Mit ‘Benjamin Paul-Siewert’ getaggte Artikel

Ostdeutsche Antifa blickt zurück

Mittwoch, 06. Dezember 2017

Auf einer Tagung diskutierten Aktivisten über linke Politik in der DDR- und Wendezeit

Eine Gruppe Punks und alternativer Jugendlicher sitzt um eine Schreibmaschine und ist mit der Herstellung eines Flugblatts beschäftigt. Die Szene stammt aus einen Kurzfilm, der vor 30 Jahren in Potsdam entstanden ist. Mitglieder der damals in der Stadt gegründeten »unabhängigen Antifa« wollten damit die Bevölkerung über ihre Arbeit informieren.

Am vergangenen Freitag wurde mit diesem Kurzfilm im Potsdamer Rechenzentrum die Tagung »30 Jahre Antifa in Ostdeutschland« eingeleitet. Einige der Jugendlichen aus dem Film gehörten zu den Mitorganisatoren. Für manche war es ein Wiedersehen nach vielen Jahren. Auch zahlreiche junge Menschen waren aber darüber hinaus zu der Tagung gekommen, die mit über 200 Teilnehmern gut besucht war. »Ich bin antifaschistisch aktiv und ich will mich informieren, wie in der DDR, in der Wendezeit und in den 1990er Jahren der Kampf gegen Neonazis organisiert wurde«, sagte ein Besucher, der seinen Namen nicht nennen will, zum »nd«.

Die Sozialwissenschaftlerin Christin Jänicke wollte sich dagegen mit der unabhängigen Antifa in der DDR beschäftigen, weil diese in Büchern über die autonome Antifabewegung oft nicht erwähnt werde. »Die Geschichte der Antifa wurde fast ausschließlich aus Westperspektive geschrieben«, sagte Jänicke. Sie hat vor einigen Monaten gemeinsam mit Benjamin Paul-Siewert im Dampfbootverlag das Buch »30 Jahre Antifa in Ostdeutschland, Perspektiven auf eine eigenständige Bewegung« herausgegeben. Seitdem erinnerten die Autoren auf zahlreichen Veranstaltungen an das 30-jährige Jubiläum der unabhängigen Antifa in der DDR. Auch die Tagung am Wochenende hätte es ohne das Buch nicht gegeben. 

Auf der Auftaktveranstaltung diskutierten die Teilnehmer über die Hintergründe des selbstorganisierten antifaschistischen Engagements in einem Staat, der den Antifaschismus selbst zur Staatsdoktrin erklärt hatte. Der Theologe und Politikwissenschaftler David Bergerich stellte in seinen Beitrag die allzu simple Vorstellung von der »bösen« Regierung und der »guten« Bevölkerung in Frage. Er erinnerte daran, dass die Überlebenden der Konzentrationslager in der Regierung einer großen Masse von NS-Mitläufen in der Bevölkerung gegenüberstanden. 

Das Verwenden von NS-Symbolen besonders bei Fußballspielen wäre so eine klare Provokation gegen die DDR und ihre führende Partei gewesen. Doch die direkten Opfer waren Juden und die wenigen Nichtdeutschen in der DDR.

Die Filmwissenschaftlerin Angelika Nguyen berichtete weiter, wie sie in der Schulzeit dem rassistischen Alltagsterror ihrer Mitschüler ausgesetzt war. Während in salbungsvollen Reden die internationale Solidarität mit Vietnam beschworen wurde, habe man sie wegen ihrer Herkunft aus diesem Land gedemütigt. 

Die Historikerin und Publizistin Annette Leo, die in der DDR über die unabhängige Antifa berichtet hatte, setzte sich weiter differenziert mit der Rolle des Antisemitismus in der DDR auseinander. Sie erinnerte an die Kampagne gegen Juden Anfang der 1950er, die mit Stalins Tod beendet wurde. Auch die antiisraelische Politik der DDR und aller Warschauer-Vertragsstaaten sei nicht frei von antisemitischen Elementen gewesen. 

Der Mitbegründer der Ostberliner Antifa Dietmar Wolf ging derweil auf die kurze Geschichte der unabhängigen Bewegung in den Städten der DDR ein. Nach der Wende zerstreuten sich laut ihm wieder viele Antifa-Gruppen, doch ihre Mitglieder blieben oft aktiv gegen die seit 1989 anwachsende Neonazibewegung.

Am Samstag wurden in einer Arbeitsgruppe auch die Konflikte zwischen westdeutschen und ostdeutschen Antifaschisten, die zu einer separaten Organisierung führten, angesprochen. Der Stadtsoziologe Andrej Holm erklärte, dass sich die radikale Linke in den verschiedenen Bereichen vor der westdeutschen Dominanz und deren »kolonialen Verhalten« schützen wollte. Zur Herausbildung einer eigenständigen ostdeutschen Linken sei es allerdings nicht gekommen. 

Als positives Gegenbeispiel benannte Isabella Wohmann die »«Umland-Antifa, wo Berliner Gruppen Initiativen ohne »Metropolenarroganz« unterstützten. Die Tagung soll im nächsten Jahr mit weiteren Treffen fortgesetzt werden.

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1072407.ostdeutsche-antifa-blickt-zurueck.html

Peter Nowak

In ständiger Alarmbereitschaft

Mittwoch, 16. August 2017

Ein neuer Band beschreibt den teils zermürbenden Alltag in der ostdeutschen Autonomen Antifa. Einige Gruppen gab es schon in der DDR

»Warnung, Neonazis auch in der DDR«, lautete der Text auf einem Flugblatt, das in den Morgenstunden des 5. November 1987 in ganz Potsdam verklebt wurde. An der Rückseite des Potsdamer Filmmuseums erinnert noch heute ein schwarzer Rahmen an die Aktivitäten der Autonomen Antifabewegung in der DDR.

Fast 30 Jahre später ist im Verlag Westfälisches Dampfboot ein Buch herausgekommen, das die Geschichte der Antifa in der DDR thematisiert. Ein Großteil der 13 Autor_innen hat eine ostdeutsche Biografie und war zu verschiedenen Zeiten in antifaschistischen Zusammenhängen aktiv. Im ersten Kapitel liefert das Gründungsmitglied der Ostberliner Antifa Dietmar Wolf einen Überblick über die Geschichte der Autonomen Antifa in der DDR, die bereits Anfang der 1980 Jahre in Halle begonnen hatte.

Nach dem Naziüberfall auf ein Punkkonzert in der Berliner Zionskirche im Oktober 1987 waren die Neonaziaktivitäten auch für die SED nicht mehr zu leugnen gewesen. Wolf beschreibt, wie die Autonome Antifa mit der FDJ in Kontakt trat und ihre Kooperation anbot. Die Antwort blieb man schuldig. Stattdessen wurden die Aktivist_innen von der Polizei abgeführt, wenn sie sich an offiziellen Kundgebungen beteiligten.

Als dann nach dem Fall der Mauer einige FDJ- und SED-Politiker für eine Kooperation gegen die Rechten warben, war die Bereitschaft vonseiten der Autonomen Antifa dafür nicht mehr vorhanden. Der Historiker Yves Müller zeigt anhand von Dokumenten aus der Antifabewegung auf, dass ein Großteil der westdeutschen Aktivisten die DDR-Antifa nicht als eigenständige Bewegung anerkannt hat. »Vertreter_innen der DDR waren trotz Einladung nicht anwesend«, hieß es im Protokoll eines bundesweiten Antifatreffens vom 26. Oktober 1991.

Die Klage über die mangelnde Präsenz von Antifas aus der DDR konnte man in den 1990er Jahren häufiger hören. Die Gründe werden in dem Buch in verschiedenen Kapiteln erörtert. Die enorme Bedrohungslage, der die ostdeutschen Antifas in den frühen 1990ern ausgesetzt waren, war dabei zentral. An einem Beispiel beschreibt der Historiker Jakob Warnecke die nahezu wöchentlichen Naziangriffe auf besetzte Häuser und andere linke Einrichtungen. Daher hatten viele Antifagruppen gar nicht die Zeit, zu bundesweiten Treffen zu fahren. Zeitzeugen beschreiben im Buch, wie die ständige Alarmbereitschaft viele Aktivisten zermürbte.

Ende der 1990er Jahre bekam die Bildungsarbeit eine zunehmend größere Bedeutung in der Antifabewegung. Im Buch stellen Beteiligte verschiedene Beispiele vor. Marek Winter beschreibt in einem Kapitel, warum sich seit Ende der 1990er Jahre zahlreiche ostdeutsche Antifagruppen als antideutsch definierten. Ausschlaggebend waren die Erfahrungen, dass die Neonazis in manchen Regionen von großen Teilen der Bevölkerung unterstützt wurden, wenn es gegen Migranten und Linke ging. Der Streit über die Haltung zu Israel wurde erst später identitätsstiftend für Teile der Antifabewegung.

Die Kontroversen, die im Buch thematisiert werden, sind im Zeitalter von Pegida und AfD wieder sehr aktuell. So kann der Band einen Beitrag für die aktuelle Perspektivdiskussion leisten, die heute in der Antifabewegung in Ost- und Westdeutschland ansteht.

Christin Jänicke, Benjamin Paul-Siewert (Hrsg.): 30 Jahre Antifa in Ostdeutschland. Perspektiven auf eine eigenständige Bewegung. Verlag Westfälisches Dampfboot, 2017, 210 S., 20 Euro.

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1060631.in-staendiger-alarmbereitschaft.html

Peter Nowak