Krankmeldung als Waffe in einer »kranken Arbeitswelt«?

Viele Beschäftige in Deutschland könnten sich an den Piloten ein Bei­spiel nehmen. Sie sollten eher auf ihre Gesundheit achten, als krank zur Arbeit zu gehen. Ein Kom­mentar

Sie hätten feh­lenden Anstand, seien feige und könnten sich nicht auf das Arbeits­recht berufen. So wurden im Deutschlandfunk[1] die Air-Berlin-Piloten beschimpft, die sich in den ver­gan­genen Tagen ver­mehrt krank gemeldet hatten. Der Wirt­schafts­jour­nalist Thomas Weinert machte auch gleich deutlich, warum er sich so darüber echauf­fiert. »Jeder Investor wird sich fragen, ob er sich so ein Betriebs­klima leisten kann.« 

Und immer an den Standort denken

»Eine kol­lektive Krank­meldung in der jet­zigen Situation ihres Arbeit­gebers – das ist so ziemlich das Fie­seste, was man sich aus­denken kann«, holt Weinert nun zur ulti­ma­tiven mora­li­schen Ver­nichtung der Piloten aus, die eben wohl mal nicht zuerst an den Standort Deutschland gedacht haben. Das aber ist ja das Credo der deut­schen Volks­ge­mein­schaft, die sich in der BRD ver­schiedene Namen gegeben hat wie »kon­zer­tierte Aktion« oder »Stand­ort­ge­mein­schaft«. 

Immer ging es darum, dass es die höchste Tugend sei, Opfer für die Inter­essen des Unter­nehmens und den Standort Deutschland zu bringen. Wer dazu nicht bereit war, galt ent­weder ein schlimmer Chaot oder roter Umstürzler oder eben total ego­is­tisch, feige und anstandslos. Darüber waren sich in diesen Tagen Poli­tiker von SPD, FDP und Union, die Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft verdi[2] und fast alle Medien unisono einig. 

Diese deutsche Stand­ort­ge­mein­schaft lässt erahnen, was erst in Deutschland los wäre, wenn das Bei­spiel der Piloten Schule machen würde. Wenn sich auch Beschäf­tigte in den Kitas, in den Kran­ken­häusern und auch an anderen Arbeits­stellen daran ein Bei­spiel nehmen würden. Grund dazu hätten sie auf jeden Fall. Denn die dor­tigen Arbeits­be­din­gungen, die ständige Über­lastung, die dünne Per­so­nal­decke machen krank. Es gibt also wohl kaum eine Branche, die davon nicht betroffen wäre. 

Inne­halten in der »kranken Arbeitswelt«

Der Leiter der des Bremer For­schungs­büros für Arbeit, Gesundheit und Biographie[3]Wolfgang Hien[4] hat im VSA-Verlag unter dem Titel Kranke Arbeitswelt[5] eine enga­gierte Streit­schrift ver­fasst, die die viel­ge­rühmte neue Arbeits­kultur als Angriff auf die Gesundheit der Beschäf­tigten begreift. 

Das Buch endet mit einer Utopie: »Das Mög­liche, dieses ‚Noch-Nicht‘ (Bloch), kündigt sich heute schon an. Überall sind Zeichen zu sehen, zu hören, zu fühlen, wenn wir nur genau hin­schauen, genau hin­hören, genau hin­spüren. Dazu brauchen wir aber auch die Stille, das Inne­halten, die Abkehr von den Ver­blen­dungen und dem Getöse der kapi­ta­lis­ti­schen Warenwelt.« 

Dazu brauchen wir aber mehr Beschäf­tigte, die es wie die Air-Berlin-Piloten machen, die sich lieber krank­melden als sich krank­schuften. Es wird sofort argu­men­tiert, dass die Piloten ihre Stellung aus­nutzen und dass sie sowie schon zu den Gut­ver­die­nenden gehören. Was sollen aber erst die Beschäf­tigten bei Air-Berlin sagen, die viel schlechter bezahlt werden? 

So wurde auch schon argu­men­tiert, als die Lok­führer in den Aus­stand getreten sind. Doch die­je­nigen, die nun den Piloten vor­werfen, sie wären unso­li­da­risch gegenüber den schlechter bezahlten Kol­legen, haben nur ein Credo: Alle müssten Opfer bringen. Viel­leicht waren ja die­je­nigen, die sich krank­schreiben ließen, auf ihre Art viel soli­da­ri­scher. Sie haben schließlich auf­ge­zeigt, dass es tat­sächlich Alter­na­tiven zur Ideo­logie des stän­digen Opfer­bringens für den Standort gibt. 

Natürlich bräuchte es mehr Basis­ge­werk­schaften und soli­da­rische Initia­tiven, damit sich die Devise »lieber krank melden als krank­schuften« ver­breitet. Sie gehörte seit jeher zu den Grund­sätzen von Beschäf­tigten, die wussten, dass sie nicht mit den Firmen iden­tisch waren, bei denen sie ihre Arbeits­kraft ver­kauften. Das Problem fängt dort an, wo Opel­ar­beiter tat­sächlich mit Parolen wie »Wir sind Opel« schon deutlich machen, dass sie zu fast allen Opfern bereit sind, um nur weiter beim Unter­nehmen zu bleiben. Genau diesen Ein­druck haben die Air-Berlin-Piloten nicht hin­ter­lassen und das ist nicht zu unter­schätzen. 

Eine Nation von Hob­by­ärzten

Daher auch war die mediale Empörung so groß. Da wurde auch nicht mal hin­ter­fragt, wieso über­haupt alle davon aus­gehen, dass die Piloten keinen ver­nünf­tigen Grund für ihre Krank­mel­dungen hatten. Schließlich müsste sich doch schon rum­ge­sprochen haben, dass auch Stress und besondere Belas­tungen Krank­heits­fak­toren sind. Und davon gab es bei Air Berlin genug. Den hatten aber nicht die Piloten oder andere Beschäf­tigte zu ver­ant­worten, sondern die Manager, die das Unter­nehmen in die Pleite geführt haben. 

Ist es nicht ein besonders ver­ant­wor­tungs­volles Ver­halten der Piloten, dass sie ihren Stress nicht igno­rieren und mit irgend­welchen Pla­cebos zu über­tünchen ver­suchen? Schließlich üben sei einen Beruf aus, in dem ein fal­scher Hand­griff und Kon­zen­tra­ti­ons­schwächen fatale Folgen haben können. 

Es ist schon erstaunlich, dass wir jetzt eine Nation von Hob­by­ärzten haben, die ganz genau wissen, dass es aber auch gar keinen Grund für die Krank­schreibung der Piloten. Mitt­ler­weile haben sich fast alle Piloten wieder an die Arbeit zurück­ge­meldet. Doch ihr kurzer Moment des Aus­bruchs aus dem gesell­schaft­lichen Konsens in Deutschland sollte Schule machen. 

Nachtrag: »Fakt ist, dass wir seit Jahren am Limit arbeiten«

Auszug aus einem Interview[6] der Rhei­ni­schen Post mit einem Flug­ka­pitän der Air Berlin, der »zur Arbeit geht«: 

Peter N.: Fakt ist, dass wir seit Jahren am Limit arbeiten. Uns wurden teil­weise unsere Urlaubstage abge­kauft, damit wir fliegen können. Ich weiß gar nicht mehr, wie viele Sanie­rungs­pro­gramme ich schon mit­ge­macht habe. Unsere Per­so­nal­si­tuation ist seit Jahren schwierig, wir haben nicht genug Piloten. Weil sich 200 von knapp 1400 Piloten krank gemeldet haben, bricht jetzt der Flug­be­trieb zusammen? Das ist doch lächerlich. (…) 

RP: Wie kommt es denn dazu, dass sich die Mit­ar­beiter erst jetzt krank melden und nicht schon nach der Insolvenz-Nach­richt Mitte August? 

Peter N. Das liegt daran, dass es am 11. Sep­tember Gespräche über die Zukunft der Mit­ar­beiter nach einer Über­nahme gab. Doch die Geschäfts­führung hat uns signa­li­siert, dass es dazu keine Über­le­gungen gibt. Da trifft unsere Per­so­nal­ver­tretung auf die pure Arroganz am Ver­hand­lungs­tisch. Das treibt die Men­schen in die Ver­zweiflung. Da kann ich ver­stehen, dass den Mit­ar­beitern schlecht wird bei dem Gedanken an ihre Zukunft. Sagen Sie mir mal, wie man Ver­ant­wortung für 300 Per­sonen im Flugzeug über­nehmen soll, wie man seinen Job mit klarem Ver­stand machen soll, wenn gerade alles schief geht? 

RP: Sagen Sie es mir, wie das geht.

Peter N.: Ganz ehrlich, ich kann ver­stehen, dass manche Kol­legen sich krank melden, weil sie dem Druck nicht mehr stand­halten. Die Gedanken sind immer da, die Angst vor dem sozialen Abstieg – und dabei ist es egal, was man vorher ver­dient hat. Niemand kann wollen, dass psy­chisch und emo­tional belastete Piloten wei­terhin fliegen.

Interview[7], Rhei­nische Post, 15.09. 2017
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Peter Nowak
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[2] https://​verkehr​.verdi​.de/​b​r​a​n​c​h​e​n​/​l​u​f​t​v​e​r​k​e​h​r​/​f​l​u​g​g​e​s​e​l​l​s​c​h​aften
[3] https://sofis.gesis.org/sofiswiki/Forschungsb%C3%BCro_f%C3%BCr_Arbeit,_Gesundheit_und_Biographie_(Bremen)
[4] http://www.wolfgang-hien.de/(http://www.wolfgang-hien.de/
[5] http://​www​.vsa​-verlag​.de/​n​c​/​d​e​t​a​i​l​/​a​r​t​i​k​e​l​/​k​r​a​n​k​e​-​a​r​b​e​i​t​s​welt/
[6] http://​www​.rp​-online​.de/​w​i​r​t​s​c​h​a​f​t​/​u​n​t​e​r​n​e​h​m​e​n​/​i​n​s​o​l​v​e​n​z​-​v​o​n​-​a​i​r​-​b​e​r​l​i​n​-​d​e​n​-​p​i​l​o​t​e​n​-​w​i​r​d​-​d​e​r​-​s​c​h​w​a​r​z​e​-​p​e​t​e​r​-​z​u​g​e​s​c​h​o​b​e​n​-​a​i​d​-​1​.​7​0​81340
[7] http://​www​.rp​-online​.de/​w​i​r​t​s​c​h​a​f​t​/​u​n​t​e​r​n​e​h​m​e​n​/​i​n​s​o​l​v​e​n​z​-​v​o​n​-​a​i​r​-​b​e​r​l​i​n​-​d​e​n​-​p​i​l​o​t​e​n​-​w​i​r​d​-​d​e​r​-​s​c​h​w​a​r​z​e​-​p​e​t​e​r​-​z​u​g​e​s​c​h​o​b​e​n​-​a​i​d​-​1​.​7​0​81340