Bücher des Widerstands

Es gibt ein Leben nach den Barrikaden

Mit Anne Reiche und Dimitris Kou­fon­tinas haben zwei Aktivist*innen der radi­kalen Linken ihre Bio­gra­phien ver­fasst. Reiche schloss sich im Knast der RAF an, während Kou­fan­tinas sich nach einem miss­lun­genen Bom­ben­an­schlag und einer Zeit in der Ille­ga­lität der Polizei stellte.

«Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten» ist eines der per­sön­lichsten Lieder von Rio Reiser, dem Sänger der West­ber­liner Rockband Ton Steine Scherben. Die Strophe könnte das Motto von Anne Reiches Bio­graphie sein, die sie unter dem Titel «Auf der Spur» in der Edition Cimarron ver­öf­fentlich hat. Anne Reiche hat ein Buch geschrieben, das…

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Die rote Armee von Nippon

Ein Buch über die japa­nische Rote Armee Fraktion

»Selbst­dar­stellung der RAF im März 1970«: So lautete die Über­schrift ­eines Texts, der in der West­ber­liner Apo-Zeit­schrift Agit883 im April 1970 erschien. Dabei gründete sich die Rote Armee Fraktion erst im Mai 1970. Bei dem Text han­delte es sich um eine Erklärung der japa­ni­schen Rote Armee Fraktion, nicht der west­deut­schen. Ein neu erschie­nenes Buch, geschrieben von dem bri­ti­schen Jour­na­listen William Andrews, gibt nun einen guten Über­blick über diese japa­nische RAF.

Wie ihre west­deut­schen Gesin­nungs­ge­nossen bestand sie über­wiegend aus radi­ka­li­sierten Aka­de­mikern, war aber noch weniger zim­perlich: Zwölf Men­schen wurden im Rahmen einer »Säu­be­rungs­aktion« im Dezember 1971 in einer Hütte in den japa­ni­schen Bergen von den eigenen Genossen getötet. Eine Fraktion der japa­ni­schen RAF kon­zen­trierte sich auf die Unter­stützung von bewaff­neten Kämpfen in ver­schie­denen Regionen der Welt, eine andere, die sich ­eigentlich dem Gue­ril­la­kampf in Süd­amerika ­anschließen wollte, lan­dete nach einer Flug­zeug­ent­führung in Nord­korea, wo sie eher unfrei­willig zu Pro­pa­gan­disten des dor­tigen Regimes umer­zogen wurde.

Wieder ein anderer Teil der RAF ist für das Mas­saker im heu­tigen Flug­hafen Ben Gurion in Israel am 30. Mai 1972 ver­ant­wortlich, bei dem 28 Men­schen starben und Dut­zende weitere ver­letzt wurden. William Andrews beschreibt, wie das Attentat in vielen ara­bi­schen Staaten bejubelt wurde. Einer der Haupt­ver­ant­wort­lichen lebt, nachdem er aus israe­li­scher Haft frei­ge­tauscht wurde, im Libanon und wurde noch 2016 von der paläs­ti­nen­si­schen Fatah als »Held der Ope­ration am Flug­hafen Lod« gefeiert. Manche poli­ti­schen Ein­schät­zungen von Andrews wider­sprechen sich, was der Autor aber auch selbst­kri­tisch in einer Fußnote ein­räumt. Das Buch zeigt das Scheitern der japa­ni­schen RAF, von deren revo­lu­tio­närer Emphase nur der Hass auf Israel übrig blieb.

William Andrews: Die japa­nische Rote Armee Fraktion. Bahoe Books, Wien 2018,
150 Seiten, 15 Euro

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Peter Nowak

Kamikaze gegen den Klassenfeind

Auch in Japan gab es eine »Rote Armee Fraktion« – sie blieb vor allem mit Terror gegen eigene Mit­glieder und Israelis in Erin­nerung

Wenn über den glo­balen Auf­bruch von 1968 gesprochen wird, blendet man Japan meistens aus. Zu Unrecht: Die japa­nische Linke hatte vor 50 Jahren durchaus eine Vor­bild­funktion für die links­ra­di­kalen Bewe­gungen anderer Länder. Besonders die Stu­die­ren­den­ge­werk­schaft namens »Zengakuren« wurde für ihre Militanz bewundert. In Japan gab es aber auch einen bewaff­neten Kampf. Bereits 1969 gründete sich eine »Rote Armee Fraktion«, im April 1970 wurde sie in der West­ber­liner Apo-Publi­kation »Agit 883« vor­ge­stellt. Es ist somit durchaus nicht unwahr­scheinlich, dass die japa­nische Gruppe Vorbild für die im Mai 1970 gegründete RAF in der BRD war.

Der Wiener Verlag Bahoe Books hat nun ein Buch des bri­ti­schen Publi­zisten William Andrews ins Deutsche über­setzt, das einen guten Über­blick über die Geschichte der japa­ni­schen RAF ver­mittelt. Diese, so kann man erfahren, erlitt eine dop­pelte Nie­derlage.

Die Erste: In der japa­ni­schen RAF planten junge Akademiker*innen Angriffe auf Politiker*innen, die man wohl pas­sen­der­weise mit dem japa­ni­schen Wort »Kamikaze« bezeichnen müsste. Schon kurz nach der Gründung hatte die Polizei einen Großteil der jungen Mili­tanten ver­haftet.

Die Zweite: Durch eine Ver­schmelzung mit einer nahe­ste­henden Gruppe ver­suchten die Aktivist*innen, noch einmal in die Offensive zu kommen. Auf einer Hütte in den japa­ni­schen Bergen hatten sich dafür einige Dutzend meist sehr junge Leute zusam­men­ge­funden, um sich auf den bewaff­neten Kampf vor­zu­be­reiten. Im Rahmen einer »Säu­be­rungs­aktion« im Dezember 1971 wurden dann jedoch zwölf Men­schen von den eigenen Genoss*innen getötet.

Wil­liams ver­sucht erst gar nicht, den Terror nach innen erklärbar zu machen. Bei ihm wird aber deutlich, dass in einem Klima aus ideo­lo­gi­schem Sek­tie­rertum und Angst vor Agent*innen des Staates der eigene Genosse zum Feind wurde. Damit hatte sich die RAF in Japan gründlich dis­kre­di­tiert. Andrews beschreibt die Situation in dras­ti­schen Worten, nachdem das Ver­brechen ent­deckt wurde: »Die Reaktion war garan­tiert, und die Polizei war glücklich darüber, die Medien zu dem Mas­sengrab zu bringen, um den Horror der Mili­tanten unter der gesamten Bevöl­kerung zu ver­breiten.«

Trotz solcher und ähn­licher dras­ti­scher For­mu­lie­rungen – so bezeichnet Andrews die Gue­ril­la­gruppen immer als »Bande« – ist er kein Ver­tei­diger des Staates. An meh­reren Stellen erklärt er, dass man den Mit­gliedern der RAF nicht gerecht wird, wenn man sie auf die Gewalt redu­ziert. Kri­tisch geht er auch mit der Kam­pagne aus Politik und Medien um, die die vor allem weib­lichen Mit­glieder der Gruppe als Hexen ent­mensch­lichte.

Eine RAF-Zelle, so eine weitere Anekdote, wollte sich eigentlich in Süd­amerika am dor­tigen Gue­ril­la­kampf betei­ligen. Nach einer Flug­zeug­ent­führung landete sie jedoch aus­ge­rechnet in Nord­korea, das ursprünglich nur Tran­sitland sein sollte. In dem Land wurden die japa­ni­schen Guerilla-Kämpfer*innen dann eher unfrei­willig zu Propagandist*innen des dor­tigen Regimes »umer­zogen«.

Andere japa­nische RAF-Mit­glieder betei­ligten sich an Atten­taten paläs­ti­ni­scher Gruppen gegen Israel. Berüchtigt wurden sie durch ein Mas­saker im Ter­minal des Flug­hafens im israe­li­schen Lod 1972. Unter den 28 Men­schen, die dabei das Leben ver­loren, war auch eine Gruppe von Pilger*innen aus Puerto Rico. Andrew beschreibt, wie die Attentäter*innen in Teilen der ara­bi­schen Welt bis heute als Helden gelten.

Das flott geschriebene Buch gibt einen ersten Ein­blick in die Geschichte der japa­ni­schen RAF. Es benennt einige ihrer Aktivist*innen, die ursprünglich die Revo­lution vor­an­treiben wollten – später aber mit Terror gegen Israel und Säu­be­rungs­ak­tionen in den eigenen Reihen in Erin­nerung geblieben sind.

Wil­liams Andrew: Die japa­nische Rote Armee Fraktion. Wien 2018, Bahoe Books. 150 Seiten, 15 Euro.

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Peter Nowak