von den Poli­tikern. Sie sorgen in ihrem Alltag dafür, dass sich in ihrem Lebens­umfeld etwas ver­ändert.

In den Repor­tagen über das abge­hängte NRW werden Men­schen gezeigt, die arm sind, sich ihre Situation nicht erklären können, Aus­ländern oder »denen da oben« die Schuld geben und am Kon­strukt eines starken Deutschland fest­halten. Bei dem in der Freitag-Reportage zitierten Mann mit dem Ali­as­namen Keule ist Merkel noch der Garant dafür. Viele andere wählen die AfD, weil sie sich mit einem starken Deutschland iden­ti­fi­zieren. Statt Soli­da­rität setzen sie auf Stand­ort­na­tio­na­lismus.

In Zeiten, als im Ruhrpott noch die Schorn­steine rauchten, reichte ein Fuß­ball­verein für die eigene Iden­tität. In Zeiten der Krise muss es schon die Nation sein. Wie weit der Stand­ort­na­tio­na­lismus in die sozi­al­de­mo­kra­tische Wäh­ler­schaft geht, zeigt auch der Tarif­ab­schluss der IG-Metall[7] mit den Ver­bänden der Zeitarbeitsbranche[8], der Leih­ar­beiter wei­terhin schlechter stellt[9]. Der Gewerk­schafts­jour­nalist der Wochen­zeitung Jungle World Stefan Dietl liefert[10] eine plau­sible Erklärung dafür, dass die IG-Metall einen Tarif­vertrag unter­zeichnet, der die Leih­ar­beiter schlechter stellt, als sie ohne Vertrag wären, weil dann die gesetz­lichen Bestim­mungen greifen würden:

Die viel gerühmte Wett­be­werbs­fä­higkeit der deut­schen Industrie in der Welt­markt­kon­kurrenz fußt auch auf dem bil­ligen und fle­xiblen Einsatz von Leih­arbeit. Gerade den Indus­trie­ge­werk­schaften, die vor­wiegend in export­ori­en­tierten Branchen präsent sind, ist dies durchaus bewusst. Im mög­lichen Verlust dieses Wett­be­werbs­vor­teils sehen viele Beob­achter nicht nur ein Risiko für die Kon­kur­renz­fä­higkeit der deut­schen Export­in­dustrie, sondern auch für die Arbeits­plätze der dort tra­di­tionell gut orga­ni­sierten Stamm­be­leg­schaften. Es ist daher wenig erstaunlich, dass die Gewerk­schaften zwar auf eine gewisse Regu­lierung der Leih­arbeit drängen, um so den Druck auf die Stamm­be­schäf­tigten etwas zu mindern, den Wett­be­werbs­vorteil bil­liger Leih­ar­beiter aber erhalten möchten.
Stefan Dietl

Der Tarif­vertrag dient also nicht dazu, die Arbeits­be­din­gungen der Leih­ar­beiter zu ver­bessern, sondern sie im Interesse der Stamm­be­leg­schaft und des Standorts Deutschland auf Abstand zu halten. Unter solchen Bedin­gungen kann keine soli­da­rische Aktion der Beschäf­tigten ent­stehen. Daher ist es auch kein Wunder, dass eine Partei, die noch die soziale Gerech­tigkeit der SPD der 1970er Jahre hochhält, wie die Links­partei in NRW knapp an der Fünf­pro­zent­klausel scheitert. Sie hätte auch knapp darüber kommen können. Der gesell­schaft­liche Rechtsruck hängt nicht an einigen hundert Stimmen.


Aus­druck des gesell­schaft­lichen Rechts­rucks

Das Wahl­er­gebnis ist aber ein Rechtsruck, was die Stärkung von CDU und FDP und das pas­sable Ergebnis für die AfD zeigt. Alle drei Par­teien, wenn sie auch in den nächsten Jahren nicht bünd­nis­fähig sein werden, wollen ein starkes Deutschland, das kämp­fe­rische Gewerk­schaften klein- und Migranten, die Deutschland nicht nützen, mög­lichst draußen halten.

Auch große Teile der SPD haben keine grund­le­genden anderen Ziele. Daher ist es auch ver­kehrt, nun fie­berhaft danach zu suchen, was die Poli­tiker Kraft, Jäger oder Löhrmann falsch und Laschet und Lindner richtig gemacht haben. Dass sich in Deutschland anders als in Ländern der euro­päi­schen Peri­pherie keine linke Alter­native zur Aus­teri­täts­po­litik eta­blieren konnte, liegt an der Rolle Deutsch­lands als Hege­mo­ni­al­macht in der EU.

Schlaue Köpfe haben bereits in den frühen 1990er Jahren auf deutsch­land­kri­ti­schen Kon­gressen erkannt, dass im wie­der­ver­ei­nigten Deutschland Linke im und außerhalb des Par­la­ments eine Rand­gruppe analog zur USA werden würden. Bei den Wahlen würde es nur darum gehen, wer den Standort Deutschland besser reprä­sen­tiert. Dass dabei die Union die Nase vorn hat, ist nicht ver­wun­derlich.

Mit der Wahl von Trump wurde Merkel auch von libe­ralen und grü­nen­nahen Medien zur Ver­tei­di­gerin der freien Welt aus­ge­rufen. Sie wurde als demo­kra­tische Licht­ge­stalt im Ver­gleich zu Putin, Erdogan und Trump gefeiert und Deutschland wurde als das Land der Freien aus­ge­rufen. Wer noch von Nied­rig­löhnen, Armut in den Städten und der Aus­breitung der Bil­ligjobs in Deutschland redete, wurde bes­ten­falls belä­chelt.

Auch außerhalb des sozi­al­po­li­ti­schen Gebietes gab es kaum noch gesell­schaft­lichen Wider­stand. Da wurde noch zwei Jahre über die NSA und die Rolle deut­scher Geheim­dienste gesprochen. Doch die aus der Blog­ger­szene her­vor­ge­gangene re:publica[11] wurde dieses Jahr end­gültig zum Kir­chentag der Internetszene[12], wo sich Jahr für Jahr Poli­tiker aller Bun­des­tags­par­teien die Klinke in die Hand geben. Proteste[13] gegen einen Bun­des­wehr­stand auf der re:publicca gab es immerhin noch ver­einzelt.

In Zeiten von Putin und Trump ist Deutschland plötzlich der Hort der Freiheit. Selbst explizit deutsch­land­kri­tische Bands wie die Antilopengang[14] singen auf dem Konzert für Deniz Yücel auf einer Veranstaltung[15], die auch von der rechts­kon­ser­va­tiven Welt unter­stützt wird. »In Zeiten, in denen die Pres­se­freiheit aber nicht nur durch Inhaf­tie­rungen von Jour­na­listen, sondern auch in demo­kra­ti­schen Ländern durch Rufe wie ‚Lügen­presse‘ von AfD bis Donald Trump bedroht ist, wird umso deut­licher, dass Pres­se­freiheit uns alle angeht«, schreibt[16] die Mit­or­ga­ni­sa­torin Doris Akrap. In einer Situation, in der in Deutschland ein gesell­schaft­licher Rechtsruck im Gange ist und selbst schlaue Linke vor allem in Putin, Erdogan und Trump den Gegner sehen, können Merkel und ihre Nach­folger fast ohne Pro­teste herr­schen.

Peter Nowak
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[6] http://​www​.bodoev​.de/
[7] http://www.igmetall.de/26–2017-25361.htm
[8] http://​www​.ig​-zeit​arbeit​.de/​p​r​e​s​s​e​/​a​r​t​i​k​e​l​/​b​r​a​n​c​h​e​n​z​u​s​c​h​l​a​e​g​e​-​s​e​c​h​s​t​e​-​z​u​s​c​h​l​a​g​s​s​t​u​f​e​-​v​e​r​a​b​s​c​h​iedet
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[11] https://​re​-publica​.com/de
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Wohnen und »Recht auf Stadt«-Kämpfe im Ruhrgebiet

Mie­te­rEcho online 09.05.2017

Zum Doku­men­tarfilm DAS GEGENTEIL VON GRAU

Die Film­auf­führung war am Sonn­tag­abend im Licht­blick-Kino aus­ver­kauft. Einige Besu­che­rInnen mussten auf einen spä­teren Termin ver­tröstet werden. Gezeigt wurde DAS GEGENTEIL VON GRAU, der neue Film des Regis­seurs Mat­thias Coers. Dort werden über 20 Mie­te­rInnen- und Recht auf Stadt-Initia­tiven aus dem Ruhr­gebiet vor­ge­stellt.
Coers hat unter aktiven Mie­te­rInnen einen guten Namen. Schließlich ist er einer der Regis­seure des Films Mietre­bellen, der seit drei Jahren in vielen Kinos in der ganzen Republik gezeigt wird und mitt­ler­weile in 7 Sprachen über­setzt wurde. Er zeigt die Viel­fäl­tigkeit und Ent­schlos­senheit der Ber­liner Mie­te­rIn­nen­be­wegung und moti­viert auch Men­schen in anderen Städten und Regionen. Dazu gehören auch die Akti­vis­tInnen der Initiative „Recht auf Stadt Ruhr“. Sie haben sich an Coers gewandt, weil sie nach dem Vorbild der MIETRE­BELLEN eine Art Bewe­gungsfilm für das Recht auf Stadt im Ruhr­gebiet machen wollten. 2015 hat Mat­thias Coers gemeinsam mit Grischa Dallmer und dem Ruhr­ge­biets-Team mit den Dreh­ar­beiten begonnen und der Kontakt zu den ver­schie­denen Gruppen ist dann über die Stadt­ak­tiven vor Ort ent­standen. Ende März hatte der Film bei Team­pre­mieren im https://​www​.bmgev​.de/​m​i​e​t​e​r​e​c​h​o​/​m​i​e​t​e​r​e​c​h​o​-​o​n​l​i​n​e​/​d​a​s​-​g​e​g​e​n​t​e​i​l​-​v​o​n​-​g​r​a​u​.html
Mie­te­rEcho online 09.05.2017

Peter Nowak

Peter Nowak

Voneinander lernen!

Regisseur Mat­thias Coers spricht über Wohn­kämpfe und seinen neuen Film »Das Gegenteil von Grau«

Zur Person

In dem Film »Das Gegenteil von Grau«, der am 5. Mai (19 Uhr) im Kino Movie­mento und am 7. Mai (19 Uhr) im Licht­blickkino gezeigt wird, stellt der Ber­liner Fil­me­macher Mat­thias Coers Initia­tiven zum Wohn­kampf im Ruhr­gebiet vor. Mit dem Regisseur sprach Peter Nowak.

Wie haben Sie den Kontakt mit den Initia­tiven im Ruhr­gebiet her­ge­stellt?

Mit dem Film »Mietre­bellen« habe ich Film­ver­an­stal­tungen im Ruhr­gebiet gemacht. Dort bin ich in Kontakt gekommen mit Aktiven von »Recht auf Stadt Ruhr«, die vom Film sehr angetan waren. Gemeinsam haben wir überlegt, wie man für das Ruhr­gebiet eine Art Bewe­gungsfilm für das Recht auf Stadt machen kann. 2015 haben wir mit den Dreh­ar­beiten begonnen und der Kontakt zu den ver­schie­denen Gruppen ist dann über die Stadt­ak­tiven vor Ort ent­standen. Es gab zwar schon Ver­bin­dungen zu den Mietern vom Zink­hüt­ten­platz, aber so kam dann auch die Zusam­men­arbeit mit Freiraum- und Tran­sition-Town-Initia­tiven zustande. Meine Idee vom doku­men­ta­ri­schen Filmen ist, Filme nicht über andere zu machen, sondern mit ihnen. Und das ist bei diesem Projekt gut gelungen, denn die Fähig­keiten und Talente liegen ja besonders vor Ort.

Der Film »Mietre­bellen« han­delte von Berlin, wo Sie selber in der Mie­ter­be­wegung aktiv sind. War es schwierig, in einer Region einen Film zu drehen, in der Sie nicht leben?

Da ich das Ruhr­gebiet gut kenne, auch selber dort schon gear­beitet habe, und dort zudem eine offen­herzige Men­ta­lität herrscht, war es eher einfach, in einen kom­mu­ni­ka­tiven und fil­mi­schen Prozess ein­zu­treten. Es geht ja auch darum, Initia­tiven, die in den Nischen der Städte ihre Arbeit tun, zu sammeln und in einem Film vor­zu­stellen. Vor­aus­setzung dafür ist natürlich auch die Lust der Aktiven, sich an diesem Prozess zu betei­ligen. Schließlich ist es das Thema des Films, wie jen­seits des markt­wirt­schaft­lichen Inter­esses ver­stetigt orga­ni­siert und gear­beitet werden kann.

Wo sind die Gemein­sam­keiten der im Film vor­ge­stellten Pro­jekte?

Die 20 vor­ge­stellten Pro­jekte enga­gieren sich im Ruhr­gebiet zwi­schen Freiraum- und Wohn­kämpfen, in nach­bar­schaft­lichen Gärten und Soli­da­ri­scher Land­wirt­schaft. Sie alle leisten Pio­nier­arbeit in einer Region mit starkem Struk­tur­wandel. Das Ruhr­gebiet ist ent­standen als eine Indus­trie­ge­sell­schaft und ist heute eine kri­sen­hafte Dienst­leis­tungs- und Frei­zeit­ge­sell­schaft. In den so ent­stan­denen Stadt­struk­turen herrscht eine gewisse Agonie, der von den Städten mit Event­kultur begegnet werden soll.

Welches Projekt hat Sie besonders beein­druckt?

Per­sönlich halte ich die Initiative kitev oder Refugees’ Kitchen für bei­spielhaft, da sie es kon­ti­nu­ierlich und mit Sicht­barkeit schaffen, zusammen mit Geflüch­teten und Men­schen aus ganz Europa auf lokaler Ebene tem­poräre wie dau­er­hafte Resi­dence- und Arbeits­formen zu ent­wi­ckeln.


Was können die Zuschauer in Berlin von der Arbeit der Initia­tiven im Ruhr­gebiet mit­nehmen?

Auf den ersten Blick mangelt es hier nicht an eman­zi­pa­tiven Orten und enga­gierten Men­schen. Auf­grund aber des großen Raum- und Flä­chen­be­darfs sowie der ord­nungs­po­li­ti­schen Durch­setzung als Haupt­stadt und Ort kapi­ta­lis­ti­scher Macht und Nor­ma­lität erhält auch Berlin eine restrik­tivere Seite. Es muss von­ein­ander gelernt werden, um auf Dauer gemein­schaft­liche Raum­nutzung wie Urban Gar­dening, Wohn­formen wie Genos­sen­schaften und Wagen­plätze oder eman­zi­pa­tives Zusam­men­leben mit geflüch­teten Men­schen konkret zu rea­li­sieren.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​5​0​0​3​3​.​v​o​n​e​i​n​a​n​d​e​r​-​l​e​r​n​e​n​.html
Interview: Peter Nowak

Auf-Ruhrgebiet

Nach seinem Film »Mietrebellen« hat der Regisseur Matthias Coers nun einen Dokumentation über widerspenstige Projekte im Ruhrgebiet vorgestellt. Sie schaffen Utopien en miniature.

Die Senioren sind in Fei­er­laune. Mit ihrer Mie­ter­initiative Zink­hüt­ten­platz haben sie den Abriss einer his­to­ri­schen Arbei­ter­siedlung ver­hindert. Dabei hatten sie nicht einmal von der Mehrheit der Links­partei Unter­stützung.

Ihr inspi­rie­render Kampf ist in der Doku­men­tation »Das Gegenteil von Grau« zu sehen, der in dieser Woche Pre­mière hat. Knapp 20 außer­par­la­men­ta­rische Initia­tiven werden im Film vor­ge­stellt. Das Spektrum reicht von Graffiti-Sprü­he­rinnen – es sind tat­sächlich nur Frauen – über einen anar­chis­ti­schen Info­laden, über Pro­jekte mit Geflüch­teten bis zum Leer­standskino in Dortmund-Nord.

»Alle Pro­jekte leisten Pio­nier­arbeit im Ruhr­gebiet, einer Region mit starkem Struk­tur­wandel aus der Indus­trie­ge­sell­schaft in eine kri­sen­hafte Dienst­leis­tungs- und Frei­zeit­ge­sell­schaft«. So beschreibt der Regisseur Mat­thias Coers gegenüber »nd« das Ver­bin­dende der vor­ge­stellten Initia­tiven. Besonders das Ober­hau­sener Projekt Kunst im Turm (kitev) und die Initiative Refugees‘ Kitchen, eine mobile Küche, in der Geflüchtete und Künstler zusam­men­ar­beiten, haben Coers beein­druckt. Der Regisseur war durch den Film »Mietre­bellen«, der den Wider­stand gegen Ver­treibung und Miet­erhö­hungen in Berlin doku­men­tiert, auch über Deutschland hinaus bekannt geworden.

Zur Ent­ste­hungs­ge­schichte: Bei einer Film­ver­an­staltung im Ruhr­gebiet hatte Coers Aktive der Initiative »Recht auf Stadt Ruhr« ken­nen­ge­lernt. »Gemeinsam haben wir überlegt, wie man für das Ruhr­gebiet auch eine Art Bewe­gungsfilm für das Recht auf Stadt machen kann«, so Coers. Die Film­ar­beiten haben sich dann zwei Jahre in die Länge gezogen, weil Coers den Film nicht über sondern mit den Initia­tiven gemeinsam drehte.

Es werden Men­schen vor­ge­stellt, die in den Nischen der Städte ihre Utopien umsetzen wollen. Das kann ein »Repa­ra­tur­laden« oder ein besetztes Gewächshaus sein, in dem sich Senioren ganz selbst­ver­ständlich darüber unter­halten, wie sie ein Schloss geknackt haben. Die kurzen Film­ge­spräche doku­men­tieren die Unter­schied­lichkeit der ein­zelnen Pro­jekte: Während einige mit linken Poli­tikern koope­rieren, betonen andere die Auto­nomie von Staat und Par­teien. Ein Mit­ar­beiter des Bochumer Stra­ßen­ma­gazins »bodo« erläutert, wie ein Arbei­ter­stadtteil vor Jahr­zehnten zum Zufluchtsort von Migranten wurde und bis heute geblieben ist. Die von Berlin nach Ober­hausen »migrierten« Künstler von kitev fragen sich, ob ihr Projekt nicht gegen ihren Willen zur Gen­tri­fi­zierung bei­tragen könnte.

Die Doku­men­tation ist ein aktu­eller Bewe­gungs­melder für ein anderes Ruhr­gebiet. So hätte der Film mit dem vagen Titel »Das Gegen­teil­genteil von Grau« viel­leicht pas­sender »Auf-Ruhr­ge­biete« heißen können. Auf jeden Fall macht er neu­gierig auf mehr und Lust, die Ent­wicklung der vor­ge­stellten Pro­jekte weiter zu beob­achten.

vDer Film hat seine Pre­mieren an den fol­genden Tagen
Do., 23.03., 19:00 Uhr | Roxy Kino, Müns­ter­straße 95, Dortmund
Fr., 24.03., 19:00 Uhr | Alibi, Glad­becker Straße 10, Essen
Sa., 25.03., 19:00 Uhr | kitev, Willy-Brandt-Platz 1, Ober­hausen
So., 26.03., 19:00 Uhr | Lokal Har­monie, Har­mo­nie­straße 41, Duisburg
Mo., 27.03., 19:00 Uhr | End­station Kino, Wall­baumweg 108, Bochum

www​.gegen​teilgrau​.de

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Peter Nowak