Mieterkämpfe – Vom Kaiserreich bis heute – Das Beispiel Berlin

I. Ver­lags­an­kün­digung

II. Inhalts­ver­zeichnis

III. Rezension im Oxi Blog

IV. Ver­an­stal­tungen zum Buch

I. Verlagsankündigung

Philipp Mattern (Hg.)
Mie­ter­kämpfe
Vom Kai­ser­reich bis heute – Das Bei­spiel Berlin
Rea­lität der Utopie 3
212 Seiten, 30 Fotos
Paperback, 10,5 x 14,8 cm
Arti­kel­nummer 978–3-86505–749-5
Erscheint im Sep­tember 2018

Woh­nungsnot, explo­die­rende Mieten und die Ver­drängung von Mie­te­rInnen sind bren­nende Themen unserer Zeit – genauso wie der andau­ernde Protest dagegen. Doch dass Mie­te­rInnen auf die Straße gehen und Wider­stand gegen Haus­ei­gen­tümer, Inves­toren und eine unso­ziale Woh­nungs­po­litik leisten, ist nicht neu. Zahl­reiche der meist ver­ges­senen Kämpfe stellen uns die AutorInnen des Buches vor: Neben den legen­dären Blu­men­stra­ßen­kra­wallen 1872 und den Miet­streiks der Wei­marer Republik wird der Wider­stand gegen die Sanie­rungs­po­litik West-Berlins und die Auf­hebung der Miet­preis­bindung the­ma­ti­siert. Geschildert werden auch die Kämpfe migran­ti­scher Mie­te­rInnen und der Bewoh­ne­rInnen von Groß­sied­lungen um men­schen­würdige Wohn­ver­hält­nisse. Vom soge­nannten Schwarz­wohnen in der DDR, den Haus­be­set­zungen der 1980er und 90er Jahre und den Wir-bleiben-Alle-Kam­pangen der Wen­dezeit wird der Bogen geschlagen bis in die Gegenwart. Das Buch nimmt eine his­to­rische Spur auf, die Berlin bis heute prägt. Es erläutert Zusam­men­hänge und stellt Gegen­warts­bezüge her: Was waren die kon­kreten Anlässe und Hin­ter­gründe? Wer die Akteure und was ihre Motive? Und was lässt sich aus den Kämpfen ver­gan­gener Jahr­zehnte lernen?

Mit Bei­trägen von Azozomox, Jürgen Enkemann, Gigi, Duygu Gürsel, Henning Holsten, Andreas Hüttner, Armin Kuhn, Philipp Mattern, Peter Nowak, Marie Schubenz, Axel Weipert, Max Welch Guerra, Dietmar Wolf, Stefan Zoll­hauser.

http://​www​.bertz​-fischer​.de/​p​r​o​d​u​c​t​_​i​n​f​o​.​p​h​p​?​c​P​a​t​h​=​2​1​_​1​3​6​&​p​r​o​d​u​c​t​s​_​i​d=537


II. Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Von Philipp Mattern ––– Seite 7

Krawall im Kiez. Wie es 1872 zu Unruhen in den Arbei­ter­vierteln kam
Von Axel Weipert ––– Seite 9

Erst das Essen – dann die Miete! Arbei­ter­be­wegung, Miet­streik und Woh­nungs­frage in der Wei­marer Republik
Von Henning Holsten und Stefan Zoll­hauser ––– Seite 26

Von der Abriss­sa­nierung zur behut­samen Stadt­er­neuerung. Kon­tro­versen um die West-Ber­liner Stadt­planung der 1960er und 1970er Jahre
Von Jürgen Enkemann ––– Seite 43

Von Blumen und Märchen. Stadt­teil­or­ga­ni­sierung im Mär­ki­schen Viertel
Von Andreas Hüttner und Azozomox ––– Seite 64

Kämpfe migran­ti­scher Mie­te­rInnen. Ras­sismus, Migra­ti­ons­kon­trolle und die Trans­for­mation des urbanen Raums
Von Marie Schubenz, Duygu Gürsel und Azozomox ––– Seite 79

Mythos und Ver­mächtnis. Die Instand­be­set­zungs­be­wegung in West-Berlin
Von Armin Kuhn ––– Seite 95

Kampf gegen den »Weißen Kreis«. Die Kam­pagne zur Ver­tei­digung der Miet­preis­bindung in West-Berlin
Von Max Welch Guerra ––– Seite 122

Vom WBA zu »Wir Bleiben Alle!«. Mie­ter­selbst­or­ga­ni­sierung in Ost-Berlin
Von Peter Nowak
––– Seite 132

Vom sozia­lis­ti­schen Volks­sport zur poli­ti­schen Bewegung. Schwarz­wohnen und Haus­be­set­zungen in der DDR
Von Dietmar Wolf ––– Seite 147

Die erste unab­hängige Mie­ter­be­ratung Ost­deutsch­lands. Orga­ni­sierte Selbst­hilfe im Bezirk Fried­richshain
Von Gigi ––– Seite 169

Berlin ist billig!? Vom ent­spannten Markt zur neuen Woh­nungsnot
Von Philipp Mattern ––– Seite 183

Zeit­schiene ––– Seite 198

Über die Autorinnen und Autoren. Foto­nachweis ––– Seite 205

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II. Rezension im OXI Blog

Träume, Erfolge, Nie­der­lagen: Was man aus der Geschichte der Ber­liner »Mie­ter­kämpfe« lernen kann

Von den Blu­men­stra­ßen­kra­wallen 1872 über die West­ber­liner Beset­zungen bis zum Schwarz­wohnen in der DDR: Ein Sam­melband gräbt die Erfah­rungen ver­gan­gener Aus­ein­an­der­set­zungen um Wohnraum für die Mie­ter­kämpfe von heute aus.

Fer­dinand Hart­stock hatte seit seiner Kindheit in der Blu­men­straße 51c in Berlin gewohnt. Dann kam der 25. Juli 1872 und der Tischler wurde aus seiner Wohnung nahe dem heu­tigen Straus­berger Platz in Fried­richshain zwangs­ge­räumt. Der Ver­mieter schob die Auf­nahme eines Unter­mieters als Begründung vor, »aller­dings dürfte das nur ein Vorwand gewesen sein«, schreibt Axel Weipert über den Fall – »vielmehr sah er wohl eine günstige Gele­genheit, die Wohnung zu einem höheren Preis neu ver­mieten zu können«.

»Mie­ten­wahnsinn« und kein Ende: Zur poli­ti­schen Öko­nomie der Wohnung – hier
Der neue Mie­ten­wahnsinn und die alte Frage kapi­ta­lis­tisch orga­ni­sierter Woh­nungs­ver­sorgung – hier

Der Rauswurf des Fer­dinand Hart­stock liegt viele Jahre zurück und doch klingt der Fall überaus aktuell. Ange­spannte Wohn­si­tuation, stei­gende Mieten, Zwangs­räu­mungen – das ist nicht nur im Berlin des Jahres 2018 Alltag. Immer mehr Men­schen können sich einen inner­städ­tische Lebensort kaum noch leisten. Die »neue Woh­nungs­frage« ist eigentlich eine ziemlich alte. Und wie schon vor 146 Jahren wächst der Wider­stand gegen Ver­drängung, Mie­ten­wahnsinn und die soziale Spaltung der Städte.

Schon kurz nach Hart­stocks Exmit­tierung hatten sich 2.000 Bewohner des Viertels ver­sammelt und gegen die Behandlung des Tischlers pro­tes­tiert, bis zum Abend hatte sich die Menge ver­doppelt, Polizei zog auf, es kam zu den so genannten Blu­men­stra­ßen­kra­wallen. Weil aus­ge­rechnet einen Tag nach Hart­stocks Rauswurf auch noch der Abriss pro­vi­so­ri­scher Armen­be­hau­sungen vor der Stadt begann, wurde der Auf­schrei im Viertel östlich des Alex­an­der­platzes immer lauter. Arbeiter strömten dazu, die Polizei schlug auf die Menge ein, es flogen Steine.

102 ver­wundete Beamte, 159 durch Poli­zei­säbel ver­letzte Demons­tranten, Dut­zende Ver­haf­tungen, ein Groß­prozess wegen Land­frie­dens­bruchs – Wei­perts Rück­schau findet sich in einem aktu­ellen Band über Mie­ter­kämpfe in Berlin. Die von Philipp Mattern her­aus­ge­gebene und im Ber­liner Verlag Bertz + Fischer erschienene Text­sammlung über­blickt eine his­to­risch recht weite Zeit vom Kai­ser­reich bis heute.

Diese Stadt wurde niemals nur passiv bewohnt

Es soll dabei aber nicht bloß um Rück­blick gehen, schon gar nicht um His­to­ri­sierung oder Mythen­bildung. Sondern darum, »die Erfah­rungen ver­gan­gener Aus­ein­an­der­set­zungen um Wohnraum« für die poli­ti­schen Debatten von heute nutzbar zu machen. Die Geschichte von Mie­ter­kämpfen, das ist der Aus­gangs­ge­danke des Bandes, finde viel zu wenig aktuelle Beachtung. »Zu Unrecht«, so Mattern, »die Mie­te­rInnen Berlins haben diese Stadt niemals nur passiv bewohnt, sondern sie traten stets als Sub­jekte in Erscheinung«. Das Buch bean­sprucht gewis­ser­maßen »Gra­bungs­cha­rakter«, um die ver­schüttete Erin­nerung »an die Poli­ti­sierung der Woh­nungs­frage von unten« ans Licht zurück­zu­holen.

Der Sam­melband setzt dabei eine publi­zis­tische Arbeit fort, die in der Zeitung der Ber­liner Mieter-Gemein­schaft in den ver­gan­genen Jahren in loser Bei­trags­folge schon begonnen wurde. Texte über die Miet­streiks der Wei­marer Republik, den Wider­stand gegen die Sanie­rungs­po­litik West-Berlins, die Stadt­teil­or­ga­ni­sierung im Mär­ki­schen Viertel, die Instand­be­set­zungs­be­wegung der 1980er und 1990er Jahre oder Kämpfe migran­ti­scher Mie­te­rInnen ver­suchen Fragen zu beant­worten, die nicht bloß für den Rück­spiegel inter­essant sind: »Was waren die kon­kreten Anlässe und Hin­ter­gründe? Wer die Akteure und was ihre Motive? Und was lässt sich aus den Kämpfen ver­gan­gener Jahr­zehnte lernen?«

Und wenn es um Berlin geht, darf auch die Ost­ge­schichte nicht fehlen – der Sam­melband greift hier drei Bei­spiele aus der DDR und der Wen­dezeit heraus, was in linker Geschichts­be­trachtung oft heute immer noch eine Leer­stelle ist. Den Slogan »Wir Bleiben Alle!« werden viele noch erinnern, »viele wissen aber gar nicht mehr, dass es sich dabei um ein Erbe der DDR handelt«, so Peter Nowak in seinem Beitrag über Mie­ter­selbst­or­ga­ni­sierung in Ost-Berlin. Dietmar Wolfs Text nimmt sich das Schwarz­wohnen und die Haus­be­set­zungen in der DDR vor – Bei­spiele von Häusern, die in den 1980er Jahren Zug um Zug besetzt wurden, in denen sich Oppo­si­tio­nelle und Künstler nie­der­ließen, die dann teils wieder ent­mietet wurden.

Inspi­ration für die Gegenwart und Zukunft

»Da sich das Schwarz­wohnen natur­gemäß im Ver­deckten abspielte, ist das Ausmaß dieser Praxis auch heute nicht genau bekannt. Jedoch nahm es man­cherorts beinahe die Form eines sozia­lis­ti­schen Volks­sports an«, so Wolf. »Und das nicht nur in Berlin.« Dort jedoch vor allem bildete die bunte Mischung aus poli­ti­scher Beset­zungs­aktion, Suche nach Freiraum und Nische, das Fun­dament für die Beset­zungs­welle der Wen­dezeit: »Allein zwi­schen Januar und März 1990 wurden rund 50 Häuser besetzt, über­wiegend von Ost-Ber­li­ne­rInnen und über­wiegend in Prenz­lauer Berg«, so Wolf. »Es folgten weitere, vor allem in Mitte, Fried­richshain und Lich­tenberg, bei denen vor allem Zuge­zogene aus West-Berlin und der BRD aktiv waren. Im Spät­sommer 1990 waren in Ost-Berlin etwa 200 Häuser besetzt – eine Zahl, die alle über­raschte.« Wolf schildert auch die Kon­flikte in der seit Ende 1989 wieder zusam­men­wach­senden Stadt – die zwi­schen Ost-Besetzern und denen im Westen.

Eine geraffte Chronik der Woh­nungs­po­litik und des Auf­be­gehrens gegen stei­gende Mieten und Ver­drängung ergänzt die ein­zelnen Bei­träge des Bandes. »Mie­ter­kämpfe« gibt es auch heute wieder und sogar mehr davon als in manchen zurück­lie­genden Perioden. Sie »ent­wi­ckeln sich aller­dings durchaus wider­sprüchlich und diffus, sie bewegen sich zwi­schen nach­bar­schaft­licher Eigen­in­itiative, sub­kul­tu­rellem und sys­tem­op­po­si­tio­nellem Radi­ka­lismus, der Ein­ge­meindung in das zivil­ge­sell­schaft­liche Vorfeld eines inzwi­schen rot-rot-grünen Senats und dem puren Mut der Ver­zweiflung«, schreibt Her­aus­geber Mattern.

Was sich aus der Geschichte lernen lässt? »Mit ihren Träumen und Nie­der­lagen, Grenzen, aber auch Erfolgen kann sie Inspi­ration für die Gegenwart und Zukunft bieten, um Ver­än­de­rungen der herr­schenden Ver­hält­nisse durch­zu­setzen.«

Philipp Mattern (Hg.): Mie­ter­kämpfe. Vom Kai­ser­reich bis heute – Das Bei­spiel Berlin, Reihe »Rea­lität der Utopie«, Bertz + Fischer 2018, 212 Seiten. Erscheint im Sep­tember.

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Veranstaltungen zum Buch

1. am 29. November 2018 in Berlin (im Rahmen der Finissage zur Aus­stellung »Die Rote Flut – Revo­lu­tionäre Blätter« im IG Metall-Haus)

2. am 26. November 2018 in Berlin (in der Kader­schmiede)