Eine Geschichte der Berliner Mieter*innenbewegung

Mieterkämpfe – Bertz + Fischer

Berlin ist schon länger ein Ort für Mietre­bellen. Darüber infor­miert ein im Verlag Bertz + Fischer erschie­nenes Buch, das der Poli­tologe Philipp Mattern her­aus­gegeen hat.

Der Erfolg der Mie­ten­de­mons­tration am 6. April in Berlin zeigte, dass es der par­tei­un­ab­hän­gigen Bewegung von Mie­te­rinnen und Mietern gelungen ist, Druck auf­zu­bauen, auf den die poli­ti­schen Par­teien reagieren müssen. Doch Berlin ist schon länger ein Ort für Mietre­bellen. Darüber infor­miert ein im Verlag Bertz + Fischer erschie­nenes Buch, das der Poli­tologe Philipp Mattern her­aus­gegeen hat. Er ist Redakteur der Zeit­schrift Mie­te­recho. Dort ver­öf­fent­lichte er Bei­träge zur His­torie der Ber­liner Mie­ter­be­wegung und merkte, dass das Thema genügend Material für ein Buch hergibt. Tat­sächlich infor­mieren die elf Kapitel kennt­nis­reich über die wenig bekannte Geschichte der.…

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Alleinige, halbe oder gar keine Schuld?

In einem Band setzen sich His­to­riker mit dem Anteil Deutsch­lands am Ersten Welt­krieg aus­ein­ander

Warum noch ein Sam­melband zum Ersten Welt­krieg, nachdem zum 100. Jah­restag eine Fülle von Publi­ka­tionen erschienen ist? Diese Frage beant­worten die His­to­riker Axel Weipert, Sal­vador Oberhaus, Detlef Nakath und Bernd Hüttner mit ihrem, dem Jubiläum zwar nach­hin­kenden, aber wich­tigem Buch. Es behandelt drei Themen, die bisher in der Debatte eher ein stief­müt­ter­liches Dasein fris­teten. Ein­be­zogen sind hier zudem Autoren aus ver­schie­denen euro­päi­schen Ländern.

Der erste Teil des Bandes widmet sich der geschichts­po­li­ti­schen Deutung des Ersten Welt­kriegs. Bereits 2013 bemühten sich der bri­tisch-aus­tra­lische His­to­riker Chris­topher Clark und der Ber­liner Polit­wis­sen­schaftler Her­fried Münkler, das Deutsche Reich von seiner beson­deren Ver­ant­wortung für den Aus­bruch des Welt­kriegs frei­zu­sprechen. Besonders Münkler pole­mi­sierte heftig gegen den His­to­riker Fritz Fischer, der im wil­hel­mi­ni­schen Deutschland den Haupt­kriegs­treiber gesehen hatte. Die These von der Allein­schuld Deutsch­lands wird im Band kon­trovers dis­ku­tiert. Der in Hagen leh­rende Geschichts­wis­sen­schaftler Wolfgang Kruse stellt die Debatte in einen aktuell-poli­ti­schen Kontext: Wenn Deutschland angeblich an beiden Welt­kriegen nicht Schuld gewesen sei, könne es heute »als eigentlich ganz normale Nation auch mit gutem Gewissen seine pro­spe­rie­rende Stellung in Deutschland und Europa genießen«.

Der Pots­damer His­to­riker Jürgen Angelow hin­gegen ver­teidigt Münkler und Clark. »Jede Inno­vation in die For­schung, jede Neu­be­wertung der Dar­stellung, die mit einer Neu­be­wertung der For­schung ein­hergeht, wird umstritten sein und auf den Wider­stand älterer Auf­fas­sungen stoßen.« Gegen die besondere Ver­ant­wortung des Deut­schen Reiches für den Kriegs­aus­bruch argu­men­tiert er mit Lieb­knecht, Luxemburg und Lenin, die davon aus­gingen, dass sämt­liche großen euro­päi­schen Staaten für die poli­tische Situation ver­ant­wortlich waren, die in den Welt­krieg führte. Der His­to­riker schließlich sieht im Versuch, Deutschland von der Ver­ant­wortung für den Ersten Welt­krieg rein­zu­wa­schen, »Argu­men­ta­ti­ons­hilfen für mili­tä­rische Inter­ven­tionen im Ausland«.

Im zweiten Teil des Buches setzen sich sieben Autorinnen und Autoren mit der Frage aus­ein­ander, welchen Anteil die durch den Ersten Welt­krieg aus­ge­löste Bru­ta­li­sierung bei der Eta­blierung von Faschismus und Natio­nal­so­zia­lismus hatte. So bezeichnete der mar­xis­tische bri­tische His­to­riker Eric Hobsbawn den Ersten Welt­krieg als »Maschine zur Bru­ta­li­sierung der Welt«. Diese For­mu­lierung wurde zum Buch­titel. Der spa­nische His­to­riker und Kul­tur­wis­sen­schaftler Angel Alcalde zeichnet die Debatte um die These des US-His­to­rikers und Faschis­mus­for­schers George L. Mosses nach, der eine enge Ver­bindung zwi­schen dem Ersten Welt­krieg und dem Auf­stieg der euro­päi­schen Rechten sah.

Im dritten Teil des Buches befassen sich elf Autoren mit dem Ein­fluss des Welt­kriegs auf die Arbei­ter­be­wegung und die poli­tische Linke. Milos Bakovic Jadzic skiz­ziert die Geschichte der ser­bi­schen Sozi­al­de­mo­kratie , die nicht wie die anderer Länder eine »Burg­frie­dens­po­litik« betrieb. Ein wei­teres Kapitel widmet sich den wenig erforschten Anti­kriegs­pro­testen slo­we­nisch-spra­chiger Frauen in Öster­reich-Ungarn; diese hielten über die gesamten Kriegs­jahre an. Axel Weipert beklagt, dass die Akti­vi­täten der Räte­be­wegung in Deutschland und Öster­reich-Ungarn, die ent­schei­denden Anteil am Sturz der Mon­archie hatten, in der Geschichts­schreibung lange Zeit kaum erwähnt wurden. Der Polit­wis­sen­schaftler Malte Meyer schließlich unter­sucht die »Ver­preußung« der Arbei­ter­be­wegung in Deutschland. Damit rekur­riert er auf einen Begriff, den der Sozialist 1937 im fran­zö­si­schen Exil prägte. Die Ver­breitung mili­ta­ris­ti­scher Ideo­logie in den Kreisen von Klein­bür­gertum und der Arbei­ter­schaft ist auch bereits von Linken wie Rosa Luxemburg als Sozi­al­mi­li­ta­rismus heftig kri­ti­siert worden. Meyer zählt aller­dings auch Orga­ni­sa­tionen wie den KPD-nahen Rot­front­kämp­ferbund zu den Män­ner­bünden mit mili­ta­ris­ti­scher Attitüde.

Axel Weipert/​Salvador Oberhaus/​Detlef Nakath/​Bernd Hüttner (Hg.): Maschine zur Bru­ta­li­sierung der Welt. Der Erste Welt­krieg – Deu­tungen und Hal­tungen 1914 bis heute. Dampfboot Verlag, 363 S., br., 35 €.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​5​8​0​2​5​.​a​l​l​e​i​n​i​g​e​-​h​a​l​b​e​-​o​d​e​r​-​g​a​r​-​k​e​i​n​e​-​s​c​h​u​l​d​.html

Peter Nowak

Arbeit – Bewegung – Geschichte

Die Schweiz spielte keine unwichtige Rolle in der Geschichte der linken Arbei­te­rIn­nen­be­wegung. Die Zim­mer­walder-Kon­ferenz von 1915, zu der die sozia­lis­ti­schen Geg­ne­rInnen des 1. Welt­kriegs zusammen kamen, ist ein bekanntes Bei­spiel. Kaum bekannt ist hin­gegen, dass die Schweiz vor über 40 Jahren auch eine wichtige Rolle in der euro­päi­schen Ver­netzung der linken Betriebs­in­ter­vention gespielt hat.

Anfang der 1970er Jahre wurde in Zürich ein inter­na­tio­nales Koor­di­na­ti­onsbüro für die län­der­über­grei­fende Unter­stützung von Streiks und Arbeits­kämpfe auf­gebaut. Getragen wurde es von Gruppen der radi­kalen Linken, die durch den Auf­bruch nach 1968 ent­standen sind und sich weder der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen noch der tra­di­ti­ons­kom­mu­nis­ti­schen Richtung zuord­neten. Neben dem Pariser Mai 1968 war auch der ita­lie­nische Herbst 1969 für diese Linke ein wich­tiger Bezugs­punkt. Denn in Italien betei­ligten sich viele Arbei­te­rInnen im ganzen Land an Betriebs­be­set­zungen, Streiks und mili­tanten Demons­tra­tionen. Dort war der Funke des revo­lu­tio­nären Auf­bruchs tat­sächlich über­ge­sprungen, von den Hoch­schulen auf die Fabriken. Linke Akti­vis­tInnen sowie kämp­fe­rische Arbei­te­rInnen aus vielen euro­päi­schen Ländern ver­folgten die Ent­wicklung mit grossem Interesse. «In der his­to­ri­schen For­schung zu den Streik­be­we­gungen und Arbeits­kämpfen der 1960er und 1970er ist die inter­na­tionale Zusam­men­arbeit von Strö­mungen und Gruppen, die sich an diesen Aus­ein­an­der­set­zungen in der Fabrik ori­en­tieren, noch wenig beachtet worden», schreibt der Ber­liner His­to­riker Dietmar Lange in der aktu­ellen Ausgabe von Arbeit – Bewegung – Geschichte, Zeit­schrift für his­to­rische Studien.

Die Pro­phe­zeiung des her­auf­ziehen den Post­for­dismus

Das Schwer­punkt­thema lautet «Linke Betriebs­in­ter­vention, wilde Streiks und ope­rais­tische Politik 1968 bis 1988». Dietmar Lange, der gemeinsam mit Fabian Ben­newitz, Ralf Hoff­rogge und Axel Weipert die Zeit­schrift her­ausgibt, forscht seit län­gerem zur Geschichte der linken Betriebs­in­ter­ven­tionen der 1960er und 1970er Jahre. Dabei hat er auch einen Bericht über eine Inter­na­tionale Arbei­te­rIn­nen­kon­ferenz im April 1973 aus­ge­graben, die in Paris statt­ge­funden hat. Sie wurde wesentlich von dem Zürcher Koor­di­na­ti­onsbüro vor­be­reitet und widmete sich den Klas­sen­aus­ein­an­der­set­zungen in der Auto­mo­bil­in­dustrie. Anwesend Arbei­te­rInnen aus den wich­tigsten Auto­mo­bil­kon­zernen wie BMW, VW, Fiat, Opel, Alfa Romeo, Renault und Citroen. Aus der Schweiz waren Beschäf­tigte von Saurier ver­treten. Auch ver­schiedene Linke aus Deutschland, Frank­reich, Italien und Gross­bri­tannien nahmen an der Kon­ferenz teil. Aus der Schweiz waren Akti­vis­tInnen der Gruppe Klas­sen­kampf nach Paris gekommen, die sich aus einer mao­is­tisch ori­en­tierten Jugend­be­wegung in der ita­lie­ni­schen Schweiz ent­wi­ckelt hatte und Anfang der 70er Jahre ihren Ein­fluss auf die deutsch­spra­chige Schweiz aus­dehnte. Mitte der 70er Jahre löste sich die Gruppe auf. In dieser Zeit war die linke Betriebs­in­ter­vention in eine Krise geraten geraten
und auch das Zürcher Koor­di­nie­rungsbüro stellte die Arbeit ein. Die Vor­be­reitung der Pariser Kon­ferenz war ihre wich­tigste Arbeit. «Nur kurze Zeit nach der Kon­ferenz in Paris vollzog ein Grossteil der betei­ligten Gruppen einen Rich­tungs­wechsel oder löste sich auf», schreibt Dietmar Lange. In einem Interview mit dem Arzt und His­to­riker Karl Heinz Roth, der damals an der linken Betriebs­in­ter­vention beteiligt war, spürt Lange den Gründen für den schnellen Zusam­men­bruch der trans­na­tio­nalen Soli­da­ri­täts­arbeit nach, der zu einem langen Abschied der linken Bewegung vom Pro­le­tariat führen sollte. Roth erinnert sich an war­nende Stimmen auf der Kon­ferenz, die berich­teten, wie durch Kon­zern­stra­tegien das Konzept des kämp­fe­ri­schen Mas­sen­ar­beiters unter­graben wurde. «Diese Pro­phe­zeiung des her­auf­zie­henden Post­for­dismus stand als Mene­tekel an der Wand des Kon­gresses», so Roth. Er begründet auch, warum das Koor­di­nie­rungsbüro, dass neben der Gruppe Klas­sen­kampf auch von der Berner und St. Gal­lener Orts­gruppen der Pro­le­ta­ri­schen
Front getragen wurden, in der Schweiz errichtet wurde: «Die Stand­ortwahl lag nicht nur aus geo­gra­phi­schen Gründen nahe, sondern hatte mit der damals leider noch sehr sel­tenen Mehr­spra­chigkeit der schwei­ze­ri­schen Genos­sinnen und Genossen zu tun».
Par­al­lelen zu heu­tigen Aus­ein­an­der­set­zungen
Das Koor­di­nie­rungsbüro habe sich zum Ziel gesetzt, die Selbst­or­ga­ni­sation der am meisten mar­gi­na­li­sierten Sek­toren der euro­päi­schen Arbei­te­rIn­nen­klasse zu fördern. Das ist eine sehr aktuelle Ziel­setzung. Schliesslich gibt es zurzeit eine linke Betriebs­in­ter­vention bei Amazon. Es gab bereits mehrere Treffen von Beschäf­tigten von Amazon-Werken in Deutschland und Polen. Deshalb weckt das Schwer­punkt­thema der Zeit­schrift Arbeit – Bewegung – Geschichte nicht nur his­to­ri­sches Interesse. Die Her­aus­ge­be­rInnen weisen darauf hin, dass sich «in den hier publi­zierten Texten zahl­reiche Aspekte finden, die Par­al­lelen zu heu­tigen Aus­ein­an­der­set­zungen auf­weisen». Nelly Tügel unter­sucht in ihren Beitrag, wie der Bun­des­vor­stand des Deut­schen Gewerk­schafts­bundes (DGB) auf gewerk­schaft­liche
Akti­vi­täten von Arbeits­mi­gran­tInnen in West­deutschland reagierte, die oft noch Klas­sen­kampf­tra­di­tionen ein­brachten, die in Deutschland durch den Natio­nal­so­zia­lismus aus­ge­löscht worden waren. «Zum einen erging die Auf­for­derung an die Ein­zel­ge­werk­schaften, jeweils einen Kol­legen zu benennen, der in einen der Abteilung Orga­ni­sation unter­stellten Unter­aus­schuss für die Betreuung aus­län­di­scher Kol­legen ent­sandt werden sollte. Zum anderen wurde beschlossen, Mate­rialen über die kom­mu­nis­tische und faschis­tische Unter­wan­derung durch aus­län­dische Arbeit­nehmer zusam­men­zu­stellen und allen Bun­des­tags­ab­ge­ord­neten zuzu­stellen». Sehr emp­feh­lenswert sind auch die Bei­träge in der Zeit­schrift, die sich nicht mit dem Schwer­punkt­thema befassen. Auch dabei wird deutlich,
dass die Schweiz in der Geschichte der Arbei­te­rIn­nen­be­wegung eine wichtige Rolle spielte. So berichtet die His­to­ri­kerin Miriam Sachse von einem Sym­posium, das sich mit der inter­na­tio­nalen sozia­lis­ti­schen Frau­en­kon­ferenz 1915 in Bern befasste. Dabei betonte die Prä­si­dentin der Schweizer Robert Grimm Gesell­schaft, Monika Wick aus Zürich, dass die Kon­ferenz, die in klarer Oppo­sition zum sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Kurs des Burg­friedens stand, auch männ­liche Unter­stützer hatte. Dazu gehörte in der Schweiz Robert Grimm.

Arbeit – Bewegung – Geschichte.
Zeit­schrift für his­to­rische Studien, Heft
1/2016, 230 Seiten, Bezug: www​.metro​pol​verlag​.de

aus: vor­wärts – 26. April 2016

http://​www​.schat​ten​blick​.de/​i​n​f​o​p​o​o​l​/​m​e​d​i​e​n​/​a​l​t​e​r​n​/​v​o​r​w​1​1​8​5​.html

Peter Nowak

Rosa, Karl & die Räte

Axel Weipert
erinnert an die Zweite Revo­lution

Sie erhielten kein Rede­recht auf dem Reichs­rä­te­kon­gress vom 16. bis zum 20. Dezember 1918 in Berlin: Rosa Luxemburg und Karl Lieb­knecht. Und so ent­schied sich die Mehrheit der Dele­gierten wider das Räte­system für Wahlen zu einer ver­fas­sung­ge­benden Natio­nal­ver­sammlung, also die par­la­men­ta­rische Demo­kratie. „Rosa, Karl & die Räte“ wei­ter­lesen

Die vergessene Rätebewegung

Die zweite Revolution - Axel Weipert
Axel Weipert
Die zweite Revo­lution
Räte­be­wegung in Berlin 1919/1920

Der Autor zeigt die Bedeut­samkeit der revo­lu­tio­nären Orga­ni­sa­tionen für die Wei­marer Republik auf.

Trotz ihrer Bedeutung für die poli­ti­schen Ent­wick­lungen wurde die in der Zeit von 1918 bis 1920 aktive Räte­be­wegung in Deutschland von der Geschichts­wis­sen­schaft kaum beachtet. Die Arbei­te­rInnen- und Sol­da­tenräte hatten das Ziel einer grund­sätz­lichen poli­ti­schen und sozialen Umwälzung. Deshalb galten kon­ser­va­tiven His­to­ri­ke­rInnen die Räte als Vor­boten der kom­mu­nis­ti­schen Revo­lution. Viele linke His­to­ri­ke­rInnen sahen in den Räten wie­derum nur eine Art Über­gangs­re­gierung. Ihre Rolle sollten eigentlich Arbei­ter­par­teien über­nehmen.

Über­schätzt wurde nach Ansicht Einiger die Bedeutung der KPD innerhalb der revo­lu­tio­nären Bewegung, vor allem von DDR-Wis­sen­schaft­le­rInnen. Schließlich hatte die erst an der Jah­res­wende 1919 gegründete Partei gar nicht die Mög­lich­keiten, einen großen Ein­fluss auf die revo­lu­tio­nären Ent­wick­lungen dieser Zeit zu nehmen. Fraglich ist, ob sich die Räte nicht selber ent­mach­teten, als sie mit großer Mehrheit auf dem Reichs­rä­te­kon­gress, der im Dezember 1918 in Berlin tagte, für eine par­la­men­ta­rische Demo­kratie votierten? Für viele His­to­ri­ke­rInnen war das Kapitel der Räte damit beendet.

Erst in den letzten Jahren haben sich For­sche­rInnen wieder ver­stärkt mit der Räte­be­wegung befasst und dar­ge­stellt, dass diese keine unbe­deut­samen Akteure einer kurzen his­to­ri­schen Episode waren, wie es die bis­herige Geschichts­wis­sen­schaft sug­ge­riert. Ihr Ein­fluss sollte nicht unter­schätzt werden. So waren bei­spiels­weise die von den Frei­korps blutig nie­der­ge­schla­genen Streiks im März 1919 von der Räte­be­wegung getragen. An diese repu­blik­weite Streik­be­wegung knüpft auch der Ber­liner His­to­riker Axel Weipert in seinem Buch „Die Zweite Revo­lution – Räte­be­wegung in Berlin 1919/1920“ an. Sehr detail­liert geht Weipert auf die Rolle der Räte in der Streik­be­wegung vom Frühjahr 1919 ein. Dabei sieht er in der schlechten Koor­di­nation der Bewegung einen Haupt­grund für deren Nie­derlage. Noch bevor der Streik in Berlin begonnen hatte, war er in anderen Teilen der Republik schon nie­der­ge­schlagen.

Das vergessene Massaker vor dem Reichstag

Ein großer Ver­dienst von Weipert sind seine For­schungen zu einem weit­gehend ver­ges­senen Blutbad vor dem Reichstag am 13. Januar 1920. Frei­korps schossen in eine von der Räte­be­wegung orga­ni­sierte Demons­tration gegen das beschlossene Reichs­rä­te­gesetz sowie die damit ein­her­ge­hende Ent­machtung der Räte in den Betrieben. 42 Tote und über 100 zum Teil Schwer­ver­letzte waren die Folge. Damit fand der von der SPD-gestellten Regierung zumindest tole­rierte Terror der Frei­korps, dem bereits 1919 Rosa Luxemburg, Karl Lieb­knecht, aber auch tau­sende namenlose Arbei­te­rInnen zum Opfer fielen, seine Fort­setzung. Die alten Macht­ver­hält­nisse sollten nicht nur in der Politik, sondern auch in der Wirt­schaft wieder her­ge­stellt werden. Weipert sieht in dem Mas­saker vor dem Reichstag keine unglück­liche Ver­kettung von nicht beherrsch­baren Umständen, wie manche Liberale die staat­liche Repression zu ent­schul­digen ver­suchen:

Der 13. Januar ist in vie­lerlei Hin­sicht ein Lehr­stück über die poli­ti­schen Ver­hält­nisse Deutsch­lands in jener Zeit. Besonders deutlich zeigte sich hier, wie grund­legend unter­schiedlich das Poli­tik­ver­ständnis in der Räte­be­wegung einer­seits und in den eta­blierten Insti­tu­tionen ande­rer­seits war. (…) Während im Reichs­tags­ge­bäude die Par­la­men­tarier berieten, standen draußen die Demons­tranten, ohne direktes Mit­spra­che­recht, dafür aber bedroht und schließlich beschossen von den bewaff­neten Organen des Staates. Man glaubte, die Volks­ver­treter vor dem Volk schützen zu müssen. Und das mit reinen Gewissen – denn, wie der Reichs­kanzler for­mu­lierte, es han­delte es sich um nichts weniger als die ‚Ver­tei­digung des hei­ligsten Volks­rechts, der Mei­nungs­freiheit der Volks­ver­treter‘. Das war ein bemer­kens­wertes Demo­kra­tie­ver­ständnis. Nicht der Wille des Volkes und dessen Mei­nungs­freiheit standen im Mit­tel­punkt, sondern die Mei­nungs­freiheit der Par­la­men­tarier“ (S. 185).

Sebastian Haffner, einer der wenigen bür­ger­lichen Publi­zisten, der nicht auf dem rechten Auge blind war, zog 1969 in seinem Buch „Die ver­ratene Revolution/​Deutschland 1918/19“ eine Linie vom Staats­terror in der Früh­phase der Wei­marer Republik zum Auf­stieg des Natio­nal­so­zia­lismus. Der Mord an Rosa Luxemburg und Karl Lieb­knecht vom 15. Januar 1919 war für ihn der Beginn eines Weges, der ins Dritte Reich führte, „der Auftakt zu den tau­send­fachen Morden der Noske-Zeit, zu den mil­lio­nen­fachen Morden in den fol­genden Jahr­zehnten der Hitler-Zeit“. Haffner war ein Zeit­ge­nosse, der Augen und Ohren offen­hielt und den Terror der frühen Jahre der Wei­marer Republik nicht vergaß. Heute ist der blu­tigste Angriff auf eine Demons­tration in der Wei­marer Republik weit­gehend unbe­kannt.

Viel­leicht trägt seine For­schungs­arbeit dazu bei, dass am 20. Januar 2020, wenn sich der Staats­terror vor dem Reichstag zum hun­dertsten Mal jährt, ein Erin­ne­rungs- und Gedenkort für die Opfer ein­ge­richtet wird.

Von Schüler –und Erwerbslosenräten

Echte Pio­nier­arbeit leistet Weipert auch da, wo er sich detail­liert mit den Schüler- und Erwerbs­lo­sen­räten befasst. Hier wird deutlich, dass der Räte­ge­danke in den Jahren 1919/1920 nicht nur in den Groß­fa­briken, sondern in weiten Teilen der Gesell­schaft ver­ankert war. Dass die Räte nicht per se revo­lu­tionär waren, wie Weipert bereits im Vorwort betont, zeigte sich an der Akti­vität von Schü­ler­räten in den bür­ger­lichen Stadt­teilen Berlins, die sich dafür ein­setzten, dass der Sohn des ermor­deten Sozia­listen Karl Lieb­knecht vom Gym­nasium ver­wiesen wurde. Der bür­ger­liche Nach­wuchs wollte nicht mit dem Sohn eines „Roten“ die Schulbank drücken. Aller­dings waren diese reak­tio­nären Räte die absolute Min­derheit. Mehr­heitlich orga­ni­sierten sich in den Räten linke Arbei­te­rInnen sowie von der Pro­duktion Aus­ge­schlossene. Sehr aktiv waren im Jahr 1920 vor allem die Erwerbs­lo­senräte, deren Ver­hältnis zu den sozi­al­de­mo­kra­tisch ori­en­tierten Gewerk­schaften kon­flikt­reich war. In einem eigenen Kapitel geht Weipert auf die Kon­zepte zur poli­ti­schen Akti­vierung von bis dato unter­re­prä­sen­tierten Frauen in Räten ein. Er zeigt auf, dass die geringe Teil­nahme von Frauen innerhalb der Räte­be­wegung zumindest pro­ble­ma­ti­siert wurde: „Einmal zeigte sich, dass während der ganzen Zeit der Räte­be­wegung, vom November 1918 bis weit in das Jahr 1920 hinein, immer wieder Vor­schläge für eine wir­kungs­volle Ein­bindung von Frauen in die Räte erar­beitet und publi­ziert wurden“ (S. 340).

Pio­nier­arbeit leistet Weipert auch da, wo er die kurze Geschichte der Revo­lu­tio­nären Betriebs­rä­te­zen­trale nach­zeichnet, mit der Akti­vis­tInnen den Räten eine Struktur geben wollten. In der Abwehr gegen den Kapp-Putsch erfuhren die Räte noch einmal einen Auf­schwung. Danach aber spielte die Räte­be­wegung keine große Rolle mehr. Füh­rende Akti­vis­tInnen wie Richard Müller enga­gierten sich kurz­zeitig in der KPD, bis sie im Lini­en­streit unter­lagen und aus­ge­schlossen wurden. Erst am Ende der Weimer Republik wurde mit den Mie­ter­räten diese Poli­tikform wieder auf­ge­griffen. Weipert hat mit seiner gut les­baren Arbeit nicht nur eine wichtige his­to­rische Arbeit über ein Stück ver­ges­sener linker Geschichte geleistet. Er hat auch für die heutige poli­tische Praxis Anstöße geliefert. „Gerade in der Ver­bindung von basis­de­mo­kra­ti­schen und sozia­lis­ti­schen Ansätzen sehe ich eine wichtige Alter­native zu einem über­vor­sich­tigen Refor­mismus und dem zu Recht geschei­terten auto­ri­tären Sozia­lis­mus­modell à la DDR“, erklärte Weipert in einem Interview in der Ber­liner Tages­zeitung taz die Aktua­lität der Räte­vor­stel­lungen.

zusätzlich verwendete Literatur:

Sebastian Haffner (1969): Die ver­ratene Revo­lution – Deutschland 1918/19. Stern-Buch, Hamburg.

http://​www​.kri​tisch​-lesen​.de/​r​e​z​e​n​s​i​o​n​/​d​i​e​-​v​e​r​g​e​s​s​e​n​e​-​r​a​t​e​b​e​w​egung

Peter Nowak

„Diese Räte waren von breiter Unterstützung getragen“

FOR­SCHUNG Die Räte­be­wegung in Berlin gilt vielen nur als kurze Episode.
Ein neues Buch des His­to­rikers Axel Weipert zeichnet ein anderes Bild

taz: Herr Weipert, lange Zeit wurde die Räte­be­wegung in Berlin als kurze Episode nach der Novem­ber­re­vo­lution betrachtet.
Sie haben in Ihrem neuen Buch dieses Bild kor­ri­giert. Ist die Räte­be­wegung unter­schätzt worden?

Axel Weipert: Bislang wurde die Räte­be­wegung primär als Weg­be­reiter der par­la­men­ta­ri­schen Republik von Weimar gesehen. Kon­ser­vative His­to­ri­ke­rInnen haben sie mit­unter auch als völlig unde­mo­kra­tisch und bol­sche­wis­tisch gebrand­markt. Ich dagegen zeige, dass die Ansprüche der Räte und ihrer breiten Anhän­ger­schaft deutlich über die Wei­marer Ordnung hin­aus­wiesen.

Wieso?
Sie wollten einen basis­de­mo­kra­ti­schen Sozia­lismus – also eine Gesell­schafts­ordnung, die mit den Vor­rechten der alten Eliten in Militär, Ver­waltung und vor allem in der Wirt­schaft wirklich kon­se­quent auf­räumt. Dabei hat die For­schung lange über­sehen, wie stark die Unter­stützung für solche Ziele auch noch in den Jahren 1919/20 war. Allein in Berlin sprechen wir hier über rund eine Million Anhän­ge­rInnen, die sich aktiv betei­ligten.

Warum wurde der Neu­auf­schwung der Räte­be­wegung nach dem Kapp-Putsch bisher kaum wahr­ge­nommen?
Ein Faktor ist sicherlich, dass sie im Schatten des großen Gene­ral­streiks und der bewaff­neten Aus­ein­an­der­set­zungen stand. Außerdem ging die Regierung, nachdem sie den Putsch über­standen hatte, schnell zur Tages­ordnung über und schob alle wei­ter­ge­henden Erwar­tungen erfolg­reich bei­seite. Das gilt übrigens nicht nur für die Ziele der Räte, sondern auch für die der Gewerk­schaften.


Bisher wurden vor allem Arbeiter-und Sol­da­tenräte betrachtet. Welche Räte haben Sie unter­sucht?

Man kann sicher sagen, dass diese Räte auch den Kern der Bewegung dar­stellten. Aller­dings ist es sehr spannend zu sehen, wie breit der Räte­ge­danke rezi­piert wurde. So gab es auch spe­zielle Räte­organe für Lehr­linge, Intel­lek­tuelle, Künst­le­rInnen oder Erwerbslose. Diese
Räte waren durchaus von breiter Unter­stützung getragen, wie der von den Schü­ler­räten orga­ni­sierte Streik im Sommer 1919 zeigt, an dem sich rund 30.000 von 35.000 Ber­liner Berufs­schü­le­rInnen betei­ligten.

Erstmals unter­suchen Sie auch die Rolle der Frauen in der Räte­be­wegung. Zu welchem Fazit kommen Sie?
Es wurde eine ganze Reihe von Kon­zepten ent­wi­ckelt, wie Frauen inte­griert werden könnten. Aller­dings muss man auch fest­halten, dass Frauen in der poli­ti­schen Praxis der Räte nur eine sehr geringe Rolle spielten. Das lag teils an Vor­ur­teilen, wie sie mituin­nerhalb der Arbei­ter­be­wegung bestanden. Wichtig war zugleich, dass Frauen oft eine struk­turell schwache Position in den Betrieben ein­nahmen, waren sie doch meist nur unge­lernte Hilfs­kräfte, poli­tisch und orga­ni­sa­to­risch uner­fahren sowie rhe­to­risch kaum geschult. Hinzu
kam noch, dass durch die Wie­der­ein­glie­derung der Sol­daten ins Arbeits­leben viele Frauen ihre Jobs ver­loren.

Hat Ihre Beschäf­tigung mit der Räte­be­wegung nur his­to­rische Gründe oder sehen Sie Anknüp­fungs­punkte für eine linke Politik heute?
Ich würde mir schon wün­schen, dass diese Bewegung den heute poli­tisch Aktiven Denk­an­stöße liefert. Gerade in der Ver­bindung
von basis­de­mo­kra­ti­schen und sozia­lis­ti­schen Ansätzen sehe ich eine wichtige Alter­native zu einem über­vor­sich­tigen Refor­mismus und dem zu Recht geschei­terten auto­ri­tären Sozia­lis­mus­modell à la DDR.
Axel Weipert, 35, His­to­riker, pro­mo­vierte an der FU zur Räte­be­wegung. Erst kürzlich hat er die Studie „Die Zweite Revo­lution Räte­be­wegung in Berlin 1919/1920“ her­aus­gegen

aus taz 17.09.2015

Interview: Peter Nowak

Wirtschaftsdemokratie

»Demo­kra­ti­sches Wirt­schaften von unten ist, örtlich oder regional ver­netzt oder auch als Ein­zel­projekt, möglich. Dafür sprechen Tat­sachen, auch in Deutschland«. Diese opti­mis­tische Ein­schätzung stammt von der DDR-His­to­ri­kerin Ulla Plener. Die Referate der Tagung »Demo­kra­tische Trans­for­mation als Stra­tegie der Linken«, die zum 80. Geburtstag von Ulla Plener stattfand, wurden nun unter dem Titel »Demo­kra­ti­sierung von Wirt­schaft und Staat« als Buch ver­öf­fent­licht. Ralf Hoff­rogge geht auf die Debatte über Wirt­schafts­de­mo­kratie in der Wei­marer Republik ein. Nachdem räte­de­mo­kra­tische Modelle im Bündnis von Frei­korps und SPD-Führung blutig zer­schlagen wurden, setzte Mitte der 1920er Jahre in der SPD eine Debatte über wirt­schafts­de­mo­kra­tische Kon­zepte ein. Ziel war es, den Kapi­ta­lismus zu bän­digen, nicht, ihn abzu­schaffen. In Deutschland hatten diese reform­ka­pi­ta­lis­ti­schen Kon­zepte nie eine Rea­li­sie­rungs­chance. Davon ließ sich aber die arbei­ter­zio­nis­tische Auf­bau­ge­neration in Israel inspi­rieren. Gisela Notz unter­sucht die wirt­schafts­de­mo­kra­ti­schen Ele­mente in der Genos­sen­schafts­be­wegung. Auch inter­na­tionale Erfahren werden mit ein­be­zogen, etwa die Dis­kus­sionen über Arbei­ter­selbst­ver­waltung in der Früh­phase der pol­ni­schen Soli­darnosc-Bewegung. Auch kri­tische Stimmen sind in dem Band ver­treten. Michael Hewener sieht eine dop­pelte Illusion: »die eines mög­lichen demo­kra­ti­schen Kapi­ta­lismus und die eines mög­lichen Über­gangs zum demo­kra­ti­schen Sozia­lismus«.

Peter Nowak

Axel Weipert: Demo­kra­ti­sierung von Wirt­schaft und Staat. NoRa Ver­lags­ge­mein­schaft, Berlin 2014. 230 Seiten, 19 EUR.

Eine spannende Debatte

Ist eine Demokratisierung der Wirtschaft überhaupt möglich?

»Demo­kra­ti­sches Wirt­schaften von unten ist, örtlich oder regional ver­netzt oder auch als Ein­zel­projekt, möglich. Dafür sprechen Tat­sachen, auch in Deutschland«. Diese opti­mis­tische Aussage stammt von Ulla Plener.

Die renom­mierte DDR-His­to­ri­kerin beschäftigt sich seit Jahren in ihren For­schungen und Schriften mit Theorie und Praxis der Wirt­schafts­de­mo­kratie. Daher war es nur kon­se­quent, dass der von ihr mit­be­gründete För­der­verein für For­schungen zur Geschichte der Arbei­ter­be­wegung zu ihrem 80. Geburtstag eine Tagung unter das Thema »Demo­kra­tische Trans­for­mation als Stra­tegie der Linken« stellte. Daran betei­ligten sich aus­ge­wiesene Experten aus der alten Bun­des­re­publik und der DDR sowie viele junge Nach­wuchs­wis­sen­schaftler.

Der Tagung ent­sprang der hier anzu­zei­gende Band. Er enthält wichtige Anre­gungen für eine kon­struktive linke Stra­te­gie­de­batte in- und außerhalb der Par­la­mente sowie in den Gewerk­schaften und sollte deshalb einen breiten Leser­kreis, nicht nur unter Genossen und Genos­sinnen der Links­partei und der SPD, sondern auch deren Spit­zen­funk­tio­nären und Wirt­schafts­ex­perten finden.

Ralf Hoff­rogge stellt die Debatten über die Demo­kra­ti­sierung der Wirt­schaft in der Zeit der Wei­marer Republik vor. Nachdem die in der Novem­ber­re­vo­lution auf­blü­henden räte­de­mo­kra­ti­schen Modelle im Bündnis von Frei­korps und SPD-Führung blutig zer­schlagen waren, begann Mitte der 1920er Jahre in der Sozi­al­de­mo­kratie eine neue Debatte über wirt­schafts­de­mo­kra­tische Kon­zepte, die im Hei­del­berger Pro­gramm von 1925 ihren Nie­der­schlag fand. Ziel war, den Kapi­ta­lismus zu bän­digen, nicht abzu­schaffen.

Doch in Deutschland hatten selbst solche reform­ka­pi­ta­lis­ti­schen Kon­zepte nie die Chance einer prak­ti­schen Umsetzung. Von jenen ließ sich aber die arbei­ter­zio­nis­tische Auf­bau­ge­neration im spä­teren Israel inspi­rieren. Einer der wich­tigen sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Theo­re­tiker der Wirt­schafts­de­mo­kra­tie­kon­zepte in Wei­marer Zeit war Fritz Perez Naphtali, der vor den Nazis nach Palästina floh.

Die Femi­nis­mus­for­scherin Gisela Notz unter­sucht wirt­schafts­de­mo­kra­tische Ele­mente in der Geschichte der Genos­sen­schafts­be­wegung. Ein­be­zogen sind in diesem Band auch inter­na­tionale Erfah­rungen. Sarah Graber und Kamil Majchrzak zeichnen die Dis­kus­sionen über Arbei­ter­selbst­ver­waltung in der Früh­phase der pol­ni­schen Soli­darnosc-Bewegung nach. Offen bleibt hier aller­dings, wie stark diese Ten­denzen wirklich waren. Schließlich kon­sta­tieren die Autoren, dass auch die erklärten Markt­wirt­schaftler, die eine starke Kon­kurrenz zwi­schen den Betrieben pro­pa­gierten, von Anfang an in der Soli­darnosc-Bewegung ver­treten waren. Von beson­derem Interesse dürften die Erfah­rungen sein, die mit selbst­ver­wal­teten Betrieben in Argen­tinien gemacht wurden. Jörg Roesler hat sich damit intensiv befasst.

Auch kri­tische Stimmen zur Wirt­schafts­de­mo­kratie sind in diesem Band ver­treten. So spricht der Poli­tologe Michael Hewener von einer dop­pelten Illusion: »die eines mög­lichen demo­kra­ti­schen Kapi­ta­lismus und die eines mög­lichen Über­gangs zum demo­kra­ti­schen Sozia­lismus«. Er ver­tritt den Stand­punkt, staat­liche Ein­griffe in die Wirt­schaft dienen stets nur der Ver­bes­serung der Kapi­talak­ku­mu­lation und nicht der Demo­kra­ti­sierung.

Gerade solche kon­tro­versen Ein­schät­zungen und Urteile weisen dieses Buch als eine exzel­lente Dis­kus­si­ons­grundlage über das Ver­hältnis von Demo­kratie und Wirt­schaft aus, um das es in der heu­tigen Bun­des­re­publik arg bestellt ist – was wohl keiner ernsthaft negieren kann.

Axel Weipert (Hg): Demo­kra­ti­sierung von Wirt­schaft und Staat. Nora Verlag. 230 S., br., 19 €.

Peter Nowak