Interview für die Direkte Aktion

Erschienen in: Direkte Aktion 230 – Juli/​August 2015

https://​www​.direkteaktion​.org/​2​3​0​/​k​l​e​i​n​e​-​g​e​i​l​e​-​s​t​reiks

Streiks scheinen auch in Deutschland zuzu­nehmen – eine neue deutsche Streik­welle?

Dem­nächst erscheint das Buch „Ein Streik steht, wenn mensch ihn selber macht. Arbeits­kämpfe nach dem Ende der großen Fabriken“, her­aus­ge­geben von Peter Nowak. Darin werden Streiks außerhalb des klas­si­schen Fabrik- und Gewerk­schafts­um­felds dar­ge­stellt, vor allem in bislang als schwer orga­ni­sierbar gel­tenden Sek­toren. Auf Ein­ladung der Region Süd der FAU wird der Her­aus­geber das Buch im Sep­tember 2015 u.a. in Frankfurt, Freiburg, Karlsruhe, Mannheim und Stuttgart vor. Die DA sprach mit Peter Nowak über „kleine geile Streiks“.

Siehst du einen all­ge­meinen Trend zu Streiks in pre­kären und nicht gut orga­ni­sierten Sek­toren, oder bleiben dies lobens­werte Ein­zel­fälle?

Oft sind diese Streiks Ein­zel­fälle, aber sie deuten eine Tendenz an. Die Beschäf­tigten in den schwer zu orga­ni­sie­renden Branchen machen die Erfahrung, dass sie oft früh­ka­pi­ta­lis­ti­schen Arbeits­be­din­gungen aus­ge­setzt sind und dass das Gerede über fami­liäre Arbeits­ver­hält­nisse und flache Hier­ar­chien diese Aus­beu­tungs­ver­hält­nisse nur mühsam ideo­lo­gisch ver­schleiern. Sehr deutlich wird das am Arbeits­kampf in einem Ber­liner Spätkauf, den ich im Buch vor­stelle. Er ging für den Beschäf­tigten erfolg­reich aus, er erstritt sich mit Hilfe der FAU eine Lohn­nach­zahlung. Dies war nur möglich, weil der Arbeits­kampf auch als poli­tische Aus­ein­an­der­setzung öffentlich geführt wurde.Der Kollege arbeitete in der Woche bis zu 60 Stunden, hatte aber offi­ziell einen 20-Stunden-Job. Er war mit dem Chef per Du und erfüllte oft die Funktion eines Laden­leiters. Als der Chef eine Kamera ein­baute, mit der er den Kol­legen ständig an seinen Arbeits­platz beob­achten konnte, war das Maß voll. Er for­derte nicht nur den Abbau der Kamera, sondern auch eine Bezahlung nach den von ihm geleis­teten Arbeits­stunden, Pausen, Urlaub etc. Sofort wurde der Laden­be­sitzer, mit dem er per Du war, zum Klein­ka­pi­ta­listen, der ihm zeigen wollte, wer Herr im Haus war. Er ver­hängte ein Haus­verbot gegen den Kol­legen und seine Unter­stüt­ze­rInnen und ging juris­tisch gegen Medien vor, die über den Arbeits­kampf berich­teten. Hier begann erst die Geschichte des Arbeits­kampfes, der sicher ohne die Unter­stützung der FAU und eines Unter­stüt­ze­rIn­nen­kreises so nicht möglich gewesen wäre. So gelang es, innerhalb weniger Wochen mit Flyer- und Pla­kat­ak­tionen im Umfeld des Spät­kaufs deutlich zu machen, dass Aus­beutung in der Nach­bar­schaft beginnt und bekämpft werden muss. Es gab mehrere Kund­ge­bungen und zunehmend reagierten Anwoh­ne­rInnen offener. An diesem Bei­spiel zeigt sich, dass es möglich ist, auch in Branchen, die schwer zu orga­ni­sieren sind, einen erfolg­reichen Arbeits­kampf zu führen. Dazu gehört aller­dings der erste Schritt, dass der Beschäf­tigte die sozi­al­part­ner­schaft­liche Ideo­logie „Wir sind eine große Familie“ über­winden muss. Es geht darum zu erkennen, dass es auch in diesen Arbeits­ver­hält­nissen Inter­es­sen­ge­gen­sätze zwi­schen den Käu­fe­rInnen und Ver­käu­fe­rInnen der Arbeits­kraft gibt, die nicht durch Chef­duzen über­wunden werden können. Das ist der erste, aber wich­tigste Schritt, um in diesen Branchen einen Arbeits­kampf zu führen. Es gibt viele Bei­spiele, die erst einmal bekannt gemacht werden müssen. Dazu soll das Buch bei­tragen.

Viele kämp­fe­rische Streiks gingen von kleinen oder Spar­ten­ge­werk­schaften aus, oder von sich selbst orga­ni­sie­renden Arbei­te­rInnen. Gleich­zeitig geht der gewerk­schaft­liche Orga­ni­sa­ti­onsgrad seit Jahren zurück. Was leisten kleine Gewerk­schaften, was die klas­si­schen Mas­sen­or­ga­ni­sa­tionen nicht können?

Sie können Beschäf­tigte in Bereichen orga­ni­sieren, die durch das Raster der DGB-Gewerk­schaften fallen. In Branchen, wo es Betriebe mit einer Handvoll Beschäf­tigten gibt, werden die großen Gewerk­schaften erst gar nicht aktiv. Natürlich gibt es da mitt­ler­weile gerade im Bereich von ver.di auch Bewegung. So sind in Hamburg im ver.di-Fachbereich „besondere Dienst­leis­tungen“ mitt­ler­weile auch Sex­ar­bei­te­rInnen orga­ni­siert. Generell aber gilt: Kleine Gewerk­schaften sind viel näher an den Kol­le­gInnen dran und es gibt auch bessere Mög­lich­keiten der Basis­be­tei­ligung, weil eben nicht ein großer Gewerk­schafts­ap­parat vor­handen ist, der im Zweifel Basis­ak­ti­vi­täten lähmt. Rosa und Johanna von labournet​.tv haben im Buch anschaulich beschrieben, wie sich die oft migran­ti­schen Logis­tik­ar­bei­te­rInnen in Nord­italien mit Unter­stützung der Basis­ge­werk­schaft SI Cobas orga­ni­sierten, erfolg­reiche Arbeits­kämpfe führten und auch ein Unter­stüt­ze­rIn­nen­umfeld in der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken fanden. Dass sind Pro­zesse, die Mut und Inspi­ration geben. Es ist über­haupt ein Plä­doyer, über den natio­nalen Tel­lerrand zu blicken. In vielen euro­päi­schen Ländern, aber auch in den USA gibt es inter­es­sante Orga­ni­sie­rungs­ver­suche von schwer orga­ni­sier­baren Beschäf­tigten. Am Ende des Buches sind Zeit­schriften und Inter­net­pro­jekte auf­ge­führt, die darüber berichten.

Der Unter­titel – „Arbeits­kämpfe nach dem Ende der Fabriken“ – ver­weist auf einen anderen Trend: In den Hoch­lohn­ländern nehmen die Betriebs­größen ab, Arbeits­ver­hält­nisse werden zunehmend ‚fle­xi­bi­li­siert’. Wie können sich Arbei­te­rInnen unter diesen ver­än­derten Bedin­gungen wirksam orga­ni­sieren?

Zunächst mal ist die Fle­xi­bi­li­sierung kein Natur­gesetz, wie oft behauptet wird. Sie ist die Folge des Macht­ver­lustes der Arbei­ter­be­wegung in den letzten Jahr­zehnten. Schließlich wurden alle Rechte von Lohn­er­hö­hungen bis zur Begrenzung der Arbeitszeit etc. durch die Arbei­ter­be­wegung erkämpft und waren kein Geschenk von Staat und Wirt­schaft. Aller­dings haben die sozi­al­part­ner­schaft­lichen Gewerk­schaften einen gewich­tigen Anteil daran, dass diese Erkenntnis ver­loren ging. Es gibt natürlich kein Patent­rezept, wie sich Kol­le­gInnen orga­ni­sieren sollen. Wichtig ist, dass sie selber ihre Inter­essen aktiv wahr­nehmen, sich unter­ein­ander aus­tau­schen, berat­schlagen, For­de­rungen auf­stellen und sie dann auch öffentlich durch­setzen. Das ist nicht so viel anders als in der alten Arbei­ter­be­wegung. Denn damals wurde eben­falls unter extrem pre­kären und fle­xiblen Arbeits­ver­hält­nissen gear­beitet und auch dagegen gekämpft.

Im Care-Bereich sind Streiks oft besonders schwer zu ver­mitteln – die von der Arbeits­nie­der­legung Betrof­fenen sind oft von den erbrachten Dienst­leis­tungen in hohem Maße abhängig. Siehst du den jüngsten KiTa-Streik in dieser Hin­sicht als erfolg­reiches Modell? Lässt sich dies auf z.B. den Pfle­ge­be­reich mit seinen noto­risch schlechten Arbeits­be­din­gungen über­tragen?

Viele der neuen Arbeits­kämpfe werden im Dienst­leis­tungs­be­reich geführt, in denen vor allem Frauen oft zu nied­ri­geren Löhnen als Männer beschäftigt sind. Das gilt für den KiTa-Bereich ebenso wie im Gesund­heits­wesen. Auch im Ein­zel­handel waren es vor allem Frauen, die sich gegen ihre Arbeits­be­din­gungen orga­ni­sierten. Die femi­nis­tische Sozi­al­wis­sen­schaft­lerin Gabriele Winker hat in ihrem jüngsten Buch „Care­revo­lution – Schritte in eine soli­da­rische Gesell­schaft“ sehr gut dar­gelegt, dass ein wich­tiger Teil der neuen Care­revo­lution-Bewegung auch gewerk­schaft­liche Kämpfe im Sorge‑, Gesund­heits- und Erzie­hungs­be­reich sind. Dan­kens­wer­ter­weise hat Alex­andra Wisch­newski für unser Streikbuch einen Beitrag geliefert, der sich mit den Pro­blemen einer soli­da­ri­schen Orga­ni­sierung von Care­arbeit befasst. Ihr Aufsatz beginnt mit der Frage: „Wer über­nimmt die Ver­sorgung der Kinder und Alten, der Pflege- oder Assis­tenz­be­dürf­tigen, wenn die Beschäf­tigten streiken?“ Damit spricht sie eine wichtige Frage der neuen Arbeits­kämpfe an. Gerade Arbeits­kämpfe im Dienst­leis­tungs­sektor zeigen nur Wirkung, wenn diese Bereiche lahm­gelegt werden. Was bedeutet es aber für berufs­tätige Frauen, wenn die KiTa geschlossen ist? Die Orga­ni­sierung soli­da­ri­scher Netz­werke ist auch eine Aufgabe der Gewerk­schaften. Wenn während eines KiTa-Streiks gewerk­schaft­liche und femi­nis­tische Zusam­men­hänge gemeinsam eine soli­da­rische KiTa orga­ni­sieren, wächst so auch die Bereit­schaft von Eltern, sich mit dem Arbeits­kampf der KiTa-Beschäf­tigten zu soli­da­ri­sieren. Genauso sollten bei Arbeits­kämpfen im Gesund­heits­sektor Pati­en­tInnen und ihre Ange­hö­rigen ein­be­zogen werden. So wird aus einem Betriebs­kampf eine gesell­schaft­liche Aus­ein­an­der­setzung. Heute ist gerade bei Arbeits­kämpfen in Bereichen außerhalb der großen Fabriken eine gesell­schaft­liche Soli­da­ri­sierung not­wendig für einen Erfolg. Gleich­zeitig wird dadurch, dass ein Arbeits­kampf aus dem Betrieb in die Gesell­schaft getragen wird, deutlich, dass es um mehr als eine Lohn­er­höhung oder eine Arbeits­zeit­ver­kürzung geht. Es geht um die Infra­ge­stellung eines kapi­ta­lis­ti­schen Systems, dass die Ver­wertung und Aus­beutung der Arbeits­kraft zur Grundlage hat.

Interview: Robert Schmid