„Für viele waren Nazis eine Nebenerscheinung“

Vor 30 Jahren grün­deten sich in der DDR die ersten unab­hän­gigen Antifa-Gruppen – Aus­löser war der Überfall von Neo­nazis auf ein Punk­konzert in der Zions­kirche in Prenz­lauer Berg. Dietmar Wolf war einer der Mit­be­gründer der Ost-Antifa

INTERVIEW PETER NOWAK

taz: Herr Wolf, wann sind Sie in der DDR das erste Mal mit Neo­nazis in Kontakt gekommen?
Dietmar Wolf: Ich bin ab 1978 regel­mäßig zu Spielen des Fuß­ball­clubs BFC Dynamo gegangen. Dort habe ich 1982 oder 1983 die ersten Fans mit extrem kurzen Haaren und auf­fäl­ligen Kla­motten gesehen, die aus heu­tiger Sicht typisch für Skin­heads waren. Außerdem fiel zu dieser Zeit mehr und mehr auf, dass die Fan­sprech­chöre immer extremer und aggres­siver wurden und zunehmend ras­sis­tische, anti­se­mi­tische, sexis­tische Inhalte hatten. Das war dann auch ein wesent­licher Grund für mich, nicht mehr zum BFC ins Stadion zu gehen.

Wie kamen Sie in den Kreis der Mit­be­gründer der Ost­ber­liner Antifa?
Ich gehörte seit 1987 ver­schie­denen Gruppen der poli­ti­schen Oppo­sition in der DDR an. Unter anderem war ich auch Mit­ar­beiter in der Kirche von Unten. Deshalb war ich unmit­telbar an der Planung und Orga­ni­sation der Ver­an­staltung am 19. April 1989 beteiligt. Ich hatte zu dem Zeit­punkt bereits von der Gründung der Anti­fa­gruppe in Potsdam gehört. Aller­dings hatte ich keine per­sön­lichen Kon­takte dorthin

Wie kam es zur Gründung unab­hän­giger Antifa-Gruppen in ver­schie­denen Städten der DDR?
Aus­löser war der Überfall von Nazi-Skin­heads auf ein Punk­konzert in der Ost­ber­liner Zions­kirche im Oktober 1987. Er hatte in zwei­erlei Hin­sicht Si­gnal­wir­kung. Zum einen erhöhte sich danach die Zahl der offenen Über­griffe von Nazis und Skin­heads. Zum anderen regte sich erstmals selbst orga­ni­sierter Wider­stand. Daraus folgte dann die Gründung von unab­hän­gigen Antifa-Gruppen: in Potsdam und Dresden 1987, in Halle 1988 und in Berlin nach einem geschei­terten Versuch 1987 am 19. April 1989 in den Räumen der Kirche von Unten, der KvU.

Wer steckte hinter dem Überfall auf die Zions­kirche?
Damals hatten sich relativ spontan ungefähr 30 Neo­nazis von einer Geburts­tags­feier in einer Kneipe in Prenz­lauer Berg zur Kirche auf­ge­macht, um das Konzert anzu­greifen. Ange­führt wurde die Aktion von Ostber­liner Neo­nazis wie Ronny Busse. Einige eben­falls betei­ligte ­West­ber­liner Neo­nazis sind aller­dings nie ent­tarnt worden: Es gab ein Amts­hil­fe­ver­fahren der DDR-Behörden, dem aber leider von West­ber­liner Seite nicht statt­ge­geben worden ist.

Wie war das Ver­hältnis zwi­schen der Unab­hän­gigen Antifa und den unter­schied­lichen Gruppen der DDR-Oppo­sition?
Gute Kon­takte hatte wir zu linken Oppo­si­ti­ons­gruppen, die sich anar­chis­tisch defi­nierten, wie zum Bei­spiel die Umwelt­bi­bliothek und eben die KvU in Berlin. Der große Teil der Oppo­si­ti­ons­gruppen – auch jene, die sich als mar­xis­tisch oder trotz­kis­tisch defi­nierten – nahm die Antifa-Gruppen aber nicht wirklich ernst. Für ihn war damals das Thema Ras­sismus und Nazis eine eher unwe­sent­liche Neben­er­scheinung.

Wie reagierten die DDR-Ver­ant­wort­lichen auf die unab­hängige Antifa?
Der Staat bezie­hungs­weise das Minis­terium für Staats­si­cherheit ant­wor­teten mit Repression und Bespit­zelung. Es gab seitens der Antifa-Gruppen Ver­suche, mit der FDJ ins Gespräch zu kommen und auch auf der unteren Ebene eine gewisse Zusam­men­arbeit anzu­regen. Das wurde von der FDJ bis in die Zeit der Wende hinein kate­go­risch abge­lehnt.

Die Mau­er­öffnung 1989 ermög­lichte Ihnen dann direkte Kon­takte mit West­ber­liner und west­deut­schen Anti­fa­gruppen. Wie ent­wi­ckelte sich das Ver­hältnis zwi­schen Antifa Ost und West?
Nach anfänglich großem Interesse und großer Bereit­schaft zur Zusam­men­arbeit machten viele Anti­fa­schisten und Anti­fa­schis­tinnen aus der DDR die Erfahrung von Bevor­mundung, Her­ab­wür­digung und ideo­lo­gi­schen Ein­glie­de­rungs­ver­suchen durch die West­gruppen. Das führte schnell dazu, dass auch in den anti­fa­schis­ti­schen Gruppen der Begriff des Ost-West-Kon­flikts Einzug hielt.

Wo lagen die Unter­schiede?
In den 90er Jahren grün­deten west­deutsche Antifa-Gruppen die Anti­fa­schis­tische Aktion/​Bundesweite Aktion, eine anti­fa­schis­tisch aus­ge­richtete Kader- und Samm­lungs­or­ga­ni­sation nach dem his­to­ri­schen Vorbild des Rot­front­kämp­fer­bunds. Antifas aus der DDR koor­di­nierten sich zu dieser Zeit im Ost­ver­net­zungs­treffen, zu dem Gruppen aus dem Westen keinen Zugang hatten.

Sie sind in der anti­fa­schis­ti­schen Bil­dungs­arbeit aktiv. Worum geht es da?
Ich sehe meine Bil­dungs­arbeit als einen kleinen Beitrag zum Erhalt von anti­fa­schis­ti­scher Geschichte. Sie ist in gewisser Weise eine Brücke von 1987 ins Jahr 2017. Denn leider stelle ich immer wieder fest, dass die Anti­fa­schisten und Anti­fa­schis­tinnen von 2017 kaum etwas über die Anti­fa­gruppen von 2007 und 1997 wissen, geschweige denn von 1987.

Interview: Peter Nowak

Dietmar Wolf, geb. 1965, stellt am 12. 10. um 20 Uhr das Buch „30 Jahre unabhän­gige Antifa in Ost­deutschland“ vor. BAIZ, Schön­hauser Allee 26A

aus Taz vom 9.10.2017:
http://​www​.taz​.de/​A​r​c​h​i​v​-​S​u​c​h​e​/​!​5​4​5​1924/

Rassistische Übergriffe im Berliner Mauerpark


Anfang Sep­tember haben mut­maßlich rechte Fans des BFC Dynamo in Berlin Teil­nehmer eines Grill­fests des Kame­runer Vereins ange­griffen und ver­letzt – dass der Staats­schutz ermittelt, wurde in der Öffent­lichkeit erst jetzt bekannt.

„Ich bin 22 Jahre in Deutschland und ich hätte nicht für möglich gehalten, dass ich mitten in Berlin ange­griffen werde und das mich die Polizei nicht schützen kann“, erklärte Patrice Alain Zombou. Der in Kamerun geborene Ber­liner ist noch immer empört, wenn er berichtet, was sich am 3. Sep­tember gegen 20.00 Uhr im Ber­liner Mau­erpark zuge­tragen hat. Dort hatte der Kame­runer Verein ein Grillfest gefeiert. „Viele meiner Freunde, dar­unter Frauen und Kinder waren fröhlich und ent­spannt. Dann brach Panik aus“, berichtete Zombou über die Situation, als eine Gruppe von rund 200 Fans vom FC Dynamo die Gruppe atta­ckierte. „Erst beschimpften sie uns mit ras­sis­ti­schen Sprüchen, dann griffen sie uns mit Fla­schen an“, erinnert sich Zombou. Er wurde dabei im Gesicht ver­letzt. Ein anderer Gast des Grill­festes erlitt so schwere Gesichts­ver­let­zungen, dass er 12 Tage sta­tionär im Kran­kenhaus behandelt werden musste. Er erstattete sofort Anzeige wegen Kör­per­ver­letzung.

Doch erst zwei Wochen nach der Tat wurde bekannt, dass der Staats­schutz ermittelt und dabei den Fokus auf rechte Fans des BFC Dynamo legt. Der Kame­runer Verein kri­ti­sierte am ver­gan­genen Samstag auf einer Pres­se­kon­ferenz am Tatort Mau­erpark das Ver­halten der Polizei. Gäste des Grill­feses hätten die Beamten, die die Abreise der Fuß­ballfans absi­cherten, über den Angriff infor­miert, als die Täter noch vor Ort waren. Da die Polizei deren Per­so­nalien nicht auf­ge­nommen hat, konnten bisher keine Tat­ver­däch­tigen fest­ge­stellt werden.

Überfall kein Einzelfall in der Gegend

Dass erst zwei Wochen nach dem Überfall bekannt wurde, dass der Staats­schutz die Ermitt­lungen auf­ge­nommen hat, kri­ti­siert auch die Opfer­be­ra­tungs­stelle „Reach Out“. Der Pres­se­sprecher der Ber­liner Polizei Thomas Neu­endorf erklärte gegenüber der Zeitung „Der Tages­spiegel“, die Vor­würfe würden geprüft. Unmit­telbar nach der Tat, sei der Polizei „eine Aus­ein­an­der­setzung zwi­schen einer Gruppe von Dynamo-Fans und einer Gruppe Men­schen mit dunkler Haut­farbe“ bekannt geworden. Hin­weise auf Straf­taten habe es zunächst nicht gegeben.

Zivil­ge­sell­schaft­liche Gruppen machten auf der Pres­se­kon­ferenz am Samstag darauf auf­merksam, dass der Überfall vom 3. Sep­tember kein Ein­zelfall in der Gegend rund um den Mau­erpark ist, der eigentlich als ein Ort gilt, an dem sich viele Tou­risten aus aller Welt treffen. „People of Color“, die mit der Situation ver­traut sind, meiden an Sonn­tagen, an denen Fuß­ball­spiele im angren­zenden Jahn­station statt­finden, die Gegend wegen der zuneh­menden Präsenz rechter Fuß­ballfans. Beschimp­fungen vor allem von BFC-Anhängern seien an diesen Tagen keine Sel­tenheit. Davon betroffen waren in den letzten Monaten auch nicht­deutsche Mit­ar­beiter von Imbissen und das alter­native Knei­pen­kol­lektiv Baiz.

http://​www​.bnr​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​a​k​t​u​e​l​l​e​-​m​e​l​d​u​n​g​e​n​/​r​a​s​s​i​s​t​i​s​c​h​e​-​b​e​r​g​r​i​f​f​e​-​i​m​-​b​e​r​l​i​n​e​r​-​m​a​u​e​rpark
Peter Nowak

Umzug per Menschenkette

Das Kneipenkollektiv »BAIZ« nutzte seinen Ortswechsel zum Protest gegen die zunehmende Verdrängung

Das BAIZ hatte Glück und muss nur um-, nicht weg­ziehen.
Stühle und Plakate von Hand zu Hand: Um gegen die Ver­drängung von Alt­ein­ge­ses­senen zu pro­tes­tieren, lud das BAIZ zum Umzug.

In diesen Tagen schließt in Mitte eine linke Kneipe mit Tra­dition. Das BAIZ wird es in der Christenstraße/​Ecke Tor­straße nicht mehr geben. Am Sonntag ließ sich das linke Knei­pen­kol­lektiv eine besondere Umzugs­aktion ein­fallen. Mit einer Men­schen­kette vom bis­he­rigen Domizil zum neuen Standort in der Wörther Straße ging nicht nur das Mobiliar von Hand zu Hand. Die Teil­nehmer pro­tes­tierten gleich­zeitig dagegen, dass Mieter und Pro­jekte mit wenig Geld aus der Gegend ver­schwinden müssen. Sie zeigten Plakate, auf denen die Namen von Pro­jekten standen, die in den letzten Jahren ver­schwunden oder aktuell bedroht sind.

Fast wäre das BAIZ eben­falls davon betroffen gewesen. Mehr als zehn Jahre gab es dort Getränke zu Preisen, die man in Mitte längst nicht mehr ver­mutete. Linke Gruppen orga­ni­sierten poli­tische Ver­an­stal­tungen und die Kino­abende waren bekannt für anspruchs­volle, sozi­al­kri­tische Filme. Dass das Pro­gramm dem­nächst an dem neuen Standort fort­ge­setzt werden kann, war einem Zufall zu ver­danken. Vor knapp einen Monat habe man von einer Bekannten erfahren, dass die Räume frei werden. »Das war Glück in letzter Minute«, berichtet BAIZ-Knei­penwirt Mat­thias. Mit dem Umzug ist die Kneipe lang­fristig gesi­chert. Das Knei­pen­kol­lektiv hat den neuen Laden gekauft.

Zunächst war Mat­thias noch skep­tisch ob sich für die Men­schen­kette genügend Unter­stützer finden würden. Doch in den letzten Wochen war der Zuspruch nicht nur von den Stamm­gästen gewachsen. Auch Bewohner aus der Nach­bar­schaft, die nicht zu den Knei­pen­gästen gehörten, hatten sich an der Kette beteiligt, dar­unter Eltern mit Kin­der­wagen und Rentner. Schließlich ist gerade in Mitte die Angst groß, die Miete nicht mehr bezahlen zu können. Davon sind die Besitzer kleiner Läden, Kneipen und Ate­liers genauso betroffen wie Woh­nungs­mieter.

»Auch wenn wir jetzt noch mal Glück hatten, wollten wir unsere ›Popu­la­rität‹ für ein poli­ti­sches Signal nutzten«, begründete Mat­thias die Aktion. Bei den meisten Mietern laufe die Ver­drängung im Stillen ab. Das BAIZ hin­gegen ist sofort an die Öffent­lichkeit gegangen, als im Herbst 2012 das Haus seinen Besitzer wech­selte. Das Gebäude wurde an die Zelos Pro­perties GmbH ver­kauft. Bei Recherchen stießen die Mieter auf per­so­nelle Über­schnei­dungen mit der im Zusam­menhang mit Schrott­im­mo­bilien ins Gerede gekom­menen Grüezi Real Estate AG. Zelos wirbt auf ihrer Homepage mit einer »aus­ge­prägten Kul­tur­szene« in der Umgehung der Chris­ti­nen­straße, um lukrative Käufer der Eigen­tums­woh­nungen anzu­locken. Für das Haus selber wird aller­dings eine kul­tu­relle und gas­tro­no­mische Wei­ter­nutzung kate­go­risch aus­ge­schlossen. Dabei gab es in den Räum­lich­keiten schon in der DDR sub­kul­tu­relle Kneipen mit den Namen Bum­melant, Cha­piteau oder Dom kultury Berlin.

Die neuen Eigen­tümer planen in den Räumen ein wei­teres Büro­projekt. Damit ist eine Ziel­gruppe ange­sprochen, die in ange­sagte Sze­ne­be­zirke zieht, aber auf keinen Fall einen Club oder ein Restaurant in der Nach­bar­schaft haben will. Aber nicht nur die Kneipe, auch die bis­he­rigen Mieter sind in den Plänen der Zelos GmbH nicht vor­ge­sehen. Auf ihrer Homepage wird das Haus als »Altbau aus der Jahr­hun­dert­wende« in exklu­siver Umgebung beworben. Adidas und Soho House sollen »das hohe Niveau der Nach­bar­schaft« garan­tieren, mit dem Zelos ver­mö­gende poten­zielle Käufer gewinnen will.

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​9​2​5​0​4​3​.​u​m​z​u​g​-​p​e​r​-​m​e​n​s​c​h​e​n​k​e​t​t​e​.html

Peter Nowak

Umzug wird zur Demonstration

PROTEST Die linke Kneipe Baiz wechselt in einen anderen Bezirk. Per Menschenkette lässt sie ihre Stühle von Mitte nach Prenzlauer Berg wandern – und setzt damit ein Zeichen gegen Verdrängung

Gegen 16 Uhr hatten sie es geschafft: Die rund einen Kilo­meter lange Men­schen­kette von der Chris­ti­nen­straße in Mitte bis zur Wörther Straße in Prenz­lauer Berg war geschlossen. Mehrere hundert Per­sonen ließen das Mobiliar des Baiz von Hand zu Hand gehen. Die linke Kneipe muss zum Monatsende ihr bis­he­riges Domizil räumen. Lange Zeit sah es aus, als müsste sie ganz schließen. Erst in letzter Minute hat das Baiz in der Wörther Straße neue Räume gefunden.

Mit der Men­schen­kette wurde der Umzug gleich­zeitig ein Protest gegen Ver­drängung. »Auch wenn wir noch mal Glück hatten, wollten wir unsere Bekanntheit für die Aktion nutzen«, erklärte Baiz-Wirt Mat­thias Bogisch gegenüber der taz.

Frei­räume ver­schwunden

Zunächst war Bogisch noch skep­tisch, ob sich genügend Unter­stüt­ze­rInnen für die Kette finden würden. Die Befürch­tungen waren grundlos. In die Kette reihten sich junge Leute mit Musik­in­stru­menten ebenso ein wie Eltern mit Kin­der­wagen und Rent­ne­rInnen. Der Name von Loka­li­täten und Frei­räumen, die in den letzten Jahren schließen mussten, trugen die Teil­neh­me­rInnen auf Pla­katen am Rücken. »Bastard ver­schwunden«, »Volks­so­li­da­rität geschlossen«, aber auch »Metzer Straße erhalten« war dort zu lesen.

»Bei den meisten Mie­te­rInnen läuft die Ver­drängung im Stillen ab. Das wollten wir ver­ändern«, betont Bogisch. Das Baiz war sofort an die Öffent­lichkeit gegangen, als im Herbst 2012 das Haus seinen Besitzer wech­selte. Das Gebäude wurde an die Zelos Pro­perties GmbH ver­kauft. Die neuen Eigen­tümer planen in den Räumen der Kneipe ein Büro­projekt. Auf ihrer Homepage wird das Haus als »Altbau aus der Jahr­hun­dert­wende« in exklu­siver Umgebung beworben. Adidas und Soho House sollen »das hohe Niveau der Nach­bar­schaft« garan­tieren.

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=ba&dig=2014%2F02%2F24%2Fa0130&cHash=6863579fb98509ae0e1bd16e47001286

Peter Nowak

Mieter/​innen und Kneipe ziehen an einem Strang

Manchen Mieter/​innen ist ein Restaurant im Haus als Quelle viel­fäl­tiger Geräusche ein Ärgernis. Die Mieter/​innen der Chris­ti­nen­straße 1 aber sind froh, dass sie mit dem BAIZ einen Schankraum im Haus haben, der viele Freunde hat. Seit sie wissen, dass ihr Haus zum Spe­ku­la­ti­ons­objekt geworden ist, mobi­li­sieren die Gäste des BAIZ im Netz und auf der Straße dagegen und die Mieter freuen sich.

Sie waren genauso wie die Lokal­be­treiber über­rascht, als sie erfuhren, dass das Haus im Herbst 2012 den Besitzer gewechselt hat. Das Gebäude wurde an die Zelos Pro­perties GmbH ver­kauft. Durch Eigen­re­cherche stießen die Mieter auf per­so­nelle Über­schnei­dungen mit der im Zusam­menhang mit Schrott­im­mo­bilien ins Gerede gekom­menen Grüezi Real Estate AG. Das Unter­nehmen war vom Ber­liner Land­ge­richt im Dezember 2012 zur Rück­ab­wicklung eines Eigen­tums­woh­nungs­verkauf und der Zahlung von Scha­den­ersatz ver­ur­teilt worden. Die Grüezi hat nach Ansicht des Gerichts eine Eigen­tums­wohnung „sit­ten­widrig über­teuert“ ver­äußert. Die Firma hatte den Vorwurf unter Hinweis auf eines von ihr beauf­tragten „Gut­achtens“ bestritten. Das Land­ge­richt bezeichnet das „Gut­achten“ als offen­sichtlich wert­losen „Bericht“.

Zelos wirbt auf ihrer Homepage mit einer „aus­ge­prägten Kul­tur­szene“ in der Umgehung der Chris­ti­nen­straße und lukrative Käufer der Eigen­tums­woh­nungen anzu­locken. Für das Haus selber wird aller­dings eine kul­tu­relle und gas­tro­no­mische Wei­ter­nutzung kate­go­risch aus­ge­schlossen. Statt­dessen ist nach ihren Vor­stel­lungen ein wei­teres Büro­projekt geplant. Damit ist eine Ziel­gruppe ange­sprochen, die in ange­sagte Sze­ne­be­zirke zieht, aber auf keinen Fall einen Club oder ein Restaurant in der Nach­bar­schaft haben will. Aber nicht nur die Kneipe, auch die bis­he­rigen Mieter/​innen, sind in den Plänen der Zelos GmbH nicht vor­ge­sehen. Auf ihrer Homepage wird das Haus als „Altbau aus der Jahr­hun­dert­wende“ in exklu­siver Umgebung beworben. Adidas und Soho House sollen „das hohe Niveau der Nach­bar­schaft“ garan­tieren, mit dem Zelos ver­mö­gende poten­tielle Käufer gewinnen will.
Doch noch geben die Mieter/​innen und die BAIZ-Betreiber nicht auf und sie suchen die Öffent­lichkeit. So haben sie haben unter
baiz.krassnix.de/wp-content/uploads/2013/03/mieterh%C3%B6hungsbeispiele.pdf Bei­spiele für die Ent­wicklung der Miete nach der Moder­ni­sie­rungs­an­kün­digung ins Netz gesellt. Danach würde sich eine Grund­miete von 200 Euro auf 558, 98 Euro gleich um 278,99 % erhöhen. Die aktu­ellen Bewohner hoffen auf die soli­da­rische Nach­bar­schaft, die zu den Kunden des BAIZ gehört, das mit seinen nied­rigen Geträn­ke­preisen heute in der Gegend eine Aus­nahme ist. “Wenn wir es gemeinsam mit dem BAIZ nicht schaffen, hier im Haus zu bleiben“, schaffen wir es alleine erst recht nicht“, bringt ein Mieter die Stimmung in dem Haus zum Aus­druck. Min­destens einmal in der Woche fun­giert ein Raum der Kneipe mitt­ler­weile als Akti­ons­zentrum. Ideen gibt es viele. In der nächsten Zeit werde man einiges von den Mieter/​innen der Chris­ti­nen­straße hören, kün­digen sie an. Neu­ig­keiten finden sich auf der Homepage unter:

baiz​.krassnix​.de/​c​a​t​e​g​o​r​y​/​v​o​n​-uns/
http://​www​.bmgev​.de/​m​i​e​t​e​r​e​c​h​o​/​m​i​e​t​e​r​e​c​h​o​-​o​n​l​i​n​e​/​b​a​i​z​.html
Peter Nowak

Projekte wehren sich gegen Verdrängung

Demons­tration in Mitte am kom­menden Sonn­abend, Schank­wirt­schaft kämpft ums Über­leben

»Wir zahlen nicht für Eure Spe­ku­la­tionen.« So lautet das Motto einer Demons­tration am kom­menden Sonn­abend, die um 17 Uhr am Rosenthaler Platz in Mitte beginnt. Ganz in der Nähe befindet sich das alter­native Haus­projekt Lini­en­straße 206. Es gehört noch zu einen der wenigen unsa­nierten Gebäuden in der Gegend. Das Haus war 1990 besetzt und bald danach lega­li­siert worden. Doch seit Bernd-Ullrich Lippert das Haus gekauft hat, befürchten die Mieter die Ver­treibung. Mitt­ler­weile gibt es erste Räu­mungs­klagen. Auch die Bezirks­ver­ord­ne­ten­ver­sammlung (BVV) Mitte hat sich gegenüber dem Eigen­tümer für den Erhalt des Haus­pro­jekts ein­ge­setzt. Die Bewohner haben sich mit wei­teren Mietern und Initia­tiven zusam­men­ge­schlossen, die in der Gegend zwi­schen den Stadt­teilen Mitte und Prenz­lauer Berg ver­drängt werden sollen. Dazu gehört mit der Kirche von Unten ( KvU) ein Projekt, das seine Wurzeln noch in der DDR-Oppo­sition hat. Auch in der Chris­ti­nen­straße 1 traf sich schon Ende der 80er Jahre die DDR-Sub­kultur. Die Kneipen hatten damals Namen wie Bum­melant oder Dom Kultury Berlin. Seit 8 Jahren gibt es dort die Schank­wirt­schaft Baiz“, die mehr als nur eine Kneipe ist. Regel­mäßig werden dort Filme gezeigt und auch für poli­tische Ver­an­stal­tungen ist dort immer Platz. Zum 1. Oktober hat der neue Eigen­tümer. die Zelos Pro­perties GmbH, den Betreibern gekündigt. Sofort gründete sich ein Unter­stüt­zer­kreis, der für den Ver­bleib des BAIZ Nicht nur auf Facebook wächst der Freun­des­kreis. Dar­unter sind viele lang­jährige Stamm­gäste. Lokal. »Hier ist einer der wenigen Orte in der Mitte Berlins, der nicht darauf angelegt ist, den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen« begründet der His­to­riker Uwe Son­nenberg sein Enga­gement. Auch viele Nachbarn äußern die Befürchtung, dass sie auch nicht mehr lange in der Gegend bleiben können, wenn das BAIZ gehen muss. Tat­sächlich ist die Schank­wirt­schaft nicht nur für die güns­tigen Geträn­ke­preise bekannt. Dort sitzt die Rent­nerin, die schon Jahr­zehnte in der Nach­bar­schaft lebt, neben den jungen Erwerbs­losen, Was den Eigen­tümern hin­gegen vor­schwebt, verrät ein Blick auf die Homepage der Zelos Group. Dort wird das Haus als „Altbau aus der Jahr­hun­dert­wende“ beworben. Eine behutsame Sanierung und ein Ausbau des Dach­ge­schosses sind nge­kündigt. Von den aktu­ellen Mietern ist dort keine Rede. Dafür wird auf hoch­rangige Unter­nehmen wie Adidas und Soho House ver­wiesen, die „das hohe Niveau der Nach­bar­schaft“ garan­tieren sollen.
https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​8​1​8​5​3​0​.​p​r​o​j​e​k​t​e​-​w​e​h​r​e​n​-​s​i​c​h​-​g​e​g​e​n​-​v​e​r​d​r​a​e​n​g​u​n​g​.html

Peter Nowak