Köthen oder die neue Bescheidenheit der Antifaschisten

Die Rechte mobi­li­siert zu rechten Demos in Köthen – doch all­seits gibt es Ent­war­nungen, weil keine Hit­ler­grüße zu sehen sind

In den letzten Tagen gab es in Köthen ver­schiedene rechte und neo­na­zis­tische Demons­tra­tionen, nachdem infolge einer Aus­ein­an­der­setzung mit zwei afgha­ni­schen Männern ein 22-jäh­riger Deut­scher an einem Herz­in­farkt gestorben ist [1]. Doch beschäftigt in den letzten Tagen Politik und Medien fast nur eine Frage: Wird Köthen ein neues Chemnitz?

Der CDU-Minis­ter­prä­sident von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff, ver­neint, [2]und Franz Josef Wagner schreibt in der Bild-Zeitung in seiner Brief-Kolumne an Köthen gar von einer »Stadt der Hoffnung« [3], weil sich die Ein­wohner angeblich nicht von Rechten instru­men­ta­li­sieren ließen. Da merkt man, wie inhaltlos dieser Kampf gegen rechts geworden ist.

So wird schon als Erfolg gefeiert, wenn zwei Tage hin­ter­ein­ander rechte Demons­tra­tionen durch Köthen zogen, aber kein Hit­lergruß zu sehen war. Dafür war aber viel­leicht eher das große Poli­zei­auf­gebot in der Stadt ver­ant­wortlich, das samt Was­ser­werfer in der Stadt posi­tio­niert ist. Viel­leicht hat in Köthen auch die rechte Taktik besser als in Chemnitz funk­tio­niert.

Dort wurde schließlich auch von Neo­nazis die Parole aus­ge­geben: Heute sind wir Volk und nicht Gesinnung und lassen den rechten Arm unten. Das klappte damals nicht überall. So kann gesagt werden, dass Köthen für die Rechte durchaus ein Mobi­li­sie­rungs­erfolg war, was auch David Begrich vom zivil­ge­sell­schaft­lichen Verein Mit­ein­ander [4] im Interview mit dem Deutsch­landfunk [5] bestä­tigte.

Er sei über­rascht und erschrocken gewesen, wie schnell es der Neo­na­zi­szene gelungen sei, 2.500 Men­schen auf den Straßen in Köthen zu mobi­li­sieren. Dort wurden offen neo­na­zis­tische Reden gehalten. Der AfD gelang es wie­derum, auf einer eigenen Demons­tration auch Teile der Köthener Bevöl­kerung zu erreichen. Eigentlich wäre eine solche rechte Mobi­li­sierung für die Antifa-Szene ein Grund für höchste Auf­regung und die Orga­ni­sierung von Gegen­ak­tionen.

Doch nach Chemnitz wird es schon als großer Erfolg gefeiert, wenn die rechten Demos ohne NS-Symbole über die Bühne gehen und keine Videos zu sehen sind, auf denen Men­schen von Rechten tat­sächlich oder ver­meintlich gejagt werden.

Herz­ver­sagen kann sehr wohl mit den Aus­ein­an­der­set­zungen zu tun haben

Anlass der rechten Auf­märsche war der Tod eines 22-Jäh­rigen während einer Aus­ein­an­der­setzung mit zwei afgha­ni­schen Migranten. In der Pres­se­meldung der Polizei [6] heißt es:

Nach dem vor­läu­figen, mündlich über­mit­telten Obduk­ti­ons­er­gebnis ist der 22-jährige Köthener einem akuten Herz­ver­sagen erlegen, das nicht im direkten kau­salen Zusam­menhang mit den erlit­tenen Ver­let­zungen steht. Zum gegen­wär­tigen Zeit­punkt werden die Ermitt­lungen nunmehr wegen des Ver­dachts der gefähr­lichen Kör­per­ver­letzung gegen den 18-jäh­rigen Tat­ver­däch­tigen geführt. Gegen den 20-jäh­rigen Tat­ver­däch­tigen wird wegen des Anfangs­ver­dachts der Kör­per­ver­letzung mit Todes­folge ermittelt. Ent­spre­chende Haft­an­träge werden durch die Staats­an­walt­schaft Dessau-Roßlau am zustän­digen Amts­ge­richt in Dessau-Roßlau gestellt.

Poli­zei­di­rektion Sachsen-Anhalt Ost

Hier wird zum Aus­druck gebracht, dass der Mann zwar nicht an Ver­let­zungen bei der Aus­ein­an­der­setzung starb, aber nicht, wie es in einigen Pres­se­mel­dungen wie­der­ge­geben wurde, dass die Aus­ein­an­der­set­zungen nichts mit dem Tod zu tun haben. Daher sind ja auch beiden Migranten in Unter­su­chungshaft genommen worden.

Der Köthener Fall erinnert an den Tod von Dominik Brunner 2009, der sich ein­mischte, als zwei migran­tische Jugend­liche Schüler in einer S-Bahn beläs­tigten, sich dann mit den Tätern eine kör­per­liche Aus­ein­an­der­setzung lie­ferte und schließlich an einem Herz­still­stand starb [7]. Obwohl auch er nicht an den durch die Schläge her­vor­ge­ru­fenen Ver­let­zungen, sondern an einem Herz­still­stand starb, wurden die Schläger wegen Mordes ver­ur­teilt.

Einer ist mitt­ler­weile ent­lassen, der andere muss seine Haft­strafe bis nächstes Jahr ver­büßen [8]. Der Tod des erfolg­reichen baye­ri­schen Unter­nehmers Brunner sorgte bun­desweit bei bür­ger­lichen Medien und Poli­tikern für Auf­sehen [9]. Mitt­ler­weile erinnert eine Stiftung [10] an das Enga­gement des Mannes.

Die wei­teren Ermitt­lungen in Köthen müssen nun zeigen, wie die Aus­ein­an­der­setzung abge­laufen ist. Nur sollte der Rekurs auf den Fall Brunner noch mal deutlich machen, dass allein dadurch, dass der Tod nicht durch die Schläge, sondern durch einen Herz­in­farkt erfolgte, die beiden Männer noch nicht ent­lastet sind.

Auch über die Rolle von Migranten reden

Das welt­offen-liberale Lager kon­zen­trierte sich beim Fall Köthen vor allem auf die Frage nach einem »zweiten Chemnitz« und man schien dann erleichtert, dass das Opfer einem Herztod und nicht einem Mes­ser­stich zum Opfer gefallen ist. Doch man sollte auch über die beiden Männer aus Afgha­nistan reden, die sicher nicht frei­willig nach Köthen gekommen sind, sondern dort leben mussten, weil sie im Aus­län­deramt dazu ver­pflichtet wurden.

Arbeiten durften sie nicht und so blieben sie unter sich. Hier ent­wi­ckelten sich Kon­flikte, wie wir sie auch in vielen anderen Städten beob­achten. Es bilden sich Män­ner­gruppen, die in bestimmten Kon­stel­la­tionen für sich und andere gefährlich werden können. So geschehen in Frankfurt/​Oder, als eine Gruppe syri­scher Migranten einen Club überfiel [11], in dem sie lange Zeit ohne Dis­kri­mi­nie­rungen ver­kehrten.

Der Ober­bür­ger­meister der Linken, Rene Wilke, erwägt Maß­nahmen zur Abschiebung dieser Gruppe [12]. Nur so könne er die Inte­gra­ti­ons­maß­nahmen für die Mehrheit der Migranten in der Stadt gegenüber der Bevöl­kerung ver­tei­digen, erklärt Wilke. Man muss ihm zugu­te­halten, dass er in der Dis­kussion die für den Überfall und andere Straf­taten Ver­ant­wort­lichen klar benennt und betont, dass sie nicht für »die Flücht­linge« oder eine bestimmte Natio­na­lität stünden.

Trotzdem muss man fragen, warum statt Strafen wie bei deut­schen Staats­bürgern das Mittel der Abschiebung gewählt werden soll. Das sollte wirklich nur in abso­luten Not­fällen wie bei dem Isla­misten Sami A . zur Anwendung kommen, wo sich die Richter mit ihrer Rück­kehr­for­derung bisher zum Glück nicht durch­setzen konnten [13].

Eine Leip­ziger Erklärung konnte Vorbild sein

Es wäre auch für eine Linke wichtig, sich in die Debatte über den Umgang mit diesen toxi­schen Män­ner­gruppen ein­zu­lassen und sie nicht den Rechten zu über­lassen oder nur dann aktiv zu werden, wenn, wie beim links­al­ter­na­tiven Club Conne Island in Leipzig [14], die eigene Ein­richtung betroffen ist.

Die Leip­ziger schrieben vor zwei Jahren in einer viel dis­ku­tierten [15] Erklärung [16]:

Gruppen umher­zie­hender Männer gehören wohl zu den meist­ge­hassten und – unter Umständen -gefürch­teten Men­schen­gruppen vieler Frauen, Lesben, Schwulen und Trans­gender auf der ganzen Welt. Egal ob die Betref­fenden Syrer, Con­ne­witzer, Ghanaer, Eilen­burger, Leutz­scher oder Russen sind, haben sie leider in erschre­ckend vielen Fällen eines gemein: Es kommt zu sexis­ti­schen Kom­men­taren – egal ob abfällig oder ver­meintlich bewun­dernd – und nicht selten auch zu Hand­greif­lich­keiten gegenüber Frauen, die ihren Weg kreuzen. Gesellen sich zu Selbst­über­schätzung und man­gel­haftem Sozi­al­ver­halten dann noch Alkohol und/​oder andere Drogen, laute Musik und die unüber­sicht­liche Situation im Club, wird für Frauen der aus­ge­lassene Tanz­abend schnell zum Spieß­ru­tenlauf.

Aus: Ein Schritt vor, zwei Schritte zurück, Conne Island

Natürlich gab es neben sicher berech­tigter Kritik an mancher For­mu­lierung der Erklärung und der Frage, warum die Migranten nicht früh­zeitig mit in die Arbeit des Clubs ein­ge­bunden wurden, auch aber­witzige Ras­sis­mus­vor­würfe gegen die Ver­fasser. Doch heute, wo die in dem Papier beschrie­benen toxi­schen Män­ner­gruppen in vielen Städten der Republik auf­treten, könnte das Papier aus Leipzig die Dis­kus­si­ons­grundlage für einen linken Umgang damit sein.

Fakt ist und bleibt, dass sexis­tische Über­griffe, macker­haftes Auf­treten, anti­se­mi­ti­sches, ras­sis­ti­sches und ander­weitig dis­kri­mi­nie­rendes Ver­halten im Conne Island nicht geduldet werden und jede Person, die sich nicht an unsere Regeln hält, des Eis­kellers ver­wiesen wird – unge­achtet seiner/​ihrer Her­kunft.

Aus: Ein Schritt vor, zwei Schritte zurück, Conne Island

In einer linken Grund­satz­er­klärung könnte man das etwas all­ge­meiner for­mu­lieren: »Sexis­tische Über­griffe, macker­haftes Auf­treten, anti­se­mi­ti­sches, ras­sis­ti­sches und ander­weitig dis­kri­mi­nie­rendes Ver­halten werden bei keiner Person geduldet, unge­achtet seiner/​ihrer Her­kunft.«

Diese Erklärung sollte in ver­schiedene Sprachen über­setzt und ver­teilt werden, in typisch deut­schen Eck­kneipen ebenso wie vor Spät­ver­käufen oder den Treff­punkten migran­ti­scher Männer. Das wäre ein Anfang, um Dis­kus­sionen über toxi­sches Ver­halten von Män­ner­gruppen ver­schie­dener Her­kunft anders als die Rechten zu behandeln, aber auch nicht so zu tun, als gebe es das Problem nicht.

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Peter Nowak

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[1] https://​www​.heise​.de/​t​p​/​f​e​a​t​u​r​e​s​/​W​i​e​d​e​r​-​e​i​n​-​j​u​n​g​e​r​-​d​e​u​t​s​c​h​e​r​-​M​a​n​n​-​i​m​-​S​t​r​e​i​t​-​m​i​t​-​M​i​g​r​a​n​t​e​n​-​g​e​s​t​o​r​b​e​n​-​4​1​5​8​4​6​5​.html
[2] https://​www​.welt​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​d​e​u​t​s​c​h​l​a​n​d​/​a​r​t​i​c​l​e​1​8​1​4​7​9​2​2​0​/​K​o​e​t​h​e​n​-​M​i​n​i​s​t​e​r​-​w​o​l​l​e​n​-​n​e​u​e​-​E​r​k​e​n​n​t​n​i​s​s​e​-​n​a​c​h​-​T​o​d​-​v​o​n​-​2​2​-​J​a​e​h​r​i​g​e​m​-​b​e​k​a​n​n​t​-​g​e​b​e​n​.html
[3] https://​www​.bild​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​k​o​l​u​m​n​e​n​/​k​o​l​u​m​n​e​/​p​o​s​t​-​v​o​n​-​w​a​g​n​e​r​-​l​i​e​b​e​s​-​k​o​e​t​h​e​n​-​s​t​a​d​t​-​d​e​r​-​h​o​f​f​n​u​n​g​-​5​7​1​7​8​1​8​2​.​b​i​l​d​.html
[4] http://​www​.rechte​-gewalt​-sachsen​-anhalt​.de/​p​a​t​_​i​n​/​m​a​g​d​e​b​u​r​g​-​d​a​v​i​d​-​b​e​g​r​i​c​h​-​a​r​b​e​i​t​s​s​t​e​l​l​e​-​r​e​c​h​t​s​e​x​t​r​e​m​i​s​m​u​s​-​b​e​i​-​m​i​t​e​i​n​a​n​d​e​r​-e-v/
[5] https://www.ardmediathek.de/radio/Fazit-Kultur-vom-Tage/Ereignisse-in-K%C3%B6then-2-Fragen-an-David/Deutschlandfunk-Kultur/Audio-Podcast?bcastId=42945138&documentId=55887224
[6] http://​www​.presse​.sachsen​-anhalt​.de/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​?​c​m​d​=​g​e​t​&​i​d​=​8​9​7​2​7​6​&​i​d​e​n​t​i​f​i​e​r​=​d​1​5​9​a​a​a​5​2​0​a​2​7​e​5​c​8​e​0​1​9​4​e​0​f​2​0​cee26
[7] https://​www​.shz​.de/​d​e​u​t​s​c​h​l​a​n​d​-​w​e​l​t​/​p​a​n​o​r​a​m​a​/​w​e​n​d​e​-​i​m​-​f​a​l​l​-​b​r​u​n​n​e​r​-​s​t​a​r​b​-​e​r​-​a​m​-​h​e​r​z​i​n​f​a​r​k​t​-​i​d​2​3​6​0​5​7​6​.html
[8] https://​www​.tz​.de/​m​u​e​n​c​h​e​n​/​s​t​a​d​t​/​t​h​a​l​k​i​r​c​h​e​n​-​o​b​e​r​s​e​n​d​l​i​n​g​-​f​o​r​s​t​e​n​r​i​e​d​-​f​u​e​r​s​t​e​n​r​i​e​d​-​s​o​l​l​n​-​o​r​t​4​3​3​5​1​/​m​u​e​n​c​h​e​n​-​v​o​r​z​e​i​t​i​g​e​-​e​n​t​l​a​s​s​u​n​g​-​v​o​n​-​m​a​r​k​u​s​-​s​-​a​b​g​e​l​e​h​n​t​-​k​e​i​n​e​-​g​n​a​d​e​-​f​u​e​r​-​m​o​e​r​d​e​r​-​v​o​n​-​d​o​m​i​n​i​k​-​b​r​u​n​n​e​r​-​1​0​0​5​8​3​8​6​.html
[9] https://​www​.heise​.de/​t​p​/​f​e​a​t​u​r​e​s​/​M​u​e​n​c​h​n​e​r​-​U​r​t​e​i​l​e​-​g​e​g​e​n​-​Z​i​v​i​l​c​o​u​r​a​g​e​3​3​8​2​6​8​8​.html
[10] https://​www​.dominik​-brunner​-stiftung​.de/
[11] https://​www​.rbb24​.de/​s​t​u​d​i​o​f​r​a​n​k​f​u​r​t​/​p​o​l​i​t​i​k​/​2​0​1​8​/​0​9​/​a​n​g​r​i​f​f​-​f​r​a​n​k​f​u​r​t​-​o​d​e​r​-​h​i​l​f​e​-​a​u​s​w​e​i​s​e​n​-​f​l​u​e​c​h​t​l​i​n​g​e​-​s​t​e​l​l​u​n​g​n​a​h​m​e​-​w​o​i​d​k​e​.html
[12] https://​www​.moz​.de/​l​a​n​d​k​r​e​i​s​e​/​o​d​e​r​-​s​p​r​e​e​/​f​r​a​n​k​f​u​r​t​-​o​d​e​r​/​a​r​t​i​k​e​l​9​/​d​g​/​0​/​1​/​1​6​7​8853/
[13] https://​www​.heise​.de/​t​p​/​f​e​a​t​u​r​e​s​/​D​e​r​-​F​a​l​l​-​S​a​m​i​-​A​-​u​n​d​-​d​e​r​-​S​t​r​e​i​t​-​z​w​i​s​c​h​e​n​-​J​u​s​t​i​z​-​u​n​d​-​P​o​l​i​t​i​k​-​4​1​4​1​0​5​5​.html
[14] http://​www​.lvz​.de/​L​e​i​p​z​i​g​/​L​o​k​a​l​e​s​/​C​o​n​n​e​-​I​s​l​a​n​d​-​i​s​t​-​i​n​-​d​e​r​-​R​e​a​l​i​t​a​e​t​-​a​n​g​e​k​ommen
[15] https://​www​.heise​.de/​t​p​/​f​e​a​t​u​r​e​s​/​M​i​g​r​a​n​t​e​n​-​i​m​-​a​u​t​o​n​o​m​e​n​-​W​o​h​n​z​i​m​m​e​r​-​3​3​5​1​5​8​2​.html
[16] https://​www​.conne​-island​.de/​n​e​w​s​/​1​9​1​.html

Migranten im autonomen Wohnzimmer

Schwierigkeiten von Linken mit dem Sexismus von Migranten

Das linke Kul­tur­zentrum Conne Island[1] im Leip­ziger Stadtteil Con­newitz sorgte schon immer auch im eigenen linken Spektrum für Dis­kus­sionen. Den einen war es zu anti­deutsch, den andere zu israel­freundlich. Andere monierten, dass auch manche in der linken Szene ange­sagte Band im Conne Island nicht auf­treten durfte, wenn den Betreibern die Texte zu deutsch[2] waren. Man kann sagen, die Club­be­treiber hatten Ansprüche auch an die Kultur und setzten damit Zeichen gegen eine Belie­bigkeit auf diesen Gebiet.

Conne Island, Leipzig. Bild: js. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Nun sorgt dass Connie, wie es szeneintern genannt wird, erneut für Aus­ein­an­der­set­zungen. Anlass ist ein Statement[3], zum Umgang des Clubs mit jungen männ­lichen Migranten, der vom Conne-Island-Plenum beschlossen worden war. Im Nach­hinein wird dort kri­ti­siert, dass man nicht hinter die Zivil­ge­sell­schaft zurück­fallen wollte und sich der »Welle der Will­kom­mens­kultur« ange­schlossen hat.:

In dem Gefühl, das Richtige zu tun und den Legidist_​innen und ähn­lichem Volk irgendwie etwas ent­ge­gen­zu­setzen, bestand kurz­weilig eine große Sorge des Plenums darin, nicht schnell genug mög­lichst vielen Geflüch­teten das Angebot publik machen zu können. Daher blen­deten wir über­gangs­weise aus, dass ins­be­sondere der quasi kos­tenlose Ein­tritt zu allen Ver­an­stal­tungen auch diverse Fall­stricke barg.

Gemeinsam zu feiern und im Zuge dessen wie von selbst eine Inte­gration junger Geflüch­teter im Conne Island zu erreichen, stellte sich als recht naiver Plan heraus. Es reichte eben nicht aus, mehr­spra­chige Poster mit Hin­weisen zu rich­tigem Ver­halten auf Partys auf­zu­hängen. Vielmehr schien es, als müssten wir mehr Aufwand betreiben, um die Grund­sätze des Ladens zu erläutern und etwaige Mög­lich­keiten der Par­ti­zi­pation vor­zu­stellen. Da diese Ein­sicht reichlich spät kam, hatten wir seither einige Aus­ein­an­der­set­zungen und brenzlige Situa­tionen auszustehen.Conne Island

Conne Island

Wenn man aber nun erfahren will, was genau vor­ge­fallen, bleibt es wei­terhin im Vagen:

Sexis­tische Anmachen und kör­per­liche Über­griffe sind in diesem Zusam­menhang im Conne Island und in anderen Clubs ver­mehrt auf­ge­treten – auch mit der Kon­se­quenz, dass weib­liche Gäste auf Besuche ver­zichten, um Über­griffen und Aus­ein­an­der­set­zungen aus dem Weg zu gehen.

Auf­ge­fallen ist außerdem der Miss­brauch des »Refugees-Fuff­zigers« durch junge Männer mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund, die in grö­ßeren Gruppen ins­be­sondere Tanz­ver­an­stal­tungen am Wochenende besuchen und den geringen Ein­tritt gern bezahlen, um dort für Stress zu sorgen.Conne Islands

Conne Islands

Für die doch recht unspe­zi­fische Beschreibung der Vor­würfe, ent­schul­digen sich die Ver­fasser des State­ments gleich selbst:

Uns zur Pro­blemlage so explizit zu äußern, fällt uns schwer, da wir nicht in die ras­sis­tische Kerbe von AfD und CDU/CSU schlagen wollen. Die Situation ist jedoch derart ange­spannt und belastend für viele Betroffene und auch für die Betreiber_​innen des Conne Islands, dass ein ver­bales Umschiffen des Sach­ver­halts nicht mehr zweck­dienlich scheint.Conne Islands

Conne Islands

Häme und Spott von Rechts

Die gab es natürlich sofort. Die rechts­kon­ser­vative Junge Freiheit griff den Fall sofort auf und danach war er ein Renner in der rechten Szene. Dabei gab es weniger späte Zustimmung als Spott und Häme[4]. Aus­ge­rechnet das Connie wurde nun in die Schublade der naiven Gut­men­schen gesteckt, was für die beharr­lichen Kri­tiker der links­deut­schen Frie­dens­be­wegung in ihren unter­schied­lichen Aus­prä­gungen viel­leicht die größere Belei­digung ist. Doch die Ver­fasser des State­ments haben auch Steil­vor­lagen geliefert, in dem sie selber von sich ein Bild zeich­neten, dass sie sich von der Will­kom­mens­kultur mit­reißen ließen bei der Ein­führung des »Refugees-Fuff­zigers«, der dann auch noch miss­braucht werden sein soll, dadurch, weil zu viele Refugees kamen.

Ist nicht diese große Resonanz ein Beweis dafür, dass er bei den Migranten tat­sächlich ange­nommen wurde? Sie haben oft zwangs­weise viel Zeit und kein Geld, und sie haben gerne das Angebot ange­nommen. Unklar ist daher, warum die Club­be­treiber von einem Miss­brauch reden, wenn die Migranten das Angebot nutzen. Die kon­ser­vative LVZ titelt dann: »Refugee-Fuff­ziger: Bil­liger Ein­tritt lockt Kri­mi­nelle an«[5]. Die Über­schrift ist vom Bericht aus dem Club nicht gedeckt, aber die Ver­wendung des Miss­brauch-Begriffs lässt zumindest viele Spe­ku­la­tionen zu.

Man rief Refugees und es kamen Menschen, in der Mehrheit junge Männer

Eigentlich könnten also die Conne-Betreiber zufrieden sein. Sie haben eine kon­krete Unter­stützung für Migranten ange­boten und sie wird ange­nommen Dass sie dabei auf die Will­kom­mens­kultur rekur­rieren, ist unver­ständlich. Man kann doch viel nüch­terner urteilen, man gab konkret Men­schen, die wenige Mög­lich­keiten haben, ihre Freizeit sinnvoll zu ver­bringen, eine solche Gele­genheit.

Dass es sich dabei vor­rangig um junge Männer han­delte, die nicht durch die Gender-AG der Auto­nomen Antifa gegangen sind, muss von Anfang klar gewesen sein. Dass die gemäß ihrer völlig anderen Sozia­li­sation auch einen anderen Umgang mit Frauen pflegten, hätte auch keine Über­ra­schung sein dürfen. Da hätte also am Anfang die Frage stehen müssen, will man das ver­län­gerte autonome Wohn­zimmer mit seinen sehr eigenen Rege­lungen auf­geben zugunsten eines sozialen Zen­trums, in dem eben Men­schen unter­schied­licher, poli­ti­scher und sozialer Her­kunft Platz finden. Dass schafft sicher neue Pro­bleme, wäre aber auch eine Her­aus­for­derung, dass man dann doch wieder gemeinsame Rege­lungen findet. Das aber würde bedeuten, dass man auch seine eigene Rege­lungen und Kri­terien zumindest darin hin­ter­fragt, ob sie über eine eigene kleine Szene hinaus über­haupt lebbar sind, was natürlich nicht bedeutet, dass man sexis­tische oder andere anti-eman­zi­pa­to­rische Prak­tiken zulässt. Doch das bedeutet, zunächst anzu­er­kennen, dass es auch szeneintern keine ein­deutige Regelung gibt, wo Sexismus anfängt und vor allem, wie damit umge­gangen werden soll.

In den letzten 25 Jahren gab es in ver­schie­denen linken und alter­na­tiven Haus­pro­jekten in Berlin und Han­nover Aus­ein­an­der­set­zungen zwi­schen zwei Bevöl­ke­rungs- oder Nut­zer­gruppen. Die Aus­ein­an­der­set­zungen wurden oft sehr ober­flächlich als Aus­ein­an­der­set­zungen zwi­schen Punks und mit­tel­stän­disch sozia­li­sierten Auto­nomen dar­ge­stellt Oft ging es dabei auch um unter­schied­liche Vor­stel­lungen von Sexismus Dabei standen auf beiden Seiten auch Frauen. In der als Punks beschrieben Gruppe gab es vor allem bei den Frauen aber auch bei einigen Männern durchaus Kritik am Sexismus in den eigenen Reihen. Doch der Umgang damit unter­schied sich vom Her­an­gehen der mit­tel­stän­disch sozia­li­sierten Auto­nomen. So sagte eine Punk-Frau, dass sie, wenn sie mit sexis­ti­schen Begriffen belegt wird, genau diese Begriffe gegen den Mann anwendet und danach sei für sie die Sache erledigt.

Wenn also schon in der sub­kul­turell geprägten Szene kein gemein­samer Sexis­mus­be­griff exis­tiert, so gilt das erst recht für die Gesell­schaft in Deutschland ins­gesamt. So dürften Prak­tiken, die vom Conne-Plenum benannt wurden, auch in vielen Clubs und Kneipen in Deutschland Konsens sein. So gesehen würden die Migranten dort nicht besonders auf­fallen. Doch dort sind sie aber oft nicht will­kommen, weil sie Migranten sind. Also bleibt ihnen dann nur die Frei­zeit­ge­staltung in den wenigen auto­nomen Wohn­zimmern der Republik – und dann gibt es die Pro­bleme, die das Conne jetzt beschreibt.

Wer sich nicht an unsere Regeln hält, fliegt raus

Einer­seits kann man den Conne dankbar sein, dass sie mit ihren Beitrag deutlich gemacht haben, dass sie auch in linken Kreisen die Erkenntnis befördert, man hat Refugees gerufen und es Men­schen gekommen, dar­unter sehr viele junge Männer mit ihrer sehr eigenen Sozia­li­sierung. Eine solche Erkenntnis ver­meidet den Pater­na­lismus mancher Flücht­lings­helfer, nimmt auch die Migranten Ernst und fordert sie auch.

Natürlich ist es richtig, dass man sexis­tische, homo­phobe und anti­se­mi­tische Ein­stel­lungen überall kri­ti­sieren muss, unab­hängig von der Her­kunft. Bereits in den frühen 1990er Jahren, als Migranten vor ras­sis­ti­schen Über­griffen aus Ost­deutschland nach Berlin flüch­teten und gemeinsam mit Unter­stützern an der Tech­ni­schen Uni­ver­sität einige Räume besetzten, gab es eine Debatte über macker­haftes und sexis­ti­sches Ver­halten einiger Männer.

Doch muss man den Vorsatz, die Men­schen ernst zu nehmen und zu fordern, in einen Ton umsetzen, der so unan­genehm deutsch klingt? »Fakt ist und bleibt, dass sexis­tische Über­griffe, macker­haftes Auf­treten, anti­se­mi­ti­sches, ras­sis­ti­sches und ander­weitig dis­kri­mi­nie­rendes Ver­halten im Conne Island nicht geduldet werden und jede Person, die sich nicht an unsere Regeln hält, des Eis­kellers ver­wiesen wird – unge­achtet seiner/​ihrer Her­kunft.« Da wird zwi­schen macker­haften Ver­halten und einem sexis­ti­schen Über­griff kein Unter­schied mehr gemacht.

Es gibt die mehr­heitlich von in Deutschland sozia­li­sierten Men­schen, die die Regeln setzen, und die Migranten, die diese Regeln eben zu akzep­tieren haben oder fliegen, nicht gleich aus Deutschland, aber immerhin aus dem Conne Island. Wurde denn ver­sucht, aus den migran­ti­schen Besu­chern, die wegen des »Refugee-Fuff­zigers« kommen, Nutzer zumachen, die viel­leicht einen Skate­board-, Fahrrad- oder Fotokurs machen und dann in die Lage gesetzt werden, die Regeln im Conne mit­zu­be­stimmen? Natürlich sollten dann besonders Kurse von Flücht­lings­frauen ange­boten werden, die schließlich auch in den Unter­künften oft sexis­ti­scher Gewalt oder Macker­ver­halten aus­ge­setzt sind. Dass wäre in der Tat ein Umgang jen­seits einer pater­na­lis­ti­schen Will­kom­mens­kultur und dem Gestus eines alter­na­tiven Haus­meisters, der ver­kündet, wer unsere Regeln ver­letzt, der fliegt.

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Peter Nowak

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