Alles auf Leben

Sabine Hunziker über eine Kampfform, bei der die Menschen ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen und die nicht nur im Knast angewandt wird.

„Hun­ger­streik“ steht noch immer mit großen Lettern auf einem Laken gegenüber dem Bun­des­au­ßen­mi­nis­terium in Berlin-Mitte. Es erinnert an den Ein-Mann-Protest von Mustafa Mutlu. Er hatte 2012 mehrere Wochen vor dem Minis­terium cam­piert und war in einen Hun­ger­streik getreten, weil er sich als Bau­un­ter­nehmer von einem Geschäfts­partner betrogen sah. Hunger heißt ein preis­ge­krönter Film­essay des Regis­seurs Steve McQueen. Er erinnert an den Hun­ger­streik zahl­reicher Gefan­gener der iri­schen Natio­nal­be­wegung IRA in den bri­ti­schen Hoch­si­cher­heits­knästen in Irland im Jahr 1981. Der Kampf, bei dem mehrere Gefangene starben, dar­unter Bobby Sands, pola­ri­sierte das gesamte Land. Wochenlang gab es Soli­da­ri­täts­ak­tionen, Streiks und mili­tante Pro­teste. Einige der Gefan­genen wurden sogar ins bri­tische Par­lament gewählt. Ob als wenig beachtete Solo­pro­test­aktion oder als Kampfform von Gefan­genen, hinter denen eine Mas­sen­be­wegung steht, der Hun­ger­streik ist immer ein Kampf um Leben und Tod.

„Es gibt nicht viele Mög­lich­keiten, im Knast zu pro­tes­tieren. Die Ver­wei­gerung von Nahrung – oft Hun­ger­streik oder Hun­ger­fasten genannt, ist eine davon“ (S. 7), schreibt die Schweizer Jour­na­listin Sabine Hun­ziker in der Ein­leitung ihres kürzlich im Unrast-Verlag erschie­nenen Buches, das den Anspruch, eine „Ein­führung zum Hun­ger­streik in Haft“ zu geben, erfüllt. Der Buch­titel „Pro­te­st­recht des Körpers“ ver­deut­licht, dass Men­schen, die keine andere Mög­lichkeit zum Wider­stand haben, ihren Körper zur Waffe machen. Das betrifft neben Gefan­genen zunehmend auch Geflüchtete, die in den letzten Jahren mit Hunger- und teil­weise auch Durst­streiks auf ihre Situation auf­merksam machten. So besetzten im Sommer 2010 Geflüchtete gemeinsam mit anti­ras­sis­ti­schen Unterstützer_​innen einen Platz in der Nähe der Schweizer Bun­des­re­gierung in Bern. Um ihren For­de­rungen nach einem Blei­be­recht Nach­druck zu ver­leihen, traten drei ira­nische Geflüchtete in einen Hun­ger­streik, der mehrere Wochen andauerte. Hun­ziker begleitete die Aktion, erlebte, wie die gesund­heit­liche Situation der Aktivist_​innen immer kri­ti­scher wurde und wie sie noch lange nach dem Abbruch der Aktion mit den kör­per­lichen Folgen zu kämpfen hatten. „Aus dem Spital ent­lassen, ver­suchten die Iraner in der Wohnung einer soli­da­ri­schen Person eine Suppe zu essen, die sie bald wieder erbrachen“ (S. 13), schreibt Hun­ziker. Nach diesen Erleb­nissen stellte sie sich die Frage, warum Men­schen zu dieser Kampfform greifen. In dem Buch sammelt sie viele Zeug­nisse von Hun­ger­strei­kenden aus den unter­schied­lichsten sozialen und poli­ti­schen Kon­texten. Aktivist_​innen aus Kur­distan, Nord­irland und der Schweiz kommen ebenso zu Wort wie ehe­malige Gefangene aus mili­tanten Gruppen in der BRD. Dabei wird deutlich, dass es bei dem Kampf oft um Men­schen­würde geht. „Wir machen hier einen Hun­ger­streik, um zu zeigen: dass wir nicht jede Schwei­nerei hin­nehmen werden ohne zu mucken“, schrieb eine Gruppe weib­licher Gefan­gener aus den bewaff­neten Gruppen RAF und Bewegung 2. Juni im Jahr 1973. Der Wiener Mathe­ma­tiker Martin Balluch begründete seinen Hun­ger­streik nach seiner Ver­haftung wegen seiner Akti­vi­täten in der Tier­rechts­be­wegung im Jahr 2008: „Der unmit­telbare Anlass war meine Hilf­lo­sigkeit, in der ich dieser Unge­rech­tigkeit gegen­über­stand.“ (S. 98)

Der Körper als Waffe

Auch der RAF-Gefangene Holger Meins, der nach Tagen im Hun­ger­streik gestorben ist, wird von Hun­ziker ange­führt. Das Bild des toten Meins, der nur noch 39 Kilo gewogen hat, auf der Bahre brannte sich in das Gedächtnis vieler Zeitgenoss_​innen ein. Zudem wurde Meins zwangs­er­nährt und ihm wurden dabei lebens­not­wendige Nähr­stoffe vor­ent­halten. „Mit seinem Tod wird deutlich, dass die Leute an der Macht über Leichen gehen würden, um ihre Ordnung durch­zu­setzen“ (S. 92), zitiert Hun­ziker das ehe­malige RAF-Mit­glied Karl-Heinz Dellwo. Er wurde, wie viele andere, durch den Tod von Holger Meins in seiner Total­op­po­sition gegen die Gesell­schaft bestärkt. Als Gefan­gener betei­ligte sich Dellwo dann selber an meh­reren Hun­ger­streiks und begab sich dabei mehrmals in Lebens­gefahr. In der Türkei und Kur­distan fordert das Todes­fasten, wie die Hun­ger­streiks dort genannt werden, immer wieder viele Opfer. Es ist die „ulti­mative Aktion auf Leben und Tod“ (S. 87), wie der ehe­malige sozia­lis­tische Bür­ger­meister von Diyarbakir, Mehdi Zana, die Aktion nannte. Er war nach dem Mili­tär­putsch von 1980 wegen „Sepa­ra­tis­mus­pro­pa­ganda« ver­haftet worden und hat sich an meh­reren Todes­fas­ten­ak­tionen beteiligt. Nur in einem kurzen Abschnitt erwähnt Hun­ziker das wohl längste und opfer­reichste Todes­fasten der jün­geren Geschichte, das Ende 1999 begann und bis 2007 andauerte. Damit sollten die soge­nannten F-Typ-Zellen ver­hindert werden, mit denen nach dem Vorbild des Hoch­si­cher­heits­ge­fäng­nisses Stammheim in West­deutschland die Gefan­genen iso­liert werden sollten. Erfreulich ist, dass Hun­ziker mit Andrea Stauf­facher, eine poli­tische Akti­vistin der linken Orga­ni­sation Revo­lu­tio­närer Auf­bruch, die selber mehrmals an Kurz­hun­ger­streiks teil­ge­nommen hat, zu Wort kommen lässt. Sie betont, wie wichtig eine gute Planung der Aktion ist und dass auch die mediale Ver­breitung genau vor­be­reitet werden muss, damit ein Hun­ger­streik poli­tisch erfolg­reich ist. „Wichtig ist, dass bei Beginn die poli­tische Ver­mittlung sofort anläuft, man mobi­li­siert und sich so die Initiative poli­tisch ver­mittelt“. Stauf­facher ist auch über­zeugt, dass diese Kampfform mit dem eigenen Körper kein Aus­lauf­modell ist. „Der Hun­ger­streik bleibt eine Kampfform, die drinnen und draußen ver­bindet.“ (S. 95) Doch es gibt in der poli­ti­schen Linken auch andere Stimmen.

Alternativen zum Hungerstreik

Der poli­tische Aktivist Fritz Teufel, der sich auch an meh­reren Hun­ger­streiks betei­ligte, suchte schon in den 70er Jahren nach Alter­na­tiven zu einer Kampfform, in der es schnell um Leben und Tod geht. Die 2014 gegründete Gefan­ge­nen­ge­werk­schaft könnte eine solche Alter­native bieten. Nicht ihr Körper, sondern ihre Arbeits­kraft, die sie hinter Gittern besonders billig ver­kaufen müssen, könnte so dann zur Waffe der Gefan­genen werden. Hun­ziker hat mit ihrer kleinen Geschichte des Hun­ger­streiks einen guten Über­blick gegeben. Es ist zu hoffen, dass andere Autor_​innen daran anknüpfen. Eine Geschichte der Hun­ger­streiks von poli­ti­schen Gefan­genen in den letzten fünf Jahr­zehnten in der BRD muss noch geschrieben werden. Es wäre auch ein Stück der weit­gehend ver­ges­senen Geschichte der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken.

Peter Nowak

Sabine Hun­ziker 2016:
Pro­te­st­recht des Körpers. Ein­führung zum Hun­ger­streik in Haft.
Unrast Verlag.
ISBN: 978–3-89771–585-1.
106 Seiten. 9,80 Euro.

aus:

kri​tisch​-lesen​.de

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Solidarität mit Charité- und Pflege-Streik

Gewerk­schaft will Arbeits­kampf in die Gesell­schaft tragen

„Wir sind Mehrwert“, diese Parole prangte auf vielen T-Shirts der Gewerk­schafter, die am Sams­tags­mittag vom Alex­an­der­platz zu Bran­den­burger Tor gezogen. Mehrere hundert Men­schen hatten sich daran beteiligt. Dar­unter waren die strei­kenden Beschäf­tigten der Charity und der Pfle­ge­dienste Alpenland. Zu ihrer Unter­stützung war die Demons­tration orga­ni­siert worden. „Diese Streiks helfen mit, die Spirale von Dum­ping­löhnen, schlechten Arbeits­be­din­gungen und tarif­freien Zonen zu stoppen und sind deshalb im Interesse aller Arbeit­nehmer“, betonte ein Gewerk­schafter.
Gleich­zeitig brauchen die Kol­legen mehr Soli­da­rität, wie aus ihren Berichten deutlich wurde.
„Die Geschäfts­führung der Charité Facility Management GmbH ist nicht im Ansatz bereit, einen für alle Beschäf­tigten gel­tenden Tarif­vertrag, geschweige denn wirk­liche Ent­gelt­er­hö­hungen für alle Beschäf­tigten mit uns zu ver­ein­baren“, klagt eine Strei­kende. Mit Haus­ver­boten gegen Gewerk­schafter, Ein­schüch­te­rungen und Dro­hungen sowie Aus­zahlung von Streik­bre­cher­prämien solle der Arbeits­kampf gebrochen werden. Ähn­liches hatte Maike Jäger vom verdi-Fach­be­reich 3 von Alpenland zu berichten. Strei­kende würden ein­ge­schüchtert, Streik­bruch solle belohnt werden. Dadurch würde aber die Ent­schlos­senheit der Strei­kenden erhöht, berichtete sie und ver­weist auf Erfolge. „Vor einigen Wochen kannte kaum jemand den Namen Alpenland. Durch den Streik sei die Firma dadurch bekannt, dass die Beschäf­tigten im Osten wesentlich weniger als im Westen ver­dienen“.

Auf einer Zwi­schen­kund­gebung vor dem Buch­kaufhaus Dussmann machten die Gewerk­schafter ihren Unmut Luft. Das Unter­nehmen bildet gemeinsam mit der Charity, den Unter­nehmen Hellmann und VAMED die Charité Facility Management GmbH. „Wir kommen wieder“ beendete ein Redner seinen kurzen Rede­beitrag, der von zahl­reichen Pas­santen mit Zuspitzung auf­ge­nommen wurde.
Tat­sächlich soll es nicht die letzte Soli­da­ri­täts­de­mons­tration bleiben. Ver.di will den Arbeits­kampf aus den betrof­fenen Betrieben in die Gesell­schaft tragen. Auf der Demons­tration waren aller­dings die aktiven Gewerk­schafter ein­deutig in der Mehrzahl. Soziale Initia­tiven, die 2008 beim Ein­zel­han­dels­streik zur Unter­stützung der Kol­legen waren auf der Demo kaum ver­treten. Die betei­ligten sich dagegen zahl­reich an einer Demons­tration, die zwei Stunden später auf der gleichen im Rahmen der glo­balen Kri­sen­pro­teste auf der gleichen Route durch Berlins Mitte zog. Dort wurden die Arbeits­kämpfe gar nicht erwähnt. Anders als in den USA, wo Gewerk­schafter bei den Kri­sen­pro­testen beteiligt sind, klappte in Berlin der Schul­ter­schluss noch nicht. Viel­leicht sollten die Sozi­al­foren wieder aktiv werden, die vor einigen Jahren hier eine wichtige Koor­di­nie­rungs­funktion hatten“, meine eine Akti­vistin.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​9​0​6​2​.​s​o​l​i​d​a​r​i​t​a​e​t​-​m​i​t​-​c​h​a​r​i​t​e​-​u​n​d​-​p​f​l​e​g​e​-​s​t​r​e​i​k​.html

Peter Nowak