Darf man noch mit der bolivarianischen Revolution solidarisch sein?

Der Druck auf die Links­partei zeigt, wie eng die Grenzen derer sind, die immer eine offene Gesell­schaft pro­pa­gieren – Ein Kom­mentar

Die links­li­berale Taz hat sich in den letzten Monaten besonders als Ver­tei­di­gerin der Offenen Gesell­schaft pro­fi­liert. Sie steht in Front­stellung einer­seits zu den ver­schie­denen rechts­po­pu­lis­ti­schen Anwand­lungen von Trump bis Erdogan. Aber genauso gegen alle Ver­suche, eine linke Alter­native gegen die Rechten auch gegen den kapi­ta­lis­ti­schen Nor­mal­zu­stand zu finden.

Für einen solchen Ausweg stand seit 1998 Vene­zuela nach der Regie­rungs­über­nahme durch den Links­na­tio­na­listen Chavez. Nach einem Putsch­versuch und einem Unter­neh­mer­streik radi­ka­li­sierte sich ein Teil der boli­via­ni­schen Basis, aber auch deren Leit­figur Chavez. Er sprach sogar vom Sozia­lismus des 21. Jahr­hun­derts, doch der Erfinder dieses Begriffes Heinz Dietrich will heute nicht mehr gerne an diese kurze Freund­schaft mit der boli­va­ri­an­schen Revo­lution erinnert[1] werden. Denn Vene­zuela hat heute nicht viele Freunde.

Die Linke will Helden ohne Fehl und Tadel

Die Zeit, als das Land als Wunschbild vieler Linker galt, sind lange vorbei. In den Zeiten, in denen das Land unter dem nied­rigen Ölpreis leidet, die boli­va­ria­nische Bour­geoisie ihr häss­liches Gesicht zeigt, das nicht zu dem Utopia linker Blü­ten­träume passt, kurz: seit auch in Vene­zuela der linken Euphorie die Mühen der Ebene folgten, will man sich nicht mehr gerne als Freund der boli­va­ria­ni­schen Revo­lution outen.

Che Guevara wird ja auch nur deshalb so verehrt, weil er so jung starb wie angeblich einst Jesus und an Sal­vador Allende wird vor allem wegen seines Wider­stands gegen die Put­schisten erinnert. Über die linke Praxis schweigt man dann bei beiden eher, seien es die von Che Guevara ver­ant­wor­teten Hin­rich­tungen nach der kuba­ni­schen Revo­lution oder Allendes Schwanken zwi­schen einer refor­mis­ti­schen und einer revo­lu­tio­nären Politik. Die Linke will ihre Helden ohne Fehler und Wider­sprüche und ist da sehr christlich. Des­wegen hat der Che -Guevara-Kult auch etwas sehr Reli­giöses. Da ist die Haltung der Links­partei zu loben, die dem boli­va­ria­ni­schen Vene­zuela auch in schwie­rigen Zeiten die Soli­da­rität nicht auf­kündigt.

In ihrer auf dem letzten Par­teitag ver­ab­schie­deten Resolution[2] wird an einige Aspekte erinnert, die heute in der Vene­zuela-Bericht­erstattung der meisten Medien kaum eine Rolle spielen. So heißt es dort:

Die gegen­wärtige öko­no­mische und soziale Situation in Vene­zuela ist ange­spannt. Die Ursachen dafür liegen aber nicht vor­rangig in Fehlern der Regierung Maduro, wie es viele Medien schreiben. Tat­sache ist: Die vene­zo­la­ni­schen Bour­geoise hat das cha­vis­tische Projekt nie akzep­tiert, sie hat nie ver­wunden, dass Hugo Chávez ihr den Zugriff auf die Ölrente weg­ge­nommen hat, um mit ehr­gei­zigen Sozi­al­pro­grammen die Armut im Land zu bekämpfen. Ebenso hat sie es bis heute nicht geschafft, die Prä­si­denten Chávez und Maduro auf demo­kra­ti­schem Wege abzu­lösen. Der Putsch der Olig­archie von 2002 brach unter dem mas­siven Wider­stand der ärmsten Teile der Bevöl­kerung und loyaler Militärs zusammen.

Die Linke

Kri­tische Fragen an die Freunde der boli­va­ria­ni­schen Revo­lution sind ange­bracht

Nun kann man sicher darüber streiten, ob in der Erklärung nicht die Ver­ant­wortung der vene­zo­la­ni­schen Regie­rungen für die gegen­wärtige Krise einen zu geringen Stel­lenwert ein­nimmt.

Warum ist Vene­zuela mehr als 15 Jahre nach Beginn der boli­va­ria­ni­schen Revo­lution noch immer so stark vom Erdöl abhängig? Warum gibt es keinen Kampf gegen die boli­va­ria­nische Bour­geoisie? Warum werden Kapi­ta­listen noch immer in Vene­zuela hofiert? Warum wurden die ersten Ansätze von Rätestrukturen[3], wie sie der Publizist Dario Azzelini[4] sehr gut her­aus­ge­ar­beitet hat, nicht wei­ter­ent­wi­ckelt? Warum ist das Par­lament, das sich zu einem Macht­zentrum der Feinde der boli­va­ria­ni­schen Revo­lution geworden ist, nicht schon längst in die Schranken gewiesen worden? Und schließlich: Warum behandelt auch die gegen­wärtige vene­zo­la­nische Regierung, linke Kri­tiker der gegen­wär­tigen Ent­wicklung, die den boli­va­ria­ni­schen Prozess wei­ter­ent­wi­ckeln wollen genauso als Gegner wie die Rechten, die zurück zu den Zeiten vor Chavez wollen? Solche kri­ti­schen Frage wären an die zu stellen, die sich heute auf die Seite von Vene­zuelas Regierung stellen.

Dabei könnte an Gedanken des in der letzten Zeit leider ver­stummten exzel­lenten Kenners der boli­va­ria­ni­schen Revo­lution Azzelini ange­knüpft werden, der bereits vor einigen Jahren die Pro­bleme des Umge­stal­tungs­pro­zesses benannt[5] hat:

In Vene­zuela wurde ein »Aufbau von zwei Seiten« begonnen, der sowohl Stra­tegien und Her­an­ge­hens­weisen »von unten« wie »von oben« umfasst. Also sowohl solche, die eher in der kon­sti­tu­ie­renden Macht, den Bewe­gungen, der orga­ni­sierten Bevöl­kerung die zen­trale Kraft der Ver­än­derung sehen, als auch solche, die diese in der kon­sti­tu­ierten Macht, im Staat und den Insti­tu­tionen sehen.

Dario Azzelini
Daran anknüpfend wäre die Frage zu stellen, ob aktuell in Vene­zuela die Kräfte von unten noch kor­ri­gierend ein­greifen und auch gegen die neue Bour­geoisie einen Kampf führen können.

In dieser Demo­kratie nicht ange­kommen?

Doch wenn der Inland-Redakteur der links­li­be­ralen Taz Martin Reeh, der noch in den frühen 1990er Jahren selber noch auf der Suche nach Wegen jen­seits der bür­ger­lichen Demo­kratie war, der Links­partei wegen ihrer Vene­zuela-Reso­lution vor­wirft, nicht im Club der Demo­kraten zu sein, sollte die Gescholtene das als Aus­zeichnung ver­stehen.

Reeh schreibt in dem Kommentar[6]: »Teile der Links­partei sind immer noch nicht voll­ständig in der Demo­kratie ange­kommen. Und deshalb ver­tei­digen sie Maduro, ihren Bruder im Geiste.«

Das ist die Sprache von einem, der seine eigenen Träume von der Gesell­schaft jen­seits der bür­ger­lichen Demo­kratie begraben hat und für den es nun keine Alter­native mehr geben darf. Deshalb wird jeder gemaß­regelt, der sich nicht mit in den Käfig der bür­ger­lichen Demo­kratie ein­sperren lassen will.

Reeh wird wissen, dass sich vor 100 Jahren hinter dem Banner der bür­ger­lichen Demo­kratie jene ver­sammelt hatten, die die Revo­lution der Arbeiter und Sol­daten im Blut ertränkt haben. Es waren die Eberts und Noskes, die Rosa Luxemburg, Karl Lieb­knecht und tau­sende Arbeiter ermorden ließen, weil sie noch nicht in der bür­ger­lichen Demo­kratie ange­kommen waren.

Es waren vor 100 Jahren die Bol­schewiki, die die Sowjet­macht als Alter­native zur bür­ger­lichen Demo­kratie errich­teten. Damals gab es die Alter­native Räte oder bür­ger­liches Par­lament und hinter letz­terem verbarg sich die Reaktion. Heute zeigt sich in Vene­zuela, dass die Frage nach einer Alter­native zur bür­ger­lichen Revo­lution noch immer aktuell ist. Die in der letzten Woche gewählte ver­fas­sungs­ge­bende Ver­sammlung ist gegenüber dem vene­zo­la­ni­schen Par­lament die fort­schritt­li­chere Variante, weil die bisher benach­tei­ligten und dis­kri­mi­nierten Teile der Gesell­schaft dort besonders berück­sichtigt werden, dar­unter Arbeiter und Indi­genas. Dagegen gehen die Pri­vi­le­gierten des Landes auf die Straße, weil sie um ihre Pri­vi­legien fürchten und alle, die sich über die Riots von Hamburg vor einigen Wochen auf­geregt haben, loben in Vene­zuela die Gewalt der Rechten auf der Straße, die für den größten Teil der Toten der letzten Wochen ver­ant­wortlich sind.

Für die Taz, die sich doch sonst immer so die Ver­tei­digung von Min­der­heiten auf die Fahne schreibt, ist das keine Zeile wert. Doch es wäre eben nicht unde­mo­kra­tisch, sondern im Gegenteil ein gesell­schaft­licher Fort­schritt, wenn die Ver­fas­sungs­ge­bende Ver­sammlung in Vene­zuela das Par­lament ersetzt. Die Frage, wie viele Men­schen die jewei­ligen Insti­tu­tionen gewählt haben, ist insofern neben­sächlich, weil gesell­schaft­licher Fort­schritt immer eine Sache von bewussten Min­der­heiten war, die eine klare Per­spektive hatten. Das war 1789 bei der fran­zö­si­schen Revo­lution ebenso wie 1917 in Russland. Die Frage, ob eine Insti­tution den gesell­schaft­lichen Fort­schritt reprä­sen­tiert, erweist sich eben nicht an der Zahl der abge­ge­benen Stimmen, sondern an den Inhalten, die dort ver­treten werden.

Die blu­tigen Mumien der Ver­gan­genheit stehen hinter dem ven­zo­la­ni­schen Par­lament

Aktuell gehört zu den vehe­menten Gegnern der boli­va­ri­an­sichen Revo­lution unter dem Banner der Ver­tei­digung des Par­la­ments auch die Regierung von Bra­silien, die im letzten Jahr mittels eines Par­la­ments­put­sches und einer reak­tio­nären Mas­sen­be­wegung eine gewählte, gemä­ßigte sozi­al­de­mo­kra­tische Regierung aus dem Amt geputscht hat und nun ver­sucht, mit Lula eine weitere bekannte Per­sön­lich­keiten dieser sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Ära zu kri­mi­na­li­sieren, um so seine Kan­di­datur für die nächsten Prä­si­den­ten­wahlen zu ver­hindern. Denn, die alten Mächte in Bra­silien fürchten, etwas von ihrer Macht und ihren Pri­vi­legien abgeben zu müssen, wenn Lula die nächsten Wahlen gewinnt, wie es alle Umfragen vor­her­sagen.

Auch die argen­ti­nische Regierung, die die soziale Bewegung im eigenen Land kri­mi­na­li­siert, gehört zu des Ver­tei­digern der vene­zo­la­ni­schen Par­la­ments gegen die neue ver­fas­sungs­ge­bende Ver­sammlung. In Vene­zuela selber melden sich blut­be­su­delte Gestalten aus der Ära vor Chavez wieder zu Wort und wittern Mor­genluft. Dar­unter sind Poli­tiker, die für das Caracaszo[7] genannte Blutbad ver­ant­wortlich, bei dem während eines Auf­stands der Armen in Caracas tau­sende Men­schen im Jahr 1989 ermordet[8] wurden. Im Wider­stand gegen dieses Mas­saker liegen auch die Wurzeln vieler linker Orga­ni­sa­tionen, die später die boli­va­ria­nische Revo­lution getragen haben.

Nun melden sich die Mumien aus der Ver­gan­genheit wieder zurück, die für das Mas­saker ver­ant­wortlich waren und wollen wieder ihren in den letzten Jahren ver­lo­renen Ein­fluss zurück­ge­winnen. Die LINKE sollte es daher als Aus­zeichnung ver­stehen, wenn ihr bescheinigt wird, dass sie in dieser Demo­kratie noch nicht ange­kommen ist und hof­fentlich nie ankommt.

https://​www​.heise​.de/​t​p​/​f​e​a​t​u​r​e​s​/​D​a​r​f​-​m​a​n​-​n​o​c​h​-​m​i​t​-​d​e​r​-​b​o​l​i​v​a​r​i​a​n​i​s​c​h​e​n​-​R​e​v​o​l​u​t​i​o​n​-​s​o​l​i​d​a​r​i​s​c​h​-​s​e​i​n​-​3​7​9​3​6​5​2​.html

Peter Nowak
URL dieses Artikels:
http://​www​.heise​.de/​-​3​7​93652

Links in diesem Artikel:
[1] http://​www​.marxist​.com/​h​e​i​n​z​-​d​i​e​t​e​r​i​c​h​-​c​o​n​s​t​i​t​u​t​i​o​n​a​l​-​r​e​f​e​r​e​n​d​u​m​2​2​1​1​0​7.htm
[2] https://​www​.die​-linke​.de/​p​a​r​t​e​i​/​p​a​r​t​e​i​s​t​r​u​k​t​u​r​/​p​a​r​t​e​i​t​a​g​/​h​a​n​n​o​v​e​r​s​c​h​e​r​-​p​a​r​t​e​i​t​a​g​-​2​0​1​7​/​b​e​s​c​h​l​u​e​s​s​e​-​u​n​d​-​r​e​s​o​l​u​t​i​o​n​e​n​/​n​e​w​s​/​s​o​l​i​d​a​r​i​t​a​e​t​-​m​i​t​-​v​e​n​e​z​uela/
[3] http://​www​.azzellini​.net/​b​u​c​h​b​e​i​t​r​a​e​g​e​/​k​o​m​m​u​n​a​l​e​-​r​a​e​t​e​-​v​e​n​e​zuela
[4] http://​www​.azzellini​.net
[5] http://​www​.azzellini​.net/​a​k​a​d​e​m​i​s​c​h​e​-​v​e​r​o​e​f​f​e​n​t​l​i​c​h​u​n​g​e​n​/​v​e​n​e​z​u​e​l​a​-​d​i​e​-​k​o​n​s​t​i​t​u​i​e​r​e​n​d​e​-​m​a​c​h​t​-​b​e​w​egung
[6] http://​www​.taz​.de/​K​o​m​m​e​n​t​a​r​-​L​i​n​k​s​p​a​r​t​e​i​-​u​n​d​-​V​e​n​e​z​u​e​l​a​/​!​5​4​3​2305/
[7] http://​www​.vene​logia​.com/​a​r​c​h​i​v​o​s​/​9563/
[8] http://​www​.ipsnews​.net/​2​0​0​9​/​0​2​/​v​e​n​e​z​u​e​l​a​-​w​o​u​n​d​-​s​t​i​l​l​-​g​a​p​i​n​g​-​2​0​-​y​e​a​r​s​-​a​f​t​e​r​-​l​s​q​u​o​c​a​r​a​c​a​z​o​rsquo

Raus aus der Szene

In Berlin dis­ku­tierten radikale Linke darüber, wie sie in gesell­schaft­liche Kämpfe ein­greifen können

»Kon­ferenz zur Basis­or­ga­ni­sierung, Gegen­macht und Auto­nomie« lautete der voll­ständige Titel des Ber­liner Treffens, an dem vom 28. bis zum 30. April mehr als 1.000 radikale Linke aus ganz Europa teil­nahmen. Eigentlich sprachen alle von der Sel­ber­machen-Kon­ferenz – eine poli­tisch pro­ble­ma­tische Ver­kürzung. Erinnert der Begriff Sel­ber­machen doch an die Do-it-Yourself-Bewegung, ein in sub­kul­tu­rellen Kreisen beliebtes Konzept, das durchaus mit neo­li­be­ralen Vor­stel­lungen kom­pa­tibel sein kann. Der Kapi­ta­lismus bietet heute genug Nischen, in denen Men­schen Gele­gen­heiten zum Sel­ber­machen haben, wenn nur die
Grund­prin­zipien der kapi­ta­lis­ti­schen Ver­wertung nicht ange­tastet werden. Doch die Linken, die sich in Berlin trafen, suchten nach Wegen raus aus den oft sub­kul­tu­rellen Nischen. Ein Anspruch, der schon im Aufruf deutlich wurde. Dort heißt es: »Gemeinsam wollen wir uns Fragen stellen, auf die die außer­par­la­men­ta­rische Linke Ant­worten finden muss, will sie ein wirk­licher gesell­schaft­licher Faktor werden: Wie stellen wir uns Ver­drängung und Gen­tri­fi­zierung ent­gegen? Wie schaffen wir es, in den All­tags­kämpfen unserer Nach­bar­schaften ver­ankert zu sein? Welche Formen kann die Selbst­or­ga­ni­sierung
von Frauen annehmen? Wie können im Betrieb und im Arbeits­alltag Pre­ka­ri­sierter Kämpfe gelingen? Wie wehren sich Erwerbslose gegen die Zurich­tungen durch das Job­center? Wie sieht eine Fabrik unter Arbeiter_​innenkontrolle aus? Und welche Formen von Räte­de­mo­kratie wollen wir rea­li­sieren?« Der Unter­schied zum großen Auto­no­mie­kon­gress 1995 in Berlin ist augen­fällig. Damals drehten sich die Debatten um die Frage, was das autonome »Wir« eigentlich ist. 22 Jahre später ging es darum, wie radikale Linke in gesell­schaft­liche Kämpfe ein­greifen können. Dass es bei der dies­jäh­rigen Kon­ferenz um die Politik im Stadtteil, im Job­center und auch am Arbeits­platz ging, liegt auch an den poli­ti­schen, öko­no­mi­schen und kul­tu­rellen Ver­än­de­rungen der letzten Jahre. Auf gesamt­ge­sell­schaft­licher Ebene hat das Erstarken von regres­siven poli­ti­schen Bewe­gungen dazu bei­getragen, dass die außer­par­la­men­ta­rische Linke wieder Politik in und mit der Gesell­schaft machen will. Die Politik der Agenda 2010 ebenso wie die Ein­führung von Bachelor und Master an den Hoch­schulen sind Angriffe auf die Nischen, in die sich viele radikale Linke zurück­ge­zogen hatten. Da mit hat auch die schon immer kri­ti­sierte
autonome Sze­ne­po­litik ihre Grundlage ver­loren. Die meisten radi­kalen Linken stecken in pre­kären Arbeits­be­din­gungen, und gerade die ange­sagten Sze­ne­be­zirke sind einer ver­stärkten Gen­tri­fi­zierung aus­ge­setzt. Konnten die linken Genoss_​innen vor 22 Jahren noch darüber dis­ku­tieren, ob es sinnvoll ist, wenn linke Kneipen ver­län­gerte Wohn­zimmer sind, so wird dieser Streit obsolet, wenn die Investor_​innen dort Eigen­tums­woh­nungen bauen wollen. Bewe­gungen wie jene um die Kam­pagne Zwangs­räumung ver­hindern machten auf der Kon­ferenz deutlich, wie eine gesell­schaft­liche Inter­vention der radi­kalen Linken in die Gesell­schaft aus­sehen kann. Men­schen, die vorher nicht poli­tisch aktiv waren, wurden ermutigt, sich gegen den Verlust ihrer Wohnung zu wehren. Im Ver­hältnis zu den täg­lichen Zwangs­räu­mungen sind sie wei­terhin eine Min­derheit. Aber dadurch ist eine Dis­kussion ent­facht worden, die die Ver­ant­wort­lichen für die Zwangs­räu­mungen kri­ti­siert. Besonders erfreulich war die starke Präsenz von Themen des Wider­stands in der Arbeitswelt auf der Kon­ferenz. In einer Zeit, in der DGB-Beleg­schaften wie die IG-Metall ein­deutig die Inter­essen der schrump­fenden Kernarbeiter_​innen in den Mit­tel­punkt stellen und die Leiharbeiter_​innen igno­rieren, bedarf es basis­de­mo­kra­ti­scher Ansätze, die die Inter­essen aller Arbeiter_​innen in den Blick nehmen. Auf dem Kon­gress war der Grupo de Accion Sin­dical (GAS) ver­treten, in der sich Arbeitsmigrant_​innen aus der süd­eu­ro­päi­schen Peri­pherie, vor allem aus Spanien und Por­tugal, in Berlin zusammen geschlossen haben. Die FAU-Betriebs­gruppe der Lebens­hilfe Frankfurt/​Main berichtete über einen Arbeits­kon­flikt, bei dem schließlich die Dienst­leis­tungs­gewerk-schaft ver.di einen Tarif­vertrag geschlossen und die Basisgewerkschafter_​innen an den Rand gedrängt hat. Auf großes Interesse stießen die Herausgeber_​innen von Rebel Roo, einer Zeit­schrift von Deli­veroo-Fah­rer_innen im eng­li­schen Bristol. Ange­stoßen von der FAU hat mitt­ler­weile auch in Deutschland eine Orga­ni­sierung von Fahrradkurier_​innen begonnen.
Die Redner_​innen warnten aller­dings vor über­trie­benem Opti­mismus. Die Fle­xi­bi­li­sierung der Arbeits- und Lebens­ver­hält­nisse bringe einen häu­figen Arbeits­platz- und Job­wechsel mit sich. Dies erschwere eine län­ger­fristige Orga­ni­sierung. Viele machen die Erfahrung, dass sie überall mit den gleichen schlechten Arbeits­be­din­gungen kon­fron­tiert sind. Ein Kollege sprach von einem Lern­prozess, der viel­leicht dazu führen kann, dass sich die Leute irgendwann dau­er­hafter orga­ni­sieren. Hier müsste sich die Frage anschließen, ob nicht in
der US-Linken dis­ku­tierte Kon­zepte, wie die Working-Center oder die Sozialen Netz­werke, einen wich­tigen Beitrag bei Orga­ni­sie­rungs­pro­zessen im fle­xiblen Kapi­ta­lismus leisten können. Dort wird ver­sucht, Kämpfe im Stadtteil, im Job­center und am Arbeits­platz zu ver­binden. Das könnte viel­leicht Thema eines Nach­fol­ge­kon­gresses sein, der sich spziell mit linker Inter­vention in Betriebs- und sozialen Kämpfen befasst. Ein zweiter Strang auf der Kon­ferenz war ein neuer Inter­na­tio­na­lismus. Der Zapa­tismus gehört schon lange zu den Ste­cken­pferden der Auto­nomen. Zur aktu­ellen Ent­wicklung in Chiapas wurde ein Film gezeigt, der das Leben in den zapa­tis­ti­schen Gebieten zeigen sollte, aber erstaunlich wider­spruchsfrei blieb. Es waren vor allem glück­liche Men­schen bei der Ern­te­arbeit, in der Schule oder in den Gesund­heits­zentren zu sehen. Ein wei­terer Schwer­punkt des neuen Inter­na­tio­na­lismus war das kur­dische Rojava. Gleich auf meh­reren Dis­kus­sionen berichte Ercan Ayboğa detail­liert auch über die Pro­bleme in den kur­di­schen Gebieten, in denen Räe­struk­turen eine wichtige Rolle spielen und sich die PYD als linke Partei, die diese Ent­wicklung erst ermög­licht hat, bewusst im Hin­ter­grund hält. Leider blieb die Situation in Vene­zuela auf der Kon­ferenz völlig aus­ge­spart – ein Land, auf dessen Räte­struk­turen und Stadt­teil­ko­mitees Dario Azzelini in seinen Büchern und Filmen hin­ge­wiesen hat. Das wäre doch eine gute Gele­genheit gewesen, auch Kon­tro­versen offen aus­zu­tragen.

Peter Nowak
http://​www​.akweb​.de/


ak | Nr. 627 | 16. Mai 2017

Form oder Förmchen?

Ein neuer Sam­melband lotet Erfah­rungen, Mög­lich­keiten und Grenzen von Arbei­ter­selbst­ver­waltung aus -…

…Fabrik­be­set­zungen und Arbei­ter­kon­trolle, in vielen Ländern der Welt spielen diese Kampf­formen auch heute eine wichtige Rolle. Erinnert sei an die Kachel­fabrik Zanon und das Tex­tilwerk Bruckmann in Argen­tinien. Aber auch in Vene­zuela fand die Bewegung der besetzten Fabriken bei einem Teil der Inter­na­tio­na­lis­musbe-wegung eine starke Beachtung, vor allem bei jenen, die ihren Fokus weniger auf Chavez und die Regierung als auf die Selbst­or­ga­ni­sation der Bevöl­kerung rich­teten. Der Soziologe und Poli­tik­wis­sen­schaftler Dario Azzellini war einer der wenigen deutsch­spra­chigen Autoren, die mit Büchern und dem Film „5 Fabriken“ Feld­for­schung auf dem Gebiet der betrieb­lichen Selbst­or­ga­ni­sation in Vene­zuela betrieben.

„Form oder Förmchen?“ wei­ter­lesen