Die blinden Flecken im linken Migrationsdiskurs

Von Arbeits­mi­gration ist kaum die Rede und das hat poli­tische Kon­se­quenzen

Der uni­ons­in­terne Streit könnte sich ver­sach­lichen. »Merkel bleibt Kanz­lerin«, hieß es schon in einem Deutsch­landfunk-Kom­mentar. Gestritten wird zwi­schen den Uni­ons­par­teien jetzt vor allem über die Inte­gration des EU-Gipfels zur Migra­ti­ons­abwehr.

Flücht­lings­abwehr und nicht Inte­gration heißt die euro­päische Agenda

Denn, wenn er auch offi­ziell nicht so genannt wird, ging es bei dem Gipfel genau darum. Darüber sind sich CDU und CSU einig. Das ist auch der Grund, warum CSU-Poli­tiker jetzt wieder besonders her­aus­kehren, dass sie die euro­päische Lösung wollen[1] und auch nie gegen eine euro­päische Lösung[2] waren. Damit haben sie sogar Recht.

Es war ein Teil der Linken, die dem Merkel-Lager von Grünen bis zu Teilen der CDU auf den Leim geht, wenn sie wieder einmal Europa beschwören. Doch was heißt das denn eigentlich? Die Mani­pu­lation beginnt ja schon da, wo Europa und EU gleich­ge­setzt wird.

Zudem besteht der domi­nante Zug inner- wie außerhalb der EU in der Flücht­lings­abwehr. Kann sich jemand vor­stellen, dass es in der EU einen Inte­gra­ti­ons­gipfel gibt und hätte der auch nur eine rele­vante Unter­stützung?

»Ein Europa, das schützt« -[3] dieses Motto, mit dem Öster­reich seine EU-Rats­prä­si­dent­schaft über­nimmt, spricht da Bände. Gäbe es euro­päische Umfragen, hätte eine solche Agenda auch starke Mehr­heiten. Es ist wohlfeil, nun den angeb­lichen Ras­sismus großer Teile der Bevöl­kerung zu geißeln.

Wenn man nicht ver­steht, dass es diese Abschottung im Rahmen der kapi­ta­lis­ti­schen Kon­kur­renz­ge­sell­schaft rationale Hal­tungs­weisen sind, bleibt eine solche Kritik mora­lisch und wird gerade die Men­schen nicht ansprechen, die am unteren Rande der Bevöl­kerung leben.

Es ist auf­fällig, dass von solchen sozialen und öko­no­mi­schen Fragen in dem viel dis­ku­tierten und kritisierten[4] Aufruf »Soli­da­rität statt Heimat«[5] kaum die Rede ist. Das IG-Metall-Vor­stands­mit­glied Hans-Jürgen-Urban begrüßt die Intention, kri­ti­siert aller­dings die Diktion des Aufrufs[6].

Für die Linke muss die Refugees-Welcome-Kultur, die schwächer geworden ist, aber noch nicht ver­lo­schen ist, der Aus­gangs­punkt ihrer Politik sein. Das ist für mich nicht ver­han­delbar, will die Linke nicht ihre Iden­tität ein­büßen. Es macht aber über­haupt keinen Sinn, schon die kleinsten Abwei­chungen von diesem Stand­punkt mit dem Bann­strahl des Ras­sismus zu ächten. Diese Art von Dis­kurs­feind­lichkeit ist arrogant und schlichtweg dämlich.

Hans-Jürgen Urban

Warum wir nicht von Arbeits­mi­gration geredet?

Besonders auf­fällig ist die Leer­stelle »Arbeits­mi­gration« in dem Aufruf »Soli­da­rität statt Heimat«. Dabei handelt es sich in der über­wie­genden Mehrheit der Migra­ti­ons­fälle aus Afrika und Asien um Arbeits­mi­gration, wie es sie seit Jahr­tau­senden gibt. Auch aus Deutschland sind noch bis vor 100 Jahren Tau­sende Men­schen auf der Suche nach einem bes­seren Leben migriert, wie es der Fil­me­macher Edgar Reitz in Die andere Heimat[7] am Bei­spiel des Huns­rücks doku­men­tierte.

Dass so wenig über den Aspekt der Arbeits­mi­gration geredet wird, liegt natürlich an den gesetz­lichen Rahmen. Alle Migranten fallen unter das Asyl­recht und nur dann haben sie über­haupt Chancen angehört zu werden. Doch damit wird sofort das Adjektiv hilflose und schutzlose Men­schen ver­bunden.

Doch tat­sächlich ist auch die aktuelle Arbeits­mi­gration aus Afrika und Asien eine Folge sehr ratio­naler Ent­schei­dungen der Migranten und ihrer Ver­wandten. Sie machen sich bewusst auf den oft gefahr­vollen Weg und kennen meistens die Risiken. In dem Film »Als Paul über das Meer kam«[8] wird diese rationale Risi­ko­ab­wägung nicht nur bei dem Prot­ago­nisten, sondern auch anderen Migranten sehr deutlich.

Es ist also über­wiegend falsch, diese Men­schen als hilfs­be­dürftige Men­schen, denen keine Wahl geblieben ist, zu infan­ti­li­sieren.

Trau­ma­tisch ist oft die Flucht

Das bedeutet aber auch, dass die Flucht kein undis­ku­tier­bares Schicksal ist. Es stellt sich schon die Frage, ob sich für die Migranten diese oft gefahr­volle Flucht lohnt, bei der nicht wenige das Leben ver­lieren oder trau­ma­ti­siert werden. Denn es stimmt natürlich, dass die Men­schen auf den Ret­tungs­schiffen trau­ma­ti­siert sind.

Aber das sind sie in der Regel eben nicht durch das Leben in ihren Her­kunfts­ländern, sondern durch die Erleb­nisse von Gewalt, Raub und Miss­handlung auf den Flucht­routen. Viele Migranten nehmen diese Gefahren auf sich, in der Hoffnung auf ein bes­seres Leben in Europa.

Nur ist das in den meisten Fällen eine Illusion und daran können noch so wohl­mei­nende Soli­da­ri­täts­aufrufe wenig ändern. Denn eigentlich müsste der Grundsatz gelten, dass kein Mensch in die Lage gebracht werden sollte, sein Leben in der Hoffnung auf bessere Lebens­be­din­gungen in der Ferne aufs Spiel zu setzen oder lebens­lange phy­sische und psy­chische Schäden davon zu tragen.

Recht auf ein wür­diges Leben auch im Her­kunftsland

Darüber wird aber in fast allen Soli­da­ri­täts­auf­rufen nicht geredet. Dass hieße nämlich, das Recht zu pro­pa­gieren, dass alle Men­schen auch in ihren Her­kunfts­ländern ein wür­diges Leben führen können. Niemand sollte unter gefahr­vollen Bedin­gungen migrieren müssen, weil die Arbeits- und Lebens­be­din­gungen in ihren Ursprungs­ländern so schlecht sind.

Das bedeutet, die unge­rechte Welt­wirt­schafts­ordnung muss ebenso zum Gegen­stand der Kritik werden wie die ein­hei­mische Ober­schicht der Länder, die sich oft nur selber berei­chert. Unter­stützt werden müsste eine Selbst­or­ga­ni­sierung der Men­schen in ihren Ländern in Form von Gewerk­schaften, Bauern- und Kon­su­men­ten­or­ga­ni­sa­tionen.

Die gab und gibt es in vielen Ländern des glo­balen Südens, werden aber durch die Migration vor allem junger Men­schen eher geschwächt als gestärkt (Die Stelle wurde korr­giert, zuvor hieß es falsch »eher gestärkt«, Anm. d. Red). Viele dieser Orga­ni­sa­tionen bemühen sich, die Situation in ihren Ländern so zu ver­ändern, damit die Men­schen nicht migrieren müssen.

Tat­sächlich zeigte sich immer wieder, dass in Ländern, in denen es Chancen für eine solche Ent­wicklung gibt, die Migration rück­läufig ist. Das zeigt sich in Rojava, wo viele kur­dische Migranten am Aufbau einer gerech­teren Gesell­schaft par­ti­zi­pieren wollen. Umge­kehrt zeigt sich, dass das Scheitern oder die gewaltsame Zer­schlagung solcher Modelle die Migration sprunghaft ansteigen lässt.

So nehmen Tau­sende Men­schen aus El Sal­vador viele Gefahren auf sich, um in die USA zu migrieren. Sie sehen in einem Land, wo die Gewalt der Jugend­gangs gewachsen ist, keine Per­spektive. Nicht wenige hatten Erfah­rungen in den starken sozialen und gewerk­schaft­lichen Bewe­gungen, die es in El Sal­vador, Mexiko und anderen zen­tral­ame­ri­ka­ni­schen Ländern in den 1980er Jahren gegeben hat.

Die Erfah­rungen brachten sie mit in die USA und wehrten sich auch dort gegen die aus­beu­te­ri­schen Arbeits­be­din­gungen. Der Fil­me­macher Ken Loach hat ihnen mit Brot und Rosen[9] ein Denkmal gesetzt.

In Soli­da­ri­täts­auf­rufen wie »Soli­da­rität statt Heimat« fehlt jeder Hinweis auf gewerk­schaft­liche Orga­ni­sierung und Soli­da­rität von Migranten. Das ist die fast logische Kon­se­quenz, wenn man Migration fast aus­schließlich mit Hilfs­be­dürf­tigkeit in Ver­bindung bringt und die Tat­sache, dass es sich über­wiegend um Arbeits­mi­gration handelt, aus­blendet.


»Flücht­linge rettet uns«

Dass es nicht wenigen, die sich so stark von Migration als Zen­tralachse linker Politik aus­sprechen, um die Erneuerung der Gesell­schaft in Deutschland geht, bringt ein Kom­men­tator im Neuen Deutschland mit dem Titel Flücht­linge rettet uns[10] auf den Punkt.

Es gibt gewiss ehren­wertere Gründe, Men­schen vor Krieg, Armut oder was auch immer Schutz zu gewähren, als der Schutz unserer eigenen Gesell­schaft. Aber auch zum Wohle unserer Gesell­schaft können wir nur hoffen, dass dieses Mil­lio­nenheer wirklich bereit­steht. Die For­derung nach offenen Grenzen bietet nicht nur Hoffnung für viele Flücht­linge, sie bietet auch Hoffnung für uns. Wem es ernst ist, mit dem gesell­schaft­lichen Zusam­menhalt, dessen For­derung kann nur lauten: Aus­länder rein gegen rechts!

Fabian Goldmann, Neues Deutschland

Schon vor einigen Jahr­zehnten kur­sierte der Slogan »Aus­länder, lasst uns mit diesen Deut­schen nicht allein«. So ver­ständlich er ist, so pater­na­lis­tisch ist auch der Wunsch oder die Vor­stellung, die Migranten sollen zur Libe­ra­li­sierung »unserer« Gesell­schaften bei­tragen.

Öko­nomen würden dann noch auf die Bedeutung migran­ti­scher Arbeits­kräfte ver­weisen, ohne die schon heute in manchen Sek­toren nichts mehr läuft. Doch die Migranten zahlen die Zeche in Trau­ma­ti­sie­rungen bei der Flucht, in Ent­rech­tungen in der EU, in der sie wie ein Paket zuge­wiesen werden. Wo sie leben wollen, spielt keine Rolle.

Für eine Linke hieße das, das Thema Arbeits­mi­gration und gewerk­schaft­liche Soli­da­rität in den Mit­tel­punkt zu stellen. Zudem muss die Frage erlaubt sein, ob es den­je­nigen, die mit so großer Verve allein die Frage der Migration so sehr fokus­sieren, wirklich immer der betrof­fenen Men­schen geht. Dann müsste min­destens gleich­be­rechtigt das Recht für ein wür­diges Leben in ihren Her­kunfts­ländern auf der Agenda stehen.

Peter Nowak
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[1] https://​www​.deutsch​landfunk​.de/​e​u​-​g​i​p​f​e​l​-​w​e​b​e​r​-​c​s​u​-​w​i​r​-​w​o​l​l​e​n​-​d​i​e​-​e​u​r​o​p​a​e​i​s​c​h​e​-​l​o​e​s​u​n​g​.​6​9​4​.​d​e​.​h​t​m​l​?​d​r​a​m​:​a​r​t​i​c​l​e​_​i​d​=​4​21465
[2] https://​www​.deutsch​landfunk​.de/​c​s​u​-​p​o​l​i​t​i​k​e​r​-​z​u​r​-​f​l​u​e​c​h​t​l​i​n​g​s​p​o​l​i​t​i​k​-​w​i​r​-​w​a​r​e​n​-​n​i​e​-​g​e​g​e​n​.​6​9​4​.​d​e​.​h​t​m​l​?​d​r​a​m​:​a​r​t​i​c​l​e​_​i​d​=​4​21716
[3] https://​www​.sz​-online​.de/​n​a​c​h​r​i​c​h​t​e​n​/​e​i​n​-​e​u​r​o​p​a​-​d​a​s​-​s​c​h​u​e​t​z​t​-​3​9​6​6​7​0​1​.html
[4] https://​www​.heise​.de/​t​p​/​f​e​a​t​u​r​e​s​/​N​e​u​e​-​d​e​u​t​s​c​h​e​-​S​o​l​i​d​a​r​i​t​a​e​t​s​b​e​w​e​g​u​n​g​-​4​0​9​2​6​5​7​.html
[5] http://​soli​da​ritaet​-statt​-heimat​-kriet​.org
[6] https://​www​.freitag​.de/​a​u​t​o​r​e​n​/​d​e​r​-​f​r​e​i​t​a​g​/​a​n​t​i​-​r​a​s​s​i​s​m​u​s​-​u​n​d​-​e​i​n​e​-​v​e​r​s​t​e​c​k​t​e​-​a​genda
[7] https://​www​.freitag​.de/​a​u​t​o​r​e​n​/​d​e​r​-​f​r​e​i​t​a​g​/​a​n​t​i​-​r​a​s​s​i​s​m​u​s​-​u​n​d​-​e​i​n​e​-​v​e​r​s​t​e​c​k​t​e​-​a​genda
[8] http://​www​.pau​lu​e​ber​dasmeer​.de/
[9] https://​www​.imdb​.com/​t​i​t​l​e​/​t​t​0​2​1​2826/
[10] https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​9​1​9​2​7​.​r​a​s​s​i​s​m​u​s​-​i​n​-​d​e​u​t​s​c​h​l​a​n​d​-​f​l​u​e​c​h​t​l​i​n​g​e​-​r​e​t​t​e​t​-​u​n​s​.html

Als Paul Nkamani Jakob die Show stahl

Der kürzlich ange­laufene Film »Als Paul über das Meer kam« the­ma­ti­siert nicht nur das EU-Grenz­regime, sondern auch die Selbst­täu­schungen mancher wohl­mei­nender Helfer

»Wir schaffen das«, dieser kurze Satz von Bun­des­kanz­lerin Merkel vom Herbst 2015 erregt noch immer die Gemüter. Ein Teil des grünen Milieus sah nun end­gültig keinen Grund mehr, ihre Zuneigung zur CDU zu ver­bergen und outete sich nun offen als die Merkel-Fans, die sie auch vorher schon waren. Sie, die schon vorher vom zivi­li­sierten Deutschland geschwärmt haben, bekennen nun ganz offen, nach diesen Satz stolz auf das Land zu sein.

Die Rechten hin­gegen, die beim Stolz auf Deutschland immer die Klas­sen­streber waren, steht dieser kurze Satz hin­gegen für Verrat am Vaterland. Sie hal­lu­zi­nieren in diesen Worten offene Grenzen herbei, die es weder im Herbst 2015 noch später gegeben hat. Derweil wird Deutschland noch mehr zur Festung aus­gebaut und Merkel behält weiter ihre Ex-Grünen-Fans. Das zumindest hat sie geschafft. Paul Nkamani war mit diesen »Wir« nie gemeint, dass sich ja immer nur an die deut­schen Wähler richtet.

Dabei könnte der kurze Satz »Wir schaffen das« das Leit­motto sein, von dem er sich vielen Jahren leiten ließ, als er den Ent­schluss fasste, für sich ein bes­seres Leben in Europa zu finden. In Kamerun gehörte er zum Mit­tel­stand, stu­dierte an der Uni­ver­sität Politik und bereitete sich auf eine Stellung als Diplomat vor. Als Oppo­si­tio­neller sah er sich nicht, doch weil er an der Uni­ver­sität in Gremien aktiv war und auch Demons­tra­tionen für die Ver­bes­serung der stu­den­ti­schen Lebens­be­din­gungen besuchte, wurde er von dem auto­ri­tären Régime von der Hoch­schule geschmissen. Das bedeutete nicht nur das Ende seiner Berufs­wünsche, sondern auch eine per­sön­liche Schmach. Nun galt Nkamani in seiner Umgebung als Ver­sager. Der Tod seines Vaters war dann der Punkt, wo er end­gültig beschloss, den Sprung nach Europa zu wagen. Er starb an eigentlich the­ra­pier­baren Krank­heiten, weil die Medi­ka­mente selbst für eine Mit­tel­stands­fa­milie uner­schwinglich sind.

Auf seinem langen und schwie­rigen Weg von Kamerun nach Deutschland lief er dem Juristen und Doku­men­tar­filmer Jacob Preuss[1] über den Weg. Der wollte eigentlich einen Film über das Grenz­regime der EU drehen. Auf der marok­ka­ni­schen Seite der Grenze zur spa­ni­schen Kolonie auf afri­ka­ni­schen Boden. In Melilla lernte er Nkamani kennen, den seine Diplo­ma­ten­aus­bildung wahr­scheinlich auch hier von Nutzen war. Er erkannte die Chance, mit dem Film­projekt seine Chancen zu steigern, nach Europa zu kommen.

Nicht alle Migranten waren davon über­zeugt. Im Film »Als Paul über das Meer kam«[2], der seit einigen Tagen in den Kinos ange­laufen ist, sieht man, wie der Mann Über­zeu­gungs­arbeit leisten musste.

Eine Spur von Pater­na­lismus

Nur kurz werden im Film weitere, sehr selbst­be­wusste Migranten auf den Weg nach Europa vor­ge­stellt, die auch an ihren War­te­plätzen ihre Würde nicht ver­loren haben. »Nein, ich bin nicht ver­ge­waltigt wurden. Ich habe für die Reise bezahlt und hier bin ich nun«, erklärt eine Frau, die gerade Essen auf einer impro­vi­sierten Koch­stelle Essen zu bereitet. Und sie ist sich sicher, dass sie Wege finden wird, nach Europa zu kommen. Sie werden im Laufe des Films nicht mehr auf­tauchen. Schließlich ist Nkamani nicht nur der Titelheld im Film.

Bald wird er nur noch Paul genannt, was auch Aus­druck jenes weißen Pater­na­lismus ist, der auch der Szene der Flücht­lings­helfer nicht fremd ist. Dieser Ein­druck ver­stärkt sich im Laufe des Films noch, wenn Preuss über Nkamani redet wie über sein Kind, das er nun wohl oder übel beschützen muss. Da ist wieder die Cho­reo­graphie, wie wir sie aus vielen wohl­mei­nenden Filmen zur Migra­ti­ons­the­matik kennen. Ein weißer Man, der zögerlich zum Beschützer und Retter von Migranten wird, die dann auch nur mit ihren Vor­namen genannt werden. Solche Filme mögen die Libe­ralen, weil sie sich doch nun mit dem edlen Helfer mit­fühlen und sich in ihm wieder erkennen.

Doch im Film »Als Paul über das Meer kam« geht das Kalkül nicht auf und das macht den Film sehenswert. Denn der weiße Helfer bleibt in der Neben­rolle, Paul Nkamani bleibt die Haupt­figur und das liegt vor allem an ihm und seiner Taktik, seine Ein­reise nach Europa mög­lichst unter Ver­meidung von Risiken durch­zu­führen. Doch diese Taktik hat ihre Grenzen. Der undurch­dring­liche gefähr­liche Zaun, der die Kolonie Melilla von Marokko trennt, zwingt Nkamani, die Über­fahrt mit einem nicht minder gefähr­lichen Boot zu wagen. Das ken­terte tat­sächlich und viele Stunden waren die Migranten der Sonne und dem Meer­wasser aus­ge­setzt. Ein Teil der Besatzung stirbt, Nkamani gehört zu den wenigen Über­le­benden.

Im Internet erfährt Preuss davon, als er Videos über die Rettung sieht. Er ver­sucht so schnell wie möglich, Kontakt auf­zu­nehmen, was aber zunächst durch das EU-Grenz­regime ver­un­mög­licht wird. Denn Nkamani wird mit den anderen Über­le­benden sofort in Abschie­behaft genommen. Später leben sie in Süd­spanien in einer offenen Unter­kunft, wo sie Preuss den Horror der Über­fahrt schildern. In dem Augen­blick ist Preuss dann nicht mehr nur der Regisseur, sondern er wird auch zum Helfer, der Kon­takte beim Transit von Süd­spanien nach Europa ver­mittelt, bei­spiels­weise Über­nach­tungs­mög­lich­keiten in Paris und Frankfurt/​Main.

Am Ende wird Nkamani dann von den Eltern des Regis­seurs auf­ge­nommen und hier wird im Film ein­deutig zu stark das Kapitel vom »edlen Helfer« abge­rufen. Wenn Preuss dann bekundet, wie froh er war, dass er nicht mit Nkamani im Auto einer Mit­fahr­ge­le­genheit von Paris nach Berlin fahren musste, sondern, weil dort kein Platz mehr war, sondern allein im Zug fahren konnte, betont er einmal mehr die feinen Unter­schiede. Der liberale Bürger macht sich nicht mit »seinem Schützling« gemein und kann so raus­stellen, dass er sozial über ihm steht.

Manche Erzählung der Flücht­lings­helfer wird infrage gestellt

Doch der Film widerlegt auch manche Mythen der Flücht­lings­helfer, vor allem derer, die damit vor allem ihren Pater­na­lismus aus­leben wollen und die Migranten zu hilfs­be­dürf­tigen Wesen degra­dieren, die sie vor dem Hunger und dem sicheren Tod gerettet haben und die dann gefäl­ligst dankbar sein sollen.

Wehe, diese Men­schen haben eigene Wünsche und Vor­stel­lungen von ihrem Leben in Deutschland, dann schützt sie nicht einmal ein Trauma vor der Abschiebung aus dem eigenen vier Wänden, wie es vor einigen Wochen ein taz-Autor in einer Reportage durchaus nicht ohne selbst­kri­tische Gewis­sens­prüfung schilderte[3]. Wie schnell aus dem Hel­fer­syndrom dann der Wunsch wird, der junge Mann möge ver­schwinden, drückt sich in diesen Absatz der Reportage aus.

Wie lange tole­rieren wir also sein Phlegma? Auf unsere Bitten reagiert er nicht. Trau­ma­ti­siert? Ja, mei­net­wegen. Aber eben auch faul – und ver­wöhnt. Wahr­scheinlich regelte Mama in Syrien alles. Und nor­ma­ler­weise hätten seine Eltern auch eine Ehefrau gesucht, die dann alles macht. Aber dieses Modell funk­tio­niert bei uns nicht.

taz

Paul Nkamani ist nun gar nicht phleg­ma­tisch. Auch in Deutschland ver­folgt er weiter das Ziel, mög­lichst lange in Deutschland bleiben zu können. Dabei geht er sehr plan­mäßig vor, man kann sagen, er ist berechnend. Dass kann nur als Vorwurf ver­stehen, wer Migranten nicht als han­delnde Sub­jekte, sondern nur als hilfs­be­dürftige Mündel wahr­nimmt. Die Migration ist schließlich lebens­ge­fährlich und eine Vor­be­reitung samt Abwägung aller Risiken ist doch eigentlich Zeichen von Ver­stand und Smartness und kann also Nkamani nicht zum Vorwurf gemacht werden.
So erfahren wir, dass viele Migranten aus Ländern des sub­sa­ha­ri­schen Afrika über­legen, ob und wo sie in Europa Asyl bean­tragen. Die Begründung ist sehr einfach. Die Aner­ken­nungs­quote für Men­schen aus diesen Ländern ist gering, und wenn sie erst einmal den Antrag gestellt haben, sind ihre Daten bekannt und sie können ein­facher abge­schoben werden, als wenn sie sich in Europa ohne einen Asyl­antrag durch­zu­schlagen ver­suchen. Das bedeutet natürlich, nur nicht auf­fallen, der Polizei aus dem Weg gehen und mög­lichst nicht krank­werden. Nicht das durchaus rationale Ver­halten dieser Men­schen, sondern die Ver­hält­nisse, diese sie zu einem fast klan­des­tinen Leben zwingen, müsste Gegen­stand der Kritik sein.

Paul Nkamani kann und soll dort kri­ti­siert werden, wo er in Erwägung zieht, für seine Pläne andere Men­schen zu instru­men­ta­li­sieren bzw. als Mittel zum Zweck zu benutzen. So gibt es im Film eine Szene, wo der Mann mit einem anderen Migranten über Wege und Stra­tegien dis­ku­tiert, län­ger­fristig in Europa bleiben zu können.

In Deutschland sind die Asyl­chancen für einen Kame­runer aber nicht gerade rosig. Besser wäre eine Heirat. Viel­leicht kann der Fil­me­macher Paul ja in Berlin eine deutsche Ehefrau ver­mitteln? Doch auch das sei nicht so einfach, schließlich müsse man sich mit der Frau dann auch öfter in der Öffent­lichkeit sehen lassen.

Es ist ein Gewinn für dem Film, dass Preuss diese Passage ebenso drin gelassen hat, wie die Szene, als sich Nkamani sich selber für Kon­trollen von Migranten aus­ge­sprochen hat, die es noch nicht nach Europa geschafft haben. Men­schen, die wie er viele Stra­pazen für ihren Traum, nach Europa zu kommen, auf sich genommen haben, hin­gegen sollen ein Blei­be­recht bekommen, so Nka­manis Vor­stellung. Von einem men­schen­recht­lichen Stand­punkt hin­gegen, ist eine Flücht­lings­po­litik, bei der nur die Smar­testen, Gesün­desten und die, die Glück hatten, abzu­lehnen.

Vielmehr kann nur die For­derung nach sicheren Tran­sit­routen Men­schen retten, dass wird in dem Film noch einmal deutlich. Denn selbst ein so rational agie­render Mensch wie Paul Nkamani kann noch nicht sagen, dass er es wirklich geschafft hat, in Deutschland zu bleiben. Seine Abschiebung ist noch immer möglich. Viel­leicht kann ihn seine Popu­la­rität durch den Film davor bewahren. Der Film wie­derum sollte nicht nur als Selbst­be­stä­tigung einer mit­tel­stän­di­schen Hel­fer­szene dienen, sondern auch die Dis­kussion darüber eröffnen, dass es bei den Migranten nicht um hil­fe­be­dürftige Mündel, sondern um Sub­jekte handeln, die ein Ziel im Leben haben und es umzu­setzen ver­suchen, auch ohne und gegen die Inter­essen der Helfer.

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Peter Nowak

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[2] http://​www​.farbfilm​-verleih​.de/​f​i​l​m​e​/​a​l​s​_​p​a​u​l​_​u​e​b​e​r​_​d​a​s​_​m​e​e​r​_kam/
[3] http://​www​.taz​.de/​!​5​4​0​9436/