Oktoberrevolution und Stalinismus

»Sie haben in der langen Nacht der Sta­lin­schen Des­potie die Sprache des revo­lu­tio­nären Mar­xismus restlos und hoff­nungslos ver­lernt.“

In nicht wenigen Ländern sind sich selbst als Kom­mu­nis­tInnen ver­ste­hende Men­schen mit Sta­lin­por­träts zum Gedenken an die Okto­ber­re­vo­lution auf die Straße gegangen.
Dabei feiern sie den Kopf eines Systems, das fast sämt­liche Errun­gen­schaften des Roten Oktober zurück­ge­nommen hat und viele der­je­nigen, die an der Okto­ber­re­vo­lution beteiligt waren, ein­kerkern und ermorden ließ. Der His­to­riker Christoph Jünke hat kürzlich eine Ana­logie mit Mar­xis­ti­schen Sta­li­nis­mus­kri­tiken im 21. Jahr­hundert im ISP-Verlag her­aus­ge­geben. Dort ist doku­men­tiert, wie gründlich Mar­xisten das Phä­nomen des Sta­li­nismus in den letzten 90 Jahren ana­ly­sierten. Texte von 15 Autoren werden in dem Band doku­men­tiert, die sich kri­tisch mit dem Sta­li­nismus und seinen Wurzeln befassen.
Es ist schade, dass Jünke nicht auch Texte von Frauen wie Agnes Heller, Ruth Fischer oder Angelica Balanoff auf­ge­nommen hat, die in den von Jünke gewählten Bezugs­rahmen fallen. In dem Buch sind keine anar­chis­ti­schen und syn­di­ka­lis­ti­schen Kri­tiken ver­treten, auch räte- und links­kom­mu­nis­tische Bei­träge findet man dort nicht. Jünke hat in der Ein­leitung betont, dass die Zusam­men­stellung seiner sub­jek­tiven Auswahl geschuldet ist. Er habe sich dabei um eine reprä­sen­tative Auswahl bemüht, was auch für das von ihm skiz­zierte mar­xis­tische Spektrum zutrifft. „Aus­ge­lassen habe ich vieles, die frühen Kri­tiken der 1920er Jahre, seien es mar­xis­tische Sozi­al­de­mo­kraten wie Otto Bauer, Paul Levi oder linke Kom­mu­nisten wie Karl Korsch, Amadeo Bordiga u.v.a.“ Dazu ist anzu­merken, dass Jünke die aus­ge­las­senen anar­chis­ti­schen Kri­tiken ebenso wenig erwähnt, wie er nicht begründet, warum er auch keine Frauen in dem von ihm aus­ge­wählten Bereich berück­sichtigt. Aller Kritik zum Trotz sind die aus­ge­wählten Texte eine beein­dru­ckende Lektion in linker Geschichte und sollten stu­diert werden.
Der erste Text in der Antho­logie stammt von dem füh­renden bol­sche­wis­ti­schen Poli­tiker Christian Rakowski, der 1941 von Stalins Schergen erschossen wurde. Es ist erstaunlich, welche fast macht­kri­tische Ein­sichten in seinem Text zu finden sind. „Sobald eine Klasse die Macht ergreift, ver­wandelt sich ein gewisser Teil in Agenten der Macht. Auf diese Weise ent­steht die Büro­kratie.“ (S.27)
An anderer Stelle kommt Rakowski zu der für ihn nie­der­schmet­ternden Erkenntnis: „Ich glaube nicht sehr zu über­treiben, wenn ich sage, dass ein Par­tei­ge­nosse von 1917 sich wohl kaum in der Gestalt eines Par­tei­ge­nossen von 1928 wie­der­erkennen würde. Eine tiefe Wandlung hat sich in der Ana­tomie und der Psy­cho­logie der Arbei­ter­klasse voll­zogen.“ Seine intime par­tei­in­terne Kenntnis macht seinen Text inter­essant. So beschreibt Rakowski, dass die Bol­schewiki in der Oppo­sition auch den von Marx als Lum­pen­pro­le­tariat dif­fa­mierten Teil der Werk­tä­tigen ange­sprochen hat. Als sie an der Macht waren, haben sich ihre größ­ten­teils zu Büro­kra­tInnen mutierten Mit­glieder hin­gegen von diesem Teil der Klasse abge­grenzt. Rakowski prangert auch die Pri­vi­legien der Nomen­klatura an und ver­weist darauf, dass die Bol­schewiki immer gegen solche Vor­teile für die Mäch­tigen gekämpft hatten. Dieser Text zeigt auch, dass innerhalb der bol­sche­wis­ti­schen Partei, 1928 als er ver­fasst wurde, durchaus noch eine fun­da­mentale Kritik am büro­kra­ti­schen Kurs möglich war. Klar erkannte der Autor, in welche Richtung der Kurs der Partei geht und beklagte, dass sich die Par­tei­agenten nicht genieren, „Anti­se­mi­tismus, Frem­den­feind­lichkeit, Hass auf die Intel­ligenz usw. für ihre Zwecke ein­zu­setzen“. So hat er schon 1928 präzise die Inhalte sta­li­nis­ti­scher Praxis benannt. Mit Victor Serge stellt Jünke auch den Text eines lang­jäh­rigen Anar­chisten vor, der nach der Okto­ber­re­vo­lution zum Par­tei­gänger der Bol­schewiki wurde. Ergänzend dazu könnte man die Kritik der Anar­chistin Rirette Mai­trejean her­an­ziehen. Sie war seine Genossin in der anar­chis­ti­schen Zeit und hat seine Wandlung zum Par­tei­gänger der Bol­schewiki wie seine Rolle als Antis­ta­linist sehr kri­tisch kom­men­tiert, wie Lou Marin in seinem 2016 im Verlag Gras­wur­zel­re­vo­lution erschie­nenen Buch „Rirette Mai­trejean – Atten­tats­kri­ti­kerin, Anar­chofe­mi­nistin, Indi­vi­du­al­an­ar­chistin“ doku­men­tiert hat.

Trotzki zwi­schen Zweck­op­ti­mismus und Pes­si­mismus

Trotzki ist gleich mit drei Texten im Band ver­treten. War er anfangs noch über­zeugt, dass die sta­li­nis­tische Epoche nur eine Episode in der Par­tei­ge­schi­chichte bleibt, wurde er zunehmend skep­ti­scher und hielt auch ein Scheitern der gesamten Revo­lution für denkbar. So machte er sich in einem doku­men­tierten Text kurz nach Beginn des Zweiten Welt­kriegs Gedanken, was geschehen würde, wenn es in der Folge in den kapi­ta­lis­ti­schen Ländern zu keiner pro­le­ta­ri­schen Revo­lution kommen sollte oder es sich den Revo­lu­tio­nä­rInnen, wor­unter Trotzki natürlich Kom­mu­nis­tInnen seiner Strömung meint, nicht gelingt, sich zu halten. „Dann wären wir gezwungen ein­zu­ge­stehen, dass der Grund für den büro­kra­ti­schen Rückfall nicht in der Rück­stän­digkeit des Landes zu suchen ist, auch nicht in der impe­ria­lis­ti­schen Ein­kreisung, sondern in der natur­ge­ge­benen Unfä­higkeit des Pro­le­ta­riats zur herr­schenden Klasse zu werden. Dann müssten wir fest­stellen, dass die jetzige UdSSR in ihren Grund­zügen Vor­läufer eines neuen Aus­beu­ter­re­gimes im inter­na­tio­nalen Maßstab ist.“ (S.119)
Es ist frappant, dass von den vielen Gruppen, die sich auf Trotzki berufen, auf diese pes­si­mis­tische Volte kaum ein­ge­gangen wird. Bemer­kenswert ist, dass Trotzki gar nicht in Erwägung zieht, dass viel­leicht das zen­tra­lis­tische Par­tei­modell in die Nie­derlage führt, nein, er ver­steigt sich zu anthro­po­lo­gi­schen Formeln, wenn er von einer natur­ge­ge­benen Unfä­higkeit des Pro­le­ta­riats schreibt.
Im letzten Text beschäftigt er sich mit der Frage, wie sich seine Anhän­ge­rInnen ver­halten sollten, falls sich her­aus­stellt, dass die Sowjet­union einen Teil von Polen besetzt. Er plä­dierte dafür, trotz Stalin, die Rote Armee zu unter­stützen, weil die zumindest gegen die Groß­grund­be­sitzer kämpfen würde. Trotzkis letzter in dem Buch publi­zierter Text ist wenige Wochen nach Beginn des Zweiten Welt­kriegs ver­fasst, als der deutsch-sowje­tische Nicht­an­griffspakt viele Kom­mu­nis­tInnen nach­haltig ver- stört hat. Er endet phra­senhaft: „Das Pro­le­tariat hat eine junge und noch schwache revo­lu­tionäre Führung. Aber die Führung der Bour­geoisie ver­fault bei leben­digem Leib. … Allein diese Tat­sache ist Grund genug für unseren uner­schüt­ter­lichen revo­lu­tio­nären Opti­mismus.“ (S.142)
Erfreu­li­cher­weise wurden auch Texte von heute wenig rezi­pierten Autoren auf­ge­nommen. So ist der Sozi­al­phi­losoph Leo Kofler heute nur noch wenigen bekannt, der sich ebenso wie der in den 1970er populäre Edward P. Thompson mit den Pro­blemen des sozia­lis­ti­schen Huma­nismus befasst. Der Ökonom und His­to­riker Roman Ros­dolsky beendet seine Sta­lin­kritik mit der tref­fenden Cha­rak­te­ri­sierung der nomi­nal­so­zia­lis­ti­schen Nomen­klatura. „Sie haben in der langen Nacht der Stalin’schen Des­potie die Sprache des revo­lu­tio­nären Mar­xismus restlos und hoff­nungslos ver­lernt; sie sind eben nur mehr: Refor­misten gewordene Ther­mi­do­rianer!“ (S.296). Bezüge zur Fran­zö­si­schen Revo­lution finden sich auch bei anderen Autoren des Buches, die Klassi zierung der Bol­schewiki als Jako­biner ist durchaus nicht nur negativ gemeint. Ros­dolsky wurde nach der Implosion des Nomi­nal­so­zia­lismus bestätigt, wo manche wie der eben­falls im Buch ver­tretene Ernest Mandel noch auf einen revo­lu­tio­nären Glutkern hofften, der von Sta­li­nismus und Büro­kra­tismus ver­schüttet war, zeigte sich bald, dass diese Par­teien im Innern ver­fault und unrettbar ver­loren waren. Wer mehr über den lange ver­ges­senen Roman Ros­dolsky, der bedeu­tende Texte zur Wert­kritik ver­öf­fent­licht hat, wissen will, sollte zu dem kürzlich im Man­delbaum-Verlag erschie­nenen Buch „Mit per­ma­nenten Grüßen“, greifen, in dem Leben und Werk von Emmy und Roman Ros­dolsky dar­ge­stellt sind (ISBN 978−3−85476−662−9).

Hoffnung auf interne Reformen schwinden

Bei den jün­geren doku­men­tierten Texten ist die Hoffnung auf eine Reform des Nomi­nal­so­zia­lismus durch einen Sturz der Büro­kratie ver­schwunden. Im Text von Jacek Kuron und Karol Mod­ze­lewski kündigt sich ihre spätere Hin­wendung zur kapi­ta­lis­ti­schen Zivil­ge­sell­schaft an und im doku­men­tierten Text von Rudolf Bahro sein später mit eso­te­ri­schen Ele­menten durch­drängter Öko­lo­gismus, der keine gesell­schaft­lichen Wider­sprüche und Klassen mehr kennen wollte. Auch der Phi­losoph Lucio Col­letti endet schließlich als Abge­ord­neter in der Partei des Rechts­po­pu­listen Ber­lusconi. Dabei hat er in dem abge­druckten Text „Zur Stalin-Frage“ aus dem Jahr 1970 die gesell­schaft­lichen Ursachen des Sta­li­nismus gut beleuchtet. „Die sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Führer, die im Januar 1919 Rosa Luxemburg und Karl Lieb­knecht ermordet hatten …, haben den ersten Stein zu je- ner Straße gelegt, die Stalin zur Macht ver­holfen hat. Die übrigen Steine wurden dann durch die revo­lu­tionäre Welle gelegt, die auf Europa nie­derging und Mus­solini, Primo de Rivera, Horthy und so viele andere emporhob.“ (S.479)
Diese his­to­ri­schen Tat­sachen werden heute bei der Dis­kussion über die Okto­ber­re­vo­lution gerne aus­ge­blendet. Alle, auch die hier nicht erwähnten Texte des Buches, bieten eine Fülle von Asso­zia­tionen und Stoff für Debatten. Das Buch kann dazu bei­tragen, zu ver­stehen, warum die Hoffnung, die die Okto­ber­re­vo­lution vor 100 Jahren für viele Men­schen in aller Welt hatte, auch für Anar­chis­tInnen wie Alex­ander Berkman und Emma Goldmann so schnell in das Gegenteil umschlug. Daran hat Bini Adamczak in ihrem kürzlich in der Edition Assem­blage erschie­nenem Buch „Der schönste Tag im Leben des Alex­ander Berkman. Vom mög­lichen Gelingen der Rus­si­schen Revo­lution“ erinnert. Wer neue Ver­suche unter­nimmt, eine Gesell­schaft jen­seits von kapi­ta­lis­ti­scher Ver­wer­tungs­logik, ras­sis­ti­scher und sexis­ti­scher Unter­drü­ckung zu schaffen, sollte es lesen.

Christoph Jünke (Hg.): Mar­xis­tische Sta­li­nismus-Kritik im 20. Jahr­hundert – Eine Antho­logie, Neuer ISP- Verlag, Karlsruhe 2017, 616 Seiten„ 29,80 Euro, ISBN 978−3−89900−150−1

märz 2018/427 gras­wur­zel­re­vo­lution

Peter Nowak

Paarweise undogmatisch

Neu­erschei­nungen von Emmy und Roman Ros­dolsky

Mit per­ma­nenten Grüssen“ ist eine merk­würdige Form, sich in einen Brief zu ver­ab­schieden. Doch nur manchen dürften sich dabei an Trotzkis Theorie von der per­ma­nenten Revo­lution erinnert fühlen. Und damit liegen sie richtig. Emmy und Roman Ros­dolksy, deren Leben das im Man­delbaum ver­öf­fent­lichte Buch mit dem Titel gewidmet ist, hätten sich wohl selber nie als Trotz­kis­tInnen bezeichnet Doch sie standen dem rus­si­schen Revo­lu­tionär nahe, wenn sie auch durchaus kri­tisch manche poli­tische Wendung von Trotzki und noch mehr seinen Epi­go­nInnen gegenüber gestanden haben. Wenn Roman Ros­dolsky seine Briefe mit per­ma­nenten Grüsse unter­zeichnete wird auch deutlich, dass er Humor und Selbst­ironie kannte. Das, wie im Man­del­baum­verlag üblich, optisch sehr anspre­chend gestaltete Buch macht die Lese­rInnen mit zwei Mar­xis­tInnen bekannt, die von früher Jugend bis an ihr Lebensende ihren Idealen treu geblieben sind. Roman Ros­dolsky dürfte manchen als Pionier der Marx­schen Wert­theorie ein Begriff sein. Sein Buch „Ent­ste­hungs­ge­schichte des Marx­schen ‚Kapital‘“ erfuhr in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren mehrere Auf­lagen und gilt als „Standwerk der Marx­for­schung“ (S. 375). Doch Ros­dolksy starb, bevor das Buch ver­öf­fent­licht wurde. Auch einen geplanten Vortrag auf einer Inter­na­tio­nalen Marx-Kon­ferenz zum 100ten Jubiläum der Fer­tig­stellung der ersten Kapital-Ausgabe in Frankfurt/​Main konnte er nicht mehr halten. Wegen seiner Erkrankung musste er seine Teil­nahme absagen und wenige Wochen darauf, starb er. So konnte er auch nicht mehr erleben, wie die Außer­par­la­men­ta­rische Linke in den USA und Europa Ros­dolksy die Aner­kennung zollte, die er Zeit seines Lebens oft ver­misste. In dem Buch werden ver­schiedene Briefe zitiert, in denen Ros­dolsky bezwei­felte, ob sein Manu­skript je ver­öf­fent­licht werden wird. Gele­gentlich ob er den hohen Ansprüchen gerecht werden kann die die er an sein Buch stellte. Freunde und Genossen sprachen ihm immer wieder Mut zu. In de letzten Jahr­zehnten war sein Name wieder ver­gessen. Mit diesem Buch zu seinem 50ten Todestag ver­schafft ihm und seiner Frau und Genossin ein Ros­dolksy-Kreis wieder die ver­diente Auf­merk­samkeit und regt zur Beschäf­tigung mit seinen Schriften an. Im Ros­dolsky-Kreis ist eine Runde hat sich eine Runde von Linken zusam­men­ge­funden, die über die Lektüre der „Ent­ste­hungs­ge­schichte des Marx­schen ‚Kapital‘“ auf die beiden Mar­xis­tInnen auf­merksam geworden sind. Sehr erfreulich ist, dass sie Emmy Ros­dolksy gleich­be­rechtigt in dem Buch behandelt haben. Sie war schließlich selber von frü­hester Jugend an in der sozia­lis­ti­schen Bewegung enga­giert und in den USA und in Öster­reich jah­relang in der gewerk­schaft­lichen Bil­dungs­arbeit aktiv. Sie hat später mit ihren Gehalt mit dafür gesorgt, dass Roman Ros­dolsky seine lang­jäh­rigen For­schungen betreiben konnte.

Von frü­hester Jugend in der sozia­lis­ti­schen Bewegung seines Her­kunfts­landes Ukraine aktiv, nahm er sich nicht die Zeit für Studium und Aus­bildung. Er betei­ligte sich an den Aus­ein­an­der­set­zungen innerhalb der zer­split­terten sozia­lis­ti­schen Bewegung am Vor­abend der Rus­si­schen Revo­lution. Die poli­ti­schen und gesell­schaft­lichen Kon­flikte im zer­fal­lenden Habs­burger Imperium der Jahre 1915/1918 werden in dem Buch gut ver­mittelt. Es ist so auch ein Buch über eine weit­gehend unbe­kannte Geschichte der sozia­lis­ti­schen und kom­mu­nis­ti­schen Bewegung der frühen Ukraine. Es ver­mittelt die lei­den­schaft­lichen Dis­kus­sionen der dama­ligen ukrai­ni­schen Linken über die Frage der natio­nalen Selbst­be­stimmung. Die Schriften des öster­rei­chi­schen Sozi­al­de­mo­kraten Otto Bauer wurden ebenso rezi­piert wie die Texte on Lenin und Rosa Luxemburg. Hier ver­mitteln die AutorInnen einen leben­digen Über­blick über eine linke Debatte, die einer­seits zeitlich weit ent­fernt aber doch sehr aktuell scheint. Schließlich wie­der­holte sie sich nach 1989, als die Natio­nal­staaten erneut ent­standen, die Debatte über die Sinn­haf­tigkeit von Natio­nal­staaten. Ros­dolsky befasste sich auch früh mit der Geschichte der ukrai­ni­schen Bauern- und Land­ar­beiter in der Ukraine. Diese Schriften wurden wurde sogar in den späten 1950er Jahren in Polen ver­öf­fent­licht. Die AutorInnen gehen nicht weiter auf die Frage ein, wie es möglich war. War nicht bekannt, dass es sich um einen erklärten Kri­tiker der nomi­nal­so­zia­lis­ti­schen Staaten han­delte?

Schließlich sind die Ros­dolskys 197in die USA aus­ge­wandert, weil sie befürch­teten in Öster­reich womöglich vom NKWD in die Sowjet­union in ent­führt und zu lang­jäh­riger Lagerhaft ver­ur­teilt zu werden. Ein Freund und Genosse des Ehe­paars, der eben­falls des Trotz­kismus beschuldigt wurde, wurde aus Wien in die Sowjet­union ent­führt und war über Jahre in einen Lager in Sibirien ein­ge­kerkert.

Das Schweigen über Auschwitz

Über die per­sön­lichen Ange­le­gen­heiten der Ros­dolskys liest man in dem Buch wenig. Das Gerüst sind die Schriften und Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tungen. Ein eigens Kapitel nimmt die Ver­fol­gungs­ge­schichte der Ros­dolkys ein. Er war ein Jahr in Auschwitz inhaf­tiert und wurde von dort nach Ravens­brück, dann nach Sach­sen­hausen depor­tiert. Er gehörte zu denen Über­le­benden eins Todes­mar­sches. „Immer der­selbe Traum. Ich komme irgendwie wieder ins KZ, obwohl der Krieg schon aus ist, und ich muss die ganze Suppe noch mal aus­löffeln“, ver­traute t er viele Jahre später an seinen Freund, den Psy­cho­ana­ly­tiker Ernst Federn, an (S.325). Seine Enkelin Diana Ros­dolsky schreibt in einen Kapitel über das Schweigen über die Ver­folgung und vor allem seine Ver­schleppung nach Auschwitz in seiner Familie. Er war als Kom­munist und nicht als Jude inhaf­tiert worden, sah aber tag­täglich wie in der Todes­fabrik Men­schen ver­nichtet wurden. „In Auschwitz arbeitet Roman in einer Tisch­lerei, in welcher ständig darüber gestritten wird, ob die Fenster offen oder geschlossen gehalten werden sollen. Dies wird ver­ständlich, ange­sichts des fürch­ter­lichen Gestanks, bren­nender Leichen, die bei offenen Fenster umso unge­hin­derter in die Räume dringt“ (S. 332), schreibt Diana Ros­dolsky.

Erstaun­li­cher­weise wird in dem Buch Ros­dolkys Schrift „Zur Analyse der Rus­si­schen Revo­lution“ nicht erwähnt, die er 1959 ver­fasst hat und die in den 1978 in West­berlin im Verlag Olle und Wolter her­aus­ge­ge­benen Buch „ Sozia­lis­mus­de­batte. His­to­rische Fragen und aktuelle Fragen des Sozia­lismus“ ver­öf­fent­licht wurde. Der Soziologe Christoph Jünke hat den Text in der vor einigen Monaten im neuen ISP-Verlag erschie­nenen Antho­logie „Mar­xis­tische Sta­li­nis­mus­kritik im 20 Jahr­hundert“ erneut ver­öf­fent­licht. In dem Text beschreibt Ros­dolsky die öko­no­mische und poli­tische Ent­wicklung in der frühen Sowjet­union. Er sieht in der tra­gi­schen Iso­lation der jungen Sowjet­union einen wesent­lichen Grund für den Backlash des Sta­li­nismus. In der Schrift ver­wahrte sich Ros­dolksy gegen den von vielen Trotz­kis­tInnen gebrauchten Begriff des dege­ne­rierten Arbei­ter­staats für die Sowjet­union. Er hielt das für falsch, „weil in der Sowjet­union die Werk­tä­tigen selbst am wenigsten zu sagen haben und weil die herr­schende Büro­kratie alles dran­setzt und setzen muss, um die Ver­wandlung des Staats­ei­gentums in wahres Volks­ei­gentums zu ver­hindern“. Am Ende der Schrift liefert Ros­dolsky eine prä­gnante Ein­schätzung der sowje­ti­schen Nomen­klatura: „Sie haben in der langen Nacht der Stalin’schen Des­potie die Sprache des revo­lu­tio­nären Mar­xismus restlos und hoff­nungslos ver­lernt“ (S.296). Nicht die einzige Ein­schätzung von Ros­dolky, die sich bestätigt hat. Es ist erfreulich, dass jetzt die Gele­genheit besteht sich mit den Leben und den Werken dieser zwei Mar­xis­tInnen gleich in meh­reren Edi­tionen ver­traut zu machen. Neben der Arbeit von Christoph Jünke und dem Band des Man­delbaum-Verlags ist auch im Ca Ira-Verlag eine Neue­dition von »Zur Ent­ste­hungs­ge­schichte des Marx­schen »Kapital« ange­kün­digte, so dass hier Ros­dolkskys besondere Ver­diensten um den Zusam­menhang zwi­schen Marx­schen und Hegel­schen Argu­men­ta­ti­ons­fi­guren am Ori­gi­naltext nach­ge­gangen werden kann- und auch den Grund­lagen einer gegenüber ortho­doxen Marx-Inter­pre­ta­tionen in der Sozi­al­de­mo­kratie und dem Mar­xismus-Leni­nismus kri­ti­schen, nicht-öko­no­mis­ti­schen Lesart, die Teile der Neu­ent­de­ckung und -aneignung von Marx im Zuge der Stu­den­ten­be­wegung geprägt haben. Dass der Ros­dolky-Kreis ihr Buch „Den Ver­dammten der Erde“ gewidmet hat, durfte ganz im Sinne der beiden Namens­geber sein. und erinnert an ein unab­ge­gol­tenes his­to­ri­sches »Projekt«.

aus: express – Zeitung für sozia­lis­tische Betriebs- und Gewerk­schafts­arbeit – Ausgabe 1−2÷2018

http://www.labournet.de/express-zeitung-fuer-sozialistische-betriebs-und-gewerkschaftsarbeit-ausgabe-1–22018/
Peter Nowak

Ros­dolsky-Kreis, Mit per­ma­nenten Grüssen
Leben und Werk von Emmy und Roman Ros­dolsky, Man­delbaum-Verlag, Wien 2017
22.00 €, 440 Seiten, ISBN: 978385476−662−9


Rosk­dolsky Roman, Zur Ent­ste­hungs­ge­schichte des Mar­schen Kapital, Der Roh­entwurf des Kapital 1857 – 1858, Ca Ira Verlag, Freiburg (Im Erscheinen), ca. 600 Seiten, ISBN: 978−3−86−259−129−9, ca. Euro,

Jünke Christoph (Hrsg.) Mar­xis­tische Sta­li­nismus-Kritik im 20. Jahr­hundert – Eine Antho­logie, Neuer ISP-Verlag, 2017, 616 Seiten, ISBN: 978−3−89900−150−1, 29,80 Euro

Jagd auf Roter Oktober

Der Rummel zum Jah­restag ist zu Ende. Jetzt wäre es möglich, über das zu reden, was an der Okto­ber­re­vo­lution wirklich inter­essant ist

»Hun­derte Akti­visten stürmten den Reichstag von Berlin«[1] und kaum jemand hat davon Notiz genommen. Ach so, es war eine Kunst­aktion des Schweizer Künstlers Milo Rau, und der ange­kün­digte Reichs­tags­sturm war eine kleine Kund­gebung einige hundert Meter vom Objekt der Begierde weg.

Vom 3. bis 5. November haben einige hundert Künstler und Wis­sen­schaftler in der Ber­liner Schau­bühne getagt[2], die sich gleich als Welt­par­lament gerieren. Dort war unter anderem ein Poli­tiker der tür­ki­schen Regie­rungs­partei AKP ver­treten. Aber auch einige zivil­ge­sell­schaft­liche Orga­ni­sa­tionen, die sich gegen den Ras­sismus und für Tier- und Kin­der­rechte ein­setzten, unter­stützten die Aktion.

»Demo­kratie für Alle« stand auf einigen Pla­katen. In Berlin sind solche Mani­fes­ta­tionen nicht so selten und damit das ganze etwas gefähr­licher aus­sieht, ver­an­staltet man sie an einem his­to­ri­schen Tag: 100 Jahre nach den Ereig­nissen in Russland, die als Okto­ber­re­vo­lution in die Geschichte ein­ge­gangen sind und wegen der unter­schied­lichen Kalender eben am 7. November statt­ge­funden haben.

Nun hätte die Insze­nierung von Milo Rau zu jeden anderen Tag vor dem Rasen am Reichstag über die Bühne gehen können. Denn inhaltlich war sie so ziemlich das Gegenteil dessen, was vor 100 Jahren in Russland geschah. Die Parole »Demo­kratie für Alle« hätten nicht nur die Bol­schewiki, sondern auch die Anar­chisten und die linken Sozi­al­re­vo­lu­tionäre vehement kri­ti­siert. Ihre Parole lautete: »Alle Macht den Räten.« Und den ver­meint­lichen »Reichs­tags­stürmern 2017« fiel gar nicht auf, dass sie damit bei allen Par­teien im Reichstag offene Türen ein­reißen.

Wenn manche den Mörder des Roten Oktober hoch leben lassen

Alle »Macht den Räten« hin­gegen würde kaum eine dieser Par­teien unter­stützen. Nun war das pein­liche Theater nur eines der vielen Nick­lig­keiten, die Men­schen in aller Welt sich rund um den Jah­restag der Okto­ber­re­vo­lution aus­ge­dacht haben. Die Aktion von Milo Rau war ja noch relativ harmlos und sorgte nur für theo­re­tische Kon­fusion. Schlimmer ist es schon, wenn sich Men­schen, die sich Kom­mu­nisten nennen, mit Sta­lin­por­träts auf­mar­schieren und meinen, damit den Roten Oktober zu feiern.

Dabei feiern sie den Kopf eines Systems, das fast sämt­liche Errun­gen­schaften des Roten Oktober zurück­ge­nommen hat und die meisten der­je­nigen, die an der Okto­ber­re­vo­lution beteiligt waren, ein­kerkern und ermorden ließ. Der His­to­riker Christoph Jünke[3] hat kürzlich eine Ana­logie mit Mar­xis­ti­schen Sta­li­nis­mus­kri­tiken im 21. Jahrhundert[4] im ISP-Verlag her­aus­ge­geben.

Dort ist doku­men­tiert, wie gründlich Mar­xisten das Phä­nomen des Sta­li­nismus in den letzten 90 Jahren ana­ly­sierten. Damit sind alle jene widerlegt, die Sta­li­nismus und Mar­xismus gleich­setzen wollen. Bla­miert sind aber auch all jene, die selbst beim Jah­restag der Okto­ber­re­vo­lution nicht auf Sta­lin­bilder ver­zichten können. Aber warum soll es dem Jah­restag der Okto­ber­re­vo­lution anders gehen als den deut­schen Luther­feiern, die eben­falls vor einigen Tagen zu Ende gegangen sind?

Beiden ist gemeinsam, dass fast alles, was da pas­sierte, mit dem his­to­ri­schen Gegen­stand wenig zu tun hat und allerlei Unsinn mit his­to­ri­schen Weihen ver­sehen werden. So schlugen Initia­tiven irgend­welche Thesen an irgend­welchen Türen. Der Inhalt war ziemlich egal, Haupt­sache man imi­tiert das, was Luther gemacht haben soll. Doch selbst dessen The­sen­an­schlag ist his­to­risch nicht verbürgt[5].

Aber mit solchen unbe­wie­senen Details hält man sich die wich­tigen Fragen vom Leib. Soll die Uni­ver­sität Halle, die in der NS-Zeit nach Luther benannt wurde, nicht umbe­nannt werden[6]? Denn, wer für die Nazis namens­würdig war, muss es heute kei­neswegs mehr sein[7].

Auf die Okto­ber­re­vo­lution bezogen wird auch mit Recht betont, dass der Sturm auf den Win­ter­palais keine große Sache war. Die Kul­tur­wis­sen­schaft­lerin Bini Adamczak[8] hat sogar mal von der »Besetzung eines Wein­kellers« gesprochen. Doch eine Kon­zen­tration auf solche Ereig­nisse ver­kennt die Bedeutung dessen, was vor 100 Jahren in Petersburg geschehen ist. Viel­leicht ist es jetzt, wo der Jubi­lä­umstag Ver­gan­genheit ist, ein­facher, darüber zu reden.

Von der Pariser Kommune zum Roten Oktober

Der Sturm auf das Win­ter­palais war nicht die große Mas­sen­aktion, aber es war auch kein Putsch, wie es seit 100 Jahren viele Kri­tiker behaupten. Der 7.November 1917 war lediglich der Höhe­punkt einer Ent­wicklung innerhalb der euro­päi­schen Arbei­ter­be­wegung. Gegen den Flügel, der sich ein orga­ni­sches Ver­schmelzen in den kapi­ta­lis­ti­schen Staat vor­stellen konnte, stand der linke Flügel, der nur im Bruch mit den Struk­turen des bür­ger­lichen Staates eine Vor­aus­setzung für eine Gesell­schaft ohne Aus­beutung, Unter­drü­ckung und Krieg sah.

In der Pariser Kommune setzte sich diese Strömung für kurze Zeit durch und schuf sich Räte. Fortan ori­en­tierte sich der linke Flügel der Arbei­ter­be­wegung an dem Modell. Mit Aus­bruch des 1. Welt­kriegs kam dieser Strömung eine besondere Ver­ant­wortung zu. Er lehnte es ab, wie die Rechten in das Kriegs­ge­schrei ein­zu­stimmen. Vielmehr sah er durch den Welt­krieg die Bedin­gungen für eine Revo­lution her­an­reifen.

Die Bol­schewiki sahen sich als inte­graler Teil dieser linken Strömung. Sie hatten nie die Absicht, die Revo­lution in einem Land zu machen. Sie wollten das Start­zeichen für eine globale Revo­lution geben und sie fei­erten, als es ihnen gelangt, die Macht länger als die Pariser Kommune zu behalten. Die Bol­schewiki ver­ach­teten alles Nationale, bekämpften den Anti­se­mi­tismus und sahen sich an der Spitze einer welt­weiten Bewegung der linken Arbei­ter­be­wegung. Land und Frieden war ihre Parole.

Es war also kei­neswegs die Macht­ge­lüste einer Gruppe von Möch­te­gern­dik­ta­toren, die für die Okto­ber­re­vo­lution ver­ant­wortlich waren. Es war vielmehr der Versuch der orga­ni­sierten Arbei­ter­be­wegung, aus den Erfah­rungen der Nie­derlage der Pariser Kommune Kon­se­quenzen zu ziehen. Ähn­liche Vor­stel­lungen hatten zu jener Zeit Linke in vielen Ländern der Welt. Die Bol­schewiki machten damit ernst, das machte sie auf der ganzen Welt populär.

Sie siegen nicht als nationale Partei, sondern als Teil einer inter­na­tio­nalen Arbei­ter­be­wegung. Sie wurden getragen von der Über­zeugung großer Teile der lohn­ar­bei­tenden Men­schen, dass es möglich ist, eine Welt ver­nünftig zu gestalten. Hierin lag und liegt die Bedeutung der Ereig­nisse vor 100 Jahren und nicht in dem Sturm auf ein Gebäude.

In Zeiten der gesell­schaft­lichen und his­to­ri­schen Amnesie haben Geschichts­fäl­scher leichtes Spiel. So kann in der Taz ein rus­si­scher His­to­riker die Geschichtslüge verbreiten[9], dass die Bol­schewiki mit den anti­se­mi­ti­schen »Schwarzen Hun­dert­schaften« pak­tierten und die »Weißen Generäle« den Libe­ralen nahe­standen. In der Rea­lität waren unter den Gegnern die Sowjets fana­tische Anti­se­miten, die mit ihrer Hetze gegen den jüdi­schen Bol­sche­wismus auch die Nazis beein­flussten.

Revo­lution gegen das Kapital

Wenn Gramsci den Bol­schewiki beschei­nigte, die Okto­ber­re­vo­lution sei eine Revo­lution gegen das Kapital von Karl Marx, war das ein Lob. Denn er beschei­nigte ihnen, dass sie keine Dok­trinäre sind, Schriften von Marx nicht als Bibel auf­fassten und sich im Zweifel an den realen Kämpfen und nicht den Schriften ori­en­tierten.

Gleich­zeitig waren die Bol­schewiki die Partei, die die alte Gesell­schaft kon­se­quent ablehnte, die sich nicht in irgend­welche Mit­mach­mo­delle ein­spannen ließen. So konnte sie zu einem dritten Pool werden, der die Unzu­frie­denheit vor allem der unteren Schichten der Bevöl­kerung auf­nehmen konnte. Es war gerade die Kom­pro­miss­lo­sigkeit gegenüber dem alten System, das die Bol­schewiki populär machte. Sie haben nicht die Pariser Kommune imi­tiert, sondern die Klas­sen­kämpfe in Russland vor­be­reitet.

Das ist eben der Unter­schied zwi­schen einer Insze­nierung und einer Revo­lution. Die Bol­schewiki waren keine Schau­spieler, sie haben die Gesell­schaft ver­ändert. Das konnten sie nur, weil sie ver­standen hatten, was in der rus­si­schen Gesell­schaft vor 100 Jahren vor­ge­gangen ist. So schreibt[10] Michael Brie vom Institut für Gesell­schafts­analyse der Rosa Luxemburg Stiftung:

Lenin erwies sich 1917 als Stratege auf der Höhe der Zeit. Er konnte das Erbe von fast 25 Jahren Aufbau einer in den Massen Russ­lands ver­an­kerten Arbei­ter­partei ein­bringen. Er hatte im August 1914 als einer der ersten und wenigen den kon­se­quenten Bruch mit aller Politik der soge­nannten Vater­lands­ver­tei­digung voll­zogen und wie Lieb­knecht »Krieg dem Kriege« ver­kündet.

Er hatte sich dia­lek­tische Grund­lagen einer Politik des Bruchs in Zeiten der Krise ange­eignet und beim Studium der Lite­ratur zum Impe­ria­lismus die Schwächen dieses Systems gerade in der natio­nalen Frage klarer erkannt als fast alle anderen. Er for­mu­lierte die wirk­samsten Losungen zur rich­tigen Zeit und konnte in harten demo­kra­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zungen seine eigene Partei immer wieder über­zeugen. Wer linke Stra­tegie in Zeiten der exis­ten­zi­ellen Krise erlernen will, muss nicht zuletzt bei Lenin in die Schule gehen.

Michael Brie

Was tun?

Wenn heute Gruppen aus welchen Gründen auch immer die dama­ligen Kämpfe wie­der­auf­führen, ist es nur eine Farce. Anknüpfen an die Bol­schewiki heißt zunächst einmal die aktu­ellen gesell­schaft­lichen Zustände zu ana­ly­sieren und die Bruch­punkte zu erkennen. Anknüpfen an die Bol­schewiki heißt auch, die gesell­schaft­lichen Zusam­men­hänge zu ver­stehen und sich nicht an Ein­zel­pro­blemen zu ver­zetteln.

Nur zwei aktuelle Punkte: Wenn es nun nach einem Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ein drittes Geschlecht geben muss, so war die Sowjet­union in den ersten Jahren schon mal weiter. Nicht nur die Eman­zi­pation der Frau, sondern auch die Eman­zi­pation von Trans­men­schen gehörte zu den im Wesent­lichen von Alex­andra Kol­lontai vor­an­ge­trie­benen Reformen.

Daher irrt auch Bini Adamczak, wenn sie in ihrem im Suhrkamp Verlag erschienen Buch Bezie­hungs­weise Revolution[11] die These ver­tritt: »Während 1917 auf den Staat fokus­sierte, zielte 1968 auf das Indi­viduum.« 1917 gab es diese Trennung gar nicht. Die Okto­ber­re­vo­lution war sehr wohl in vieler Hin­sicht auch eine sehr indi­vi­duelle Befreiung für viele Men­schen.

Und der große Kli­ma­zirkus, der uns zurzeit in Bonn geboten wird, wäre in der Tra­dition der Bol­schewiki keine Ein­ladung zum Mit­machen, sondern für Hohn und Spott. Doch ein Teil der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken gerieren sich als Kli­ma­ak­ti­visten als die bes­seren Welt­retter. Doch sie folgen der neo­ro­man­ti­schen Öko­lo­gie­be­wegung, wie schon die Reste der radi­kalen Linken in den 1980er Jahren. Der gesamte Kli­ma­diskurs der letzten Jahre ist von den diesen Prä­missen bestimmt.

Die Vor­stellung, dass der Mensch die Natur ver­ändert wird heute zum Sün­denfall erklärt. Des­wegen setzen die neuen Roman­tiker alles dran, den öko­lo­gi­schen Fuß­ab­druck des Men­schen immer mehr zu ver­kleinern. Andere sagen offen, dass sie es am liebsten sehen, wenn der Mensch ganz ver­schwindet.

Die Bol­schewiki standen aber für eine Bewegung, in der sich die Men­schen die Natur aneignen und so ver­ändern, dass die Erde kein bar­ba­ri­sches Jam­mertal mehr ist, in dem man sich von den Launen der Natur beherr­schen lässt. Die Eman­zi­pation setzt mit der Erkenntnis an, dass sich der Mensch mittels der Ver­nunft von den Zwängen der Natur befreit.

Im gesamten Diskurs über den Kli­ma­wandel unter­werfen sich die Men­schen lustvoll den Launen der Natur. In diesem Sinne währe es eine zeit­gemäße Position zum Kli­ma­gipfel: »Alle reden vom Wetter. Wir nicht, wir reden von Gesell­schaft und wie sie zu einem ver­nünf­tigen Ort werden kann.«

Peter Nowak

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[11] http://​www​.suhrkamp​.de/​b​u​e​c​h​e​r​/​b​e​z​i​e​h​u​n​g​s​w​e​i​s​e​_​r​e​v​o​l​u​t​i​o​n​-​b​i​n​i​_​a​d​a​m​c​z​a​k​_​1​2​7​2​1​.html