Hoffen aufs Vorkaufsrecht

Bewoh­ne­rInnen eines Altbaus erhalten viel Unter­stützung aus dem Kiez, nachdem ihr Haus an einen unbe­kannten Investor ver­kauft worden ist

»Wir müssen reden« lautete das Motto für eine Kund­gebung, zu der sich am Samstag Mie­te­rInnen des Eck­hauses Eisen­bahn­straße 2–3/Muskauer Straße 10 in Kreuzberg vor dem Gebäude ver­sam­melten. In vielen Fenstern hatten sie Plakate mit einem Fra­ge­zeichen geklebt. Denn die Mie­te­rInnen wissen nicht, wer ihr Ansprech­partner ist. Am 14. Dezember wurde das Gebäude mit seinen 38 Woh­nungen und meh­reren Gewer­be­ein­heiten bei einer Ver­stei­gerung von einem anonymen Käufer tele­fo­nisch für 7,16 Mil­lionen Euro erworben. Bis heute hat sich der Käufer nicht zu erkennen gegeben. Miss­trauisch macht die Bewoh­ne­rInnen auch der hohe Kauf­preis, der 30 Prozent über dem Ver­kehrswert liegt. »Wir haben die Befürchtung, dass hier eine Brief­kas­ten­firma ein Ren­di­te­objekt gekauft hat. Wir wollen aber keine Eigen­tümer, denen die Bewoh­ne­rInnen und der Kiez egal sind«, meinte Bewoh­nerin Renate Schuster. »In diesem Haus wohnt eine Ber­liner Mischung im Kleinen. Das soll auch erhalten bleiben«, sagte Horst Struckmann, der eben­falls in dem Haus wohnt. Das 1898 erbaute Eckhaus mit seinen 38 Miet­woh­nungen und meh­reren Gewer­be­räumen wurde noch nie grund­legend saniert. Einige Woh­nungen haben noch Ofen­hei­zungen. Die Net­to­kalt­mieten liegen zwi­schen 2,11 Euro und 7,48 Euro. Ent­spre­chend unter­schiedlich ist die Mie­ter­schaft. Eine Rich­terin wohnt dort ebenso wie Stu­die­rende, Rent­ne­rInnen, Künst­le­rInnen. Das soll auch so bleiben, wenn es nach den Mie­te­rInnen geht.

Als sie Mitte November 2017 von der dro­henden Ver­stei­gerung erfuhren, haben sie eine Ver­sammlung ein­be­rufen und danach mehrere Pro­test­ak­tionen orga­ni­siert. »Wir halten zusammen«, lautet das Motto. Unter­stützung bekommen sie von Gruppen wie »Zwangs­räumung ver­hindern«, aber auch aus der Politik. An der Kund­gebung am Samstag betei­ligten sich drei Bun­des­tags­ab­ge­ordnete: Cancel Ciziltepe (SPD), Canan Bayram (Grüne) und Pascal Meiser (LINKE).

Die Chancen der Mie­te­rInnen stehen gut. Das Haus liegt in einem Milieu­schutz­gebiet, und der Bezirk könnte vom Vor­kaufs­recht Gebrauch machen. Grundlage wäre dann der vom Bezirk errechnete Ver­kehrswert und nicht der deutlich höhere Kauf­preis. Die Frist dafür läuft am 10. März aus. »Die Unter­stützung vom Bezirk ist gut«, meinte ein Mieter. Doch seine Nach­barin gibt zu bedenken, dass der Bezirk den Namen des Ver­mieters auch nicht an die Mie­te­rInnen wei­ter­leitet. Eine Nach­frage des »nd« beim Bau­stadtrat des Bezirks, Florian Schmidt (Grüne), ob ihm der Name des Eigen­tümers bekannt ist, blieb unbe­ant­wortet. Ob der Bezirk auch in diesem Fall das Vor­kaufs­recht wahr­nehmen wird, bleibt offen.

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Peter Nowak