15 Jahre Stiftung Ethecon

Anstiftung zum Antikapitalismus

Anstiftung zum Anti­ka­pi­ta­lismus: Tepco, VW und Rhein­metall, aber auch Vandana Shiva und Angela Davis wurden von Ethecon prä­miert. Nun feiert die Stiftung Geburtstag.

„Die Tepco-Leute haben Hun­dert­tau­senden ihrer Lands­leute Not und Elend gebracht, tragen für lang­wierige Gesund­heits­schäden infolge der Ver­strahlung Ver­ant­wortung, auch dafür, dass große Areale des Landes für lange Zeit unbe­wohnbar sein“. So begründete…

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Uniklinik Düsseldorf: Patienten solidarisieren sich mit streikendem Klinikpersonal

Dabei wird auch das neue Gesicht der Arbei­ter­be­wegung in Zeiten nach dem Ende der großen Fabriken deutlich: Es ist nicht mehr weiß und männlich

Seit zwei Monaten streikt das Per­sonal der Uni­klinik Düs­seldorf für mehr Per­sonal und Ent­lastung bei ihrer Arbeit. Hoch­rangige Kli­nik­mit­ar­beiter haben mitt­ler­weile in einem Offenen Brief den Minis­ter­prä­si­denten von NRW zur Ver­mittlung aufgefordert[1]:

»Es berührt uns zutiefst, seit Wochen die gra­vie­renden Folgen des Streiks für unsere Pati­enten hilflos erleben zu müssen«, schreiben die Ärzte jetzt in dem offenen Brief. Die Not­auf­nahme sei zeit­weise von der Not­fall­ver­sorgung abge­meldet, wodurch Ein­schrän­kungen für Pati­enten ent­stehen könnten.

Ärz­te­Zeitung

Jetzt bekommen die Strei­kenden auch Unter­stützung von den Pati­enten. Auf Initiative des Geschäfts­führers der Stiftung ethecon Axel Köhler-Schnura[2] ver­fassten 135 ehe­malige und aktuelle Kli­nik­pa­ti­enten einen Solidaritätsaufruf[3] mit den Strei­kenden.

Wir sind empört über die skan­dalöse Über­lastung und Über­for­derung des Per­sonals, über extrem man­gelnde Ent­lohnung, über unhaltbare Arbeits­be­din­gungen. Wir ver­ur­teilen, dass die Lei­tungen der Uni Klinik und ihrer Tochter-Gesell­schaften nicht dafür sorgen, dass genügend Per­sonal zur Ver­fügung steht und in ange­mes­sener Sorgfalt und Qua­lität gear­beitet werden kann. Es ist ein Skandal, dass bei den Geschäfts­füh­rungen der Uni Klinik Düs­seldorf und ihrer Tochter-Gesell­schaften betriebs­wirt­schaft­liche Über­le­gungen – wirt­schaft­lichkeit, Rendite und Profit – im Zentrum stehen und nicht das Wohl der Pati­en­tInnen.

Aus dem Soli­da­ri­täts­brief mit den Strei­kenden

Aus Per­so­nalnot vor das Bett gepinkelt

Im Gespräch mit Tele­polis nennt Axel Köhler-Schnura ein prä­gnantes Bei­spiel, wie die desolate Per­so­nal­si­tuation die Rechte der Pati­enten beein­trächtigt.

Wenn, wie eine mit­un­ter­zeich­nende Pati­entin berichtete, dass sie dringend auf die Toi­lette muss, aber wegen der Krankheit nicht kann, und niemand in ange­mes­sener Zeit auf den Notruf reagiert, und dann vor das Bett uri­nieren muss, was kann denn dann sonst noch pas­sieren?

Axel Köhler-Schnura

Neben dem Offenen Brief unter­stützt die Pati­en­ten­in­itiative die Strei­kenden auch finan­ziell und beteiligt sich an den Kund­ge­bungen. Die Initiative ist eine wichtige Soli­da­ri­täts­aktion, weil so ver­hindert wird, dass es der Kli­nik­leitung gelingt, Pati­enten und Per­sonal zu spalten. Es gab bereits in den letzten Jahren Soli­da­ri­täts­ak­tionen von außer­be­trieb­lichen Linken[4] mit den Strei­kenden an der Ber­liner Charité.

Hier wird auch deutlich, dass die Arbeits­kämpfe in den Kli­niken in den nächsten Jahren eine wichtige Rolle bei den bun­des­weiten Arbeitskämpfen[5] spielen werden. Lange Zeit galt die Arbeit in Kli­niken und der Pflege als Ehrenamt, Streiks waren schon deshalb kaum möglich, weil man die Pati­enten nicht im Stich lassen will.

Doch das hat sich in den letzten Jahren geändert. Quer durch die Republik gab und gibt es Arbeits­kämpfe von Kli­nik­per­sonal, die deutlich machen, dass es sich hier um Lohn­arbeit handelt, die gut bezahlt werden muss. Es geht nicht nur um Lohn, es geht immer mehr um mehr Per­sonal selbst. Die Beschäf­tigten sind nicht mehr bereit, Pflege am Limit[6] zu leisten.

Das neue Gesicht der Arbei­ter­be­wegung

In den Aus­ständen wird auch das neue Gesicht der Arbei­ter­be­wegung in Zeiten nach dem Ende der großen Fabriken deutlich. Es ist nicht mehr weiß und männlich (rein deutsch war auch die Beleg­schaft in der for­dis­ti­schen Phase des Kapi­ta­lismus nicht). Im Bereich der Pflege gibt es besonders viele weib­liche Arbeits­kräfte, die lange Zeit auch von großen Teilen der tra­di­tio­nellen Arbei­ter­be­wegung nicht so richtig als gleich­wertig aner­kannt wurden.

Das beginnt sich zu ändern. Schon vor einigen Jahren hat die Bewegung Carerevolution[7] auf die zuneh­mende Bedeutung der Pflege- und Sor­ge­berufe gelegt. Die Aus­stände in den Kliniken[8] sind ein Teil dieser Care­revo­lution und die Soli­da­ri­täts­ak­tionen können durchaus der Vor­schein sein für eine neue Soli­da­rität in Lohn­ar­beits­ver­hält­nissen.

Denn klar ist: Arbeits­kämpfe in Kli­niken, Kitas etc. können nicht gegen, sondern nur mit den Pati­enten bzw. Eltern und Kinder gewonnen werden. In einem Stahlwerk konnten die Strei­kenden noch singen. Alle Räder stehen still, wenn mein starker Arm es will. Für die Streiks der neuen Arbei­ter­be­wegung ist die Soli­da­rität mit der Bevöl­kerung und vor allem der Nut­ze­rinnen und Nutzer ihrer Dienst­leis­tungen die größte Stärke.

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Links in diesem Artikel:
[1] https://​www​.aerz​te​zeitung​.de/​p​r​a​x​i​s​_​w​i​r​t​s​c​h​a​f​t​/​k​l​i​n​i​k​m​a​n​a​g​e​m​e​n​t​/​a​r​t​i​c​l​e​/​9​6​9​2​6​4​/​u​n​i​k​l​i​n​i​k​u​m​-​d​u​e​s​s​e​l​d​o​r​f​-​o​f​f​e​n​e​r​-​b​r​i​e​f​-​l​a​n​d​e​s​v​a​t​e​r​-​d​r​u​c​k​m​i​t​t​e​l​.html
[2] https://​www​.ethikbank​.de/​d​i​e​-​e​t​h​i​k​b​a​n​k​/​u​n​s​e​r​e​-​k​u​n​d​e​n​-​i​m​-​p​o​r​t​r​a​e​t​/​a​x​e​l​-​k​o​e​h​l​e​r​-​s​c​h​n​u​r​a​.html
[3] http://​www​.labournet​.de/​w​p​-​c​o​n​t​e​n​t​/​u​p​l​o​a​d​s​/​2​0​1​8​/​0​8​/​S​t​r​e​i​k​_​U​n​i​k​l​i​n​i​k​D​_​O​f​f​e​n​e​r​B​r​i​e​f.pdf
[4] https://​inter​ven​tio​nis​tische​-linke​.org/​b​e​i​t​r​a​g​/​s​o​l​i​d​a​r​i​t​a​t​-​m​i​t​-​d​e​m​-​s​t​r​e​i​k​-​d​e​r​-​c​h​arite
[5] http://​mehr​-kran​ken​haus​per​sonal​-bremen​.de/​2​0​1​8​/​0​7​/​0​5​/​s​o​l​i​d​a​r​i​t​a​e​t​s​e​r​k​l​a​e​r​u​n​g​-​m​i​t​-​d​e​n​-​s​t​r​e​i​k​e​n​d​e​n​-​b​e​s​c​h​a​e​f​t​i​g​t​e​n​-​d​e​r​-​u​n​i​k​l​i​n​i​k​e​n​-​d​u​e​s​s​e​l​d​o​r​f​-​u​n​d​-​e​ssen/
[6] https://​thue​ringen​.verdi​.de/​t​h​e​m​e​n​/​n​a​c​h​r​i​c​h​t​e​n​/​+​+​c​o​+​+​d​6​9​3​6​b​9​0​-​7​2​b​b​-​1​1​e​7​-​b​8​8​1​-​5​2​5​4​0​0​4​23e78
[7] https://​care​-revo​lution​.org/
[8] https://​de​.labournet​.tv/​k​a​e​m​p​f​e​-​i​m​-​g​e​s​u​n​d​h​e​i​t​s​b​e​reich

Jeden Patienten kann es treffen

Axel Köhler-Schnura ist nicht nur Leiter der Stiftung Ethecon und erfah­rener poli­ti­scher Aktivist, sondern seit Neu­estem auch Initiator eines Soli­da­ri­täts­aufrufs mit den Strei­kenden am Uni­ver­si­täts­kli­nikum Düs­seldorf. Dazu bewogen haben ihn unter anderem seine eigenen Erfah­rungen als Patient. Über seine Moti­vation zum Aufruf sprach mit ihm Peter Nowak.

Eine Initiative sam­melte 5000 Euro und Unter­schriften zur Unter­stützung der Kli­nik­streiks in Düs­seldorf

Eigentlich könnte man annehmen, dass Patient*innen sauer sind, wenn das Kli­nik­per­sonal streikt. Warum der Soli­da­ri­täts­aufruf als ehe­malige Patient*innen?

Ja, es gibt zwei­fellos Patient*innen, die sauer sind. Das ist ja genau einer der Gründe, weshalb ich die Initiative ergriffen habe zu dieser Aktion: Jede und jeder von uns war schon mal Patient oder Pati­entin oder wird das viel­leicht einmal sein. Und da muss sich jeder darüber im Klaren sein, dass mise­rabel bezahltes, unter­be­setztes und gehetztes Per­sonal schlecht – wenn nicht sogar tödlich – für die eigene Gesundheit sein kann.

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Schmähpreis für Manager von Coca Cola

Sie könnten unter­schied­licher nicht sein: Auf der einen Seite der mexi­ka­nische Sozi­al­ak­tivist Huberto Juárez Núñez und auf der anderen Seite die Coca-Cola-Vor­stände Muhtar Kent und James Quincey sowie die Groß­ak­tionäre Warren Buffet und Herbert Allen. Ent­spre­chend unter­schiedlich waren auch die Preise, die ihnen am Samstag im Ber­liner Pfef­ferberg von der Stiftung Ethik und Öko­nomie (Ethecon) ver­liehen wurden. Für Coca Cola gab es den Schmäh­preis »Black Planet Award«. Damit will Ethecon die Rolle des weltweit größten Geträn­ke­kon­zerns in der Umwelt- und Welt­po­litik anprangern. Auf das Konto der Coca-Cola-Manager »gehen der Ruin der mensch­lichen Gesundheit und die Zer­störung der Umwelt im großen Stil, ja selbst der Tod vieler Men­schen. Die genannten Per­sonen stellen nicht nur eine Gefahr für den Frieden und die Men­schen­rechte dar, sondern auch für die Demo­kratie, die Öko­logie und die Menschheit ins­gesamt«, erklärte Ethecon-Vor­stand Axel Köhler-Schnura.

Die Ange­spro­chenen selbst dürfte die Ver­leihung des Nega­tiv­preises wenig tan­gieren. Gefreut hat sich hin­gegen Huberto Juárez Núñez über die Ver­leihung des »Blue Planet Award«, mit dem Ethecon jährlich Per­sonen oder Insti­tu­tionen aus­zeichnet, »die in her­aus­ra­gender Weise mensch­liche Ethik im Span­nungsfeld Ethik und Öko­nomie schützen und ver­tei­digen«.

Dem Management des VW-Kon­zerns dürfte der Name des mexi­ka­ni­schen Wis­sen­schaftlers und Sozi­al­ak­ti­visten Núñez nicht unbe­kannt sein. Schließlich war der 62-Jährige mit daran beteiligt, dass sich in den mexi­ka­ni­schen VW-Werken unab­hängige Gewerk­schaften gegründet haben, um die Lebens- und Arbeits­be­din­gungen der Beschäf­tigten zu ver­bessern.

Auch wis­sen­schaftlich befasst sich Núñez seit vielen Jahren mit der Situation der Beschäf­tigten in den Filialen aus­län­di­scher Kon­zerne in Mexiko. Im Rahmen seiner Arbeit knüpfte er inter­na­tionale Kon­takte zu enga­gierten Wis­sen­schaftlern und Gewerk­schaftern. In seiner enga­gierten Dan­kesrede pran­gerte Núñez die unheil­volle Rolle an, die aus­län­dische Kon­zerne in Mexiko seit Jahr­zehnten spielen. Besonders im Fokus seiner wis­sen­schaft­lichen und poli­ti­schen Arbeit stehen die Maqui­la­doras, in denen mul­ti­na­tionale Unter­nehmen, haupt­sächlich entlang der US-ame­ri­ka­ni­schen Grenze, impor­tierte Ein­zel­teile zu Pro­dukten mon­tieren lassen. Die Arbeit sei schlecht bezahlt, die Arbeits­be­din­gungen schlecht und die Mög­lich­keiten gewerk­schaft­licher Orga­ni­sierung würden massiv ein­ge­schränkt, fasste der Wis­sen­schaftler seine Kritik zusammen. Núñez, der seine wis­sen­schaft­liche Arbeit immer als Teil des Kampfes um soziale Ver­än­de­rungen gesehen hat, berichtete, wie er mit dazu beitrug, dass sich in den Fabrik­hallen kämp­fe­rische, unab­hängige und auch erfolg­reiche Gewerk­schaften gebildet haben. So musste im Oktober 2001 ein Unter­nehmen, das Tex­tilien für den Sport­ar­ti­kel­her­steller Nike pro­du­zierte, einen Vertrag unter­zeichnen, der die Löhne und die Arbeits­si­tuation der über­wiegend weib­lichen Beschäf­tigten ver­bes­serte. Vor­aus­ge­gangen war ein langer Arbeits­kampf, bei dem die Strei­kenden nicht nur von der mexi­ka­ni­schen, sondern auch von der US-ame­ri­ka­ni­schen Zivil­ge­sell­schaft unter­stützt wurden. Damit waren die Maqui­la­doras keine gewerk­schafts­freie Zone mehr, ein Erfolg, an dem auch Núñez große Ver­dienste hatte.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​3​2​7​0​9​.​s​c​h​m​a​e​h​p​r​e​i​s​-​f​u​e​r​-​m​a​n​a​g​e​r​-​v​o​n​-​c​o​c​a​-​c​o​l​a​.html

Peter Nowak

Häftlinge als Arbeitskräfte?

Axel Köhler-Schnura ist Kon­zern­kri­tiker und Vor­stand der ethecon-Stiftung


nd: Warum startete ethecon eine Kam­pagne gegen die Aus­beutung Straf­ge­fan­gener?

Köhler-Schnura: 2011 wurde die US-Men­schen­rechts­ak­ti­vistin Angela Davis u. a. für ihren uner­müd­lichen Kampf gegen den gefäng­nis­in­dus­tri­ellen Komplex mit dem ethecon Blue Planet Award geehrt. Groß­kon­zerne lassen zu Mini­mal­kosten in Haft­an­stalten pro­du­zieren. Die Häft­linge erhalten in der Regel nur einen geringen, manchmal gar keinen Lohn. Neben­kosten wie die Gesund­heits­vor­sorge oder besondere Siche­rungen des Arbeits­platzes ent­fallen. Statt­dessen genießen die Kon­zerne zusätz­liche Steu­er­vor­teile für die Beschäf­tigung von Gefäng­nis­in­sassen. Auch in Deutschland gibt es Bestre­bungen, das Gefäng­nis­wesen in dieser Weise zu »refor­mieren«. Da wollen wir Öffent­lichkeit her­stellen.

BP setzte nach der Ölka­ta­strophe am Golf von Mexiko Gefangene ein. Eine übliche Praxis?
Der Einsatz Straf­ge­fan­gener außerhalb von Haft­an­stalten hat in den USA eine jahr­hun­der­te­lange Tra­dition. Aktuell sitzen in den USA 2,3 Mil­lionen Men­schen im Gefängnis. Das ist etwa ein Viertel aller Gefäng­nis­in­sassen weltweit. Davon arbeiten in den USA bis zu eine Million in Vollzeit. Auch die Tat­sache, dass der Einsatz von Häft­lingen für BP orga­ni­sa­to­risch keine Her­aus­for­derung für die Gefäng­nis­be­treiber war, zeigt, dass die »Nutzung« dieser Arbeits­kräfte jen­seits der Gefäng­nis­mauern nichts Außer­ge­wöhn­liches ist. Besonders zynisch aller­dings war, dass BP die Gefan­genen umsonst für sich arbeiten ließ, während die orts­an­sässige Bevöl­kerung durch die Ölka­ta­strophe in die Arbeits­lo­sigkeit getrieben wurde und vor dem Ruin stand.

Wie sieht die Situation in Deutschland aus?
In Deutschland gibt es leider kaum Öffent­lichkeit für das Thema. Dabei lud bereits 1995 die Ber­liner Jus­tiz­se­na­torin Lore Maria Peschel-Gutzeit zum ersten Spa­ten­stich für ein privat finan­ziertes Gefängnis. 2004 wurde gemeldet, dass in Hessen erstmals die Führung einer Haft­an­stalt kom­plett in private Hände gelegt wurde. Die Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt Burg in Sachsen-Anhalt wird vom Bau­konzern Bil­finger Berger betrieben. Dass Kon­zerne auch hier­zu­lande keine Hem­mungen haben, von Zwangs­arbeit zu pro­fi­tieren, zeigen die Bei­spiele von IKEA, Quelle und Neckermann, die schon in den 1970ern und 1980ern Insassen von DDR-Gefäng­nissen für sich pro­du­zieren ließen.

Welche Schritte sind im Rahmen der ethecon-Kam­pagne geplant?

Wir sind keine Akti­ons­gruppe, sondern eine Stiftung. Wir wollen mit unserer Kam­pagne einen grund­le­genden Anstoß geben, das Thema ins Bewusstsein der Öffent­lichkeit zu bringen, infor­mieren mit einem Flug­blatt und sammeln Unter­schriften. Wir wenden uns mit einem Pro­test­brief an die US-Regierung und mit einem Offenen Brief an den Bun­destag. Wir bitten um Auf­klärung, wie weit fort­ge­schritten die Ent­wicklung in Deutschland bereits ist und was geplant ist, sowohl in Bezug auf die Arbeit von Straf­ge­fan­genen für Kon­zerne als auch auf die Pri­va­ti­sierung von Gefäng­nissen.

Wer unter­stützt die Kam­pagne?
Bisher unter­stützt uns vor allem die Stiftung Men­schen­würde und Arbeitswelt bei unserer Arbeit. Wir hoffen darauf, dass andere das Thema auf­greifen und vor­an­treiben. Wir freuen uns über jeden, der Interesse daran hat, diese ver­häng­nis­volle Ent­wicklung zu stoppen.

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​3​9​8​6​8​.​h​a​e​f​t​l​i​n​g​e​-​a​l​s​-​a​r​b​e​i​t​s​k​r​a​e​f​t​e​.html

Interview: Peter Nowak

Veränderung statt Caritas

Gründer möchte mit ethecon-Stiftung die Welt ver­ändern

Wirt­schaft und Gesell­schaft werden zunehmend von den großen mul­ti­na­tio­nalen Kon­zernen geprägt. Die Stiftung ethecon will deshalb Ethik und Öko­nomie zusammen bringen. Dazu werden regel­mäßig Tagungen und Preis­ver­lei­hungen orga­ni­siert.

»Ich trete auf der ethecon Tagung auf, um Gesicht zu zeigen. Mir ist es wichtig, dass Men­schen mir in die Augen sehen und ich ihr Feuer erkennen kann. Das stärkt meinen Willen und zeigt mir, dass ich nicht alleine bin.« So begründet der Rapper Kern seinen Auf­tritt bei der Ver­leihung der beiden inter­na­tio­nalen ethecon-Preise am 19. November im Ber­liner Pfef­ferwerk. Es ist mitt­ler­weile die sechste Preis­ver­leihung.

Seit 2006 ver­leiht ethecon den Posi­tiv­preis Blue Planet Award und würdigt damit einen außer­or­dent­lichen Einsatz zum Erhalt und zur Rettung des Pla­neten. In diesem Jahr geht der Preis an die US-ame­ri­ka­nische Bürger- und Men­schen­rechts­ak­ti­vistin Angela Davis, die den Preis per­sönlich in Empfang nehmen wird. Damit steht sie in einer guten Tra­dition. Mit den Posi­tiv­preisen hat ethecon in den ver­gan­genen Jahren Diane Wilson aus den Ver­ei­nigten Staaten, Vandana Shiva aus Indien, José Abreu und Hugo Chávez aus Vene­zuela, Uri Avnery aus Israel sowie Elias Bierdel aus Öster­reich aus­ge­zeichnet.

Der Schmäh­preis Black Planet Award, mit dem Ver­ant­wort­liche für den Ruin und die Zer­störung der Erde mar­kiert werden sollen, geht an Tsunehisa Kats­umata und Masataka Shimizu, die als Groß­ak­tionäre und ver­ant­wort­liche Manager des Tepco-Konzern in Japan für ihre Ver­ant­wortung für die Atom­ka­ta­strophe. In den ver­gan­genen Jahren haben unter anderem Manager der Kon­zerne Mon­santo, Black­water und Nestlé diesen unge­liebten Preis bekommen. Es sind bewusst immer Men­schen und nicht Insti­tu­tionen, die mit den Preisen im Posi­tiven wie im Nega­tiven bedacht werden. »Es sind immer ein­zelne Men­schen, die im Guten wie im Schlechten die Ver­ant­wortung tragen und die Ent­schei­dungen fällen. Nur zu gerne wird dies vor allem bei öko­lo­gi­schen, sozialen, frie­dens­po­li­ti­schen und anderen Ver­brechen hinter den Fas­saden von Insti­tu­tionen und »Sach­zwängen« ver­borgen«, ist Stif­tungs­gründer Schnura-Köhler über­zeugt. Die ethecon-Preise sollen Ross und Reiter klar beim Namen nennen.

Kri­tiker könnten ein­wenden, dass durch die Kon­zen­tration auf Per­sonen die Illusion erweckt werden könnte, man müsste nur die Men­schen und nicht die Struk­turen ändern, um Gerech­tigkeit zu erreichen. Doch als Reformist würde sich der lang­jährige poli­tische Aktivst Schnura-Köhler kei­neswegs ver­stehen. Der 1949 in Hof geborene Betriebswirt wird auf Wiki­pedia als »Kon­zern­kri­tiker mit inter­na­tio­nalem Wir­kungsfeld« bezeichnet. Seit früher Jugend ist er in der DKP aktiv. Er gehörte dem deut­schen Koor­di­nie­rungs­kreis des Euro­päi­schen Sozi­al­forums (ESF) an und war von 1999 bis 2003 jeweils ver­ant­wortlich für den Bereich »Mul­ti­na­tionale Kon­zerne« beim ersten ESF 2002 in Florenz und beim zweiten ESF 2003 in Paris. Da blickte er schon auf eine jahr­zehn­te­lange poli­tische Bio­graphie zurück. 1978 war er an der Gründung der linken Tages­zeitung taz ebenso beteiligt wie 1980 an der Ent­stehung der Ökobank-Genos­sen­schaft, die inzwi­schen in der GLS-Bank auf­ge­gangen ist. Auch bei der Gründung und dem Aufbau des Bun­des­ver­bands Bür­ger­initia­tiven Umwelt­schutz (BBU) sowie des Pes­tizid-Akti­ons­netz­werkes (PAN) hatte er wesent­lichen Anteil. Beruflich arbeitete er in der Geschäfts­leitung ver­schie­dener Unter­nehmen, bevor er sich 1988 selbst­ständig machte. Bei ethecon kann er betriebs­wirt­schaft­lichen Kennt­nisse mit poli­ti­schem Enga­gement ver­binden.

Gemeinsam mit Gudrun Rehmann gründete Köhler-Schnura die Stiftung 2004. Die Preis­ver­leihung ist für sie eine eminent poli­tische Demons­tration. Einmal jährlich nehme die Stiftung poli­tisch Stellung zu aktu­ellen poli­ti­schen Pro­blemen und Kon­flikten und ver­breitet diese Erklä­rungen national und inter­na­tional. Jährlich einmal wird in einer großen öffent­lichen Vor­trags­ver­an­staltung in Berlin ein aktu­elles Thema der sozialen Bewe­gungen in den Mit­tel­punkt gestellt.

Vom Profit- zum Soli­dar­prinzip

Für die Gründer ist der Name der Stiftung Pro­gramm. »Ziel der Stiftung ist es, die Beachtung ethi­scher, öko­lo­gi­scher, sozialer und men­schen­recht­licher Prin­zipien im Wirt­schafts­prozess zu fördern und durch­zu­setzen sowie demo­kra­tische und selbst­be­stimmte Struk­turen zu stärken.« Da Profit zunehmend zum ein­zigen Kri­terium für das gesell­schaft­liche Leben und den Umgang mit der Umwelt geworden sei, trete ethecon für einen Wandel weg vom Pro­fit­prinzip und hin zu einem Soli­dar­prinzip ein. Der Frage, ob solche Ziele nicht im Kapi­ta­lismus illu­so­risch sind, kann Köhler-Schnura durchaus ver­stehen. Er betont aber, dass ethecon eine Stiftung ist, die auf den Wandel statt auf kari­tative Hilfe setzt. »Kari­tative Für­sorge lindert viel­leicht das eine oder andere öko­lo­gische, soziale Problem, löst dieses aber niemals end­gültig, ist Köhler-Schnura über­zeugt. Deshalb würden Spenden gegen den Hunger nie zum Ende der Unter­ernährung bei­tragen.

»Hunger kann nur durch eine Ver­än­derung der poli­ti­schöko­no­mi­schen Ver­hält­nisse beendet werden«, ist eines der Credos von ethecon. Mit dieser klaren Posi­tio­nierung macht sich die Stiftung nicht überall Freude. »Je kon­se­quenter auf eine grund­le­gende Änderung gesetzt wird, desto weniger wird dafür gespendet«, weiß der erfahrene Stif­tungs­gründer. Schließlich werden ca. 95 Prozent aller Spenden und Zustif­tungen im kari­ta­tiven Bereich geleistet. Mit leuch­tenden Kin­der­augen, die für »edle Spender« als großes Erfolgs­er­lebnis betrachtet werden, kann ethecon nicht dienen. Wer auf gesell­schaft­lichen Wandel setzt, braucht eher einen langen Atem als ein gutes Gewissen. Hinzu kommt, dass eine Stiftung wie ethecon nicht die Mittel besitzt, um mit Fern­seh­spots und auf Groß­lein­wänden auf die Trä­nen­drüse zu drücken. Genau das ist aber auch gar nicht das Ziel einer Stiftung, die mehr auf den Ver­stand als auf das Gemüt setzt.

Doch für ein Lamento sieht Optimist Köhler-Schnura keinen Grund. »Gemessen an dem Stif­tungs­ver­mögen und den begrenzten Mitteln, die uns für Kam­pagnen und Aktionen zur Ver­fügung stehen und der Tat­sache, dass uns nur eine haupt­amt­liche Kraft zur Ver­fügung steht, haben wir bereits viel erreicht.«

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Peter Nowak