War der Täter von Orlando ein Islamist…


…oder hatte er Pro­bleme mit seiner Sexua­lität? Über die pro­ble­ma­tische Ver­ar­beitung eines Mas­sakers

Der His­to­riker Sven Rei­chardt[1] stützte sein im Suhrkamp Verlag erschie­nenes Buch Authen­ti­zität und Gemein­schaft[2], eine Art Stan­dardwerk »über links­al­ter­na­tives Leben in den sieb­ziger und acht­ziger Jahren«, zum großen Teil auf Kon­takt­an­zeigen und Leser­briefe in den Alter­na­tiv­medien. Tat­sächlich spricht aus ihnen unver­stellt ein Zeit­geist, der in den poli­ti­schen Schriften oft nur kodierter zu finden ist.

Noch heute ist die Lektüre von Taz-Leser­briefen wichtig, um sich zu infor­mieren, wie die ehe­ma­ligen Links­al­ter­na­tiven und die nach­ge­bo­renen Post­al­ter­na­tiven ticken. Was sagt es über sie aus, wenn man als Nachlese zum isla­mis­ti­schen Anschlag in Orlando fol­gende Replik auf die Über­schrift »USA: Terror im Schwu­lenclub« findet?

Mit eurer Über­schrift bewegt ihr euch in einer his­to­ri­schen Tra­dition, nämlich bestimmte Gruppen unsichtbar zu machen. Das Pulse ist kein »Schwu­lenclub«, es bezeichnet sich selbst als Ort der LSBTIQ-Com­munity. Und es wurden nicht nur Cis-Männer getötet, wie euer Titel es ver­muten lassen könnte.

Eine andere Zuschrift bringt gleich einige Vor­schläge, wie eine Wür­digung aller Opfer von Orlando hätte lauten müssen:

Es gibt einige Begriffs­al­ter­na­tiven, um alle Opfer zu wür­digen und um einiges für die Sicht­barkeit von LGBTI zu tun: homosexuell/​quer/​LBGTI….

Trägt es wirklich zur bes­seren Wür­digung der Opfer bei, wenn sie mit einem Kürzel und einem davor gestauten Gedränge von Adjek­tiven bezeichnet werden?

Waren die Opfer nicht Men­schen?

Was sagt es über eine Bewegung aus, die sich nur gewürdigt fühlt, wenn immer mehr Binde- und Schräg­striche anein­an­der­ge­reiht werden? Ist das nicht die Wider­spie­gelung einer neo­li­be­ralen Gesell­schaft, wenn Maggie That­chers Verdikt, es gebe keine Gesell­schaft, in der Alter­na­tiv­szene bis in die Sprach­po­litik durch­ge­spielt wird? So ist es kein Zufall, dass diese Debatte in Groß­bri­tannien mit großer Vehemenz geführt[3] wird (vgl. auch Please Don’t Stop the Music[4]).

Wenn jede Bezeichnung größer Ein­heiten als Unsicht­bar­machen von Teilen zurück­ge­wiesen wird, bleiben am Ende nur die iso­lierten Monaden übrig, die sich bloß als Kon­kurrenz begreifen. Wo die Utopie einer Gesell­schaft abhanden gekommen ist, bleiben nur immer mehr Min­der­heiten, die sich über bestimmte Kon­struk­tionen wie Geschlecht, Nation etc. defi­nieren. Statt Gesell­schafts­ver­än­derung domi­niert dann der Kon­kurrenz- und Sta­tus­kampf der Min­der­heiten.

Dabei könnte man doch die Opfer von Orlando dadurch sichtbar machen, dass man ihre Namen nennt. Wo das nicht möglich ist, sollte man nicht die kleinste Min­derheit, sondern die größte Einheit wählen. Die Opfer waren Men­schen, die zum selben Zeit­punkt gemeinsam in einem Klub waren. Warum das etwas über ihre sexuelle Ori­en­tierung aus­sagen soll, ist zunächst nicht ersichtlich.

Ist der Isla­mismus oder das US-Waf­fen­recht das Problem?

Für den Täter war klar, dass er mit dem Anschlag mög­lichst viele Men­schen treffen wollte, denen er wegen ihrer sexu­ellen Ori­en­tierung das Lebens­recht absprach. Dabei dürfte es für ihn neben­sächlich gewesen sein, welche sexuelle Iden­tität die ein­zelnen Indi­viduen genau hatten. Es reichte schon, dass sie Besucher dieses Clubs waren, um ermordet zu werden.

Nun ist in den USA gleich nach den Anschlag eine heftige Debatte darüber ent­brannt, ob es sich um einen isla­mis­ti­schen Anschlag han­delte. Das stellte vor allem der desi­gnierte Prä­si­dent­schafts­kan­didat der Repu­bli­kaner, Trump, in den Mit­tel­punkt seiner Kam­pagne, konnte er doch die ver­meintlich zu islam­freund­liche Obama-Admi­nis­tration damit angreifen und sich selber als Retter des christ­lichen Amerika gerieren.

Trump-Gegner ver­weisen hin­gegen darauf, dass nicht der Isla­mismus, sondern das laxe Waf­fen­recht in den USA das zen­trale Problem sei. Tat­sächlich ermög­lichte es den Täter, mühelos die töd­lichen Waffen zu besorgen, was die Zahl seiner Opfer erhöhte. Doch es handelt sich bei der Gegen­über­stellung, ob der Isla­mismus oder die laxen Waf­fen­ge­setze für den töd­lichen Anschlag ver­ant­wortlich waren, um eine Schein­al­ter­native.

Der Isla­mismus war die ideo­lo­gische Ver­brämung und die laxen Waf­fen­ge­setze machten es dem Täter leichter möglich, seien Pläne umzu­setzen. Es gibt eben Länder, wo es nicht so einfach möglich ist, an eine Waffe zu kommen Aller­dings finden ent­schlossene Täter immer einen Weg.

Warum wird nicht von einem isla­mis­ti­schen Anschlag gesprochen?

Es ist aber die isla­mis­tische Ideo­logie, die hinter dieser Ent­schlos­senheit steckt und es ist schon seltsam zu beob­achten, welchen Eiertanz manche Linken und Libe­ralen auf­führen, um diesen ein­fachen Tat­be­stand nicht aus­sprechen zu müssen. Da wird statt­dessen gefragt, ob der Täter viel­leicht selber Pro­bleme mit seiner sexu­ellen Ori­en­tierung hatte. Was dann zur gro­tesken Kenn­zeichnung des Täters als »schwuler Islamist«[5] führte.

Diese ganzen Spe­ku­la­tionen sind müßig. Selbst, wenn der Angreifer Pro­bleme mit seiner Sexua­lität gehabt haben soll, so erklärt das nicht seine Tat. Zum Mas­sen­mörder wird ein Mensch erst dann, wenn er sich eine bestimmte Ideo­logie zu eigen macht. Hier war es der Isla­mismus, der nicht als reli­giöse, sondern als welt­weite faschis­tische Strömung betrachten werden soll. Dann ist es auch gar nicht ver­wun­derlich, dass nicht wenige der isla­mis­ti­schen Atten­täter nicht durch eine aus­ge­prägte Reli­gio­sität auf­ge­fallen sind und sich nicht an die Regel des Koran gehalten hätten

Das hindert aber nie­manden daran, aktiv in der poli­ti­schen Bewegung des Isla­mismus mit­zutun. Ein paar rudi­mentäre Koran­zitate mögen dabei von Vorteil sein, nicht aber eine besonders isla­mische Lebens­weise. Der Aktion 3. Welt Saar[6] ist zuzu­stimmen, wenn sie den Ter­ror­an­schlag von Orlando »als Aus­druck isla­mis­ti­schen Hasses auf Homo­se­xuelle und auf jede genuss­be­tonte Lebensart« klas­si­fi­ziert[7] und vom größten isla­mis­ti­schen Ter­ror­an­schlag in den USA seit dem 11.09.2001 spricht.

Dieses Ver­brechen richtet sich aber nicht nur gegen Homo­se­xuelle. Isla­misten wenden sich mit ihrem ‚Hei­ligen Krieg‘ gegen jede Form eines selbst­be­stimmten, befreiten, genuss­be­tonten Lebens.Alex Feu­er­herdt

Alex Feu­er­herdt

Dafür stehe bei ihnen »der Westen«, vor allem reprä­sen­tiert durch die USA und Israel.

Auch die Homo­phobie anderer reli­giöser Hard­liner ist tödlich

Wenn dann aber Alex Feu­er­herdt vom Islam­kom­pe­tenz­zentrum der Aktion 3. Welt Saar den Jour­na­listen Thorsten Denkler von der Süd­deut­schen Zeitung dafür kri­ti­siert, dass er geschrieben hat, dass auch ein evan­ge­li­kaler Christ die Tat hätte aus­führen können, ist das im glo­balen Maßstab nicht zu recht­fer­tigen. Denn es hat sich in der Ver­gan­genheit öfter gezeigt, dass sonst ver­feindete reli­giöse Hard­liner im Kampf gegen sexuelle Min­der­heiten zusam­men­rücken.

Da waren sich in Jeru­salem jüdische, christ­liche-orthodoxe und isla­mische Kle­riker einig gegen eine Schwu­len­parade in Jeru­salem. Der Mann, der im letzten Jahr auf einer Gay­parade in Jeru­salem mehrere Men­schen nie­der­ge­stochen hat[8], wurde in der Presse als ortho­doxer Jude bezeichnet. Aber auch bei ihm war es die Nähe zu rechten Orga­ni­sa­tionen, die in Israel ver­boten sind, die den ideo­lo­gi­schen Rahmen für das Ver­brechen lie­ferten.

Diese Orga­ni­sa­tionen berufen sich vage auf ein ortho­doxes Judentum, ein wirk­licher reli­giöser Bezug ist aber auch bei ihnen oft nicht vor­handen. Wenn ein vager reli­giöser Bezug mit einer faschis­toiden Ideo­logie zusam­men­kommt, sind Ver­brechen wie in Jeru­salem und Orlando immer möglich. Wie tödlich dann die Attacken sind, liegt dann akzi­den­tiell auch daran, wie schwer oder einfach man an töd­liche Waffen kommt. Da ist dann tat­sächlich die Kritik an den laxen Waf­fen­ge­setzen in den USA mehr als berechtigt.

Sie machten es dem Isla­misten in Orlando möglich, zu besonders töd­lichen Waffen zu kommen, die ungleich gefähr­licher waren als das Messer des israe­li­schen Täters. Auch die ver­schie­denen christ­lichen Grup­pie­rungen sind im Welt­maßstab an der töd­lichen Homo­phobie beteiligt. Vor allem in vielen afri­ka­ni­schen Ländern wie Uganda sind ver­schiedene christ­liche Fun­da­men­ta­listen mit guten Kon­takten zu ähn­lichen Gruppen in den USA[9] ver­ant­wortlich für töd­liche Angriffe auf Men­schen, die nicht ins patri­ar­chale Weltbild passen.

In Nigeria berufen sich die Schwu­len­hasser auf isla­mis­tische und christ­liche Fun­da­men­ta­listen[10]. So richtig es also ist, die besondere Gefahr des Islam­fa­schismus aktuell zu betonen, so richtig ist es auch, darauf hin­zu­weisen, dass reli­giöses Sen­dungs­be­wusstsein, wenn es mit faschis­ti­scher Ideo­logie und den nötigen tech­ni­schen Know How ver­bunden wird, poten­tiell tödlich ist.

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​a​r​t​i​k​e​l​/​4​8​/​4​8​6​0​2​/​1​.html

Peter Nowak 22.06.2016

Anhang

Links

[1]

https://​www​.geschichte​.uni​-kon​stanz​.de/​p​r​o​f​e​s​s​u​r​e​n​/​p​r​o​f​-​d​r​-​s​v​e​n​-​r​e​i​c​h​ardt/

[2]

http://​www​.suhrkamp​.de/​b​u​e​c​h​e​r​/​a​u​t​h​e​n​t​i​z​i​t​a​e​t​_​u​n​d​_​g​e​m​e​i​n​s​c​h​a​f​t​-​s​v​e​n​_​r​e​i​c​h​a​r​d​t​_​2​9​6​7​5​.html

[3]

http://​www​.taz​.de/​!​5​3​1​2345/

[4]

https://​www​.the​nation​.com/​a​r​t​i​c​l​e​/​p​l​e​a​s​e​-​d​o​n​t​-​s​t​o​p​-​t​h​e​-​m​usic/

[5]

http://​bun​des​deutsche​-zeitung​.de/​h​e​a​d​l​i​n​e​s​/​p​o​l​i​t​i​c​s​-​h​e​a​d​l​i​n​e​s​/​o​r​l​a​n​d​o​-​s​c​h​w​u​l​e​r​-​i​s​l​a​m​i​s​t​-​l​a​e​u​f​t​-​a​m​o​k​-​9​62497

[6]

http://​www​.a3wsaar​.de/​i​s​l​a​m​ismus

[7]

http://​hpd​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​p​o​l​i​t​i​k​-​u​n​d​-​i​s​l​a​m​v​e​r​t​r​e​t​e​r​-​v​e​r​h​a​r​m​l​o​s​e​n​-​i​s​l​a​m​i​s​m​u​s​-​13212

[8]

http://​www​.faz​.net/​a​k​t​u​e​l​l​/​p​o​l​i​t​i​k​/​a​u​s​l​a​n​d​/​n​a​h​e​r​-​o​s​t​e​n​/​u​l​t​r​a​o​r​t​h​o​d​o​x​e​r​-​j​u​d​e​-​s​t​i​c​h​t​-​m​e​n​s​c​h​e​n​-​b​e​i​-​s​c​h​w​u​l​e​n​p​a​r​a​d​e​-​n​i​e​d​e​r​-​1​3​7​2​8​1​4​5​.html

[9]

http://www.zeit.de/politik/ausland/2009–12/uganda-homosexualitaet-usa

[10]

http://​www​.taz​.de/​!​5​0​5​0650/

Leben im Belagerungszustand?

Schon wird dis­ku­tiert, ob isla­mis­tische Anschläge bald zu unserem Alltag gehören. Das würde aller­dings auch das Ende von Daten­schutz und Libe­ra­li­sie­rungs­be­mü­hungen in der Innen­po­litik bedeuten

Nur wenige Wochen liegen zwi­schen den isla­mis­ti­schen Anschlägen in Paris und Brüssel. Aber die öffent­liche Auf­nahme scheint sich zu ver­ändern. Die Son­der­sen­dungen und Brenn­punkte zu den Anschlägen in Brüssel waren im Ver­gleich zu Paris zurück­ge­fahren. Man war sichtlich bemüht, eine Unter­bre­chung des Alltags gar nicht erst zuzu­lassen. Ob das an der im Ver­gleich zu Paris gerin­geren Opfer­zahlen lag? Oder wollte man kurz vor Ostern keine Ein­brüche im Fei­er­tags­ge­schäft ris­kieren?

Wenn der Terror in den Alltag ein­zieht

Möglich wäre auch eine Gewöhnung, die nach einem per­fiden Mecha­nismus funk­tio­niert. Ein isla­mis­ti­scher Anschlag ist nur dann eine größere Auf­merk­samkeit wert, wenn er mehr Opfer als der vor­herige Anschlag ver­ur­sachte oder das Objekt der Aktion besonders spek­ta­kulär ist. Das würde wie­derum die Isla­misten her­aus­fordern, Anschläge mit noch mehr Opfern zu insze­nieren. Schließlich kommt es ihnen auf den öffent­lichen Effekt an.

Die Frage der Gewöhnung an den isla­mis­ti­schen Terror stand dann auch im Fokus meh­rerer Zei­tungs­bei­träge. In der links­li­be­ralen Taz[1] stellte Jagoda Marinic die Frage:

All­mählich zieht der Terror ein in das all­täg­liche Leben Europas. Kann man sich daran gewöhnen? Und ist das viel­leicht sogar gut?

Im Text beschreibt die Autorin, dass das einzig Gute in diesem Hor­ror­sze­nario darin bestehe, nicht schon vor den Anschlägen an Angst zu sterben.

Das Ereignis ist der all­mäh­liche Einzug des Terrors in das all­täg­liche Leben Europas zwi­schen den Ter­ror­akten. Ein Prozess, der allen gegen­tei­ligen Bekun­dungen zum Trotz, die Kampf­zonen aus­weitet: das Publi­zieren, das schöne Leben, das freie Bewegen, kurzum: das öffent­liche Leben.

Regel­mäßige Angriffe auf das Leben, das Europa lebenswert macht, bis alle Bürger ver­giftet sind. Das ist der Plan. Kumu­lative Trau­ma­ti­sierung. Keine Zeiten mehr, in denen wir uns sicher genug fühlen können, um zu ver­gessen. Ein Anschlag, ein Trauma reiht sich an das andere.

Das Gute an der Regel­mä­ßigkeit: Man ent­wi­ckelt eine Stra­tegie im Umgang damit. Das Schlechte daran: Die Über­le­bens­stra­tegie ist meist nicht die beste Lebens­stra­tegie. Und wenn wir irgendwann nicht mehr wissen, wie sich das Leben vorher ange­fühlt hat, dann wird es auch immer schwie­riger, dieses Leben wie­der­her­zu­stellen.

Während Marinic im Text viele Argu­mente auf­zählt, warum eine Gewöhnung an den Terror eine Kapi­tu­lation vor den Isla­misten wäre, reagiert ein Kom­men­tator des rechts­kon­ser­va­tiven Bie­le­felder West­fa­len­blattes ganz anders[2]: »Ja, weil uns nichts anderes übrig bleibt«, heißt es dort.

Warum kon­ser­va­tiven Kreisen eine Gewöhnung an den all­täg­lichen Terror leichter als Libe­ralen fällt, ist nicht schwer zu erklären. Eine Gesell­schaft, die im Alltag mit dem Terror kon­fron­tiert ist, muss sich von Daten­schutz und ganz vielen anderen Bestim­mungen und Rege­lungen ver­ab­schieden, für die sich Liberale seit vielen Jahren stark gemacht haben.

Wo ständig und überall ein Anschlag befürchtet werden muss, stehen Sicher­heits­er­wä­gungen an erster Stelle. Da wird schnell selber zum Sicher­heits­risiko, wer da noch auf dem Recht auf die eigenen Daten besteht. Erin­ne­rungen an die 1970er Jahre werden bemüht[3], als linke Gue­ril­la­gruppen aktiv waren.

Aller­dings können die isla­mis­ti­schen Anschläge eher mit der Ter­ror­kam­pagne von Faschisten bei­spiels­weise in Italien ver­glichen werden, die wahllos Men­schen vor einer Bank oder einen Bahnhof im Bologna tötete. Diese Anschläge werden oft mit einer Geheim­dienst­stra­tegie der Spannung in Ver­bindung gebracht, mit der eine Regie­rungs­be­tei­ligung der ita­lie­ni­schen Kom­munsten ver­hindert werden sollte. Dabei ist bis heute nicht restlos geklärt, was hierbei auf Fakten beruht und was in die Richtung von Ver­schwö­rungs­theorien ten­diert.

Bei den isla­mis­ti­schen Anschlägen hin­gegen wäre die Stra­tegie der Spannung erreicht, wenn in euro­päi­schen Ländern der Kul­tur­kampf erwidert wird und man sich so auf das Terrain der Isla­misten begibt. Da sich in vielen Ländern kon­ser­vative Kul­tur­kämpfer schon mal warm­laufen und in den USA mit Trump sogar einer von ihnen Prä­sident werden könnte, ist es nicht so unwahr­scheinlich, dass die Kriegs­er­klärung der Isla­misten gerne ange­nommen wird. Dann wäre die angeb­liche Gewöhnung an den Terror auch ein Ein­schwören auf den Sicher­heits­staat und den Krieg.

Modell Israel – die Zukunft Europas?

Seit den Anschlägen von Paris wird häu­figer Israel als mög­liches Modell für ein zukünf­tiges Europa ange­führt. Tat­sächlich ist das kleine Land seit Jahren mit Ter­ror­at­tacken nicht nur aus der isla­mis­ti­schen Ecke kon­fron­tiert. Der Publizist Alex Feu­er­herdt rät[4], Israel auch deshalb zum Modell zu nehmen, weil sich die Gesell­schaft trotz der stän­digen Attacken ein öffent­liches Leben und auch eine gewisse Libe­ra­lität bewahrt habe. Feu­er­herdt schreibt:

Doch aus Israel lässt man sich in Europa nur äußerst ungern etwas sagen. Dabei lohnt sich der Blick dorthin, auch in Bezug auf die Frage, wie man im jüdi­schen Staat mit dem Terror umgeht. Man weiß dort, dass er sich nicht besiegen lassen wird, weshalb es in erster Linie darum geht, die Pro­bleme und Schwie­rig­keiten, die sich aus ihm ergeben, zu meistern und mit ihnen zu leben. Und das heißt nicht zuletzt, so viel Sicherheit wie möglich zu gewähr­leisten, ohne die Frei­zü­gigkeit allzu sehr ein­zu­schränken und ohne die Bür­ger­rechte zu ver­stümmeln.

Tat­sächlich funk­tio­niert in Israel die bür­ger­liche Gesell­schaft trotz der Ter­ror­at­tacken noch. Aller­dings sind die Über­wa­chungs- und Kon­troll­maß­nahmen groß und wären, auf Europa ange­wandt, ein Para­dig­men­wechsel in der Sicher­heits­po­litik.

Die Reak­tionen von Poli­tikern fast aller Par­teien auf die Anschläge gehen in diese Richtung. Pläne, die schon vor Jahren ent­wi­ckelt wurden, aber wegen hef­tigen Wider­stand nicht durch­ge­setzt werden konnte, wurden schon wenige Stunden nach den Anschlag wieder aus den Schub­laden geholt. Vor allem die Ver­netzung der euro­päi­schen Daten­banken steht auf der Tages­ordnung der Sicher­heits­po­li­tiker. Die Pläne sind schon mehrere Jahre alt und nun wird ein güns­tiger Zeitrpunkt abge­wartet.

Brüssel und das Ver­sagen des auto­ri­tären Sicher­heits­staates

Dabei zeigt gerade das Bei­spiel Brüssel, wie alle Kon­zepte des starken Staates ver­sagen. Die Stadt und ihre Stadt­teile mit mehr­heitlich mos­le­mi­scher Bevöl­kerung standen nach den Pariser Anschlägen im Fokus des öffent­lichen Inter­esses und der poli­zei­lichen Ermitt­lungen. Für mehrere Tage war in den letzten Monaten das öffent­liche Leben in Belgien wegen Ter­ror­war­nungen lahm­gelegt.

Dass die Anschläge trotzdem nicht ver­hindert werden konnten, zeigt das Ver­sagen des auto­ri­tären Sicher­heits­staates, wie ihn der rechts­kon­ser­vative bel­gische Innen­mi­nister ver­tritt. Dieses Ver­sagen böte die Chance, den Fokus in dieser Debatte zu ver­ändern. Das Nar­rativ von den isla­mis­ti­schen Anschlägen, die von außen in die euro­päi­schen Metro­polen getragen werden, ist offen­sichtlich man­gelhaft, viel­leicht sogar falsch. Der Phi­losoph Alain Badiou will den isla­mi­schen Terror weniger mit alten Schriften und Ereig­nissen im Nahen und Fernen Osten, sondern mit der kapi­ta­lis­ti­schen Krise ver­koppeln[5].Nach den Anschlägen von Paris erklärte[6] er:

Der 13. November 2015 hat seine Ursachen in der neo­li­be­ralen Ent­fes­selung des Kapi­ta­lismus, die den Kapi­ta­lismus wieder das hat werden lassen, was er seinem innersten Wesen nach ist: eine Potenz der ver­hee­renden totalen Destruk­tu­rierung von Gesell­schaften und Men­schen.

Badiou richtet den Blick auf die Stadt­teile, in denen die Men­schen lebten, die zu isla­mis­ti­schen Atten­täter wurden. Das waren eben nicht Staaten des Nahen Ostens, sondern fran­zö­sische und bel­gische Vor­städte. Dieser Ansatz hat viele Momente der Wahrheit für sich. Statt einer Koran­ex­egese sollte man viel­leicht darüber nach­denken, wie die Krise der kapi­ta­lis­ti­schen Ver­wertung Schneisen der Ver­wüstung bei den Men­schen hin­ter­lässt.

Einige finden ihre poli­tische Heimat in extrem rechten Gruppen, andere bei isla­mis­ti­schen Rackets. Gerade das Bei­spiel Belgien zeigt wieder einmal, dass es hierbei nicht um Religion und den Koran geht. Einige der Täter waren als Kri­mi­nelle bekannt, nicht aber als radikale Moslems.

Der Fokus­wechsel könnte auch Hin­weise auf eine Bekämpfung des Isla­mismus geben. Dann wäre es tat­sächlich die wich­tigste Aufgabe, in den betrof­fenen Stadt­teilen, Struk­turen auf­zu­bauen, die eine eman­zi­pa­to­rische Lösung möglich machen. Das wäre auch eine Alter­native zum Akzep­tieren des all­täg­lichen Terrors.

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​a​r​t​i​k​e​l​/​4​7​/​4​7​7​9​5​/​1​.html

Peter Nowak

Anhang

Links

[1]

http://​www​.taz​.de/​!​5​2​86625

[2]

http://​www​.west​falen​-blatt​.de/​U​e​b​e​r​r​e​g​i​o​n​a​l​/​M​e​i​n​u​n​g​/​2​3​1​1​0​6​1​-​K​o​m​m​e​n​t​a​r​-​z​u​r​-​T​e​r​r​o​r​g​e​f​a​h​r​-​M​u​e​s​s​e​n​-​w​i​r​-​u​n​s​-​a​n​-​d​e​n​-​T​e​r​r​o​r​-​g​e​w​o​e​h​n​en-Ja

[3]

http://www.watson.ch/International/Wissen/165667908-Wir-sollten-uns-an-den-Terror-gew%C3%B6hnen–aber-das-k%C3%B6nnen-wir-nicht

[4]

http://​www​.achgut​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​w​i​e​_​i​s​r​a​e​l​_​m​i​t​_​d​e​m​_​t​e​r​r​o​r​_​u​mgeht

[5]

http://​www​.taz​.de/​!​5​2​5​4955/

[6]

http://​www​.uisio​.com/​a​l​a​i​n​-​b​a​d​i​o​u​-​o​n​-​t​e​r​r​o​r​i​s​m​-​a​n​d​-​g​l​o​b​a​l​-​c​a​p​i​t​alism