Wie aus WBA „Wir bleiben alle!“ wurde


Von den Anfängen der Mie­ter­selbst­or­ga­ni­sierung in Prenz­lauer Berg bis hin zu groß­flä­chigen Pro­testen


Der Slogan „Wir bleiben alle!“ oder auch das Kürzel WBA ist heute kaum weg­zu­denken, wenn sich Mieter/​innen wehren oder Stadtteilaktivist/​innen auf die Straße gehen. Fast ver­gessen ist, dass es sich dabei um ein Erbe der DDR handelt.

Die Abkürzung WBA stand in der DDR für Wohn­be­zirks­aus­schuss. Es han­delte sich dabei um eine untere Glie­de­rungs­einheit der Natio­nalen Front, dem Zusam­men­schluss der Par­teien und Mas­sen­or­ga­ni­sa­tionen der DDR. Der WBA wurde von den Einwohner/​innen des jewei­ligen Wohn­be­zirks gewählt und erfüllte eine Dop­pel­rolle. Auf der einen Seite konnte er räte­de­mo­kra­tische Züge annehmen und aktiven Bürger/​innen die Mög­lichkeit zur Mit­ge­staltung bieten. Auf der anderen Seite erfüllte er auch die Rolle eines Kon­troll­organs. Was von beidem überwog, lag stark an den Men­schen, die in ihm aktiv waren.
Der damalige Grünen-Poli­tiker Mat­thias Klipp ver­glich die Wohn­be­zirks­aus­schüsse in einem Interview mit der taz im Jahr 2009 gar mit den Betrof­fe­nen­ver­tre­tungen in Sanie­rungs­ge­bieten. Doch dieser Ver­gleich passt nur sehr bedingt, wie auch die eigene poli­tische Bio­grafie Klipps deutlich macht. Er war selbst Mit­glied eines WBA in Prenz­lauer Berg und wurde von diesem im Frühjahr 1989 zu den Kom­mu­nal­wahlen auf­ge­stellt. Wie er als dama­liger linker Oppo­si­tio­neller auf die Wahl­liste der Natio­nalen Front kam, schildert er in dem Interview so: „Ich war damals unter anderem im Frie­dens­kreis der Geth­semane-Gemeinde tätig und habe die Arbeits­gruppe Straf­recht geleitet. Wir haben die Gesetze der DDR ana­ly­siert und fest­ge­stellt, dass die Wohn­be­zirks­aus­schüsse eigene Kan­di­daten auf­stellen können. Das hatte nur keiner vorher gemacht.“ So wurde Klipp in die Stadt­be­zirks­ver­sammlung von Prenz­lauer Berg gewählt und war damit der erste oppo­si­tio­nelle Abge­ordnete in der DDR vor der letzten Volks­kam­merwahl im März 1990.
Der WBA 56 in der Oder­berger Straße, der Klipp zur Kom­mu­nalwahl auf­ge­stellt hatte, war seit Mitte der 80er Jahre in der Hand der linken DDR-Oppo­sition. Ein Haupt­an­liegen der im WBA Aktiven war die Ver­hin­derung des Abrisses von Alt­bauten in der grenz­nahen Gegend um die Oder­berger Straße. Der größte Erfolg aber war die Schaffung des soge­nannten Hirschhofs. Es handelt sich dabei um den Innen­be­reich des größten Stra­ßen­blocks in Prenz­lauer Berg, gelegen zwi­schen Kas­ta­ni­en­allee, Oder­berger und Ebers­walder Straße. Anwohner/​innen legten dort, unter­stützt vom WBA, mehrere Brachen zusammen. Das Areal wurde fortan als Stadt­teil­treff­punkt genutzt. Eine Frei­luft­bühne wurde errichtet und es gab Theater- und Film­vor­füh­rungen sowie regel­mäßig im Sommer ein großes Hirsch­hoffest. Den Namen hat der Hirschhof von seinem Wahr­zeichen, einem aus Schrott­teilen zusam­men­ge­schweißten Hirsch.
Während die Stasi das Treiben arg­wöh­nisch beob­achtete und einige Meter Akten anlegte, unter­stützten die Kom­mu­nal­be­hörden den Stadt­teil­garten – auch finan­ziell. Mit­unter war gar von einem Bündnis zwi­schen Bür­ger­initia­tiven und lokaler Staats­macht die Rede. Möglich war das nur, weil die Flächen kein Pri­vat­ei­gentum waren, was auch den meisten Aktivist/​innen des WBA klar war, deren Ziel zwar ein Ende der auto­ri­tären Struk­turen in der DDR, aber kei­neswegs eine Restau­ration des Kapi­ta­lismus oder eine Ver­ei­nigung mit der BRD war.

Keim­zelle des Mie­ter­wi­der­stands
So ent­wi­ckelte sich aus dem ehe­ma­ligen WBA in den frühen 90er Jahren ein Akti­ons­bündnis, das zu einem Kris­tal­li­sa­ti­ons­punkt des Wider­stands gegen die begin­nende Ver­treibung wurde. Das Kürzel WBA wurde bei­be­halten, doch nun stand es für „Wir bleiben alle!“. Unter diesem Slogan demons­trierten am 9. Sep­tember 1992 über 20.000 Men­schen gegen die anste­hende Erhöhung der Mieten in Ost-Berlin. Viele trugen den Slogan „Wir bleiben alle!“ in den Umrissen eines Hauses auf selbst gemalten Schildern. Die besondere gesell­schaft­liche Breite der WBA-Mobi­li­sierung war der all­ge­meinen Unsi­cherheit geschuldet, die ange­sichts der Auf­hebung der Miet­preis­bindung und der Über­tragung der Woh­nungs­be­stände an Alt­ei­gen­tümer und Woh­nungs­ge­sell­schaften bestand. Das 1995 beschlossene Mie­ten­über­lei­tungs­gesetz (MÜG) besie­gelte schließlich die Ver­ein­heit­li­chung der miet­recht­lichen Bestim­mungen durch das Bun­des­recht.
In der DDR hatte es Pro­bleme beim Zugang zu einer Wohnung oder bei Umzugs­wün­schen gegeben – die Vor­stellung jedoch, dass eine so exis­ten­zielle Ange­le­genheit wie das Wohnen von rein öko­no­mi­schen Kri­terien bestimmt werden könnte, lag schlicht außerhalb der Vor­stel­lungs­kraft vieler Men­schen. Der WBA in der Oder­berger Straße war durch seine erfolg­reiche Stadt­teil­arbeit in der DDR zu einem Organ geworden, das diesen Protest orga­ni­sieren konnte. Er war jedoch nicht der einzige. Im Lich­ten­berger Nöld­nerkiez rund um die Pfarr­straße besetzten 1981 Nachbar/​innen eine ehe­malige Apo­theke und grün­deten den Jugendclub Neues Arbeits­zentrum Pfarr­straße (N.A.Pf.). Später wurde er in Klub der Werk­tä­tigen umbe­nannt und schließlich sogar von der SED unter­stützt und mit öffent­lichen Geldern finan­ziert. Auch auf stadt­po­li­ti­schem Gebiet hatte der dortige WBA Erfolg. Kurz­fristig wurden die schon fast beschlos­senen Abriss­pläne geändert und im Nöld­nerkiez Häuser saniert. Obwohl der Klub der Werk­tä­tigen und die Arbeit des WBA in der Nöld­ner­straße über fast 10 Jahre den Kiez geprägt hatten, ist ihre Geschichte schnell in Ver­ges­senheit geraten. Nach der Wende zer­streuten sich die Men­schen schnell in alle Winde, die neuen Anfor­de­rungen des kapi­ta­lis­ti­schen Alltags for­derten ihren Tribut. In Prenz­lauer Berg dauerte dieser Prozess länger.

Kapi­ta­lis­tische Land­nahme nach 1989
In der ersten Hälfte der 90er Jahre hatte der ehe­malige WBA dort noch einen gewissen Ein­fluss auf die Ent­wicklung der Straße. Natürlich blieben auch interne Zwis­tig­keiten nicht aus, die bis in die Zeit der DDR-Oppo­sition zurück­reichten. Als der lang­jährige WBA-Aktivist Bernd Holt­freter als Par­tei­loser auf der Liste der PDS 1995 für die Wahl ins Abge­ord­ne­tenhaus kan­di­dierte, bekam er eine unge­wöhn­liche Unter­stützung. „Wählen Sie diesen Mann. Dann sind wir ihn endlich los“, stand auf Pla­katen, die von liber­tären Kräften aus dem WBA in seinem Wahl­kreis geklebt wurden. Holt­freter wurde dreimal wieder gewählt und behielt sein Mandat bis zu seinem frühen Tod im Jahr 2003. Die Zeitung „Horch und Guck“ schrieb in ihrem Nachruf: „Vor allem auf Bernds Betreiben erfolgte die Unter­wan­derung des offi­zi­ellen Wohn­be­zirks­aus­schusses (WBA) der Natio­nalen Front in der Oder­berger Straße, dessen Vor­sit­zender er 1987 wurde und den er gemeinsam mit anderen in eine basis­de­mo­kra­tische Bür­ger­initiative umfunk­tio­nierte. Ins­be­sondere bleibt sein Name damit ver­bunden, dass es dieser Bür­ger­initiative und einer bald darauf nach ihrem Vorbild gegrün­deten zweiten in der nahe lie­genden Ryke­straße gelang, die von der SED geplante Abriss-Sanierung in Prenz­lauer Berg zu ver­hindern (…). Als nach der Wie­der­ver­ei­nigung die von der SED geschaf­fenen Pro­bleme durch die Pro­bleme der kapi­ta­lis­ti­schen Umstruk­tu­rierung des Ostens abgelöst wurden, in deren Gefolge eine ver­stärkte Mie­ter­ver­treibung aus seinem Kiez begann, stand Bernd wieder an vor­derster Stelle bei der Orga­ni­sierung von Gegenwehr.“
Die Trau­er­feier für Holt­freter fand im Stadtbad Oder­berger Straße statt, das der WBA zu einen Zentrum für den Kiez machen wollte. Heute ist es ein Nobel­re­staurant und passt gut zu einem Viertel, in dem die Bevöl­kerung seit den frühen 90er Jahren fast voll­ständig aus­ge­tauscht wurde.
Auch der Hirschhof war über mehrere Jahre nicht mehr zugänglich, weil die dort woh­nenden, ver­mö­genden Eigen­heim­be­sitzer den Zugang ver­wei­gerten. Das Ber­liner Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hatte 2011 ent­schieden, dass das Areal keine öffent­liche Fläche ist und daher durch Zäune getrennt werden kann. Seit 2011 wurde ein „Neuer Hirschhof“ errichtet, ein Platzhaus und ein öffent­liches Café sind im Bau. Dass dort noch an den alten WBA erinnert wird, ist unwahr­scheinlich. Aber das macht nichts, schließlich gibt es eine viel bessere Wür­digung: Das Kürzel WBA als Ver­mächtnis einer Oppo­sition gegen auto­ritäre Struk­turen in der DDR und gegen die kapi­ta­lis­tische Land­nahme nach 1989 ist auch aus heu­tigen Mie­ter­kämpfen nicht mehr weg zu denken.

Peter Nowak ist Jour­nalist. Im Herbst 1990 besetzte er als zuge­zo­gener Westler eine Wohnung in der Oder­berger Straße in Prenz­lauer Berg, in der er 13 Jahre lebte.

Eine der Mit­be­setzer in der Oder­ber­ger­straße war der Archäologe Klaus Koschmieder, seinen Freund_​innen nur als Koschi bekannt. Er starb über­ra­schend Mitte Dezember 2017. Ihm ist der Artikel gewidmet.

aus: Ber­liner Mie­te­recho 392; Dezember 2017

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Peter Nowak