Deutsche Zahlungsmoral

Die grie­chische Regierung hat die Repa­ra­ti­ons­for­de­rungen an Deutschland auf 278,7 Mil­li­arden Euro beziffert. Die deutsche Öffent­lichkeit reagiert mit Kritik und Vor­würfen.

»Herr Strau­binger, ist die Geduld mit Grie­chenland unendlich? Was müssen wir uns eigentlich alles noch zumuten?« Mit dieser Frage leitete Gerd Breker vom Deutsch­landfunk vorige Woche ein Interview mit dem par­la­men­ta­ri­schen Geschäfts­führer der CSU, Max Strau­binger, ein. Kurz zuvor hatte die grie­chische Regierung ihre Repa­ra­ti­ons­for­derung an Deutschland kon­kre­ti­siert. Auf die Summe von 278,7 Mil­li­arden Euro komme nach einer ersten Aus­wertung ein Par­la­ments­aus­schuss, der sich mit den Ent­schä­di­gungen befasst, teilte der stell­ver­tre­tende grie­chische Finanz­mi­nister Dimitris Mardas am Montag voriger Woche im grie­chi­schen Par­lament mit.

In Deutschland fielen die abweh­renden Reak­tionen auf diese For­derung heftig aus. Breker bringt dabei letztlich nur auf den Punkt, was die Bild-Zeitung schon vor Wochen in einer regel­rechten Anti-Grie­chenland-Kam­pagne for­mu­liert hat: »Kein deut­sches Geld an Grie­chenland.« Endlich scheinen die Deut­schen ein Land gefunden zu haben, dem sie unmiss­ver­ständlich klar­machen können, was viele bereits unmit­telbar nach Kriegsende im Jahr 1945 gedacht haben, aber nicht so laut und deutlich von sich geben konnten. Deutschland will sich seine NS-Ver­brechen nicht mehr vor­halten lassen. Wer sich nicht daran hält, wird von Strau­binger im Interview mit dem Deutsch­landfunk zurecht­ge­wiesen. »Es ist richtig, dass Grie­chenland das poli­tische Berlin, aber ins­gesamt auch die Bür­ge­rinnen und Bürger in Deutschland gehörig stra­pa­ziert.« Breker sekun­diert ihm: »Es gibt keine kon­krete Spar­liste. Statt­dessen erleben wir Repa­ra­ti­ons­for­de­rungen gegen Deutschland in Höhe von fast 280 Mil­li­arden Euro.« Strau­binger befindet, dass sich Grie­chen­lands Regierung mit einer solchen For­derung »lächerlich macht in der gesamten Völ­ker­ge­mein­schaft und ins­be­sondere in der Euro­päi­schen Union«.

Solche Äuße­rungen sagen viel über ein Deutschland, das sich mitt­ler­weile anscheinend so mächtig fühlt, dass es nicht einmal mehr für nötig hält, 70 Jahre nach dem Ende des Natio­nal­so­zia­lismus die Opfer mit Ent­schul­di­gungs­floskeln zu beru­higen. Dazu passt, dass hier­zu­lande in einigen Medien sug­ge­riert wird, die Repa­ra­ti­ons­for­de­rungen seien eine Erfindung der neuen grie­chi­schen Regierung. Dabei werden seit Jahr­zehnten von grie­chi­schen Opfer­ver­bänden immer wieder Repa­ra­ti­ons­for­de­rungen erhoben. Hier­zu­lande berich­teten auch nur wenige Medien über eine Mit­teilung der jüdi­schen Gemeinde in Thes­sa­loniki von Ende Februar vorigen Jahres, in der sie, anlässlich des anste­henden Grie­chen­land­be­suchs von Bun­des­prä­sident Joachim Gauck, ihre For­de­rungen nach Ent­schä­di­gungs­zah­lungen für die Nazi­ver­brechen bekräf­tigte.

Es gehe um »imma­te­rielle Schäden« sowie ein Lösegeld in Höhe von 2,5 Mil­lionen Drachmen, das 1943 an den Regio­nal­kom­man­danten der Nazis gezahlt worden sei, erläu­terte der Vor­sit­zende der jüdi­schen Gemeinde David Saltiel. Mit dieser Summe, die nach heu­tigem Stand 45 Mil­lionen Euro ent­spreche, seien damals Tau­sende Juden von der Zwangs­arbeit frei­ge­kauft worden. Saltiel hoffte, dass das Thema bei Gaucks Besuch in Grie­chenland Anfang März vorigen Jahres zur Sprache kommen würde. Ansonsten werde man auch ver­suchen, die For­de­rungen vor dem Euro­päischen Gerichtshof für Men­schen­rechte durch­zu­setzen, hieß es in einer Mit­teilung der Jüdi­schen Gemeinde Thes­sa­loniki. In Athen sagte Grie­chen­lands dama­liger Staats­prä­sident Karolos Papoulias, mit Ver­hand­lungen über Repara­tionen sowie die Rück­zahlung einer von der NS-Dik­tatur erho­benen Zwangs­an­leihe müsse »so schnell wie möglich« begonnen werden. Gauck sagte dazu: »Sie wissen, dass ich darauf nur so ant­worten kann, dass ich meine, der Rechtsweg dazu ist abge­schlossen.«

Da die von den Kon­ser­va­tiven gestellte grie­chische Regierung die Repa­ra­ti­ons­for­de­rungen gegenüber der Bun­des­re­gierung nicht allzu offensiv vertrat, inter­es­sierte sich in Deutschland auch kaum jemand dafür. Man überging sie schweigend. Das ist nicht mehr möglich, seit die neue grie­chische Regierung die konkret bezif­ferte Ent­schä­di­gungs­for­derung gegenüber Deutschland prä­sen­tierte. Saltiel klas­si­fi­zierte die For­de­rungen bereits Mitte März im Interview mit der Jüdi­schen All­ge­meinen.

»Sie sind mehr als berechtigt. Auf jeden Fall soll die Zwangs­an­leihe, die sich Deutschland 1942 von der grie­chi­schen Notenbank hat aus­zahlen lassen, endlich zurück­ge­geben werden. Die beläuft sich mitt­ler­weile auf mehr als zehn Milli­arden Euro«, betonte er. Saltiel zog auch eine bittere Bilanz der deut­schen Ignoranz gegenüber den grie­chi­schen NS-Opfern. »Es gibt kein deut­sches Ent­ge­gen­kommen. Im Jahr 2000 hatte das höchste grie­chische Gericht beschlossen, das Eigentum der Bun­des­re­publik Deutschland, dass sich in Grie­chenland befindet, gepfändet werden darf, um die Opfer des Mas­sakers von Distomo zu ent­schä­digen. 1944 hatten die Nazis dort sämt­liche ver­blie­benen Dorf­be­wohner erschossen. Unglück­li­cher­weise zogen die Kläger aber nach Straßburg, wo sie vor dem Euro­päi­schen Gerichtshof für Men­schen­rechte schei­terten.«

Auf die Frage nach den spe­zi­ellen For­de­rungen der grie­chi­schen Juden ant­wortete Saltier: »Wenigstens die Fahr­karten sollte die Regierung in Berlin uns erstatten, die wir 1943 haben lösen müssen. Den Juden aus Thes­sa­loniki war von den deut­schen Besatzern gesagt worden, sie müssten sich Zug­ti­ckets kaufen, auf sie warte woanders eine gute Zukunft. Das waren 50 000 Men­schen, von denen die meisten nach Auschwitz depor­tiert wurden.«

Dass man solche Stimmen in Deutschland kaum wahr­nimmt, ist kein Zufall. Schließlich würde es dann nicht mehr so leicht fallen, die Repa­ra­ti­ons­for­de­rungen als eine Rache der neuen grie­chi­schen Regierung abzutun und mit dem Rat­schlag zu kommen, die Griechen sollten lieber ihre Schulden bezahlen und ihre Haus­auf­gaben bei der Umsetzung der Aus­teri­täts­po­litik machen, anstatt Deutschland zu brüs­kieren.

Eine andere Begründung für Deutsch­lands Wei­gerung, Repa­ra­tionen und Schulden an Grie­chenland zu zahlen, prä­sen­tierte Ulrike Herrmann in der Taz, die in ihrem Kom­mentar kri­ti­siert, dass Deutschland seit Jahr­zehnten trickse, um Ansprüche der Griechen abzu­wehren, aber die For­derung von 278,7 Mil­li­arden Euro für rea­litätsfern hält. »Dieses Geld hat die Bun­des­re­publik nicht. Denn leider haben die Natio­nal­so­zia­listen ja nicht nur in Grie­chenland gewütet, sondern auch in Frank­reich, den Nie­der­landen, Dänemark und besonders in Polen, Russland oder der Ukraine.«

Der Logik, weil Deutschland besonders ver­bre­che­risch gewesen sei, könne es den For­de­rungen nur mit einer sym­bo­li­schen Summe nach­kommen, ver­weigert sich der Ham­burger His­to­riker Karl Heinz Roth. In der im April erschienen Flug­schrift »Grie­chenland am Abgrund. Die deutsche Repa­ra­ti­ons­schuld« schlägt er vor, die Schulden durch den Transfer eines erheb­lichen Teils der Gold­re­serven der Deut­schen Bun­desbank nach Grie­chenland zu begleichen. Mit dem Geld sollten unter anderem Sofort­maß­nahmen für die not­lei­dende Bevöl­kerung Grie­chen­lands, die Abschreibung der grie­chi­schen Staats­schulden bei der Euro­päi­schen Zen­tralbank sowie ein wirt­schaft­licher Wie­der­aufbau finan­ziert werden. Zusätz­liche Gold­barren sollte die Bun­desbank für einen Fonds zur Ent­schä­digung der NS-Opfer und ihrer Ange­hö­rigen in Grie­chenland zur Ver­fügung stellen.

Derzeit wäre es aller­dings schon ein Fort­schritt, wenn sich die For­derung »Deutsche Gold­re­serven nach Grie­chenland« in der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken hier­zu­lande ver­breiten würde. Schließlich fehlt immer noch eine adäquate Antwort auf die Kam­pagne von Bild und jene, die die Euro-Krise nutzen, um grie­chische Repa­ra­ti­ons­for­de­rungen zu dis­kre­di­tieren.

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​5​/​1​6​/​5​1​7​9​0​.html

Peter Nowak

Wenn Banken plötzlich pazifistisch werden

Die Sparkasse Saarbrücken kündigt einer Rojava-Solidaritätsinitiative das Konto, weil mit den Spenden möglicherweise Waffen gekauft werden könnten

Dass Kon­zerne, die an der Rüstung ver­dienen, ihr Bank­konto ver­lieren, hat man noch nicht gehört, aber einer Soli­da­ri­täts­in­itiative, die die kur­di­schen Akti­visten in Rojava unter­stützt, wurde von der Saar­brücker Spar­kasse [1] das Konto gekündigt.

Linke kur­dische Orga­ni­sa­tionen im syri­schen Rojava haben in den letzten Monaten bei vielen Men­schen in aller Welt an Ansehen gewonnen. Sie haben nicht nur dem IS mili­tä­risch Grenzen gesetzt. Sie haben sogar noch im Kriegs­gebiet Räte­struk­turen auf­gebaut. Wenn auch manche den revo­lu­tio­nären Pathos von Rojava-Besu­chern wie David Graeber [2], der sich an die spa­nische Revo­lution erinnert [3] fühlt, als Revo­lu­ti­ons­kitsch belä­cheln [4], so ist doch unbe­stritten, dass die Kämpfer Tau­sende Men­schen vor den Isla­misten gerettet haben und in der Region tat­sächlich eine Alter­native zu den unter­schied­lichen Ter­ror­herr­schaften dar­stellen.

In den letzten Monaten haben in Deutschland ver­schiedene Initia­tiven [5] Spenden für Rojava gesammelt [6]. Einen von der Inter­ven­tio­nis­ti­schen Linken [7] und dem Verband der Stu­die­renden aus Kur­distan [8] initi­ierten Soli­da­ri­täts­aufruf [9] haben über 400 Per­sonen unter­zeichnet. Inzwi­schen sollen mehr als 100.000 Euro Spen­den­gelder zusam­men­ge­kommen sein.

Seit einigen Tagen muss sich die Initiative »Soli­da­rität mit Rojava« [10] ein neues Konto suchen. Die Spar­kasse Saar­brücken, an die die Spen­den­gelder bisher über­wiesen werden konnten, hat der Initiative das Konto gekündigt [11]: Es sei nicht aus­zu­schließen, dass mit den Spen­den­geldern nicht nur Lebens­mittel, sondern auch Waffen gekauft werden könnten, lautet die Begründung.

Protest angekündigt

Georg Gruhl von der Inter­ven­tio­nis­ti­schen Linken, der für die Öffent­lich­keits­arbeit der Kam­pagne zuständig ist, will die Kün­digung nicht einfach hin­nehmen.

Wir bitten darum, bei den Ver­ant­wort­lichen der Spar­kasse Saar­brücken Protest gegen die Kün­digung des Kontos ein­zu­legen. Dabei geht es zum einen darum, die poli­tische Legi­ti­mität der Spen­den­sammlung gegen die Bigot­terie der Spar­kassen-Ver­waltung zu behaupten. Zum andern aber auch unmit­telbar um ein Konto, das seit über einem halben Jahr bun­desweit auf Flug­blättern, Pla­katen und im Internet bekannt gemacht wurde, und auf das viele hundert ver­schiedene Per­sonen Geld über­wiesen haben.

Bemer­kenswert ist die Kon­to­kün­digung auch deshalb, weil diese Kam­pagnen sicher auch Spenden für Waffen nicht aus­schließen, aber auch nicht aus­drücklich befür­wortet. Eine weitere Kam­pagne der Neuen Anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Linken [12] hin­gegen ist schon im Motto deutlich: »Waffen für Rojava [13]«. Auch sie hatte kurz­zeitig Pro­bleme mit dem Konto. In der Taz wurde daran erinnert [14], dass die in den 1980er Jahren des letzten Jahr­hun­derts maß­geblich von der links­li­be­ralen Tages­zeitung unter­stützte [15] Kam­pagne »Waffen für El Sal­vador« [16] eine größere gesell­schaft­liche Unter­stützung hatte.

Dass heute Soli­da­rität für Waffen nicht mehr so beliebt ist, muss aus eman­zi­pa­to­ri­scher Sicht kein Manko sein. Dass aber Banken und Spar­kassen die Konten kün­digen, weil nicht aus­ge­schlossen werden kann, dass mit dem Geld, das darüber geleitet wird, Waffen gekauft werden, sollte Gegen­stand einer poli­ti­schen Kam­pagne sein. Sollten nicht sämt­liche Banken und Spar­kassen die Konten ihrer Geschäfts­kunden kün­digen, bei denen nicht aus­ge­schlossen werden kann, dass Gelder für den An- und Verkauf von Waffen und anderes mili­tä­ri­sches Material stammen könnten?

Davon wären Kon­zerne, aber auch mit­tel­stän­di­schen Unter­nehmen, die nicht nach­weisen können, dass sie nicht in das Waffen- und Rüs­tungs­ge­schäft invol­viert sind, betroffen. Die Saar­brücker Spar­kasse könnte auf diesem Pfad des Pazi­fismus natürlich vor­an­gehen.

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​n​e​w​s​/​W​e​n​n​-​B​a​n​k​e​n​-​p​l​o​e​t​z​l​i​c​h​-​p​a​z​i​f​i​s​t​i​s​c​h​-​w​e​r​d​e​n​-​2​6​0​2​2​6​5​.html

Peter Nowak

Links:

[1]

https://www.sparkasse-saarbruecken.de/module/ihre_sparkasse/ihre_sparkasse_vor_ort/vorstand/index.php?n=%2Fmodule%2Fihre_sparkasse%2Fihre_sparkasse_vor_ort%2Fvorstand%2F

[2]

http://​www​.the​guardian​.com/​c​o​m​m​e​n​t​i​s​f​r​e​e​/​2​0​1​4​/​o​c​t​/​0​8​/​w​h​y​-​w​o​r​l​d​-​i​g​n​o​r​i​n​g​-​r​e​v​o​l​u​t​i​o​n​a​r​y​-​k​u​r​d​s​-​s​y​r​i​a​-isis

[3]

http://​civaka​-azad​.org/​d​a​v​i​d​-​g​r​a​e​b​e​r​-​d​a​s​-​i​s​t​-​e​i​n​e​-​e​c​h​t​e​-​r​e​v​o​l​ution

[4]

http://​www​.taz​.de/​!​1​5​2543/

[5]

http://​nacht​le​ben​rojava​.blog​sport​.de/

[6]

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​n​e​w​s​/​S​o​l​i​d​a​r​i​t​a​e​t​-​m​i​t​-​R​o​j​a​v​a​-​2​4​3​7​7​6​4​.html

[7]

http://​www​.inter​ven​tio​nis​tische​-linke​.org/

[8]

http://​www​.yxkonline​.com/

[9]

http://​rojava​-soli​da​ritaet​.net/​a​u​fruf/

[10]

http://​rojava​-soli​da​ritaet​.net/

[11]

http://​rojava​-soli​da​ritaet​.net/​2​0​1​5​/​0​4​/​1​0​/​s​p​a​r​k​a​s​s​e​-​s​a​a​r​b​r​u​e​c​k​e​n​-​k​u​e​n​d​i​g​t​-​s​p​e​n​d​e​n​k​o​n​t​o​-​f​u​e​r​-​r​o​j​a​va-5/

[12]

http://​nao​-prozess​.de/

[13]

http://​arab​.blog​sport​.de/​2​0​1​4​/​1​0​/​0​9​/​p​r​e​s​s​e​r​k​l​a​e​r​u​n​g​-​w​a​f​f​e​n​-​f​u​e​r​-​r​o​java/

[14]

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=in&dig=2015%2F04%2F13%2Fa0036&cHash=f00e5a5a407b24beb4c97a9be5a0e6b6

[15]

http://​blogs​.taz​.de/​h​a​u​s​b​l​o​g​/​f​i​l​e​s​/​2​0​1​4​/​0​2​/​W​a​f​f​e​n​_​f​u​e​r​_​E​l​_​S​a​l​v​a​d​o​r​_​3​_​1​1​_​8​0.pdf

»Wie eine Festung«

Im Tarif­kon­flikt mit dem Online-Ver­sand­händler Amazon ver­suchte die Gewerk­schaft Verdi im Oster­ge­schäft den Druck zu erhöhen und rief an meh­reren Stand­orten zum Streik auf. Die Jungle World sprach mit Roberto Luzzi. Er ist Aktivist der ita­lie­ni­schen Basis­ge­werk­schaft SI Cobas, die Arbeits­kämpfe in der Logis­tik­branche orga­ni­siert. Mit einer SI-Cobas-Dele­gation besuchte er am 31. März die strei­kenden Amazon-Arbeiter in Leipzig.

Wie war Ihr Ein­druck vom Arbeits­kampf?

Es ist sehr positiv, dass in Deutschland die Orga­ni­sierung der Amazon-Mit­ar­beiter gelungen ist und sie mehrmals in den Streik getreten sind. In Italien ist uns das bisher nicht gelungen.

Was sind dort die Pro­bleme?

Die meisten Amazon-Beschäf­tigten in Italien haben extrem befristete Ver­träge, was eine Orga­ni­sierung sehr schwer macht. Zudem ist das größte ita­lie­nische Amazon-Werk in Pia­cenza wie eine Festung aus­gebaut, so dass wir nicht mit den Beschäf­tigten sprechen können.

Haben Sie in Leipzig auch kri­tische Ein­drücke gesammelt?

Mir ist negativ auf­ge­fallen, dass bei der Streik­ver­sammlung nur Gewerk­schafts­funk­tionäre und nicht die Beschäf­tigten zu Wort kamen. Zudem gab es keine Ver­suche, die Beschäf­tigten, die sich nicht am Streik betei­ligten, am Betreten des Werkes zu hindern. Auch LKW konnten während des Streiks unge­hindert auf das Gelände fahren und es ver­lassen. Es gab weder Blo­ckaden noch Ver­suche, mit Flug­blättern für den Streik zu werben.

Konnten Sie Kon­takte mit den Kol­legen knüpfen?

Wir haben auf der Streik­ver­sammlung über die Basis­ge­werk­schaft SI Cobas und die Arbeits­kämpfe in der ita­lie­ni­schen Logis­tik­branche infor­miert und eine mit viel Applaus bedachte Soli­da­ri­täts­er­klärung ver­lesen.

Könnten sich die trans­na­tio­nalen Kon­takte ver­ste­tigen?

Bei kon­kreten Streik­ak­tionen ist es einfach, Soli­da­rität aus­zu­drücken und mit den Kol­legen in Kontakt zu kommen. Viel schwie­riger sind offi­zielle Ver­bin­dungen zwi­schen den Gewerk­schaften. Das liegt daran, dass die DGB-Gewerk­schaften nur Kon­takte zu den großen offi­zi­ellen Gewerk­schafts­bünden in Italien unter­halten. Mit ­denen ist eine Zusam­men­arbeit bei der Firma DHL möglich. Doch in der Regel bekämpfen sie die Basis­ge­werk­schaft SI Cobas in der Logis­tik­branche und haben sich sogar in einem Brief an die Logis­tik­un­ter­nehmen beschwert, dass sie mit uns einen bes­seren Tarif­vertrag als mit ihnen abge­schlossen haben. Dabei ist dieser Erfolg das Ergebnis unserer kämp­fe­ri­schen Gewerk­schafts­po­litik

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​5​/​1​5​/​5​1​7​5​1​.html

Peter Nowak

Folter in Italien jetzt vom Gericht bestätigt

Amazonstreik – keine Chancen für die Gewerkschaften?

Weltweit Sorge um die Gesundheit von Mumia Abu Jamal

Der inhaf­tierte Jour­nalist Mumia Abu Jamal liegt derzeit auf der Inten­siv­station eines Kran­ken­hauses in Penn­syl­vania. Er wird von der Polizei abge­schirmt, niemand darf zu ihm. Weltweit steigt die Sorge um seine Gesundheit.

„Mumia Abu-Jamal erlitt im SCI Mahanoy Gefängnis einen dia­be­ti­schen Schock. Er wurde ins Schu­ylkill Kran­ken­hauses im US-Bun­des­staat Penn­syl­vania gebracht, wo er seitdem auf der Inten­siv­station liegt“, heißt es im Rund­brief der Mumia-Soli­da­ri­täts­be­wegung, die regel­mäßige Kon­takte zu Mumias Anwälten und Unter­stützern in den USA unterhält. Sie berichten, dass der Jour­nalist im Kran­kenhaus von Poli­zisten abge­schirmt wird. Selbst seinen Ange­hö­rigen und der Ver­tei­digung werde der Zutritt ver­wehrt. „Es ist unklar, wie Mumias Gesund­heits­zu­stand genau aus­sieht, aber die Ver­legung in ein öffent­liches Kran­kenhaus ist ein sehr unge­wöhn­licher Schritt von Seiten der Gefäng­nis­be­hörde“, wird in dem Rund­brief kom­men­tiert.
Grund zur Besorgnis ist neben der ernsten Gesund­heitslage des Jour­na­listen auch die Tat­sache, dass in einem ähn­lichen Fall vor nur wenigen Wochen der poli­tische Gefangene Phil Africa im gleichen Bun­des­staat für sechs Tage im Haft­kran­kenhaus iso­liert und schließlich für tot erklärt worden war. Bis heute liegen die Todes­um­stände im Dunkeln. Unter der Über­schrift „Gedenken an Phil Africa“ hatte Mumia Abu Jamal am 20. Januar in seiner wöchentlich in der Tages­zeitung „Junge Welt“ ver­öf­fent­lichten Kolumne auf diesen unge­klärten Todesfall auf­merksam gemacht.
Mumia Abu Jamal ist vielen Men­schen in aller Welt bekannt. Als „Stimme der Unter­drückten“ hatte sich der Radio­mo­de­rator einen Namen gemacht hat. 1982 wurde der Afro­ame­ri­kaner in einem Indi­zi­en­prozess von einer nur aus Weißen besetzen Jury des Mordes an dem Poli­zisten Daniel Faulkner schuldig gesprochen und zum Tode ver­ur­teilt. Der ver­ant­wort­liche Richter hatte bereits vor der Urteils­be­gründung erklärt, er wolle der Jury helfen „den Nigger zu grillen“. Jah­re­lange intensive Recherchen von Juristen und Soli­da­ri­täts­gruppen sorgten dafür, dass das ursprüng­liche Urteil nicht mehr haltbar war. Ein neuer Gerichts­prozess, in dem die gefun­denen Beweise vor­gelegt werden können, wurde von den US-Behörden jedoch ver­weigert. Die inter­na­tionale Soli­da­ri­täts­be­wegung konnte aber erreichen, dass das Todes­urteil in eine lebens­läng­liche Haft­straße umge­wandelt wurde. Mumia Abu Jamal konnte daher nach 29 Jahren den Todes­trakt mit einer Gefäng­nis­zelle tau­schen. Doch jetzt machen sich Unter­stützer in aller Welt erneut große Sorgen um das Leben des Jour­na­listen.
Auch hinter Gittern, sowohl im Todes­trakt als auch in der Gefäng­nis­zelle hatte Mumia seine jour­na­lis­tische Arbeit unun­ter­brochen fort­ge­setzt und auf Ras­sismus, Unter­drü­ckung und Repression – in den Gefäng­nissen wie auch in der Gesell­schaft der USA – auf­merksam gemacht. Seine Akti­vi­täten wurden vielfach gewürdigt. So ist er Ehren­bürger von Paris und Ehren­mit­glied von ver.di.

aus: «M» – MEN­SCHENMACHENMEDIEN

https://​mmm​.verdi​.de/​a​k​t​u​e​l​l​-​n​o​t​i​e​r​t​/​2​0​1​5​/​w​e​l​t​w​e​i​t​-​s​o​r​g​e​-​u​m​-​d​i​e​-​g​e​s​u​n​d​h​e​i​t​-​v​o​n​-​m​u​m​i​a​-​a​b​u​-​jamal

Peter Nowak

Erdogan-Regierung in der Krise?

Lässt sich Tsipras in die deutsche EU einbinden?