Charles Bettelheim: Klassenkämpfe in der UdSSR, Die Buchmacherei, Berlin 2016, 666 S.

Charles Bet­telheim ist in Deutschland bisher wenig bekannt. Das könnte sich jetzt ändern. Der kleine Ber­liner Verlag „Die Buch­ma­cherei“ hat erstmals in deut­scher Sprache die Bände 3 und 4 seines Mo-numen­tal­werkes „Klas­sen­kämpfe in der UdSSR“ her­aus­ge­geben. In Frank­reich waren sie in den Jahren 1982/83 erschienen und sorgten für große Auf­merk­samkeit. Darin liefert der mar­xis­tische Ökonom eine pro­funde Kritik der sowje­ti­schen Ent­wicklung. Die besondere Stärke des 1913 in Paris gebo­renen und 2006 dort ver-stor­benen Bet­telheim ist seine umfas­sende Kenntnis der öko­no­mi­schen Ver­hält­nisse in der Sowjet­union und den nomi­nalsozi-alis­ti­schen Staaten. Er argu­men­tiert nicht mora­lisch, sondern zeigt auf­grund seiner soliden Marx-Kenntnis den Wider­spruch zwi­schen Anspruch und Rea­lität in der no-minal­so­zia­lis­ti­schen Öko­nomie auf.Die Gesell­schafts­for­mation in der Sowjet­union bezeichnet er als Staats­ka­pi­ta­lismus, der wei­terhin auf Aus­beutung von Arbeits­kraft basiert. Dabei kann sich Bet­telheim nicht nur auf Marx, sondern auch auf Lenin berufen. Dieser habe mehrmals erklärt, dass die Bol­schewiki in der Sowjet­union nicht den Sozia­lismus auf bauen, son-dern den Kapi­ta­lismus ent­wi­ckeln müssen. So zitiert Bet­telheim eine Rede Lenins von 1919, wonach im Oktober 1917 in Russland nicht eine Dik­tatur des Pro­le­ta­riats, sondern eine Dik­tatur im Namen des Pro­le­ta­riats eta­bliert wurde (S. 31). Diese Ent­wicklung, so Bet­telheim, war von den Bol­schewiki nicht geplant, sondern ihrer tra­gi­schen Ein-samkeit geschuldet. Nachdem alle anderen Räte­re­pu­bliken blutig zer­schlagen worden seien, sollte aus­ge­rechnet das kapi­ta­lis­tisch noch kaum ent­wi­ckelte Russland das Mo-dell für den Auf bau des Sozia­lismus werden. Während Lenin diese Wider­sprüche noch klar benannte, haben seine Nach­folger sie aus­ge­blendet und dann im Sta­li­nismus blutig unter­drückt. Die ersten Opfer wurden Arbei­te­rInnen und Mit­glieder der bol­sche­wis­ti­schen Partei. Bet­telheim weist über­zeugend nach, wie mit der Eta­blierung eines beson­deren Typs von Staats­ka­pi­ta­lismus in der UdSSR die Arbei­te­rInnen mehr und mehr ent­machtet wurden. Dabei macht er aber deutlich, dass dieser Prozess kei­neswegs rei­bungslos verlief und sich große Teile der bol­sche­wis­ti­schen Akti­vis­tInnen wider­setzten. Darin sieht Bet­telheim auch einen Grund für die Schau­pro­zesse und den Terror gegen Kom­mu­nis­tInnen der ersten Stunde. Er zeigt zudem auf, dass infolge der Revo­lution die Macht der Arbei­te­rInnen enorm aus­ge­weitet worden war und der Sta­li­nismus der große Rollback war, bei dem ih-nen die Macht wieder genommen wurde. Die pro­funden Kennt­nisse der sowje­ti­schen Ver­hält­nisse und besonders der Öko­nomie sorgen dafür, dass Bet­tel­heims Analyse Pio­nier­cha­rakter hat, wenn es um die Ein­schätzung der sowje­ti­schen Wirt­schafts- und Arbeits­po­litik geht​.So zeichnet er die Rolle der Betriebs­lei­te­rInnen sehr genau nach. Diese hatten nach der Revo­lution massiv an Auto­rität ein­gebüßt. Statt­dessen erhielten die Arbei­ter­ko­mitees viel Einuss, der aber immer mehr beschnitten wurde. Bet­telheim schildert detail­liert die Maß­nahmen, die die pro­letari-sche Macht in den Betrieben immer mehr ein­schränkten. Er zitiert aus Ver­ord­nungen, in denen oen die „Aus­kämmung überflüssiger Arbeiter“ (S. 132) und ihre Dis­zi­pli­nierung und Ein­ordnung in die Fabrik­despo-tie (S. 135) als Ziele benannt wurden. Sehr deutlich und bezeichnend ist eine Erklärung der für Wirt­schafts­fragen zustän­digen Abteilung der bol­sche­wis­ti­schen Partei, wer der err im Betrieb im sowje­ti­schen Fabrik­des­po­tismus ist: „Alles, muss dem Direktor unter­ge­ordnet sein. Der Boden muss zittern, wenn der Direktor in der Fabrik umgeht.“ (S. 141)Dabei macht Bet­telheim immer wieder deutlich, dass dieser Prozess kei­neswegs linear verlief. Wenn die Arbei­te­rIn­nenrech-te zu stark ein­ge­schränkt wurden, initi­ierte die Partei wieder eine Kam­pagne gegen die Macht der Tech­niker. Zudem wurden die Gewerk­schaften auf­ge­fordert, die Interes-sen der Arbei­te­rInnen besser zu ver­treten. Ob solche Kam­pagnen reiner Popu­lismus oder auch ein Aus­druck der Macht­kämpfe innerhalb der bol­sche­wis­ti­schen Partei waren, lässt der Autor oen. Sehr dierenziert betrachtet Bet­telheim auch die Stachanow-Bewegung. Dabei habe es sich zunächst um eine Initiative gehandelt, die unter Fach­ar­bei­te­rInnen ent­stand, die die Mög­lich­keiten der Arbei­ter­In­nen­macht nutzten, die es nach der Okto­berrevo-lution gab. „Aus diesem Blick­winkel nimmt die Stachanow-Bewegung einen revo­lutio-nären Cha­rakter an, gleichwohl er auch ein­hergeht mit einer Arbeits­in­ten­si­vierung und einer Akzen­tu­ierung des kapi­ta­lis­ti­schen Cha­rakters der Pro­duktion“ (S. 183), fasst Bet­telheim den wider­sprüch­lichen Charak-ter zusammen.Bald wurde diese Initiative von der Staats­partei ver­ein­nahmt und ver­fälscht. Auf einmal wurden überall Stachanow-Wett­be­werbe aus­ge­rufen, die meist keiner-lei Erfolge brachten. So wurde eine Initiative von unten abge­würgt. Teile des Pro­le­ta­riats reagierten darauf all­er­gisch, weil damit die Arbeits­normen erhöht wurden. Bet­telheim kommt zu dem Schluss, dass Fach­ar­bei­te­rInnen durchaus einen Teil der bol­sche­wis­ti­schen Basis aus­machten und es erfolg­reiche Kam­pagnen gab, um mehr Arbei­te­rInnen in die Partei auf­zu­nehmen. Aller­dings seien einige der Neu­mit­glieder gleich in Funk-tio­närs­posten auf­ge­rückt und hätten sich so von ihrer pro­le­ta­ri­schen Her­kunft ent­fernt. Bet­telheim zeigt auch auf, dass das Nomen-kla­tura­system hier­ar­chisch gegliedert war und es unter­schied­liche Zugänge zu Ver-güns­ti­gungen aller Art gab. So bildete sich eine Klas­sen­ge­sell­schaft neuen Typs heraus. Nicht wenige der alten Fach­ar­bei­te­rInnen gehörten nun der Nomen­klatura an und beu­teten Arbei­te­rInnen anderer Seg­mente aus, die oft erst aus der Land­wirt­schaft mehr oder weniger frei­willig abge­wandert waren. Die rigide Politik gegen die Bäue­rinnen und Bauern erinnert an die ursprüng­liche Akku­mu­lation des Kapitals, bei der das Bauern-legen ein wich­tiger Bestandteil war. Diese Aspekte werden von Bet­telheim in klarer Diktion benannt und für eine hoffentlich kon­tro­verse Debatte sorgen.Doch leider bleibt das Buch nicht bei einer räte­kom­mu­nis­ti­schen Kritik an der So-wjet­union stehen. An meh­reren Stellen vor allem im hin­teren Teil wird der Westen gelobt und gerade im zweiten Teil schreibt der Autor in ein­deutig tota­li­ta­ris­mus­theo­re­ti­scher Art und Weise über die Sowjet­union (S. 338). Bet­telheim sym­pa­thi­sierte wie viele andere in den 1960er-Jahren mit der mao­is­ti­schen Kul­tur­re­vo­lution, bevor er wie diese in den 1970er-Jahren unter dem Ein­druck der Lektüre von Schriften chi­ne­si­scher und sowje­ti­scher Dis­si­denten zum Vor­kämpfer des freien Westens gegen den „öst­lichen Des­po­tismus“ wurde. So ist das Buch zumindest im zweiten Teil zunehmend von der soge­nannten Neuen Phi­lo­sophie kon­ter­mi­niert. An diesen Stellen hat Bet­telheim sein Fach­gebiet, die Öko­nomie, ver­lassen und allerlei eoriefrag­mente der neuen Phi­lo­sophen ver­wendet. Einige der in dem Buch häufig zitierten Wis­sen­schaft­le­rInnen wie Nicolas Werth haben später das berüch­tigte „Schwarz-buch des Kom­mu­nismus“ her­aus­ge­geben. So zeigt sich ein zwei­facher Bet­telheim: der präzise argu­men­tie­rende, mit pro­funder Marx-Kenntnis ope­rie­rende Ökonom, der über die Klas­sen­ver­hält­nisse und Klassen-kämpfe in der Sowjet­union auf klärt, und der von den Neuen Phi­lo­sophen beeinus-ste Tota­li­ta­ris­mus­theo­re­tiker.

aus:

Arbeit – Bewegung Geschichte
ZEIT­SCHRIFT FÜR HIS­TO­RISCHE STUDIEN 2017/III

Peter Nowak

100 Jahre Staatskapitalismus

Neue Literatur zum hundertsten Jahrestag der Oktoberrevolution

Charles Bet­telheim: Klas­sen­kämpfe in der UdSSR. Die Buch­ma­cherei, Berlin 2016, 666 Seiten, 24 Euro, ISBN 978–3-00–052633-6

Anté Ciliga: Im Land der ver­wir­renden Lüge. Die Buch­ma­cherei, Berlin 2016, 304 Seiten, 15 Euro, ISBN 9783000314681

Rabi­no­witch Alex­ander: Die Revo­lution der Bol­schewiki 1917. Mehring-Verlag, Essen 2016, 602 Seiten, 34,90 Euro, ISBN 978–3-88634–097-2

Rabi­no­witch Alex­ander: Das erste Jahr. Mehring Verlag, Essen 2016, 677 Seiten, 34,90 Euro, ISBN 978–3-88634–090-3

Zum hun­dertsten Jah­restag der Okto­ber­re­vo­lution wird uns eine Flut von Büchern erwarten, deren AutorInnen uns erklären werden, dass deren Scheitern nur beweist, dass es jen­seits von Kapi­ta­lismus und Markt­wirt­schaft keine Alter­na­tiven gibt.

Alle Ver­suche, aus der Kapi­tal­logik aus­zu­brechen, würden nur in Des­potie und letztlich im Sta­li­nismus enden. So wird mit dem auto­ri­tären Staats­so­zia­lismus jede anar­chis­tische, räte- und links­kom­mu­nis­tische Kritik gleich mit beerdigt. Daher ist dem kleinen Ber­liner Verlag »Die Buch­ma­cherei« zu danken, dass sie ein zen­trales Buch des fran­zö­si­schen Sozio­logen Charles Bet­telheim ins Deutsche über­setzt haben.

Der 1913 in Paris geborene und dort 2006 ver­storbene Intel­lek­tuelle hatte sich in den 1970er Jahren als linker Kri­tiker der Sowjet­union einen Namen gemacht. Lange Zeit hat er sich auch deutlich gegen den Nomi­nal­so­zia­lismus und Kapi­ta­lismus gewandt. Dabei bewegte er sich aber, um gleich auch den zen­tralen Kri­tik­punkt anzu­sprechen, im Gedan­ken­ge­bäude des auto­ri­tären Sozia­lismus. So kri­ti­siert Bet­telheim in den 1970er Jahren die Sowjet­ge­sell­schaft vom mao­is­ti­schen Stand­punkt aus, unter­stützte einige Jahre die Kul­tur­re­vo­lution in China, bevor er in den 1980er Jahren mit den soge­nannten Neuen Phi­lo­sophen in China die auto­ri­tären Sozia­lis­mus­vor­stel­lungen selber einer kri­ti­schen Prüfung unterzog. Die aber suchten dann den Ausweg eben­falls nicht in anar­chis­ti­schen oder dis­si­denten kom­mu­nis­ti­schen Vor­stel­lungen, sondern wurden oft zu Ver­tei­di­ge­rInnen der Tota­li­ta­ris­mus­theorie und zu Apo­lo­ge­tInnen des Kapi­ta­lismus. Diese kri­tische Ent­wicklung kann man in den von Andreas Förster ins Deutsche über­setzten Bänden 3 und 4 von Bet­tel­heims Monu­men­talwerk »Die Klas­sen­kämpfe in der UdSSR« gut nach­ver­folgen.

Bet­tel­heims besondere Stärke waren seine pro­funden Kennt­nisse der öko­no­mi­schen Ver­hält­nisse in der Sowjet­union und den nomi­nal­so­zia­lis­ti­schen Staaten. Er argu­men­tierte nicht mora­lisch, sah den Wider­spruch zwi­schen Anspruch und Rea­lität in der nomi­nal­so­zia­lis­ti­schen Öko­nomie. Wer heute das nur noch anti­qua­risch erhält­liche, 1970 erschienene Buch »Öko­no­mi­sches Kalkül und Eigen­tums­formen« liest, bekommt eine gute Ein­führung in die präzise Argu­men­ta­ti­ons­weise von Bet­telheim. Dort weist er über­zeugend nach, dass es falsch ist, Sozia­lismus mit Plan­wirt­schaft und Ver­staat­li­chung und Kapi­ta­lismus mit Markt gleich­zu­setzen. Bet­telheim erklärt, dass die for­mal­ju­ris­tische Ebene noch keinen Auf­schluss über die realen Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nisse gibt und Staats­ei­gentum keine wirk­liche Ver­ge­sell­schaftung bedeute. Es können auch in einer ver­staat­lichen Öko­nomie kapi­ta­lis­tische Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nisse vor­herr­schen, so Bet­tel­heims Argu­mente, die sich auf Texte von Marx und Engels stützten.

graswurzelrevolution


417 märz 2017

http://​www​.gras​wurzel​.net/​4​1​7​/​o​k​t​o​b​e​r.php

Peter Nowak

Eine besondere Form von Staatskapitalismus

In den nun in der Buch­ma­cherei her­aus­ge­ge­benen Bänden 3 und 4 der »Klas­sen­kämpfe in der UDSSR« spitzt Bet­telheim seine Kritik am sowje­ti­schen Modell zu. Er bezeichnet es als einen Staats­ka­pi­ta­lismus, der wei­terhin auf Aus­beutung von Arbeits­kraft basiert. Dabei kann sich der Soziologe nicht nur auf Marx berufen, sondern auch auf Lenin. Der hat mehrmals erklärt, dass die Bol­schewiki in der Sowjet­union nicht den Sozia­lismus auf­bauen, sondern den Kapi­ta­lismus ent­wi­ckeln. Dabei argu­men­tierte er rein öko­no­misch. Nachdem alle anderen Räte­re­pu­bliken, die in den Jahren 1918 bis 1920 ent­standen waren, von den alten Mächten blutig zer­schlagen worden waren, war es natürlich absurd zu glauben, dass aus­ge­rechnet das kapi­ta­lis­tisch noch kaum ent­wi­ckelte Russland das Modell für den Aufbau des Sozia­lismus werden konnte. Wie weit die zen­tra­lis­ti­schen Revo­lu­ti­ons­vor­stel­lungen der Bol­schewiki diesen Versuch von Anfang an ver­un­mög­lichten, ist eine Streit­frage, die unter den linken Kri­ti­ke­rInnen der Ent­wicklung in der Sowjet­union (SU) seit 100 Jahren dis­ku­tiert wird. Für die Dis­kussion dieser Frage emp­fiehlt sich die Lektüre der beiden im Mehring-Verlag auf deutsch erschie­nenen Bände »Die Revo­lution der Bol­schewiki 1917« und »Das erste Jahr«, in denen die Ent­wicklung akri­bisch und mit viel Quel­len­ma­terial nach­ge­zeichnet wird.

Bet­telheim ana­ly­siert, wie mit der Eta­blierung eines beson­deren Typs von Staats­ka­pi­ta­lismus in der UdSSR die Arbei­te­rInnen mehr und mehr ent­machtete. Dabei macht er aber auch deutlich, dass dieser Prozess kei­neswegs rei­bungslos verlief und sich große Teile der bol­sche­wis­ti­schen Basis gegen diesen Kurs wehrten. Darin sieht Bet­telheim auch einen Grund für die Schau­pro­zesse und den Terror gegen Kom­mu­nis­tInnen der ersten Stunde, die sich bald mit anderen Kri­ti­ke­rInnen in den Gefäng­nissen wie­der­fanden. Bet­telheim zeigt in dem Buch auf, dass nach der Revo­lution die Macht der Arbei­te­rInnen enorm aus­ge­weitet worden war. Er sieht im Sta­li­nismus den großen Rollback am Werk, mit dem die Arbei­te­rInnen wieder zu Rädchen in der nun staats­ka­pi­ta­lis­ti­schen Maschine gemacht worden sind.

Seine Kennt­nisse der sowje­ti­schen Ver­hält­nisse und besonders der Öko­nomie zeigen sich da, wo Bet­telheim die Debatte über die Betriebs­lei­te­rInnen nach­zeichnet. Die hatten nach der Revo­lution massiv an Auto­rität ein­gebüßt. Statt­dessen haben die Arbei­ter­ko­mitees viel Ein­fluss gehabt. Der wurde immer mehr beschnitten, doch auch dieser Prozess war kei­neswegs linear. Es gab noch in den 1930er Jahren Wider­stand gegen die Ein­schränkung der Arbei­te­rIn­nen­rechte, auch in den Reihen der Bol­schewiki.

Klassengesellschaft neuen Typs

Dif­fe­ren­ziert betrachtet Bet­telheim auch die Stachanow-Bewegung. Dabei habe es sich zunächst um eine Initiative gehandelt, die bei Seg­menten der Fach­ar­bei­te­rInnen ent­standen ist, die die Mög­lich­keiten der Arbei­ter­In­nen­macht nutzten, die es nach der Okto­ber­re­vo­lution gegeben hat. Doch bald wurde diese Initiative von der Staats­partei ver­ein­nahmt und ver­fälscht. Auf einmal wurden überall Stachanow-Wett­be­werbe aus­ge­rufen, die meist kei­nerlei Erfolge brachten.

So wurde eine Initiative von Unten abge­würgt. Teile des Pro­le­ta­riats reagierten darauf all­er­gisch, weil damit die Arbeits­normen erhöht wurden. Bet­telheim kommt zu dem Schluss, dass die bol­sche­wis­tische Basis durchaus aus einem Teil der Fach­ar­bei­te­rInnen bestand. Es gab erfolg­reiche Kam­pagnen, um mehr Arbei­te­rInnen in die Partei auf­zu­nehmen. Aller­dings sei ein Teil der Neu­mit­glieder gleich in Funk­tio­närs­posten auf­ge­rückt und habe sich so von der pro­le­ta­ri­schen Her­kunft ent­fernt. Bet­telheim zeigt auch auf, dass das Nomen­kla­tura­system hier­ar­chisch gegliedert war und es unter­schied­liche Zugänge zu Ver­güns­ti­gungen aller Art gab. So bildete sich eine Klas­sen­ge­sell­schaft neuen Typs heraus. Ein Teil der alten Fach­ar­bei­te­rInnen wurde zur Nomen­klatura und beutete andere Arbei­te­rInnen aus, die oft erst aus der Land­wirt­schaft mehr oder weniger freilich abwan­derten. Die rigide Politik gegen die Bäue­rinnen und Bauern erinnert auch an die ursprüng­liche Akku­mu­lation im Kapi­ta­lismus, wo das Bau­ern­leben ein wich­tiger Bestandteil war. Diese Aspekte werden von Bet­telheim in klarer Diktion benannt. Sie werden für eine hof­fentlich kon­tro­verse Debatte sorgen.

Propaganda und Realität der Zwangsarbeit in der Sowjetunion

Ein­dringlich schildert Bet­telheim den Prozess der Her­aus­bildung des Fabrik­des­po­tismus der Zwangs­arbeit in der SU. Die mas­sen­hafte Ver­wendung von Zwangs­ar­bei­te­rInnen setzte in den Jahren 1930 und 1931 beim Bau des Kanals zwi­schen der Ostsee und dem Weißen Meer ein. »Sei­ner­seits wird die Erfüllung dieser Arbeit von gewissen sowje­ti­schen Schrift­stellern als Epos dar­ge­stellt, aber sie schwiegen über die viele Toten, die es auf dieser und auf so vielen anderen Bau­stellen gegeben hat«, kri­ti­siert Bet­telheim Schrift­steller wie Gorki. Die offi­zielle Par­tei­ge­schichte zitiert Bet­telheim mit dieser Apo­logie der Zwangs­arbeit: »Der gran­diose Sieg des Sozia­lismus an allen Fronten macht die breite Beschäf­tigung der Arbeits­kraft von Kri­mi­nellen in der Haupt­straße des sozia­lis­ti­schen Aufbaus möglich. Mit dem Ein­tritt der UdSSR in die Periode des Sozia­lismus ist die Mög­lichkeit der Anwendung von Straf­maß­nahmen durch Zwangs­arbeit unendlich ange­wachsen.« Kein erklärter Anti­kom­munist hätte die Idee des Sozia­lismus mehr per­ver­tieren können, als die Ver­fas­se­rInnen dieser Zeilen.

Von den neuen Philosophen kontaminiert

Das Erschrecken über die Erkenntnis, einen Sozia­lis­mus­modell ange­hangen zu haben, das sich selber damit preist, die Mög­lich­keiten der Zwangs­arbeit unendlich aus­ge­weitet zu haben, hat wohl dazu bei­getragen, dass in den 1980er Jahren manche der ex-sta­li­nis­ti­schen und exmao­is­ti­schen Intel­lek­tu­ellen zu Apo­lo­ge­tInnen des Kapi­ta­lismus geworden sind. Leider ist auch das Buch vor allem im letzten Teil von diesen soge­nannten Neuen Phi­lo­so­phInnen kon­ta­mi­niert, die ein Loblied auf den freien Westen und die Seg­nungen des Kapi­ta­lismus singen. Warum soll das Buch trotz dieser Kritik zur Lektüre emp­fohlen werden?

Zunächst domi­niert Bet­tel­heims Kritik am Nomi­nal­so­zia­lismus und der öko­no­mische Nachweis, dass der mit Marx nichts zu tun hatte, den Hauptteil des Buches. Er tritt überall dort in die Fallen des Tota­li­ta­rismus, wo er statt dieser kri­ti­schen Analyse einen all­ge­meinen Rund­um­schlag in die Welt­po­litik wagt. Zudem kann man am Bei­spiel von Bet­telheim sehen, wie kurz der Weg vom auto­ri­tären Sozia­lismus zur Apo­logie der freien Welt ist, wenn man räte­kom­mu­nis­tische und anar­chis­tische Ansätze aus­blendet.

Bei Bet­telheim wird das Adjektiv »anar­chis­tisch« selten ver­wendet, wenn doch, dann im bür­ger­lichen, fal­schen Sinn als chao­tische Situation. Dabei werden von Bet­telheim mit Victor Serge und Ante Ciliga auch zwei Zeit­zeugen des Über­gangs der Okto­ber­re­vo­lution zum Zwangs­system als Quellen zitiert, die sich zumindest zeit­weise als Anar­chisten ver­standen haben. Wobei aller­dings bei Ciliga nicht uner­wähnt bleiben soll, dass er ab Ende der 1930er mit dem faschis­ti­schen Ustascha-Régime kol­la­bo­rierte und noch in den letzten Monaten des NS-Regimes nach Deutschland reiste.

Das ent­wertet nicht seine Kritik am Sta­li­nismus, die er in seinem 1936 ver­öf­fent­lichten Buch »Im Land der ver­wir­renden Lüge« ver­öf­fent­lichte. Es wurde 2010 eben­falls im Verlag »Die Buch­ma­cherei« wieder auf­gelegt. Die Bio­graphie Ciligas zeigt auch, wie not­wendig eine scho­nungslose Kritik nicht nur gegenüber den Apo­lo­ge­tInnen des auto­ri­tären Sozia­lismus ist. Auch dessen Kri­ti­ke­rInnen können auf unter­schied­lichen rechten Abwegen landen.

Peter Nowak

Widerspruch: Sowjetunion

Der französische Soziologe Charles Bettelheim kritisierte in den 70er Jahren die Sowjetunion aus einer kommunistischen Perspektive. Die Bände 3 und 4 seines Hauptwerks sind nun auch auf Deutsch erschienen.

Zum 100. Jah­restag der Okto­ber­re­vo­lution wird uns eine Flut von Büchern erwarten, deren AutorInnen uns erklären werden, warum die Okto­ber­re­vo­lution von Anfang an ein Ver­brechen war. Charles Bet­telheim gehörte nicht dazu. Der fran­zö­sische Soziologe hatte Bekanntheit errungen als linker Kri­tiker der Sowjet­union und des Real­so­zia­lismus und machte dabei immer deutlich, dass sein Ziel ein wirk­licher Sozia­lismus ist. Eine Apo­logie der kapi­ta­lis­ti­schen Ver­hält­nisse lag dem 1903 in Paris gebo­renen und dort 2006 ver­stor­benen enga­gierten Intel­lek­tu­ellen fern. Bet­tel­heims besondere Stärke war seine pro­funde Kenntnis der öko­no­mi­schen Ver­hält­nisse in der Sowjet­union und den real­so­zia­lis­ti­schen Staaten. Er begründete nicht mora­lisch, sondern mit seiner pro­funden Marx-Kenntnis, den Wider­spruch zwi­schen Anspruch und Rea­lität in der real­so­zia­lis­ti­schen Öko­nomie. Wer heute das nur noch anti­qua­risch erhält­liche 1970 erschienene Buch «Öko­no­mi­sches Kalkül und Eigen­tums­formen» liest, bekommt eine gute Ein­führung in die präzise Argu­men­ta­ti­ons­weise von Bet­telheim. Dort weist er über­zeugend nach, dass es falsch ist, Sozia­lismus mit Plan­wirt­schaft und Ver­staat­li­chung sowie Kapi­ta­lismus mit Markt gleich­zu­setzen. Bet­telheim weist darauf hin, dass die for­mal­ju­ris­tische Ebene noch keinen Auf­schluss über die realen Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nisse gibt und Staats­ei­gentum keine wirk­liche Ver­ge­sell­schaftung bedeutet. Es können auch in einer ver­staat­lichen Öko­nomie kapi­ta­lis­tische Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nisse vor­herr­schen, so Bet­tel­heims auf Texte von Marx und Engels gestützte Argu­mente.

Eine Form von Staatskapitalismus

In dem kürzlich im kleinen Ber­liner Verlag «Die Buch­ma­cherei» erstmals in deut­scher Sprache her­aus­ge­ge­benen Bände 3 und 4 seinen Monu­men­tal­werkes «Klas­sen­kämpfe in der UdSSR» spitzt Bet­telheim seine Kritik am sowje­ti­schen Modell fort. Er ezeichnet es als einen Staats­ka­pi­ta­lismus, der wei­terhin auf Aus­beutung von Arbeits­kraft basiert. Dabei kann sich der Soziologe nicht nur auf Marx, sondern auch auf Lenin berufen. Der hat mehrmals erklärt, dass die Bol­schewiki in der Sowjet­union nicht den Sozia­lismus auf­bauen, sondern den Kapi­ta­lismus ent­wi­ckeln müssen. Das war nun keine miese Finte der Bol­schewiki oder gar ein Betrug an den Massen, die die Revo­lution gemacht haben. Diese Ent­wicklung war vielmehr der tra­gi­schen Ein­samkeit der Bol­schewiki geschuldet. Nachdem alle anderen Räte­re­pu­bliken blutig zer­schlagen worden waren, sollte aus­ge­rechnet das kapi­ta­lis­tisch noch kaum ent­wi­ckelte Russland das Modell für den Aufbau des Sozia­lismus werden. Während Lenin diese Wider­sprüche noch benannte und sogar einmal davon sprach, dass eine neue kom­mu­nis­tische Partei gegründet werden müsste, die die ursprüng­lichen Ideen der Revo­lution nun gegen die Staats­partei erkämpfen müsse, haben seine Nach­fol­ge­rInnen diese Wider­sprüche zunächst aus­ge­blendet und dann in der Stalin Ära blutig unter­drückt. Die ersten Opfer wurden die Arbei­te­rInnen und die Mit­glieder der Bol­schewiki. Bet­telheim weist über­zeugend nach, wie mit der Eta­blierung eines beson­deren Typs von Staats­ka­pi­ta­lismus in der UdSSR die Arbei­te­rInnen mehr und mehr ent­machtet wurden. Dabei macht er aber auch deutlich, dass dieser Prozess kei­neswegs rei­bungslos vor sich ging und sich grosse Teile der bol­sche­wis­ti­schen Akti­vis­tInnen gegen diesen Kurs wehrten.

Klassengesellschaft neuen Typs

Die pro­funden Kennt­nisse der sowje­ti­schen Ver­hält­nisse und besonders der Öko­nomie zeigen sich da, wo Bet­telheim die Debatte über die Betriebs­lei­te­rInnen nach­zeichnet. Die hatten nach der Revo­lution massiv an Auto­rität ein­ge­büsst. Statt dessen haben die Arbei­ter­ko­mitees viel Ein­fluss gehabt, der immer mehr beschnitten wurde, doch auch dieser Prozess war kei­neswegs linear. Wenn die Arbei­te­rIn­nen­rechte zu stark ein­ge­schränkt wurden, initi­ierte die Partei wieder eine Kam­pagne gegen die Macht der Tech­ni­ke­rInnen. Zudem wurden die Gewerk­schaften auf­ge­fordert, die Inter­essen der Arbei­te­rInnen besser zu ver­treten. Ob solche Kam­pagnen reiner Popu­lismus waren oder ob sie auch ein Aus­druck der impro­vi­sierten Politik der Bol­schewiki war, die gegenüber ihrem eigenen Selbstbild und der Pro­pa­ganda oft reagierten, lässt Bet­telheim offen. Sehr dif­fe­ren­ziert betrachtet Bet­telheim auchdie Stachanow-Bewegung. Dabei habe es sich zu nächst um eine Initiative gehandelt, die bei Seg­menten der Fach­ar­bei­te­rInnen ent­standen ist, die die Mög­lich­keiten der Arbei­ter­In­nen­macht nutzten, die es nach der Okto­ber­re­vo­lution gegeben hat. Doch bald wurde diese Initiative von der Staats­partei ver­ein­nahmt und ver­fälscht. Auf einmal wurden überall Stachanow-Wett­be­werbe aus­ge­rufen, die meist kei­nerlei Erfolge brachten. So wurde eine Initiative von unten abge­würgt. Teile des Pro­le­ta­riats reagierten darauf all­er­gisch, weil damit die Arbeits­normen erhöht wurden. Bet­telheim kommt auch zu dem Schluss, dass die bol­sche­wis­tische Basis durchaus aus einem Teil der Fach­ar­bei­te­rInnen bestand. Es gab erfolg­reiche Kam­pagnen, um mehr Arbei­te­rInnen in die Partei auf­zu­nehmen. Aller­dings sei ein Teil der Neu­mit­glieder gleich in Funk­tio­närs­posten auf­ge­rückt und habe sich so von der pro­le­ta­ri­schen Her­kunft ent­fernt. Bet­telheim zeigt auch auf, dass das Nomen­klatura-System hier­ar­chisch gegliedert war und es unter­schied­liche Zugänge zu Ver­güns­ti­gungen aller Art gab. So bildete sich eine Klas­sen­ge­sell­schaft neuen Typs heraus. Ein Teil der alten Fach­ar­bei­te­rInnen wurde zur Nomen­klatura und beutete andere Arbei­te­rIn­nen­seg­mente aus, die oft erst aus der Land­wirt­schaft mehr oder weniger frei­willig abwan­derten. Die rigide Politik gegen die Bäue­rinnen und Bauern erinnert auch an die ursprüng­liche Akku­mu­lation im Kapi­ta­lismus, wo das Bau­ern­legen ein wich­tiger Bestandteil dafür war. Diese Aspekte werden von Bet­telheim in klarer Diktion benannt und werden für eine hof­fentlich kon­tro­verse Debatte sorgen.

Einfluss der Neuen Philosophie

Doch leider bleibt das Buch nicht bei einer kom­mu­nis­ti­schen Kritik an der Sowjet­union stehen. An meh­reren Stellen wird der Westen gelobt und gerade im zweiten Teil wird in ein­deutig tota­li­ta­ris­mus­theo­re­ti­scher Art und Weise über die Sowjet­union gesprochen. Hier wird deutlich, dass das Buch zumindest im zweiten Teil zunehmend von der soge­nannten Neuen Phi­lo­sophie kon­ta­mi­niert ist, die sich bald als Vor­kämp­ferin des freien Westens gegen den öst­lichen Des­po­tismus auf­spielte. Solche Töne kommen auch bei Bet­telheim vor allem im hin­teren Teil des Buches vor. Da hat er sein Fach­gebiet ver­lassen und allerlei Theo­riefrag­mente der Neuen Phi­lo­sophie ver­wendet, deren Ziel ein Kampf gegen alle Formen linker Politik war. Einige der in dem B uch häufig zitierten Wis­sen­schaft­le­rInnen haben später das berüch­tigte Schwarzbuch Kom­mu­nismus her­aus­ge­geben. So zeigt sich an diesem Buch ein zwei­facher Bet­telheim: Der präzise argu­men­tie­rende mit pro­funder Marx-Kenntnis ope­rie­rende Öko­nomund der von der Neuen Phi­lo­sophie beein­flusste Tota­li­ta­ris­mus­theo­re­tiker.

Peter Nowak

CHARLES BET­TELHEIM: KLAS­SEN­KÄMPFE IN DER UDSSRBAND 3 UND 4. DIE BUCH­MA­CHEREI, BERLIN 2016. 24 EURO

aus: vor­wärts – 20. Jan. 2017

Kuba und linke Hoffnungen: Ein Gegenmodell des Wirtschaftsliberalismus?

Die kuba­nische Revo­lution war Teil des gesell­schaft­lichen Auf­bruchs zu Beginn der 1960er. Daran ist zu erinnern, bevor sich die »Miami-Boys»an ihr Werk machen

Der ver­storbene Fidel Castro wird auch von par­tei­un­ab­hän­gigen Linken vor­schnell in eine Linie mit den sich sozia­lis­tisch kos­tü­mie­renden Staats­bü­ro­kraten gestellt. Dabei wird ver­gessen, welch bedeu­tende Rolle die kuba­nische Revo­lution für die Her­aus­bildung einer Linken spielte, die sich jen­seits von Refor­mismus und Staats­so­zia­lismus posi­tio­nierte.

Für die offi­zielle Sowjet­union und die Par­teien, die sich in ihrem Dunst­kreis bewegen, war es schlicht Links­ra­di­ka­lismus. Das fing schon damit an, dass die kuba­ni­schen Revo­lu­tionäre neben und oft genug im Wider­spruch zur Kom­mu­nis­ti­schen Partei agierten, die in Kuba unter Batista nur am Rande der Lega­lität exis­tieren konnte.

Mit den Büro­kraten konnte man die Revo­lution nicht gestalten, daher wurde der alte KP-Vor­sit­zende auf einen Bot­schaf­ter­posten abge­schoben. An der Basis der Kom­mu­nis­ti­schen Partei war die Sym­pathie für die Revo­lu­tionäre schon bedeutend größer. Viele spielten im revo­lu­tio­nären Kuba eine wichtige Rolle.

Der Sieg der kuba­ni­schen Revo­lution war eine enorme Inspi­ration vor allem für die Linke auf dem ame­ri­ka­ni­schen Kon­tinent. Damit war das Pha­sen­modell der Kom­mu­nis­ti­schen Par­teien widerlegt, die sich an der Sowjet­union ori­en­tierten und Volks­front­bünd­nisse mit bür­ger­lichen Kräften pro­pa­gierte. In der Folge der kuba­ni­schen Revo­lution ent­standen in vielen ame­ri­ka­ni­schen Ländern, später auch auf anderen Kon­ti­nenten, Gue­rilla-Gruppen, die die Revo­lution so nach dem kuba­ni­schen Vorbild vor­an­treiben wollten.

Sie alle waren Teil des revo­lu­tio­nären Auf­bruchs, der seinen Ausgang mit dem Sieg der kuba­ni­schen Revo­lution genommen hatte. Dieser Moment kommt in der euro­päi­schen Erzählung über die Auf­brüche der späten1960er Jahren oft zu kurz. Die kuba­nische Revo­lution stand nicht nur zeitlich am Beginn des Jahr­zehnts, sie setzte auch ein starkes Fanal, das sowohl an den Uni­ver­si­täten des ame­ri­ka­ni­schen Kon­ti­nents, aber auch bei Land­ar­bei­ter­or­ga­ni­sa­tionen und selbst bei der Theo­logie der Befreiung spürbar war.

Dabei waren längst nicht nur Gue­ril­la­gruppen von der kuba­ni­schen Revo­lution inspi­riert. Der damalige sozia­lis­tische Oppo­si­ti­ons­po­li­tiker aus Chile, Sal­vador Allende, besuchte bereits wenige Monate nach der Revo­lution Kuba, lernte Fidel und Che, aber auch die Mühen der Ebene in Kuba kennen. Er wurde zu einem großen Freund dieser Revo­lution und ver­suchte im Bündnis Unidad Popular die Umwäl­zungen auch in seinem Land umzu­setzen. Daher wurde Allende auch nie zum Sozi­al­de­mo­kraten, den heute manche in ihn sehen wollen. Er behielt eine Grund­sym­pathie zum revo­lu­tio­nären Movi­miento de Izquierda Revolucionaria[1], die außerhalb der Unidad Popular blieb, aber soli­da­risch zu Allende stand.

Die MIR pro­pa­gierte die Orga­ni­sierung und Bewaffnung der Armen und ori­en­tierte sich stark an der kuba­ni­schen Revo­lution. Von der Kom­mu­nis­ti­schen Partei Chiles wurde sie als links­ra­dikal bekämpft, Allende ver­tei­digte sie und nach dem Putsch schickte er kurz vor seinem Selbstmord eine Bot­schaft an den MIR-Vor­sit­zenden, er solle jetzt seine Leute mobi­li­sieren.

Noch in den 1960er Jahren scherte sich die kuba­ni­schen Revo­lu­tionäre wenig um sowje­tische Dogmen. Der an Trotzki ori­en­tierte Theo­re­tiker Ernest Mandel[2] dis­ku­tierte mit kuba­ni­schen Ministern und Wis­sen­schaftlern über sozia­lis­tische Planung[3] und die Abschaffung des Geldes.

Der scharfe Kri­tiker des sowje­ti­schen Nominalsozialismus[4] Charles Bettelheim[5] war eben­falls häufig Gast in Kuba und betei­ligte sich an der Planungsdebatte[6]. Dabei dis­ku­tierten linke Intel­lek­tuelle aus aller Welt über die Frage, ob und wie es möglich ist, eine Wirt­schaft nach dem Kri­terium der Bedürf­nisse der Men­schen und nicht nach Ver­wer­tungs­ge­sichts­punkten zu gestalten.

Es ging dabei auch um die Frage, wie und wann bei der Trans­for­mation in eine nicht­ka­pi­ta­lis­tische Gesell­schaft das Wert­gesetz außer Kraft gesetzt werden kann. Die Debatte wurde auch in den – damals in links­in­tel­lek­tu­ellen Kreisen sehr popu­lären – von Hans Magnus Enzens­berger her­aus­ge­ge­benen Kursbüchern[7] doku­men­tiert.

Das Besondere an der Pla­nungs­de­batte bestand eben darin, dass dort Linke unter­schied­licher Couleur mit kuba­ni­schen Ministern debattierten[8]. Es war also eine Debatte des linken Plu­ra­lismus, wie sie in der Sowjet­union seit den frühen 1920er Jahren nicht mehr möglich waren. Deshalb begeis­terten sich auch Linke aus aller Welt für Kuba, die von der Insel neue Impulse für den Kampf um eine ega­litäre Gesell­schaft erhoffen.

Diese linke Offenheit ver­schwand in den 1970er Jahren auch in Kuba. Doch, wenn Kuba auch einen Pakt mit dem nomi­nal­so­zia­lis­ti­schen Block machte, blieb es doch eine wichtige Stimme der Block­freien-Bewegung. Es gibt in dem sehens­werten Film Rot ist die blaue Luft[9] des fran­zö­si­schen Regis­seurs Chris Marker[10] eine Szene, in der gezeigt wird, wie Castro den Ein­marsch der War­schauer Ver­trags­staaten in der Tsche­cho­slo­wakei wider­willig und sehr umständlich recht­fer­tigte.

Man spürt und sieht, dass er hier in erster Linie aus bünd­nis­po­li­ti­scher Räson und nicht aus poli­ti­schen Über­zeu­gungen die Maß­nahme seiner Bünd­nis­partner ver­tei­digte. Damit war auch in dieser Phase Kubas Beitrag zum gesell­schaft­lichen Auf­bruch noch nicht an sein Ende gekommen. Noch in den 1980er Jahren im Kampf gegen das süd­afri­ka­nische Apart­heid­regime übte Kuba prak­tische Soli­da­rität.


Sehr viel später, als Kuba die revo­lu­tio­nären Bestre­bungen zugunsten einer sozia­lis­ti­schen Real­po­litik zurücknahm, blieb Kuba auf anderen Gebieten Vorbild und leistete auch prak­tische Selbst­kritik. In den ersten Jahr­zehnten der Revo­lution gab es starke Restrik­tionen gegen Homo­se­xuelle. In den letzten Jahren wurde Kuba zu einem ame­ri­ka­ni­schen Vorbild für die Gleich­be­rech­tigung von Men­schen mit unter­schied­licher Sexua­lität.

Eine wichtige Pio­nierin dieser Ent­wicklung war Mariela Castro[11]. Dass sie Fidels Nichte ist, sollte nur am Rande erwähnt werden. Sie ist auf jeden Fall eine Poli­ti­kerin, die dafür sorgen könnte, dass von Kuba wei­terhin eman­zi­pa­to­rische Impulse aus­gehen. Aber dazu gehört auch eine offene Debatte über blinde Flecken im Prozess der kuba­ni­schen Revo­lution.

Zur Sprache gebracht werden müssen die starken Repres­salien, denen die anar­chis­ti­schen Strö­mungen in den ersten Jahren nach der Revo­lution aus­ge­setzt waren. Aus liber­tärer Perspektive[12] gibt es sehr pro­non­cierte Anklagen gegen diese Politik der Ver­folgung.

Es gibt aller­dings in Latein­amerika auch anar­chis­tische Kräfte, die trotzdem für eine dif­fe­ren­zierte Sicht auf die kuba­nische Revo­lution ein­treten, worauf der anar­chis­tische Publizist und Autor Sebastian Kalicha verweist[13]. Es wäre an der Zeit, eine offene Debatte über diese Repression zu führen, an der sich auch Linke aller Couleur betei­ligen.


Die Debatte über Kubas Zukunft sollte nicht den jungen mit US-Geldern gespon­serten Insti­tuten aus­ge­bil­deten Playern über­lassen werden, die nach Castros Tod hoffen, die letzten Reste der Revo­lution schleifen zu können. So monierte der Blogger [14] in einem Taz-Beitrag[15], dass Kuba in den letzten Jahren keine knallhart wirt­schafts­li­berale Politik betrieb.

Nach dem Nie­dergang des sozia­lis­ti­schen Lagers klam­merte sich Fidel Castro trotzig an seine pseu­domar­xis­ti­schen Impro­vi­sa­tionen und ver­suchte zum x-ten Mal, durch staat­liche Pro­gramme den Kom­mu­nismus zu erreichen: Er brachte immer mehr Arbeiter unkon­trol­liert in die Hörsäle der Uni­ver­si­täten, beför­derte künstlich ange­hende Lehrer, ließ Kran­ken­häuser und Poli­kli­niken bauen und repa­rieren…

Carlos Manuel Alvarez

Dass also in Kuba auch nach 1989 noch Werte wie Bildung und Gesundheit für Alle zur poli­ti­schen Maxime gehörte, störte den jungen Miami-Boy Alvarez. Er und viele andere stehen in den Start­lö­chern und hoffen, die alten Ver­hält­nisse restau­rieren zu können.

Als Gegen­mittel reicht keine Revo­lu­ti­ons­nost­algie mit noch mehr Che- und Fidel-Postern. Es steht vielmehr eine neue Pla­nungs­de­batte an, diesmal über die Frage, wie sich Kuba als Gegen­modell zum Wirt­schafts­li­be­ra­lismus wei­ter­ent­wi­ckeln lässt. Dazu sollten sich wie in der Pla­nungs­de­batte der 1960er Jahre die unter­schied­lichen eman­zi­pa­to­ri­schen Strö­mungen betei­ligen, auch die liber­tären, die damals nicht die Mög­lich­keiten hatten, sich zu arti­ku­lieren.

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Peter Nowak


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[6] http://​www​.erich​-koehler​-ddr​.de/​d​o​k​u​m​e​n​t​e​/​c​h​e​_​p​l​a​n​u​n​g​.html
[7] http://​enzens​berger​.germlit​.rwth​-aachen​.de/​k​u​r​s​b​u​c​h​.html
[8] http://​www​.worldcat​.org/​t​i​t​l​e​/​w​e​r​t​g​e​s​e​t​z​-​p​l​a​n​u​n​g​-​u​n​d​-​b​e​w​u​s​s​t​s​e​i​n​-​d​i​e​-​p​l​a​n​u​n​g​s​d​e​b​a​t​t​e​-​i​n​-​c​u​b​a​/​o​c​l​c​/​14906
[9] http://​www​.film​dienst​.de/​n​c​/​k​i​n​o​k​r​i​t​i​k​e​n​/​e​i​n​z​e​l​a​n​s​i​c​h​t​/​r​o​t​-​i​s​t​-​d​i​e​-​b​l​a​u​e​-​l​u​f​t​,​5​0​9​9​2​.html
[10] http://​chris​marker​.org
[11] http://www.zeit.de/politik/ausland/2014–08/kuba-mariela-castro-schwule-lesben-gesetz
[12] http://​www​.black​-mos​quito​.org/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​/​l​e​s​e​n​/​a​n​a​r​c​h​i​e​/​g​e​s​c​h​i​c​h​t​e​/​a​n​a​r​c​h​i​s​m​u​s​-​a​u​f​-​k​u​b​a​.html
[13] https://​www​.kri​tisch​-lesen​.de/​r​e​z​e​n​s​i​o​n​/​b​a​k​u​n​i​n​-​v​e​r​s​u​s​-​m​a​r​x​-​a​u​f​-​k​u​b​a​nisch
[14] http://​www​.revistae​le​s​tornudo​.com
[15] http://​www​.taz​.de/​!​5​3​60786