Polizeiaktion wegen Antifa-Blockade

Die Poli­zei­aktion hat bisher zur Mobi­li­sierung gegen den Neo­na­zi­auf­marsch bei­getragen.
Am 19.Januar bekamen die Geschäfts­stelle der Dres­dener Links­partei sowie der anti­fa­schis­tische Laden Red Stuff Poli­zei­besuch. Beschlag­nahmt wurden neben Com­putern Aufrufe und Plakate, die zu einer Blo­ckade gegen einen Alt- und Neo­na­zi­auf­marsch am 13. Februar in Dresden auf­riefen.

Anlässlich des Jah­res­tages der alli­ierten Bom­bar­dierung gelang den ansonsten zer­strit­tenen Rechten in der Elbe­stadt ein ein­heit­liches Auf­treten. Unter­stützung bekamen sie dabei auch von Rechts­kon­ser­va­tiven. So ent­wi­ckelte sich der Auf­marsch zu Deutsch­lands größter rechter Demons­tration. Die unter­schied­lichen linken Gruppen mobi­li­sierten viele Jahre getrennt gegen den rechten Auf­marsch. Noch im letzten Jahr stellte ein Bündnis die Kritik auch am offi­zi­ellen Dresden-Gedenken in den Mit­tel­punkt, während der größere Teil der Nazi­gegner ein Bündnis gegen die äußerste Rechte in den Mit­tel­punkt stellte und dafür andere Fragen zurück­stellte.

In diesem mobi­li­sieren nun auch die Gegner der Rechten gemeinsam zu einer gewalt­freien Blo­ckade. Zu den Unter­stützern gehören neben ver­schie­denen Poli­tikern der Linken und Gewerk­schafter auch der Ober­bür­ger­meister von Jena, Albrecht Schröter.

Die Poli­zei­aktion hat bisher eher zur Mobi­li­sierung gegen den Neo­na­zi­auf­marsch bei­getragen. Auch die Grünen und die SPD kri­ti­siert die Maß­nahme. So zeigte sich das SPD-Mit­glied des säch­si­schen Land­tages Hanka Kliese, eben­falls Mit­un­ter­zeich­nerin des Auf­rufes, erstaunt über die Aktion: »Es handelt sich um einen Aufruf zu einer gewalt­freien Demons­tration. Das halte ich für legitim.« Sie wundere sich sehr darüber, welche Schwer­punkt­setzung die Staats­an­walt­schaft im Vorfeld der Demo für ihre Arbeit gewählt hat. 
 http://​www​.heise​.de/​t​p​/​b​l​o​g​s​/​8​/​1​46938

Peter Nowak

Der verdächtige Link

Wie das Babels­berger Pro­jek­tehaus ins Visier des Bran­den­burger Ver­fas­sungs­schutzes geriet
Idyl­lisch liegt das Babels­berger Pro­jek­tehaus am Grieb­nitzsee. Auf dem Areal leben seit fünf Jahren Men­schen aus meh­reren Ländern und Genera­tionen zusammen. Sie haben das Haus selbst nach öko­lo­gi­schen Grund­sätzen reno­viert. Beim Töp­ferkurs sitzt schon mal die Mutter aus dem Schlaatzer Wohn­block mit der Mutter aus der Babels­berger Villa an einem Tisch. Zahl­reiche zivil­ge­sell­schaft­liche Pro­jekte, wie die Opfer­per­spektive, der Bran­den­burger Flücht­lingsrat sowie Umwelt­gruppen haben ihre Büros. »Unser Ziel ist es, gesell­schaft­liches Enga­gement und Zusam­men­leben zu ver­binden«, betont der Koor­di­nator des Pro­jekt­hauses, Holger Zschoge.

Dieses Enga­gement hat das Projekt ins Visier von CDU-Poli­tikern und Medien gebracht. Den Anfang machte der Bran­den­burger Ver­fas­sungs­schutz (VS). Auf dessen Homepage heißt es unter der Über­schrift »Links­ex­tre­mis­tische Bünd­nis­po­li­tik/UN-Kli­ma­kon­ferenz« über den Träger des Pro­jek­te­hauses: »Der in Potsdam ansässige ›För­der­verein inno­va­tiver Wohn- und Lebens­formen‹ (Inwole) hat sich auf seiner Homepage mit ›Never trust a cop‹ ver­linkt«. »Trau niemals einem Poli­zisten« war der Name des linken Bünd­nisses, das anlässlich des Kli­ma­gipfels in Kopen­hagen zu Aktionen des zivilen Unge­horsams auf­ge­rufen hatte.

Auf der VS-Homepage wurde auch auf einen kri­ti­schen Aufruf zu den Kli­ma­pro­testen hin­ge­wiesen. Danach wurden mehrere För­derer des Vereins auf­ge­führt, dar­unter die GLS Gemein­schaftsbank, die Bewe­gungs­stiftung und die Orga­ni­sation Jugend für Europa. Über die wie­derum teilt der VS mit, dass der Verein nach eigenen Angaben im Auftrag des Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­riums arbeite.

Der CDU-Innen­po­li­tiker Sven Petke begrüßte das »offensive Vor­gehen des Ver­fas­sungs­schutzes« und for­derte die Strei­chung der För­der­mittel für den Verein. »Es ist untragbar, dass der Staat seine Gegner mit För­dergeld unter­stützt.« Auch die Regio­nal­zeitung »Pots­damer Nach­richten« griff die Kam­pagne auf und titelte: »Aufrufe zur Gewalt – gefördert von Bund und EU«. Eine Gegen­dar­stellung des Vereins druckte sie nicht.

»Dabei stammt der inkri­mi­nierte Aufruf von der Initia­tiv­gruppe Soziale Bewegung / Pots­damer Kli­ma­bündnis Kopen­hagen, die kein Projekt des Vereins ist«, betont Katja Altenburg von Inwole. Die Gruppe nutzte aller­dings die Inter­net­plattform von Inwole. Das ent­spreche dem Selbst­ver­ständnis von Pro­jek­tehaus und Verein. Ziel sei es, mög­lichst viele Men­schen in selbst orga­ni­sierter Pro­jekt­arbeit zu unter­stützen. »Das Pro­jek­tehaus wird daher auch von nicht zum Verein gehö­renden Gruppen und Per­sonen genutzt, die selbst über Inhalte und Form ihrer Pro­jekte ent­scheiden«, betont Altenburg.

Auch der Link zu der Homepage der linken Kli­ma­be­wegung stehe nicht auf der Vereins-Homepage, sondern ist nur über mehrere Klicks auf andere Initia­tiven zu erreichen. »Da könnte auch die Stadt Potsdam zu den Unter­stützern gerechnet werden, denn die hat auf Frei­zeit­ak­ti­vi­täten von uns auf ihrer Homepage hin­ge­wiesen«, so Altenburg. Da bis­herige Bemü­hungen, mit dem Ver­fas­sungs­schutz zu kom­mu­ni­zieren, ergeb­nislos waren, erwägt der Verein juris­tische Schritte, um die Mit­teilung ent­fernen zu lassen.

Peter Nowak

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​6​3​1​5​5​.​d​e​r​-​v​e​r​d​a​e​c​h​t​i​g​e​-​l​i​n​k​.html

Der unmögliche Frieden

»Wenn du das, was du siehst, nicht fühlst, wirst du Andere nie dazu bringen, etwas zu fühlen, wenn sie deine Bilder betrachten.« So lautet das Motto des 1935 in London gebo­renen Foto­grafen Don McCullin, dem die C/O-Galerie im Alten Post­fuhramt mit der Aus­stellung »The impos­sible Peace« eine Retro­spektive widmet. Die Aus­stellung beginnt mit Auf­nahmen aus West- und Ost­berlin in den Tagen des Baus der Ber­liner Mauer. Gleich im Anschluss beginnen die Fotos von den zahl­reichen Kriegen, in denen McCullin als Fotograf berühmt wurde. Zypern, Vietnam, Kam­bo­dscha, Biafra, der Nahe Osten lauten einige seiner Sta­tionen zwi­schen 1966 und 1984.www​.co​-berlin​.eu

Mehrmals wurde McCullin dabei schwer ver­letzt. In einem kurzen Film erzählt der Fotograf, wie er in Kam­bo­dscha von einer Kugel getroffen wurde, und mit Mor­phium betäubt in einen Prit­schen­wagen ver­laden wurde, auf dem viele Schwer­ver­letzte und Ster­bende lagen. Trotz seiner Schmerzen packte McCullin seine Kamera und schoss Fotos. Dabei ist er kei­neswegs ein Mann, der für ein Foto über Leichen geht. Im Gegenteil: McCullins Intention ist eine Denun­zierung des Krieges. Er wollte ver­hindern, dass der Krieg wie ein Hol­lywood-Film dar­ge­stellt wird. Dafür zeigte er gefol­terte und ster­bende Zivi­listen und Sol­daten. Er lichtete US-Rangers ab, die den spär­lichen per­sön­lichen Besitz eines getö­teten Vietcong in alle Winde zer­streuen. Doch es sind nicht nur die Schlacht­felder in Asien und Afrika, die McCullins foto­gra­fi­sches Interesse geweckt haben. Er richtet seine Linse auch auf sozialen Ver­hee­rungen am Rande euro­päi­scher oder US-ame­ri­ka­ni­scher Städte. Wir sehen einen völlig ver­wahr­losten Mann auf einer Straße in Liverpool liegen. Sein Alter ist unklar, ebenso ist ungewiss, ob er noch lebt. McCullin hat genau hin­ge­schaut in den Obdach­lo­sen­heimen und Irren­an­stalten. Seine Fotos denun­zieren nicht die abge­bil­deten Men­schen, sondern die Ver­hält­nisse, die sie in ein solches Leben zwingen.

In zwei Räumen sind McCullins Arbeiten der jüngsten Zeit zusehen. Mit Motiven aus den Antike hat er scheinbar seinen Job als Fotograf der Kriege hinter sich gelassen. Doch in dem Film berichtet er davon, dass ihn die Erleb­nisse aus den Kriegs- und Kri­sen­ge­bieten bis heute nicht los­lassen. Wer den letzten Hil­feruf eines ster­benden Sol­daten mit der Kamera ein­fängt oder Bilder über ein Kleinkind schießt, das vor Hunger seine eigene Finger aufisst, kann nicht einfach die Ver­hält­nisse ver­gessen, die dafür ver­ant­wortlich sind. McCullins Fotos sorgen dafür, dass sich auch seine Betrachter Gedanken darüber machen.

Die Aus­stellung »The impos­sible Peace« ist noch bis 28.2. zu sehen, täglich von 11 bis 20 Uhr, in der C/O-Galerie in der Ora­ni­en­burger Str. 35/36, 10117 Berlin zu sehen.

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​6​3​4​8​8​.​d​e​r​-​u​n​m​o​e​g​l​i​c​h​e​-​f​r​i​e​d​e​n​.html

Peter Nowak

Kampagne für Unia-Sekretär

Gewerk­schafter sitzt seit Wochen im Gefängnis

Der Gewerk­schafter Murad Akin­cilar sitzt in der Türkei im Gefängnis. Die Unia startete eine inter­na­tionale Kam­pagne für seine Frei­lassung.

Murad Akin­cilar ist in der Schweiz als aktiver Gewerk­schafter und Men­schen­rechts­ak­tivist. Er arbeitet seit vielen Jahren als Gewerk­schafts­se­kretär für die Gewerk­schaft Unia in Genf, wo er seit 1999 wohnt. In diesem Jahr hat er gemeinsam mit seiner Frau Asyl in der Schweiz bean­tragt und erhalten. Als aktiver Linker und Gewerk­schafter war er in der Türkei poli­ti­scher Ver­folgung aus­ge­setzt. Nun muss er diese Erfah­rungen erneut machen. Denn Akin­cilar sitzt seit mehr als drei Monaten in einem tür­ki­schen Gefängnis. Am 30. Sep­tember 2009 war er im Beisein seiner Frau in der Istan­buler Wohnung seiner Eltern von tür­ki­schen Zivil­po­li­zisten ohne Angabe ver­haftet worden. An diesem Tag fanden in meh­reren tür­ki­schen Städten Razzien gegen Linke statt. 17 Per­sonen wurden fest­ge­nommen, wenige Tage später wurde gegen acht von ihnen ein Haft­befehl erlassen, Akin­cilar gehörte dazu.

Ihm wird die Mit­arbeit an der sozia­lis­ti­schen Zwei­mo­nats­schrift Demo­kratik Dönüsüm Dergisi (Demo­kra­ti­sches Trans­for­ma­tions-Magazin) vor­ge­worfen, einem seit dem Jahr 2000 legal erschei­nende linken Debat­ten­zeit­schrift.

Nachdem bisher alle Ver­suche von Akin­cilars Rechts­an­wälten gescheitert sind, die Frei­lassung des Mannes zu erreichen, hat die Unia eine län­der­über­grei­fende Soli­da­ri­täts­kam­pagne gestartet.

Darin wird neben seiner sofor­tigen Frei­lassung auch die Gewährung der Grund­rechte ein­ge­fordert. »Murad muss die Mög­lichkeit haben, mit seiner Familie und seinem Anwalt in Kontakt zu treten, die Vor­würfe gegen ihn zu kennen und würdige Haft­be­din­gungen zu haben, die der inter­na­tio­nalen Ver­pflichtung der Türkei ent­sprechen«, heißt es in einem Appell.

»Wir haben seine mora­lische Inte­grität und seinen Gerech­tig­keitssinn immer geschätzt«, heißt es in einer Erklärung der Unia zu Akin­cilar. Unter dem Motto »Gewerk­schafter gehören nicht ins Gefängnis« hat es in den letzten Wochen in der Schweiz zahl­reiche Soli­da­ri­täts­ak­tionen gegeben, an denen sich ein Bündnis linker Gruppen betei­ligte.

Neben zahl­reichen Gewerk­schaftern aus ver­schie­denen euro­päi­schen Ländern hat sich auch die Links­fraktion GUE/NGL im Euro­pa­par­lament den For­de­rungen nach seiner Frei­lassung ange­schlossen.

Die Akti­visten befürchten, dass ein wei­terer Gefäng­nis­auf­enthalt die schon lange ange­schlagene Gesundheit von Akin­cilar weiter schädigt. So musste der schwer seh­be­hin­derte Mann während der Haft an beiden Augen ope­riert werden.

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​6​3​0​4​6​.​k​a​m​p​a​g​n​e​-​f​u​e​r​-​u​n​i​a​-​s​e​k​r​e​t​a​e​r​.html

Peter Nowak

Erinnerung an einen linken Aufbruch

Ein Sammelband vermittelt einen Überblick über Lateinamerikas Bewegungen in den 60ern

Den Spuren des linken Auf­bruchs in Latein­amerika in den 60er Jahren ist der lesens­werte Sam­melband »Kon­tinent der Befreiung?« gewidmet.

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All­jährlich erinnern Akti­visten in Mexiko an das Mas­saker von 1968 und ihre Draht­zieher (Prä­sident Díaz/​Innenminister Eche­verría).
Foto: AFP

Noch immer ist unklar, wie viele Men­schen ums Leben kamen, als Polizei und Militär am 2. Oktober 1968 in der Haupt­stadt von Mexiko die Stu­den­ten­pro­teste blutig nie­der­schlugen. Diese Ereig­nisse haben im magi­schen Jahr 1968 in Europa kaum Reak­tionen her­vor­ge­rufen. Für viele latein­ame­ri­ka­nische Linke hin­gegen ist das Mas­saker noch immer ein Trauma. »Auf Schläge und Gefängnis waren wir vor­be­reitet. Doch auf den Tod waren wir nicht vor­be­reitet«, sagt die damalige Akti­vistin Elisa Ramirez im Gespräch mit der Latein­ame­ri­kaspe­zia­listin Anne Huff­schmid. Die arbeitet am Ber­liner Latein­ame­ri­ka­in­stitut in einer Pro­jekt­gruppe, die sich den Spuren des linken Auf­bruchs in Zentral- und Latein­amerika widmet.

Mit dem jüngst im Verlag Asso­ziation A erschie­nenen Buch, das Huff­schmid mit einer stu­den­ti­schen Pro­jekt­gruppe erar­beitet hat, wird diese Arbeit jetzt auch über den uni­ver­si­tären Rahmen hinaus bekannt.

Die The­men­pa­lette, die in dem Buch behandelt wird, ist sehr breit. Der kolum­bia­nische Gue­ril­la­priester Camilo Torres hat ebenso seinen Platz wie der in Europa kaum bekannte radikale argen­ti­nische Gewerk­schafts­ak­tivist Agostin José Tosco und die bra­si­lia­nische Femi­nistin Leila Diniz. Neben der poli­ti­schen Ent­wicklung in Latein­amerika spielt auch Kultur eine große Rolle. An den Inter­na­tio­nalen Kul­tur­kon­gress in Havanna, an dem im Januar 1968 Intel­lek­tuelle aus aller Welt teil­nahmen und für eine Revo­lu­tio­nierung der Ver­hält­nisse ein­traten, wird erinnert. Es wäre inter­essant zu erfahren, wie der west­deutsche Kon­gress­teil­nehmer Hans Magnus Enzens­berger heute darüber denkt.

Das in Europa kaum bekannte argen­ti­nische Kunst­projekt »Tucumán brennt« hat in Latein­amerika einen großen Anteil bei der Her­aus­bildung einer gesell­schafts­ver­än­dernden Kunst gehabt. Im Rahmen dieses Pro­jektes haben Ende 1968 Künstler und Gewerk­schafter gemeinsam mit den Bewohnern der argen­ti­ni­schen Armuts­region Tucumán die Gründe für Ver­elendung der Men­schen erforscht und künst­le­risch auf­ge­ar­beitet.

Die Zeit­spanne der in dem Buch vor­ge­stellten Themen reicht von Anfang der 60er bis Anfang der 70er Jahre. Dabei ist die kuba­nische Revo­lution ein zen­traler Bezugs­punkt für die unter­schied­lichen Bewe­gungen auf dem ame­ri­ka­ni­schen Kon­tinent. In vielen Ländern for­derten nicht nur Stu­denten, sondern auch aktive Arbeiter und Mit­glieder linker Par­teien einen offen­si­veren Oppo­si­ti­onskurs. Der Tod Che Gue­varas trägt nicht zur Nie­derlage, sondern eher zur Radi­ka­li­sierung der Bewegung bei. Erst gewaltsame Ein­griffe, wie 1968 in Mexiko oder Mili­tär­putsche in den 70er Jahren in vielen latein­ame­ri­ka­ni­schen Ländern, sorgen für ein oft blu­tiges Ende des linken Auf­bruchs. Nicht nur in Argen­tinien wird davon gesprochen, dass eine ganze Generation linker Akti­visten zum Ver­stummen gebracht wurde. Das Buch ent­reißt ihre Hoff­nungen und Kämpfe dem Ver­gessen. Zugleich wird auch an die Vor­ge­schichte der hie­sigen 68er Bewegung erinnert. Mehrere latein­ame­ri­ka­nische Gesprächs­partner betonen, dass der Pariser Mai 68 für sie keine große Rolle gespielt hat. »In Frank­reich begann alles, weil die Jungs mit den Mädchen schlafen wollten. In Bra­silien gab es einen seit 1964 dau­ernden Kampf gegen die Mili­tär­dik­tatur«, betont Vla­dimir Pal­meira aus Bra­silien die Dif­fe­renzen. Umge­kehrt hat der Kampf und Tod Che Gue­varas für die Ent­wicklung der euro­päi­schen 68er schon eine Bedeutung gehabt.

Durch zum Thema pas­sende Fotos und die Unter­teilung in über­schaubare Kapitel ist das Buch sehr lese­freundlich gestaltet.

Anne Huffschmid/​Markus Rau­ch­ecker (Hrsg.), »Kon­tinent der Befreiung? Auf Spu­ren­suche nach 1968 in Latein­amerika«, Asso­ziation A, 256 Seiten, 16 Euro.

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Aufregung über Anti-Kriegs-Provokation

Bun­des­wehr­stu­denten stellen Straf­an­zeige wegen ange­kün­digten Sekt­um­trunks nach Sol­da­tentod
Eine anti­mi­li­ta­ris­tische Kam­pagne aus Berlin hat ihr erstes Ziel erreicht: Politik, Bun­deswehr und Medien äußern öffentlich ihre Empörung.

Das Büro für Anti­mi­li­ta­ris­tische Maß­nahmen (BamM) und der Ber­liner Lan­des­verband der Deut­schen Friedensgesellschaft/​Vereinigte Kriegs­dienst­gegner erhielten in den letzten Tagen viele Hass­mails. Die Pazi­fisten werden dort als Vater­lands­ver­räter und Kaker­laken beschimpft und mit dem Tod bedroht.

Der Grund für diese Angriffe ist ein offener Brief der beiden Orga­ni­sa­tionen an die in Afgha­nistan sta­tio­nierten deut­schen Sol­daten. Gleich in den ersten Sätzen wird deutlich, dass die Absender den Sol­daten kei­neswegs gewogen sind: »Sie führen Krieg in aller Welt. Das Töten unschul­diger Zivi­listen ist dabei nach Meinung Ihres Vor­ge­setzten, des sog. Bun­des­ver­tei­di­gungs­mi­nisters, unver­meidlich. Sie setzen diese men­schen­ver­ach­tende Haltung um, indem Sie hin und wieder größere Men­schen­an­samm­lungen bom­bar­dieren oder Ihre Bünd­nis­partner bei solchen ›frie­dens­er­zwin­genden Maß­nahmen‹ unter­stützen«, heißt es dort. Besonders erzürnt haben dürfte die Uni­for­mierten der letzte Absatz, in dem sich die Kriegs­gegner mit dem Ehrenmal für die getö­teten Bun­des­wehr­sol­daten in Berlin aus­ein­an­der­setzen. Dort werden die Namen von umge­kom­menen Bun­des­wehr­sol­daten mit einer LED-Lampe acht Sekunden lang an die Wand des Ehrenmals pro­ji­ziert.

»Der ›ewige Ruhm‹ kommt bei Ihnen ganz schön kurz«, spotten die Pazi­fisten. »Um den Sol­da­tentod noch ein wenig süßer zu machen als er ohnehin schon sein soll, werden wir künftig jedes Mal, wenn einer von Ihnen ›fällt‹, eine Runde Schampus schmeißen. Aus lauter Freude, direkt an Ihrem Ehrenmal.« Mitt­ler­weile zir­ku­lieren in Berlin Aufrufe, in denen dazu auf­ge­rufen wird, sich an dem Tag, an dem ein Bun­des­wehr­soldat umkommt, um 17.30 Uhr zum Sekt­trinken zu ver­sammeln.

Die Auf­regung auf diesen Brief war nicht nur bei der Sprin­ger­presse groß. Der Stu­den­tische Konvent der Helmut-Schmidt-Uni­ver­sität Hamburg, an der viele Offi­ziers­an­wärter stu­dieren, hat Straf­an­zeige gegen die Ver­ant­wort­lichen der Inter­net­plattform bamm​.de gestellt. »Wir wollen, dass sie zur Ver­ant­wortung gezogen werden, es ist nicht das erste Mal, dass auf der Seite so etwas auf­taucht«, erklärt ein Sprecher des Kon­vents. Auf der Inter­net­plattform StudiVZ hat mitt­ler­weile eine Nut­zer­gruppe die Initiative »Flagge zeigen gegen bamm​.de« gegründet, die sich gegen die »Ver­un­glimpfung der Sol­daten« wendet. Der Wehr­be­auf­tragte des Bun­des­tages Reinhold Robbe (SPD) spricht von einer per­fiden und nicht zu über­bie­tenden Geschmack­lo­sigkeit.

Günther Schütz von der BamM sieht in der Auf­regung den Beweis, dass »unsere Kam­pagne genau zum rich­tigen Zeit­punkt kommt und die richtige Wirkung hat«. Es gehe darum, den Sol­daten auf eine dras­tische Art die Folgen ihrer Betei­ligung am Kriegs­einsatz vor Augen zu führen. Auch die ange­kün­digten juris­ti­schen Schritte sieht der Sprecher der BamM gelassen. Bereits im November 2009 seien die Ermitt­lungen in einem ähn­lichen Ver­fahren ein­ge­stellt worden.

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Peter Nowak

Im Gespräch mit Claude Lanzmann – eine Hamburger Begegnung

Schon um 18 Uhr hatte sich am 18. Januar vor einem alten Ham­burger Bunker eine lange Schlange gebildet. Die Men­schen wollten aller­dings nicht eine ange­sagte Band, sondern eine Film­vor­führung mit einem anschlie­ßenden Gespräch besuchen. Viele mussten wegen Über­füllung den Rückzug antreten. Im Popclub „Übel und gefährlich“ war jeder Platz besetzt und auch um die Theken drängten sich die Men­schen. Auf vier Lein­wänden war der Film „Warum Israel“ zu sehen. Seit im Oktober in einem Ham­burger Kino sich als pro­pa­läs­ti­nen­sisch ver­ste­hende Linke die Auf­führung dieses Films ver­hin­derten, wurde der Film mehrere Male in Hamburg und auch in anderen deut­schen Städten gezeigt. In dem 1973 ent­stan­denen Film lässt der fran­zö­sische Fil­me­macher Claude Lanzmann unter­schied­liche Bewohner Israels zu Wort kommen, die über die Pro­bleme des Staates, aber auch den Über­le­bens­willen der Bevöl­kerung in einer weit­gehend feind­lichen Umgebung sprechen. Wer den Film gesehen hat, wird noch weniger ver­stehen können, warum aus­ge­rechnet Linke in Deutschland die Auf­führung dieses Films ver­hindern wollten.

Beim anschlie­ßenden Gespräch bot der Kul­tur­theo­re­tiker Klaus The­weleit eine Erklärung. Für ihn sei das ein Bei­spiel für rechtes Gedan­kengut unter linken Vor­zeichen. Der Publizist und Her­aus­geber der Monats­zeitung KONKRET, Hermann L. Gremliza, wollte mit seiner Teil­nahme an dem Gespräch vor allem ein Zeichen gegen jene setzen, die den Film ver­hindern wollten. Für ihn sind das Problem dabei nicht kleine, sich als links ver­ste­hende Gruppen sondern ein Großteil der Bevöl­kerung. Die habe aller­dings mitt­ler­weile gelernt, bestimmte Begriff­lich­keiten zu ver­meiden, um Ärger aus dem Weg zu geben, so Gremliza, der in der Konkret jeden Monat Bei­spiele für getarnten Anti­se­mi­tismus auf­spürt und sprachlich seziert. Gremliza hatte einen Einwand zu dem Film. Die Paläs­ti­nenser fehlen weit­gehend, sowohl als Bewohner als auch die Israel bedro­henden Orga­ni­sa­tionen.

Doch der Regisseur Claude Lanzmann, der für den Publi­kums­an­drang gesorgt hatte, betonte, dass er zu Israel keinen aus­ge­wo­genen, beiden Seiten gerecht wer­denden Film machen könne. Ein ent­spre­chendes Angebot des dama­ligen israe­li­schen Minis­ter­prä­si­denten Rabin musste er daher ablehnen. Zur Erläu­terung berichtete Lanzmann aus seiner Bio­graphie.

Als Schüler war er Mit­glied des kom­mu­nis­ti­schen Jugend­ver­bandes und orga­ni­sierte in seiner Hei­mat­stadt den Wider­stand gegen die Nazis und die fran­zö­si­schen Unter­stützer. Die Gründung Israels habe bei ihm noch kein beson­deres Interesse erzeugt. Damals habe er an der Freien Uni­ver­sität Berlin gelehrt. Noch Anfang der 50er Jahre habe er sich mehrere Wochen in der jungen DDR ohne Papiere auf­ge­halten und Berichte für große fran­zö­sische Zei­tungen geliefert. Als er einige Jahre später erstmals Israel besuchte, war es ihm aus per­sön­lichen Gründen nicht möglich, Zei­tungs­ar­tikel darüber zu schreiben. Auch eine geplante Buch­ver­öf­fent­li­chung kam nicht zum Abschluss. Mit dem Film „Warum Israel“ lie­ferte er schließlich 1973 sein ganz per­sön­liches Statement zu diesem Land und seinen Wider­sprüchen. Es war auch das Statement eines ehemals aktiven Kom­mu­nisten, der wegen der nomi­nal­so­zia­lis­ti­schen Praxis von seinen poli­ti­schen Über­zeu­gungen abge­rückt war und durch den Besuch in Israel den Zio­nismus ent­deckte.

Rufmord an Lanzmann

Der Applaus des Publikums weit nach Mit­ter­nacht galt dem Film und dem Lebensweg dieses Mannes. Diese Aner­kennung wird ihm in großen Teilen der Öffent­lichkeit ver­weigert. Das zeigt sich an einer uner­freu­lichen Debatte über eine im Herbst im Rowohlt-Verlag erschei­nende Bio­graphie „Der pata­go­nische Hase“. Ein Autor der ZEIT unter­stellte Lanzmann indirekt, die Geschichte zu fäl­schen. Die FAZ hin­gegen sprach von einem Rufmord an Lanzmann. Die Tat­sache, dass Teile des deut­schen Feuil­letons aus­ge­rechnet den Regisseur des Filmes Shoah in die Nähe der Geschichts­fäl­schung bringen, zeigte die Not­wen­digkeit dieser Ver­an­staltung und gibt auch Gremliza recht, der das Problem in der deut­schen Gesell­schaft und nicht in erster Linie bei kleinen linken Gruppen sieht .

Die Reak­tionen auf die Film­vor­führung und die Debatte waren denkbar unter­schiedlich. Im Ham­burger Abend­blatt wurde unter der Über­schrift „Zu viel Ehr­furcht vor dem Stargast“ der Angriff gegen Lanzmann fort­ge­setzt: „Zwei Fragen nach der Aktua­lität des Films und seiner künst­le­ri­schen Hand­schrift nutzte der aus Paris ein­ge­flogene Regisseur zu einem 45 Minuten langen Monolog, in dem er viel aus seinem Leben erzählte und nebenbei Werbung für seine im Herbst erschei­nende Auto­bio­grafie machte.“

Diese Aus­füh­rungen, aus denen die Aversion gegen Lanzmann her­aus­zu­lesen ist,  sind tat­sächlich eine Unver­schämtheit.

Diesen Vorwurf macht der Ham­burger Publizist Günther Jakob in seinen „spon­tanen Notizen“ aber auch den Orga­ni­sa­toren der Ver­an­staltung. Er bezeichnete sie als „ein poli­ti­sches Desaster«, und eine »unver­schämte Zumutung« für Lanzmann. Dieser schlug dann auch nach einer Stunde vor, den Abend abzu­brechen. Nun könnte dieser Wunsch auch der fort­ge­schrit­tenen Zeit geschuldet sein. Es war schon nach Mit­ter­nacht und der Saal begann sich zu leeren. Außerdem hat Lanzmann deutlich gemacht, dass er keine Lust hat, über den Gaza-Streifen und die Paläs­ti­nenser zu dis­ku­tieren. Das hatte aber auch Hermann L. Gremliza nicht im Sinn, als er seine Frage stellte. Er betonte aus­drücklich, dass er auch die paläs­ti­nen­si­schen Orga­ni­sa­tionen, die Israel bedrohen, in dem Film ver­misst.

Peter Nowak

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