15 Jahre Stiftung Ethecon

Anstiftung zum Anti­ka­pi­ta­lismus: Tepco, VW und Rhein­metall, aber auch Vandana Shiva und Angela Davis wurden von Ethecon prä­miert. Nun feiert die Stiftung Geburtstag.

Die Tepco-Leute haben Hun­dert­tau­senden ihrer Lands­leute Not und Elend gebracht, tragen für lang­wierige Gesund­heits­schäden infolge der Ver­strahlung Ver­ant­wortung, auch dafür, dass große Areale des Landes für lange Zeit unbe­wohnbar sein“. So begründete…

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»Gelobt sei, was das Fliegen teuer macht

Wenn
das Umwelt­be­wusstsein zur Klas­sen­frage wird

Da hat der Freund des Taz-Umwelt­re­dak­teurs Bernhard Pötter noch einmal Glück gehabt. Er musste doch nicht unter der Brücke schlafen, sondern in Pötters Wohnung, obwohl er sich eines in manchen Kreisen ganz schweren Ver­bre­chens schuldig gemacht hat.

»Gelobt sei, was das Fliegen teuer macht“ wei­ter­lesen

Klimakonferenzen – die Konzile des 21. Jahrhunderts

Das aktuelle Reden über das Klima stärkt die Herr­schaft und ent­po­li­ti­siert die Men­schen

Kurz vor Jah­resende gab es eine Poli­zei­razzia [1] mit drei vor­läu­figen Fest­nahmen von Akti­visten [2], die sich gegen die Rodung des Ham­bacher Forsts wenden [3].

Dabei war auch ein Info­laden der Akti­visten betroffen. Die Polizei begründete die Razzia mit mili­tanten Aktionen auf Ein­rich­tungen der RWE, die den Wald roden will. Damit ist zum Jah­resende der Blick noch einmal auf die mobi­li­sie­rungs­fä­higste außer­par­la­men­ta­rische Umwelt­be­wegung gerichtet. Aller­dings kommt das Interesse jetzt wegen der Poli­zei­razzia und die Medi­en­be­richte drehen sich fast nur um die Gewalt­frage.

Warum nicht der Alter­native Nobel­preis für die Besetzer?

Dabei hätten die Besetzer des Ham­bacher Forstes ganz andere Auf­merk­samkeit ver­dient. Haben sie doch ver­hindert, dass der Ham­bacher Forst schon gerodet ist. Dann hätte es auch keinen vor­läu­figen Räu­mungs­stopp durch die Justiz noch die wesentlich von dem Bündnis Ende-Gelände [4] initi­ierten Mas­sen­pro­teste im Oktober im Forst gegeben.

Es waren tat­sächlich die von vielen zunächst ver­lachten Wald­be­setzer, die den Raum geöffnet haben, in dem dann sowohl eine große Mas­sen­be­wegung als auch die Justiz agieren konnte. Dafür hätte die Bewegung »Hambi bleibt« den Alter­na­tiven Nobel­preis ver­dient. Ist nur fraglich, ob ihn dort jemand annehmen würde.

Doch die Akti­visten sind auch ein Bei­spiel für die Fort­dauer von außer­par­la­men­ta­ri­schen Kli­ma­kämpfen. Denn es ist die paradoxe Situation ent­standen, dass noch nie so viel vom Kli­ma­wandel geredet wurde wie in den letzten Wochen und dabei gerade diese Kli­ma­kämpfe weit­gehend in den Hin­ter­grund gedrängt wurden. Denn diese Groß­kon­fe­renzen haben heute fast die Funktion, die im Spät­mit­tel­alter kirch­liche Konzile hatten.

Fast reli­giöser Glaube an die Welt­rettung durch Grenz­werte und Ein­haltung gewisser Formeln

Man lese nur, was in Kurzform [5] über das Konzil von Kon­stanz geschrieben wurde:

Von 1414 bis 1418 war die Stadt Kon­stanz am Bodensee der Mit­tel­punkt der christ­lichen Welt. Bis zu 70.000 Men­schen kamen damals in die 6.000-Einwohnerstadt. Geist­liche und welt­liche Dele­ga­tionen aus der ganzen Welt rangen im mit­tel­al­ter­lichen Kon­stanz vier Jahre lang um die Lösung inner­kirch­licher Kon­flikte und damit auch um eine stabile poli­tische Ordnung.

Planet Wissen [6]

Heute pilgern Tau­sende Men­schen in die ver­schie­denen Städte der Welt zu den Kli­ma­kon­fe­renzen und erhoffen sich die Bei­be­haltung der aktu­ellen Ordnung der Welt und sehen die Rettung in der Ein­haltung irgend­welcher Zahlen und Grenz­werte. Allein diese Hoffnung hat etwas Reli­giöses. Das merkt man schon daran, dass alle, die an diesen Zahlen und Formeln zur Rettung der Welt zweifeln, exkom­mu­ni­ziert werden.

Nun droht ihnen, anders als im Spät­mit­tel­alter, nicht mehr der Schei­ter­haufen. Aber der Aus­schluss aus dem Kreis der Ver­nünf­tigen bzw. Recht­gläu­bigen kann schon die Folge sein, wenn man an die Welt­rettung durch Ein­haltung von Grenz­werten und bestimmter Formeln nicht recht glauben mag. Dabei geht es nicht um die Gruppe der »Kli­ma­wan­del­leugner«, die da meistens genannt werden.

Es gibt auch Men­schen, die durchaus nicht daran zweifeln, dass die mensch­liche Zivi­li­sation auf die Umwelt ein­wirkt und auch das Klima ver­ändert und trotzdem keine Hoffnung auf die Kon­gress­formeln und -riten setzen. Noch 2009 beim großen Kli­ma­gipfel in Kopen­hagen sind Tau­sende in die dänische Haupt­stadt gereist, um dort deutlich zu machen, dass der Kon­gress nicht in ihren Namen spricht [7].

Das waren keine Kli­ma­wan­del­leugner, sondern Men­schen, die über­zeugt waren, dass die Kräfte, die für die Ver­netzung von Mensch und Umwelt ver­ant­wortlich sind, nicht die sein können, in die wir Hoff­nungen setzen sollten. Sie waren der Über­zeugung, dass eine pro­fit­ori­en­tierte Wirt­schafts­ordnung das Problem und nicht die Lösung ist. Doch heute hört man kaum noch was von diesen Skep­tikern der Kli­ma­kon­fe­renzen.

Dafür sind beim letzten Kli­ma­gipfel vor allem junge Men­schen auf die Straße gegangen und haben Schul­streiks orga­ni­siert, um die Gip­fel­teil­nehmer zu ener­gi­schen Maß­nahmen zu drängen. Genau darum dreht sich bei den Gipfeln fast alles. Die Kri­tiker wollen die dort Tagenden nicht dele­gi­ti­mieren, sondern fordern sie auf zu handeln. Damit aber legi­ti­mieren sie Macht und Herr­schaft des Wirt­schafts­systems, das die Pro­bleme ver­ur­sacht hat.

Deutsche Umwelt­hilfe – mit ein bisschen Support von Toyota

Was auf der glo­balen Ebene die Hoffnung auf die Rettung durch die Groß­gipfel ist, kann auf die Län­der­ebene her­un­ter­ge­brochen werden. Da hat die Deutsche Umwelt­hilfe [8] die Rolle über­nommen, die einmal Green­peace und Robin Wood hatten. Auch die hatten kei­nerlei kapi­ta­lis­mus­kri­tische Ziele, haben immerhin noch auf außer­par­la­men­ta­rische Akti­vi­täten gesetzt.

Von der Deut­schen Umwelt­hilfe hin­gegen geht das Signal aus: »Spendet für uns und wir klagen für Euch.« Dass der Auto­konzern Toyota über 20 Jahre in ver­schie­denen Bereichen mit der Deut­schen Umwelt­hilfe koope­riert hat [9] und da effek­tiver als viele Klein­spender war, wird kaum mehr kri­tisch hin­ter­fragt.

Auch hier könnte man mit Verweis auf spät­mit­tel­al­ter­liche Prak­tiken von kapi­ta­lis­ti­schem Ablass­handel sprechen. Die Kon­zerne, die gut damit ver­dienen, dass sie umwelt­schäd­liche Pro­dukte pro­du­zieren, spenden einige Prozent aus der Por­to­kasse für die angeb­liche Welt­rettung.

Es ist schon fast 20 Jahre her, als Jörg Berg­stedt mit seinen Büchern über Agenda, Expo, Spon­soring [10] die Anfänge jener Ent­wicklung kri­tisch unter die Lupe nahm, die heute in Form der Deut­schen Umwelt­hilfe zum erfolg­reichen Geschäfts­modell geworden ist.

Die Folge davon ist die voll­ständige Ent­po­li­ti­sierung des Groß­teils der Umwelt­be­wegung. Mehr noch, sie sta­bi­li­siert die Herr­schaft und ruft dazu auf, schneller und effek­tiver durch­zu­greifen. Sie ori­en­tiert junge Men­schen darauf, diese Herr­schaft nicht etwa infrage zu stellen, sondern zu zügi­geren Handeln auf­zu­rufen.


Zivi­li­sa­ti­ons­kritik ersetzt Kritik an der kapi­ta­lis­ti­schen Ver­wertung

Der per­fekte Aus­druck dieser poli­ti­schen Regression ist der Erfolg der Grünen in Deutschland aber auch in anderen euro­päi­schen Nach­bar­ländern wie in Holland. Wenn man schon Poli­tiker zum Handeln aufruft, dann hat es eine innere Logik, die Fraktion der herr­schenden Ordnung stark zu machen, die immer wieder beteuern, sie wären sofort zum Handeln bereit.

So sind die Grünen die par­la­men­ta­rische Fort­setzung der Deut­schen Umwelt­hilfe. Eine Partei, die den Erhalt des Status Quo mit öko­lo­gi­scher Ver­pa­ckung ver­spricht, liegt dann nah am Zeit­geist. Wie stark diese Art des Kli­ma­dis­kurses sich auf andere Themen aus­breitet und selbst kri­ti­schere Geister nicht ver­schont, zeigt ein Aufsatz des an der Münchner Uni­ver­sität leh­renden Sozio­logen Stephan Les­senich in der Taz [11], in dem er die Festung Europa mit Recht kri­ti­siert. Doch schon in der Ein­leitung wird deutlich, dass sich um eine reine Zivi­li­sa­ti­ons­kritik handelt.

»Wir Europäer sind stolz auf unsere Zivi­li­sation. Gleich­zeitig tun wir so, als ginge uns das Elend der Welt nichts an und schauen weg!«, heißt es in der Ein­leitung. Da kennt auch der Soziologe Les­senich [12] keine Spaltung in Klassen und Geschlecht, sondern nur noch Europäer. So bleibt nur die Moral­predigt:

Damit wir unsere Ruhe haben. Denn es ist ja so: Wir wollen nicht gestört werden. Wir wollen schlicht so wei­ter­machen wie bisher. Wir wollen, dass in aka­de­mi­schen Dis­kus­sionen mit ela­bo­riertem Code über das »gute Leben« räso­niert wird, während in kra­wal­ligen Talk­show­de­batten Woche für Woche die »Grenzen der Belastung« tiefer gelegt werden.

Derweil wir Neo­li­be­ra­lis­mus­ge­plagten über den stetig stei­genden Arbeits­stress klagen und ganz wider­ständig, unter krea­tiver Nutzung der Brü­ckentage, den wohl­ver­dienten Urlaub planen. Gern in einem jener Länder, in denen die­je­nigen zurück­ge­halten werden, die uns daheim, nach unserer Rückkehr in die All­tags­mühle, bitte schön nicht das Leben ver­miesen sollen.

Stephan Les­senich [13]

Da gibt es keine Macht- und Klas­sen­ver­hält­nisse mehr, sondern nur noch Men­schen, die ihre Ruhe haben wollen und sich das Leben nicht ver­miesen lassen wollen. Kapi­ta­lismus- und Macht­kritik wird ersetzt durch Klagen über Gleich­gül­tigkeit und Bezie­hungs­lo­sigkeit der Men­schen.

Selbst wo Les­senich kri­ti­siert, dass für den deut­schen Arbeits­macht Arbeits­kräfte aus den gleichen Ländern ange­worben werden, in die Migranten abge­schoben werden, kommt er nicht darauf, dass hier nach kapi­ta­lis­ti­schen Ver­wer­tungs­kri­terien agiert wird. Dass der Mensch in einer Wolfs­ge­sell­schaft nicht als Lamm leben kann, wusste noch Bert Brecht.

Daher hielt er wenig von der Klage über einen Moral­verfall in der Gesell­schaft. Er kri­ti­sierte vielmehr die Ver­fasstheit dieser Gesell­schaft. Zumindest durch ihr prak­ti­sches Handeln stehen auch die Besetzer des Ham­bacher Forstes in dieser Tra­dition. Damit machen sie deutlich, dass es noch Men­schen gibt, die weder durch Kli­ma­kon­gresse noch die Deutsche Umwelt­hilfe gerettet werden wollen, sondern sich an der Devise ori­en­tieren, dass für eine Kli­ma­ver­bes­serung die Gesell­schaft geändert werden muss.

Peter Nowak

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[1] http://​www​.dueren​-magazin​.de/​4​4​-​h​a​m​b​a​c​h​e​r​-​f​o​r​s​t​/​1​0​8​4​5​-​h​a​m​b​a​c​h​e​r​-​f​o​r​s​t​-​d​u​r​c​h​s​u​c​h​u​n​g​s​m​a​s​s​n​a​h​m​e​n​-​d​e​r​-​p​o​l​i​z​e​i​-​b​e​endet
[2] https://​ham​bach​er​forst​.org/​b​l​o​g​/​2​0​1​8​/​1​2​/​2​9​/​a​u​s​f​u​e​h​r​l​i​c​h​e​r​-​b​e​r​i​c​h​t​-​d​e​r​-​w​i​e​s​e​n​-​u​n​d​-​w​a​a​-​r​a​zzia/
[3] https://​www​.faz​.net/​a​k​t​u​e​l​l​/​p​o​l​i​t​i​k​/​i​n​l​a​n​d​/​d​r​e​i​-​f​e​s​t​n​a​h​m​e​n​-​b​e​i​-​r​a​z​z​i​a​-​a​m​-​h​a​m​b​a​c​h​e​r​-​f​o​r​s​t​-​1​5​9​6​2​4​1​7​.html
[4] https://​www​.ende​-gelaende​.org/de
[5] https://​www​.planet​-wissen​.de/​g​e​s​c​h​i​c​h​t​e​/​m​i​t​t​e​l​a​l​t​e​r​/​l​e​b​e​n​_​i​m​_​m​i​t​t​e​l​a​l​t​e​r​/​p​w​i​e​d​a​s​k​o​n​s​t​a​n​z​e​r​k​o​n​z​i​l​e​i​n​w​e​l​t​e​r​e​i​g​n​i​s​1​0​0​.html
[6] https://​www​.planet​-wissen​.de/​g​e​s​c​h​i​c​h​t​e​/​m​i​t​t​e​l​a​l​t​e​r​/​l​e​b​e​n​_​i​m​_​m​i​t​t​e​l​a​l​t​e​r​/​p​w​i​e​d​a​s​k​o​n​s​t​a​n​z​e​r​k​o​n​z​i​l​e​i​n​w​e​l​t​e​r​e​i​g​n​i​s​1​0​0​.html
[7] https://​www​.spaactor​.com/​d​e​t​a​i​l​?​s​q​=​q​1​b​K​T​F​G​y​U​j​K​1​M​D​E​2​M​T​Q​w​1​j​V​I​t​U​j​R​N​T​F​P​S​t​G​1​N​E​y​2​0​D​W​x​M​E​g​z​S​z​E​y​S​T​I​z​M​F​T​S​U​c​r​I​L​C​l​W​s​k​p​L​z​C​l​OrQUA
[8] https://​www​.duh​.de
[9] https://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2018–12/duh-deutsche-umwelthilfe-toyota-fahrverbote-dieselskandal-kooperation-finanzierung-beendigung
[10] https://www.tib.eu/de/suchen/id/TIBKAT%3A269594752/Agenda-Expo-Sponsoring-Jörg-Bergstedt-1500-Dokumente/
[11] http://​www​.taz​.de/​!​5​5​5​7479/
[12] http://​www​.stephan​-les​senich​.de
[13] http://​www​.taz​.de/​!​5​5​5​7479/

GEGEN DIE ZERSTÖRUNG VON HERZ UND HIRN

Arbeits­be­dingte Krank­heiten nehmen zu. Dieser Ent­wicklung sollte Einhalt geboten werden. Dafür möchte ich meine arbeits- und gesund­heits­wis­sen­schaft­liche Kom­petenz ein­setzen.“


Mit diesen Sätzen beschreibt Wolfgang Hien sein lang­jäh­riges Enga­gement für den Gesund­heits­schutz in der Arbeitswelt. Warum das Thema zu seiner Lebens­aufgabe wurde, kann man in einem langen Gespräch erfahren, das Hien mit dem His­to­riker Peter Birke geführt hat. Im VSA-Verlag ist es unter dem Titel

GEGEN DIE ZER­STÖRUNG VON HERZ UND HIRNwei­ter­lesen

Überwachung von Fahrverboten: Daten- oder Umweltschutz?

Gäbe es eine Kultur der Ablehnung des abgas­starken Auto­mo­bil­ver­kehrs, könnte man sich die ganzen Über­wa­chungs­maß­nahmen sparen. Ein Kom­mentar

Mona­telang wird nun darüber debat­tiert, wie man mit den Die­sel­skandal umgeht und wie man vor allem endlich die gemeinsam von der EU fest­ge­legten Grenz­werte einhält. Die Politik wäre ohne ent­spre­chende Urteile untätig geblieben. Zig­tau­sende Men­schen, die durch das Gift in der Luft krank werden und sterben, haben längst keinen solchen Hand­lungs­druck erzeugt wie die EU-Richt­linien und die durch die Umwelt­hilfe erstrit­tenen Gerichts­ur­teile.

Jetzt geht es um die Umsetzung der ersten Fahr­verbote und die Frage der Kon­trolle und Über­wa­chung [1] und schnell zeigen sich neue Pro­bleme. So schlagen Daten­schützer Alarm und fordern ein Ende [2] der geplanten Änderung des Stra­ßen­ver­kehrs­ge­setzes [3].

»Anlasslose Mas­sen­über­wa­chung«

Die Kritik der Daten­schützer von Digi­tal­courage [4] ist fun­da­mental.

»[Z]um Schutz der (…) Bevöl­kerung vor Abgasen« ist im Rahmen einer flä­chen­de­ckenden Video­über­wa­chung der auto­fah­renden Bevöl­kerung die mas­sen­hafte, ständige und auto­ma­tische Daten­über­tragung des »Kenn­zei­chens des Fahr­zeugs«, »Merkmale des Fahr­zeugs«, »Bild des Fahr­zeugs und des Fahrers« sowie »Ort und die Zeit der Teil­nahme am Verkehr im Gebiet mit Ver­kehrs­be­schrän­kungen oder Ver­kehrs­ver­boten« an zuständige Lan­des­be­hörden beab­sichtigt.

Stel­lung­nahme [5] von Digi­tal­courage zum Entwurf des Neunten Gesetzes zur Änderung des Stra­ßen­ver­kehrs­ge­setzes

Zusam­men­fassend sprich Digi­tal­courage von anlass­loser Mas­sen­über­wa­chung. Die Orga­ni­sation moniert, dass auch eine ver­deckte Daten­sammlung möglich sein soll.

Bei der Kritik der Daten­ver­ar­beitung bleibt Digi­tal­courage aller­dings bei Mut­ma­ßungen:

Nach Ein­schätzung von Digi­tal­courage ist nicht aus­zu­schließen, dass über das »Bild des Fahr­zeugs und des Fahrers« hinaus, Radfahrer.innen, Fußgänger.innen, Bei­fahrer- und Mitfahrer.innen erfasst werden. Ins­be­sondere Berufsgeheimnisträger.innen, wie Ärzt.innen, Anwält.innen, Seelsorger.innen oder Journalist.innen und ihre Klient.innen, Patient.innen und Informant.innen sind von der Über­wa­chungs­maß­nahme betroffen.

Stel­lung­nahme [6] von Digi­tal­courage zum Entwurf des Neunten Gesetzes zur Änderung Stra­ßen­ver­kehrs­ge­setzes

Hier erschließt sich auch nicht, warum die Berufs­ge­heim­nis­träger besonders von der Maß­nahme betroffen sind. Eigentlich geht es doch Digi­tal­courage darum, dass es Dis­kus­sionen über deren Schutz vor der Über­wa­chung gibt.

Mitt­ler­weile warnt [7] auch die FDP vor dem »Ein­stieg in den grün lackierten Über­wa­chungs­staat« und in der FAZ malt man die Total­über­wa­chung der Die­sel­fahrer [8] an die Wand.

Poli­tische Kräfte, die nach den Pro­testen gegen den G20-Gipfel der Total­über­wa­chung wider­stän­diger Kreise das Wort redeten und erst kürzlich applau­dierten, als ein Streit um ein Paket in einem Ber­liner Spätkauf mehrere Monate später zu einer Razzia bei linken Pro­jekten [9] führte, schlagen Alarm, wenn auch der im wahrsten Sinne des Wortes gemeine Auto­fahrer mal von einer Kamera erfasst wird.

Nun ist der Hinweis sicher berechtigt, dass es diese Art der Über­wa­chung nicht geben müsste, wenn die Politik schon viel früher und viel grund­sätz­licher klare Kante gegen Her­steller und Nutzer von Autos gezeigt hätte.

Was fehlt, ist eine Ableh­nungs­kultur gegen das Auto

Tat­sächlich muss es gegen beide gehen. Denn die Auto­in­dustrie kann nur mit den tod­brin­genden und gesund­heits­ge­fähr­denden Gerät­schaften Profit machen, weil noch zu viele Nor­mal­ver­gaser sich das Recht raus­nehmen, unsere Luft zu ver­giften, unsere Straßen ein­zu­nehmen und unser Leben zu beein­träch­tigen.

Auto­fahrer müsste min­destens ein so starker Unwille ent­ge­gen­schlagen, wie das seit Jahren die Raucher erfahren müssen. Ihnen müsste im Stra­ßen­leben klar gemacht werden, dass sie eigentlich nicht erwünscht sind. So sollte überall vor den Gefahren des Auto­fahrens gewarnt werden, die gesund­heit­lichen Schäden der Abgase sollten auf jedem Auto zu lesen sein, wie auch auf die Gefahren des Rau­chens auf jeder Ziga­ret­ten­pa­ckung hin­ge­wiesen wird.

Gäbe es eine solche Kultur der Ablehnung des Auto­mo­bil­ver­kehrs könnte man sich die ganzen Über­wa­chungs­maß­nahmen sparen. Diese sollen eher sug­ge­rieren, dass die Politik nun Umwelt­maß­nahmen umsetzen will und haben haupt­sächlich einen Placebo-Effekt. Daher ist die Kritik der Daten­schutz­ver­bände berechtigt. Doch warum muss sich dann Digital-Courage so unan­genehm an die Auto­fah­rer­lobby anbiedern?

Die Bevöl­kerung in diesem Land hat nach Ansicht von Digi­tal­courage das Recht, auto­fahren zu können, ohne ins Gesicht gefilmt zu werden.

Stel­lung­nahme [10] von Digi­tal­courage zum Entwurf des Neunten Gesetzes zur Änderung des Stra­ßen­ver­kehrs­ge­setzes

Da wird genau die Pro­pa­ganda derer bedient, die sich die freie Fahrt für freie Bürger auch dann nicht nehmen lassen wollen, wenn daran viele Men­schen krank­werden und sterben. Da wird das Indi­vi­du­al­recht überhöht, was dann zur Folge hat, dass Daten­schützer und FDP sich argu­men­tativ kaum noch unter­scheiden.

Dagegen müsste fest­ge­halten werden, dass das Benutzen von Autos mit betrü­ge­ri­scher Software und auch das Auto­fahren nicht harmlos sind. In einer ver­nünf­tiger ein­ge­rich­teten Gesell­schaft, in der nicht der Profit, sondern das gute Leben im Mit­tel­punkt stünde, könnte durchaus das Teilen und Aus­tau­schen von Daten pro­pa­giert werden.

Denn dann soll nicht mehr der Ein­zelne und seine Daten im Mit­tel­punkt stehen, sondern der Mensch, als Teil eines Kol­lektivs, das gemeinsam für lebens­werte Zustände sorgt. Dafür sollten Daten nicht mehr dem ein­zelnen Indi­viduen, auch nicht irgend­welchen sam­mel­wü­tigen staat­lichen Instanzen und Behörden, sondern der All­ge­meinheit gehören.

Nur so könnten Pro­bleme, die einen Großteil der Men­schen betreffen, auch gemeinsam ange­gangen werden. Der Kampf für eine Umwelt, in der alle leben können, ist nur eines dieser zen­tralen Pro­bleme. Der bür­ger­liche Indi­vi­dua­lismus, zu dem auch das Bild des Ein­zelnen und seiner Daten gehört, ist Teil des Pro­blems.

Doch dabei handelt es um ein »not­wendig fal­sches Bewusstsein«. In einer Kon­kur­renz­ge­sell­schaft, wo die Daten längst die heiße Ware sind, ist Daten­schutz sinnvoll und nötig. Doch gleich­zeitig ist es sinnvoll, sich über die Ein­richtung einer Gesell­schaft Gedanken zu machen, in welcher der Daten­schutz über­flüssig wird, weil Daten eben dann keine Ware mehr wären.

Peter Nowak

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[2] https://​digi​tal​courage​.de/​b​l​o​g​/​2​0​1​8​/​s​t​e​l​l​u​n​g​n​a​h​m​e​-​a​u​t​o​f​a​h​r​-​u​e​b​e​r​w​a​c​h​u​n​g​s​g​e​s​e​t​z​-​d​i​e​s​e​l​s​k​andal
[3] https://​www​.bmvi​.de/​S​h​a​r​e​d​D​o​c​s​/​D​E​/​A​n​l​a​g​e​/​G​/​G​e​s​e​t​z​e​-​1​9​/​e​n​t​w​u​r​f​-​n​e​u​n​t​e​s​-​g​e​s​e​t​z​-​z​u​r​-​a​e​n​d​e​r​u​n​g​-​d​e​s​-​s​t​r​a​s​s​e​n​v​e​r​k​e​h​r​s​g​e​s​e​t​z​e​s​.html
[4] https://​digi​tal​courage​.de/​b​l​o​g​/​2​0​1​8​/​d​i​e​s​e​l​s​k​a​n​d​a​l​-​w​i​r​d​-​u​e​b​e​r​w​a​c​h​u​n​g​s​s​k​andal
[5] https://​digi​tal​courage​.de/​b​l​o​g​/​2​0​1​8​/​s​t​e​l​l​u​n​g​n​a​h​m​e​-​a​u​t​o​f​a​h​r​-​u​e​b​e​r​w​a​c​h​u​n​g​s​g​e​s​e​t​z​-​d​i​e​s​e​l​s​k​andal
[6] https://​digi​tal​courage​.de/​b​l​o​g​/​2​0​1​8​/​s​t​e​l​l​u​n​g​n​a​h​m​e​-​a​u​t​o​f​a​h​r​-​u​e​b​e​r​w​a​c​h​u​n​g​s​g​e​s​e​t​z​-​d​i​e​s​e​l​s​k​andal
[7] https://​www​.fdp​.de/​b​u​e​r​g​e​r​r​e​c​h​t​e​-​d​a​t​e​n​s​c​h​u​t​z​-​i​n​f​r​a​s​t​r​u​k​t​u​r​-​u​m​w​e​l​t​p​o​l​i​t​i​k​-​v​e​r​b​r​a​u​c​h​e​r​s​c​h​u​t​z​_​d​e​r​-​e​i​n​s​t​i​e​g-den
[8] http://​www​.faz​.net/​a​k​t​u​e​l​l​/​w​i​r​t​s​c​h​a​f​t​/​d​i​e​s​e​l​-​a​f​f​a​e​r​e​/​b​u​n​d​e​s​r​e​g​i​e​r​u​n​g​-​p​l​a​n​t​-​e​i​n​e​-​t​o​t​a​l​u​e​b​e​r​w​a​c​h​u​n​g​-​v​o​n​-​d​i​e​s​e​l​f​a​h​r​e​r​n​-​1​5​8​9​8​8​2​0​.html
[9] https://​www​.tages​spiegel​.de/​b​e​r​l​i​n​/​r​a​z​z​i​a​-​i​n​-​r​i​g​a​e​r​-​s​t​r​a​s​s​e​-​a​n​w​a​l​t​-​s​e​k​-​e​i​n​s​a​t​z​-​w​i​r​k​t​-​i​n​s​z​e​n​i​e​r​t​/​2​3​6​3​8​7​4​8​.html
[10] https://​digi​tal​courage​.de/​b​l​o​g​/​2​0​1​8​/​s​t​e​l​l​u​n​g​n​a​h​m​e​-​a​u​t​o​f​a​h​r​-​u​e​b​e​r​w​a​c​h​u​n​g​s​g​e​s​e​t​z​-​d​i​e​s​e​l​s​k​andal

»Aktiv für den Frieden«

Die Frie­dens­ak­ti­vistin Mary Ann Wright erhielt den Ethecon-Preis 2018.

»Mary Ann Wright handelt mutig, kon­se­quent, unbe­stechlich und integer. Sie zeigt das, was gemeinhin soziale Ver­ant­wortung und Zivil­courage genannt wird.« Mit dieser Begründung zeichnete die linke Stiftung Ethecon bei einer Ver­an­staltung am Samstag im Ber­liner Pfef­ferberg die US-Frie­dens­ak­ti­vistin Mary Ann Wright mit dem »Blue Planet Award« aus. Mit ihr wurde eine Frau geehrt, die darin erinnert, dass eine Oppo­sition zur Regie­rungs­po­litik in den USA nicht erst mit dem Antritt von Donald Trump begann.

Die 1947 geborene Juristin hatte im März 2003, einen Tag vor Beginn des Krieges gegen Irak, in einem Brief an Ver­tei­di­gungs­mi­nister Colin Powell ihre lang­jährige Dienstzeit bei der US-Army mit den Worten beendet: »Ich habe meinem Land fast dreißig Jahre lang in einigen der iso­lier­testen und gefähr­lichsten Gegenden der Welt gedient. Mit schwerem Herzen muss ich meinen Dienst in Amerika beenden und auf­grund der Richt­linien der Ver­waltung zurück­treten.« Die Expertin für Äußere Sicherheit, die ihren Master an der See­aka­demie des US-Militärs gemacht hatte, war im Laufe ihrer Kar­riere an vielen Kon­flikt­schau­plätzen von Somalia bis Grenada an der Erar­beitung von Kriegs- und Wie­der­auf­bau­plänen beteiligt. Letztlich wurde sie zur Kri­ti­kerin an der Außen­po­litik der USA und konnte sich bei zahl­reichen Kon­flikten nicht mehr mit der Position der USA iden­ti­fi­zieren.

Nach ihrem Aus­scheiden beim Militär setzte sich Wright nicht zur Ruhe. Noch immer reist sie um die Welt, nunmehr im Dienst der Frie­dens­be­wegung. Mehrmals demons­trierte sie vor dem US-Gefängnis Guan­tanamo für die Schließung der Ein­richtung. Immer wieder wurde sie bei Pro­testen in den USA ver­haftet. Auch ihre zahl­reichen Aus­lands­ak­ti­vi­täten sorgten für Auf­sehen, etwa als sie als »Bürger-Diplo­matin« in den Iran reiste. Auch in Deutschland ist sie eine gute alte bekannte – so betei­ligte sich Wright an Blo­ckaden der Air Base Ram­stein, die der US-Armee als euro­päische Dreh­scheibe für Trup­pen­trans­porte dient.

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Peter Nowak

Gegen die Zerstörung von Herz und Hirn

Schlecht, wenn der Job an die Nieren geht. Und ans Hirn

Die neo­li­berale Radi­ka­li­sierung in der Arbeitswelt, sagt Wolfgang Hien, bürde Körper, Geist und Seele hohe Belas­tungen auf. Die Folge: Arbeits­be­dingte Krank­heiten nehmen zu. „Dieser Ent­wicklung sollte Einhalt geboten werden. Dafür möchte ich meine arbeits- und gesund­heits­wis­sen­schaft­liche Kom­petenz ein­setzen.“ Damit hat Hien, geboren 1949 im Saarland, sein lebens­langes Enga­gement für den Gesund­heits­schutz in der Arbeitswelt recht gut beschrieben. Warum das Thema zu seiner Lebens­aufgabe wurde, kann man in dem langen Gespräch erfahren, das Hien mit dem His­to­riker Peter Birke geführt hat, und woraus „Gegen die Zer­störung von Herz und Hirn“ besteht. Hien beginnt damit, wie ihn seine Erfah­rungen als Aus­zu­bil­dender beim Che­mie­riesen BASF in Lud­wigs­hafen geprägt haben. Dann klärt er auch die Ver­wirrung auf, die der Unter­titel „68 und das Ringen um eine men­schen­würdige Arbeit“ bei manchen aus­lösen mag. Schließlich schien Hien im BASF-Labor weit weg von den Unis, in denen Stu­die­rende Marx und Adorno zu lesen begannen.
Doch Hien beschreibt ein­prägsam, wie sehr ihn und einige BASF-Kol­legen der gesell­schaft­liche Auf­bruch Ende der 1960er Jahre beein­flusste. Wie er nach einigen Jahren die Fabrik verließ, das Abitur nach­holte und ein Studium begann. Und wie er auch danach den Kampf um den Gesund­heits­schutz in der Che­mie­in­dustrie fort­setzte.
Peter Birke, eine Generation jünger als sein Gesprächs­partner, gelingt es, die Bio­graphie Hiens aus­zu­leuchten und zugleich Ele­mente einer Gegen­ge­schichte der Indus­trie­arbeit in Deutschland auf­zu­zeichnen: Etwa wenn Hien von der Koope­ration zwi­schen Umwelt­in­itia­tiven und kri­ti­schen Gewerk­schaftern erzählt, die es in den 1980er Jahren auch in der Che­mie­branche gab. „Mit­mi­scher“ nannte sich eine der Gruppen im Rhein-Main-Gebiet, in der Hien gemeinsam mit Che­mie­ar­beitern orga­ni­siert war, „Mit­mi­scher“ nannte sich auch eine Betriebs­zeitung, die in einer Auflage von 10 000 Exem­plaren von den 1970er bis in die 1990er Jahre bei BASF Lud­wigs­hafen ver­teilt wurde. Fast in jeder Nummer wurden die Kol­legen über die gif­tigen Sub­stanzen infor­miert, mit denen sie ständig in Berührung kamen.
Der gut besuchte Alter­native Gesund­heitstag 1980 in Berlin gab Hien Inspi­ration für sein Enga­gement, Betriebs­ba­sis­gruppen für Gesundheit auf­zu­bauen. Mit den eso­te­ri­schen Strö­mungen, in die Teile der Gesund­heits­be­wegung später abdrif­teten, hatte er nichts im Sinn. Ihm ging es darum, den Bedin­gungen in der Arbeitswelt den Kampf anzu­sagen, die die Men­schen krank machen. Zu seinen Kon­tra­henten gehörten dabei nicht nur Indus­trie­ver­bände, sondern oft auch Betriebsräte und Gewerk­schaften, die auf Sozi­al­part­ner­schaft setzten. Deshalb war es für viele eine Über­ra­schung, dass Hien 2003 Referent für Gesund­heits­schutz beim DGB-Vor­stand wurde.
Doch schnell geriet er mit seinen Enga­gement für eine Arbeitswelt, in der auch die Lang­samen und chro­nisch Kranken ihren Platz haben sollen, in Kon­flikt mit einer Gewerk­schafts­logik, die Arbeits­plätze vor Gesund­heits­schutz stellt. Hien beschäftigt vielmehr die Frage, wie Lohn­arbeit so gestaltet werden kann, dass auch Alte, Kranke und Schwache darin ihren Platz finden.
In einer Zeit, in der Beschäf­tigte ständig erreichbar und fle­xibel sein sollen, hat diese Fra­ge­stellung nichts von ihrer Dring­lichkeit ver­loren. So ist der Gesprächsband nicht nur Erin­nerung an linke Geschichte, sondern auch ein sehr aktu­elles Buch.

Peter Nowak

Gegen die Zer­störung von Herz und Hirn – »68»und das Ringen um Men­schen­würde Arbeit, Wolfgang Hien, Peter Birke, VSA-Verlag 2018, 256 Seiten, 22,80 Euro,

aus Wochen­zeitung Freitag, Nr. 43, 25.Oktober 2018,

Protest zu A100 flammt erneut auf

Das »Bündnis A100 stoppen« will am Sonntag auf der Kreuzung Elsenstraße/​Puschkinallee ab 15 Uhr für eine Stunde den Verkehr still­legen. Mit der Blo­ckade soll gegen den Wei­terbau der Autobahn A100 von Neu­kölln nach Treptow, Lich­tenberg und Fried­richshain demons­triert werden. Seit Jahren wenden sich die A100-Gegner*innen gegen diese Pläne. »Es geht darum, eine neue Mobi­lität in den Städten zu dis­ku­tieren. Dabei kann man von China lernen, wo die Elek­tro­mo­bi­lität einen zen­tralen Stel­lenwert ein­ge­nommen hat«, erklärt Tobias Trommer, Sprecher der Initiative, gegenüber dem »nd«.

Anlass für die Pro­test­aktion sind Pläne für die noch in Bau befind­lichen Trasse von Neu­kölln zur Straße Am Trep­tower Park. Dabei soll nun offenbar eine Rampe über die Ringbahn führen, welche laut Autobahngegner*innen bereits den Wei­terbau nach Fried­richshain und Lich­tenberg vor­be­reite. Außerdem würde die Rampe Mehr­kosten erzeugen, wodurch die A100-Gegner*innen auch ein Urteil des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts ver­letzt sehen, welches zusätz­liche Aus­gaben aus­schließt.

Von Rot-Rot-Grün fordert die Initiative, die neue Tras­sen­va­riante zu ver­hindern. Wenn der Mitte-links-Senat dies nicht ver­hindere, igno­riere er die eigene Koali­ti­ons­ver­ein­barung. Diese schließe Pla­nungen für den 17. Bau­ab­schnitt nach Fried­richshain und Lich­tenberg aus, was sei­nerzeit ein Kom­pro­miss­re­gelung war. Ange­sichts der aktu­ellen Dis­kussion über Luft­ver­schmutzung durch den Auto­verkehr fühlen sich die Gegner*innen bestätigt. Sollte die A100 bis zum Trep­tower Park ver­längert werden, werde der zuneh­mende Verkehr den Men­schen in Alt-Treptow und Fried­richshain »den Platz zum Leben und die Luft zum Atmen nehmen«, so die Initiative.

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Peter Nowak

40 Jahre Taz: Hat sie die Welt aus den Angeln gehoben?

Die Zeitung war ein Mei­len­stein auf dem Weg, von allen revo­lu­tio­nären und gesell­schafts­trans­for­ma­to­ri­schen Zielen Abstand zu nehmen

»Kalasch­nikow oder Yoga: Wirken Körper- und Men­tal­tech­niken gesell­schafts­ver­än­dernd?«, fragt sich Gudrun Kromrey. Und für Peter Grafe steht fest: »Yoga kann poli­tisch sein«. Die beiden Autoren gehörten zu den Taz-Gründern der ersten Stunde und haben am 27. Sep­tember 1978 die erste Null­nummer her­aus­ge­bracht. 40 Jahre später hat ein Teil von ihnen noch einmal eine Taz pro­du­ziert. Die Ausgabe vom 27. Sep­tember hatten sie kom­plett zu ver­ant­worten. Im Edi­torial erinnert Vera Gaserow noch einmal an den Impetus der Grün­derzeit:

1978 sind wir ange­treten, die Welt aus den Angeln zu heben. Mit­hilfe einer täglich erschei­nenden Zeitung wollten wir sie neu jus­tieren. Gerechter, fried­licher, weib­licher, freier, schöner – rundum besser sollte sie werden, radikal! Alles schien möglich – wir waren jung, wir wussten, wo es langgeht, wir hatten kein Geld, keine Erfahrung, aber jede Menge Utopien.

Vera Gaserow

Was hat die Taz mit der 68er-Bewegung zu tun?

Nun könnte man diese Zeilen schnell als Mythos oder gar Kitsch abtun. Die, die Welt aus den Angeln heben wollten, sind später so ange­passt geworden, wie die, gegen die sie vor 40 Jahren rebel­lierten. Doch diese Sicht wäre doch etwas zu ober­flächlich. Es wird oft aus­ge­blendet, in welcher gesell­schafts­po­li­ti­schen Situation die Taz gegründet wurde.

Da stellt sich auch die Frage, in welchen Ver­hältnis die Taz zum Auf­bruch von 1968 stand. Tat­sächlich ist die Zei­tungs­gründung, ebenso wie der Auf­bruch der grün­al­ter­na­tiven Listen am Ende der 1970er Jahre, ein Mei­len­stein für das Ende des 1968er Auf­bruches als Bewegung mit revo­lu­tio­närem Anspruch.

Die gesell­schafts­ver­än­dernden Utopien waren, wenn nicht auf­ge­braucht, so doch an ihre Grenzen gestoßen. Diese Utopien haben sich längst nicht nur im Aufbau von auto­ri­tären mao­is­ti­schen Kader­par­teien erschöpft. »Lasst tausend Blumen blühen«, diese Mao zuge­schriebene Parole hat bestimmt keine der Par­teien, die den großen Meister im Namen führten, umge­setzt, sehr aber die 68er Bewegung als Ganzes.

Eine Menge anar­chis­ti­scher, dis­si­denter sozia­lis­ti­scher und kom­mu­nis­ti­scher Ideen wurden neu ent­deckt und auf ihre Rea­li­täts­taug­lichkeit geprüft. Femi­nis­tische Ansätze wurden wieder auf­ge­griffen und wei­ter­ent­wi­ckelt. Gegen all diese Ideen und alle Ver­suche ihrer Umsetzung machte der Staat mobil.

Die Stich­worte »bleierne Zeit« und »Deut­scher Herbst« wurden schon zu Meta­phern und dienten bald auch der Geschichts­klit­terung. Denn es setzte sich bald die Lesart durch, die auch in der Jubi­läums-Taz ver­treten wird, im Deut­schen Herbst hätten die RAF und der Staat gegen­ein­ander Krieg geführt und die übrige Linke mit in Haftung genommen.

Und am Strand von Tunix wartete Peter Glotz

Die hätte sich nun mit dem großen Tunix-Kon­gress [1] im Januar 1978 aus dieser Umklam­merung befreit und so die Grundlage für neue Pro­jekte geschaffen. Die Taz war eines dieser Pro­jekte. Sie wurde nicht auf dem Tunix-Kon­gress gegründet. Es gab schon Monate vorher eine Vor­be­rei­tungs­gruppe für die Gründung einer alter­na­tiven Tages­zeitung. Tunix war nur das große Forum, auf dem die Ergeb­nisse vor­ge­stellt wurden.

»Zwei Tage, die die Republik ver­än­derten: Ende Januar 1978 ver­sam­melten sich in West-Berlin Tau­sende von Spontis zum ‚Tunix‘-Kongress«, schrieb Zeit­zeuge Michael Sont­heimer 2008 im Spiegel. Er gehörte als Taz-Mit­be­gründer auch zu den Autoren der Jubi­lä­ums­ausgabe. Mit der Ein­schätzung hatte er Recht und da kommen wir zur Ein­gangs­frage, ob die Bewegung, in der die Taz nur ein Projekt war, die Welt aus den Angeln gehoben hat: Ja, aber die Vor­be­dingung war, von allen revo­lu­tio­nären und gesell­schafts­trans­for­ma­to­ri­schen Zielen Abstand zu nehmen.

Gegen diese und nicht nur gegen die RAF und ihr Umfeld richtete sich der Deutsche Herbst bzw. die bleierne Zeit. Die Linke ver­ab­schiedete sich von diesen Kon­zepten und landete am Strand von Tunix. Von dort führten alle Wege zurück in den Staat. Der war am Tunix-Kon­gress in der Gestalt des dama­ligen Wis­sen­schafts­se­nators Peter Glotz ver­treten. Seine Teil­nahme dort wurde mit Erstaunen betrachtet.

Aus­stei­ger­prosa und der neue Ein­stieg in den Staat

Denn vor­der­gründig passte der blitz­ge­scheite Glotz, durch und durch ein Mann des Staates, nicht zu der hip­piesken Aus­stei­ger­prosa selbst­er­nannter Stadt­in­dianer:

UNS LANGT’S JETZT HIER!
Der Winter hier ist uns zu trist, der Frühling zu ver­seucht, und im Sommer ersticken wir hier. Uns stinkt schon lange der Mief aus den Amts­stuben, den Reak­toren und Fabriken, von den Stadt­au­to­bahnen. Die Maul­körbe schmecken uns nicht mehr und auch nicht mehr die plas­tik­ver­schnürte Wurst. Das Bier ist uns zu schal und auch die spießige Moral. Wir woll’n nicht mehr immer die­selbe Arbeit tun, immer die gleichen Gesichter zieh’n. Sie haben uns genug kom­man­diert, die Gedanken kon­trol­liert, die Ideen, die Wohnung, die Pässe, die Fresse poliert. Wir lassen uns nicht mehr ein­machen und klein­machen und gleich­machen.
WIR HAUEN ALLE AB! … zum Strand von Tunix.

Aufruf zum Tunix-Kon­gress

Heute wissen wir, dass am Strand von Tunix Peter Glotz wartete und den ernüch­terten Bür­ger­kindern die Gewissheit mitgab, doch noch Staat machen zu können. Es gab natürlich beim Tunix-Kon­gress Gegen­stimmen [2]. Sie erhofften sich neue Impulse für den linken Auf­bruch. Doch die große Mehrheit wollte dort raus, das war der eigent­liche Kern der Aus­stiegs­prosa.

Über den Wie­der­ein­stieg gab es auch durchaus kon­tro­verse Vor­stel­lungen und nicht wenige werden damals ehrlich über­zeugt gewesen sein, sie könnten auch noch auf neuen Wegen die Republik trans­for­mieren. Und irgendwie haben sie es auch geschafft. Nur haben sie den Kapi­ta­lismus nicht etwa zurück­ge­drängt oder wenigstens im sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Sinne gezähmt.

Sie haben vielmehr aus dem 68er Auf­bruch die Skills mit­ge­bracht, mit dem sich der Kapi­ta­lismus erneuern konnte. Fle­xi­bi­lität, Diver­sität, Krea­ti­vität wurden bald getrennt von linken Kon­zepten zum Schwungrad einer neuen kapi­ta­lis­ti­schen Phase und in diesen Sinne auch zur Staats­raison.

Rebecca Harms, die am Maidan partout keine Rechten sehen wollte

Und auch von einer Welt ohne Krieg und Mili­ta­rismus haben sich die Alter­na­tiven am Strand von Tunix ver­ab­schiedet. Es begann die Zeit, als die Alter­na­tiven den Wert der Regionen und Nationen schätzen lernten, besonders, wenn es darum ging, die Ordnung von Jalta zum Ein­sturz zu bringen. Damit war das Nach­kriegs­europa der alli­ierten Sieger über Nazi­deutschland gemeint. Des­wegen blieb der Kampf gegen Jalta lange alten und neuen Nazis über­lassen, bis die Alter­na­tiven ihn ent­deckten.

Wohin das führte wird in der Taz-Jubi­lä­ums­ausgabe im Interview mit der lang­jäh­rigen Grünen-Poli­ti­kerin Rebecca Harms [3] besonders deutlich. Sie wurde zur Schutz­hei­ligen der ukrai­ni­schen Natio­nal­be­wegung, in der sie bis heute keine Rechten ent­decken kann.

Über ihr natio­nales Coming Out sagte Harms:

Der Besuch in Tscher­nobyl hat mich an das Land, das es damals noch gar nicht gab, gebunden. Der Osten Europas hat mich damals umarmt und mich nicht wieder los­ge­lassen. Ich ent­schied mich 2004 für das Euro­pa­par­lament, weil ich das Zusam­men­wachsen zwi­schen West und Ost in Europa mit­ge­stalten wollte. Und 2013 musste ich mit meinen Freunden auf dem Maidan sein. Ich erlebte als eine der ersten Grünen, wie sich der rus­sische Info­krieg anfühlt. Rus­sische Trolle denun­zierten mich als »Faschis­tenhure« und »Faschis­ten­flittchen«. Und ich beob­achtete selbst unter Grünen oder im Wendland die Wirkung dieser Pro­pa­ganda. Statt mich zu unter­stützen, wurde mir emp­fohlen, im begin­nenden Euro­pa­wahl­kampf das Thema zu wechseln. Bei den Bewer­tungen der Ereig­nisse in der Ukraine sowohl bei den Grünen als auch in Deutschland ins­gesamt hatte ich früh das Gefühl, dass etwas aus­ein­an­dergeht.

Rebecca Harms, taz

Nun waren es kei­neswegs nur »rus­sisch Trolle«, sondern viele Beob­achter der ukrai­ni­schen Gescheh­nisse, die in der Natio­nal­be­wegung rechte und faschis­tische Ten­denzen ent­decken konnten. Harms Statement bestätigt die Kritik an grünem Regio­na­lismus und Eth­no­kitsch, wie er in den 1970er und 1980er Jahren geäußert wurde.

Wer wie Harms die AKW-Havarie von Tscher­nobyl natio­na­lis­tisch deutet, hat auch ein natio­na­lis­ti­sches Grund­konzept. Von den Folgen waren Men­schen der unter­schied­lichen Teile der Sowjet­union betroffen, vor allem die Men­schen in Belarus [4]. Wenn es um den Kampf gegen die AKW-Nutzung geht, hätte man nicht zur Schutz­hei­ligen des ukrai­ni­schen oder eines anderen Natio­na­lismus werden müssen.

Man hätte vielmehr eine Anti-AKW-Bewegung in der gesamten Sowjet­union unter­stützen können. Harms und andere aus der Alter­na­tiv­be­wegung haben den Kampf gegen das System von Jalta mit gewonnen.

Sie gehören zu den besonders aggres­siven Teil der neuen herr­schenden Klasse, die sich vom Strand von Tunix zum Marsch auf die Insti­tu­tionen auf­machte. Dass haben sogar mitt­ler­weile Ludger Volmer [5] und Anje Vollmer [6] gemerkt, die als Teil des grünen Per­sonals in der Ära Schröder-Fischer keine Kritik an diesem Kurs übten.

Doch solche kri­ti­schen Rufe finden in der Taz-Jubi­lä­ums­ausgabe keinen Platz. So konnte Daniel Cohn-Bendit im Gespräch [7] mit dem ehe­ma­ligen SPD-Kanz­ler­kan­di­daten Martin Schulz sein Dogma wie­der­holen, dass die EU gerettet werden muss und dass könne nur der fran­zö­sische Prä­sident Macron machen. Sehr deutlich erklärt Cohn-Bendit, dass er kei­nes­falls für ein soziales Europa streitet:

Ich glaube, die Men­schen inter­es­siert das soge­nannte soziale Europa …
Cohn-Bendit: Quatsch. Ich kann das nicht mehr hören. Wenn die in der Bun­des­re­publik wählen oder in Frank­reich, wählen sie Per­sonen. Das Problem aber ist, dass die Men­schen mit Europa nichts ver­binden, weil sie mit den Per­sonen, die das ver­treten, nichts ver­binden. Macron hat doch nicht gewonnen, weil er gesagt hat, ich mache mehr Soziales. Er hat gewonnen, weil er seine Person mit einer Vision von Europa ver­bunden hat.

Taz-Interview [8]

Die schlaueste Kritik an den Kon­zepten derer, die sich einst am Strand von Tunix ver­sammelt haben, kommt von Wolfgang Zügel, der heute bei der kon­ser­va­tiven Welt arbeitet: Er nimmt prä­gnant die Theorien derer aus­ein­ander, die für ein Null­wachstum hier und jetzt plä­dieren und erinnert an einen linken Klas­siker, den viele auf den Weg nach Tunix liegen gelassen haben.

Man muss sich bei diesen steilen Thesen Karl Marx in Erin­nerung rufen: Jeder Kapi­talist ver­sucht, den Kon­kur­renten zu über­trumpfen, besser zu sein und so einen Extra­profit zu erwirt­schaften. Die anderen ver­suchen dann, den Vor­sprung ein­zu­holen und aus­zu­gleichen, der Nächste findet durch Inno­vation wieder eine Mög­lichkeit des Extra­profits – und so dreht sich die Spirale unauf­haltsam weiter. Dies zu durch­brechen würde die Abkehr vom pri­vaten zum gesell­schaft­lichen Eigentum und zur Plan­wirt­schaft bedeuten.

Wolfgang Zügel, Taz

Hier erinnert der Autor einer kon­ser­va­tiven Zeitung seine eins­tigen Mit­streiter an einige Grund­lagen für eine ver­nünftige Gesell­schafts­kritik. Aber die, die einst auf­brachen zum Strand von Tunix, wollten die Gesell­schaft nicht mehr kri­ti­sieren.

Peter Nowak
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Links in diesem Artikel:
[1] http://​www​.spiegel​.de/​e​i​n​e​s​t​a​g​e​s​/​s​o​z​i​a​l​e​-​b​e​w​e​g​u​n​g​e​n​-​a​-​9​4​9​0​6​8​.html
[2] http://​bewegung​.nostate​.net/​m​a​t​e​_​t​u​n​i​x​.html
[3] http://​www​.taz​.de/​4​0​-​J​a​h​r​e​-​t​a​z​/​!​5​5​3​8251/
[4] https://​www​.heise​.de/​t​p​/​f​e​a​t​u​r​e​s​/​B​e​l​a​r​u​s​-​i​s​t​-​k​o​m​p​l​e​t​t​-​v​e​r​s​t​r​a​h​l​t​-​3​1​9​1​9​2​1​.html
[5] http://​www​.ag​-frie​dens​for​schung​.de/​t​h​e​m​e​n​/​P​a​z​i​f​i​s​m​u​s​/​D​e​b​a​t​t​e​/​W​e​l​c​o​m​e​.html
[6] http://​web​archiv​.bun​destag​.de/​a​r​c​h​i​v​e​/​2​0​0​7​/​0​2​0​6​/​m​d​b​/​m​d​b​1​5​/​b​i​o​/​V​/​v​o​l​l​m​a​n​0​.html
[7] http://​www​.taz​.de/​!​5​5​3​6020/
[8] http://​www​.taz​.de/​!​5​5​3​6020/

Digital ist besser


Das neu gegründete Zentrum für Eman­zi­pa­to­rische Tech­nik­for­schung beschäftigt sich mit Fragen der tech­no­lo­gi­schen Ent­wicklung. Zu den Adres­saten des Think Tanks gehören auch die Beschäf­tigten, deren Arbeits­leben immer stärker von der Digi­ta­li­sierung geprägt wird.

»Wir sind keine Tech­no­lo­gie­kri­tiker, sondern ver­stehen uns als Tech­no­lo­gie­for­scher«, sagt Simon Schaupp. Er gehört zu den Gründern des Zen­trums für Eman­zi­pa­to­rische Tech­nik­for­schung (ZET) in München. Die Wis­sen­schaftler, die sich Anfang Sep­tember in diesem Think Tank zusam­men­ge­schlossen haben, kommen aus ver­schie­denen Fach­rich­tungen und wollen »in den gesell­schaft­lichen Diskurs um die tech­nische Ent­wicklung inter­ve­nieren«, wie es in einer ersten Selbst­dar­stellung heißt.

Das Zentrum solle neue Akzente in der linken Tech­nik­de­batte setzen, sagt Schaupp im Gespräch mit der Jungle World. »Im linken Diskurs wird die Digi­ta­li­sierung oft als Angriff auf das gute Leben inter­pre­tiert. Wir haben einen anderen Blick auf die Digi­ta­li­sierung.

Wir sehen Tech­no­logie als Ergebnis von Macht­kämpfen. Das bedeutet auch, dass unter den gegen­wär­tigen poli­ti­schen Bedin­gungen einer markt­ra­di­kalen Dominanz die Aus­wir­kungen der Tech­no­logie nicht gerade positiv für die abhängig Beschäf­tigten sind. Der Grund dafür liegt aber nicht in der Tech­no­logie selbst, sondern in deren poli­tisch-öko­no­mi­schen Rah­men­be­din­gungen.«

Das ZET soll künftig aber nicht nur Dis­kurse, sondern auch Arbeits­be­din­gungen ver­ändern. Dem­entspre­chend fand der Grün­dungs­kon­gress im Münchner DGB-Haus statt. In einer Dis­kus­si­ons­runde sprachen Wis­sen­schaftler und poli­tisch enga­gierte Com­pu­ter­fach­leute über die Mög­lich­keiten einer »Tech­nik­po­litik von unten« am Bei­spiel der Hacker-Bewegung. In einem zweiten Panel refe­rierten die Geschäfts­füh­rerin des Karls­ruher Instituts für Tech­nik­zu­künfte, Alex­andra Haus­stein, und Andreas Boes vom Münchner Institut für Sozi­al­wis­sen­schaft­liche For­schung über die ­Digi­ta­li­sierung der Arbeitswelt.

Dieses The­menfeld soll auch in Zukunft für die Arbeit des ZET zentral bleiben. »Die Debatte über eine dro­hende tech­no­lo­gische Arbeits­lo­sigkeit wird in der Wis­sen­schaft wie auch in der brei­teren Öffent­lichkeit mit einigem Élan geführt. Einmal einen Schritt zurück­zu­treten und grund­sätzlich zu werden, würde hier – wie auch in vielen anderen Tech­nik­de­batten – sicherlich nicht schaden«, sagte der ZET-Vor­sit­zende Philipp Frey. Die Auto­ma­ti­sierung werde oft als Natur­gewalt und Sach­zwang dar­ge­stellt. »Wir treten für eine Gesell­schaft ein, in der die eman­zi­pa­to­ri­schen Mög­lich­keiten der modernen Tech­no­logie im Interesse der Mehrheit der Men­schen zur Geltung kommen. Bei­spiels­weise macht die moderne Tech­no­logie eine radikale Arbeits­zeit­ver­kürzung nötig. Dass Men­schen weniger Lohn­arbeit ver­richten müssen, ist eigentlich sehr positiv, wird aber zum Fluch, wenn – wie das heut­zutage der Fall ist – für alle, die nicht von ihren Ver­mögen leben können, ein all­ge­meiner Arbeits­zwang herrscht«, sagt Schaupp.

Der Soziologe nennt als Bei­spiel für kon­krete negative Folgen tech­no­lo­gi­scher Ent­wick­lungen die digi­talen Assis­tenz­systeme, die in den ver­schie­denen Branchen, vom Bau bis zum Ein­zel­handel, Einzug in die Arbeitswelt halten: »Die Arbeits­schritte werden den Beschäf­tigten dort bis ins Detail vor­gegeben. Abwei­chungen, selbst Nach­fragen sind nicht mehr möglich. Das sorgt für eine Dequa­li­fi­zierung der Lohn­arbeit. Dies wie­derum trägt zu einer Pre­ka­ri­sierung bei, weil die Beschäf­tigten leichter aus­tauschbar sind.«

Adres­saten der Erkennt­nisse sollen auch die Beschäf­tigten sein. Das ZET möchte Lohn­ab­hän­gigen in Semi­naren bei­spiels­weise ver­deut­lichen, dass die den Betriebs­alltag bestim­menden Algo­rithmen eine Folge poli­ti­scher ­Ent­schei­dungen sind. Eine real­po­li­tische For­derung der Wis­sen­schaftler ist, Algo­rithmen und deren Funktions­weise trans­parent zu machen. Zudem sollen die Beschäf­tigten auch im Bereich der tech­no­lo­gi­schen Aus­ge­staltung Mit­be­stim­mungs­rechte erhalten.

Mit dieser Ziel­setzung unter­scheidet sich das ZET vom Capulcu-Redak­ti­ons­kol­lektiv, das im ver­gan­genen Jahr ein Buch mit dem pro­gram­ma­ti­schen Titel »Disrupt – Wider­stand gegen den tech­no­lo­gi­schen Angriff« her­aus­ge­geben hat. Das Redak­ti­ons­kol­lektiv sieht in der Digi­ta­li­sierung vor­wiegend ein Instrument zur Über­wa­chung und Aus­for­schung, das die Auto­nomie des Men­schen bedrohe. Es fordert einen »Gegen­an­griff auf die Praxis und die Ideo­logie der totalen Erfassung«. Diese Form der Tech­nik­kritik ist in der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken weit ver­breitet. Mit dem ZET könnte sich künftig auch in Deutschland eine Strömung in der Linken her­aus­bilden, die der tech­ni­schen Ent­wicklung grund­sätzlich positiv gegen­über­steht. 

https://​jungle​.world/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​8​/​3​9​/​d​i​g​i​t​a​l​-​i​s​t​-​b​esser

Peter Nowak

Mietwohnungen sollen Aquapark weichen

Zwi­schen Ost­kreuz und Rum­mels­burger See pro­tes­tieren Anwoh­ne­rInnen gegen Abriss- und Neu­bau­pläne eines Investors

Rund um den Bahnhof Ost­kreuz in Berlin wird viel gebaut. Auf der Lich­ten­berger Seite, in den Häusern Haupt­straße 1 g–i, konnten bisher einige über 80 Jahre alte Wohn­häuser der Abriss­birne trotzen. Doch wie lange noch? Inves­toren haben ein Auge auf das Areal zwi­schen Ost­kreuz und Rum­mels­burger Bucht geworfen. In den kom­menden Wochen soll in der Bezirks­ver­ord­ne­ten­ver­sammlung Lich­tenberg die Bebauung der letzten Frei­flächen am Rum­mels­burger See beschlossen werden. Neben teuren Woh­nungen sollen dort Büros und das Projekt Coral World ent­stehen – ein Enter­tainment- Aquapark, der 500.000 Besucher pro Jahr anziehen soll. Dafür sollen nicht nur die weit­räu­migen Grün­an­lagen hinter der Haupt­straße 1 g–i weichen, auch die Wohn­häuser selbst sollen ver­schwinden. Viele Mie­te­rInnen haben ihre Woh­nungen schon geräumt. Seit einigen Jahren gehören diese dem Immo­bi­li­en­un­ter­nehmen Padovicz, das in Berlin einige Hundert Häuser besitzen soll. „Die Haus­ver­waltung kümmert sich schon lange nicht mehr um die Häuser. Selbst das kaputte Dach wird nicht repa­riert“, klagt eine Mie­terin, die seit vielen Jahren in einem der Häuser wohnt und dort auch bleiben will. Daher orga­ni­siert sie mit Nach­ba­rInnen Wider­stand gegen die Abriss- und Bebau­ungs­pläne. „Hinter den blu­migen Ver­sprechen der Inves­to­rInnen ver­steckt sich nichts anderes als Ver­wertung: Hier wird bil­liger Wohnraum beseitigt und teurer geschaffen“, so ihre Kritik. Am 1. Sep­tember wollen die Kri­tiker unter dem Motto „Bebauung heißt Ver­drängung“ ab 14 Uhr par­allel zum Rum­mels­burger Was­serfest eine Gelän­de­er­kundung rund um das Areal unter­nehmen, um die von der Ver­drängung Betrof­fenen zum Protest zu moti­vieren. Neben­Mie­te­rInnen gehören dazu Gewer­be­trei­bende und Besit­ze­rInnen der Haus­boote. Gemeinsam will man den Lich­ten­berger Bezirks­ver­ord­neten klar machen, dass das Areal kein Brachland ist. Besonders auf das Abstim­mungs­ver­halten der Linken, die mit Michael Grunst den Bezirks­bür­ger­meister stellt, schauen die Kri­ti­ke­rInnen. Während der Coral World als gut für den Bezirk lobt, unter­stützen andere Mit­glieder der Links­fraktion die Mie­te­rInnen.

taz, freitag, 24. august 2018

Peter Nowak

»Open End statt Opel-Ende«

– Crowd­funding für Film über Opel-Betriebs­gruppe GoG gestartet

Viel ist in den letzten Monaten über den gesell­schaft­lichen Auf­bruch vor 50 Jahren dis­ku­tiert worden. Selten wird erwähnt, dass nicht nur Schü­le­rInnen, Jugend­liche und Stu­die­rende um 1968 auf­ge­standen sind. Auch in den Fabriken wuchs der Wider­stand. Diesen pro­le­ta­ri­schen Auf­bruch widmet sich Bärbel Schöna­finger von labournet​.tv mit ihren Doku­men­tarfilm über die Geschichte der Gruppe oppo­si­tio­neller Gewerk­schaftler (GoG) aus Opel. Gleich am Anfang wir ein Zitat aus der wirt­schafts­nahen Wochen­zeitung „Die Zeit“ vom 24.8.1973 über den Beginn der GoG ein­blendet: „Ange­fangen hatte es damit, dass sich vor etwa drei Jahren der Reli­gi­ons­lehrer Wolfang Schaumberg und der Volks­schul­lehrer Klaus Schmidt bei den Opel-Werken als Hilfs­ar­beiter ver­dingten“. Gleich danach sitzt Wolfgang Schaumburg 2018 in einem Klas­senraum vor einer Tafel und berichtet, wie er und viele Genos­sInnen mit ihrer Betriebs­arbeit die Welt­re­vo­lution vor­an­zu­treiben wollten. Er spricht über den Kontakt mit kom­mu­nis­ti­schen Genos­sInnen aus Deutschland und Spanien. Im Anschluss berich­teten Willi Hajek und Robert Schlosser von ihrer Moti­vation, den Auf­bruch von 68 in die Betriebe zu tragen. 1975 bekam die GoG bei den Betriebs­rä­te­wahlen über 5000 Stimmen und 12 Sitze im Betriebsrat. Das war auch eine Quittung für den alten Betriebsrat, der mit dem Management gekungelt hat. Noch heute schwärmen mehrere Grün­dungs­mit­glieder der GoG über die Euphorie der ersten Jahre, als sie durch die ganze Republik fuhren und über ihre Erfolge bei Opel Bochum berich­teten. Doch nach 1975 setzte die Mühe der Ebenen ein. Die Zahl der Unter­stüt­ze­rInnen im und außerhalb des Betriebs ging zurück. Einige der Akti­vis­tInnen ver­ließen die Fabrik und setzten ihr Studium fort. Doch viele blieben und ihnen gelang es, Opel Bochum zu einem rebel­li­schen Betrieb zu machen. Es begann der Kampf um den Bil­dungs­urlaub, mit dem die Beschäf­tigten eine Woche den Betrieb ver­lassen und sich mit anderen Themen beschäf­tigen konnten. Auch dem Thema „Gesundheit am Arbeits­platz“ widmete sich die GoG bereits in den 1980er Jahren. Einen großen Stel­lenwert nehmen im Film die Ver­suche der GoG ein, der kapi­ta­lis­ti­schen Kon­kurrenz eine Arbei­te­rIn­nen­so­li­da­rität ent­ge­gen­zu­setzen. Mitt­ler­weile war aus Opel GM geworden und die ein­zelne Standorte sollten gegen­ein­ander aus­ge­spielt werden. GoG-Kol­le­gInnen fuhren in den 1990er Jahren nach Polen, Spanien und in andere Länder in der Hoffnung, eine gemeinsame Front der Arbeiter Innen gegen die Kapi­tal­stra­tegie bilden zu können. Damit sind sie gescheitert, wie die Betei­ligten heute mit etwas Wehmut resü­mieren. 2004 machte Opel Bochum mit einem sieben tägigen wilden Streik gegen Ent­las­sungs­pläne Schlag­zeilen. Hier ging auch die Saat auf, die GoG mit ihrer jah­re­langen Arbeit im Betrieb gesät hat. Doch als eine große Mehrheit in der Beleg­schaft den Streik mit einer Urab­stimmung gerade in dem Augen­blick beendete, als er Wirkung zeigte, macht einige der Akti­vis­tInnen noch heute traurig. Der Rückgang des Betriebs­ak­ti­vismus machte sich auch bei den Stim­men­rück­gängen für die GoG bei den Betriebs­rats­wahlen bemerkbar. Vor allem die junge Generation fehlte. Umso wich­tiger ist der Film über die GoG, in dem die Betei­ligten ein Stück Geschichte des pro­le­ta­ri­schen 68 ver­mitteln. Um den Film fer­tig­zu­stellen, wird noch Geld gebraucht, unter Anderem für Lizenz­ge­bühren. Bis zum 25. August läuft eine Crowd­funding-Kam­pagne von labournet​.tv und GoG. Bis dahin sollen 4000 Euro gesammelt werden.

Peter Nowak

Wer für den Film spenden will, findet hier weitere Infos:
https://www​.startnext​.com/gog/

aus: express – Zeitung für sozia­lis­tische Betriebs- und Gewerk­schafts­arbeit

http://​www​.labournet​.de/​e​x​p​ress/

Kranke Arbeit

Das Urteil gegen Mon­santo und für Dewayne Johnson ging in den ver­gan­genen Tagen um die Welt. Der Haus­meister hatte jah­relang mit gly­pho­sat­hal­tigen Unkraut­ver­nichtern gear­beitet. Heute hat er Krebs. Der Soziologe Wolfgang Hien hat diesem Thema sein Leben gewidmet: Arbeit darf nicht krank machen. 

Wie kann ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass in einer Gesell­schaft eigentlich an erster Stelle die Gesundheit der Men­schen stehen sollte und nicht der Profit? Wie kann die Arbeit an den Arbeits­stellen so gestaltet werden, dass auch Alte, Kranke und Schwache darin ihren Platz finden? Warum gibt es Beschäf­tigte, die die Härte des Arbeits­lebens feiern und die Kol­le­gInnen, die es nicht aus­halten können oder wollen, abwerten und mobben? Solche Fragen bear­beitet der Arbeits­so­ziologe Wolfgang Hien seit vielen Jahren, mitt­ler­weile in seinem For­schungsbüro für Arbeit, Gesundheit und Bio­graphie in Bremen. Tat­sächlich gibt es viele solcher Institute. »Doch bin ich wohl der Einzige, der mit wei­ter­ge­henden poli­ti­schen Inten­tionen nicht hinterm Berg hält. Ich will die Mobi­li­sierung der Betrof­fenen, ich habe eine klare anti­ka­pi­ta­lis­tische Haltung«, erklärt Hien. 

Dass das Thema zu seiner Bestimmung wurde, hat mit seinen Erfah­rungen als Aus­zu­bil­dender zu tun, die der im Saarland geborene Hien 1965 beim Che­mie­riesen BASF in Lud­wigs­hafen begonnen hat. »Ich hatte das Gym­nasium nach der siebten Klasse abge­brochen. Tat­sächlich hatte ich kaum eine Chance, im Saarland mit der Schule wei­ter­zu­machen, was wohl auch damit zusam­menhing, dass meine Eltern keine Aka­de­miker waren, sondern wie man so sagt, ein­fache Leute. Die Suche nach einer Lehr­stelle bei der BASF war die logische Folge, auch wenn man nicht gleich um die Ecke wohnte«, beschreibt Hien seine Berufswahl im Gespräch mit His­to­riker Peter Birke. »Gegen die Zer­störung von Herz und Hirn« heißt das jüngst erschienene Buch, in dem diese Gespräche über Hiens Leben und seine Erfah­rungen doku­men­tiert sind. 

Kul­tur­gruppe im Lehr­lings­wohnheim

Hien und einige seiner Kol­le­gInnen waren vom gesell­schaft­lichen Auf­bruch beein­flusst, der heute mit der Chiffre 1968 belegt wird. Sie dis­ku­tierten über die Kriegs­dienst­ver­wei­gerung und grün­deten im Lehr­lings­wohnheim eine Kul­tur­gruppe, die sich mit Nietzsche und Marx beschäf­tigte und Texte von Heinrich Böll und den pazi­fis­ti­schen Autor Wolfgang Bor­chert gelesen hat. 

Hien war damals bei BASF eigentlich weit weg von den Uni­ver­si­täten, wo Stu­die­rende die Schriften von Marx und Adorno zu lesen begannen und sich bald fragten, warum die Arbei­te­rInnen nicht revo­lu­tionär waren. Manche kehrten den Uni­ver­si­täten den Rücken und gingen für einige Zeit in die Fabriken, um die Arbei­te­rInnen zu orga­ni­sieren. Bei Hien lief es genau anders herum. Er bezeichnet sich heute als »umge­kehrten 68er« – denn nach einigen Jahren verließ er die Fabrik, holte das Abitur nach und begann ein Studium an der Uni­ver­sität Hei­delberg: Bio­chemie, Toxi­ko­logie, Phi­lo­sophie, Sozio­logie, Psy­cho­logie und Päd­agogik.

Wie stark seine erste Arbeits­stätte noch heute sein Leben prägt, zeigt ein aktu­elles Foto von Hien auf der Homepage des von ihm gegrün­deten For­schungs­büros für Arbeit, Leben und Bio­graphie in Bremen. Auf­ge­nommen ist es in unmit­tel­barer Nähe der BASF in Lud­wigs­hafen-Frie­senheim. Er macht den Ein­druck eines fein­glied­rigen Intel­lek­tu­ellen, der in der rauen Män­nerwelt einer Groß­fabrik um Aner­kennung kämpfen muss. 

Doch mit BASF ver­bindet Hien nicht nur die Erfahrung von Selbst­or­ga­ni­sation und Kol­lek­ti­vität, sondern auch die Härte des Arbeits­lebens. Noch heute ist ihm im Gedächtnis, dass der BASF-Arbeits­di­rektor sagte, die Mit­ar­bei­te­rInnen seien für ihn nur Rädchen im Getriebe. »Wir wollten keine Rädchen, sondern Sand im Getriebe sein«, betont er. Auch ein auto­ri­tärer Vor­ar­beiter mit NS-Ver­gan­genheit ist ihm noch heute in Erin­nerung. Der, erinnert sich Hien, habe ihm immer wieder schlechte Arbeit gegeben und ihn ange­schrien, bis er in einen Sitz­streik trat. 

Neo­li­be­ra­lismus bürdet Körper und Geist hohe Belas­tungen auf

Doch auch mit gesund­heits­schäd­lichen Arbeits­be­din­gungen kam Hien früh in Kontakt. Immer wieder wurde er krank und konnte nicht wei­ter­ar­beiten. »Ich hatte Gesund­heits­pro­bleme, war am Rande des Alko­ho­lismus und hatte Herz­rhyth­mus­stö­rungen«, erklärt er in dem Interview. Als Gründe nennt er den Stress bei der Arbeit in der Fabrik, kom­bi­niert mit den Über­for­de­rungen durch die poli­ti­schen Akti­vi­täten und dem Scheitern einer Beziehung. Er machte aber auch bereits damals die Erfahrung, dass sich manche seiner Kol­legen nicht über die Arbeits­be­din­gungen auf­regten, sondern über Men­schen wie ihn, die angeblich zu schwach waren, um sie aus­zu­halten. 

Die Arbeitswelt, for­mu­lierte Hien viele Jahre später, habe großen Ein­fluss auf unser Leben. »Sie kann uns Aner­kennung und Sinn geben. Doch die neo­li­berale Radi­ka­li­sierung unserer Betriebe bürdet Körper, Geist und Seele hohe Belas­tungen auf. Die Folge: Arbeits­be­dingte Krank­heiten nehmen zu.« Waren es früher vor allem kör­per­liche Beschwerden, erkranken immer mehr Men­schen heute an der Seele. 

Lange Zeit pen­delte Hien zwi­schen ver­schie­denen Städten hin und her und hielt sich mit schlecht bezahlten aka­de­mi­schen Jobs über Wasser. Wich­tiger war für ihn, mit­zu­mi­schen bei der Koope­ration zwi­schen Umwelt­in­itia­tiven und kri­ti­schen Gewerk­schaf­te­rInnen, die es in den 1980er Jahren auch in der Che­mie­branche gab.

»Mit­mi­scher« nannte sich auch eine der Gruppen im Rhein-Main-Gebiet, in der Hien mit spa­ni­schen Che­mie­ar­bei­te­rInnen orga­ni­siert war. Auch eine Betriebs­zeitung, die in einer Auflage von 10 000 Exem­plaren von Ende der 1970er bis in die 1990er Jahre bei BASF Lud­wigs­hafen ver­teilt wurde, trug diesen Namen. Ver­ant­wortlich dafür war eine kleine Gruppe von Beschäf­tigten. Linke Chris­tInnen waren ebenso dar­unter wie Öko­so­zia­lis­tInnen und undog­ma­tische Sozia­lis­tInnen. Sie koope­rierten mit einer ört­lichen Bür­ger­initiative und infor­mierten über die Schat­ten­seiten der hoch­ge­prie­senen Che­miewelt. 

Fast in jeder Nummer wurden die Kol­le­gInnen über die gif­tigen Sub­stanzen infor­miert, mit denen sie ständig in Berührung kamen. »Lassen wir uns nicht länger ver­walten. Ergreifen wir die Initiative«, hieß es im Aufruf des Anfang des 1980er Jahre gegrün­deten Akti­ons­kreis Gesundheit in der Rhein-Neckar-Region. 

Motiv: Pro­fit­stei­gerung, Täter: Wirt­schaft, Politik, Medizin

Eine von Hiens Themen war die Asbest-Kata­strophe, die eigentlich besser als Kri­mi­nalfall bezeichnet werden sollte. Motiv: Pro­fit­stei­gerung, Täter: Ver­treter aus Wirt­schaft, Politik und Arbeits­me­dizin, gedeckt wurden sie von DGB-Vor­ständen und jenem Teil der Lohn­ab­hän­gigen, die für einen Arbeits­platz über Leichen gehen. Hien hat auch die Arsen­ka­ta­strophe an der Mosel auf­ge­ar­beitet. Von 1920 bis in die 1950er Jahre wurde Arsen als Abfall­produkt der Che­mie­in­dustrie im Mosel­weinbau als Schäd­lings­be­kämp­fungs­mittel ein­ge­setzt. »Es gab wahr­scheinlich mehr als tausend Krebs­fälle von Mosel­winzern, die im Alter von etwa 40 bis 50 Jahren starben«, erinnert sich Hien. 

Dass ein Großteil der Gesund­heits­be­wegung später in eine eso­te­rische Richtung abdriftete, bedauert Hien. Ihm geht es bis heute um Men­schen­würde am Arbeits­platz. Das heißt für ihn, den Bedin­gungen in der Arbeitswelt den Kampf anzu­sagen, die die Men­schen im Betrieb krank machen. 

Zu seinen Kon­tra­hen­tInnen gehörten nicht nur die Indus­trie­ver­bände, sondern oft auch Betriebsräte und Gewerk­schaf­te­rInnen, die auf Sozi­al­part­ner­schaft setzten und in Hiens Enga­gement eine Kam­pagne gegen die Che­mie­in­dustrie sahen. »Solche wie Dich brauchen wir hier nicht« – diesen Satz, sagt er, habe er öfter gehört, wenn er sich auf eine gewerk­schaft­liche Stelle bewarb oder einen Antrag zur För­derung eines Pro­jekts bei der gewerk­schafts­nahen Hans-Böckler-Stiftung stellte.

Für viele seiner Freun­dInnen war es eine Über­ra­schung, als Hien 2003 Referent für Gesund­heits­schutz beim Vor­stand des DGB wurde. Recht schnell geriet er mit seinen Enga­gement für eine Arbeitswelt, in der auch die Lang­samen und chro­nisch Kranken ihren Platz haben sollen, in Kon­flikt mit einer Gewerk­schafts­logik, die Arbeits­plätze vor Gesund­heits­schutz stellte. 

Nachdem er im Büro mit einer Herz­neurose zusam­men­ge­brochen war – Hien führte sie auf die stressige Arbeits­si­tuation zurück –, kün­digte er beim DGB und machte sich mit 57 Jahren selb­ständig. Seitdem leitet er das For­schungsbüro in Bremen. 

Gesunde Arbeits­be­din­gungen sind eine globale Her­aus­for­derung

Gute und gesunde Arbeits­be­din­gungen zu schaffen, sei eine globale Aufgabe, sagt Hien. Leih­ar­bei­te­rInnen aus Ost­europa oder dem glo­balen Süden sterben in ihren Hei­mat­ländern an den Krank­heiten, die sie sich bei gesund­heits­ge­fähr­denden Arbeiten im Norden zuge­zogen haben. Oder das Gift­ma­terial wird gleich in den glo­balen Süden expor­tiert, was Hien am Bei­spiel der Demontage von Schiffen in Asien zeigt. Und es kamen neue Pro­bleme hinzu, bei­spiels­weise die der Pfle­ge­berufe, einer Arbeit mit und am Men­schen, die wie Indus­trie­arbeit orga­ni­siert werden. Oder die Frage nach dem Einsatz von mög­li­cher­weise – so sagt es Hien süf­fisant – »gele­gentlich gesund­heits­schäd­lichem« Gly­phosat, das mit großer Wahr­schein­lichkeit – so urteilte Ende letzter Woche ein Gerichts in San Fran­cisco – die Ursache der Krebs­er­krankung von Dewayne Johnson ist, der jah­relang mit gly­pho­sat­hal­tigen Unkraut­ver­nichtern gear­beitet hat. 

Ein solches Urteil, wenn auch auf der anderen Seite des Globus, ist ein kleiner Erfolg im Kampf für gesunde Arbeit. Aus solchen kleinen Bau­steinen setzt sich auch der Erfolg von Wolfgang Hien zusammen. »Heute sind bestimmte Stan­dards im Gesund­heits­schutz erreicht, die vor 50 Jahren absolut undenkbar waren. Daran habe ich ein bisschen mit­ge­wirkt«, so das Fazit seines lang­jäh­rigen Enga­ge­ments. 

Doch das ist für ihn kein Grund, sich zurück­zu­lehnen. »Diese Stan­dards gelten nicht für eine wach­sende Zahl von prekär arbei­tenden und lebenden Men­schen in aller Welt, aber auch eine wach­sende Zahl von Pre­kären in Deutschland.« Denn die Gesund­heits­be­las­tungen in der Arbeitswelt haben nicht abge­nommen. Den Ver­hei­ßungen einer schönen, neuen Arbeitswelt im Zeit­alter von Com­puter und Internet setzt Hien den ernüch­ternden Befund ent­gegen: »Letztlich wird der gesund­heit­liche Ver­schleiß durch neue Arbeits­formen nicht abge­schafft. Die Körper von Aber­mil­lionen Tex­til­ar­bei­te­rinnen oder Stahl­ar­beitern werden wie eh und je drang­sa­liert wie die Körper von Mil­lionen, viel­leicht auch schon Aber­mil­lionen von digi­talen Crowd­wor­ke­rinnen, die neben ihrer Fami­li­en­arbeit noch nachts am Com­puter sitzen, kaum schlafen und für ein paar Cent ihre Gesundheit rui­nieren.« 

Wolfgang Hien, Peter Birke: Gegen die Zer­störung von Herz und Hirn – »68« und das Ringen um men­schen­würdige Arbeit. VSA-Verlag, 256 Seiten, 22,80 Euro.

KONTEXT:Wochenzeitung
Ausgabe 385

https://​www​.kon​text​wo​chen​zeitung​.de/​g​e​s​e​l​l​s​c​h​a​f​t​/​3​8​5​/​k​r​a​n​k​e​-​a​r​b​e​i​t​-​5​2​8​3​.html

Peter Nowak


Hinweis in der Print­ausgabe von Kontext:-Wochenzeitung, 18.8.2018

Kranke Arbeit
Das Urteil gegen Mon­santo und für Dewayne Johnson ging in den vergan- genen Tagen um die Welt. Der Haus- meister hatte jah­relang mit gly­phosat- hal­tigen Unkraut­ver­nichtern gearbei- tet. Heute hat er Krebs. Der Soziologe Wolfgang Hien hat diesem Thema sein Leben gewidmet: Arbeit darf nicht krank machen. Von Peter Nowak