Viel heiße Luft um die US-Klimapolitik


Mora­lische Sicht­weisen domi­nieren in Berichten über Trumps Kli­ma­pläne. Aber es geht nicht um Moral oder ein umwelt­be­wusstes Lebens­gefühl, sondern um Inter­essen

Über­ra­schend kam der neueste Vorstoß der Trump-Admi­nis­tration nicht. Er hat Teile von Obamas Umwelt­po­litik ent­schärft. Erklärtes Ziel von Trump ist es, die Koh­le­branche von Regle­men­tie­rungen durch die Umwelt­be­hörden weit­gehend frei­zu­halten. Damit setzt er ein Wahl­ver­sprechen um. Schließlich ist er auch von Men­schen in diesem Sektor gewählt worden, die ent­weder schon arbeitslos sind oder fürchten, ihre Beschäf­tigung zu ver­lieren.

Trump hatte ver­sprochen, die Deindus­tria­li­sierung der USA zu stoppen. Die Revi­ta­li­sierung der Koh­le­industrie gehört dazu. Mit dieser Maß­nahme dürfte Trump bei einem Teil der for­dis­ti­schen Arbeiter und ihrer Gewerk­schaften auf Zustimmung stoßen.

Wie die for­dis­ti­schen Arbeiter abge­wertet werden

Dass Trump den Erlass medi­en­wirksam vor applau­die­renden Berg­ar­beitern unter­zeichnet hat und in die Kamera hielt, ist Teil seiner Medi­en­kam­pagne, sich als Protegé der hart arbei­tenden männ­lichen for­dis­ti­schen Arbeiter zu insze­nieren. Dem wird in der medialen Öffent­lichkeit das Silicon Valley als Zentrum der modernen post­for­dis­ti­schen Arbeit gegen­über­ge­stellt. Dass es auch ein Hort der Ausbeutung[1] wie in Zeiten des Früh­ka­pi­ta­lismus ist, wird nicht so oft erwähnt.

Hier stehen sich zwei Akku­mu­la­ti­ons­mo­delle des Kapi­ta­lismus gegenüber, die mit einer völlig kon­trären Kultur und auch dif­fe­renten Sub­jek­ti­vität der Beschäf­tigten gelabelt werden. Der post­for­dis­tische Arbeiter wird mit umwelt­freund­lichem Ver­halten, bewusster und gesunder Ernährung sowie mit Begriffen wie Offenheit, Toleranz, Diver­sität asso­ziiert. Den for­dis­ti­schen Arbeitern werden die kon­trären Adjektive zuge­schrieben: ignorant gegen Umwelt und Gesundheit, stand­ort­na­tio­na­lis­tisch und ras­sis­tisch.

Dass diese Zuschrei­bungen keine objek­tiven Kri­terien, sondern Wer­tungen von Medi­en­ver­tretern sind, die schon durch ihre Lebens- und Arbeits­rea­lität mehr mit Silicon Valley als mit einem Koh­le­bergwerk ver­bunden sind, wird natürlich nicht erwähnt. Nun kommt aber noch eine weitere Kom­po­nente dazu. Die alten for­dis­ti­schen Indus­trien sollen jetzt sogar mit dafür ver­ant­wortlich sein, dass die Menschheit ins­gesamt gefährdet ist.

Die eigenen Profite und das Klima retten

Diese mora­lische Sicht­weise kann man in vielen Berichten über Trumps Kli­ma­pläne wie­der­finden. Diesen Plänen wird unter­stellt, dass sie zur Kli­ma­ka­ta­strophe bei­tragen, während die von Obama ver­ant­wor­teten Maß­nahmen Teil der Kli­ma­rettung seien. Solche in der Umwelt­be­wegung ver­brei­teten Met­hapern tragen schon seit Jahr­zehnten dazu bei, dass die Linke von Moral statt von Inter­essen redet.

Dass heute dort, wo besonders laut von Klima- und Errettung die Rede ist, die Lobby eines bestimmten kapi­ta­lis­ti­schen Akku­mu­la­ti­ons­mo­dells gegen ein anderes in Stellung gebracht wird, wird oft gar nicht wahr­ge­nommen. Wo es um nichts weniger als die Klima- oder Erdrettung geht, haben Inter­essen wohl zu schweigen.

Wer heute mit dem Umwelt­label auf­tritt und die Welt retten will, wird oft gar nicht mehr als Lob­by­or­ga­ni­sation wahr­ge­nommen. Deshalb wird auch über die Sinn­haf­tigkeit und die Folgen bestimmter als öko­lo­gisch eti­ket­tierter Maß­nahmen nicht mehr geredet. Wenn Men­schen gegen Wind­räder und die Folgen auf die Straße gehen[2], haben sie heute mit so wenig Ver­ständnis zu rechnen wie vor drei Jahr­zehnten die AKW-Gegner.

Damals war das for­dis­tische Akku­mu­la­ti­ons­modell ange­kratzt, aber noch in großen Teilen der Bevöl­kerung hege­monial. Heute haben es Nach­richten schwer, die das neue Akku­mu­la­ti­ons­modell genau so kri­tisch unter die Lupe nehmen. Dass die EU als angeb­lichen Beitrag zum Kli­ma­schutz auf Holz setzt und dabei die Wälder im glo­balen Süden zerstört[3] ist eine wenig erwähnte Tat­sache.

Nur bei der ener­ge­ti­schen Sanierung in Deutschland zieht das Öko­label nicht mehr. Die ist all­gemein als ein Geschäfts­modell bekannt, mit dem Mie­ter­rechte ausgehebelt[4] und massive Miet­erhö­hungen gerecht­fertigt werden[5]. Wenn irgend­jemand das Klima retten will, ist also zunächst einmal nach dem Pro­fiten zu fragen, die bestimmte Branchen damit retten wollen.


Die moderne Pil­ger­fahrt oder die Logik des Ver­zichts

Die Kehr­seite ist die Logik des Ver­zichts und des Ent­sagens, die vor allem für die Sub­al­ternen mit dem Welt- und Kli­ma­ret­tungs­diskurs geschaffen wird. Da lädt die Links­jugend Solid unter dem Motto Global denken und lokal handeln[6] mit Raphael Fellmer[7] einen Guru der Ver­zichts­logik ein, der vor über 100 vor allem jungen Men­schen begeistert berichtet, wie er fünf Jahre ohne Geld durch die Welt gezogen ist[8].

Dass er nach der modernen Pil­ger­reise Geld doch nicht mehr ganz so sehr ver­ab­scheut und in die Startup-Branche gegangen ist, führte zumindest im Publikum nicht zu grö­ßeren Nach­fragen. Wenn Fellmer dann bis ins Detail erklärte, wie man ohne Geld lebt und als Bei­spiel anführte, man könne statt Toi­let­ten­papier die Papier­ser­vi­etten, die täglich in vielen Restau­rants unbe­nutzt ent­sorgt werden, als Ersatz benutzen, hätte doch eigentlich auf der Ver­an­staltung eines Ver­bands, der sich Links­jugend nennt, mal die Frage kommen müssen, was die totalsank­tio­nierten Hartz IV-Emp­fänger, die zwangs­weise ohne Geld leben müssen, zu solchen Vor­schlägen sagen.

Das Publikum hätten sich auch fragen können, ob nicht die Ver­zichts­ideo­logie eines Teils des Bür­gertums, das tem­porär frei­willig auf einen Teil des ihnen zur Ver­fügung ste­henden Geldes ver­zichtet, den Druck auf die­je­nigen erhöht, die nicht die Wahl haben und die schon heute zwangs­weise zu einem Leben mit wenig Geld gezwungen sind. Theorie war aber in Fellmers Aus­füh­rungen nicht mal in Spu­ren­ele­menten vor­handen.

Als jemand mehr zum Thema Staats­schulden wissen wollte, fragte Fellmer ins Publikum, ob jemand eine Zahl parat habe. Sonst müsste er selber ins Internet gehen. Dabei war es doch ein Erfolg, dass vor 170 Jahren andere ver­mö­gende Bür­ger­liche ihr Geld dafür ver­wandten, um wenn schon nicht die Welt besser zu machen, diese zumindest besser zu erkennen. In den auch mit Unter­stützung des Fabri­kan­ten­sohns Friedrich Engels ermög­lichten Schriften von Karl Marx, gibt es wichtige Hin­weise auf die Rolle des Geldes im Kapi­ta­lismus.

Lebens­reform statt Gesell­schafts­ver­än­derung

Sie zeigen auf, dass eine reine Ablehnung des Geldes, ohne den Kapi­ta­lismus auch nur zu erwähnen, Men­schen viel­leicht ein gutes Gewissen ver­schafft, aber gesell­schaftlich rein gar nichts bringt. Denn auch die Güter, die nach Fellmer eben ohne Geld besorgt werden sollen, müssen pro­du­ziert werden und das ist im Kapi­ta­lismus ohne Aus­beutung der mensch­lichen Arbeits­kraft nicht möglich.

Dass auf einer Solid-Ver­an­staltung diese moderne Pil­ger­reise beworben wird, zeigt auch den Zustand einer Linken, bei der es eher um Lebens­reform als um Gesell­schafts­ver­än­derung geht. Dazu braucht es aber keine Linke, da kann man auch ein Gerät namens Amphiro[9] kaufen, das einen beim Warm­du­schen durch ein Bild mit einem Eis­bären auf einer schrump­fenden Scholle immer an den öko­lo­gi­schen Fuß­ab­druck erinnert[10].

Damit ist nicht das Klima sondern der eigene Gefühls­haushalt wieder in Ordnung gebracht. »Ich habe etwas für das ich kämpfen kann, meinen per­sön­lichen Eisbär«, beendet die Deutsch­landfunk-Jour­na­listin ihren Beitrag.

So sichert man die Profite eines neuen kapi­ta­lis­ti­schen Akku­mu­la­ti­ons­mo­dells, während es gleich­zeitig die ideo­lo­gi­schen Vor­ar­beiten für neue Ver­zichts­ideo­logien liefert. Dabei wäre beim gegen­wär­tigen Stand der Pro­duk­tiv­kräfte ein schönes Leben für Alle, das nicht gleich­zu­setzen ist mit Prunk und immer schnel­leren Autos, aber auch nicht damit, um Ser­vi­etten zu betteln, möglich.

Dazu müsste man sich aber viel­leicht die Mühe machen, auch mal Bücher zur Hand zu nehmen, die nicht gleich das indi­vi­duelle Lebens­glück und die per­fekte Balance im Gefühls­haushalt ver­sprechen.


Kapi­ta­lis­tische Ver­wer­tungs­logik müsste in der Kritik stehen

Dagegen haben es Ansätze schwer, die sich wirklich anstrengen, die Klima- und Umwelt­the­matik durch die Brille von Marx zu betrachten. »Kapi­ta­lis­tische Natur­ver­hält­nisse. Ursachen von Natur­zer­stö­rungen – Begrün­dungen einer Post­wachs­tums­öko­nomie«, heißt das Buch[11] des Sozi­al­wis­sen­schaftlers Atha­nasios Karathanassis[12], der über­zeugend darlegt[13], dass die kapi­ta­lis­tische Ver­wer­tungs­logik und nicht die indi­vi­duelle Lebens­führung im Fokus der Kritik stehen müsste, wenn es um Natur- und Kli­ma­ver­hält­nisse geht.

Dass davon die Lob­by­isten des modernen Akku­mu­la­ti­ons­re­gimes nichts wissen wollen, ist ver­ständlich. Es ver­stößt gegen ihre Inter­essen. Dass aber die vielen Men­schen, die ihren per­sön­lichen Eis­bären retten und sich auf moderne Pil­ger­fahrten begeben wollen, auch nicht solche Fragen an sich her­an­lassen, liegt an ihrem Gefühls­haushalt.

Der könnte schließlich durch­ein­ander geraten, wenn man erfährt, dass all die vielen Ret­tungs­pro­gramme zur Kli­ma­rettung vor allem heiße Luft sind und dass der Unter­schied zwi­schen Trump und Obama in zwei unter­schied­lichen Akku­mu­la­ti­ons­mo­dellen des Kapi­ta­lismus besteht.

URL dieses Artikels:
https://​www​.heise​.de/​t​p​/​f​e​a​t​u​r​e​s​/​V​i​e​l​-​h​e​i​s​s​e​-​L​u​f​t​-​u​m​-​d​i​e​-​U​S​-​K​l​i​m​a​p​o​l​i​t​i​k​-​3​6​7​1​8​9​3​.html

http://​www​.heise​.de/​-​3​6​71893
Peter Nowak
Links in diesem Artikel:
[1] http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/ausbeutung-2–0-die-coole-schinderei-der-zukunft-13027996.html
[2] http://​www​.saar​bru​ecker​-zeitung​.de/​s​a​a​r​l​a​n​d​/​s​a​a​r​b​r​u​e​c​k​e​n​/​p​u​e​t​t​l​i​n​g​e​n​/​p​u​e​t​t​l​i​n​g​e​n​/​P​u​e​t​t​l​i​n​g​e​n​-​W​i​n​d​e​n​e​r​g​i​e​-​W​i​n​d​p​a​r​k​s​-​W​i​n​d​r​a​e​d​e​r​;​a​r​t​4​4​6​7​7​4​,​6​4​14178
[3] http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​7​/​1​2​/​5​5​9​5​5​.html
[4] http://​www​.gle​ditsch​strasse​.de/​m​i​e​t​e​r​-​d​e​m​o​-​b​u​n​d​e​stag/
[5] https://​pan​kower​mie​ter​protest​.jimdo​.com/
[6] http://​so36​.de/​e​v​e​n​t​s​/​g​l​o​b​a​l​-​d​e​n​k​e​n​-​u​n​d​-​l​o​k​a​l​-​h​a​n​deln/
[7] http://​www​.rapha​el​fellmer​.de/
[8] http://​www​.rapha​el​fellmer​.de/​2​0​1​6​/​0​2​/​2​5​/​w​a​r​u​m​-​i​c​h​-​f​u​e​n​f​-​j​a​h​r​e​-​o​h​n​e​-​g​e​l​d​-​l​ebte/
[9] https://​www​.amphiro​.com
[10] http://www.ardmediathek.de/radio/Umwelt-und-Verbraucher-Deutschlandfunk/Energiesparen-bei-der-K%C3%B6rperpflege-Tech/Deutschlandfunk/Audio-Podcast?bcastId=21627714&documentId=41885470
[11] http://​www​.vsa​-verlag​.de/​n​c​/​d​e​t​a​i​l​/​a​r​t​i​k​e​l​/​k​a​p​i​t​a​l​i​s​t​i​s​c​h​e​-​n​a​t​u​r​v​e​r​h​a​e​l​t​nisse
[12] https://​www​.ish​.uni​-han​nover​.de/​2​0​4​3​.html
[13] http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​6​/​0​4​/​5​3​4​0​6​.html

»Der Kapitalismus muss weg«

Atha­nasios Karathan­assis ist Lehr­be­auf­tragter an der Uni­ver­sität Han­nover. Im Jahr 2015 hat er im VSA-Verlag das Buch »Kapi­ta­lis­tische Natur­ver­hält­nisse. Ursachen von Natur­zer­stö­rungen – Begrün­dungen einer Post­wachs­tums­öko­nomie« her­aus­ge­geben. Der vor­wärts sprach mit dem Sozio­logen über den Pariser Kli­ma­gipfel, Natur­zer­störung und den Kapi­ta­lismus.

vor­wärts: Der Pariser Kli­ma­gipfel ist Geschichte und hin­terher gaben sich fast alle zufrieden. Wie würden Sie im zeit­lichen Abstand einiger Wochen die Ergeb­nisse beschreiben?
Atha­nasios Karathan­assis: Ange­sichts des nicht mehr zu leug­nenden Kli­ma­wandels musste es nach all den geschei­terten Ver­hand­lungen das vor­dring­lichste Ziel sein, Erfolge zu prä­sen­tieren. So wird ein Mini­mal­konsens auf Basis einer »frei­wil­ligen Ver­bind­lichkeit«
ohne Sank­ti­ons­mög­lich­keiten als his­to­ri­scher Durch­bruch inter­pre­tiert. Die Ergeb­nisse des Gipfels haben so den Cha­rakter eines mora­li­schen Impe­rativs. In der Praxis wird die Moral auf­grund mäch­tiger öko­no­mi­scher und poli­ti­scher Inter­essen, die ihr ent­ge­gen­stehen, aber in ihre Schranken ver­wiesen. Erfolg misst sich letztlich nicht daran, was aus­ge­handelt wird, sondern an kon­kreten prak­ti­schen Mass­nahmen. Und es sollte auch nicht – wie auf der COP 21 beschlossen – erst nach fünf Jahren über­prüft werden, ob diese auch wirklich umge­setzt wurden. Wäre man vom Erfolg der Ver­hand­lungen so über­zeugt, wie es nach aussen scheint, wären Rück­tritts­an­kün­di­gungen ver­ant­wort­licher Poli­ti­ke­rinnen und Unter­neh­mens­schlies­sungen nur kon­se­quent, falls es in bestimmter Zeit nicht gelingt, kli­mare­le­vante Gase signi­fikant zu senken.
vor­wärts: Was wäre für Sie der Massstab für einen Gip­fel­erfolg gewesen?
Atha­nasios Karathan­assis: Eine wirklich his­to­rische Wende hin zu einer »Dekar­bo­ni­sierung« wäre etwas anderes gewesen: Das ver­bind­liche Abschalten von Koh­le­kraft­werken, das sofortige Bereit­stellen der erfor­der­lichen finan­zi­ellen Mittel für den Aufbau rege­ne­ra­tiver
Ener­gie­quellen, die ersetzend und nicht ergänzend zu fos­silen ein­ge­setzt werden und vieles mehr. Würden Dekar­bo­ni­sie­rungs­mass­nahmen nicht umge­setzt, müssten spürbare und schnellst­mög­liche öko­no­mische Sank­tionen folgen. Ein Grossteil der fos­silen Ener­gie­träger musste also in der Erde bleiben; das bedeutete aber ent­gangene Profite. All das geschieht nicht oder nicht aus­rei­chend, so dass sich auch hier mal wieder zeigt, wie mit zwei­erlei Mass gemessen wird. Im Zuge der glo­balen Wirt­schafts­krise von 2008 war es äus­serst schnell und unbü­ro­kra­tisch möglich, »Ret­tungs­schirme« in Mil­li­ar­denhöhe für sys­tem­re­le­vante
Banken auf Kosten von Mil­lionen von Men­schen bereit­zu­stellen. Die Men­schen und die äussere Natur, die von der Kli­ma­krise betroffen sind, scheinen nicht als sys­tem­re­levant zu gelten. Das System der Kapi­talak­ku­mu­lation hat also Prio­rität. Es scheint so, als müsse
man sich einer ver­sach­lichten, gott­ähn­lichen Macht – der Macht der Kapitale – alter­na­tivlos beugen. Doch zumindest eines ist klar: Es gibt keine Alter­na­tiven zur Natur; es gibt auch keine Alter­na­tiven zur Öko­nomie, aber es gibt Alter­na­tiven zur kapi­ta­lis­ti­schen Form der
Öko­nomie.


vor­wärts: In den Reihen der Kli­ma­be­wegten wird auch der Kapi­ta­lismus kri­ti­siert, zum Bei­spiel in dem Buch »Die Ent­scheidung: Kapi­ta­lismus vs. Klima« von Naomi Klein. Wie tief geht deren Kapi­ta­lis­mus­kritik?

Atha­nasios Karathan­assis: Die Qua­lität von »Kapi­ta­lismus vs. Klima« liegt darin, ein Tür­öffner für einen kri­ti­schen Blick auf kapi­ta­lis­tische Natur­ver­hält­nisse sein zu können. Es weist also in die richtige Richtung, bleibt aber zumeist bei einer Kritik am Neo­li­be­ra­lismus,
was eine Ver­kürzung ist, die nur eine Variante des Kapi­ta­lismus in den Vor­der­grund stellt. Fragen nach den gesell­schaftlich-öko­no­mi­schen Ursachen des Kli­ma­wandels und wei­teren kri­sen­haften Natur­ver­än­de­rungen lassen sich aber nur durch tiefer gehende Kritik an kapi­ta­lis­ti­schen Grund­prin­zipien, die in allen kapi­ta­lis­ti­schen Phasen exis­tieren und in ver­schie­denen his­to­ri­schen Vari­anten ihrer Umsetzung ihre prak­tische Wirk­kraft ent­falten, beant­worten. Hierzu gehört zual­lererst die allen Kapi­ta­lismen inne­woh­nende Mass­lo­sigkeit in einer begrenzten Welt.


vor­wärts: Sie haben im VSA-Verlag ein Buch mit dem Titel »Kapi­ta­lis­tische Natur­ver­hält­nisse« ver­öf­fent­licht. Was ver­stehen Sie dar­unter und welche Rolle spielt die marxsche Öko­no­miek­titik dabei?

Atha­nasios Karathan­assis: Zunächst einmal sollte man betonen, dass Marx mehr als einen Blick für den kapi­ta­lis­ti­schen Umgang mit der Natur hatte. Das liesse sich mit einer Reihe von Zitaten belegen. Aber ins­be­sondere seine Kritik der Poli­ti­schen Öko­nomie ist geeignet,
über die Analyse öko­no­mi­scher Gesetz­mäs­sig­keiten Ver­hält­nisse von Kapital und Natur zu ent­schlüsseln. Diese Kritik ist zwar nicht aus­rei­chend aber uner­lässlich. In »kapi­ta­lis­tische Natur­ver­hält­nisse« geht es, ver­kürzt gesagt um die Fragen, wie der Kapi­ta­lismus
mit der Natur umgeht, was die Gründe dafür sind, welche Folgen das hat und welche Bedeutung das letztlich für die Ent­wicklung gesell­schaftlich-öko­no­mi­scher Alter­na­tiven hat. Eine Abgrenzung vom marx­schen Fort­schritts­glauben, wie zum Bei­spiel im »Kom­mu­nis­ti­schen Manifest« beschrieben, ist hierbei ins­be­sondere für die Skiz­zierung dieser Alter­na­tiven wichtig, da – anknüpfend an Walter Ben­jamins kri­ti­schen Verweis auf das marxsche Revo­lu­tions- und Fort­schritts­ver­ständnis – nicht nur die Geschwin­digkeit der Ent­wicklung, sondern vor allem die Richtung des Fort­schritts in Frage gestellt werden muss.


vor­wärts: Ein Kapitel Ihres Buches befasst sich mit post­for­dis­ti­schen Natur­ver­hält­nissen. Was sind deren besondere Kenn­zeichen?

Atha­nasios Karathan­assis: Post­for­dis­tische Natur­ver­hält­nisse sind zunächst nicht dadurch gekenn­zeichnet, dass mit wesent­lichen for­dis­ti­schen Wachs­tums­treibern, wie zum Bei­spiel der Stei­gerung der Pro­duk­tiv­kräfte oder des Mas­sen­konsums, gebrochen wird. Im
Gegenteil: Sie werden auf ent­wi­ckel­terer Stufe, etwa durch Mikro­pro­zes­soren gesteuerte Pro­duk­ti­ons­systeme und elek­tro­nische Mas­sen­waren, wei­ter­ge­führt, so dass Märkte durch Infor­ma­tions- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­logien erweitert und ver­tieft werden. Der Einzug von »Bio­tech­no­logien« in Pro­duk­ti­ons­pro­zesse und die Zunahme gen­tech­nisch ver­än­derter Waren kenn­zeichnen eben­falls eine neue Qua­lität im Umgang mit der Natur. Diese wird nicht mehr nur von aussen, sondern nun auch von innen nach ren­di­te­ori­en­tierten Kri­terien ver­ändert. Kri­terien der Kapi­tal­ver­wertung werden so der Natur innerlich. Ähnlich wie es zunehmend von Lohn­ar­bei­tenden gefordert wird, die Inter­essen des Unter­nehmens zu ver­in­ner­lichen, sich mit diesem bis zur Unkennt­lichkeit ihres Selbst zu iden­ti­fi­zieren,
werden der Natur ihr fremde »Gesetze« auf­ge­zwungen. Diese glo­balen Über­for­mungen sind nur einige neue Schritte der Gestaltung von Gesell­schaften und Natur nach den Mass­gaben der Kapi­tal­ren­ta­bi­lität. So sind wir auf dem Weg zu einer glo­balen »Kapi­tal­ge­sell­schaft«, in der sowohl die Men­schen als auch die äussere Natur zunehmend als Mittel zum Zweck der Pro­fit­ma­xi­mierung instru­men­ta­li­siert werden.


vor­wärts: In den letzten Kapiteln sprechen Sie von einer Post­wachs­tums­öko­nomie. Was ver­stehen Sie dar­unter?

Atha­nasios Karathan­assis: Um nur einige Schlag­worte zu nennen: Öko­no­mische Pro­zesse würden nicht mehr auf maxi­malen Output abzielen, sondern müssten nach Kri­terien der Bedarfs­de­ckungs­logik umge­staltet werden. Das heisst, dass die Öko­nomie nicht überall
schrumpft, sondern nur das Übermass an Pro­duktion, Verkehr und Konsum ver­schwindet. Das hätte auch ein gänzlich anderes Kri­sen­ver­ständnis zur Folge. Möglich wäre das nur, wenn an Stelle von Kapi­tal­lo­giken Logiken der Bedarfs­de­ckung zur Praxis werden. Pro­ble­ma­tisch ist hierbei aber nicht nur die Bedarfs­be­stimmung; was Mensch wirklich braucht, ist nur eine von vielen Fragen einer damit ver­bun­denen Kon­sum­kritik. Ent­scheidend ist in einer Post­wachs­tums­öko­nomie, dass weniger stoff­ge­bundene öko­no­mische
Pro­zesse statt­finden, denn die Ent­kopplung von Wachstum und Natur­ver­brauch und -Zer­störung ist trotz Fort­schritten in der Energie- und Mate­ri­al­ef­fi­zienz nicht möglich. Man braucht also eine umfas­sende Wende, sozu­sagen eine positive Krise, die nicht nur einen
Wer­te­wandel anstrebt und poli­tische Macht­ver­hält­nisse in Frage stellt; es ist ins­be­sondere eine andere Öko­nomie not­wendig, die nicht mehr auf mass­loses Wachstum abzielt und vor­täuscht, Mas­sen­konsum sei für das Wohl der Menschheit unum­gänglich. Das reicht selbst­ver­ständlich nicht aus, eine Post­wachs­tums­öko­nomie zu umreissen. Es kann nur die Richtung andeuten, vieles ist noch unklar, muss beforscht und prak­tisch ent­wi­ckelt werden.
vor­wärts: In ihren 16 Thesen zur Leip­ziger Degrowth-Kon­ferenz im Jahr 2014 schreibt die Inter­es­sen­ge­mein­schaft Robo­ter­kom­mu­nismus: »Der Kar­di­nal­fehler der gesamten Bewegung besteht in ihrer Über­höhung des Wachstums zum Inbe­griff aller Übel, zum scheinbar letzten Grund gesell­schaft­licher Pro­zesse und somit auch zum Hebel­punkt einer qua­li­ta­tiven poli­ti­schen Ver­än­derung.« Würden Sie dieser These zustimmen?
Atha­nasios Karathan­assis: Ein Defizit des »Degrowth-Main­streams« ist die nicht aus­rei­chende Ver­knüpfung von Wachstums- und Kapi­ta­lis­mus­kritik. Gäbe es diese, wäre es klarer, dass Kapi­ta­lismus ohne Wachstum und somit auch ohne wach­senden Res­sour­cen­ver­brauch und Schad­stoff­emis­sionen nicht möglich ist. Bis­herige Effi­zi­enz­fort­schritte oder natur­scho­nende Lebens­weisen reichen nicht aus und werden von den kapi­ta­lis­ti­schen Wachs­tums­aus­massen bei weitem über­kom­pen­siert. Eine Wachs­tums­kritik, die auf halbem Weg ver­harrt, kann bes­ten­falls zur Ent­schleu­nigung aber nicht zur Ver­hin­derung von Kata­strophen bei­tragen.


vor­wärts: Nach der Lektüre Ihres Buches muss man zu dem Fazit kommen: Im Kapi­ta­lismus ist ein Ende der Natur­zer­störung nicht möglich. Wäre da eine Revo­lution nicht der beste Beitrag für den Umwelt­schutz?

Atha­nasios Karathan­assis: Wenn Pro­bleme letztlich nur dann gelöst werden können, wenn ihre Ursachen beseitigt werden, dann bedeutet das, dass gesell­schaft­liche Gross­krisen, wie die Aus­masse der Natur­zer­störung oder Mas­sen­armut nur dann gelöst werden können, wenn wesent­liche Ursachen dieser beseitigt werden. Und damit ist klar: Der Kapi­ta­lismus muss weg und eman­zi­pa­to­ri­scher Wider­stand ist im wahrsten Wortsinn not­wendig. Offen ist jedoch, auf welchen Wegen das möglich sein wird, so dass die Post­ka­pi­ta­lismen auch wirklich eman­zi­pa­to­risch sein werden. Die Frage, inwieweit das rea­lis­tisch ist, möchte ich mit Herbert Marcuse beant­worten, der sagte: »Der unrea­lis­tische Klang dieser Behauptung deutet nicht auf ihren uto­pi­schen Cha­rakter hin, sondern auf die Gewalt der Kräfte, die ihrer Ver­wirk­li­chung im Wege stehen.«

Interview: Peter Nowak
Quelle:
vor­wärts – die sozia­lis­tische Zeitung.
Nr. 05/06 – 72. Jahrgang – 12. Februar 2016, S. 5
Her­aus­ge­berin: Ver­lags­ge­nos­sen­schaft vor­wärts, PdAS
und ihre Deutsch­schweizer Sek­tionen
Redaktion: Vor­wärts, Postfach 2469, 8026 Zürich
Telefon: 0041-(0)44/241 66 77,
E-Mail: redaktion@​vorwaerts.​ch

Internet: www​.vor​waerts​.ch

»Man braucht eine positive Krise«

Der Politik- und Sozi­al­wis­sen­schaftler Atha­nasios Karathan­assis lehrt an den Uni­ver­si­täten von Han­nover und Hil­desheim. Im ver­gan­genen Jahr erschien im VSA-Verlag sein Buch »Kapi­ta­lis­tische Natur­ver­hält­nisse. Ursachen von Natur­zer­stö­rungen – Begrün­dungen einer Post­wachs­tums­öko­nomie«. Die Jungle World sprach mit Karathan­assis über seine ­Kritik am Kapi­ta­lismus, an mar­xis­ti­schen Wachs­tums­fe­ti­schisten sowie an der ­Umwelt­be­wegung.

Nach dem Pariser Kli­ma­gipfel (COP 21) Ende ver­gan­genen Jahres gaben sich hin­terher fast alle Teil­nehmer zufrieden. Wie würden Sie, mit einigen Wochen zeit­lichem Abstand die Ergeb­nisse beschreiben?

Ange­sichts des nicht mehr zu leug­nenden Kli­ma­wandels musste es nach all den geschei­terten Ver­hand­lungen das vor­dring­lichste Ziel sein, Erfolge zu prä­sen­tieren. So wird ein Mini­mal­konsens auf der Basis einer »frei­wil­ligen Ver­bind­lichkeit« ohne Sank­ti­ons­mög­lich­keiten als his­to­ri­scher Durch­bruch inter­pre­tiert. Die Ergeb­nisse des Gipfels haben den Cha­rakter eines mora­li­schen Impe­rativs. In der Praxis wird die Moral auf­grund mäch­tiger öko­no­mi­scher und poli­ti­scher Inter­essen, die ihr ent­ge­gen­stehen, aber in ihre Schranken ver­wiesen.

Erfolg misst sich letztlich nicht daran, was aus­ge­handelt wird, sondern an kon­kreten prak­ti­schen Maß­nahmen. Und es sollte auch nicht – wie auf der COP 21 beschlossen – erst nach fünf Jahren über­prüft werden, ob diese auch wirklich umge­setzt wurden. Wäre man vom Erfolg der Ver­hand­lungen so über­zeugt, wie es nach außen scheint, wären Rück­tritts­an­kün­di­gungen ver­ant­wort­licher Poli­tiker und Unter­neh­mens­schlie­ßungen nur kon­se­quent, falls es in einer bestimmten Zeit nicht gelingt, den Ausstoß klima-rele­vanter Gase signi­fikant zu senken. Diese blieben bisher aus und der not­wendige grund­le­gende Wandel wurde auch nicht beschlossen.

Was wäre für Sie der Maßstab für einen Gip­fel­erfolg gewesen?

Eine wirklich his­to­rische Wende hin zu einer »Dekar­bo­ni­sierung« wäre etwas anderes gewesen: das ver­bind­liche Abschalten von Koh­le­kraft­werken, das sofortige Bereit­stellen der erfor­der­lichen finan­zi­ellen Mittel für den Aufbau rege­ne­ra­tiver Ener­gie­quellen, die ersetzend und nicht ergänzend zu fos­silen ein­ge­setzt werden, und vieles mehr. Würden Dekar­bo­ni­sie­rungs­maß­nahmen nicht umge­setzt, müssten spürbar und schnellst­möglich öko­no­mische Sank­tionen folgen. Ein Großteil der fos­silen Ener­gie­träger müsste also in der Erde bleiben; das würde aber ent­gangene Profite bedeuten. All das geschieht nicht oder nicht aus­rei­chend, so dass sich auch hier wieder einmal zeigt, wie mit zwei­erlei Maß gemessen wird. Im Zuge der glo­balen Wirt­schafts­krise von 2008 war es äußerst schnell und unbü­ro­kra­tisch möglich, »Ret­tungs­schirme« in Mil­li­ar­denhöhe für sys­tem­re­le­vante Banken auf Kosten von Mil­lionen von Men­schen bereit­zu­stellen. Die Men­schen und die äußere Natur, die von der Kli­ma­krise betroffen sind, scheinen nicht als sys­tem­re­levant zu gelten. Das System der Kapi­talak­ku­mu­lation hat also Prio­rität. Es scheint so, als müsse man sich einer ver­sach­lichten, gott­ähn­lichen Macht – der Macht der Kapitale – alter­na­tivlos beugen. Doch zumindest eines ist klar: Es gibt keine Alter­na­tiven zur Natur; es gibt auch keine Alter­na­tiven zur Öko­nomie, aber es gibt Alter­na­tiven zur kapi­ta­lis­ti­schen Form der Öko­nomie.

Sie haben im VSA-Verlag ein Buch mit dem Titel »Kapi­ta­lis­tische Natur­ver­hält­nisse« ver­öf­fent­licht. Was ver­stehen Sie dar­unter und welche Rolle spielt die Marxsche Öko­no­mie­kritik dabei? Ins­be­sondere da in der Umwelt­be­wegung Marx vor­ge­worfen wird, ein Anhänger des kapi­ta­lis­ti­schen Fort­schritts­denkens gewesen zu sein und keinen Blick für die Pro­bleme der Umwelt gehabt zu haben.

Zunächst einmal sollte man betonen, dass Marx mehr als einen Blick für den kapi­ta­lis­ti­schen Umgang mit der Natur hatte. Das ließe sich mit einer Reihe von Zitaten belegen. Aber ins­be­sondere seine Kritik der poli­ti­schen Öko­nomie ist geeignet, über die Analyse öko­no­mi­scher Gesetz­mä­ßig­keiten das Ver­hältnis von Kapital und Natur zu ent­schlüsseln. Diese Kritik ist zwar nicht aus­rei­chend, aber uner­lässlich.

In »Kapi­ta­lis­tische Natur­ver­hält­nisse« geht es ver­kürzt gesagt um die Frage, wie der Kapi­ta­lismus mit der Natur umgeht, was die Gründe dafür sind, welche Folgen das hat und welche Bedeutung das letztlich für die Ent­wicklung gesell­schaftlich-öko­no­mi­scher Alter­na­tiven hat.

Eine Abgrenzung vom Marx­schen Fort­schritts­glauben, wie bei­spiels­weise im »Kom­mu­nis­ti­schen Manifest« beschrieben, ist ins­be­sondere für die Skiz­zierung dieser Alter­na­tiven wichtig, da – anknüpfend an Walter Ben­jamins kri­ti­schen Verweis auf das Marxsche Revo­lu­tions- und Fort­schritts­ver­ständnis – nicht nur die Geschwin­digkeit der Ent­wicklung, sondern vor allem die Richtung des Fort­schritts in Frage gestellt werden muss.

Ein Kapitel Ihres Buches befasst sich mit post­for­dis­ti­schen Natur­ver­hält­nissen. Was kenn­zeichnet diese?

Post­for­dis­tische Natur­ver­hält­nisse sind zunächst nicht dadurch gekenn­zeichnet, dass mit wesent­lichen for­dis­ti­schen Wachs­tums­treibern gebrochen wird, zum Bei­spiel der Stei­gerung der Pro­duk­tiv­kräfte oder dem Mas­sen­konsum. Im Gegenteil, sie werden auf höher­ent­wi­ckelter Stufe wei­ter­ge­führt, etwa durch von Mikro­pro­zes­soren gesteuerte Pro­duk­ti­ons­systeme und elek­tro­nische Mas­sen­waren, so dass Märkte durch Infor­ma­tions- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­logien erweitert werden. Der Einzug von »Bio­tech­no­logien« in Pro­duk­ti­ons­pro­zesse und die Zunahme gen­tech­nisch ver­än­derter Waren kenn­zeichnen eben­falls eine neue Qua­lität im Umgang mit der Natur. Diese wird nicht mehr nur von außen, sondern nun auch von innen nach ren­di­te­ori­en­tierten Kri­terien ver­ändert. Kri­terien der Kapi­tal­ver­wertung werden so der Natur innerlich. Ähnlich wie es zunehmend von Lohn­ar­bei­tenden gefordert wird, die Inter­essen des Unter­nehmens zu ver­in­ner­lichen, sich mit diesem bis zur Unkennt­lichkeit ihres Selbst zu iden­ti­fi­zieren, werden der Natur ihr fremde »Gesetze« auf­ge­zwungen.

Diese glo­balen Über­for­mungen sind nur einige neue Schritte der Gestaltung von Gesell­schaften und Natur nach Maßgabe der Kapi­tal­ren­ta­bi­lität. So sind wir auf dem Weg zu einer glo­balen »Kapi­tal­ge­sell­schaft«, in der sowohl Men­schen als auch die äußere Natur immer mehr als Mittel zum Zweck der Pro­fit­ma­xi­mierung instru­men­ta­li­siert werden, was eine Ver­kehrung von Ver­hält­nissen ist, in denen sich immer mehr den Inter­essen der Kapitale unter­ordnen soll und nicht die Öko­nomie primär den Inter­essen der Men­schen dient.

In den letzten Kapiteln sprechen Sie von einer Post­wachs­tums­öko­nomie. Was ver­stehen Sie dar­unter?

Um nur einige Schlag­worte zu nennen: Öko­no­mische Pro­zesse würden nicht mehr auf maxi­malen Output abzielen, sondern müssten nach Kri­terien der Bedarfs­de­ckung umge­staltet werden. Das heißt, dass die Öko­nomie nicht überall schrumpft, sondern nur das Übermaß an Pro­duktion, Verkehr und Konsum ver­schwindet. Das hätte auch ein gänzlich anderes Kri­sen­ver­ständnis zur Folge. Möglich wäre das nur, wenn an Stelle der Kapi­tal­logik die Logik der Bedarfs­de­ckung zur Praxis wird. Pro­ble­ma­tisch ist hierbei aber nicht nur die Bedarfs­be­stimmung; was Men­schen wirklich brauchen, ist nur eine von vielen Fragen einer damit ver­bun­denen Kon­sum­kritik.

Ent­scheidend ist in einer Post­wachs­tums­öko­nomie, dass weniger stoff­ge­bundene öko­no­mische Pro­zesse statt­finden, denn die Ent­kopplung von Wachstum und Natur­ver­brauch und -zer­störung ist trotz Fort­schritten in der Energie- und Mate­ri­al­ef­fi­zienz nicht möglich. Man braucht also eine umfas­sende Wende, sozu­sagen eine positive Krise, die nicht nur einen Wer­te­wandel anstrebt und poli­tische Macht­ver­hält­nisse in Frage stellt; es ist ins­be­sondere eine andere Öko­nomie not­wendig, die nicht mehr auf maß­loses Wachstum abzielt und vor­täuscht, Mas­sen­konsum sei für das Wohl der Menschheit unum­gänglich. Das reicht selbst­ver­ständlich nicht aus, eine Post­wachs­tums­öko­nomie zu umreißen. Es kann nur die Richtung andeuten, vieles ist noch unklar, muss erforscht und prak­tisch ent­wi­ckelt werden.

Die Inter­es­sens­ge­mein­schaft Robo­ter­kom­mu­nismus in ihren 16 Thesen zur Leip­ziger Degrowth-Kon­ferenz im Jahr 2014: »Der Kar­di­nal­fehler der gesamten Bewegung besteht in ihrer Über­höhung des ›Wachstums‹ zum Inbe­griff aller Übel, zum scheinbar letzten Grund gesell­schaft­licher Pro­zesse und somit auch zum Hebel­punkt einer qua­li­ta­tiven poli­ti­schen Ver­än­derung.« Stimmen Sie dieser These zu?

Ein Defizit des »Degrowth-Main­stream« ist die nicht aus­rei­chende Ver­knüpfung von Wachstums- und Kapi­ta­lis­mus­kritik. Gäbe es diese, wäre es klarer, dass Kapi­ta­lismus ohne Wachstum und somit auch ohne wach­senden Res­sour­cen­ver­brauch und Schad­stoff­emis­sionen nicht möglich ist. Bis­herige Effi­zi­enz­fort­schritte und die Natur scho­nende Lebens­weisen reichen nicht aus und werden von den kapi­ta­lis­ti­schen Wachs­tums­aus­maßen mehr als nur kom­pen­siert. Eine Wachs­tums­kritik, die auf halbem Weg ver­harrt, kann bes­ten­falls zur Ent­schleu­nigung, aber nicht zur Ver­hin­derung von Kata­strophen bei­tragen.

Nach der Lektüre Ihres Buches muss man zu dem Fazit kommen, im Kapi­ta­lismus sei ein Ende der Natur­zer­störung nicht möglich. Wäre da eine Revo­lution nicht der beste Beitrag zum Umwelt­schutz?

Wenn Pro­bleme letztlich nur gelöst werden können, wenn ihre Ursachen beseitigt werden, dann bedeutet das, dass gesell­schaft­liche Groß­krisen, wie die Ausmaße der Natur­zer­störung oder Mas­sen­armut, nur gelöst werden können, wenn wesent­liche Ursachen dieser Krisen beseitigt werden. Und damit ist klar: Der Kapi­ta­lismus muss weg und eman­zi­pa­to­ri­scher Wider­stand ist im wahrsten Wortsinn not­wendig. Offen ist jedoch, wie »gewähr­leistet« werden kann, dass die Post­ka­pi­ta­lismen auch wirklich eman­zi­pa­to­risch sein werden. Die Frage, inwieweit das rea­lis­tisch ist, möchte ich mit Herbert Marcuse beant­worten, der sagte: »Der unrea­lis­tische Klang dieser Behauptung deutet nicht auf ihren uto­pi­schen Cha­rakter hin, sondern auf die Gewalt der Kräfte, die ihrer Ver­wirk­li­chung im Wege stehen.«

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​6​/​0​4​/​5​3​4​0​6​.html

Interview: Peter Nowak

Kapitalismus killt Klima und Umwelt

Dis­kussion Atha­nasios Karathan­assis zeigt, wie das Pro­fit­streben den Raubbau an der Natur vor­an­treibt

Viel wurde im Vorfeld des Pariser Kli­ma­gipfels über die Umwelt und den Kli­ma­wandel geredet. »Was aber zumeist aus­blieb, ist eine explizite Aus­ein­an­der­setzung mit dem Konnex Kapi­tal­lo­giken, Kapi­tal­stra­tegien, Wachstum und Natur­zer­störung«, schreibt der Poli­tologe Atha­nasios Karathan­assis im Vorwort zu seinem kürzlich im VSA-Verlag erschie­nenen Buches »Kapi­ta­lis­tische Natur­ver­hält­nisse«.

Leider erwähnt er die wenigen Aus­nahmen nicht. Dabei sorgte die kana­dische Glo­ba­li­sie­rungs­kri­ti­kerin Naomi Klein mit ihrem im letzten Jahr erschie­nenen Buch »Die Ent­scheidung Kapi­ta­lismus versus Klima« für heftige Dis­kus­sionen in der Umwelt­be­wegung. Auch Klein kam wie Karathan­assis zu dem Schluss, dass es mit und im Kapi­ta­lismus keine Lösung der Kli­ma­krise geben kann.

Wir haben aber keine Zeit mehr für eine Debatte über die Ver­än­derung der Gesell­schaft, ant­worten viele Umwelt­gruppen. Damit begründen sie, warum sie die Umwelt­pro­bleme mit den kapi­ta­lis­ti­schen Instru­menten und den Groß­kon­zernen bewäl­tigen wollen. Dagegen richtet sich Karathan­assis‚ Streit­schrift. Der Autor ver­ortet die Ursachen der Natur­zer­stö­rungen in der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­weise und zeigt auf, wie illu­sionär es ist, die Umwelt mit den kapi­ta­lis­ti­schen Struk­turen retten zu wollen.

Im ersten Kapitel widmet sich Karathan­assis den Natur­ver­hält­nissen, ana­ly­siert Öko­systeme und gibt einen Ein­blick in das Entro­pie­gesetz; damit wird die Trans­for­mation von ver­füg­barer in nicht nutzbare Energie bezeichnet. So ent­steht bei der Ver­brennung von Kohle und Gas Rauch, der nicht mehr in den Aus­gangs­stoff zurück ver­wandelt, also nicht mehr in den Natur­kreislauf ein­ge­speist werden kann. Karathan­assis zeigt dann auch auf, wie im Laufe der mensch­lichen Ent­wicklung diese Entropie immer mehr ange­wachsen ist. Schon durch die Sess­haft­werdung der Men­schen stiegen der Ener­gie­ver­brauch und auch die Entropie stark an. Doch erst die indus­trielle Revo­lution schuf Grund­lagen für eine massive Aus­breitung der Entropie. Nicht nur das absolute Ausmaß der Ener­gie­nutzung, auch der Ener­gie­durchlauf je Arbeits­zeit­einheit wuchs enorm an.

In einem eigenen Kapitel zeigt Karathan­assis die extensive Res­sourcen- und Stoff­nutzung am Bei­spiel von Öl, Kohle und Gas, aber auch an der Über­fi­schung der Meere. An vielen Ein­zel­bei­spielen weist er nach, dass es der Drang nach Profit ist, der den Raubbau an der Natur vor­an­treibt. »Der sich ver­wer­tende Wert und die Ver­knüpfung der Wert­stei­gerung mit der Stei­gerung der Stoff­nutzung sind kapi­ta­lis­tische Wesens­ele­mente, die der Natur bzw. öko­lo­gi­schen Pro­zessen wider­sprechen. Hier­durch werden sie zu Ursachen von Raubbau und Natur­zer­störung«, schreibt er.

Dennoch endet sein Buch nicht fata­lis­tisch. In den letzten Jahren sei das Bewusstsein über die Natur­zer­störung weltweit gewachsen, schreibt Karathan­assis und ver­weist auf die Vielzahl der Publi­ka­tionen zum Thema. »Es gibt Alter­na­tiven zur kapi­ta­lis­ti­schen Form der Öko­nomie«, schreibt er im letzten Kapitel. Wer ein kom­plexes Pro­gramm erwartet, wird aller­dings ent­täuscht. Die Alter­na­tiven müssten von Basis­in­itia­tiven aus­pro­biert werden, betont Karathan­assis. Prä­gnant begründet er, warum man vom Kapi­ta­lismus nicht schweigen kann, wenn es um die Umwelt geht.

Atha­nasios Karathan­assis: Kapi­ta­lis­tische Natur­ver­hält­nisse. Ursachen von Natur­zer­stö­rungen, Begrün­dungen einer Post­wachs­tums­öko­nomie. VSA-Verlag, Hamburg 2015. 240 Seiten, 22,80 EUR.

analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 611 / 15.12.2015

https://​www​.akweb​.de/

Von Peter Nowak