Gegen die Zerstörung von Herz und Hirn

Schlecht, wenn der Job an die Nieren geht. Und ans Hirn

Die neo­li­berale Radi­ka­li­sierung in der Arbeitswelt, sagt Wolfgang Hien, bürde Körper, Geist und Seele hohe Belas­tungen auf. Die Folge: Arbeits­be­dingte Krank­heiten nehmen zu. „Dieser Ent­wicklung sollte Einhalt geboten werden. Dafür möchte ich meine arbeits- und gesund­heits­wis­sen­schaft­liche Kom­petenz ein­setzen.“ Damit hat Hien, geboren 1949 im Saarland, sein lebens­langes Enga­gement für den Gesund­heits­schutz in der Arbeitswelt recht gut beschrieben. Warum das Thema zu seiner Lebens­aufgabe wurde, kann man in dem langen Gespräch erfahren, das Hien mit dem His­to­riker Peter Birke geführt hat, und woraus „Gegen die Zer­störung von Herz und Hirn“ besteht. Hien beginnt damit, wie ihn seine Erfah­rungen als Aus­zu­bil­dender beim Che­mie­riesen BASF in Lud­wigs­hafen geprägt haben. Dann klärt er auch die Ver­wirrung auf, die der Unter­titel „68 und das Ringen um eine men­schen­würdige Arbeit“ bei manchen aus­lösen mag. Schließlich schien Hien im BASF-Labor weit weg von den Unis, in denen Stu­die­rende Marx und Adorno zu lesen begannen.
Doch Hien beschreibt ein­prägsam, wie sehr ihn und einige BASF-Kol­legen der gesell­schaft­liche Auf­bruch Ende der 1960er Jahre beein­flusste. Wie er nach einigen Jahren die Fabrik verließ, das Abitur nach­holte und ein Studium begann. Und wie er auch danach den Kampf um den Gesund­heits­schutz in der Che­mie­in­dustrie fort­setzte.
Peter Birke, eine Generation jünger als sein Gesprächs­partner, gelingt es, die Bio­graphie Hiens aus­zu­leuchten und zugleich Ele­mente einer Gegen­ge­schichte der Indus­trie­arbeit in Deutschland auf­zu­zeichnen: Etwa wenn Hien von der Koope­ration zwi­schen Umwelt­in­itia­tiven und kri­ti­schen Gewerk­schaftern erzählt, die es in den 1980er Jahren auch in der Che­mie­branche gab. „Mit­mi­scher“ nannte sich eine der Gruppen im Rhein-Main-Gebiet, in der Hien gemeinsam mit Che­mie­ar­beitern orga­ni­siert war, „Mit­mi­scher“ nannte sich auch eine Betriebs­zeitung, die in einer Auflage von 10 000 Exem­plaren von den 1970er bis in die 1990er Jahre bei BASF Lud­wigs­hafen ver­teilt wurde. Fast in jeder Nummer wurden die Kol­legen über die gif­tigen Sub­stanzen infor­miert, mit denen sie ständig in Berührung kamen.
Der gut besuchte Alter­native Gesund­heitstag 1980 in Berlin gab Hien Inspi­ration für sein Enga­gement, Betriebs­ba­sis­gruppen für Gesundheit auf­zu­bauen. Mit den eso­te­ri­schen Strö­mungen, in die Teile der Gesund­heits­be­wegung später abdrif­teten, hatte er nichts im Sinn. Ihm ging es darum, den Bedin­gungen in der Arbeitswelt den Kampf anzu­sagen, die die Men­schen krank machen. Zu seinen Kon­tra­henten gehörten dabei nicht nur Indus­trie­ver­bände, sondern oft auch Betriebsräte und Gewerk­schaften, die auf Sozi­al­part­ner­schaft setzten. Deshalb war es für viele eine Über­ra­schung, dass Hien 2003 Referent für Gesund­heits­schutz beim DGB-Vor­stand wurde.
Doch schnell geriet er mit seinen Enga­gement für eine Arbeitswelt, in der auch die Lang­samen und chro­nisch Kranken ihren Platz haben sollen, in Kon­flikt mit einer Gewerk­schafts­logik, die Arbeits­plätze vor Gesund­heits­schutz stellt. Hien beschäftigt vielmehr die Frage, wie Lohn­arbeit so gestaltet werden kann, dass auch Alte, Kranke und Schwache darin ihren Platz finden.
In einer Zeit, in der Beschäf­tigte ständig erreichbar und fle­xibel sein sollen, hat diese Fra­ge­stellung nichts von ihrer Dring­lichkeit ver­loren. So ist der Gesprächsband nicht nur Erin­nerung an linke Geschichte, sondern auch ein sehr aktu­elles Buch.

Peter Nowak

Gegen die Zer­störung von Herz und Hirn – »68»und das Ringen um Men­schen­würde Arbeit, Wolfgang Hien, Peter Birke, VSA-Verlag 2018, 256 Seiten, 22,80 Euro,

aus Wochen­zeitung Freitag, Nr. 43, 25.Oktober 2018,

Protest zu A100 flammt erneut auf

Das »Bündnis A100 stoppen« will am Sonntag auf der Kreuzung Elsenstraße/​Puschkinallee ab 15 Uhr für eine Stunde den Verkehr still­legen. Mit der Blo­ckade soll gegen den Wei­terbau der Autobahn A100 von Neu­kölln nach Treptow, Lich­tenberg und Fried­richshain demons­triert werden. Seit Jahren wenden sich die A100-Gegner*innen gegen diese Pläne. »Es geht darum, eine neue Mobi­lität in den Städten zu dis­ku­tieren. Dabei kann man von China lernen, wo die Elek­tro­mo­bi­lität einen zen­tralen Stel­lenwert ein­ge­nommen hat«, erklärt Tobias Trommer, Sprecher der Initiative, gegenüber dem »nd«.

Anlass für die Pro­test­aktion sind Pläne für die noch in Bau befind­lichen Trasse von Neu­kölln zur Straße Am Trep­tower Park. Dabei soll nun offenbar eine Rampe über die Ringbahn führen, welche laut Autobahngegner*innen bereits den Wei­terbau nach Fried­richshain und Lich­tenberg vor­be­reite. Außerdem würde die Rampe Mehr­kosten erzeugen, wodurch die A100-Gegner*innen auch ein Urteil des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts ver­letzt sehen, welches zusätz­liche Aus­gaben aus­schließt.

Von Rot-Rot-Grün fordert die Initiative, die neue Tras­sen­va­riante zu ver­hindern. Wenn der Mitte-links-Senat dies nicht ver­hindere, igno­riere er die eigene Koali­ti­ons­ver­ein­barung. Diese schließe Pla­nungen für den 17. Bau­ab­schnitt nach Fried­richshain und Lich­tenberg aus, was sei­nerzeit ein Kom­pro­miss­re­gelung war. Ange­sichts der aktu­ellen Dis­kussion über Luft­ver­schmutzung durch den Auto­verkehr fühlen sich die Gegner*innen bestätigt. Sollte die A100 bis zum Trep­tower Park ver­längert werden, werde der zuneh­mende Verkehr den Men­schen in Alt-Treptow und Fried­richshain »den Platz zum Leben und die Luft zum Atmen nehmen«, so die Initiative.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​1​0​2​8​8​8​.​p​r​o​t​e​s​t​-​z​u​-​a​-​f​l​a​m​m​t​-​e​r​n​e​u​t​-​a​u​f​.html

Peter Nowak

40 Jahre Taz: Hat sie die Welt aus den Angeln gehoben?

Die Zeitung war ein Mei­len­stein auf dem Weg, von allen revo­lu­tio­nären und gesell­schafts­trans­for­ma­to­ri­schen Zielen Abstand zu nehmen

»Kalasch­nikow oder Yoga: Wirken Körper- und Men­tal­tech­niken gesell­schafts­ver­än­dernd?«, fragt sich Gudrun Kromrey. Und für Peter Grafe steht fest: »Yoga kann poli­tisch sein«. Die beiden Autoren gehörten zu den Taz-Gründern der ersten Stunde und haben am 27. Sep­tember 1978 die erste Null­nummer her­aus­ge­bracht. 40 Jahre später hat ein Teil von ihnen noch einmal eine Taz pro­du­ziert. Die Ausgabe vom 27. Sep­tember hatten sie kom­plett zu ver­ant­worten. Im Edi­torial erinnert Vera Gaserow noch einmal an den Impetus der Grün­derzeit:

1978 sind wir ange­treten, die Welt aus den Angeln zu heben. Mit­hilfe einer täglich erschei­nenden Zeitung wollten wir sie neu jus­tieren. Gerechter, fried­licher, weib­licher, freier, schöner – rundum besser sollte sie werden, radikal! Alles schien möglich – wir waren jung, wir wussten, wo es langgeht, wir hatten kein Geld, keine Erfahrung, aber jede Menge Utopien.

Vera Gaserow

Was hat die Taz mit der 68er-Bewegung zu tun?

Nun könnte man diese Zeilen schnell als Mythos oder gar Kitsch abtun. Die, die Welt aus den Angeln heben wollten, sind später so ange­passt geworden, wie die, gegen die sie vor 40 Jahren rebel­lierten. Doch diese Sicht wäre doch etwas zu ober­flächlich. Es wird oft aus­ge­blendet, in welcher gesell­schafts­po­li­ti­schen Situation die Taz gegründet wurde.

Da stellt sich auch die Frage, in welchen Ver­hältnis die Taz zum Auf­bruch von 1968 stand. Tat­sächlich ist die Zei­tungs­gründung, ebenso wie der Auf­bruch der grün­al­ter­na­tiven Listen am Ende der 1970er Jahre, ein Mei­len­stein für das Ende des 1968er Auf­bruches als Bewegung mit revo­lu­tio­närem Anspruch.

Die gesell­schafts­ver­än­dernden Utopien waren, wenn nicht auf­ge­braucht, so doch an ihre Grenzen gestoßen. Diese Utopien haben sich längst nicht nur im Aufbau von auto­ri­tären mao­is­ti­schen Kader­par­teien erschöpft. »Lasst tausend Blumen blühen«, diese Mao zuge­schriebene Parole hat bestimmt keine der Par­teien, die den großen Meister im Namen führten, umge­setzt, sehr aber die 68er Bewegung als Ganzes.

Eine Menge anar­chis­ti­scher, dis­si­denter sozia­lis­ti­scher und kom­mu­nis­ti­scher Ideen wurden neu ent­deckt und auf ihre Rea­li­täts­taug­lichkeit geprüft. Femi­nis­tische Ansätze wurden wieder auf­ge­griffen und wei­ter­ent­wi­ckelt. Gegen all diese Ideen und alle Ver­suche ihrer Umsetzung machte der Staat mobil.

Die Stich­worte »bleierne Zeit« und »Deut­scher Herbst« wurden schon zu Meta­phern und dienten bald auch der Geschichts­klit­terung. Denn es setzte sich bald die Lesart durch, die auch in der Jubi­läums-Taz ver­treten wird, im Deut­schen Herbst hätten die RAF und der Staat gegen­ein­ander Krieg geführt und die übrige Linke mit in Haftung genommen.

Und am Strand von Tunix wartete Peter Glotz

Die hätte sich nun mit dem großen Tunix-Kon­gress [1] im Januar 1978 aus dieser Umklam­merung befreit und so die Grundlage für neue Pro­jekte geschaffen. Die Taz war eines dieser Pro­jekte. Sie wurde nicht auf dem Tunix-Kon­gress gegründet. Es gab schon Monate vorher eine Vor­be­rei­tungs­gruppe für die Gründung einer alter­na­tiven Tages­zeitung. Tunix war nur das große Forum, auf dem die Ergeb­nisse vor­ge­stellt wurden.

»Zwei Tage, die die Republik ver­än­derten: Ende Januar 1978 ver­sam­melten sich in West-Berlin Tau­sende von Spontis zum ‚Tunix‘-Kongress«, schrieb Zeit­zeuge Michael Sont­heimer 2008 im Spiegel. Er gehörte als Taz-Mit­be­gründer auch zu den Autoren der Jubi­lä­ums­ausgabe. Mit der Ein­schätzung hatte er Recht und da kommen wir zur Ein­gangs­frage, ob die Bewegung, in der die Taz nur ein Projekt war, die Welt aus den Angeln gehoben hat: Ja, aber die Vor­be­dingung war, von allen revo­lu­tio­nären und gesell­schafts­trans­for­ma­to­ri­schen Zielen Abstand zu nehmen.

Gegen diese und nicht nur gegen die RAF und ihr Umfeld richtete sich der Deutsche Herbst bzw. die bleierne Zeit. Die Linke ver­ab­schiedete sich von diesen Kon­zepten und landete am Strand von Tunix. Von dort führten alle Wege zurück in den Staat. Der war am Tunix-Kon­gress in der Gestalt des dama­ligen Wis­sen­schafts­se­nators Peter Glotz ver­treten. Seine Teil­nahme dort wurde mit Erstaunen betrachtet.

Aus­stei­ger­prosa und der neue Ein­stieg in den Staat

Denn vor­der­gründig passte der blitz­ge­scheite Glotz, durch und durch ein Mann des Staates, nicht zu der hip­piesken Aus­stei­ger­prosa selbst­er­nannter Stadt­in­dianer:

UNS LANGT’S JETZT HIER!
Der Winter hier ist uns zu trist, der Frühling zu ver­seucht, und im Sommer ersticken wir hier. Uns stinkt schon lange der Mief aus den Amts­stuben, den Reak­toren und Fabriken, von den Stadt­au­to­bahnen. Die Maul­körbe schmecken uns nicht mehr und auch nicht mehr die plas­tik­ver­schnürte Wurst. Das Bier ist uns zu schal und auch die spießige Moral. Wir woll’n nicht mehr immer die­selbe Arbeit tun, immer die gleichen Gesichter zieh’n. Sie haben uns genug kom­man­diert, die Gedanken kon­trol­liert, die Ideen, die Wohnung, die Pässe, die Fresse poliert. Wir lassen uns nicht mehr ein­machen und klein­machen und gleich­machen.
WIR HAUEN ALLE AB! … zum Strand von Tunix.

Aufruf zum Tunix-Kon­gress

Heute wissen wir, dass am Strand von Tunix Peter Glotz wartete und den ernüch­terten Bür­ger­kindern die Gewissheit mitgab, doch noch Staat machen zu können. Es gab natürlich beim Tunix-Kon­gress Gegen­stimmen [2]. Sie erhofften sich neue Impulse für den linken Auf­bruch. Doch die große Mehrheit wollte dort raus, das war der eigent­liche Kern der Aus­stiegs­prosa.

Über den Wie­der­ein­stieg gab es auch durchaus kon­tro­verse Vor­stel­lungen und nicht wenige werden damals ehrlich über­zeugt gewesen sein, sie könnten auch noch auf neuen Wegen die Republik trans­for­mieren. Und irgendwie haben sie es auch geschafft. Nur haben sie den Kapi­ta­lismus nicht etwa zurück­ge­drängt oder wenigstens im sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Sinne gezähmt.

Sie haben vielmehr aus dem 68er Auf­bruch die Skills mit­ge­bracht, mit dem sich der Kapi­ta­lismus erneuern konnte. Fle­xi­bi­lität, Diver­sität, Krea­ti­vität wurden bald getrennt von linken Kon­zepten zum Schwungrad einer neuen kapi­ta­lis­ti­schen Phase und in diesen Sinne auch zur Staats­raison.

Rebecca Harms, die am Maidan partout keine Rechten sehen wollte

Und auch von einer Welt ohne Krieg und Mili­ta­rismus haben sich die Alter­na­tiven am Strand von Tunix ver­ab­schiedet. Es begann die Zeit, als die Alter­na­tiven den Wert der Regionen und Nationen schätzen lernten, besonders, wenn es darum ging, die Ordnung von Jalta zum Ein­sturz zu bringen. Damit war das Nach­kriegs­europa der alli­ierten Sieger über Nazi­deutschland gemeint. Des­wegen blieb der Kampf gegen Jalta lange alten und neuen Nazis über­lassen, bis die Alter­na­tiven ihn ent­deckten.

Wohin das führte wird in der Taz-Jubi­lä­ums­ausgabe im Interview mit der lang­jäh­rigen Grünen-Poli­ti­kerin Rebecca Harms [3] besonders deutlich. Sie wurde zur Schutz­hei­ligen der ukrai­ni­schen Natio­nal­be­wegung, in der sie bis heute keine Rechten ent­decken kann.

Über ihr natio­nales Coming Out sagte Harms:

Der Besuch in Tscher­nobyl hat mich an das Land, das es damals noch gar nicht gab, gebunden. Der Osten Europas hat mich damals umarmt und mich nicht wieder los­ge­lassen. Ich ent­schied mich 2004 für das Euro­pa­par­lament, weil ich das Zusam­men­wachsen zwi­schen West und Ost in Europa mit­ge­stalten wollte. Und 2013 musste ich mit meinen Freunden auf dem Maidan sein. Ich erlebte als eine der ersten Grünen, wie sich der rus­sische Info­krieg anfühlt. Rus­sische Trolle denun­zierten mich als »Faschis­tenhure« und »Faschis­ten­flittchen«. Und ich beob­achtete selbst unter Grünen oder im Wendland die Wirkung dieser Pro­pa­ganda. Statt mich zu unter­stützen, wurde mir emp­fohlen, im begin­nenden Euro­pa­wahl­kampf das Thema zu wechseln. Bei den Bewer­tungen der Ereig­nisse in der Ukraine sowohl bei den Grünen als auch in Deutschland ins­gesamt hatte ich früh das Gefühl, dass etwas aus­ein­an­dergeht.

Rebecca Harms, taz

Nun waren es kei­neswegs nur »rus­sisch Trolle«, sondern viele Beob­achter der ukrai­ni­schen Gescheh­nisse, die in der Natio­nal­be­wegung rechte und faschis­tische Ten­denzen ent­decken konnten. Harms Statement bestätigt die Kritik an grünem Regio­na­lismus und Eth­no­kitsch, wie er in den 1970er und 1980er Jahren geäußert wurde.

Wer wie Harms die AKW-Havarie von Tscher­nobyl natio­na­lis­tisch deutet, hat auch ein natio­na­lis­ti­sches Grund­konzept. Von den Folgen waren Men­schen der unter­schied­lichen Teile der Sowjet­union betroffen, vor allem die Men­schen in Belarus [4]. Wenn es um den Kampf gegen die AKW-Nutzung geht, hätte man nicht zur Schutz­hei­ligen des ukrai­ni­schen oder eines anderen Natio­na­lismus werden müssen.

Man hätte vielmehr eine Anti-AKW-Bewegung in der gesamten Sowjet­union unter­stützen können. Harms und andere aus der Alter­na­tiv­be­wegung haben den Kampf gegen das System von Jalta mit gewonnen.

Sie gehören zu den besonders aggres­siven Teil der neuen herr­schenden Klasse, die sich vom Strand von Tunix zum Marsch auf die Insti­tu­tionen auf­machte. Dass haben sogar mitt­ler­weile Ludger Volmer [5] und Anje Vollmer [6] gemerkt, die als Teil des grünen Per­sonals in der Ära Schröder-Fischer keine Kritik an diesem Kurs übten.

Doch solche kri­ti­schen Rufe finden in der Taz-Jubi­lä­ums­ausgabe keinen Platz. So konnte Daniel Cohn-Bendit im Gespräch [7] mit dem ehe­ma­ligen SPD-Kanz­ler­kan­di­daten Martin Schulz sein Dogma wie­der­holen, dass die EU gerettet werden muss und dass könne nur der fran­zö­sische Prä­sident Macron machen. Sehr deutlich erklärt Cohn-Bendit, dass er kei­nes­falls für ein soziales Europa streitet:

Ich glaube, die Men­schen inter­es­siert das soge­nannte soziale Europa …
Cohn-Bendit: Quatsch. Ich kann das nicht mehr hören. Wenn die in der Bun­des­re­publik wählen oder in Frank­reich, wählen sie Per­sonen. Das Problem aber ist, dass die Men­schen mit Europa nichts ver­binden, weil sie mit den Per­sonen, die das ver­treten, nichts ver­binden. Macron hat doch nicht gewonnen, weil er gesagt hat, ich mache mehr Soziales. Er hat gewonnen, weil er seine Person mit einer Vision von Europa ver­bunden hat.

Taz-Interview [8]

Die schlaueste Kritik an den Kon­zepten derer, die sich einst am Strand von Tunix ver­sammelt haben, kommt von Wolfgang Zügel, der heute bei der kon­ser­va­tiven Welt arbeitet: Er nimmt prä­gnant die Theorien derer aus­ein­ander, die für ein Null­wachstum hier und jetzt plä­dieren und erinnert an einen linken Klas­siker, den viele auf den Weg nach Tunix liegen gelassen haben.

Man muss sich bei diesen steilen Thesen Karl Marx in Erin­nerung rufen: Jeder Kapi­talist ver­sucht, den Kon­kur­renten zu über­trumpfen, besser zu sein und so einen Extra­profit zu erwirt­schaften. Die anderen ver­suchen dann, den Vor­sprung ein­zu­holen und aus­zu­gleichen, der Nächste findet durch Inno­vation wieder eine Mög­lichkeit des Extra­profits – und so dreht sich die Spirale unauf­haltsam weiter. Dies zu durch­brechen würde die Abkehr vom pri­vaten zum gesell­schaft­lichen Eigentum und zur Plan­wirt­schaft bedeuten.

Wolfgang Zügel, Taz

Hier erinnert der Autor einer kon­ser­va­tiven Zeitung seine eins­tigen Mit­streiter an einige Grund­lagen für eine ver­nünftige Gesell­schafts­kritik. Aber die, die einst auf­brachen zum Strand von Tunix, wollten die Gesell­schaft nicht mehr kri­ti­sieren.

Peter Nowak
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Links in diesem Artikel:
[1] http://​www​.spiegel​.de/​e​i​n​e​s​t​a​g​e​s​/​s​o​z​i​a​l​e​-​b​e​w​e​g​u​n​g​e​n​-​a​-​9​4​9​0​6​8​.html
[2] http://​bewegung​.nostate​.net/​m​a​t​e​_​t​u​n​i​x​.html
[3] http://​www​.taz​.de/​4​0​-​J​a​h​r​e​-​t​a​z​/​!​5​5​3​8251/
[4] https://​www​.heise​.de/​t​p​/​f​e​a​t​u​r​e​s​/​B​e​l​a​r​u​s​-​i​s​t​-​k​o​m​p​l​e​t​t​-​v​e​r​s​t​r​a​h​l​t​-​3​1​9​1​9​2​1​.html
[5] http://​www​.ag​-frie​dens​for​schung​.de/​t​h​e​m​e​n​/​P​a​z​i​f​i​s​m​u​s​/​D​e​b​a​t​t​e​/​W​e​l​c​o​m​e​.html
[6] http://​web​archiv​.bun​destag​.de/​a​r​c​h​i​v​e​/​2​0​0​7​/​0​2​0​6​/​m​d​b​/​m​d​b​1​5​/​b​i​o​/​V​/​v​o​l​l​m​a​n​0​.html
[7] http://​www​.taz​.de/​!​5​5​3​6020/
[8] http://​www​.taz​.de/​!​5​5​3​6020/

Digital ist besser


Das neu gegründete Zentrum für Eman­zi­pa­to­rische Tech­nik­for­schung beschäftigt sich mit Fragen der tech­no­lo­gi­schen Ent­wicklung. Zu den Adres­saten des Think Tanks gehören auch die Beschäf­tigten, deren Arbeits­leben immer stärker von der Digi­ta­li­sierung geprägt wird.

»Wir sind keine Tech­no­lo­gie­kri­tiker, sondern ver­stehen uns als Tech­no­lo­gie­for­scher«, sagt Simon Schaupp. Er gehört zu den Gründern des Zen­trums für Eman­zi­pa­to­rische Tech­nik­for­schung (ZET) in München. Die Wis­sen­schaftler, die sich Anfang Sep­tember in diesem Think Tank zusam­men­ge­schlossen haben, kommen aus ver­schie­denen Fach­rich­tungen und wollen »in den gesell­schaft­lichen Diskurs um die tech­nische Ent­wicklung inter­ve­nieren«, wie es in einer ersten Selbst­dar­stellung heißt.

Das Zentrum solle neue Akzente in der linken Tech­nik­de­batte setzen, sagt Schaupp im Gespräch mit der Jungle World. »Im linken Diskurs wird die Digi­ta­li­sierung oft als Angriff auf das gute Leben inter­pre­tiert. Wir haben einen anderen Blick auf die Digi­ta­li­sierung.

Wir sehen Tech­no­logie als Ergebnis von Macht­kämpfen. Das bedeutet auch, dass unter den gegen­wär­tigen poli­ti­schen Bedin­gungen einer markt­ra­di­kalen Dominanz die Aus­wir­kungen der Tech­no­logie nicht gerade positiv für die abhängig Beschäf­tigten sind. Der Grund dafür liegt aber nicht in der Tech­no­logie selbst, sondern in deren poli­tisch-öko­no­mi­schen Rah­men­be­din­gungen.«

Das ZET soll künftig aber nicht nur Dis­kurse, sondern auch Arbeits­be­din­gungen ver­ändern. Dem­entspre­chend fand der Grün­dungs­kon­gress im Münchner DGB-Haus statt. In einer Dis­kus­si­ons­runde sprachen Wis­sen­schaftler und poli­tisch enga­gierte Com­pu­ter­fach­leute über die Mög­lich­keiten einer »Tech­nik­po­litik von unten« am Bei­spiel der Hacker-Bewegung. In einem zweiten Panel refe­rierten die Geschäfts­füh­rerin des Karls­ruher Instituts für Tech­nik­zu­künfte, Alex­andra Haus­stein, und Andreas Boes vom Münchner Institut für Sozi­al­wis­sen­schaft­liche For­schung über die ­Digi­ta­li­sierung der Arbeitswelt.

Dieses The­menfeld soll auch in Zukunft für die Arbeit des ZET zentral bleiben. »Die Debatte über eine dro­hende tech­no­lo­gische Arbeits­lo­sigkeit wird in der Wis­sen­schaft wie auch in der brei­teren Öffent­lichkeit mit einigem Élan geführt. Einmal einen Schritt zurück­zu­treten und grund­sätzlich zu werden, würde hier – wie auch in vielen anderen Tech­nik­de­batten – sicherlich nicht schaden«, sagte der ZET-Vor­sit­zende Philipp Frey. Die Auto­ma­ti­sierung werde oft als Natur­gewalt und Sach­zwang dar­ge­stellt. »Wir treten für eine Gesell­schaft ein, in der die eman­zi­pa­to­ri­schen Mög­lich­keiten der modernen Tech­no­logie im Interesse der Mehrheit der Men­schen zur Geltung kommen. Bei­spiels­weise macht die moderne Tech­no­logie eine radikale Arbeits­zeit­ver­kürzung nötig. Dass Men­schen weniger Lohn­arbeit ver­richten müssen, ist eigentlich sehr positiv, wird aber zum Fluch, wenn – wie das heut­zutage der Fall ist – für alle, die nicht von ihren Ver­mögen leben können, ein all­ge­meiner Arbeits­zwang herrscht«, sagt Schaupp.

Der Soziologe nennt als Bei­spiel für kon­krete negative Folgen tech­no­lo­gi­scher Ent­wick­lungen die digi­talen Assis­tenz­systeme, die in den ver­schie­denen Branchen, vom Bau bis zum Ein­zel­handel, Einzug in die Arbeitswelt halten: »Die Arbeits­schritte werden den Beschäf­tigten dort bis ins Detail vor­gegeben. Abwei­chungen, selbst Nach­fragen sind nicht mehr möglich. Das sorgt für eine Dequa­li­fi­zierung der Lohn­arbeit. Dies wie­derum trägt zu einer Pre­ka­ri­sierung bei, weil die Beschäf­tigten leichter aus­tauschbar sind.«

Adres­saten der Erkennt­nisse sollen auch die Beschäf­tigten sein. Das ZET möchte Lohn­ab­hän­gigen in Semi­naren bei­spiels­weise ver­deut­lichen, dass die den Betriebs­alltag bestim­menden Algo­rithmen eine Folge poli­ti­scher ­Ent­schei­dungen sind. Eine real­po­li­tische For­derung der Wis­sen­schaftler ist, Algo­rithmen und deren Funktions­weise trans­parent zu machen. Zudem sollen die Beschäf­tigten auch im Bereich der tech­no­lo­gi­schen Aus­ge­staltung Mit­be­stim­mungs­rechte erhalten.

Mit dieser Ziel­setzung unter­scheidet sich das ZET vom Capulcu-Redak­ti­ons­kol­lektiv, das im ver­gan­genen Jahr ein Buch mit dem pro­gram­ma­ti­schen Titel »Disrupt – Wider­stand gegen den tech­no­lo­gi­schen Angriff« her­aus­ge­geben hat. Das Redak­ti­ons­kol­lektiv sieht in der Digi­ta­li­sierung vor­wiegend ein Instrument zur Über­wa­chung und Aus­for­schung, das die Auto­nomie des Men­schen bedrohe. Es fordert einen »Gegen­an­griff auf die Praxis und die Ideo­logie der totalen Erfassung«. Diese Form der Tech­nik­kritik ist in der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken weit ver­breitet. Mit dem ZET könnte sich künftig auch in Deutschland eine Strömung in der Linken her­aus­bilden, die der tech­ni­schen Ent­wicklung grund­sätzlich positiv gegen­über­steht. 

https://​jungle​.world/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​8​/​3​9​/​d​i​g​i​t​a​l​-​i​s​t​-​b​esser

Peter Nowak

Mietwohnungen sollen Aquapark weichen

Zwi­schen Ost­kreuz und Rum­mels­burger See pro­tes­tieren Anwoh­ne­rInnen gegen Abriss- und Neu­bau­pläne eines Investors

Rund um den Bahnhof Ost­kreuz in Berlin wird viel gebaut. Auf der Lich­ten­berger Seite, in den Häusern Haupt­straße 1 g–i, konnten bisher einige über 80 Jahre alte Wohn­häuser der Abriss­birne trotzen. Doch wie lange noch? Inves­toren haben ein Auge auf das Areal zwi­schen Ost­kreuz und Rum­mels­burger Bucht geworfen. In den kom­menden Wochen soll in der Bezirks­ver­ord­ne­ten­ver­sammlung Lich­tenberg die Bebauung der letzten Frei­flächen am Rum­mels­burger See beschlossen werden. Neben teuren Woh­nungen sollen dort Büros und das Projekt Coral World ent­stehen – ein Enter­tainment- Aquapark, der 500.000 Besucher pro Jahr anziehen soll. Dafür sollen nicht nur die weit­räu­migen Grün­an­lagen hinter der Haupt­straße 1 g–i weichen, auch die Wohn­häuser selbst sollen ver­schwinden. Viele Mie­te­rInnen haben ihre Woh­nungen schon geräumt. Seit einigen Jahren gehören diese dem Immo­bi­li­en­un­ter­nehmen Padovicz, das in Berlin einige Hundert Häuser besitzen soll. „Die Haus­ver­waltung kümmert sich schon lange nicht mehr um die Häuser. Selbst das kaputte Dach wird nicht repa­riert“, klagt eine Mie­terin, die seit vielen Jahren in einem der Häuser wohnt und dort auch bleiben will. Daher orga­ni­siert sie mit Nach­ba­rInnen Wider­stand gegen die Abriss- und Bebau­ungs­pläne. „Hinter den blu­migen Ver­sprechen der Inves­to­rInnen ver­steckt sich nichts anderes als Ver­wertung: Hier wird bil­liger Wohnraum beseitigt und teurer geschaffen“, so ihre Kritik. Am 1. Sep­tember wollen die Kri­tiker unter dem Motto „Bebauung heißt Ver­drängung“ ab 14 Uhr par­allel zum Rum­mels­burger Was­serfest eine Gelän­de­er­kundung rund um das Areal unter­nehmen, um die von der Ver­drängung Betrof­fenen zum Protest zu moti­vieren. Neben­Mie­te­rInnen gehören dazu Gewer­be­trei­bende und Besit­ze­rInnen der Haus­boote. Gemeinsam will man den Lich­ten­berger Bezirks­ver­ord­neten klar machen, dass das Areal kein Brachland ist. Besonders auf das Abstim­mungs­ver­halten der Linken, die mit Michael Grunst den Bezirks­bür­ger­meister stellt, schauen die Kri­ti­ke­rInnen. Während der Coral World als gut für den Bezirk lobt, unter­stützen andere Mit­glieder der Links­fraktion die Mie­te­rInnen.

taz, freitag, 24. august 2018

Peter Nowak

»Open End statt Opel-Ende«

– Crowd­funding für Film über Opel-Betriebs­gruppe GoG gestartet

Viel ist in den letzten Monaten über den gesell­schaft­lichen Auf­bruch vor 50 Jahren dis­ku­tiert worden. Selten wird erwähnt, dass nicht nur Schü­le­rInnen, Jugend­liche und Stu­die­rende um 1968 auf­ge­standen sind. Auch in den Fabriken wuchs der Wider­stand. Diesen pro­le­ta­ri­schen Auf­bruch widmet sich Bärbel Schöna­finger von labournet​.tv mit ihren Doku­men­tarfilm über die Geschichte der Gruppe oppo­si­tio­neller Gewerk­schaftler (GoG) aus Opel. Gleich am Anfang wir ein Zitat aus der wirt­schafts­nahen Wochen­zeitung „Die Zeit“ vom 24.8.1973 über den Beginn der GoG ein­blendet: „Ange­fangen hatte es damit, dass sich vor etwa drei Jahren der Reli­gi­ons­lehrer Wolfang Schaumberg und der Volks­schul­lehrer Klaus Schmidt bei den Opel-Werken als Hilfs­ar­beiter ver­dingten“. Gleich danach sitzt Wolfgang Schaumburg 2018 in einem Klas­senraum vor einer Tafel und berichtet, wie er und viele Genos­sInnen mit ihrer Betriebs­arbeit die Welt­re­vo­lution vor­an­zu­treiben wollten. Er spricht über den Kontakt mit kom­mu­nis­ti­schen Genos­sInnen aus Deutschland und Spanien. Im Anschluss berich­teten Willi Hajek und Robert Schlosser von ihrer Moti­vation, den Auf­bruch von 68 in die Betriebe zu tragen. 1975 bekam die GoG bei den Betriebs­rä­te­wahlen über 5000 Stimmen und 12 Sitze im Betriebsrat. Das war auch eine Quittung für den alten Betriebsrat, der mit dem Management gekungelt hat. Noch heute schwärmen mehrere Grün­dungs­mit­glieder der GoG über die Euphorie der ersten Jahre, als sie durch die ganze Republik fuhren und über ihre Erfolge bei Opel Bochum berich­teten. Doch nach 1975 setzte die Mühe der Ebenen ein. Die Zahl der Unter­stüt­ze­rInnen im und außerhalb des Betriebs ging zurück. Einige der Akti­vis­tInnen ver­ließen die Fabrik und setzten ihr Studium fort. Doch viele blieben und ihnen gelang es, Opel Bochum zu einem rebel­li­schen Betrieb zu machen. Es begann der Kampf um den Bil­dungs­urlaub, mit dem die Beschäf­tigten eine Woche den Betrieb ver­lassen und sich mit anderen Themen beschäf­tigen konnten. Auch dem Thema „Gesundheit am Arbeits­platz“ widmete sich die GoG bereits in den 1980er Jahren. Einen großen Stel­lenwert nehmen im Film die Ver­suche der GoG ein, der kapi­ta­lis­ti­schen Kon­kurrenz eine Arbei­te­rIn­nen­so­li­da­rität ent­ge­gen­zu­setzen. Mitt­ler­weile war aus Opel GM geworden und die ein­zelne Standorte sollten gegen­ein­ander aus­ge­spielt werden. GoG-Kol­le­gInnen fuhren in den 1990er Jahren nach Polen, Spanien und in andere Länder in der Hoffnung, eine gemeinsame Front der Arbeiter Innen gegen die Kapi­tal­stra­tegie bilden zu können. Damit sind sie gescheitert, wie die Betei­ligten heute mit etwas Wehmut resü­mieren. 2004 machte Opel Bochum mit einem sieben tägigen wilden Streik gegen Ent­las­sungs­pläne Schlag­zeilen. Hier ging auch die Saat auf, die GoG mit ihrer jah­re­langen Arbeit im Betrieb gesät hat. Doch als eine große Mehrheit in der Beleg­schaft den Streik mit einer Urab­stimmung gerade in dem Augen­blick beendete, als er Wirkung zeigte, macht einige der Akti­vis­tInnen noch heute traurig. Der Rückgang des Betriebs­ak­ti­vismus machte sich auch bei den Stim­men­rück­gängen für die GoG bei den Betriebs­rats­wahlen bemerkbar. Vor allem die junge Generation fehlte. Umso wich­tiger ist der Film über die GoG, in dem die Betei­ligten ein Stück Geschichte des pro­le­ta­ri­schen 68 ver­mitteln. Um den Film fer­tig­zu­stellen, wird noch Geld gebraucht, unter Anderem für Lizenz­ge­bühren. Bis zum 25. August läuft eine Crowd­funding-Kam­pagne von labournet​.tv und GoG. Bis dahin sollen 4000 Euro gesammelt werden.

Peter Nowak

Wer für den Film spenden will, findet hier weitere Infos:
https://www​.startnext​.com/gog/

aus: express – Zeitung für sozia­lis­tische Betriebs- und Gewerk­schafts­arbeit

http://​www​.labournet​.de/​e​x​p​ress/

Kranke Arbeit

Das Urteil gegen Mon­santo und für Dewayne Johnson ging in den ver­gan­genen Tagen um die Welt. Der Haus­meister hatte jah­relang mit gly­pho­sat­hal­tigen Unkraut­ver­nichtern gear­beitet. Heute hat er Krebs. Der Soziologe Wolfgang Hien hat diesem Thema sein Leben gewidmet: Arbeit darf nicht krank machen.

„Kranke Arbeit“ wei­ter­lesen

Löwenzahn statt Wunderbaum

Eva Willig führt regel­mäßig Inter­es­sierte durch die Grün­an­langen von Berlin-Neu­kölln, um ihnen nütz­liche und leckere Pflanzen vor­zu­stellen

In gebückter Haltung pflückt eine Teil­neh­merin eine unscheinbare Pflanze und steckt sie in einen Stoff­beutel. Eine andere Frau blättert in einem Buch, um die Pflanze zu iden­ti­fi­zieren. »Das ist der Schach­telhalm, eine der ältesten Heil­pflanzen, die seit Langem zum Bei­spiel gegen Rheuma und Gicht ange­wendet wird«, erklärt Eva Willig. Die 70-Jährige kennt sich aus in der Ber­liner Kräu­terwelt. Bei der Industrie- und Han­dels­kammer absol­vierte sie eine Prüfung und erhielt eine Erlaubnis für frei ver­käuf­liche Heil­mittel.

Seit mehr als zehn Jahren ver­an­staltet sie von März bis Oktober am jeweils letzten Samstag im Monat kos­tenlose Kräu­ter­spa­zier­gänge in Berlin. Sie finden über­wiegend in Parks und Grün­an­lagen statt, die nicht direkt an viel befah­renen Haupt­straßen liegen, weil sich Staub und andere Ver­un­rei­ni­gungen auch auf Pflanzen ablagern.

Ende Juni ver­sam­melten sich 15 Inter­es­sierte am S-Bahnhof Treptow. Größer sollte die Gruppe nicht werden, betont Willig. Schließlich muss die Kräu­ter­ex­pertin in den zwei Stunden viele Fragen beant­worten. Immer wieder zeigen die Teilnehmer*innen auf eine Pflanze und fragen nach Namen und Anwen­dungs­ge­bieten. »Das Johan­nis­kraut hilft gegen depressive Ver­stim­mungen«, doziert Willig und weist auf eine Pflanze mit gelben Blüten. »Meistens ist es gut ver­träglich. Doch in Ein­zel­fällen kann es Magen-Darm-Beschwerden oder Kopf­schmerzen ver­ur­sachen«, klärt sie über uner­wünschte Neben­wir­kungen auf. 

Dass Pflanzen nicht nur eine hei­lende, sondern auch eine giftige Wirkung haben können, the­ma­ti­siert die Kräu­terfrau eben­falls in ihrem kürzlich im Selbst­verlag ver­öf­fent­lichten Buch »Heil­sames Neu­kölln«. Dort hat sie den Gift­pflanzen ein ganzes Kapitel gewidmet. Das lange Zeit als Heil­pflanze betrachtete Immergrün und die Kleine Wolfs­milch gehören in diese Rubrik. Der in Willigs Kräu­terbuch unter der Rubrik Gift­pflanze auf­ge­führte Wun­derbaum sorgte vor einigen Wochen für Schlag­zeilen. Es wurde berichtet, dass ein Islamist die Samen dieses Strauches, auch Rizinus genannt, bei einem Anschlag nutzen wollte. Auf einer bekannten Neu­köllner Grün­fläche stehen laut Willig gleich acht dieser Pflanzen.

Doch die Mehrzahl der auf­ge­führten Gewächse hat eine hei­lende Wirkung und wird dem Buch­titel gerecht. Eigentlich hätte es auch »Heil­sames Berlin« heißen können, Schließlich wachsen die auf­ge­führten Pflanzen nicht nur in Neu­kölln. Doch Willig hat sich mit dem Buch bewusst auf Neu­kölln kon­zen­triert, weil sie dort seit vielen Jahren lebt und in den 1990er Jahren für die Grünen in der Kom­mu­nal­po­litik aktiv war. Aus der aktiven Par­tei­po­litik hat sie sich längst zurück­ge­zogen. Doch in sozialen Initia­tiven ist sie wei­terhin aktiv. Ihr Anliegen ist es, Gift­pflanzen in Grün­an­langen zu erkennen und sie mög­lichst von dort zu ver­bannen. Statt­dessen sollen essbare und heilsame Gewächse stehen gelassen werden. Schließlich haben dann auch Men­schen mit geringen Ein­kommen die Mög­lichkeit, ihre Nahrung vit­amin­reich zu ergänzen. Willig fällt sofort der Löwenzahn ein. Jeder Teil dieser anspruchs­losen Pflanze kann genutzt werden: »Die Blüten können einen Salat zieren oder zu Sirup gekocht werden. Die Wurzel wurde in der Nach­kriegszeit geröstet und zu Kaffee-Ersatz gemahlen.« Ähnlich verfuhr man mit der Wurzel der Weg­warte, auch als Zichorie bekannt. »Die jungen Blätter des Löwen­zahns können zu Salat, die älteren Blätter wie Spinat ver­ar­beitet werden. Getrocknete Blätter können Teil eines Blut­rei­ni­gungstees sein oder eben­falls als Tee zur Lin­derung rheu­ma­ti­scher Beschwerden bei­tragen«, so Willig. Auch bei vielen anderen Pflanzen kann sie viel­fältige Mög­lich­keiten der Nutzung auf­zählen.

Nach mehr als zwei Stunden ver­ab­schieden sich die Teilnehmer*innen des Kräu­ter­spa­zier­ganges. Die meisten wollen die gesam­melten Pflanzen schnell ver­ar­beiten. Gän­se­blümchen waren diesmal besonders beliebt. Die anspruchslose Pflanze blüht zwi­schen März und November, wirkt ent­zün­dungs­hemmend, regt aber auch Ver­dauung und Stoff­wechsel an. Ihre Blüten wurden mitt­ler­weile von Feinschmecker*innen ent­deckt und dienen in Nobel­re­stau­rants als Zutat teurer Menüs. Eva Willig hin­gegen will mit ihren Kräu­ter­spa­zier­gängen und mit ihrem Buch ein Bewusstsein für eine alte Weisheit schaffen: Gegen fast jedes Leiden ist ein Kraut gewachsen ist. Selbst in einer Groß­stadt wie Berlin trifft das heute noch zu.

Eva Willig: Heil­sames Neu­kölln. Eigen­verlag Berlin. 175 Seiten, 18 Euro. Bestel­lungen über ewil@​gmx.​de

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​9​4​6​6​9​.​l​o​e​w​e​n​z​a​h​n​-​s​t​a​t​t​-​w​u​n​d​e​r​b​a​u​m​.html

Peter Nowak