Mit ‘Ahmed Tod Forensik Bremen’ getaggte Artikel

Die brutale Realität der Psychiatrie

Mittwoch, 05. September 2018

Außerparlamentarische Gruppe kritisiert die Forensik des Klinikverbundes Bremen als menschenunwürdig

»Wir behandeln Menschen, die aufgrund einer psychischen Erkrankung in erheblichem Maße straffällig geworden sind. Durch die Behandlung sollen sie wieder in die Lage versetzt werden, zukünftig straffrei zu leben.« Mit diesen Worten stellt der Klinikverbund Bremen seine Dienstleistungen auf dem Gebiet der Forensik vor. Klingt auf den ersten Blick nicht weiter schlimm. Zivilgesellschaftliche Gruppen fordern jedoch die Schließung der Forensik. Sie kritisieren, die dortigen Maßnahmen verletzten die Menschenrechte der Patient*innen.

Mitte August hatte die Bremer Gesundheitsdeputation, eine Arbeitsgruppe mit Vertretern von Senat und Bürgerschaft, zu einer Sondersitzung eingeladen. Ziel war, über den Stand der 2013 von der Bremer Bürgerschaft beschlossenen Psychiatrie-Reform zu debattieren. Kritiker*innen meldeten sich auf dem Bremer Marktplatz während des Treffens lautstark zu Wort. »Wir haben den krassen Widerspruch zwischen dem von Politik- und Medizinbetrieb gezeichneten Ideal-Bild einer angeblich menschenfreundlichen, fortschrittlichen Psychiatrie in Bremen und der brutalen Realität, die Psychiatrisierte tatsächlich erleben, deutlich gemacht«, erklärte Julia Benz von der Psychiatriekritischen Gruppe Bremen gegenüber »nd«.

Die Arbeit der außerparlamentarischen Initiative sorgt in Bremen für Aufsehen bei Medien und Politik. »Gegründet hatten wir uns, nach dem eine uns bekannte Person in die Fänge der Bremer Wegschließ-Maschinerie geriet«, sagte Benz. Was diese Person wie auch die Aktivist*innen selbst erfuhren hätten, sei der Motor des Engagements gewesen. Anfang 2017 berichteten verschiedene Medien über Klagen von Patient*innen der Forensik. Ihre Vorwürfe: Man habe sie tagelang an ihre Betten fixiert und zwangmedikamentiert, anstatt geeignete Therapiemaßnahmen durchzuführen.

Die Berichte über entwürdigende Bedingungen auf der Akutaufnahmestation des Klinikums Bremen-Ost führten zu Nachfragen, auch der Bürgerschaftsfraktionen von LINKEN, SPD und den Grünen. Nachdem im Mai 2017 ein 31-Jähriger in der Forensik im Klinikum-Ost an Herzstillstand starb, wuchs die Kritik an den Zuständen noch weiter.
Derzeit ist das Thema jedoch wieder aus den Schlagzeilen. »Es gab weder personelle Konsequenzen, noch ermittelt Polizei und Staatsanwaltschaft objektiv«, sagte Benz. Auch der Umgang mit den Patient*innen sei kein anderer als vorher. Daher setzen die Aktivistin und ihre Mitstreiter*innen statt auf die die Skandalisierung von spektakulären Einzelfällen auf die bundesweite Kooperation von psychiatriekritischen Initiativen, wie der Irrenoffensive und dem Bundesverband der Psychiatrieerfahrenen.

Die Gruppe knüpft damit an ein lange weitgehend vergessenes Arbeitsfeld des gesellschaftlichen Aufbruchs von 1968 an. Theoretische Kritik an der Psychiatrie und die praktische Organisierung von Psychiatriebetroffenen waren ein wesentlicher Bestand von diesem gewesen. Der Regisseur Gerd Kroske hatte jüngst mit seinem Film »Der SPK-Komplex« an diese Geschichte am Beispiel des Sozialistischen Patient*innenkollektivs aus Heidelberg erinnert.

Am Ende des Film betont Kroske, dass eine psychiatriekritische Bewegung heute kaum vorhanden, aber noch immer nötig wäre. Dass dieser Befund für Bremen nicht zutrifft, erklärt Julia Benz mit regionalen Gründen. »Bremen bricht einige Rekorde in Bezug auf Krankenhausbetten pro Einwohner und bei Zwangseinweisungen.« Doch sie verweist darauf, dass auch bundesweit die Tendenz zunimmt, abweichendes Verhalten zu psychiatrisieren. Der Fall von Gustl Mollath sei nur eines von vielen Beispiele. Der Nürnberger wurde in Bayern von Gerichten seit 2006 mehrmals in die Psychiatrie eingewiesen. Erst nach acht Jahren entließ man ihn als Justizopfer nach einem Wiederaufnahmeverfahren.

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1099462.forensik-die-brutale-realitaet-der-psychiatrie.html

Peter Nowak

»Brutale Realität« – Small Talk mit Julia Benz von der »Psychiatriekritischen Gruppe Bremen« über die Reform der Bremer Psychiatrien

Donnerstag, 23. August 2018

Vergangene Woche, fünf Jahre nach der Reform der Bremer Psychiatrien, zog die Gesundheitsdeputation des Landes Bremen Bilanz. Mehrere Gruppen protestierten. Sie halten die Zustände in Psychiatrien und Forensiken in dem Bundesland keineswegs für fortschrittlich. Die Jungle World hat mit Julia Benz von der »Psychiatriekritischen Gruppe Bremen« gesprochen

Am Donnerstag vergangener Woche hat Ihre Gruppe eine Protestaktion zum Zustand der Psychiatrie veranstaltet. Worum ging es?
Anlass war die Sondersitzung der Gesundheitsdeputation des Landes Bremen »zum Stand der 2013 von der Bremer Bürgerschaft beschlossenen Psychiatrie­reform«. Es existiert ein krasser Widerspruch zwischen dem vom Politik- und Medizinbetrieb gemeinsam gezeichneten Idealbild einer menschenfreundlichen, fortschrittlichen Psychiatrie in Bremen und der brutalen Realität, die Psychiatrisierte und Zwangs­psychiatrisierte tatsächlich erleben. Auf dem Bremer Marktplatz und vor den Türen der Deputationssitzung haben wir mit Megaphon, Kreide, Schildern und Transparenten auf das Komplott von Psychiatrie, Justiz, Senat und Politik aufmerksam gemacht und unsere Forderungen kundgetan. Dazu gehört eine unabhängige Beratungs- und Beschwerdestelle für das Bremer Psychiatriewesen.

Ihre Gruppe beschäftigt sich seit Jahren mit der Bremer Forensik. Wie kam es dazu?
Wir haben verschiedene Gründe dafür, uns mit der Kritik an der Psychiatrie zu beschäftigen. In Bremen wurden mehrere Menschen gemeinsam auf die Forensik Bremen-Ost aufmerksam, weil eine bekannte Person in die Fänge der Bremer Wegschließmaschinerie geriet. Was sie erlebte und was wir seitdem erfahren haben, war Anlass, gegen die Zwangspsychiatrie vorzugehen. Nicht nur Forensiken, auch Allgemeinpsychiatrien sind Tatorte.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Das System Forensik ist auf Unterdrückung und Deformierung der Person, Repression und Zwang aufgebaut. Wir kritisieren, dass im Namen von Therapie und Resozialisierung Machtmissbrauch, Willkür und Gewalt zum »therapeutischen« Alltag gehören. Psychiatrische Gutachten, unbefristete oder zu lange Unterbringungen, fehlende oder schlechte Therapien, ungenügend Möglichkeiten, Schulabschlüsse nachzuholen, langes Warten auf Facharzttermine, Zwangsbehandlungen und Zwangsmedikamentierungen, Absonderungen, Isolationshaft, fehlende Perspektiven, Zerstören von Menschen. Die Liste ist lang, die Vorwürfe sind schwerwiegend.

Vergangenes Jahr sorgte ein Todesfall in der Bremer Forensik für Schlagzeilen. Hat sich seitdem etwas verändert?
Nein, niemand übernahm Verantwortung für Ahmets Tod, der 2017 den Versuch einer Absonderung in Bremen-Ost nicht überlebte. Es gab weder personelle Konsequenzen, noch ermittelten Polizei und Staatsanwaltschaft objektiv. Nur wenige Wochen später wurde ein Inhaftierter auf derselben Station über einen Zeitraum von mehreren Wochen überwiegend hand- und fußfixiert abgesondert. Es kam zu menschenunwürdigen und rechtswidrigen Situationen.

Sind die kritisierten Probleme Folge des Personalabbaus?
Die Haltung und Macht der Klinik und ihres Personals gegenüber den unter »Fürsorge« stehenden sogenannten Patientinnen und Patienten ist das Problem. Forensik ist ein Geschäftsmodell, das wächst und aufrüstet. Da wäre es paradox, für die Forensik mehr Personal zu fordern. Inhaftierte, die über Verhältnismäßigkeiten hinaus weggesperrt sind, müssen entlassen werden. In Zeiten, in denen neue Polizeigesetze und neue Psychisch-Kranken-Gesetze verabschiedet werden, ist es ein elementarer Kampf, die Stimme gegen das psychiatrische Establishment zu erheben.

https://jungle.world/artikel/2018/34/brutale-realitaet

Small-Talk von Peter Nowak