Kahlschlag am Schäfersee

Gartenarbeiten rund um das Erholungsgebiet in Reinickendorf stoßen auf Kritik der Anwohner

Am Schä­fersee in Rei­ni­ckendorf lässt der Bezirk zahl­reiche Pflanzen ent­fernen. Die Infor­ma­ti­ons­po­litik dazu war man­gelhaft, lautet nun die Kritik der Anwohner.

Die son­nigen Okto­bertage treibt auch viele Men­schen an den Schä­fersee im Bezirk Rei­ni­ckendorf. Viele Men­schen gehen dort diversen Frei­zeit­ak­ti­vi­täten nach. Doch Helene Balakowa (Name geändert) ist heute nicht zum Ver­gnügen hier. Sie wohnt seit Jahren in der unmit­tel­baren Umgebung der grünen Lunge im Norden Berlins. »Ich nutzte jede freie Minute, um sie hier zu ver­bringen«.

Doch seit einer Woche ist ihre Freude getrübt. Der Grund sind Gar­ten­ar­beiten rund um den See, die vom Bezirk ver­an­lasst worden sind. Balakowa spricht von einen Kahl­schlag im natur­ge­schützten Gebiet rund um den See. Daher führt sie Jour­na­listen durch die ver­än­derte Land­schaft. »Diese Holun­der­büsche sind 40 Jahre hier gewachsen und waren ideale Nist­plätze für Vögel und Igel. Jetzt sind sie ver­schwunden«, beklagt sich die Frau. Beim Bezirksamt habe sie bereits mehrmals ange­rufen und sich beschwert. Doch ernst genommen fühlte sie sich dort nicht. Vor allem aber beklagt Balakowa, das über die Köpfe der Bewohner gehandelt wurde. Es habe im Vorfeld der Gar­ten­ar­beiten kei­nerlei Infor­ma­tionen über den Sinn und Zweck gegeben. Nicht nur sie stört das. Bala­kowas Nach­barin pflichtet ihr bei. Auch sie ärgert sich über den Kahl­schlag am See.

Aller­dings gibt es auch einige Anwohner, die die Ver­än­de­rungen begrüßen. Sie fühlen sich sicherer, wenn die Hecken gestutzt sind und die Sicht von der Straße zum See offen ist. Das sei aber kein Grund für die gärt­ne­ri­schen Arbeiten gewesen, betont ein Mit­ar­beiter des Rei­ni­cken­dorfer Bezirksamts gegenüber »nd«. Es seien vor allem gar­ten­bau­liche Gründe gewesen, die dazu geführt haben. So sei ein Großteil des ent­fernten Holunders bereits abge­storben. Zudem sei unter den unter den ent­fernten Pflanzen auch Hopfen gewesen, der bekämpft werden müsse, weil er die Nach­bar­pflanzen schädigt. Dem Bezirksamt seien die Beschwerden einiger Bewoh­nerin bekannt.

Selbst­kri­tisch räumt der Mit­ar­beiter ein, dass die Infor­ma­ti­ons­po­litik des Ämtern nicht optimal gewesen sei. Deshalb überlegt man jetzt, nach Been­digung der Gar­ten­ar­beiten an die Anwohner in der der Nach­bar­schaft eine Infor­ma­ti­ons­schrift zu ver­teilen. Auch der Referent für Natur­schutz­frage beim Bund für Umwelt und Natur­schutz Deutschland (BUND) Helmut Lohner betont auf Nach­frage, wie wichtig es ist, die Anwohner bei Ver­än­de­rungen von Parks und Grün­flächen mit ein­zu­be­ziehen. Dabei reiche es ein­deutig nicht, sie nach Been­digung von Maß­nahmen zu infor­mieren. Es müsse schon bei der Planung solcher Maß­nahmen mit den Anwohnern koope­riert werden. Dabei sollten sie auch eigene Vor­schläge und Akti­vi­täten ent­wi­ckeln. Gerade viele lang­jährige Bewohner hätten ein großes Interesse eigene Beete anzu­legen. Das werde aber in den Bezirken noch immer unter­schiedlich prak­ti­ziert.

Die Beschwerden der enga­gierten Bewoh­ne­rinnen könnte so doch noch erfolg­reich gewesen sein. Beim Bezirksamt will man die Koope­ration mit den Anwohnern ver­ändern.

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Peter Nowak

Es gibt ein enormes ökonomisches Interesse am Weiterbetrieb des AKW Fessenheim

Wider­stand im Drei­län­dereck gegen ältestes fran­zö­si­sches AKW

Elke Brandes ist Mit­glied der Umwelt­or­ga­ni­sation BUND und gehört zum Orga­ni­sa­tions-Team der Tour de Fes­senheim. Auf­ge­rufen wird zu einer grenz­über­schrei­tenden Demons­tration gegen den Betrieb des Atom­kraft­werkes im elsäs­si­schen Fes­senheim, die an diesem Wochenende statt­findet.

Dem Atom­kraftwerk (AKW) Fes­senheim wurde vor wenigen Monaten bei einer 10-Jahres-Inspektion die Sicherheit für den wei­teren Betrieb bescheinigt. Auch der neue fran­zö­sische Prä­sident François Hol­lande will den Meiler offenbar nicht vor 2017 still­legen. Warum orga­ni­sieren Sie weiter den Protest?

Elke Brandes: Jeder weitere Tag, an dem dieses Atom­kraftwerk in Betrieb ist, birgt das Risiko eines Super-GAU wie in Fuku­shima. In der Region um Fuku­shima hatten die Men­schen noch Glück im Unglück, denn es wehte meist ein Wind in Richtung Meer, der dafür sorgte, dass die Todeszone auf einen Radius von 30 bis 40 Kilo­meter beschränkt blieb. Bei einem Super-GAU im AKW Fes­senheim würde bei den vor­herr­schenden Wind­ver­hält­nissen nicht nur die Region um das nur 24 Kilo­meter ent­fernte Freiburg unbe­wohnbar, sondern selbst Stuttgart, Schwä­bisch Hall und Nürnberg könnten für Jahr­zehnte unbe­wohnbar werden. Das AKW Fes­senheim enthält ein radio­ak­tives Inventar, das 1.760 Hiro­shima-Bomben ent­spricht.

Ein Tsunami dürfte am Ober­rhein wohl aus­ge­schlossen sein. Was könnte nach Ihrer Ansicht einen Super-GAU im AKW Fes­senheim aus­lösen?

Elke Brandes: Zunächst einmal: Es bedarf keiner Ursache von außen. Auch das AKW Fes­senheim ist kon­struk­ti­ons­be­dingt nur für eine Betriebs­dauer von 25 Jahren aus­gelegt. Diese Frist endete im Jahr 2002. Dabei wurden bereits in den ersten Jahren des Betriebs Risse in einem der beiden Reak­tor­druck­be­hälter und in dessen 54 Tonnen schwerem Deckel fest­ge­stellt. Der Reak­tor­deckel von Block 1 etwa wurde im Juli 1996 ersetzt – doch die Reak­tor­druck­be­hälter können nicht aus­ge­tauscht werden. Dabei wird das Material durch den Neu­tro­nen­be­schuss aus dem Kern immer brü­chiger.

…und welche Risiken sehen Sie durch Erd­beben oder andere äußere Ursachen?

Elke Brandes: Das Rheintal ist eine geo­lo­gische Bruchzone und daher Erd­be­ben­gebiet. Im Jahr 1356 wurde die von Fes­senheim rund 35 Kilo­meter ent­fernte Schweizer Stadt Basel durch ein Erd­beben zer­stört. Es han­delte sich um das stärkste über­lie­ferte Erd­beben in Mit­tel­europa. Im Juni 2011 wurde durch ein Gut­achten bestätigt, dass das am Rhein­sei­ten­kanal gelegene Atom­kraftwerk nicht aus­rei­chend gegen die Folgen eines Damm­bruchs gesi­chert ist. Laut einer TV-Doku­men­tation auf France 2 hielt der Betreiber-Konzern einen internen Bericht zurück, in dem kata­stro­phale Unter­su­chungs­er­geb­nisse über den Zustand des Rhein­sei­ten­kanals zu lesen sind. Und auch gegen einen mög­lichen Ter­ror­an­griff nach dem Vorbild des 11. Sep­tember 2001 ist das Atom­kraftwerk nicht aus­rei­chend geschützt. Seine Beton­hülle mit einer Stärke von 80 Zen­ti­metern kann nicht einmal dem gezielten Absturz eines Cessna-Klein­flug­zeugs stand­halten. Dies sind nur drei Bei­spiele aus einer ganzen Reihe von nicht zu leug­nenden Gefahren.

Wenn es so gefährlich ist, wie Sie dar­stellen, warum bleibt das AKW dennoch am Netz?

Elke Brandes: In einem Jahr wirft ein Reak­tor­block durch­schnittlich 300 Mil­lionen Euro an Profit ab. Bei den zwei Reak­tor­blöcken des AKW Fes­senheim sind dies also ins­gesamt rund 600 Mil­lionen Euro im Jahr. Solange teure Nach­rüs­tungen oder pan­nen­be­dingte Still­stand­zeiten diesen Profit nicht mini­mieren, bleibt ein enormes öko­no­mi­sches Interesse am Wei­ter­be­trieb. Bekanntlich unter­stützt auch die fran­zö­sische kom­mu­nis­tische Gewerk­schaft CGT den Wei­ter­be­trieb der Atom­kraft­werke. Kürzlich wurde auf­ge­deckt, dass sich diese Gewerk­schaft maß­geblich über Zuwen­dungen von Kon­zernen und ins­be­sondere des fran­zö­si­schen Strom­kon­zerns EdF finan­ziert.

Was unter­nimmt die Anti-AKW-Bewegung?

Elke Brandes: Elsäs­sische, Nord­schweizer und badische Anti-AKW-Initia­tiven treffen sich regel­mäßig, um ihre Arbeit zu koor­di­nieren. Dabei wird auch Wert gelegt auf die Unter­stützung der Initia­tiven gegen die geplanten ato­maren End­lager in Benken in der Nord­schweiz, in Bure in Loth­ringen und in Gor­leben im Wendland. Auch Kon­takte zu Gruppen aus dem CASTOR-Wider­stand werden gepflegt. Wichtig ist für uns zudem, dass in Baden-Würt­temberg die Atom­kraft­werke Neckar­westheim und Phil­ippsburg still­gelegt werden.

Neben Groß­de­mons­tra­tionen ist die »Tour de Fes­senheim«, die wir in diesem Jahr zum siebten Mal orga­ni­sieren, für uns eine Mög­lichkeit, das Bewusstsein für das soge­nannte Rest­risiko wach­zu­halten und zugleich auf die gerade im hie­sigen Drei­eckland viel­fäl­tigen Initia­tiven zur Rea­li­sierung der Ener­gie­wende hin­zu­weisen: kleine Was­ser­kraft­werke, Wind­kraft­werke, Solar­zellen, Son­nen­kol­lek­toren und so weiter. Für einen Atom­aus­stieg, der auch in Deutschland erst noch erkämpft werden muss, ist nicht zuletzt ent­scheidend, ob wir den Umstieg auf die Voll­ver­sorgung durch erneu­erbare Energien durch­setzen können.

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​a​r​t​i​k​e​l​/​3​7​/​3​7​1​3​5​/​1​.html
Peter Nowak