Mit ‘Christoph Jünke Marxistische Stalinismuskritiker im 21. Jahrhundert’ getaggte Artikel

Paarweise undogmatisch

Samstag, 03. März 2018

Neuerscheinungen von Emmy und Roman Rosdolsky

„Mit permanenten Grüssen“ ist eine merkwürdige Form, sich in einen Brief zu verabschieden. Doch nur manchen dürften sich dabei an Trotzkis Theorie von der permanenten Revolution erinnert fühlen. Und damit liegen sie richtig. Emmy und Roman Rosdolksy, deren Leben das im Mandelbaum veröffentlichte Buch mit dem Titel gewidmet ist, hätten sich wohl selber nie als TrotzkistInnen bezeichnet Doch sie standen dem russischen Revolutionär nahe, wenn sie auch durchaus kritisch manche politische Wendung von Trotzki und noch mehr seinen EpigonInnen gegenüber gestanden haben. Wenn Roman Rosdolsky seine Briefe mit permanenten Grüsse unterzeichnete wird auch deutlich, dass er Humor und Selbstironie kannte. Das, wie im Mandelbaumverlag üblich, optisch sehr ansprechend gestaltete Buch macht die LeserInnen mit zwei MarxistInnen bekannt, die von früher Jugend bis an ihr Lebensende ihren Idealen treu geblieben sind. Roman Rosdolsky dürfte manchen als Pionier der Marxschen Werttheorie ein Begriff sein. Sein Buch „Entstehungsgeschichte des Marxschen ‚Kapital‘“ erfuhr in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren mehrere Auflagen und gilt als „Standwerk der Marxforschung“ (S. 375). Doch Rosdolksy starb, bevor das Buch veröffentlicht wurde. Auch einen geplanten Vortrag auf einer Internationalen Marx-Konferenz zum 100ten Jubiläum der Fertigstellung der ersten Kapital-Ausgabe in Frankfurt/Main konnte er nicht mehr halten. Wegen seiner Erkrankung musste er seine Teilnahme absagen und wenige Wochen darauf, starb er. So konnte er auch nicht mehr erleben, wie die Außerparlamentarische Linke in den USA und Europa Rosdolksy die Anerkennung zollte, die er Zeit seines Lebens oft vermisste. In dem Buch werden verschiedene Briefe zitiert, in denen Rosdolsky bezweifelte, ob sein Manuskript je veröffentlicht werden wird. Gelegentlich ob er den hohen Ansprüchen gerecht werden kann die die er an sein Buch stellte. Freunde und Genossen sprachen ihm immer wieder Mut zu. In de letzten Jahrzehnten war sein Name wieder vergessen. Mit diesem Buch zu seinem 50ten Todestag verschafft ihm und seiner Frau und Genossin ein Rosdolksy-Kreis wieder die verdiente Aufmerksamkeit und regt zur Beschäftigung mit seinen Schriften an. Im Rosdolsky-Kreis ist eine Runde hat sich eine Runde von Linken zusammengefunden, die über die Lektüre der „Entstehungsgeschichte des Marxschen ‚Kapital‘“ auf die beiden MarxistInnen aufmerksam geworden sind. Sehr erfreulich ist, dass sie Emmy Rosdolksy gleichberechtigt in dem Buch behandelt haben. Sie war schließlich selber von frühester Jugend an in der sozialistischen Bewegung engagiert und in den USA und in Österreich jahrelang in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit aktiv. Sie hat später mit ihren Gehalt mit dafür gesorgt, dass Roman Rosdolsky seine langjährigen Forschungen betreiben konnte.

Von frühester Jugend in der sozialistischen Bewegung seines Herkunftslandes Ukraine aktiv, nahm er sich nicht die Zeit für Studium und Ausbildung. Er beteiligte sich an den Auseinandersetzungen innerhalb der zersplitterten sozialistischen Bewegung am Vorabend der Russischen Revolution. Die politischen und gesellschaftlichen Konflikte im zerfallenden Habsburger Imperium der Jahre 1915/1918 werden in dem Buch gut vermittelt. Es ist so auch ein Buch über eine weitgehend unbekannte Geschichte der sozialistischen und kommunistischen Bewegung der frühen Ukraine. Es vermittelt die leidenschaftlichen Diskussionen der damaligen ukrainischen Linken über die Frage der nationalen Selbstbestimmung. Die Schriften des österreichischen Sozialdemokraten Otto Bauer wurden ebenso rezipiert wie die Texte on Lenin und Rosa Luxemburg. Hier vermitteln die AutorInnen einen lebendigen Überblick über eine linke Debatte, die einerseits zeitlich weit entfernt aber doch sehr aktuell scheint. Schließlich wiederholte sie sich nach 1989, als die Nationalstaaten erneut entstanden, die Debatte über die Sinnhaftigkeit von Nationalstaaten. Rosdolsky befasste sich auch früh mit der Geschichte der ukrainischen Bauern- und Landarbeiter in der Ukraine. Diese Schriften wurden wurde sogar in den späten 1950er Jahren in Polen veröffentlicht. Die AutorInnen gehen nicht weiter auf die Frage ein, wie es möglich war. War nicht bekannt, dass es sich um einen erklärten Kritiker der nominalsozialistischen Staaten handelte?

Schließlich sind die Rosdolskys 197in die USA ausgewandert, weil sie befürchteten in Österreich womöglich vom NKWD in die Sowjetunion in entführt und zu langjähriger Lagerhaft verurteilt zu werden. Ein Freund und Genosse des Ehepaars, der ebenfalls des Trotzkismus beschuldigt wurde, wurde aus Wien in die Sowjetunion entführt und war über Jahre in einen Lager in Sibirien eingekerkert.

Das Schweigen über Auschwitz

Über die persönlichen Angelegenheiten der Rosdolskys liest man in dem Buch wenig. Das Gerüst sind die Schriften und Diskussionsveranstaltungen. Ein eigens Kapitel nimmt die Verfolgungsgeschichte der Rosdolkys ein. Er war ein Jahr in Auschwitz inhaftiert und wurde von dort nach Ravensbrück, dann nach Sachsenhausen deportiert. Er gehörte zu denen Überlebenden eins Todesmarsches. „Immer derselbe Traum. Ich komme irgendwie wieder ins KZ, obwohl der Krieg schon aus ist, und ich muss die ganze Suppe noch mal auslöffeln“, vertraute t er viele Jahre später an seinen Freund, den Psychoanalytiker Ernst Federn, an (S.325). Seine Enkelin Diana Rosdolsky schreibt in einen Kapitel über das Schweigen über die Verfolgung und vor allem seine Verschleppung nach Auschwitz in seiner Familie. Er war als Kommunist und nicht als Jude inhaftiert worden, sah aber tagtäglich wie in der Todesfabrik Menschen vernichtet wurden. „In Auschwitz arbeitet Roman in einer Tischlerei, in welcher ständig darüber gestritten wird, ob die Fenster offen oder geschlossen gehalten werden sollen. Dies wird verständlich, angesichts des fürchterlichen Gestanks, brennender Leichen, die bei offenen Fenster umso ungehinderter in die Räume dringt“ (S. 332), schreibt Diana Rosdolsky.

Erstaunlicherweise wird in dem Buch Rosdolkys Schrift „Zur Analyse der Russischen Revolution“ nicht erwähnt, die er 1959 verfasst hat und die in den 1978 in Westberlin im Verlag Olle und Wolter herausgegebenen Buch „ Sozialismusdebatte. Historische Fragen und aktuelle Fragen des Sozialismus“ veröffentlicht wurde. Der Soziologe Christoph Jünke hat den Text in der vor einigen Monaten im neuen ISP-Verlag erschienenen Anthologie „Marxistische Stalinismuskritik im 20 Jahrhundert“ erneut veröffentlicht. In dem Text beschreibt Rosdolsky die ökonomische und politische Entwicklung in der frühen Sowjetunion. Er sieht in der tragischen Isolation der jungen Sowjetunion einen wesentlichen Grund für den Backlash des Stalinismus. In der Schrift verwahrte sich Rosdolksy gegen den von vielen TrotzkistInnen gebrauchten Begriff des degenerierten Arbeiterstaats für die Sowjetunion. Er hielt das für falsch, „weil in der Sowjetunion die Werktätigen selbst am wenigsten zu sagen haben und weil die herrschende Bürokratie alles dransetzt und setzen muss, um die Verwandlung des Staatseigentums in wahres Volkseigentums zu verhindern“. Am Ende der Schrift liefert Rosdolsky eine prägnante Einschätzung der sowjetischen Nomenklatura: „Sie haben in der langen Nacht der Stalin’schen Despotie die Sprache des revolutionären Marxismus restlos und hoffnungslos verlernt“ (S.296). Nicht die einzige Einschätzung von Rosdolky, die sich bestätigt hat. Es ist erfreulich, dass jetzt die Gelegenheit besteht sich mit den Leben und den Werken dieser zwei MarxistInnen gleich in mehreren Editionen vertraut zu machen. Neben der Arbeit von Christoph Jünke und dem Band des Mandelbaum-Verlags ist auch im Ca Ira-Verlag eine Neuedition von “Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen “Kapital” angekündigte, so dass hier Rosdolkskys besondere Verdiensten um den Zusammenhang zwischen Marxschen und Hegelschen Argumentationsfiguren am Originaltext nachgegangen werden kann- und auch den Grundlagen einer gegenüber orthodoxen Marx-Interpretationen in der Sozialdemokratie und dem Marxismus-Leninismus kritischen, nicht-ökonomistischen Lesart, die Teile der Neuentdeckung und -aneignung von Marx im Zuge der Studentenbewegung geprägt haben. Dass der Rosdolky-Kreis ihr Buch „Den Verdammten der Erde“ gewidmet hat, durfte ganz im Sinne der beiden Namensgeber sein. und erinnert an ein unabgegoltenes historisches “Projekt”.

aus: express – Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit – Ausgabe 1-2/2018

http://www.labournet.de/express-zeitung-fuer-sozialistische-betriebs-und-gewerkschaftsarbeit-ausgabe-1-22018/
Peter Nowak

Rosdolsky-Kreis, Mit permanenten Grüssen
Leben und Werk von Emmy und Roman Rosdolsky, Mandelbaum-Verlag, Wien 2017
22.00 €, 440 Seiten, ISBN: 978385476-662-9


Roskdolsky Roman, Zur Entstehungsgeschichte des Marschen Kapital, Der Rohentwurf des Kapital 1857 – 1858, Ca Ira Verlag, Freiburg (Im Erscheinen), ca. 600 Seiten, ISBN: 978-3-86-259-129-9, ca. Euro,

Jünke Christoph (Hrsg.) Marxistische Stalinismus-Kritik im 20. Jahrhundert – Eine Anthologie, Neuer ISP-Verlag, 2017, 616 Seiten, ISBN: 978-3-89900-150-1, 29,80 Euro

Jagd auf Roter Oktober

Donnerstag, 09. November 2017

Der Rummel zum Jahrestag ist zu Ende. Jetzt wäre es möglich, über das zu reden, was an der Oktoberrevolution wirklich interessant ist

“Hunderte Aktivisten stürmten den Reichstag von Berlin”[1] und kaum jemand hat davon Notiz genommen. Ach so, es war eine Kunstaktion des Schweizer Künstlers Milo Rau, und der angekündigte Reichstagssturm war eine kleine Kundgebung einige hundert Meter vom Objekt der Begierde weg.

Vom 3. bis 5. November haben einige hundert Künstler und Wissenschaftler in der Berliner Schaubühne getagt[2], die sich gleich als Weltparlament gerieren. Dort war unter anderem ein Politiker der türkischen Regierungspartei AKP vertreten. Aber auch einige zivilgesellschaftliche Organisationen, die sich gegen den Rassismus und für Tier- und Kinderrechte einsetzten, unterstützten die Aktion.

“Demokratie für Alle” stand auf einigen Plakaten. In Berlin sind solche Manifestationen nicht so selten und damit das ganze etwas gefährlicher aussieht, veranstaltet man sie an einem historischen Tag: 100 Jahre nach den Ereignissen in Russland, die als Oktoberrevolution in die Geschichte eingegangen sind und wegen der unterschiedlichen Kalender eben am 7. November stattgefunden haben.

Nun hätte die Inszenierung von Milo Rau zu jeden anderen Tag vor dem Rasen am Reichstag über die Bühne gehen können. Denn inhaltlich war sie so ziemlich das Gegenteil dessen, was vor 100 Jahren in Russland geschah. Die Parole “Demokratie für Alle” hätten nicht nur die Bolschewiki, sondern auch die Anarchisten und die linken Sozialrevolutionäre vehement kritisiert. Ihre Parole lautete: “Alle Macht den Räten.” Und den vermeintlichen “Reichstagsstürmern 2017″ fiel gar nicht auf, dass sie damit bei allen Parteien im Reichstag offene Türen einreißen.

Wenn manche den Mörder des Roten Oktober hoch leben lassen

Alle “Macht den Räten” hingegen würde kaum eine dieser Parteien unterstützen. Nun war das peinliche Theater nur eines der vielen Nickligkeiten, die Menschen in aller Welt sich rund um den Jahrestag der Oktoberrevolution ausgedacht haben. Die Aktion von Milo Rau war ja noch relativ harmlos und sorgte nur für theoretische Konfusion. Schlimmer ist es schon, wenn sich Menschen, die sich Kommunisten nennen, mit Stalinporträts aufmarschieren und meinen, damit den Roten Oktober zu feiern.

Dabei feiern sie den Kopf eines Systems, das fast sämtliche Errungenschaften des Roten Oktober zurückgenommen hat und die meisten derjenigen, die an der Oktoberrevolution beteiligt waren, einkerkern und ermorden ließ. Der Historiker Christoph Jünke[3] hat kürzlich eine Analogie mit Marxistischen Stalinismuskritiken im 21. Jahrhundert[4] im ISP-Verlag herausgegeben.

Dort ist dokumentiert, wie gründlich Marxisten das Phänomen des Stalinismus in den letzten 90 Jahren analysierten. Damit sind alle jene widerlegt, die Stalinismus und Marxismus gleichsetzen wollen. Blamiert sind aber auch all jene, die selbst beim Jahrestag der Oktoberrevolution nicht auf Stalinbilder verzichten können. Aber warum soll es dem Jahrestag der Oktoberrevolution anders gehen als den deutschen Lutherfeiern, die ebenfalls vor einigen Tagen zu Ende gegangen sind?

Beiden ist gemeinsam, dass fast alles, was da passierte, mit dem historischen Gegenstand wenig zu tun hat und allerlei Unsinn mit historischen Weihen versehen werden. So schlugen Initiativen irgendwelche Thesen an irgendwelchen Türen. Der Inhalt war ziemlich egal, Hauptsache man imitiert das, was Luther gemacht haben soll. Doch selbst dessen Thesenanschlag ist historisch nicht verbürgt[5].

Aber mit solchen unbewiesenen Details hält man sich die wichtigen Fragen vom Leib. Soll die Universität Halle, die in der NS-Zeit nach Luther benannt wurde, nicht umbenannt werden[6]? Denn, wer für die Nazis namenswürdig war, muss es heute keineswegs mehr sein[7].

Auf die Oktoberrevolution bezogen wird auch mit Recht betont, dass der Sturm auf den Winterpalais keine große Sache war. Die Kulturwissenschaftlerin Bini Adamczak[8] hat sogar mal von der “Besetzung eines Weinkellers” gesprochen. Doch eine Konzentration auf solche Ereignisse verkennt die Bedeutung dessen, was vor 100 Jahren in Petersburg geschehen ist. Vielleicht ist es jetzt, wo der Jubiläumstag Vergangenheit ist, einfacher, darüber zu reden.

Von der Pariser Kommune zum Roten Oktober

Der Sturm auf das Winterpalais war nicht die große Massenaktion, aber es war auch kein Putsch, wie es seit 100 Jahren viele Kritiker behaupten. Der 7.November 1917 war lediglich der Höhepunkt einer Entwicklung innerhalb der europäischen Arbeiterbewegung. Gegen den Flügel, der sich ein organisches Verschmelzen in den kapitalistischen Staat vorstellen konnte, stand der linke Flügel, der nur im Bruch mit den Strukturen des bürgerlichen Staates eine Voraussetzung für eine Gesellschaft ohne Ausbeutung, Unterdrückung und Krieg sah.

In der Pariser Kommune setzte sich diese Strömung für kurze Zeit durch und schuf sich Räte. Fortan orientierte sich der linke Flügel der Arbeiterbewegung an dem Modell. Mit Ausbruch des 1. Weltkriegs kam dieser Strömung eine besondere Verantwortung zu. Er lehnte es ab, wie die Rechten in das Kriegsgeschrei einzustimmen. Vielmehr sah er durch den Weltkrieg die Bedingungen für eine Revolution heranreifen.

Die Bolschewiki sahen sich als integraler Teil dieser linken Strömung. Sie hatten nie die Absicht, die Revolution in einem Land zu machen. Sie wollten das Startzeichen für eine globale Revolution geben und sie feierten, als es ihnen gelangt, die Macht länger als die Pariser Kommune zu behalten. Die Bolschewiki verachteten alles Nationale, bekämpften den Antisemitismus und sahen sich an der Spitze einer weltweiten Bewegung der linken Arbeiterbewegung. Land und Frieden war ihre Parole.

Es war also keineswegs die Machtgelüste einer Gruppe von Möchtegerndiktatoren, die für die Oktoberrevolution verantwortlich waren. Es war vielmehr der Versuch der organisierten Arbeiterbewegung, aus den Erfahrungen der Niederlage der Pariser Kommune Konsequenzen zu ziehen. Ähnliche Vorstellungen hatten zu jener Zeit Linke in vielen Ländern der Welt. Die Bolschewiki machten damit ernst, das machte sie auf der ganzen Welt populär.

Sie siegen nicht als nationale Partei, sondern als Teil einer internationalen Arbeiterbewegung. Sie wurden getragen von der Überzeugung großer Teile der lohnarbeitenden Menschen, dass es möglich ist, eine Welt vernünftig zu gestalten. Hierin lag und liegt die Bedeutung der Ereignisse vor 100 Jahren und nicht in dem Sturm auf ein Gebäude.

In Zeiten der gesellschaftlichen und historischen Amnesie haben Geschichtsfälscher leichtes Spiel. So kann in der Taz ein russischer Historiker die Geschichtslüge verbreiten[9], dass die Bolschewiki mit den antisemitischen “Schwarzen Hundertschaften” paktierten und die “Weißen Generäle” den Liberalen nahestanden. In der Realität waren unter den Gegnern die Sowjets fanatische Antisemiten, die mit ihrer Hetze gegen den jüdischen Bolschewismus auch die Nazis beeinflussten.

Revolution gegen das Kapital

Wenn Gramsci den Bolschewiki bescheinigte, die Oktoberrevolution sei eine Revolution gegen das Kapital von Karl Marx, war das ein Lob. Denn er bescheinigte ihnen, dass sie keine Doktrinäre sind, Schriften von Marx nicht als Bibel auffassten und sich im Zweifel an den realen Kämpfen und nicht den Schriften orientierten.

Gleichzeitig waren die Bolschewiki die Partei, die die alte Gesellschaft konsequent ablehnte, die sich nicht in irgendwelche Mitmachmodelle einspannen ließen. So konnte sie zu einem dritten Pool werden, der die Unzufriedenheit vor allem der unteren Schichten der Bevölkerung aufnehmen konnte. Es war gerade die Kompromisslosigkeit gegenüber dem alten System, das die Bolschewiki populär machte. Sie haben nicht die Pariser Kommune imitiert, sondern die Klassenkämpfe in Russland vorbereitet.

Das ist eben der Unterschied zwischen einer Inszenierung und einer Revolution. Die Bolschewiki waren keine Schauspieler, sie haben die Gesellschaft verändert. Das konnten sie nur, weil sie verstanden hatten, was in der russischen Gesellschaft vor 100 Jahren vorgegangen ist. So schreibt[10] Michael Brie vom Institut für Gesellschaftsanalyse der Rosa Luxemburg Stiftung:

Lenin erwies sich 1917 als Stratege auf der Höhe der Zeit. Er konnte das Erbe von fast 25 Jahren Aufbau einer in den Massen Russlands verankerten Arbeiterpartei einbringen. Er hatte im August 1914 als einer der ersten und wenigen den konsequenten Bruch mit aller Politik der sogenannten Vaterlandsverteidigung vollzogen und wie Liebknecht “Krieg dem Kriege” verkündet.

Er hatte sich dialektische Grundlagen einer Politik des Bruchs in Zeiten der Krise angeeignet und beim Studium der Literatur zum Imperialismus die Schwächen dieses Systems gerade in der nationalen Frage klarer erkannt als fast alle anderen. Er formulierte die wirksamsten Losungen zur richtigen Zeit und konnte in harten demokratischen Auseinandersetzungen seine eigene Partei immer wieder überzeugen. Wer linke Strategie in Zeiten der existenziellen Krise erlernen will, muss nicht zuletzt bei Lenin in die Schule gehen.

Michael Brie

Was tun?

Wenn heute Gruppen aus welchen Gründen auch immer die damaligen Kämpfe wiederaufführen, ist es nur eine Farce. Anknüpfen an die Bolschewiki heißt zunächst einmal die aktuellen gesellschaftlichen Zustände zu analysieren und die Bruchpunkte zu erkennen. Anknüpfen an die Bolschewiki heißt auch, die gesellschaftlichen Zusammenhänge zu verstehen und sich nicht an Einzelproblemen zu verzetteln.

Nur zwei aktuelle Punkte: Wenn es nun nach einem Urteil des Bundesverfassungsgericht ein drittes Geschlecht geben muss, so war die Sowjetunion in den ersten Jahren schon mal weiter. Nicht nur die Emanzipation der Frau, sondern auch die Emanzipation von Transmenschen gehörte zu den im Wesentlichen von Alexandra Kollontai vorangetriebenen Reformen.

Daher irrt auch Bini Adamczak, wenn sie in ihrem im Suhrkamp Verlag erschienen Buch Beziehungsweise Revolution[11] die These vertritt: “Während 1917 auf den Staat fokussierte, zielte 1968 auf das Individuum.” 1917 gab es diese Trennung gar nicht. Die Oktoberrevolution war sehr wohl in vieler Hinsicht auch eine sehr individuelle Befreiung für viele Menschen.

Und der große Klimazirkus, der uns zurzeit in Bonn geboten wird, wäre in der Tradition der Bolschewiki keine Einladung zum Mitmachen, sondern für Hohn und Spott. Doch ein Teil der außerparlamentarischen Linken gerieren sich als Klimaaktivisten als die besseren Weltretter. Doch sie folgen der neoromantischen Ökologiebewegung, wie schon die Reste der radikalen Linken in den 1980er Jahren. Der gesamte Klimadiskurs der letzten Jahre ist von den diesen Prämissen bestimmt.

Die Vorstellung, dass der Mensch die Natur verändert wird heute zum Sündenfall erklärt. Deswegen setzen die neuen Romantiker alles dran, den ökologischen Fußabdruck des Menschen immer mehr zu verkleinern. Andere sagen offen, dass sie es am liebsten sehen, wenn der Mensch ganz verschwindet.

Die Bolschewiki standen aber für eine Bewegung, in der sich die Menschen die Natur aneignen und so verändern, dass die Erde kein barbarisches Jammertal mehr ist, in dem man sich von den Launen der Natur beherrschen lässt. Die Emanzipation setzt mit der Erkenntnis an, dass sich der Mensch mittels der Vernunft von den Zwängen der Natur befreit.

Im gesamten Diskurs über den Klimawandel unterwerfen sich die Menschen lustvoll den Launen der Natur. In diesem Sinne währe es eine zeitgemäße Position zum Klimagipfel: “Alle reden vom Wetter. Wir nicht, wir reden von Gesellschaft und wie sie zu einem vernünftigen Ort werden kann.”

Peter Nowak

https://www.heise.de/tp/features/Jagd-auf-Roter-Oktober-3885179.html
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Links in diesem Artikel:
[1] http://www.newsdeutschland.com/n/Politik/75ehjmblk/Hunderte-Aktivisten-st%C3%BCrmen-den-Reichstag-in-Berlin.htm
[2] http://international-institute.de/general-assembly-generalversammlung-assemblee-generale
[3] https://www.fernuni-hagen.de/geschichte/lg2/team/christoph.juenke.shtml
[4] https://www.neuerispverlag.de/verweis.php?nr=167
[5] https://www.welt.de/kultur/history/article12471359/Luther-hat-seine-95-Thesen-nicht-angeschlagen.html
[6] http://www.mdr.de/sachsen-anhalt/halle/stura-uni-halle-kritisiert-kult-um-luther-100.html
[7] http://www.stura.uni-halle.de/blog/nicht-unser-held-nicht-unsere-reformation-lutherjahr-kritisieren/
[8] http://www.suhrkamp.de/buecher/beziehungsweise_revolution-bini_adamczak_12721.html
[9] http://www.taz.de/Archiv-Suche/!5457823&s=/
[10] https://www.neues-deutschland.de/artikel/1037001.unausschlagbar-unannehmbar.html
[11] http://www.suhrkamp.de/buecher/beziehungsweise_revolution-bini_adamczak_12721.html