Dragopolis ehrte Arbeiterdichter

»Mein Mann wurde auch als Gefan­gener zur Garde-Dra­go­ner­ka­serne gebracht und ist dort ein Opfer der Sol­da­teska geworden.« Diesen Brief richtete Klara Möller im Januar 1919 an »Die Republik«, die Tagess­zeitung der Arbei­terräte, die für eine grund­le­gende Umwälzung der gesell­schaft­lichen Ver­hält­nisse kämpften. Klara Möller beschrieb dort, wie sich ihr Mann mit sechs wei­teren Par­la­men­tären nach der Besetzung des »Vorwärts«-Gebäudes Anfang Januar 1919 den auf Seiten der Ebert-Noske-Regierung kämp­fenden Frei­korps ergaben. Die sieben unbe­waff­neten Männer wurden brutal miss­handelt und dann erschossen.

Dass ihrer jetzt, 98 Jahre später, am Ort ihrer Ermordung gedacht wurde, geht auf die Initiative der stadt­po­li­ti­schen Gruppe »Dra­go­polis« zurück. Sie setzt sich auf dem Gelände des Dra­goner­ge­ländes für ein Stadt­teil­projekt mit bezahl­baren Mieten ein. »Wir haben uns natürlich auch gefragt, was auf dem Dra­goner­ge­lände his­to­risch pas­siert ist«, erklärt ein Mit­glied der Initiative gegenüber »nd«. Eine Gedenk­tafel im Ein­gangs­be­reich des nahen Finanz­amtes Friedrichshain/​Kreuzberg erinnert bereits an das Janu­ar­ver­brechen. Doch die Initiative strebt weit mehr an und wollte zunächst einmal auch mehr über die Opfer wissen. Dabei kam ihr ein Aufsatz des His­to­rikers Gerhard Engel in der Zeit­schrift »Arbeit – Bewegung – Geschichte« zu Hilfe, in dem das publi­zis­tische Werk des Arbei­ter­dichters Werner Möller reka­pi­tu­liert wird. Während der Gedenk­ver­an­staltung dieser Tage für die Ermor­deten wurden einige seiner Gedichte rezi­tiert.

Seine während des Ersten Welt­krieges die Kriegs- und Hun­gers­po­litik der kai­ser­lichen Regierung anpran­gernden Artikel brachten Möller eine mehr­mo­natige Gefäng­nis­strafe ein. In seinen letzten Lebens­mo­naten ver­suchte Möller, die Novem­ber­re­vo­lution vor­an­zu­treiben. Er warnte, sich damit zu begnügen, dass der Thron der Hohen­zollern gefallen ist, und dabei zu über­sehen, dass der deutsche Michel sich schon wieder nach Recht, Ordnung und dem starken Staat sehnt – dem er selbst kurz darauf zum Opfer fallen sollte. Hun­dert­tau­sende nahmen Ende Januar 1919 in Berlin an seiner Beer­digung teil. Sein Grab in der Gedenk­stätte der Sozia­listen wurde 1941 von den Nazis ein­ge­ebnet. Zum 100. Jah­restag des Ver­bre­chens plant die Initiative Dra­go­polis ein wür­diges Gedenken im dann fer­tig­ge­stellten Stadt­teil­zentrum.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​4​0​2​8​3​.​d​r​a​g​o​p​o​l​i​s​-​e​h​r​t​e​-​a​r​b​e​i​t​e​r​d​i​c​h​t​e​r​.html

Peter Nowak

Stadtteilinitiative gedenkt der ermordeten Vorwärts-Besetzer

MieterEcho online 17.01.2017

Stadtteilinitiative gedenkt der ermordeten Vorwärts-Besetzer

„Mein Mann wurde auch als Gefan­gener zur Garde-Dra­go­ner­ka­serne gebracht und ist dort ein Opfer der Sol­da­teska geworden. Der Tod durch Erschießen wäre ein milder gewesen, doch die Ver­let­zungen meines Mannes sind derart, dass von Erschießen keine Rede sein kann“. Diesen Brief richtete Klara Möller im Januar 1919 an die „Die Republik“, die Tagess­zeitung der Arbei­terräte, die vor 98 Jahren in Deutschland für eine grund­le­gende Umwälzung der gesell­schaft­lichen Ver­hält­nisse nach der Novem­ber­re­vo­lution kämpften. Klara Möller beschrieb dort, wie sich ihr Mann mit sechs wei­teren Par­la­men­tären nach der Besetzung des Vor­wärts­ge­bäudes Anfang Januar 1919 den auf Seiten der Ebert-Noske-Regierung kämp­fenden Frei­korps ergeben hatte. Es waren neben Möller der Jour­nalist Wolfgang Fernbach, der Mecha­niker Karl Gru­busch, der Schmied Walter Heise, der Kut­scher Erich Kluge, der Werk­zeug­macher Arthur Schöttler und der Schlosser Paul Wackermann. Die sieben unbe­waff­neten Männer wurden in der Dra­go­ner­ka­serne in Berlin-Kreuzberg brutal miss­handelt und dann erschossen. Dass ihner 98 Jahre später am Ort ihres Todes gedacht wurde, geht auf die Initiative der stadt­po­li­tische Gruppe “Dra­go­polis” zurück. Sie setzt sich auf dem Gelände des Dra­goner­ge­ländes für ein Stadt­teil­projekt mit bezahl­baren Mieten ein. „Wir haben uns natürlich gefragt, was auf dem Dra­goner­ge­lände his­to­risch pas­siert ist“, erklärt ein Mit­glied der Stadt­teil­in­itiative gegenüber Mie­te­rEcho online. Dabei kam ihnen ein Aufsatz des His­to­rikers Gerhard Engel in der Zeit­schrift für his­to­rische Studien „Arbeit Bewegung Geschichte“ zur Hilfe. Dort reka­pi­tu­liert der His­to­riker auch das publi­zis­tische Werk des Arbei­ter­dichters Werner Möller. Während der Gedenk­ver­an­staltung wurden mehrere der Gedichte und Artikel vor­ge­tragen, die Möller in seinem kurzen Leben in der Presse der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Presse ver­öf­fent­lichte. Nachdem er die Politik des Burg­friedens und der Kriegs­kredite der PD-Führung scharf kri­ti­sierte, konnte er nur noch in den kleinen Zei­tungen der linken Oppo­sition publi­zieren, was das Auf­finden seiner Texte erschwert.

Zum 100 Todestag eine Ehrung im Stadt­teil­zentrum

Die Stadt­teil­in­itiative will ihre Geschichts­arbeit fort­setzen. Ihre Utopie ist, am 11. Januar 2019, hundert Jahre nach auf dem Mord auf dem Gelände des geplanten Stadt­teil­zen­trums einen Gedenkort für die Opfer ein­zu­richten. Doch noch immer ist die Zukunft des Areals unklar. Erst kürzlich schrieb der Staats­se­kretär des Bun­des­fi­nanz­mi­nis­te­riums Jens Spahn an die SPD-Bun­des­tags­ab­ge­ordnete Cansel Kiziltepe, dass die Wil­lens­bildung zum wei­teren Umgang mit der Lie­gen­schaft noch nicht abge­schlossen ist“. Bisher gehört die lukrative Immo­bilie dem Bund, der sie dem Höchst­bie­tenden ver­kaufen und damit wei­teren Luxus­bauten den Weg ebnen wollte . Nachdem die Stadt­teil­in­itiative für ihr Gegen­modell viel Zustimmung bekam, gab sich die Ber­liner SPD auf einmal rebel­lisch. Im Bun­desrat ver­wei­gerte sie dem Bun­des­fi­nanz­mi­nis­terium die Zustimmung zu dem schon getä­tigten Verkauf des Areals an einen Pri­vat­in­vestor für 36 Mil­lionen Euro. Doch der Käufer hat bereits Scha­den­er­satz­for­de­rungen ange­kündigt. Die Bun­des­tags­ab­ge­ordnete der Grünen Lisa Paus monierte, in dem Vertrag fehle eine Klausel, die Scha­den­er­satz­for­de­rungen explizit aus­schließt. Das Bun­des­fi­nanz­mi­nis­terium wider­spricht dieser Dar­stellung. Unge­klärt ist auch, warum der Vertrag bereits unter­schrieben wurde, bevor die zustän­digen Gremien gehört wurden. Ob es dabei lediglich um hand­werk­liche Fehler handelt oder ob hier weiter ver­sucht wird, einen Pri­vat­in­vestor Vor­teile zu ver­schaffen, ist offen.

MieterEcho online 17.01.2017

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Peter Nowak

Arbeit – Bewegung – Geschichte

Die Schweiz spielte keine unwichtige Rolle in der Geschichte der linken Arbei­te­rIn­nen­be­wegung. Die Zim­mer­walder-Kon­ferenz von 1915, zu der die sozia­lis­ti­schen Geg­ne­rInnen des 1. Welt­kriegs zusammen kamen, ist ein bekanntes Bei­spiel. Kaum bekannt ist hin­gegen, dass die Schweiz vor über 40 Jahren auch eine wichtige Rolle in der euro­päi­schen Ver­netzung der linken Betriebs­in­ter­vention gespielt hat.

Anfang der 1970er Jahre wurde in Zürich ein inter­na­tio­nales Koor­di­na­ti­onsbüro für die län­der­über­grei­fende Unter­stützung von Streiks und Arbeits­kämpfe auf­gebaut. Getragen wurde es von Gruppen der radi­kalen Linken, die durch den Auf­bruch nach 1968 ent­standen sind und sich weder der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen noch der tra­di­ti­ons­kom­mu­nis­ti­schen Richtung zuord­neten. Neben dem Pariser Mai 1968 war auch der ita­lie­nische Herbst 1969 für diese Linke ein wich­tiger Bezugs­punkt. Denn in Italien betei­ligten sich viele Arbei­te­rInnen im ganzen Land an Betriebs­be­set­zungen, Streiks und mili­tanten Demons­tra­tionen. Dort war der Funke des revo­lu­tio­nären Auf­bruchs tat­sächlich über­ge­sprungen, von den Hoch­schulen auf die Fabriken. Linke Akti­vis­tInnen sowie kämp­fe­rische Arbei­te­rInnen aus vielen euro­päi­schen Ländern ver­folgten die Ent­wicklung mit grossem Interesse. «In der his­to­ri­schen For­schung zu den Streik­be­we­gungen und Arbeits­kämpfen der 1960er und 1970er ist die inter­na­tionale Zusam­men­arbeit von Strö­mungen und Gruppen, die sich an diesen Aus­ein­an­der­set­zungen in der Fabrik ori­en­tieren, noch wenig beachtet worden», schreibt der Ber­liner His­to­riker Dietmar Lange in der aktu­ellen Ausgabe von Arbeit – Bewegung – Geschichte, Zeit­schrift für his­to­rische Studien.

Die Pro­phe­zeiung des her­auf­ziehen den Post­for­dismus

Das Schwer­punkt­thema lautet «Linke Betriebs­in­ter­vention, wilde Streiks und ope­rais­tische Politik 1968 bis 1988». Dietmar Lange, der gemeinsam mit Fabian Ben­newitz, Ralf Hoff­rogge und Axel Weipert die Zeit­schrift her­ausgibt, forscht seit län­gerem zur Geschichte der linken Betriebs­in­ter­ven­tionen der 1960er und 1970er Jahre. Dabei hat er auch einen Bericht über eine Inter­na­tionale Arbei­te­rIn­nen­kon­ferenz im April 1973 aus­ge­graben, die in Paris statt­ge­funden hat. Sie wurde wesentlich von dem Zürcher Koor­di­na­ti­onsbüro vor­be­reitet und widmete sich den Klas­sen­aus­ein­an­der­set­zungen in der Auto­mo­bil­in­dustrie. Anwesend Arbei­te­rInnen aus den wich­tigsten Auto­mo­bil­kon­zernen wie BMW, VW, Fiat, Opel, Alfa Romeo, Renault und Citroen. Aus der Schweiz waren Beschäf­tigte von Saurier ver­treten. Auch ver­schiedene Linke aus Deutschland, Frank­reich, Italien und Gross­bri­tannien nahmen an der Kon­ferenz teil. Aus der Schweiz waren Akti­vis­tInnen der Gruppe Klas­sen­kampf nach Paris gekommen, die sich aus einer mao­is­tisch ori­en­tierten Jugend­be­wegung in der ita­lie­ni­schen Schweiz ent­wi­ckelt hatte und Anfang der 70er Jahre ihren Ein­fluss auf die deutsch­spra­chige Schweiz aus­dehnte. Mitte der 70er Jahre löste sich die Gruppe auf. In dieser Zeit war die linke Betriebs­in­ter­vention in eine Krise geraten geraten
und auch das Zürcher Koor­di­nie­rungsbüro stellte die Arbeit ein. Die Vor­be­reitung der Pariser Kon­ferenz war ihre wich­tigste Arbeit. «Nur kurze Zeit nach der Kon­ferenz in Paris vollzog ein Grossteil der betei­ligten Gruppen einen Rich­tungs­wechsel oder löste sich auf», schreibt Dietmar Lange. In einem Interview mit dem Arzt und His­to­riker Karl Heinz Roth, der damals an der linken Betriebs­in­ter­vention beteiligt war, spürt Lange den Gründen für den schnellen Zusam­men­bruch der trans­na­tio­nalen Soli­da­ri­täts­arbeit nach, der zu einem langen Abschied der linken Bewegung vom Pro­le­tariat führen sollte. Roth erinnert sich an war­nende Stimmen auf der Kon­ferenz, die berich­teten, wie durch Kon­zern­stra­tegien das Konzept des kämp­fe­ri­schen Mas­sen­ar­beiters unter­graben wurde. «Diese Pro­phe­zeiung des her­auf­zie­henden Post­for­dismus stand als Mene­tekel an der Wand des Kon­gresses», so Roth. Er begründet auch, warum das Koor­di­nie­rungsbüro, dass neben der Gruppe Klas­sen­kampf auch von der Berner und St. Gal­lener Orts­gruppen der Pro­le­ta­ri­schen
Front getragen wurden, in der Schweiz errichtet wurde: «Die Stand­ortwahl lag nicht nur aus geo­gra­phi­schen Gründen nahe, sondern hatte mit der damals leider noch sehr sel­tenen Mehr­spra­chigkeit der schwei­ze­ri­schen Genos­sinnen und Genossen zu tun».
Par­al­lelen zu heu­tigen Aus­ein­an­der­set­zungen
Das Koor­di­nie­rungsbüro habe sich zum Ziel gesetzt, die Selbst­or­ga­ni­sation der am meisten mar­gi­na­li­sierten Sek­toren der euro­päi­schen Arbei­te­rIn­nen­klasse zu fördern. Das ist eine sehr aktuelle Ziel­setzung. Schliesslich gibt es zurzeit eine linke Betriebs­in­ter­vention bei Amazon. Es gab bereits mehrere Treffen von Beschäf­tigten von Amazon-Werken in Deutschland und Polen. Deshalb weckt das Schwer­punkt­thema der Zeit­schrift Arbeit – Bewegung – Geschichte nicht nur his­to­ri­sches Interesse. Die Her­aus­ge­be­rInnen weisen darauf hin, dass sich «in den hier publi­zierten Texten zahl­reiche Aspekte finden, die Par­al­lelen zu heu­tigen Aus­ein­an­der­set­zungen auf­weisen». Nelly Tügel unter­sucht in ihren Beitrag, wie der Bun­des­vor­stand des Deut­schen Gewerk­schafts­bundes (DGB) auf gewerk­schaft­liche
Akti­vi­täten von Arbeits­mi­gran­tInnen in West­deutschland reagierte, die oft noch Klas­sen­kampf­tra­di­tionen ein­brachten, die in Deutschland durch den Natio­nal­so­zia­lismus aus­ge­löscht worden waren. «Zum einen erging die Auf­for­derung an die Ein­zel­ge­werk­schaften, jeweils einen Kol­legen zu benennen, der in einen der Abteilung Orga­ni­sation unter­stellten Unter­aus­schuss für die Betreuung aus­län­di­scher Kol­legen ent­sandt werden sollte. Zum anderen wurde beschlossen, Mate­rialen über die kom­mu­nis­tische und faschis­tische Unter­wan­derung durch aus­län­dische Arbeit­nehmer zusam­men­zu­stellen und allen Bun­des­tags­ab­ge­ord­neten zuzu­stellen». Sehr emp­feh­lenswert sind auch die Bei­träge in der Zeit­schrift, die sich nicht mit dem Schwer­punkt­thema befassen. Auch dabei wird deutlich,
dass die Schweiz in der Geschichte der Arbei­te­rIn­nen­be­wegung eine wichtige Rolle spielte. So berichtet die His­to­ri­kerin Miriam Sachse von einem Sym­posium, das sich mit der inter­na­tio­nalen sozia­lis­ti­schen Frau­en­kon­ferenz 1915 in Bern befasste. Dabei betonte die Prä­si­dentin der Schweizer Robert Grimm Gesell­schaft, Monika Wick aus Zürich, dass die Kon­ferenz, die in klarer Oppo­sition zum sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Kurs des Burg­friedens stand, auch männ­liche Unter­stützer hatte. Dazu gehörte in der Schweiz Robert Grimm.

Arbeit – Bewegung – Geschichte.
Zeit­schrift für his­to­rische Studien, Heft
1/2016, 230 Seiten, Bezug: www​.metro​pol​verlag​.de

aus: vor­wärts – 26. April 2016

http://​www​.schat​ten​blick​.de/​i​n​f​o​p​o​o​l​/​m​e​d​i​e​n​/​a​l​t​e​r​n​/​v​o​r​w​1​1​8​5​.html

Peter Nowak

Das Proletariat wird transnational

Neue Publi­ka­tionen beschäf­tigen sich mit linken Betriebs­in­ter­ven­tionen in Europa infolge des Auf­bruchs von 1968. Die län­der­über­grei­fende Soli­da­rität in Arbeits­kämpfen war damals pro­gram­ma­tisch.

»Mit seinem Ket­zerbuch ›Abschied vom Pro­le­tariat‹ ist er nun über­ra­schend aus der St.-Marx-Kirche aus­ge­treten«, spottete der Spiegel 1981 über den linken fran­zö­si­schen Sozio­logen André Gorz. Das Buch wurde damals vor allem bei der vom Auf­bruch von 1968 geprägten Linken zum Best­seller und sein Titel zum Pro­gramm. Denn nun konnte manch alt­ge­dienter Maoist auch theo­re­tisch begründen, warum sein Bemühen, die Fabrik­ar­beiter für die Revo­lution zu gewinnen, keinen Erfolg gehabt hatte. Von Gorz ist vielen heute nur »Abschied vom Pro­le­tariat« bekannt. Die Bücher, in denen er Brücken zwi­schen der alten Arbei­ter­be­wegung und dem Auf­bruch der Neuen Linken nach 1968 schlagen wollte, sind hin­gegen fast ver­gessen. Sie trugen ebenso pro­gram­ma­tische Titel wie »Die Aktua­lität der Revo­lution« und »Zur Stra­tegie der Arbei­ter­be­wegung im Neo­ka­pi­ta­lismus«.

Klassenkampf überall. Eine Demonstration der Gruppe »Lotta Continua« in Mailand, Anfang der siebziger Jahre
Klas­sen­kampf überall. Eine Demons­tration der Gruppe »Lotta Con­tinua« in Mailand, Anfang der sieb­ziger Jahre (Foto: www​.lalotta​con​tinua​.it)

Es könnte sein, dass die heute nur noch anti­qua­risch erhält­lichen Bücher bald wieder stärkere Beachtung finden. In den ver­gan­genen Jahren haben jüngere His­to­riker den lange ver­ges­senen dis­si­denten Strö­mungen der Arbei­ter­be­wegung Auf­merk­samkeit gewidmet. Diese hatten in der For­schung zuvor höchstens in den Fuß­noten Erwähnung gefunden. Kon­zen­trierte sich die For­schung auf die großen Arbei­ter­par­teien und Gewerk­schaften, widmet man sich jetzt der Räte­be­wegung und unter­sucht die zahl­reichen Gruppen, die sich weder der Sozi­al­de­mo­kratie noch dem Par­tei­kom­mu­nismus zurech­neten.

Kürzlich ist die erste Ausgabe der Zeit­schrift für his­to­rische Studien »Arbeit Bewegung Geschichte« mit dem Schwer­punkt­thema »Linke Betriebs­in­ter­vention, wilde Streiks und ope­rais­tische Politik 1968 bis 1988« im Metropol-Verlag erschienen. Die Zeit­schrift ist aus dem »Jahrbuch für For­schung zur Geschichte der Arbei­ter­be­wegung«, das seine Wurzeln in der DDR hatte, her­vor­ge­gangen. Vor allem der trans­na­tionale Cha­rakter der Betriebs­in­ter­ven­tionen sei in der his­to­ri­schen For­schung bisher kaum beachtet worden, schreibt der Ber­liner His­to­riker Dietmar Lange von der Redaktion von »Arbeit Bewegung Geschichte«. Dabei habe es vor allem nach 1969 einen regen Aus­tausch unter den linken Gruppen diverser euro­päi­scher Länder gegeben.

Neben dem Pariser Mai sei der heiße Herbst 1969 in Italien ein wich­tiges Schlüs­sel­datum gewesen.Damit ist ein Zyklus von Kämpfen und Streiks gemeint, die ganz Italien erfasst hatten. Diese Aus­ein­an­der­setzung wurde von Linken in Europa mit beson­derem Interesse wahr­ge­nommen, weil in Italien für einige Monate Rea­lität wurde, was sich viele von ihnen in anderen Ländern ver­geblich erhofften: Ein rele­vanter Teil der Lohn­ab­hän­gigen betei­ligte sich mit mili­tanten Demons­tra­tionen, Streiks und Fabrik­be­set­zungen an den gesell­schaft­lichen Kämpfen. Bereits 1969 kam es zu ersten Ver­net­zungs­treffen linker Gruppen, Gewerk­schaften und Soli­da­ri­täts­in­itia­tiven aus ver­schie­denen Ländern. Dabei wurden Fragen dis­ku­tiert, die erstaunlich aktuell scheinen. »For­ciert wurde die Kon­takt­auf­nahme nicht nur durch die geo­gra­phische Nähe, sondern durch die zu dieser Zeit wach­senden Her­aus­for­de­rungen, wie die wach­sende Kapi­tal­ver­flechtung, die zuneh­mende Migration von Arbeits­kräften und die zuneh­mende Inte­gration im Rahmen des gemein­samen euro­päi­schen Marktes«, schreibt Dietmar Lange. Er hat bei seinen For­schungen in ita­lie­ni­schen Archiven einige bisher weit­gehend unbe­kannte Quellen über diese trans­na­tionale Ver­netzung erschlossen.

Das erste Treffen fand in Rom statt. Daran betei­ligten sich Ver­treter links­so­zia­lis­ti­scher Gruppen und Par­teien, die seit 1968 ent­standen waren und sich weder dem Tra­di­ti­ons­kom­mu­nismus noch der Sozi­al­de­mo­kratie zuordnen wollten. Auch die beiden in Italien zeit­weise ein­fluss­reichen linken Gruppen Lotta Con­tinua und Auto­nomia Operaia, die sich auf unter­schied­liche Frak­tionen der dis­si­denten Linken bezogen, suchten und fes­tigten ihre inter­na­tio­nalen Kon­takte. 1971 war in Zürich ein Koor­di­na­ti­onsbüro eröffnet worden, das sich dem Aufbau einer län­der­über­grei­fenden Soli­da­rität mit strei­kenden Betrieben widmen sollte. Zu der wich­tigsten Akti­vität dieses Büros gehörte eine im April 1973 in Paris ver­an­staltete Kon­ferenz zur Situation in der euro­päi­schen Auto­mo­bil­in­dustrie. Dort war es zu spon­tanen Streiks gekommen. Als Prot­agonist der Kämpfe wurde auf der Kon­ferenz der »mul­ti­na­tionale Mas­sen­ar­beiter« aus­ge­macht. Damit waren vor allem an- und unge­lernte Beschäf­tigte an den großen Mon­ta­ge­bändern gemeint, die oft aus andere Lan­des­teilen oder Ländern zuge­wandert waren. So spielten in den ita­lie­ni­schen Fabrik­kämpfen unge­lernte Beschäftige aus Süd­italien eine zen­trale Rolle.

Über die Pariser Kon­ferenz sind viele Details bekannt, weil Lange in den Archiven einen ver­schollen geglaubten Bericht gefunden und über­setzt hat. Demnach haben sich Auto­mo­bil­ar­beiter aus Frank­reich, Groß­bri­tannien, Italien und der Schweiz an der Kon­ferenz beteiligt. Aus Deutschland waren Beschäf­tigte der Kölner Ford-Werke, von VW aus Rüs­selsheim, Volks­wagen aus Han­nover und BMW aus München beteiligt. Die Teil­nehmer wider­legten die in den bür­ger­lichen Medien ver­breitete These, dass die »ita­lie­nische Krankheit«, wie die Zunahme der Kämpfe in Italien von Politik und Wirt­schaft genannt wurde, nicht auch für andere Länder Bedeutung erlangen könnte. So hätten sich Sabotage und Absen­tismus, wie das Ver­lassen des Arbeits­platzes genannt wurde, auch bei VW-Han­nover und bei BMW-München ver­breitet.

Doch es wurde auch offen über die Schwie­rig­keiten und Pro­bleme gesprochen, die einer schnellen Aus­breitung der Arbeits­kämpfe in ganz Europa im Wege standen. »Es gibt zu viele Schutz­vor­rich­tungen, poli­tische Stau­räume, Ventile zum Dampf­ab­lassen, die das Gesamt­ka­pital mit allen seinen pro­duk­tiven und insti­tu­tio­nellen Glie­de­rungen in Bewegung setzen kann«, lautete die Ein­schätzung in dem Pro­tokoll. »Unter diesen Vor­aus­set­zungen kann eine inter­na­tionale Ver­ein­heit­li­chung des Arbei­ter­ver­haltens nur in dem Tempo und nach dem Interesse der Bosse von­statten gehen«, so das wenig opti­mis­tische Fazit. Das war für die Kon­fe­renz­teil­nehmer gleich­zeitig ein Plä­doyer für den Aufbau einer ein­heit­lichen kom­mu­nis­ti­schen Orga­ni­sation, die sie Gesamt­projekt nannten.

Doch die Phase der linken Fabrik­in­ter­ven­tionen fand ein rasches Ende. »Nur kurze Zeit nach der Kon­ferenz in Paris vollzog ein Großteil der betei­ligten Gruppen einen Rich­tungs­wechsel und löst sich auf«, schreibt Lange. Auch sein Inter­view­partner Karl-Heinz Roth, der damals in diesen Kämpfen eine wichtige Rolle spielte, konnte im Gespräch wichtige Hin­weise auf die Hin­ter­gründe geben, die nicht nur zur Auf­lösung des Zürcher Büros, sondern auch zum Zusam­men­bruch der trans­na­tio­nalen Betriebs­so­li­da­rität führten. Er erin­nerte an Berichte von Teil­nehmern der Pariser Kon­ferenz, die sich damals neuen Kon­zern­stra­tegien wid­meten, mit denen das Konzept des kämp­fe­ri­schen Mas­sen­ar­beiters unter­graben wurde. »Diese Pro­phe­zeiung des her­auf­zie­henden Post­for­dismus stand als Mene­tekel an der Wand des Kon­gresses«, so Roth. Der lange Abschied der Linken vom Pro­le­tariat nahm hier seinen Anfang.

In den ver­gan­genen Jahren gab es neue Ver­suche, eine trans­na­tionale Streik­so­li­da­rität auf­zu­bauen. Dafür stehen die Streiks bei Amazon ebenso wie die Migrant Strikers oder die Oficina Pre­caria Berlin, zwei Initia­tiven, in denen sich spa­nische und ita­lie­nische Arbeits­mi­granten in Berlin orga­ni­sieren. So dürfte das Schwer­punkt­thema von Arbeit Geschichte Bewegung nicht nur his­to­ri­sches Interesse wecken. Im Vorwort weisen die Her­aus­geber auf Par­al­lelen zwi­schen ihrem For­schungs­thema und heu­tigen Aus­ein­an­der­set­zungen hin: »Dazu gehören die bedeu­tende Rolle von Migranten und Migran­tinnen, die The­ma­ti­sierung der Gesundheit der Arbeiter und Arbei­te­rinnen sowie der Wohn- und Lebens­ver­hält­nisse im Stadtteil.«

Am 30. Mai um 19 Uhr dis­ku­tieren in Berlin im Buch­laden Schwarze Risse (Mehringhof) Dietmar Lange, Redakteur von »Arbeit Bewegung Geschichte«, und Mit­glieder der Basis­ge­werk­schaft IWW über Betriebs­so­li­da­rität damals und heute.

Peter Nowak

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​6​/​1​5​/​5​3​8​3​6​.html
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Berlin:

Diskussionsveranstaltung:

30.Mai 2016, 19 Uhr, Buchladen Schwarze Risse, Gneisenaustr. 2a.

Ist der lange Abschied vom Proletariat zu Ende?

Gespräch über die Geschichte und Aktua­lität linker Betriebs­in­ter­ven­tionen
Mit Dietmar Lange, His­to­riker und Mit­her­aus­geber der Zeit­schrift Arbeit
Bewegung Geschichte und Mark Richter Mit­glied der IWW*

Mode­ration Peter Nowak, Jour­nalist und Her­aus­geber des Buches „Ein Streikt seht, wenn mensch ihn selber macht“

In der aktu­ellen Ausgabe der Zeit­schrift Arbeit Bewegung Geschichte

(http://​www​.arbei​ter​be​wegung​-jahrbuch​.de/​?​p=536) werden heute weit­gehend
unbe­kannt Details über eine län­der­über­grei­fende Koor­di­nierung der linken
betrieb­lichen Inter­ven­tionen vor­ge­stellt. Dar­unter ist ein Bericht über eine Pariser Kon­ferenz von Beschäf­tigten aus dem Auto­mo­bil­sektor aus meh­reren euro­päi­schen Ländern im April 1973. Dietmar Lange wird einen Über­blick über den Versuch einer trans­na­tio­nalen linken
Betriebs­in­ter­vention geben und auchdie Pro­bleme benennen. Waren sie der Grund für den langen Abschied vom Pro­le­tariat vieler linker Gruppen? In den letzten Jahren sind Soli­da­rität mit Streiks und anderen betrieb­lichen Kämpfen wieder Gegen­stand linker Initia­tiven geworden.
Unter dem Titel „Direct Unionism“- Stra­tegie für erfolg­reiche Basis­ge­werk­schaften auf der Höhe der Zeit“ ver­öf­fent­lichte die IWW kürzlich ein Dis­kus­si­ons­papier

(https://​de​.scribd​.com/​d​o​c​/​2​8​3​8​7​6​8​7​9​/​D​i​r​e​c​t​-​U​n​i​o​n​i​s​m​-​S​t​r​a​t​e​g​i​e​-​f​u​r​-​e​r​f​o​l​g​r​e​i​c​h​e​-​B​a​s​i​s​g​e​w​e​r​k​s​c​h​a​f​t​e​n​-​a​u​f​-​d​e​r​-​H​o​h​e​-​d​e​r​-Zeit),
in das Erfah­rungen mit Arbeits­kämpfen in pre­kären Sek­toren ein­flossen. Mark Richter aus Frankfurt am Main wird die dort ver­tre­tenen Thesen zur Dis­kussion stellen.