Mit ‘Cybersyn’ getaggte Artikel

Ein Blick auf mögliche Zukünfte

Donnerstag, 23. März 2017

Ein Sammelband diskutiert Kybernetik und emanzipatorische Perspektiven

Roboter vernichten Arbeitsplätze, Smartphones sorgen dafür, dass die Menschen sich nicht mehr zum Plausch treffen und Drohnen sind eine neue, besonders heimtückische Form der Kriegsführung. Tatsächlich hat der technische Fortschritt auch unter außerparlamentarischen Linken keine guten Ruf mehr.

Die drei Sozialwissenschaftler Anne Koppenburger, Paul Buckerkmann und Simon Schaupp wählen einen anderen Ansatz, der schon im Titel deutlich wird. Sie verbinden Kybernetik mit emanzipatorischen Perspektiven. Dabei kritisiert das Herausgebertrio zwei Positionen, die in der Linken zur Technikfrage zu finden sind: »Die einen treibt es zurück in den Garten, in ihren Augen hält ein technologischer Wandel grundsätzlich nur Schlechtes bereit und kann nicht mehr aufgehalten oder nachjustiert werden. Für die anderen erstrahlt ein vollautomatischer Luxus-Kommunismus am Horizont des Silicon-Valley, eine Welt ohne schlechte Arbeit durch Kybernetik, Roboter und künstliche Intelligenz scheint möglich.«

In den elf Aufsätzen setzen sich verschiedene Autorinnen und Autoren mit den Verheißungen und Versprechungen, die mit bestimmten Technologien verbunden sind, kritisch auseinander. So dekonstruiert Matteo Pasquinelli den Mythos von den denkenden Maschinen und der künstlerischen Intelligenz als eine neue Form von Klassenkampf. Simon Schaupp zeigt anhand historischer Beispiele auf, dass es falsch wäre, Kybernetik nur mit dem Kapitalismus in Verbindung zu bringen. So hat der Begründer der modernen Kybernetik, Norbert Wiener, US-amerikanischen Industriegewerkschaften Beratung in Automatisierungsfragen angeboten. Dass es dazu nicht kam, lag daran, dass die Gewerkschaftsführung in den 1960er Jahren die Notwendigkeit dafür nicht erkannte. Weiter vorangeschritten waren die Planungen für das Projekt Cybersyn im sozialistischen Chile während der kurzen Zeit der Unidad-Popular-Regierung unter Salvador Allende. »Gerade der Blick in die Vergangenheit – also die historische Rekonstruktion kybernetischer Utopien – kann den Blick für mögliche Zukünfte schärfen«, betont Schaupp.

Mit Nick Srnicek kommt ein Vertreter des Akzelerationismus zu Wort, die sich besonders technikfreundlich gebären. Auch er bezieht sich positiv auf das Projekt Cybersyn in Chile. Philipp Frei wiederum erklärt, wie im Kapitalismus der Traum von einer Automatisierung der Arbeitswelt, die die Menschen von schmutzigen, gesundheitsschädlichen Tätigkeiten entlasten könnte, zum Alptraum wird. Zu seinen radikalpolitischen Vorschlägen zählt eine radikale Arbeitszeitverkürzung und ein bedingungsloses Grundeinkommen. Auch feministische Debatten werden im Band reflektiert. Es bleibt zu hoffen, dass dieses Buch eine lebhafte Diskussion unter Linken auslöst.

Paul Buckermann/Anne Koppenburger/Simon Schaupp (Hg.): Kybernetik, Kapitalismus, Revolutionen, emanzipatorische Perspektiven im technologischen Wandel
Unrast. 300 S., br., 20 €.

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1045579.ein-blick-auf-moegliche-zukuenfte.html

Peter Nowak

Erinnerung an ein Stück Computersozialismus

Dienstag, 03. Mai 2016

In Chile wurde unter dem sozialistischen Präsidenten Salvador Allende versucht, eine computergesteuerte Planwirtschaft umzusetzen. Im Roman «Gegen die Zeit» von Sascha Reh stehen die MitarbeiterInnen dieses Projekts im Mittelpunkt.
Langsam verblasst die Erinnerung an die knapp dreijährige Regierungszeit der Unidad Popular unter Präsident Salvador Allende in Chile. Im Herbst 1970 wurde der linke Präsident ins Amt gewählt und im Anschluss immer heftiger von der chilenischen Konterrevolution
und ihren Verbündeten in den USA, aber auch in lateinamerikanischen Nachbarstaaten attackiert. Am 11. September 1973 bereitete das Militär dem Versuch ein Ende, in Lateinamerika den Sozialismus aufzubauen. In den 70er-Jahren war die Solidarität mit den in unterschiedliche Fraktionen gespaltenen Linken in Chile noch eine Angelegenheit von Millionen Menschen auf allen Kontinenten. Ende der 70er-Jahre entstand dann mit dem Sieg der Sandinistas in Nicaragua eine neue Solidaritätsbewegung, die auch schon lange Geschichte hat. Bereits Mitte der 80er-Jahre fand der linke badische Liedermacher Walter Mossmann für die chilenische Exilgemeinde und ihre UnterstützerInnen in seinen Stück «Unruhiges Requiem» die traurig realistischen Worte: «Schlecht eingerichtet im Pariser Exil stellt die Stimme Lateinamerikas beharrlich die alten Fragen, die bei uns aus der Mode gekommen sind.
Ich frage die Anwesenden:/ Ist euch der Gedanke so fremd,/ dass diese Welt uns allen gehört,/ und nicht nur denen, die das Geld haben? (…) Ich frage die Anwesenden:/Ist euch der Gedanke so fremd,/ dass uns das gehört,/ was unsere Hände schaffen?»


Kein Willi Brand
Und dann bringt der 1974 geborene Philosoph und Germanist Sascha Reh im Jahr 2015 im Verlag Schöffling & Co den Roman «Gegen die Zeit» heraus, der mitten hinein geht in das Chile der Unidad Popular. Auf dem Cover sieht man die Moneda, den chilenischen Regierungssitz, wie er in den Morgenstunden des 9. Septembers 1973 vom Militär angegriffen wird. Man sieht die Bombeneinschläge,
Rauch steigt auf und seitlich zielen SoldatInnen auf die Fenster des Gebäudes, in dem sich Präsident Allende und seine engsten MitarbeiterInnen gegen die militärische Übermacht verteidigen. Als die Militärs schliesslich in das Gebäude eindringen, verübt der
schon schwer verletzte Allende Selbstmord. So will er vermeiden, dass er wie sein Freund und Genosse Che Guevara knapp sechs Jahre zuvor erschossen wird. Tatsächlich verband beide spätestens seit der kubanischen Revolution eine enge Freundschaft. Allende war Anfang der 60er-Jahre noch Vorsitzender einer kleinen sozialistischen Partei, als er die Solidarität mit der kubanischen Revolution organisierte. Als Che Guevara dann Kuba verliess und erst in Afrika und dann in Bolivien an vorderster Front für die Revolution kämpfte, blieben ihm Allendeund seine Partei solidarisch verbunden. Daher ist es auch infam, wenn Allende heute von Wohlmeinenden als eine Art chilenischer Willi Brand dargestellt wird. Allende stand für eine sozialistische Umgestaltung und genau deswegen wurde er schliesslich
gestürzt.

Gegen die Marktwirtschaft
Genau am Tag des Putsches beginnt Sascha Rehs Roman: «Während draussen geschossen wurde, bleib ich in meinen Zimmer, hungrig, in dumpfer Sorge vor einer Infektion, in Gedanken bei Ana. Ich tat nichts, als darauf zu warten, dass sie mich holen.» Es war die Perspektive von vielen chilenischen Linken, denen nach dem Putsch nicht nur ihre ganze bisherige Lebensperspektive abhanden gekommen war. Ihr Leben selber war in Gefahr. Doch die Menschen, um die es im Roman geht, sind noch besonders gefährdet. Es handelt sich um die
MitarbeiterInnen eines wenig bekannten Projekts des Computersozialismus im Chile der frühen 70er-Jahre. Das Projekt Synco oder Cybersyn sah vor, die chilenische Volkswirtschaft durch computergestützte Systeme zu steuern und damit die Marktwirtschaft und den Einfluss der grossen Konzerne zu verringern. Geleitet wurde das Projekt von den britischen Kybernetiker Stafford Beer. Daran war
auch der westdeutsche Hans Everding beteiligt, der im Aufbruch um 1968 politisiert wurde und sich der Fraktionierung der westdeutschen Linken in den 1970er-Jahren entzog, in dem er in Chile mit den Modell einer computergesteuerten Planwirtschaft
experimentierte. Das Projekt war noch im Versuchsstadion als der Putsch die Arbeit beendete. Die MitarbeiterInnen zerstreuten sich in alle Winde. Misstrauen kam auf. Wer war GenossIn und wer biederte sich den neuen MachthaberInnen an? Eine Frage, die die ProtagonistInnen im Roman immer wieder stellen. Nach dem Putsch versucht Hans Everding, die Hauptfigur des Romans, die Datenträger in Form von Magnetbändern vor dem Zugriff der Militärs zu retten. Er ist überzeugt, dass dort Daten zu finden sind, die jetzt viele Menschen existenziell gefährden könnten. Wenn auch das Computerprojekt unter Allende kein Thema öffentlichen Interesses war
und von denen, die davon wussten, als intellektuelle Spielerei abgetan wurde, war es der Konterrevolution doch bekannt geworden. Ganz im Gegensatz zur Intention der ForscherInnen kamen die Computer während des Streiks der LKW-FahrerInnen 1972 das erste Mal erfolgreich zum Einsatz. Zweihundert Computer wurden miteinander vernetzt. Im Roman wird in Rückblicken noch einmal die Aufregung der ForscherInnen lebendig, die selber nicht wussten, ob ihre aufwendigen Geräte den Praxistest bestehen würden. Tatsächlich trug das Projekt Cybersyn mit dazu bei, dass die Unidad Popular 1972 den von der gesamten chilenischen Reaktion unterstützen und von der CIA finanzierten UnternehmerInnenstreik überstand. Den Hass der KonterrevolutionärInnen hatte sich das Projekt damit endgültig zugezogen. Daher war die Angst der MitarbeiterInnen berechtigt, dass das Militär damit ein Instrument der Kontrolle und Überwachung in die Hand bekommen könnte. Genau deshalb sollten die Datenträger verschwinden.


Chile – Pionier des Computersozialismus

Der Computer als Mittel zur Arbeitserleichterung oder zur Kontrolle der ArbeiterInnen? Diese Frage diskutierten die ProjektmitarbeiterInnen bereits damals sehr intensiv. «‹Aber es geht uns nicht um Überwachung›, sagte ich. Unsere Absicht ist nicht, die Arbeiter zu disziplinieren, sondern vorauszusehen, was auf sie zukommt», betonte die Hauptfigur Hans Everding gegenüber einem skeptischen Mitarbeiter. Auf welch verschlungenem Weg die Datenträger vor dem Zugriff der Militärs bewahrt werden und welch überraschende Wendungen es dabei gibt, bildet den perfekten kriminologischen Teil des Buches. Es ist zu begrüssen, dass Sascha Reh mit seinem Buch ein wenig bekanntes Kapitel der chilenischen Revolution zugänglich gemacht hat. Chile, das nach dem Putsch ein Laboratorium des Neoliberalismus wurde, war in den Zeiten der Unidad Popular ein Pionier für den Computersozialismus.


Reh Sascha: Gegen die Zeit.
Verlag Schöffling & Co,  2015,
553 Seiten, 25 Euro

http://www.vorwaerts.ch/

http://www.schattenblick.de/infopool/medien/altern/vorw1193.html

aus: vorwärts – 6. Mai 2016

Peter Nowak