Gewalt gegen rechts und Twitterradikalität

Nach dem Angriff auf den Bremer AfD-Poli­tiker Magnitz streiten Linke und Liberale. Ein Kom­mentar

Der links­li­be­ralen taz [1] wurde vor 1989 öfter von Kon­ser­va­tiven Pro­bleme mit der Gewalt­frage nach­gesagt. Sie habe sich von linker Militanz nicht genug distan­ziert. Längst ist die Zeitung im Staat ange­kommen. Die damit ver­bun­denen Pro­bleme mit der Gewalt­frage teilt sie mit ihren frü­heren Kri­tikern. Auch die taz ver­teidigt bestimmte Kriege, wenn vor­geblich der Schutz von Men­schen­rechten oder Min­der­heiten auf der Agenda stehen. Selbst­ver­ständlich werden in der taz Kriege ver­teidigt, wenn sich Grüne dabei expo­nieren. Doch kürzlich ging es in den Haus-Mit­tei­lungen der Taz um die »alte Gewalt­frage« [2].

»die frei­be­ruf­liche jour­na­listin veronika kracher, die in den ver­gan­genen jahren auch der taz mehrere bei­träge ver­öf­fent­licht hat, ver­schickte nach dem kör­per­lichen angriff auf bremer afd-bun­des­tags­ab­ge­ord­neten frank magnitz… „Gewalt gegen rechts und Twit­ter­ra­di­ka­lität“ wei­ter­lesen

Der blinde Fleck in der Debatte

Die ersten rechten Groß­demos gab es in Ost­deutschland im Wen­de­herbst 1989

»Plötzlich weiß ich, wie Adolf-Hitler-Wähler aus­sehen. Es riecht förmlich nach Pogrom. Einer hält beschwörend sein Schild ‚keine Gewalt‘ hoch. Wir ant­worten mit ‚Nazis raus‘.« Diese Beschreibung einer rechten Demons­tration in Ost­deutschland ist fast 30 Jahre alt [1]. Ver­fasst wurde sie von Akti­visten der linken DDR-Oppo­sition, ver­öf­fent­licht wurde sie am 29. November 1989 im tele­graph [2], der auch im Jahr 2018 noch immer eine Publi­kation für linke Kritik ist.

Die Beschreibung der Demo­szenen vor 29 Jahren weist auf einen blinden Fleck in der Debatte um die Frage hin, warum in Ost­deutschland die Rechten so stark sind. Da wird auf die Ver­ant­wortung der DDR hin­ge­wiesen, aber die Wen­de­monate im Herbst ’89 und Frühjahr 1990 oft völlig aus­ge­blendet.

Die Fest­nahme einer angeb­lichen rechten Ter­ror­zelle in Chemnitz war nur das jüngste Bei­spiel. Nun soll nicht behauptet werden, das Erstarken der Rechten sei ein lediglich ost­deut­sches oder auch nur deut­sches Problem. Schließlich sind in meh­reren EU-Ländern die Ultra­rechten an der Regierung.

Rechte Ord­nungs­zelle Sachsen

Was aber fest­stellbar ist: Vor allem Sachsen hat sich innerhalb Deutsch­lands zur rechten Ord­nungs­zelle ent­wi­ckelt so wie in der Wei­marer Republik Bayern. Und so wie in Bayern hatten staat­liche Insti­tu­tionen eine wesent­liche Mit­ver­ant­wortung dafür. Da wird auf die Ver­ant­wortung der DDR hin­ge­wiesen, aber die Wen­de­monate im Herbst 1989 und Frühjahr 1990 werden oft völlig aus­ge­blendet.

Die Berichte im tele­graph und in anderen zeit­ge­nös­si­schen Doku­menten zeigen jedoch: Die ersten rechten Mas­sen­de­mons­tra­tionen nach der Nie­derlage des NS fanden im Wen­de­herbst 1989 statt. Orga­ni­siert wurden sie nicht von der SED und ihren nahe­ste­henden Orga­ni­sa­tionen, sondern von einer sich nach Rechts radi­ka­li­sie­renden Bevöl­kerung, die aus der gegen den auto­ri­tären SED-Staat gerich­teten Parole »Wir sind das Volk« den natio­na­lis­ti­schen Slogan »Wir sind ein Volk« machten.

Im tele­graph werden die Ver­än­de­rungen sehr gut beschrieben und auch die Ver­ant­wortung der DDR-Ver­ant­wort­lichen genannt [3]:

Aber es ist nicht mehr die gewohnte Leip­ziger Demo: überall Deutsch­land­fahnen, Trans­pa­rente wie »Wie­der­ver­ei­nigung jetzt«, »Weiz­säcker – Prä­sident aller Deut­schen«, »Einigkeit und Recht und Freiheit«. Während der Ansprachen ver­dichtet sich das Gefühl, unter die REPs geraten zu sein. Auf die wenigen klaren Absagen an die Wie­der­ver­ei­nigung (SDP, Ver­ei­nigte Linke, ein Mensch aus Hei­delberg) folgen Pfiffe und der Schlachtruf »Deutschland einig Vaterland« in Fuß­ball­sta­di­on­manier. Selbst als ein Redner not­wendige gute Nach­bar­schaft mit unseren pol­ni­schen und tsche­chi­schen Freunden fordert, wird er aus­ge­pfiffen – diese Aus­län­der­feind­lichkeit bekam Nahrung durch staat­liche Stim­mungs­mache in der DDR in den letzten Tagen.

Aus tele­graph, November 1989

Ja, auto­ritäre Staats­so­zi­alsten nutzten häufig »volks­dümmlich« Natio­na­lismus und auch Anti­se­mi­tismus, wie sich in der Geschichte des Sta­li­nismus und seiner Nach­folger zeigte. So wurde in der DDR von der SED Stimmung gegen Polen gemacht, als dort die Oppo­sition erstarkte, die wie­derum durchaus eben­falls reak­tionäre und kle­rikale Unter­tönte hatte.

Doch im Wen­de­herbst waren nicht die SED und ihre Unter­or­ga­ni­sa­tionen die Schritt­macher der Rest­ent­wicklung; sondern der BRD-Staat. Die Regierung unter Kohl wollte die »Wir sind ein-Volk-Stimmung« nutzen für eine schnelle Ein­ver­leibung der DDR. Die Grünen waren damals ebenso dagegen wie die SPD mit dem Kanz­ler­kan­di­daten Oskar Lafon­taine.

Diese Kri­tiker wurden von der Union in die Nähe des Vater­lands­verrats gerückt. Aber auch ein Großteil der DDR-Oppo­sition war für den Erhalt einer demo­kra­ti­schen DDR und kei­nes­falls für die Wie­der­ver­ei­nigung. Gegen sie rich­teten sich die natio­na­lis­ti­schen Auf­märsche im Herbst 1989.

Der Runde Tisch, an dem die unter­schied­lichen Oppo­si­ti­ons­gruppen eine wichtige Rolle spielten, unter­sagte einen Ein­griff der BRD in die Wahlen zur Volks­kammer der DDR im März 1990. Doch dieser Beschluss war Maku­latur, weil er von sämt­lichen Par­teien West­deutsch­lands igno­riert wurde.

Mas­senhaft wurden Deutsch­land­fahnen und Publi­ka­tionen in die DDR geliefert, die mit natio­na­lis­ti­schen Parolen die schnelle Wie­der­ver­ei­nigung pro­pa­gierten. Linke Kri­tiker wurden schon im November 1989 als Rote und »Wand­litz­kinder« beschimpft und oft auch tätlich ange­griffen.

Neue Rechts­partei mit Unter­stützung der CSU

Aber nicht nur auf der Straße wurde die Rechte von der BRD aus unter­stützt. Zu dem für die Volks­kam­mer­wahlen geschmie­deten Wahl­bündnis der Uni­ons­par­teien gehört mit der Deut­schen Sozialen Union [4] auch eine stramm rechte Partei. Sie wurde bis 1992 von der CSU unter­stützt, die mit der DSU die Eta­blierung einer eigenen Rechts­partei außerhalb Bayerns doch noch umzu­setzen hoffte.

Solche Pläne, die soge­nannte Vierte Partei [5] rechts von der Union, schei­terten bereits in der Ära Franz Joseph Strauß. Danach war die DSU eine von vielen rechten Klein­par­teien, die vor allem in Sachsen in den letzten zwei Jahr­zehnten kamen und ver­schwanden.

Ab und an machten DSU-Mit­glieder durch ultra­rechte Aktionen bei­spiels­weise gegen die Oder-Neiße-Grenze Schlag­zeilen.

Es ist deutsch im Kaltland

Bereits im Herbst 1989 trans­por­tierte die rechte Partei »Die Repu­bli­kaner« Tonnen an Mate­rialien von Frankfurt/​Main in die DDR, wie ein daran betei­ligter Kurier später ent­hüllte. Hier wurden die Grund­lagen für die rechte Ord­nungs­zelle Sachsen gelegt, in der anti­fa­schis­tische Akti­vi­täten wie bei­spiels­weise gegen die rechten Auf­märsche zum Jah­restag der Dresden-Bom­bar­dierung kri­mi­na­li­siert wurden.

Im Wen­de­herbst 1989 wurden die Grund­lagen für jene rechte All­tags­kultur gelegt, die Manja Präkels [6] in Kaltland [7] gut beschreibt. Sie könnte ebenso wie die tele­graph-Autoren als Zeit­zeuge bei der Auf­klärung zur Rolle der BRD bei der Genese einer Rechten in den Wend­mo­naten bei­tragen. Schließlich for­derten SPD-Poli­tiker kürzlich eine Wahr­heits- bzw. eine Auf­ar­bei­tungs­kom­mission für die Wen­dezeit.

»Wir sollten aber die Gele­genheit nutzen, im Rahmen einer solchen Kom­mission nicht nur die Arbeit der Treuhand, sondern die gesamte Nach­wen­dezeit umfassend auf­zu­ar­beiten. 28 Jahre nach dem Sturz des SED-Regimes durch die Fried­liche Revo­lution ist ein guter Zeit­punkt dazu: Die Men­schen und Zeit­zeugen, die den Übergang der Systeme und seine Aus­wir­kungen mit­erlebt haben, können sich noch aktiv und lebendig an den Dis­kus­sionen betei­ligen«, fordert [8] der Chem­nitzer SPD-Bun­des­tags­ab­ge­ordnete Detlef Müller.

Eine Arbeits­gruppe Rechts­ent­wicklung und Wen­de­monate sollte dabei mit an erster Stelle stehen. Wenn die Politik da nicht mit­macht, sollte eine außer­par­la­men­ta­rische Initiative aktiv werden. Das könnte die Fort­setzung der Tagung [9] über 30 Jahre Antifa in Ost­deutschland [10] im letzten Dezember in Potsdam sein.

Peter Nowak

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[1] http://​www​.antifa​-nazis​-ddr​.de/​s​c​h​o​e​n​h​u​b​e​r​-​p​f​e​i​f​t​-​d​i​e​-​r​a​t​t​e​n​-​k​o​mmen/
[2] http://​tele​graph​.cc/
[3] http://​www​.antifa​-nazis​-ddr​.de/​s​c​h​o​e​n​h​u​b​e​r​-​p​f​e​i​f​t​-​d​i​e​-​r​a​t​t​e​n​-​k​o​mmen/
[4] https://​www​.dsu​-deutschland​.de/
[5] https://​books​.google​.de/​b​o​o​k​s​?​i​d​=​s​y​w​a​x​l​K​l​0​a​0​C​&​hl=de
[6] http://manjapräkels.de/
[7] https://​kri​tisch​-lesen​.de/​r​e​z​e​n​s​i​o​n​/​e​s​-​i​s​t​-​d​e​u​t​s​c​h​-​i​n​-​k​a​l​tland
[8] https://​www​.spd​-mueller​.de/​d​i​e​-​a​u​f​a​r​b​e​i​t​u​n​g​-​m​u​s​s​-​n​o​c​h​-​v​i​e​l​-​w​e​i​t​e​r​-​g​ehen/
[9] https://​afa​-ost​.de/
[10] https://​www​.dampfboot​-verlag​.de/​s​h​o​p​/​a​r​t​i​k​e​l​/​3​0​-​j​a​h​r​e​-​a​n​t​i​f​a​-​i​n​-​o​s​t​d​e​u​t​s​c​hland

Antifa Ost … … Erinnerungen an eine angefeindete Bewegung

Eine Gruppe von Punks und alter­na­tiven Jugend­lichen sitzt um einen Tisch an einer Schreib­ma­schine und ist mit der Her­stellung eines Flug­blatts beschäftigt. In einer anderen Szene treffen sich die Jugend­lichen zu einer Dis­kussion, doch ein Teil ver­lässt diese schon nach kurzer Zeit, weil zu viel geredet und zu wenig gehandelt wird.

Die Szenen stammen aus einen Film, der vor 30 Jahren in Potsdam ent­stand. Mit­glieder der Unab­hän­gigen Antifa wollten damit über ihre Arbeit infor­mieren und mehr Mit­streiter gewinnen. Am Freitag des ersten Dezem­ber­wo­chen­endes wurde mit diesem Kurzfilm im Pots­damer Rechen­zentrum die Tagung «30 Jahre Antifa in Ost­deutschland» ein­ge­leitet. Einige der Jugend­lichen aus dem Film gehörten zu den Mit­or­ga­ni­sa­toren.

Die Sozi­al­wis­sen­schaft­lerin Christin Jänicke beschäftigt sich mit der Unab­hän­gigen Antifa in der DDR, weil die in den Büchern über die autonome Anti­fa­be­wegung oft nicht erwähnt wird. «Die Geschichte wurde fast aus­schließlich aus West­per­spektive geschrieben», so Jänicke gegenüber der SoZ. Sie hat vor einigen Monaten gemeinsam mit Ben­jamin Paul-Siewert im Verlag West­fä­li­sches Dampfboot das Buch 30 Jahre Antifa in Ost­deutschland. Per­spek­tiven auf eine eigen­ständige Bewegung her­aus­ge­geben. Seitdem wurde auf zahl­reichen Ver­an­stal­tungen an das 30.Jubiläum der Unab­hän­gigen Antifa in der DDR erinnert und auch die Pots­damer Tagung hätte es ohne das Buch nicht gegeben.

Auf der Auf­takt­ver­an­staltung dis­ku­tierten Refe­renten über die Hin­ter­gründe des anti­fa­schis­ti­schen Enga­ge­ments in einem Staat, der den Anti­fa­schismus zur Staats­doktrin erklärt hatte. Der Theologe und Poli­tik­wis­sen­schaftler David Ber­gerich stellte in seinem Beitrag die allzu simple Vor­stellung von der «bösen» Regierung und der guten Bevöl­kerung in Frage. Er erin­nerte daran, dass die KZ-Über­le­benden in der Regierung einer großen Masse von NS-Mit­läufern in der Bevöl­kerung gegen­über­standen. Das Ver­wenden von NS-Sym­bolen, besonders bei Fuß­ball­spielen, war eine klare Pro­vo­kation gegen die DDR-Regierung und ihre füh­rende Partei. Doch die direkten Opfer waren Jüdinnen und Juden und die wenigen Nicht­deut­schen in der DDR.

Die Film­wis­sen­schaft­lerin Angelika Nguyen berichtete, wie sie in der Schulzeit dem ras­sis­ti­schen All­tags­terror ihrer Mit­schüler aus­ge­setzt war. Während in sal­bungs­vollen Reden die inter­na­tionale Soli­da­rität mit Vietnam beschworen wurde, wurde sie wegen ihrer Her­kunft aus diesem Land beleidigt und gede­mütigt.

Die His­to­ri­kerin und Publi­zistin Annette Leo, die in der End­phase der DDR über die Unab­hängige Antifa berichtet hat, setzte sich sehr dif­fe­ren­ziert mit der Rolle des Anti­se­mi­tismus in der DDR aus­ein­ander. Sie erin­nerte an die Kam­pagne gegen Jüdinnen und Juden Anfang der 50er Jahre, die mit Stalins Tod beendet wurde. Auch die anti­is­rae­lische Politik der DDR und aller War­schauer-Ver­trags­staaten sei nicht frei von anti­se­mi­ti­schen Ele­menten gewesen. Der Mit­be­gründer der Ost­ber­liner Antifa, Dietmar Wolf, ging auf die kurze Geschichte dieser unab­hän­gigen Bewegung in ver­schie­denen Städten der DDR ein. Nach der Wende zer­streuten sich viele Gruppen, doch ihre Mit­glieder blieben aktiv gegen die Neo­na­zi­be­wegung, die seit Herbst 1989 anwuchs.

In der anschlie­ßenden Dis­kussion mel­deten sich auch DDR-Bürger zu Wort, die sich kri­tisch zur auto­ri­tären SED-Politik äußerten, aber für eine dif­fe­ren­zierte Sicht­weise warben, wenn es um den Umgang mit Opfern der Shoah in der DDR geht. So berichtete ein Mann, dass er als Stu­die­render in den 80er Jahre mit seinen Kom­mi­li­tonen jüdische Friedhöfe in Berlin betreut und gepflegt habe. Das sei eine offi­zielle, auch von der DDR-Politik geför­derte Aktion gewesen. Auch habe es in der DDR Bücher und Filme gegeben, die den Mas­senmord an den euro­päi­schen Jüdinnen und Juden the­ma­ti­sierten. Nur der Begriff Holo­caust wurde dafür nicht ver­wendet.

Ins­gesamt hätte man den Ver­an­staltern mehr Mut für eine auch kon­tro­verse Debatte gewünscht. Der Mode­rator hat manche Fragen als State­ments qua­li­fi­ziert, die dann nicht weiter dis­ku­tiert wurden. Auch einige Refe­renten wie David Begerich schienen wenig Interesse an einer Dis­kussion ihrer Thesen gehabt zu haben und igno­rierten Nach­fragen aus dem Publikum.

Am Samstag wurden in einer Arbeits­gruppe auch die Kon­flikte mit der West-Antifa ange­sprochen, die dazu führten, dass sich nicht nur die ost­deutsche Antifa separat orga­ni­sierte. Andrej Holm erklärte, dass die radikale Linke in der Ost­deutschland sich in unter­schied­lichen Bereichen vor der west­deut­schen Dominanz und deren «kolo­nialem Ver­halten» schützen wollte. Zur Her­aus­bildung einer eigen­stän­digen ost­deut­schen Linken sei es aller­dings nicht gekommen. Als posi­tives Gegen­bei­spiel nannte Isa­bella Wohmann die Umland-Antifa, wo Ber­liner Gruppen Initia­tiven ohne Metro­po­lenar­roganz unter­stützten.

Die Tagung soll im nächsten Jahr fort­ge­setzt werden. Dann soll die aktuelle Ver­netzung von Initia­tiven im Mit­tel­punkt stehen. Auf https://​afa​-ost​.de/​l​i​t​e​ratur
finden sich zahl­reiche Doku­mente über den Kampf gegen Rechte in der DDR und die Anfänge der Antifa-Ost.

aus: SoZ, Sozia­lis­tische Zeitung Januar 2018

Antifa Ost …

Peter Nowak

Ostdeutsche Antifa blickt zurück

Auf einer Tagung dis­ku­tierten Akti­visten über linke Politik in der DDR- und Wen­dezeit

Eine Gruppe Punks und alter­na­tiver Jugend­licher sitzt um eine Schreib­ma­schine und ist mit der Her­stellung eines Flug­blatts beschäftigt. Die Szene stammt aus einen Kurzfilm, der vor 30 Jahren in Potsdam ent­standen ist. Mit­glieder der damals in der Stadt gegrün­deten »unab­hän­gigen Antifa« wollten damit die Bevöl­kerung über ihre Arbeit infor­mieren.

Am ver­gan­genen Freitag wurde mit diesem Kurzfilm im Pots­damer Rechen­zentrum die Tagung »30 Jahre Antifa in Ost­deutschland« ein­ge­leitet. Einige der Jugend­lichen aus dem Film gehörten zu den Mit­or­ga­ni­sa­toren. Für manche war es ein Wie­der­sehen nach vielen Jahren. Auch zahl­reiche junge Men­schen waren aber darüber hinaus zu der Tagung gekommen, die mit über 200 Teil­nehmern gut besucht war. »Ich bin anti­fa­schis­tisch aktiv und ich will mich infor­mieren, wie in der DDR, in der Wen­dezeit und in den 1990er Jahren der Kampf gegen Neo­nazis orga­ni­siert wurde«, sagte ein Besucher, der seinen Namen nicht nennen will, zum »nd«.

Die Sozi­al­wis­sen­schaft­lerin Christin Jänicke wollte sich dagegen mit der unab­hän­gigen Antifa in der DDR beschäf­tigen, weil diese in Büchern über die autonome Anti­fa­be­wegung oft nicht erwähnt werde. »Die Geschichte der Antifa wurde fast aus­schließlich aus West­per­spektive geschrieben«, sagte Jänicke. Sie hat vor einigen Monaten gemeinsam mit Ben­jamin Paul-Siewert im Dampf­boot­verlag das Buch »30 Jahre Antifa in Ost­deutschland, Per­spek­tiven auf eine eigen­ständige Bewegung« her­aus­ge­geben. Seitdem erin­nerten die Autoren auf zahl­reichen Ver­an­stal­tungen an das 30-jährige Jubiläum der unab­hän­gigen Antifa in der DDR. Auch die Tagung am Wochenende hätte es ohne das Buch nicht gegeben. 

Auf der Auf­takt­ver­an­staltung dis­ku­tierten die Teil­nehmer über die Hin­ter­gründe des selbst­or­ga­ni­sierten anti­fa­schis­ti­schen Enga­ge­ments in einem Staat, der den Anti­fa­schismus selbst zur Staats­doktrin erklärt hatte. Der Theologe und Poli­tik­wis­sen­schaftler David Ber­gerich stellte in seinen Beitrag die allzu simple Vor­stellung von der »bösen« Regierung und der »guten« Bevöl­kerung in Frage. Er erin­nerte daran, dass die Über­le­benden der Kon­zen­tra­ti­ons­lager in der Regierung einer großen Masse von NS-Mit­läufen in der Bevöl­kerung gegen­über­standen. 

Das Ver­wenden von NS-Sym­bolen besonders bei Fuß­ball­spielen wäre so eine klare Pro­vo­kation gegen die DDR und ihre füh­rende Partei gewesen. Doch die direkten Opfer waren Juden und die wenigen Nicht­deut­schen in der DDR.

Die Film­wis­sen­schaft­lerin Angelika Nguyen berichtete weiter, wie sie in der Schulzeit dem ras­sis­ti­schen All­tags­terror ihrer Mit­schüler aus­ge­setzt war. Während in sal­bungs­vollen Reden die inter­na­tionale Soli­da­rität mit Vietnam beschworen wurde, habe man sie wegen ihrer Her­kunft aus diesem Land gede­mütigt. 

Die His­to­ri­kerin und Publi­zistin Annette Leo, die in der DDR über die unab­hängige Antifa berichtet hatte, setzte sich weiter dif­fe­ren­ziert mit der Rolle des Anti­se­mi­tismus in der DDR aus­ein­ander. Sie erin­nerte an die Kam­pagne gegen Juden Anfang der 1950er, die mit Stalins Tod beendet wurde. Auch die anti­is­rae­lische Politik der DDR und aller War­schauer-Ver­trags­staaten sei nicht frei von anti­se­mi­ti­schen Ele­menten gewesen. 

Der Mit­be­gründer der Ost­ber­liner Antifa Dietmar Wolf ging derweil auf die kurze Geschichte der unab­hän­gigen Bewegung in den Städten der DDR ein. Nach der Wende zer­streuten sich laut ihm wieder viele Antifa-Gruppen, doch ihre Mit­glieder blieben oft aktiv gegen die seit 1989 anwach­sende Neo­na­zi­be­wegung.

Am Samstag wurden in einer Arbeits­gruppe auch die Kon­flikte zwi­schen west­deut­schen und ost­deut­schen Anti­fa­schisten, die zu einer sepa­raten Orga­ni­sierung führten, ange­sprochen. Der Stadt­so­ziologe Andrej Holm erklärte, dass sich die radikale Linke in den ver­schie­denen Bereichen vor der west­deut­schen Dominanz und deren »kolo­nialen Ver­halten« schützen wollte. Zur Her­aus­bildung einer eigen­stän­digen ost­deut­schen Linken sei es aller­dings nicht gekommen. 

Als posi­tives Gegen­bei­spiel benannte Isa­bella Wohmann die »«Umland-Antifa, wo Ber­liner Gruppen Initia­tiven ohne »Metro­po­lenar­roganz« unter­stützten. Die Tagung soll im nächsten Jahr mit wei­teren Treffen fort­ge­setzt werden.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​7​2​4​0​7​.​o​s​t​d​e​u​t​s​c​h​e​-​a​n​t​i​f​a​-​b​l​i​c​k​t​-​z​u​r​u​e​c​k​.html

Peter Nowak

Antifa: Wie gegen eine AfD vorgehen, die sich in Parlament und Gesellschaft etabliert?

Jetzt könnten die feh­lenden Bezüge zu Streiks und sozialen Kämpfen zum Problem werden

Die rechts­na­tionale AfD ist auf ihren Han­no­ve­raner Par­teitag noch ein Stück weiter nach rechts gerückt. So hatte der rechts­kon­ser­vative Ber­liner AfD-Vor­sit­zende Gerd Paz­derski keine Chance und Gauland bot sich als großer Einiger der Partei an. Er gilt schon lange als Protegé des rechten Flügels.

Der Rechtsruck wird wei­ter­gehen, solange die Partei trotzdem Wahl­er­folge hat. Bisher haben ihr die regel­mä­ßigen medialen Skan­da­li­sie­rungen nicht geschadet. Da geht es nicht um Björn Höcke, dessen Par­tei­aus­schluss wohl nicht mehr zur Debatte steht, auch wenn sich der Par­teitag damit nicht befasst hat. Erst vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass sich AfD-Poli­tiker aus der zweiten Reihe an rechten Foren betei­ligen, in denen offene Neo­na­zi­po­si­tionen ver­treten werden.

Da wurde auch erstmals der Name der AfD-Lan­des­vor­sit­zenden von Schleswig Hol­stein, Doris von Sayn-Witt­gen­stein, genannt, die trotzdem auf dem Par­teitag fast zur Co-Spre­cherin neben Meuthen gewählt worden wäre. Der eigent­liche Streit innerhalb der AfD wird auch nicht zwi­schen Rechts­ex­tremen und weniger extremen Rechts­kon­ser­va­tiven aus­ge­tragen, sondern zwi­schen den einen, die aus der AfD eine völ­kische Bewegung machen und nur als stärkste Kraft in eine Regierung ein­treten wollen – sie haben sich vor kurzen in Leipzig zur Compact-Kon­ferenz in Leipzig getroffen, dessen Motto »Oppo­sition heißt Wider­stand« lautete. Daneben gibt es die anderen, die auch als Min­der­hei­ten­partei mit Union und FDP die poli­tische Land­schaft nach rechts ver­schieben wollen.

Die beiden nach der Bun­des­tagswahl aus­ge­tre­tenen AfD-Mit­glieder Petry und Pretzell sind da die bekann­testen Expo­nenten dieser Realo­fraktion. Pretzell ist wei­terhin Mit­glied der ultra­rechten Par­tei­en­for­mation Europa der Nationen und der Freiheit im EU-Par­lament gemeinsam mit FPÖ und Front National. Das macht deutlich, dass es bei dem Streit ums Mit­re­gieren und nicht um die Abgrenzung nach rechts­außen geht.

Die Pro­bleme der AfD-Gegner

Nun ist es für die Gegner der AfD keine ange­nehme Situation, wenn man den Par­teitag einer Partei ver­hindern will, die in manchen Bun­des­ländern stärkste Partei ist. Das macht schon einen Unter­schied zur NPD, die eben ihr NS-Aroma zu deutlich ver­strömte. Die AfD hin­gegen hat mitt­ler­weile deutlich gemacht, dass man Rechts­außen sein und trotzdem Wahlen gewinnen kann. Trotzdem zeigte sich das Bündnis Ras­sismus ist keine Alter­native, das wesentlich gegen den AFD-Par­teitag mobi­li­siert, zufrieden mit dem Ergebnis:

»Mehr als 7.000 Men­schen setzten zum AfD-Bun­des­par­teitag in Han­nover ein deut­liches Zeichen gegen den Rechtsruck in Deutschland. In ihren spon­tanen Aktionen, Blo­ckaden und in der Groß­de­mons­tration ließen sich die Anti­fa­schis­tinnen und Anti­fa­schisten nicht von einem über­zo­genen und bru­talen Poli­zei­einsatz ein­schüchtern«, schrieb der Bündnis-Sprecher Jan Sperling.

Doch für die Antifa-Bewegung werden sich einige Fragen stellen, wenn es der AfD gelingt, sich län­ger­fristig in den Par­la­menten und mehr noch in den öffent­lichen Dis­kursen zu eta­blieren. Das macht schon jetzt bemerkbar.

Wenn bei den Pro­testen gegen die geplante Schließung von Siemens-Zen­tralen auch die AfD beteiligt ist und damit durchaus bei einigen der Beschäf­tigten auf Zustimmung stößt, dann ist das ein Zeichen, dass sich auch auf der Straße und sogar in manchen Fabriken eine rechte Pro­test­kultur zu eta­blieren beginnt.

Wenn eine von Zwangs­räumung bedrohte Ulmer Familie, deren Schicksal die Publi­zistin Gabriele Göttle sehr bewegend in der Taz por­trä­tiert, am Schluss über die »Asyl­be­werber« und »Aus­länder« hetzt, dann wird deutlich, wie tief die sozi­al­ras­sis­tische Ideo­logie ins Bewusstsein auch der poor People ein­ge­drungen ist. Hieraus speist sich der Erfolg der AfD und von Pegida.

Mit Rechten reden?

Ist es dann über­haupt sinnvoll, Sym­pathie für den Kampf gegen die Ver­treibung einer Familie her­zu­stellen, die sich ihre soziale Situation ras­sis­tisch erklärt und der als Lösung auch nur »weniger Aus­länder« ein­fällt, könnte man fragen. Und was würde Ulrike Sommer von der Initiative »Ras­sismus ist keine Alter­native« darauf ant­worten? Sie hat schließlich in einem Interview mit dem Neuen Deutschland auf die Frage, ob man mit Rechten reden soll, so geant­wortet:

»Mit Rechten reden«, wie es momentan von manchen gefordert wird, ist also nichts für Sie?
Nein, das ist ein grund­le­gender Fehler. Statt mit wollen wir über sie reden. Unsere Argu­mente richten sich nicht an die über­zeugten Brand­stifter, die in der Bevöl­kerung vor­handene auto­ritäre Ansichten und Vor­ur­teile arti­ku­lieren. Sie richten sich an alle, die die ras­sis­tische, sexis­tische Pro­pa­ganda der AfD nicht mehr ertragen wollen und das Gefühl haben, ihrem Auf­stieg hilflos zusehen zu müssen. Wir wollen klar­machen, dass die AfD mit uns nicht unwi­der­sprochen eine Bühne bekommt.

Ulrike Sommer vom »Bündnis Natio­na­lismus ist keine Alter­native«

Die poli­tische Stoß­richtung des State­ments ist völlig korrekt. Dass heute durch den Stand der Pro­duk­ti­ons­kräfte die Mittel vor­handen wären, weltweit eine Situation zu schaffen, wo niemand mehr hungern und an heil­baren Krank­heiten sterben muss, ist zutreffend. Nur fehlt hier ein wich­tiger Hinweis: Die kapi­ta­lis­tische Pro­fit­ge­sell­schaft ist eine reale Schranke für die Umsetzung dieser Vor­stellung. Diese Aus­lassung aber ist fol­gen­reich.

So wird der falsche Ein­druck erweckt, es läge schlicht am Willen von Poli­tikern mit der Umsetzung einer glo­balen Umver­teilung zu beginnen. Wer hin­gegen, wie Sarah Wagen­knecht und Co., einen Sozi­al­staat im natio­nalen Rahmen pro­pa­giert, wird fast schon inAfD-Nähe gestellt. Dabei besteht das Problem doch in erster Linie darin, dass sie nicht über den Kapi­ta­lismus hinaus denken können und wollen und daher eben keine Vor­stellung von einer glo­balen Eman­zi­pation jen­seits natio­naler Reform­pro­gramme haben.

Leer­stelle Kapi­ta­lis­mus­kritik

Wenn Ulrike Sommer vom anti­na­tio­nalen Bündnis kein Wort dazu sagt, dass ihre Vor­stel­lungen im Kapi­ta­lismus eben nicht umzu­setzen sind, mag das auch daran liegen, dass man mög­lichst keine Bünd­nis­partner ver­graulen will. Dadurch werden aber auch Illu­sionen erzeugt, man könnte sich die Mühe sparen, den Kapi­ta­lismus theo­re­tisch ver­stehen und prak­tisch über­winden zu müssen, wenn man das schöne Leben für alle erreichen will.

Die Leer­stelle Kapi­ta­lis­mus­kritik, die sich in vielen Erklä­rungen der aktu­ellen anti­fa­schis­ti­schen Bewegung findet, hat auch Folgen für den Umgang mit den Men­schen, die ras­sis­tische und andere AfD-kom­pa­tible Ideo­logeme ver­treten, wie bei­spiels­weise die erwähnte, von Zwangs­räumung bedrohte Ulmer Familie, die Göttle por­trä­tiert hat. Und das war richtig.

Denn die Soli­da­rität mit der Familie gegen ihre Ver­treibung bietet die Chance, dass sie auch ihr Weltbild ändert. Aller­dings muss dann auch das ras­sis­tische Weltbild benannt und kri­ti­siert werden. Schließlich ist da die Ulmer Familie keine Aus­nahme. Das ist in einer kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft nicht ver­wun­derlich. Die Men­schen ver­halten sich sozi­al­chau­vi­nis­tisch und damit gemäß der kapi­ta­lis­ti­schen Logik, die auf Aus­grenzung basiert.

Mit einer mora­lisch grun­dierten Ras­sis­mus­kritik kommt man da nicht weit. Die beste Antifa-Akti­vität bestünde darin, in den Stadt­teilen der armen Bevöl­kerung Basis­arbeit zu machen, von Räumung bedrohte Men­schen wie die erwähnte Ulmer Familie sowie Aktionen auf Job­centern und in Betrieben zu unter­stützen. Der Begriff »arme Men­schen«, der oft einen mit­lei­digen Ton bekommt, wird hier im Sinne des Autors und Erwerbs­lo­sen­ak­ti­visten Harald Rein ver­wendet, der kürzlich das Buch Wenn arme Men­schen sich nicht mehr fügen ver­öf­fent­licht hat und damit auf das Poor-People-Movement in eng­lisch­spra­chigen Ländern rekur­riert.


Soziale Kämpfe wären die beste Antifa-Arbeit

Nur in kon­kreten Kämpfen gäbe es die reale Mög­lichkeit, dass die Men­schen ihre ras­sis­tische und sozi­al­chau­vi­nis­tische Haltung ändern. Dafür gibt es in der Geschichte aller Länder viele Bei­spiele. Didier Eribon erin­nerte in seinen in Deutschland viel­zi­tierten Buch »Rückkehr nach Reims« an eine Beob­achtung des Phi­lo­sophen Sartre:

Vor dem Streik ist der fran­zö­sische Arbeiter spontan ras­sis­tisch und traut Ein­wandern nicht über den Weg, während des Streiks aber ver­schwinden diese nied­rigen Emp­fin­dungen. Da herrscht Soli­da­rität und wenn auch nur par­tielle oder vor­über­ge­hende.

Jean-Paul Sartre

Eribon bestätigt diese Ein­schätzung aus eigenen Erfah­rungen und erin­nerte an die Parole der späten 1960er Jahre »Fran­zö­sische Arbeiter, ein­ge­wan­derte Arbeiter, ein Boss, ein Kampf«, die selbst bei kleinen Streiks eine Rolle spielen. Sartres Beob­achtung müsste aus­ge­weitet werden. Seine Beob­achtung gilt für alle Länder und der Streik könnte auch ein Zahltag im Job­center oder eine ver­hin­derte Zwangs­räumung sein.

Es ist klar, dass die Antifa-Bewegung in Deutschland in ihrer heu­tigen Ver­fassung eine solche Aufgabe nicht leisten kann, schon ganz einfach deshalb, weil sie in den Stadt­teilen, in denen die armen Men­schen wohnen, kaum ver­treten ist. Auch in den Haupt­schulen ist die Antifa kaum ver­treten. Doch das größte Problem besteht darin, dass in großen Teilen der Antifa-Bewegung gar nicht das Bewusstsein dafür besteht, dass der soziale Kampf mit den armen Men­schen die Rechten stoppen kann.

Das wurde auch auf einer Pots­damer Tagung am Wochenende deutlich, die sich dem 30-jäh­rigen Jubiläum der Unab­hän­gigen Antifa in der DDR widmete, die sich gegen die auch dort sich ent­wi­ckelnde Neonazi-Bewegung gegründet hatte. Während sich die sehr infor­mative Auf­takt­dis­kussion der Situation in der DDR widmete, ging es in den Work­shops am Samstag um die Gegenwart.

Auch hier spielte die Frage, wie es gelingen kann, die armen Men­schen in den abge­hängten Stadt­teilen zu gewinnen, kaum eine Rolle. Kämpfe im Betrieb, im Job­center und dem Stadtteil als Teil des Kampfes gegen Rechts kamen auch dort nicht vor. Dabei hat die Mit­or­ga­ni­sa­torin der Tagung und Mit­her­aus­ge­berin des im Dampfboot-Verlag her­aus­ge­ge­benen Buches 30 Jahre Antifa in Ost­deutschland, Christin Jänicke, darauf hin­ge­wiesen, dass es sich um eine links­ra­dikale Bewegung handelt, die eine Distanz zu allen Par­teien hatte.

Es ist aber auch in vielen Teilen eine links­li­berale Bewegung, die in ihrer berech­tigten Kritik an der Tra­di­ti­ons­linken gleich alle Streiks und sozialen Kämpfe mit ent­sorgen will oder ihnen zumindest fern­steht. Manche sehen sogar den Klas­sen­kampf als überholt an. Das wird aber in einer Zeit zu einem Problem, wo der Kampf gegen Rechts eben gerade heißen müsste, in diese Kämpfe zu inter­ve­nieren.

Soll man also mit Rechten reden? Nicht wenn es sich um ihre Ideo­logen und Funk­tionäre wie Götz Kubit­schek und Co. handelt, zu deren Rit­tergut in letzter Zeit viele auch sich links ver­ste­hende Autoren pilgern und am Mythos mit­stricken. Wenn es aber um soziale Bewe­gungen oder Streiks geht, sollte eine anti­fa­schis­tische Bewegung Teil der Kämpfe sein und dort dann auch Ras­sismus, Anti­se­mi­tismus und andere anti-eman­zi­pative Ideo­logeme kri­ti­sieren.

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Peter Nowak

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»Der DDR-Antifaschismus war lediglich ein staatlich verordneter«

Dietmar Wolf war in der linken DDR-Oppo­sition aktiv und Mit­be­gründer der Unab­hän­gigen Antifa Ost­berlin. In diesem Herbst jährt sich zum 30. Mal die Gründung der Unab­hän­gigen Antifa in ver­schie­denen Städten der DDR. Daran erinnert ein Buch mit dem Titel »30 Jahre Antifa in Ost­deutschland«, das kürzlich im Verlag West­fä­li­sches Dampfboot erschienen ist (»Jungle World« 30/2017). Wolf ist bis heute Mit­her­aus­geber und Redakteur der Zeit­schrift »tele­graph«. Wegen seiner anti­fa­schis­ti­schen Tätigkeit will er kein Foto von sich ver­öf­fent­licht sehen. Am 30. Sep­tember wird er ab 19 Uhr im FAU-Lokal in der Grünthaler Straße 24 in Berlin über die Geschichte der Unab­hän­gigen Antifa in der DDR berichten.

Warum haben Sie und Ihre Mit­streiter die Unab­hängige Antifa gegründet?
Seit 1983 nahmen die offenen Akti­vi­täten von faschis­ti­schen Gruppen, zum größten Teil rechts­ge­richtete Skin­heads und Fuß­ballfans, sprunghaft zu. Es kam immer wieder zu Über­fällen auf Aus­länder, Punks, links­al­ter­nativ Gekleidete und Oppo­si­tio­nelle. In dieser Zeit bil­deten sich auch feste faschis­tische Gruppen, die sich zum Bei­spiel »Bewegung 30. Januar« – in Anlehnung an die Macht­er­greifung der Nazis am 30. Januar 1933 – oder »Bucher Front« nannten. Die hatten damals bereits Kon­takte zu West­ber­liner Faschisten, die in der Fol­gezeit inten­si­viert wurden. Der Überfall von Nazi-Skin­heads auf ein Punk­konzert in der Ost­ber­liner Zions­kirche im Oktober 1987 hatte in zwei­erlei Hin­sicht Signal­wirkung. Zum einen erhöhte sich die Zahl der offenen Über­griffe von Nazis und Skin­heads, zum anderen regte sich erstmals selbst­or­ga­ni­sierter Wider­stand. Daraus folgte die Gründung von unab­hän­gigen Anti­fa­gruppen in Potsdam und Dresden 1987, in Halle 1988 und in Berlin dann im April 1989.

Warum gründete sich die Unab­hängige Antifa in Ost­berlin erst so spät?
Nach dem Nazi-Überfall in der Zions­kirche gab es, ähnlich wie in Potsdam und Dresden, auch in Berlin einen Versuch von Punks im Umfeld der oppo­si­tio­nellen Umwelt­bi­bliothek und der Offenen Arbeit der Erlö­ser­kirche, eine Anti­fa­gruppe zu gründen. Das schlug jedoch fehl. Zu ver­schieden waren die Vor­stel­lungen, zu diffus die Ziele. Im April 1989 gab es dann einen zweiten Anlauf. Aus­löser war das Gerücht, dass sich zum 100. Geburtstag Adolf Hitlers DDR-weit Neo­nazis am 20. April in Potsdam ver­sammeln wollten. Am 19. April fand in der »Kirche von Unten« (KvU) eine Podi­ums­ver­an­staltung zu Nazis in der DDR statt. Diese Ver­an­staltung war die Initi­al­zündung für die Gründung einer Anti­fa­gruppe etwa zwei Wochen später. Daran betei­ligten sich über 100 junge Men­schen, die mehr­heitlich nicht der Oppo­si­ti­ons­szene ange­hörten.

Sehen Sie in der langen Wei­gerung der DDR-Ver­ant­wort­lichen, die Existenz aktiver Neo­nazis in der DDR anzu­er­kennen, eher Hilf­lo­sigkeit oder Kalkül?
Es kann gar keinen Zweifel geben, dass die DDR im Wesen ein anti­fa­schis­ti­scher Staat war. Nir­gendwo wurde so rigoros und kon­se­quent ent­na­zi­fi­ziert wie in der Sowje­ti­schen Besat­zungszone (SBZ). Dabei darf sicher nicht ver­schwiegen werden, dass es ab 1948 vielen Nazis und Nazi­ver­bre­chern gestattet wurde, wieder ins poli­tische und gesell­schaft­liche Leben der DDR zurück­zu­kehren und dort auch hohe poli­tische, gesell­schaft­liche und mili­tä­rische Posi­tionen zu erlangen. Das ist einer der ganz großen Wider­sprüche des DDR-Anti­fa­schismus. Man darf aber nicht ver­schweigen, dass die Zahl der Nazi­ver­brecher und faschis­ti­schen Mas­sen­mörder, die in den west­lichen Besat­zungs­zonen und dann in der BRD erneut Ein­fluss erlangten und wirt­schaftlich, mili­tä­risch und poli­tisch Kar­riere machen durften, im selben Zeitraum deutlich höher war.

Warum konnte sich trotz der anti­fa­schis­ti­schen Pos­tulate in der DDR eine Nazi­szene eta­blieren?
Ein alles ent­schei­dender Punkt für mich ist, dass sich die DDR im Gegensatz zur BRD auf anti­fa­schis­tische Werte und Tra­di­tionen berief. Doch dieser DDR-Anti­fa­schismus war lediglich ein staatlich ver­ord­neter. Mit allen Mitteln und Mög­lich­keiten der staat­lichen Gewalt wurde gegen neo­fa­schis­tische Erschei­nungen und Ten­denzen vor­ge­gangen. Gleich­zeitig sollte dies unter allen Umständen im Geheimen geschehen und schon gar nicht the­ma­ti­siert werden. Nachdem die sowje­tische Mili­tär­ad­mi­nis­tration in Deutschland (SMAD) 1948 mit dem Befehl 35 die Ent­na­zi­fi­zierung in der sowje­ti­schen Besat­zungszone (SBZ) für beendet erklärt hatte, wurde die gesamte Bevöl­kerung der SBZ/DDR auto­ma­tisch zu Anti­fa­schisten erklärt. Eine offene gesell­schaft­liche Auf­ar­beitung der Macht­übergabe an Hitler und der Unter­stützung durch den Großteil der deut­schen Bevöl­kerung und eine Dis­kussion darüber, wie ein wirk­licher sozia­lis­tisch-anti­fa­schis­ti­scher Wie­der­aufbau nach der Befreiung Deutsch­lands statt­finden müsste, wären unum­gänglich gewesen. Doch diese fanden nie statt.

Was waren die Gründe?
Dem standen Stalin und die sta­li­nis­tisch beein­flussten Teile der KPD/SED im Weg. Es ging auch um den allei­nigen Herr­schafts­an­spruch der KPD/SED, der sich grund­legend auf den Mythos vom ersten anti­fa­schis­ti­schen Staat auf deut­schem Boden stützte, in dem unter Führung der KPD/SED der Faschismus mit der Wurzel aus­ge­rottet worden sei. So ist es nicht ver­wun­derlich, dass Ermitt­lungen gegen Alt- und Neo­nazis im Wesent­lichen in die Ver­ant­wortung des DDR-Geheim­diensts MfS fielen. Die DDR-Justiz ver­ur­teilte faschis­tische Täter stets nur wegen soge­nannten Row­dytums oder wegen Störung des sozia­lis­ti­schen Zusam­men­lebens.

Welches Ver­hältnis hatten die unab­hän­gigen Anti­fa­gruppen zur DDR-Oppo­sition?
Es gab gute Kon­takte zu linken Oppo­si­ti­ons­gruppen, die sich anar­chis­tisch defi­nierten, wie zum Bei­spiel die Umwelt­bi­bliothek und die KvU in Berlin. Das kam auch daher, dass einige Mit­glieder dieser anar­chis­ti­schen Gruppen in den Anti­fa­gruppen aktiv waren. Der große Teil der Oppo­si­ti­ons­gruppen, auch einige linke, mar­xis­tische, trotz­kis­tische, nahm die Anti­fa­gruppen und das Thema Ras­sismus und Nazis in der DDR aber nicht wirklich ernst.

Die Mau­er­öffnung ermög­lichte direkte Kon­takte mit West­ber­liner und west­deut­schen Anti­fa­gruppen. Wie ent­wi­ckelte sich das Ver­hältnis?
Das Ver­hältnis war nicht unpro­ble­ma­tisch. Nach anfänglich großem Interesse und großer Bereit­schaft zur Zusam­men­arbeit mussten viele Anti­fa­schisten aus der DDR fest­stellen, dass es ihnen unter Linken nicht anders ging als mit dem Rest der Gesell­schaft. Bevor­mundung, Her­ab­wür­digung und ideo­lo­gische Ein­glie­de­rungs­ver­suche aus dem Westen führten sehr schnell dazu, dass auch unter den anti­fa­schis­ti­schen Gruppen der Begriff des Ost-West-Kon­flikts Einzug hielt. Während west­deutsche Anti­fa­gruppen Anfang der Neun­ziger mit der AABO eine anti­fa­schis­tisch aus­ge­richtete Kader- und Samm­lungs­or­ga­ni­sation nach dem Muster der K‑Gruppen der Sieb­ziger und dem his­to­ri­schen Vorbild des sta­li­nis­ti­schen Rot­front­kämp­fer­bunds auf­bauen wollten, schufen Anti­fa­gruppen aus der ehe­ma­ligen DDR das soge­nannte Ost­ver­net­zungs­treffen, zu dem Gruppen aus dem Westen keinen Zugang hatten.

Die Pogrome von Hoyers­werda bis Rostock haben zu einer bis heute nicht abge­schlos­senen Dis­kussion geführt, ob die dor­tigen Neo­nazis Produkt der DDR oder der Wende waren. Was denken Sie darüber?
Zu sagen, die Nazis in der DDR seien nicht Produkt der DDR gewesen, wäre natürlich Blödsinn. Gleich­zeitig ist es auch großer Blödsinn, wenn Men­schen behaupten, schuld sei der Zwangs­kol­lek­ti­vismus der DDR gewesen, weil dort alle Kinder im Kin­der­garten gleich­zeitig auf den Topf gesetzt wurden. Man darf den sozialen Zusam­men­bruch durch die Zer­störung der DDR-Wirt­schaft und die mas­sen­hafte Exis­tenz­ver­nichtung durch den kapi­ta­lis­ti­schen Raubzug nach dem 3. Oktober 1990 nicht gänzlich igno­rieren. Es mag sein, dass die Bereit­schaft, ras­sis­ti­sches und anti­se­mi­ti­sches Gedan­kengut auf die Straße zu tragen und Gewalt aus­zuüben, im Osten größer ist. Fakt ist aber auch, dass es neben den ras­sis­ti­schen Pogromen von Hoyers­werda und Rostock das ras­sis­tische Pogrom in Mannheim-Schönau im Mai 1992 und die ras­sis­ti­schen Mord­an­schläge in Mölln und Solingen gab. Im Übrigen wurde die AfD 2016 in Mannheim-Schönau bei den dor­tigen Land­tags­wahlen mit 30 Prozent stärkste Partei.

Sie sind noch heute in der anti­fa­schis­ti­schen Bil­dungs­arbeit tätig. Sehen Sie ange­sichts des Auf­stiegs der AfD noch eine besondere Rolle der Unab­hän­gigen Antifa der DDR oder ist das für Sie nur noch eine his­to­rische Frage?
Es ist auch der Beharr­lichkeit anti­fa­schis­ti­scher Politik und Öffent­lich­keits­arbeit zu ver­danken, dass selbst bür­ger­liche Medien heute die AfD als faschis­tisch ein­ordnen. Ich sehe meine Bil­dungs­arbeit als einen kleinen Beitrag zum Erhalt und zum Transfer von anti­fa­schis­ti­scher Geschichte und Wissen. Sie ist in gewisser Weise eine Brücke von 1987 ins Jahr 2017. Denn leider stelle ich immer wieder fest, dass die Anti­fa­schisten von 2017 kaum etwas über die Anti­fa­schisten von 2007 und 1997 wissen, geschweige denn über die von 1987.

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Interview: Peter Nowak