Mit ‘Arbeitskampf Logistikarbeiter Italien’ getaggte Artikel

Im Arbeitskampf wird’s konkret

Samstag, 29. Dezember 2018


Von Lesbian und Gays Support the Miners bis zur Unterstützung von Amazon: außerbetriebliche Solidarität hilft nicht nur den Arbeiter_innen

Pride – so heißt ein Film, der im Herbst 2014 in die deutschen Kinos kam. Er widmete sich einem weitgehend vergessenen Kapitel der Geschichte der internationalen Arbeiter_innenbewegung, und zwar der Solidarität mit dem Streik der britischen Bergarbeiter, der in den Jahren 1984 und 1985 in Großbritannien und vielen anderen Ländern auch von Menschen unterstützt wurde, die nicht in Großbetrieben arbeiteten, ja nicht einmal in gewerkschaftlichen Zusammenhängen engagiert waren.
Im Zentrum des Films: die »Lesbians and Gays Support the Miners« (LGSM), eine Gruppe Schwuler und Lesben, die in London lebte, hauptsächlich aus Studierenden, Schüler_innen und Künstler_innen bestand, die kulturell also viel von den Bergarbeitern trennte. Bergarbeiter war ein Männerberuf, Frauen waren höchstens in der Verwaltung tätig. Die gewerkschaftsnahen Frauensolidaritätsstrukturen bestanden vor allem aus den Ehefrauen und den Verwandten der Bergarbeiter. In den Bergarbeiterdörfern galten Schwule und Lesben bestenfalls als Exoten aus den fernen Großstädten.
Die zentrale Figur in dem Film ist Mark Ashton, ein charismatischer Jungkommunist und Schwulenaktivist aus Irland, der in früher Jugend bei einem längeren Aufenthalt in Pakistan mit der dortigen Armut konfrontiert und dadurch politisiert wurde. Ashton fand bei seinem Vorhaben, die Bergleute zu unterstützen, nicht nur Zustimmung in der Lesben- und Gay-Community. »Was gehen uns die an, die unterstützen uns doch auch nicht«, bekam er an den Kopf geworfen, als er begann, Spenden für die Miners zu sammeln.

Als Subkultur und proletarische Politik zusammenkamen
Es gelang der kleinen Gruppe dennoch, Geld zu sammeln. Als sie aber in die Streikregion fuhren, um die gesammelten Spenden zu übergeben, wären sie fast gescheitert. Denn die Lesben und Schwulen aus London waren für die Mehrheit der Bevölkerung in den walisischen Bergbaugebieten wie Bewohner_innen eines anderen Sterns. Allerdings gerieten sie an einen Gewerkschafter, der den Anspruch der Bergleutegewerkschaft ernst nahm: dass alle Unterdrückten sich die Hände reichen und gemeinsam für die Befreiung kämpfen sollten. Die Londoner Subkultur war endgültig in den Kreis der Bergleute aufgenommen, als auf einer Versammlung im Gewerkschaftsbüro eine Frau die Gewerkschaftshymne anstimmte, die von der Solidarität aller Unterdrückten handelte. Mag der Film Pride auch etwas kitschig geraten sein, dieses Ereignis ist historisch ebenso verbürgt wie das große Engagement von Mark Ashton. Der Gründer der LGSM starb 1987 im Alter von 26 Jahren an AIDS. Die Solidaritätsarbeit mit dem Miners’ Strike war der Höhepunkt seines kurzen Lebens. Die LGSM ist ein wichtiges Beispiel einer Streiksolidarität, die von Menschen außerhalb von Betriebs- und Gewerkschaftszusammenhängen ausging, und sie ist ein Exempel dafür, dass kulturelle Differenzen im gemeinsamen Kampf an Bedeutung verlieren. Die Lesben und Schwulen und die Miners waren von verschiedenen Unterdrückungsformen betroffen, doch sie pflegten nicht ihre jeweiligen Identitäten und kulturellen Unterschiede, sondern reichten sich die Hände zur Solidarität, wie es im Refrain der Hymne der Bergarbeiter_innengewerkschaft hieß.
Das, was Pride erzählt, hat eine Vorgeschichte, die im Film ausgespart bleibt. In Großbritannien der späten 1970er Jahre gingen Subkultur und proletarische Politik schon einmal zusammen: Ein zentrales Moment war der Streik der Beschäftigten der Firma Grunwick Film Processing Laboratories in den Jahren 1976 bis 1978. Es war der längste Ausstand migrantischer Beschäftigter, den London je gesehen hatte, und die Streikenden waren überwiegend Frauen aus Asien, die eigentlich als schwer organisierbar galten. Mit dem Grunwick-Streik gelang es erstmals, die Gewerkschaften für die Belange von Frauen aus Asien zu interessieren. Solidarität erfuhren sie zudem aus verschiedenen Teilen außerparlamentarischen Linken, so auch von Gay-Aktivist_innen. Und auch Arthur Scargill, der militante Vorsitzende der Bergleutegewerkschaft, mobilisierte viele Miners, mit denen er sich am Solidaritätsstreik beteiligte. Diese gemeinsame Erfahrung von Gay-Aktivist_innen und Arbeitermilitanten schuf die Grundlage für die Solidaritätsaktion des LGSM sieben Jahre später.. Die breite Front der Solidarität aus Teilen der linken Subkultur, Gewerkschaften und verschiedenen marxistischen Strömungen setzte die Zusammenarbeit bis zum großen Bergarbeiterstreik fort, der Mitte der 1980er dann als letzte große Schlacht gegen den Neoliberalismus verloren ging.

Kritische Kund_innen machen dicht
Fast zeitgleich mit dem Streik der britischen Miners fand in der BRD eine große gesellschaftliche Auseinandersetzung statt: Der Kampf um die 35-Stunden- Woche wurde nicht nur in den Betrieben geführt, sondern war ein gesellschaftlicher Konflikt. Künstler_innen solidarisierten sich ebenso wie Studierende und Erwerbslose. Es ging um ein Modell für die Zukunft unter gründlich geänderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Dieser Kampf war noch von dem Impetus geprägt, dass durch schrittweise Reformen die Arbeitszeit verkürzt und die Arbeitsbedingungen im Kapitalismus humanisiert werden könnten. Die Zeit, als der Begriff »Reform« für die Subalternen zu einem Schreckenswort wurde, sollte erst noch kommen.
In den folgenden Jahren nahm der gewerkschaftliche Organisierungsgrad stark ab. Zu den Branchen, in denen die DGB-Gewerkschaften bald nur noch eine Minderheit vertraten, gehört der Einzelhandel. Als die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di 2008 dort den Streik um die Durchsetzung eines Tarifvertrags begann, war klar, dass angesichts des niedrigen Organisationsgrads die Auseinandersetzung über den Betrieb hinaus ausgeweitet werden musste. Der Streik kam nur zustande, weil er von vielen engagierten Kolleg_innen getragen wurde, die es satt hatten, immer länger zu arbeiten und mit ihrem Lohn kaum über die Runden zu kommen. Zu dieser Zeit hatten verschiedene Gruppen der außerparlamentarischen und postautonomen Linken gewerkschaftliche Arbeit als wichtiges Kampffeld entdeckt. Dieses Interesse wurde dadurch grundiert, dass die Prekarisierung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse auch vor dem akademischen Mittelstand nicht haltmachte, dem viele Aktivist_innen der außerparlamentarischen Linken angehörten. Mit Mayday-Paraden wurde versucht, die Organisierung von Prekären neben den großen Gewerkschaften auszubauen. In Berlin war die Mayday-Parade 2008 ein Ort, an dem sich streikende Kolleg_innen aus dem Einzelhandel mit den jungen Aktivist_innen aus den sozialen Bewegungen trafen. Gemeinsam plante man die »Aktion Dichtmachen«: Im Juni 2008 blockierten außerparlamentarische Linke in Berlin eine Reichelt-Filiale in Kooperation mit und zur Unterstützung der streikenden Kassier_innen und Verkäufer_innen. Die Aktion erregte große mediale Aufmerksamkeit und machte den Arbeitskampf zu einer breiteren gesellschaftlichen Auseinandersetzung.

Make Amazon Pay
An diese Erfahrung knüpft die außerbetriebliche Solidarität mit den Amazon- Beschäftigten an, die 2013 in Leipzig ihren Ausgang nahm. Bald bildeten sich auch Solidaritätsgruppen in anderen Städten, die in Kooperation mit den Kolleg_innen eigene Aktionen planten. Am 24. November 2017, dem Black Friday, blockierte das Bündnis »Make Amazon Pay« in der Berliner City ein Amazon-Auslieferungslager. Die Aktion mag symbolisch gewesen sein, zeigte aber, dass die Kolleg_innen beim Kampf für ihre Rechte nicht alleine sind. Auch auf einer anderen Ebene hat die außerbetriebliche Solidarität mit den Amazon-Beschäftigten Spuren hinterlassen: Sie vermittelte Kontakte zwischen den Kolleg_innen von Amazon-Standorten in Deutschland und denen in der Amazon-Filiale im polnischen Poznań. Die Mehrheit von ihnen ist in der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft IP (Arbeiter-Initiative) organisiert, die eigentlich nicht zu den Bündnispartner_innen von ver.di gehört. Diese Vernetzungsarbeit durch Externe erweitert also das Aktionsfeld; zudem wird deutlich, dass außerbetriebliche Solidarität sich nicht in Zuarbeit für die DGB- Gewerkschaften erschöpft.
Eine Unterstützung von Betriebskämpfen kann auch für die beteiligten Gruppen der außerparlamentarischen Linken nur von Vorteil sein. Dann würde nämlich sichtbar, dass in theoretischen Debatten manchmal Scheingefechte geführt werden. In Arbeitskämpfen zeigt sich oft ganz konkret, wie rassistische und patriarchale Unterdrückung und kapitalistische Ausbeutung zusammenwirken.
Diese Erfahrung haben Unterstützer_innen des Charité-Streiks ebenso gemacht wie die Solidaritätsgruppen der Amazon-Beschäftigten. Die Belegschaften dort sind eben nicht ausschließlich weiß und männlich. Solche Klassifizierungen sind eher Projektionen einer postmodernen Linken, die sich von den realen Kämpfen möglichst fernhalten will. Sie hat auch den lange andauernden Kampfzyklus vornehmlich migrantischer Logistikarbeiter_innen in Norditalien fast völlig ignoriert. Unterstützt von der Basisgewerkschaft Cobas versuchen sie ab 2014 mit Streiks, Demonstrationen und Blockaden für ihre Rechte zu kämpfen. Sie hatten nicht nur Konzerne wie IKEA und andere Discounter gegen sich, sondern auch die Politiker_innen, die die Region zu einem Eldorado der internationalen Logistikindustrie machen wollten. Die Kolleg_innen hatten häufig Auseinandersetzung mit der Polizei, wurden verprügelt und kriminalisiert, aber haben auch immer wieder erfolgreiche Abschlüsse erzielen können. Es ist Bärbel Schönafinger von der Videoplattform labournet.tv zu verdanken, diesen Kampf mit dem Film Die Angst wegschmeißen in Deutschland bekannt gemacht zu haben.
2016 gab es mehrere Versuche, sich mit den Logistikarbeiter_innen zu solidarisieren, indem Kundgebungen und Proteste vor IKEA-Filialen in Berlin und Hamburg organisiert wurden, dessen Lagerstätten in Norditalien zu der Zeit bestreikt wurden. Doch die Resonanz blieb äußerst bescheiden. Eine vornehmlich migrantische Belegschaft in verschiedenen norditalienischen Logistikunternehmen kämpft gemeinsam mit einer linken Basisgewerkschaft in Italien für ihre Rechte. Doch ein Großteil der außerparlamentarischen Linken hat gerade keine Zeit für Solidarität. Sie diskutiert stattdessen darüber, ob man den Kampf gegen Rassismus und Patriarchat vernachlässigt, wenn man Arbeitskämpfe unterstützt.

Peter Nowak

Auszug aus:
Sebastian Friedrich / Redaktion analyse & kritik (Hg.):
Neue Klassenpolitik. Linke Strategien gegen Rechtsruck und Neoliberalismus
220 Seiten, Paperback, 12,5 x 19,5 cm ISBN 978-3-86505-752-5
14,- Euro
Bertz + Fischer Verlag
Siehe das Buch und weitere Leseproben im LabourNet Germany unter:
[Buch] Neue Klassenpolitik. Linke Strategien gegen Rechtsruck und Neoliberalismus

http://www.sebastian-friedrich.net/neue-klassenpolitik/

Gelbe Westen auch in Berlin?

Samstag, 22. Dezember 2018

Solidarisiert man sich mit einem Symbol oder mit konkreten Alltagskämpfen?

Am gestrigen Donnerstag ging es am Pariser Platz zwischen französischer Botschaft und Akademie der Künste zumindest nach Worten “revolutionär” zu. Knapp 120 Menschen haben sich mit dem Protest der Gelben Westen in Frankreich solidarisiert [1]. Eine kleine Abordnung von ihnen war aus Frankreich nach Berlin gekommen.

Gekommen waren ansonsten Mitglieder und Unterstützer verschiedener linker Gruppen aus Berlin, die Sammlungsbewegung Aufstehen war mit einem Transparent vertreten. Für die Antifagruppe NEA [2] hat Martin Peters einen Beitrag mit viel Selbstkritik auch an die eigene Szene vorgetragen. So monierte er, dass ein großer Teil der Antifa-Linken die Bewegung der Gelben Westen (häufig auch: Gelbwesten) vorschnell unter der Rubrik Querfront nach Rechts abschieben würde und sich damit indirekt zum linken Feigenblatt der Macron-Fraktion des Kapitals machen würde.

Dabei verschwieg Peters nicht, dass es in der Bewegung der Gelben Westen Rechte gibt. Aufgabe einer linken Bewegung sei es dann aber, die Kräfte in der Bewegung zu unterstützen, die sich gegen die rechten Tendenzen dort stellten. Dazu gehörten auch die Mitglieder der Delegation, die am Donnerstag nach Berlin gekommen war.

Bewegung nicht rechts liegen lassen

In einem Taz-Interview [3] hatte Peters diese Position präzisiert:

taz: Bislang haben in Deutschland vor allem Rechte versucht, auf den Gelbwesten-Zug aufzuspringen. Die wollen Sie aber nicht auf Ihrer Demo haben?

Nein, unsere Motivation ist auch eine antifaschistische. Das Motto lautet: Gegen Sozialabbau und Rassismus. Wir widersprechen der Vereinnahmung von rechts und einer Verbindung mit dem Protest gegen den UN-Migrationspakt. Dass bislang eher Rechte aufgesprungen sind, spiegelt die Schwäche der Linken wider: Es fehlt eben an breiten Sozialprotesten. Und während “Unteilbar” ein Moment war, ist etwa Pegida dauerhaft präsent und kann entsprechend schnell mobilisieren.


taz: Hat die deutsche Linke den französischen Protest bislang unterschätzt und sich zu sehr auf die problematischen Elemente der Bewegung fokussiert?

Ich würde sagen: ja. Es fehlt ihr inzwischen die Übung im Umgang mit Massenbewegungen. Viele sind es nur noch gewohnt, danebenzustellen und zu kritisieren. In den linken Filterblasen war schnell der Vorwurf eines Querfrontprotests verbreitet. Aber die Kernforderungen der Gelbwesten sind sozialer Natur und eben nicht der Migrationspakt. Wir wollen deutlich machen, dass sich französische Linke zum Großteil für eine solidarisch-kritische Intervention aussprechen und gegen Nazis zur Wehr setzen. Einen extrem rechten Sprecher hat die Bewegung schon geschasst – der versucht jetzt sein Glück als “Gelbe Zitronen”.

Martin Peters, langjähriger Berliner Antifa-Aktivist in der Taz

Welches Volk ist gemeint?

Tatsächlich haben Linke bei den Montagsdemonstrationen gegen die Einführung von Hartz-IV im Sommer 2004 den Rechten, die sich dort auch tummelten, Paroli geboten. In vielen Städten war das damals gelungen und so konnten die Rechten der damaligen Bewegung nicht ihren Stempel aufdrücken. Peters zeigte an einem Beispiel auch die Schwierigkeiten einer solchen Intervention. So lautete damals eine zentrale Parole “Weg mit Hartz IV – das Volk sind wir”.

Für viele Linke ist das gut begründet ein mit rechtem Gedankengut konterminierter Begriff. Doch wie geht man mit Menschen um, die die dahinterstehenden Debatten nicht kennen? Versuche ich erst einmal rauszufinden, was sie denn meinen, wenn sie von “Volk reden?

Nur dann ist eine Kommunikationsebene möglich. Allerdings sollte dabei klar sein, dass Linke nicht mit Volksbegriffen hantieren, sondern Menschen dabei unterstützen soll, zu erkennen, dass sie mit dem Begriff selbst einer Ideologie aufsitzen – beispielsweise der Ideologie, Krupp und Krause oder Peter Hartz und eine Hartz IV-Empfängerin säßen im selben Boot.

Die deutschen Zustände bekämpfen – aber wie?

Nach Peters sprach eine iranische Migrantin, die in Berlin lebt, über die sozialen Proteste in ihrem Land und über die Situation. Die beste Solidarität, die von Berlin für soziale Bewegungen in anderen Ländern geleistet werden könne, sei der Kampf gegen die deutschen Zustände. Damit erwies sie sich als gute Marx-Kennerin, der schon 1843 den Deutschen Zuständen den Krieg erklärt hatte [4].

Heute ist damit auf ökonomischen Gebiet ein Kampf gegen das weitgehend von Deutschland durchgesetzte Austeritätsregime gemeint, dass in vielen Ländern Europas für Verarmung sorgt. Werden sich die nun gegründeten Gelben Westen Berlins diesen Kampf annehmen? Dann könnte das Symbol “Gelbe Westen” nur der Ausgangspunkt sein. Schließlich ist es ein leerer Signifikant. Die Träger können sehr Verschiedenes damit ausdrücken.

Ob es im nächsten Jahr die Bewegung in Frankreich noch geben wird, ist ungewiss. Aber es wird weiter soziale Kämpfe geben, mit und ohne gelbe Westen. Wenn die Initiatoren der Gelben Westen Berlin dafür sensibilisieren würden, hätten sie sich Verdienste erworben. Da wären aber einige kritische Fragen zu stellen. Warum gelang es nicht, einen Aktionstag der Solidarität mit den oft migrantischen Logistikarbeitern und ihren Streikzyklen [5] in Norditalien in Deutschland und anderen europäischen Ländern zu etablieren? Versuche mit Aktionen vor verschiedenen IKEA-Zentralen gab es [6].

Um in der Gegenwart zu bleiben: Wo bleibt die transnationale McDonald-Kampagne aus Solidarität mit den Arbeitskämpfen bei einer McDonald-Filiale im Norden von Marseille [7]?

Michel Poittevin ist aktiv in der französischen Basisgewerkschaft Solidaires – SUD [8], die den Arbeitskampf bei McDonald in Marseille unterstützt:

Ihre Gewerkschaft unterstützt einen Arbeitskampf bei McDonald in Marseille [9]. Ist es nicht schwierig, gerade dort Beschäftigte zu organisieren?

M.P.: 2012 gab es die erste Auseinandersetzung in der McDonald-Filiale in McDonald de Saint-Barthelemy. Die Beschäftigten konnten so ein 13-Monastsgehalt und andere Verbesserungen durchsetzen. Die erkämpften Rechte wurden infrage gestellt, als in der Filiale der Besitzer wechselte. Dabei muss man wissen, dass McDonald ein Franchise-Modell eingeführt hat. Die Franchisenehmer zahlen an McDonald Miete und eine Umsatzbeteiligung. Mit dem Franchisemodell sollen die erkämpfen Arbeiterrechte zurückgerollt werden. Bei McDonald in Barthelemy entwickelte sich daraus 2017 ein monatelanger Streik. Er wurde nicht nur in ganz Frankreich bekannt. Sogar im Ausland wurde darüber berichtet. Sogar in großen US-Zeitungen gab es Artikel.
Wie reagierte Ihre Gewerkschaft darauf?

M.P.: Wir machten diese besonders brachiale Form von Union-Busting öffentlich. So organisierten wir eine Versammlung, in der wir die Gewalt gegen Gewerkschaftler bekannt machten. Als klar wurde, dass wir uns davon nicht einschüchtern ließen, hörten die Drohungen auf.

Ausschnitte aus einem längeren Interview mit Michel Poittevin

Auch hier stellt sich die Frage, warum kann nicht mit transnationalen McDonald-Aktionstagen eine Solidaritätsfront aufgebaut werden? Am 17.Januar 2019 wird vor dem Berliner Arbeitsgericht über die Berufungsverhandlung eines der rumänischen Bauarbeiter verhandelt, der bei der Mall of Berlin [10] um seinen Lohn geprellt wurde [11].

Der Konflikt dauert mittlerweile 4 Jahre und die um ihren Lohn geprellten Bauarbeiter hatten auf dem Rechtsweg Klagen gewonnen, aber kein Geld bekommen, weil die verurteilten Subunternehmen insolvent waren.

Warum sollten die Gelben Westen Berlin nicht an einen Samstag vor der Mall of Berlin, einer Nobel-Mall an exponierter Stelle, daran erinnern? Sie liegt nur wenige 100 Meter weg vom Kundgebungsplatz der Gelbwesten am vergangenen Donnerstag. Ein Mann mit gelber Weste schloss sein Fahrrad ab und betrat die Mall. War das jetzt ein Versuch, nach der Kundgebung den sozialen Protest an den passenden Ort zu tragen und die dortige weihnachtliche “Süßer die Kassen nie klingeln”-Stimmung etwas zu trüben? Nein, es handelte sich um einen Kunden in wettergerechter Bekleidung.

Peter Nowak

URL dieses Artikels:
http://www.heise.de/-4258473
https://www.heise.de/tp/features/Gelbe-Westen-auch-in-Berlin-4258473.html

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.facebook.com/GelbwestenGegenSozialabbauundRassismus
[2] http://antifa-nordost.org/
[3] http://www.taz.de/!5556689/
[4] https://www.ca-ira.net/verlag/leseproben/isf-flugschriften_lp1/
[5] http://www.labournet.de/category/internationales/italien/arbeitskaempfe-italien/
[6] http://www.labournet.de/internationales/italien/arbeitskaempfe-italien/it-ak-logistik/aktionstag-gegen-ikea/
[7] https://solidaires.org/De-Marseille-a-Paris-tous-mobilises-contre-l-exploitation-chez-Macdo
[8] https://solidaires.org/
[9] https://berlin.fau.org/termine/arbeitskaempfe-bei-mcdonald-s-in-marseille
[10] https://www.mallofberlin.de/
[11] https://berlin.fau.org/termine/gerichtstermin-eines-bauarbeiters-der-mall-of-shame

»Wer krank ist, wird entlassen«

Samstag, 12. November 2016

Bärbel Schönafinger ist Redakteurin bei ­labournet.tv, einer Internet-Plattform für Filme aus der Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegung. Die Gruppe ist auf der Suche nach Fördermitgliedern.

Seit mehreren Jahren beschäftigen Sie sich mit den Arbeitskämpfen im norditalienischen Logistikbereich. Im vergangenen Jahr haben Sie einen Film mit dem Titel »Die Angst wegschmeißen« gedreht. Was interessiert Sie an diesen Arbeitskämpfen?

Ich war im März 2014 bei einem Netzwerktreffen der europäischen Basisgewerkschaften und während eines nicht ganz so interessanten Beitrags zupfte mich einer aus der italienischen Delegation am Ärmel und zeigte mir Bilder, auf denen zu sehen ist, wie die italienische Polizei auf Streikende einprügelte. »Das passiert jede Woche«, sagte er mir und erzählte von einem Arbeitskampf bei Granarolo, einem großen Milchlieferanten bei Bologna, der seine Lagerarbeiter zwingen wolle, »wegen der Krise« auf 30 Prozent ihres Lohns zu verzichten. Und dass er dort gerade in seinem Auto vor dem Werkstor schlafe und tagsüber an den Blockaden teilnehme, um seine Kollegen zu unterstützen. Bei seinem Arbeitsgeber, dem Speditionsunternehmen Bartolini, hätten sie schon gekämpft, gewonnen und die Machtverhältnisse im Betrieb geändert.

Die Kämpfe hatten 2011 bei TNT in Piacenza angefangen und seitdem hat sich die Bewegung unter den migrantischen Lagerarbeiterinnen und -arbeitern immer mehr ausgebreitet. Der Kollege war wirklich begeistert und das war sehr ansteckend. Da es in der Bundesrepublik keinerlei Berichterstattung über diese Streikwelle gab, beschloss ich mit einer Kollegin, diese Lücke zu füllen und einen Film darüber zu machen.

Was faszinierte Sie an dieser Streikwelle?

Wir waren fasziniert, weil es ausgerechnet die überausgebeuteten, erpress­baren Migrantinnen und Migranten waren, die sich zur Wehr setzten; und natürlich, weil sie so erfolgreich waren. Sie wurden von einer sehr kämpferischen und klassenbewussten kleinen Basisgewerkschaft, S.I. Cobas, unterstützt, aber der Impuls für die Streikwelle ging von den Beschäftigten und ihrer eigenen Organisation in den Warenlagern aus. S.I. Cobas unterstützte sie bei der Blockade ihrer Warenlager und den Verhandlungen. Außerdem stellten sie die ersten Kontakte zu linken Gruppen in der Umgebung her, die dann ebenfalls zu den Blockaden kamen.

Was sind die Forderungen der Beschäftigten?

Die Beschäftigten in der italienischen Logistikbranche sind zu 95 Prozent Migrantinnen und Migranten. Sie werden von Vorarbeitern rassistisch diskriminiert, Frauen sind sexualisierter Gewalt ausgesetzt. Sie werden mit gefälschten Lohnabrechnungen um Teile ihres Lohns betrogen, haben oft keine geregelten Arbeitszeiten und müssen teilweise stundenlang vor den Toren warten, ohne zu wissen, ob sie arbeiten können oder nicht. Wenn sie aufmucken oder sich gewerkschaftlich organisieren, werden sie beim nächsten nominellen Wechsel des Subunternehmens nicht mehr eingestellt. Sie gehen teilweise mit Bandscheibenvorfällen zur Arbeit. Wer krank ist, wird entlassen. Und so weiter. Sie fordern gewöhnlich die Einhaltung des CCNL, des Nationalen Tarifvertrags für die Logistikbranche. Der sieht Mindeststandards vor wie eine garantierte Mindestarbeitszeit von 168 Stunden im Monat, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, korrekte Lohnabrechnungen. Außerdem setzen die Streikenden die Entlassung von bestimmten Vorarbeitern durch. Für manche Kollegen verdreifachte sich ihr effektiver Nettolohn, nachdem sie in ihrem Warenlager erfolgreich gekämpft hatten. Oft geht es zudem um unbefristete Verträge.

Die Kämpfe werden größtenteils von Arbeitsmigrantinnen und -migranten aus Norditalien getragen, die als schwer organisierbar gelten. Wie ist das zu erklären?

Ich weiß nicht, wieso migrantische Beschäftigte als schwer organisierbar gelten. In der Bundesrepublik ist es ja so, dass sie von den DGB-Gewerkschaften viel zu wenig adressiert werden. Die Gewerkschaften könnten viel erreichen, wenn sie gut ausgestattete Anlaufstellen für migrantische und illegalisierte Beschäftigte schaffen und ihnen helfen würden, sich gegen Lohnraub oder die neue Asylgesetzgebung zur Wehr zu setzen. Sobald es Anlaufstellen gäbe und eine minimale Struktur, um die Selbstorganisation zu unterstützen, sowie erste Erfolge, die sich dann, wie in Italien, in den migrantischen Communities herumsprächen, gäbe es auch hierzulande migrantische Arbeiterinnen und Arbeiter, die sich zur Wehr setzen. Zumindest legt die Streikwelle in Italien das nahe, wo die Leute streikten, obwohl sie wegen des berüchtigten Bossi-Fini-Gesetzes neben dem Verlust des Arbeitsplatzes auch ihre Aufenthaltsgenehmigung riskierten.

In dem Film gehen Sie auch auf die Rolle der Frauen im Arbeitskampf ein. Welchen Anteil haben sie dabei?

In den allermeisten Warenlagern arbeiten nur Männer, abgesehen von den Putzfrauen. Aber im Warenlager des Modeversands Yoox und seit diesem Sommer bei H & M, wo vor allem Frauen beschäftigt sind, sind es natürlich die Frauen, die kämpfen. Die sogenannte Arbeiterbewegung war und ist immer schon eine Arbeiterinnenbewegung. So auch in dieser Streikwelle und auch was die Unterstützung angeht. Es wird Zeit für einen unverstellten Blick und auch für einen angemessenen Sprachgebrauch, wenn es um Arbeiterinnen und Arbeiter und ihre Kämpfe geht.

Welche Rolle spielen die Gewerkschaften?

In Italien gibt es drei große Gewerkschaftsdachverbände. Sie haben den Logistikbeschäftigten, die mit gefälschten Lohnabrechungen zu ihnen kamen und dem Wunsch, sich zur Wehr zu setzen, gesagt, dass man nichts machen könne und dass sie sich einen anderen Job suchen sollten. Ein Arbeiter, den wir bei der Blockade eines GLS-Lagers in Bergamo getroffen haben, hat es so formuliert: »Das einzige, was sie machen, ist, Mitgliedsbeiträge zu kassieren und unter dem Tisch Geld anzunehmen.« Die kampfwilligen Beschäftigten mussten also Gewerkschaften finden, die bereit waren, sie zu unterstützen. Im Bereich der Logistik haben sie bei S.I. Cobas Mitstreiter gefunden, denen es nicht darum ging, ihre Gewerkschaft als Organisation voranzubringen, sondern die die Streiks als Klassenkämpfe begriffen und sie aus genau diesem Grund mit schier unbegrenztem Elan unterstützten. S.I. Cobas wurde erst 2010 gegründet, damals war das ein Dutzend älterer Herren mit Jahrzehnten Erfahrung auf dem Buckel. Jetzt hat die Gewerkschaft über 10 000 Mitglieder, ist aber weit davon entfernt, als Apparat wirklich zu funk­tionieren, in dem Sinne, dass sie in der Lage wäre, alle Mitgliedsbeiträge einzusammeln oder ihre Aktiven zu bezahlen. Es sind vor allem Pensionierte, junge Arbeitslose oder Delegierte in den Warenlagern, die den Laden schmeißen.

Haben die Beschäftigten im modernen Logistiksektor nicht eine besondere Macht, weil sie schnell alles lahmlegen können?

Es ist sicher von entscheidender Bedeutung, dass die Beschäftigten in der Logistikbranche sehr großen finanziellen Schaden anrichten können, wenn sie die Tore für ein paar Stunden blockieren. Damit zwingen sie die Arbeitgeber an den Verhandlungstisch. Solange es also genug Kolleginnen und Kollegen gibt, die sich beteiligen, beziehungsweise Solidarität von Beschäftigten aus anderen Warenlagern und Unterstützung aus der linken Szene, können sie sich in der Regel durchsetzen. Die Tatsache, dass sie großen Schaden anrichten können, reicht also nicht aus, um sich gegen die Kapitalseite durchzusetzen, sie macht es aber leichter.

Mitte September wurde Abd al-Salam Ahmed Eldanf in Piacenza bei der Blockade eines bestreikten GLS-Warenlagers von einem Firmenwagen überfahren und war sofort tot. In den deutschen Medien war darüber kaum etwas zu lesen. Dabei gab es in Deutschland in den vergangenen Jahren auch einige Versuche, Solidarität mit den Logistikarbeitern in Italien zu organisieren. Wie war das Ergebnis?

Ernüchternd. Zu den Aktionen kamen nur eine Handvoll Leute. Die Italiener haben sich aber trotzdem darüber gefreut.

Auch auf einer internationalen Konferenz zum transnationalen Streik, die Ende Oktober in Paris stattfand, wurde über Arbeitskämpfe im Logistiksektor diskutiert. Könnte hier eine transnationale Koordination entstehen?

Das ist vielleicht ein bisschen zu viel erwartet. Ich denke, es geht einfach immer wieder darum, dass sich mobilisierte Beschäftigte aus verschiedenen Standorten und Ländern treffen und austauschen. Das ist auch in Paris passiert.

http://jungle-world.com/artikel/2016/45/55163.html

Interview: Peter Nowak