Im eigenen Buch lesen ist verboten

Ein Rat­geber von aktiven Gefäng­nis­in­sassen wird Häft­lingen ver­wehrt.

Moussa Schmitz ist auch hinter Gittern ein umtrie­biger Mensch. Immer wieder meldet sich der in der JVA Wup­pertal inhaf­tierte Mann mit kri­ti­schen Artikeln zur recht­lichen und sozialen Situation in den Gefäng­nissen zu Wort. Er ist auch einer der Autoren des im April 2016 im Verlag Asso­ziation A erschie­nenen Rat­gebers »Wege durch den Knast«. Doch das Buch hat Schmitz nie erhalten. Die Gefäng­nis­leitung ver­wei­gerte die Wei­ter­leitung mit Verweis auf die Anstalts­ordnung. Das ist aller­dings kein Ein­zelfall. Der von einem Team aus ehe­ma­ligen und aktu­ellen Gefan­genen, Juristen und linken Soli­da­ri­täts­gruppen erstellte 600-seitige Leit­faden erreicht seine Adres­saten, die Häft­linge, oft nicht.

In letzter Zeit scheinen manche Gefäng­nis­lei­tungen den Rat­geber als Störung des Knastalltags zu begreifen und reagieren mit Sank­tionen. »In allen baye­ri­schen Gefäng­nissen wird das Buch nicht wei­ter­ge­leitet. Die JVA Straubing hat den Anfang gemacht, Aichach hat mit einer schrift­lichen Ver­fügung nach­ge­zogen. Danach gefährdet der Rat­geber die Sicherheit und Ordnung, sei deshalb voll­zugs­feindlich und auf­wieg­le­risch«, erklärt Janko L. vom Her­aus­ge­ber­kol­lektiv gegenüber »nd«. Mitt­ler­weile scheinen sich auch Gefäng­nisse in anderen Bun­des­ländern diesem harten Kurs anzu­schließen. In den letzten Wochen haben die Jus­tiz­voll­zugs­an­stalten Darm­stadt, Werl und Butzbach den Rat­geber nicht an die den Häft­linge wei­ter­ge­leitet. Auch eine Stel­lung­nahme der Her­aus­geber zu dem Verbot sowie ein Auszug aus dem Buch, in dem juris­tische Wege auf­ge­listet sind, wie man sich gegen solche Sank­tionen wehren kann, wurden von den Insassen fern­ge­halten.

Die Sank­tionen treffen einen Rat­geber, der an keiner Stelle pole­misch ist. Die Bei­träge sind in sach­lichem Ton gehalten. Sie sollen den Gefan­genen helfen, sich im Knast zurecht­zu­finden und sie dazu ermu­tigen, ihre Rechte auch hinter Gittern wahr­zu­nehmen.

»›Wege durch den Knast‹ ist ein umfas­sendes Stan­dardwerk für Betroffene, Ange­hörige und Inter­es­sierte. Es ver­mittelt tiefe Ein­blicke in die Unbill des Knastalltags, infor­miert über die Rechte von Inhaf­tierten und zeigt Mög­lich­keiten auf, wie diese auch durch­ge­setzt werden können«, annon­ciert der Verlag Asso­ziation A den Leit­faden. In ein­zelnen Kapiteln werden recht­liche Fragen auf­ge­worfen sowie prak­tische Tipps für den Alltag gegeben, zu denen Wei­ter­bil­dungs­mög­lich­keiten sowie Anre­gungen für Sport- und Gesund­heits­pro­gramme hinter Gittern gehören. Das Buch ist eine über­ar­beitete Fassung eines bereits in den in 1990er Jahren erschie­nenen Knast­leit­fadens. Der wie­derum hat auch einen Vor­läufer: die 1980 erschienene Lose­blatt­sammlung unter dem Titel »Rat­geber für Gefangene mit medi­zi­ni­schen und juris­ti­schen Hin­weisen«.

Reiner Wendling vom Verlag Asso­ziation A weist im Gespräch mit dem »nd« auf die Willkür der Sank­ti­ons­maß­nahmen hin. »Während der Rat­geber in einigen Gefäng­nissen Eingang in die Biblio­theken gefunden hat, dürfen in anderen Knästen die Gefan­genen nicht einmal Auszüge daraus erhalten.« Doch den Weg vor Gericht hält Wendling nach Rück­sprache mit Juristen für zu riskant. Dann könnte der kleinen Willkür der Gefäng­nis­lei­tungen auch die große Willkür folgen, wenn die Gerichte die Sank­tionen für recht­mäßig erklärten. Der Rat­geber würde dann unter Umständen auch den Häft­lingen vor­ent­halten, die ihn heute noch pro­blemlos bestellen können.

ttps://www.neues-deutschland.de/artikel/1032202.im-eigenen-buch-lesen-ist-verboten.html

Von Peter Nowak